Tränen des Drachen - Band 3 - Michael von Känel - E-Book
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Tränen des Drachen - Band 3 E-Book

Michael von Känel

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Beschreibung

Geld ist Macht. Wer die Wirkung des Geldes kennt, lernt viel über die Gesellschaft. Wer die Gesellschaft besser versteht, der wird seinen Weg leichter finden. Denn die gleichen Fehler müssen nicht immer wiederholt werden… Lucy lernt in diesem 3 Buch der Serie Tränen des Drachen, dass es nicht einfach ist, ein grosses Vermögen zu verwalten, ohne auf Widerwärtigkeiten zu stossen. Aber sie merkt auch, dass das Leben an sich Schwierigkeiten in sich birgt. «Was ist der Sinn des Lebens? Ist das alles, was es für mich zu bieten hat?» Wer im Aussen sucht, wird enttäuscht werden. Aber welcher Weg führt nach innen? Wären da nicht die spirituellen Weisheiten und absolut Grundlegenden Erkenntnisse ihres Grossvaters – Lucy würde scheitern, wie so viele vor ihr. Viel Geld, ein hohes persönliches Potenzial was übernatürliche Fähigkeiten anbelangt, Wissen über die Ureigenheiten der Menschen… Ja, Lucy könnte gross werden! Wird sie der Versuchung widerstehen? Es ist nicht leicht, New Age-Wissen in adäquater Form verpackt in der Öffentlich bekannt zu machen. Dieses dritte Buch ist ein Weiterer Versuch dazu. Im Bewusstsein, dass es der einzelne Mensch ist, der Quantensprünge ermöglicht, während das Establishment das bewahrt, was bereits mehrere Generationen vorher in den persönlichen Ruin des Einzelnen geführt hat. Bescheidenheit und Demut, das ist Lucy von Herzen auf ihrem Weg zu wünschen!

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Inhaltsverzeichnis

1 Twisted Wings – Verdrehte Flügel

2 Crazy Diamond

3 Compass of desire

4 Temple of the King

5 Fear of the Dark

6 Shadow on the Wall

7 Rose Tattoo

Tränen des Drachen III

Stairway to Heaven –

Die Himmelsleiter

There's a lady who's sure

All that glitters is gold

And she's buying a stairway to heaven.

Da gibt es eine Dame, die sich sicher ist, dass alles was glänzt Gold ist. Und so kauft sie sich eine Leiter in den Himmel.

Led Zeppelin

Copyright: Michael von Känel, BE/Schweiz

Verlag: denkmalnach

1 Twisted Wings – Verdrehte Flügel

One should read less and think more if we want to increase our ability to understand.

Wir sollten weniger lesen und mehr denken, wenn wir unsere Fähigkeit zu verstehen erweitern wollen.

Annie Besant

Warum eine Schlange auf dem Cover dieses Buches ist? Weil die Schlange all das symbolisiert, worum es in diesem Buch zwischen den Zeilen geht. Die Schlange selbst ist nicht böse. Sie ist auch nicht gut. Sie ist einfach, so wie jedes Wesen der Schöpfung einfach ist. Jedoch hat jede Schlange eine Zunge. Die Schlange auf dem Buchcover jedoch nicht.

Wir Menschen neigen dazu, das was wir in uns tragen, auf das Aussen zu projizieren. Und so wurde die Schlange zum Opfer. Viele Menschen treten der Schlange mit Abscheu, Graus und Argwohn entgegen. All diese tiefschwingenden Gefühle, die uns beim Anblick der Schlange erfüllen können, sind nur Reflektionen und Facetten der Angst, die wir in uns tragen.

Versuchen wir die Schlange mal zu verstehen: Sie hat einen langen Körper ohne Arme und Beine. Und sie kann zubeissen, sogar mit Giftzähnen!

Aber wie um Himmels Willen sollte sich denn die Schlange sonst schützen können, wenn sie nicht einmal zubeissen könnte? Der lange Schlangenkörper bietet Feinden sehr viel Angriffsfläche. Wenn die Schlange flieht, dann gibt sie ihren Körper von Schwanzspitze bis Nacken dem Angriff Preis. Wenn sie sich verteidigt, dann muss sie sich dabei Kopf voran dem Angreifer stellen und im Falle eines Angriffs entgegenwerfen. Nein, Angst ist ein schlechter Berater für eine Schlange. Dann, wenn die Schlange Angst empfindet, begibt sie sich in grosse Gefahr. Aber die Schlange hat Angst, so wie jedes Lebewesen Angst empfindet. Es ist die Angst vor dem Tod!

Auch die Menschen fürchten sich vor dem Tod. Und die Menschen fürchten sich vor der Schlange, weil diese durch ihr Gift den plötzlichen Tod herbeiführen kann. Aber die Schlange tötet niemals zum Vergnügen. Sie tötet so, wie alle anderen Lebewesen auch handeln – sie tötet, um zu überleben.

Wer sich vor Schlangen fürchtet, der hat sich seinen inneren Ängsten noch nicht gestellt. Die Kundalini, die Schlangenenergie, hilft dem Menschen mit einer unergründbaren Urkraft, sich spirituell zu entwickeln und sich so schliesslich seiner Angst stellen zu können. Und wer der Angst in die Augen geblickt hat, der kommt zu Erkenntnis. Es gibt also einen Grund, warum die Schlange in mehreren Religionen eine so wichtige Rolle spielt. Erkenntnis bedeutet Macht. Frei zu sein von Angst macht unsterblich. Auch das bedeutet Macht. Wer erkennt und weiss, ohne sich zu fürchten, der ist frei. Aber freie Menschen können nicht mehr unterdrückt, manipuliert und ausgenutzt werden. Darum hat die führende Elite immer alles darangesetzt, dass die Menschen nicht zu Erkenntnis und Wissen gelangen. Und bezahlt dafür hat die Schlange mit ihrem Ruf. Die Schlange wurde zum Symbol des Verrats. Aber es ist nicht der Verrat der Schlange an der Menschheit. Vielmehr ist es der Verrat der Menschheit an sich selbst.

Darum ziert eine Schlange das Buchcover. Und das Gift, das ihr als Gabe zum Überleben gegeben wurde, das kleine bisschen Macht, welches die Schlange von der Schöpfung erhalten hat, wurde von den Menschen missbraucht, um ihre eigene Macht und die Selbstsucht zu fördern, anstatt damit das Böse zu bekämpfen und das Gute zu mehren. Darum fehlt der Schlange auf dem Buchcover die Zunge. Denn die gespaltene Zunge steht für den Mittelweg zwischen Gut und Böse. Der Mensch glaubt, sich zwischen Gut und Böse entscheiden zu müssen. Doch erst wer genügend Stufen der Himmelsleiter emporgestiegen ist, erkennt, dass es Gut und Böse nicht in der Art gibt, wie wir sie sehen. Gut und Böse stellen ein ausgeglichenes Zusammenspiel dar, das zu Gedeihen und Vollkommenheit führt. Unser Ziel sollte sein, zur Schlange zu werden. Wir sollten weder gut noch böse sein. Wir sollten einfach sein. Nur so finden wir Einlass ins Paradies. Denn es ist einfach, das Böse zu verurteilen. Dabei führen doch gerade die guten Absichten in die Hölle…

***

Ich bin Lucy Schmidt. Das hier ist mein drittes Buch, das ich im Auftrag meines Grossvaters schreibe - und im Auftrag derer, denen ich all meine Erkenntnis verdanke.

Seit zwei Jahren lebe ich im Hause meines Grossvaters, draussen in der Natur. In meinem Leben spielen wenige, mir gut gesinnte Menschen eine wichtige Rolle. Aber ich schreibe hier nicht noch mal, was man in den zwei vorangehenden Büchern nachlesen kann. Ich schreibe hier, wie ich erfahren durfte, dass nicht alle Menschen nach der goldenen Regel des nicht Verletzens leben. Ich erzähle hier, wie ich das Gift der Selbstsucht ertragen habe und daran gewachsen bin. Der Weg der Selbstsucht drängt andere Menschen ins Abseits und in die Einsamkeit. Selbstsucht verletzt und trennt.

Aber ich hüte mich davor, andere zu verurteilen. Ganz leicht hätte mir das Gleiche widerfahren können, wenn Sam, mein Grossvater nicht in weiser Vorsehung so viele schützende Massnahmen getroffen hätte. Das Einzige, was ich in diesem Buch versuche, ist aufzuzeigen, warum wir an uns Arbeiten und unseren Charakter hin zum Guten entwickeln sollten, indem wir Tugenden und selbstlose Liebe zu leben versuchen.

***

Nur zu gerne würde ich erzählen, wie sich die Menschen rund um die Stiftung Drachentränen entwickelt haben. Wie der Sonnenhof sich immer mehr mit Leben erfüllte, wie Martin mit seinen Jungs aus der Besserungsanstalt uns half, und ihnen dadurch geholfen wurde. Wie Linda zu ihrem Tiny House kam und wie Joshua seinen Weg fand. Ich würde gerne von meinen Bienenvölkern berichten, von der überschwänglichen Liebe, die Julia versprüht und wie Lena, ihre Mutter, mit ihrem Öko-Laden und ihrem Sternenbistrot den Weg in ein für sie glückliches Leben gefunden hat. Ich würde gerne erzählen, wie wichtig Volker für mich wurde und wie sehr ich Sam zu verstehen begann. Aber bevor ich auf all diese schönen Entwicklungen eingehen kann, die die Stiftung Drachentränen herbeigeführt hat, muss ich den Fall Stoltenberg abhandeln. Nein, es geht mir nicht darum, der Schlange den Kopf anzuschlagen. Es geht mir darum, dass wir alle verstehen lernen. Und darum starte ich hier zwar die Erzählung in zeitlich korrekter Abfolge, blende dann aber alles andere aus, um mit dem Fall Stoltenberg möglichst schnell zum Abschluss zu kommen. Und dann werde ich nie mehr ein Wort darüber verlieren. Oder zumindest werde ich es versuchen…

***

«Höre dir Lieder an, die dir schon immer viel bedeutet haben», schrieb mir Sam in seinem Brief, den ich nach seinem Tod in seinem Haus gefunden hatte.

Dieses Mal war es das Lied Bella Ciao, das mir Dinge ankündigte, die ich so nicht erwartet hätte…

Una mattina mi sono svegliato –

E ho trovato l'invasor

Ja, ich war eines Morgens aufgewacht und habe den Eindringling angetroffen. Aber damals wusste ich noch nichts von diesem Eindringling. Ich wusste damals auch nicht, dass noch mehr dieser Sorte kommen würden. Und ja, ich habe als Folge einen Teil von mir begraben. Und zur Erinnerung an dieses Begräbnis habe ich eine Blume gepflanzt, eine Wegwarte. Es ist die Blume, die uns an unsere verlorene Liebe erinnert. Es ist der Teil von uns, den wir ein Leben lang suchen…

Suna stand an diesem Morgen vor meiner Türe. Sie war nicht der Eindringling. Sie hatte Renate mitgebracht. Auch sie war nicht der Eindringling. Suna hatte den Fall Stoltenberg ins Rollen gebracht. Und Renate hatte dem Eindringling die Türe geöffnet. Aber Einlass haben wir dem Eindringling selbst gewährt, wir, die wir für die Stiftung Drachentränen zeichnen.

Wir waren überzeugt von Sunas Projekt, eine ökologische Gartenbauschule zu gründen und zu eröffnet. Eine Gartenbauschule mit sozialem Engagement, das jungen Menschen helfen sollte, ihre Probleme abzulegen und Fuss in der Gesellschaft zu fassen. Suna selbst war unser lebendes Beispiel dafür, dass der Plan funktionierte, denn sie selbst hatte mal ernsthafte Probleme, als sie die Ausbildung zur Gärtnerin angetreten hatte. Aber sie hatte gute Ausbildner, die ihr nicht nur das Handwerk und Wissen, sondern auch den Bezug zur Natur nähergebracht haben. Und diese Ausbildner, mehrheitlich Frauen, waren gute Menschen. Es ging ihnen nicht in erster Linie um Erfolg. Es ging ihnen um die Ganzheit des Menschen. Und indem sie an das Gute im Menschen glaubten, konnten sie auch in Suna den Teil wecken, den die Gesellschaft und das Bildungswesen bis dahin noch nicht entdeckt hatten und somit auch nicht fördern konnten.

Suna wusste sehr viel über Pflanzen, die Natur und das Zusammenwirken der Kräfte. Sie verstand sich nicht nur im Bereich Nutzpflanzen, also Gemüse, sondern war auch in Sachen Zierpflanzen, Kräuter und dem weiten Bereich der verholzenden Pflanzen zuhause. Es war spannend, mit ihr durch den Garten und durch den Wald zu schlendern und ihr zuzuhören. Sie sprudelte nur so vor Freude und Begeisterung über alles Gedeihende, was sie antraf.

Renate war etwas ruhiger. Sie verstand nicht viel von Pflanzen. Aber sie war der Schlüssel zur Realisation von Sunas Traum. Alles passte so gut zusammen, dass wir es als Fügung ansahen. Wir hatten weder Grund noch Anlass, kritisch zu sein. Wir liessen es mehr oder weniger geschehen, weil wir an Fügung, Intuition und Hingabe glaubten.

Wir glauben noch immer an diese unfassbaren Dinge. Aber wir haben gelernt, dass es auch gut ist, wenn es nicht so rauskommt, wie man es sich gewünscht hätte. Das Leben lernt einem eben die Lektionen auf seine eigene Weise.

Nun, ich könnte seitenweise so weiterschreiben. Aber so kommt man nie auf den Punkt! Es ist mir ein Anliegen, den Fall Stoltenberg möglichst klar und aufs Nötigste beschränkt darzulegen. Dabei muss ich aber vorwegnehmen, dass die Stoltenbergs eigentlich nichts mit dem Fall zu tun haben, ausser, dass ihnen das Land gehörte. Eigentlich sollten wir vom Fall Ismaier sprechen. Aber die Ironie des Lebens zeigt uns ja immer wieder auf, dass wir uns geirrt haben.

***

Der Fall Stoltenberg

Suna hatte eine Projektskizze für eine ökologische Gartenbauschule erarbeitet und der Stiftung Drachentränen vorgelegt. Als hätte es der Zufall gewollt, haben nicht nur wir von der Stiftung davon erfahren, sondern auch Renate Stoltenberg. Aber Zufälle gibt es nicht…

Wir genehmigten Sunas Projekt einstimmig und ich besuchte mit Linda Frau Elise Stoltenberg. Elise war eine betagte Frau, die Grossmutter von Renate. Sie lebte auf dem Bauernhof ihres verstorbenen Mannes, am südlichen Rand der von uns nächstgelegenen Stadt. Der Hof wurde von einem Pächter geführt. Es gab niemanden aus der Familie Stoltenberg, der bereit gewesen wäre, den Hof weiterzuführen. Denn die Wirtschaftsfläche war zu klein. Und es war auch umständlich, die Nutzfläche des Hofs zu einem anderen Landwirtschaftsbetrieb dazuzuschlagen, denn die besondere Lage des Hofs Stoltenberg machte das schier unmöglich.

Darum hier ein Kurzbeschrieb, was Linda und ich angetroffen haben: Wir gingen vom Bahnhof aus zu Fuss durch Wohnquartiere in Richtung des südlichen Stadtrandes. Die Stadt wurde dort von der Autobahn begrenzt. Wir querten die Autobahn, indem wir die schmale, einspurig befahrbare Brücke nutzten. Dann waren wir schon auf dem Gebiet des Hofes Stoltenberg angelangt. Der grösste Teil des Nutzlandes war flach, entlang der Autobahn gelegen. Abgegrenzt wurde diese Ebene von einem halbrunden, mit Wald bewachsenen und schattigen Hügelzug. Schattig, da dieser Hügelzug gegen Norden ausgerichtet war. Von uns aus gesehen geradeaus, am Fusse dieses Hügelzuges, stand das alte Bauernhaus. Rechts von diesem Haus, dem Waldrand entlang, verlief eine leichte Vertiefung, die gegen die Autobahn hin wieder anstieg.

Da der Hof zu klein war und durch Autobahn und Stadt von jeglichen anderen landwirtschaftlichen Flächen getrennt war, war der Hof Stoltenberg ins Visier der lokalen Politiker und Städtebauplaner geraten. Elise erzählte uns, dass ihre Liegenschaft, das heisst die ganze Nutzfläche des Hofs, als Bauland eingezont wurde. Geplant war, die bestehende Brücke zu verbreitern, um den Anschluss von der Stadt her zum neu geplanten Stadtquartier auf dem Hof Stoltenberg zu verbessern. Ausserdem war geplant, dass links vom Hof ein Autobahnanschluss gebaut wurde. So solle dem Transitverkehr durch die Stadt entgegengewirkt werden.

Von der neuen Brücke aus über die Autobahn sollte die bestehende, schnurgerade Strasse hin zum Bauernhaus ausgebaut werden. Man plane ein Wohnquartier mit Reihenhäusern im Bereich, der an die Stadt angrenzt. Das betraf mehrheitlich die Fläche links von der geraden Strasse. Die rechte Seite der Strasse war vorgesehen für Einkaufszentren und Industriebauten, um das lokale Gewerbe zu fördern und die Stadt als lokales Zentrum zu stärken. Der Wald sollte zu einem Naherholungsgebiet werden.

Linda und mir schien das Ganze stimmig und wir fragten darum Elise, wo denn das Problem liege. Denn Elise hat ihre kritische Haltung dem Projekt gegenüber keineswegs verborgen gehalten.

«Nun, das ist schnell gesagt!», antwortete Elise auf unsere Frage, und wir nahmen viel Verbitterung in ihrem Tonfall war.

«Mein Mann und ich haben unser Leben hier verbracht und sehr viel Arbeit in den Hof und seine Umgebung gesteckt. Wir haben uns bemüht, so nachhaltig wie möglich zu wirtschaften. Wir haben die Hofstatt mit all den Obstbäumen gepflegt, auch wenn sie schon lange nicht mehr rentiert hat. Wir haben den Wald und das Land ohne grosse, schwere Maschinen bewirtschaftet und wir haben Hecken dort stehengelassen, wo sie der Artenvielfalt nützlich waren.»

Sie schnäuzte sich und fuhr dann fort.

«Jetzt, nachdem wir in der dritten Generation diesen Hof geführt haben, kommen ein paar dahergelaufene Politiker, Ingenieure und Architekten und haben vor, uns mehr oder weniger zu enteignen! Mit der Umzonung unseres Hofs als Bauland ist die Auflage verbunden, dass wir das Land innert fünf Jahren Veräussern müssen. Tun wir, das heisst, tue ich das nicht, so droht die Stadtbehörde mit Durchfahrtsbeschränkungen, mit Auflagen was die landwirtschaftliche Tätigkeit auf dem Hof anbelangt, besonders in Sachen Lärm und Gestank. Und all das, nachdem man uns bereits eine Autobahn vor die Nase gebaut hat!»

Wir sahen ein, dass da ein Idyll mehrfach von Gemeininteressen gestört wurde.

«Nun, ich weiss, dass ich mich nicht wehren kann. Selbst meine Familie ist für die Umzonung und somit für den Verkauf. Einzig meine Grosstochter Renate unterstützt mich. Auf diesem Boden hier wurde seit Generationen im Einklang mit der Natur für Mensch und Tier Nahrung angebaut. Jetzt soll die ganze Fläche überbaut werden - mit Beton und Teer versiegelt! Die Hecken verschwinden, die Obstbäume werden gefällt. Der Hof wird abgerissen und ich werde in ein Altersheim gesteckt. Aber wisst ihr, es ist nicht das, was mir das Herz bricht. Es ist, dass das, was wir aufgebaut haben, und all das, was mit uns gelebt hat, zerstört und vertrieben wird. Ich kann das nicht erklären. Ich kann das diesen Herren in ihren Anzügen nicht begreiflich machen. Ich glaube, nur wer selbst mit Boden und Natur verbunden ist, kann mich verstehen…»

Elise schluckte, und sagte einen Moment lang nichts mehr. Sie sah gebrochen aus. Und wir verstanden sie! Ich stellte mir vor, wie ich reagieren würde, wenn bei mir zuhause der Steinbruch wieder in Betrieb genommen würde. Wenn Lastwagen dem Weiher entlangfahren würden und die grünen Blätter voll von grauem Staub wären. Wenn Motorsägen die Bäume und Büsche niedermachen würden, damit wieder täglich gebohrt und gesprengt werden könnte.

Es war Linda, die das Wort wieder aufnahm: «Und warum genau haben Sie uns gebeten, zu Ihnen zu kommen, Frau Stoltenberg?»

«Ich kann die Umzonung nicht verhindern. Ich kann mich dem Heer von Anwälten nicht stellen. Aber ich kann ein paar wenige Auflagen machen. Der Verkauf der gesamten Fläche als Bauland wird meine Kinder reich machen. Aber mir nützt der Reichtum nichts. Ich habe mein Leben gelebt. Was für andere als Glück erscheint, legt sich wie ein Fluch über mich und raubt mir meine Ruhe. Nein, ich möchte nicht, dass Landwirtschaft und Natur gänzlich weichen müssen! Ich wünschte mir, dass zumindest ein Teil der Fläche noch dem Ursprungszweck entsprechend genutzt würde. Renate hat mir vom Projekt ihrer Freundin erzählt: Eine ökologische Gartenbauschule mit sozialem Engagement. Ich glaube an dieses Projekt! Auch wenn die Stadt wächst und die Grünflächen auffrisst, könnte eine Gartenbauschule das Verständnis dafür bewahren, dass der Mensch niemals ohne Natur und ohne Essen von unserer Mutter Erde glücklich wird leben können.»

Linda und ich schauten uns an. Wir verstanden Elises Absicht. Es ging hier nicht darum, etwas zu verhindern. Es ging hier auch nicht darum, etwas zu bewahren. Es ging darum, aus einem Niedergang etwas Neues zu schaffen, das in der neuen Zeit bestehen könnte. Mir kam der Phoenix in den Sinn: Aus der Asche sollte etwas Schönes, Neues entstehen, das die Menschen auf eine andere Weise daran erinnern würde, dass nur frei ist, wer am Himmel fliegt und die Schönheit der Erde im richtigen Blickwinkel sehen kann.

«Ich möchte, dass ein Teil meines Landes nicht der Industrie, dem Verkehr und dem Konsum weichen muss, sondern dass dort weiterhin Pflanzen wachsen können. Dass die Vögel zum Ruhen noch auf Bäumen landen können und sich nicht mit Blechdächern, Stahlzäunen und Betonmauern begnügen müssen. Aber wer wäre schon bereit, so viel Geld zu investieren für etwas, das keinen Ertrag abwirft?»

Elise sah uns eindringlich an und kam dann zu ihrem Angebot: «Wenn Ihre Stiftung bereit wäre, das für die Gartenbauschule benötigte Land zu kaufen und beim Aufbau der Schule zu helfen, dann würde ich das dafür benötigte Land zu einem sehr tiefen Preis verkaufen. Viel tiefer als der übliche Marktwert! Mit dem so eingesparten Geld könnten die benötigten Bauten finanziert und vielleicht sogar die ersten Löhne bezahlt werden. Wissen sie, für eine Gartenbauschule braucht es viel Land!»

***

Tim und Volker hörten interessiert zu. Sie stellten ein paar kritische Fragen. Auch sie wussten nicht recht, ob dieses Projekt etwas für die Stiftung Drachentränen war. Aber jeder von uns sah ein, dass das finanzielle Risiko völlig überblickbar war. Vielmehr war es ein riesiges Geschäft für die Stiftung! An eine Stadt angrenzendes Bauland zu einem Dumpingpreis zu kaufen, das konnte niemals ein Risiko sein.

Und somit nahm das Ganze seinen Lauf. Die Stiftung erwarb gut drei Hektaren Land für ein Butterbrot. Es handelte sich um die Fläche dem Waldrand entlang, dort wo sich die Senke dahinzog, also von der Stadt aus gesehen rechts vom Hof. Denn uns schien der Bezug zum Wald wichtig. Und es war auch die Fläche, in der die meisten Hecken und Obstbäume standen. Einzig die Autobahn störte etwas. Diese grenzte unsere Parzelle auf der rechten Seite gegen die Stadt ab. Dafür war auf der gegenüberliegenden Seite der Neubaustrasse ein Wohnquartier geplant. Wenn man die Gartenbauschule geschickt plante, so konnte man für die neuen Bewohner eine Art Naherholungsraum schaffen. Wo sonst hätte man öffentlich erschlossen eine Fläche für eine Gartenbauschule gekriegt, die sich auch sozial einsetzen wollte?

***

Als hätte Elise nur noch auf den Vertragsabschluss gewartet, starb sie. Der Nachricht ihres Hinscheidens folgte der stürmische, nein, der entrüstete Besuch Sunas:

«Niemals, niemals hätte ich geglaubt, dass sie so eine Schlange ist! Es ist nicht zu fassen! Es ist ein Skandal! Ich bin enttäuscht, so enttäuscht…!» Dann brach sie in meinen Armen zusammen und schluchzte nur noch.

Suna wollte nichts mehr vom Projekt wissen. Wir fanden nie ganz heraus weshalb nicht. Wir vermuteten, dass sie in irgendeiner Weise erpresst wurde. Aber wir erfuhren nicht wie. Nur, dass Renate damit zu tun hatte.

***

So standen wir da, mit drei Hektaren Land, einer Vision und ohne Suna. Zum Glück, wie sich später herausstellte, machten sich Tim und Volker zügig an die Umsetzung ihres Vorschlages. Sie montierten im neu gekauften Land eine grosse Projekttafel, auf der die Eckdaten in Bezug auf die ökologische Gartenbauschule mit sozialem Bezug aufgeführt und erklärt wurden. Auch eine Skizze mit den drei geplanten Glashäusern, der Baumschule und dem Gartenlehrpfad kam auf das Informationsbanner, das ich schrieb, layoutete und auf robustes Kunststoffgewebe drucken liess. Wir hofften, dass sich womöglich so jemanden finden liesse, der die Umsetzung des Projekts übernehmen würde. Aber wir hofften vergebens.

***

Im Frühjahr dann tauchte Renate bei mir auf. Sie war sehr freundlich. Sie nahm sich Zeit, erklärte mir, was geschehen war und wie es ihr dabei gehe. Dann fügte sie noch an, bevor sie ging, sie sei von einem potenziellen Landkäufer angefragt worden, ob noch Bauland zum Kauf zur Verfügung stehe. Ich nahm ihre Info entgegen, ohne darauf einzugehen.

Ich besprach aber die Situation mit den andern Stiftungsmitgliedern. Tim nahm klar Stellung, dass wir das Land zweckgebunden gekauft hätten, und dass wir nur verkaufen sollten, wenn der bisherige Nutzungszweck eingehalten würde. Wir anderen stimmten zu. Wir dachten, das wären wir Frau Elise Stoltenberg schuldig.

Nicht viel später meldete sich ein Anwalt bei Linda. Er hatte sich an Linda gewandt, weil diese die Website, die Mailbox und die Post der Stiftung betreut. Er sagte, er vertrete einen Kunden, der an unserem Land interessiert sei. Er dürfte uns ein gutes Angebot unterbreiten.

Linda holte dieses angeblich «gute» Angebot bei ihm schriftlich ein. Es stellte sich heraus, dass das Land einfach zum marktüblichen Preis gekauft werden sollte. Vom Nutzungszweck war keine Rede. Darum stimmten wir von der Stiftung überein, dass das Land nur für die Nutzung als Gartenbauschule, allenfalls für eine ähnliche Nutzung, verkauft würde.

***

Gegen Juni bekam ich von der Stiftung den Auftrag, einen Landwirt zu suchen, der unsere drei Hektaren Land bewirtschaften würde. Erst nachdem ich zugesagt hatte, dass die Stiftung kein Geld für die Nutzung wolle, fand ich einen Bauern, der auf der anderen Seite der Stadt seinen Hof hatte. Dieser fragte auch die andern Landkäufer an, ob er ihre noch nicht bebauten Landparzellen mähen dürfe. So kam er auf eine ansehnliche Fläche, die er wohl auch kostenlos nutzen konnte.

Linda und ich besuchten dann mal unsere Baulandparzelle. Die neue, breitere Erschliessungsbrücke über die Autobahn war gerade fertiggestellt worden und die Bagger waren daran, die Erschliessungsstrasse, die das Gelände in zwei Hälften teilte, zu bauen. Es tat weh zuzusehen, wie die grosse Grünfläche zerschnitten wurde und wie die ersten Obstbäume gefällt wurden.

Für diese Arbeit musste auch die Stiftung nachträglich noch in die Tasche greifen. Dies war vertraglich so geregelt. Wir hatten das aber weder gewusst, noch hatten wir daran gedacht.

***

Ein Jahr verging, und nichts passierte. Trotz einer Ausschreibung auf unserer Website, die dank dem Informationsbanner auf unserer Baulandparzelle gemäss der Besucherstatistik gut besucht war, und trotz meiner Nachfrage bei bestehenden Gartenbauschulen und dem Berufsverband, fand sich niemand, der das Projekt übernommen hätte. Wir standen ratlos da.

Dann meldete sich Herr Ismaier. Er lud uns zu sich in sein Büro ein. Es stellte sich heraus, dass er zuständiger Stadtrat war. Freundlich stellte er sich vor und erklärte seinen Aufgabenbereich. Dann wurde er konkret: Es sei ihm unangenehm, aber er müsse uns darauf aufmerksam machen, dass wir vertraglich gebunden seien, das Land innert fünf Jahren nach dem Kauf zu bebauen. Die Stadt wolle danach keine Baumaschinen und keinen Bauverkehr mehr dulden. Darum sei diese Frist so gesetzt worden.

Er erkundigte sich, wie weit wir mit unserem Projekt seien. Wir erklärten ihm unsere Situation. Er hörte geduldig und interessiert zu. Bevor wir gingen, sagte er uns noch, dass sich bei ihm ein potenzieller Käufer gemeldet habe. Er gab uns eine Karte mit den Koordinaten des Kontaktmannes mit.

***

Linda holte ein Kaufangebot ein. Es handelte sich um ein Möbel- und Einrichtungshaus, das anonym bleiben wollte. Der Nutzungszweck würde also nicht eingehalten. Darum lehnten wir ab.

Aber der gleiche Interessent doppelte nach und reichte ein höheres Angebot ein. Hätten wir verkauft, so hätten wir so eine Rendite von dreihundert Prozent erreicht. Aber wir lehnten ab.

Ab jetzt wurde die ganze Angelegenheit erst anstrengend. Der Bauer, der unsere Parzelle mähte, rief mich an. Er erklärte mir, dass er kein Interesse mehr am Land habe. Der Streifen entlang der neuen Strasse werde verfahren, er müsse Abfall räumen und seine Kühe würden wohl das Futter nicht mehr fressen, wenn so viel Hundekot, Abfall und Baustaub im Gras sei.

Ich ging mir die Situation mal anschauen. Linda nahm ich nicht mit, denn sie fühlte sich nicht so gut. Sie hatte viel zu tun mit beantworten von elektronischen Nachrichten, die mit dem Projekt zusammenhingen.

Als ich vor Ort war, musste ich feststellen, dass sich die Lage stark verändert hatte. Das Wohnquartier mit den Reihenhäusern war so gut wie fertiggestellt. Noch waren nicht alle Arbeiten erledigt, was den Umschwung betraf. Aber die Wohnungen waren fertiggestellt und teilweise auch bereits bewohnt. Die Autobahnauffahrt genauso wie die Abfahrt waren ebenfalls fertiggestellt. Im Anschluss an unsere Bauparzelle waren grosse Baugruben ausgehoben. Es sah aus, als ob Grossverteiler und Einkaufszentren entstehen würden. Mir wurde sofort klar, weshalb unser Landwirt die Bewirtschaftung unserer Parzelle nicht mehr weiterführen wollte. Einerseits lohnte es sich nicht mehr, wegen so wenig Wirtschaftsfläche die ganze Stadt mit all den Verkehrsampeln zu durchqueren. Andrerseits sah unser Land wirklich ungepflegt und schäbig aus. Sowohl Baufirmen wie auch Private nutzten unser Land zum Parkieren und Abstellen ihrer Autos und Baumaschinen. Mir wurde sehr unwohl.

In Absprache mit den anderen Stiftungsmitgliedern wurde beschlossen, dass wir als erste Massnahmen einen Zaun errichten würden, so dass unser Land nicht mehr so leicht befahren werden konnte. Auch liessen wir das Infobanner mit ein paar Textanpassungen neu drucken und stellten die Informationstafel wieder her.

Mit dem Landwirt vereinbarten wir, dass er die Parzelle pflügen und dann eine ökologischen Blumenwiesenmischung sähen würde. Dafür mussten wir ihm zwar die Arbeitsstunden bezahlen, dafür hatten wir aber dann Ruhe, was die Bewirtschaftung betraf.

***

Unsere Massnahmen blieben nicht unbemerkt. Im Gegenteil, sie lösten eine Flut von Reaktionen aus. Die Mailbox der Stiftung wurde immer voller. Die Reaktionen gingen von positiv bis sehr negativ.

Auch Herr Ismaier schaltete sich ein. Er setzte uns jetzt regelrecht unter Druck. Er legte uns ein Beschluss des Stadtrates vor, der uns rechtliche Schritte androhte. Auch gingen per Post zwei weitere Kaufangebote bei uns ein. Beide anonym. Beide mit einem guten Preisangebot.

Wir wussten, dass wir jetzt handeln mussten. Zwar machte sich die neue Blumenwiese prächtig, als sie in voller Blüte stand. Wir erhielten insbesondere von den Anwohnern des neuen Wohnquartiers viele positive Rückmeldungen. Aber der Schein trügte. Denn Her Ismaier schrieb immer wie häufiger. Er mahnte, dass der Kaufpreis sinken würde, wenn wir noch lange mit dem Verkauf zuwarten würden, denn die Zeit zum Fertigstellen der Bauprojekte würde sich mit jedem Tag, den wir zuwarten würden, verkürzen. Dann drohte er mit Enteignung. Dann drohte er mit Umzonung. Dann mit Zwangsnutzung.

Wir hielten lange aus. Dann aber war es Linda, die den Schlussstrich zog. Weinend teilte sie uns mit, dass sie das nicht mehr aushalte. Ja, Linda sah mitgenommen aus. Es ging ihr wirklich nicht gut. Wir beschlossen, dass ich sämtliche Arbeiten von Linda übernehmen würde, damit Linda sich erholen könne.

***

In der kommenden Nacht war meine Meditationszeit völlig meiner neuen Aufgabe gewidmet. Gedanken zogen an mir vorbei. Bilder tauchten auf und blieben in meinem Geist hängen. Und besonders zwei Bilder wollten nicht mehr gehen. Es war dies zum einen das Bild von Elise Stoltenberg, wie sie dasass und davon sprach, wenigstens einen Teil des Stoltenberg-Hofes für die Natur zu bewahren. Das andere Bild war dasjenige, das sich mir beim letzten Besuch unsere Landparzelle bot: Ein Stück Blütenmeer umgeben von Baustellen, Autobahn und Strasse. Und da wurde mir klar, dass an dieser Stelle niemals eine ökologische Gartenbauschule würde entstehen können. Nicht, weil das Projekt nicht realisierbar gewesen wäre. Nein, es passte energetisch nicht mehr! Dort wo nur noch Stahl, Beton, Abgase, Konsum und Abfälle vorherrschen, kann kein Ökosystem mehr in seiner Ganzheit funktionieren.

Gleich am nächsten Abend besprachen wir meine Erkenntnis und meinen Vorschlag im Pavillon. Ab jetzt wurde die Sache richtig haarig für mich!

Unser Entscheid, das Bauland an den Meistbietenden zu verkaufen, schlug ein wie eine Bombe. Nein, eher wie eine Atombombe! Die Mailbox platzte fast vor besorgten Nachrichten der Anwohner des neuen Wohnquartiers. Ich versuchte zuerst noch, die Mails zu beantworten und unsere Situation zu erklären. Musste dann aber kapitulieren. Ich konnte nicht meine ganze Zeit am Computer mit Beantworten von E-Mails zubringen! Und als sich dann herumsprach, dass eine grosse Speditionsfirma sich für unser Land interessierte, um ein regionales Verteilerzentrum mit Lagerhallen und Lastwagenabstellplätzen zu bauen, löschte ich die Kontaktseite auf unserer Website kurzerhand.

Auch Herr Ismaier schaltete sich ein und warf uns jetzt genau das Gegenteil von dem vor, was er uns zuvor vorgeworfen hatten. Von «verträumten Ökofanatikern» wurden wir über Nacht zu «geldgierigen Kapitalisten».

Jetzt war die Kriegerin in mir erwacht! Ich war bereit, für die Wahrheit einzustehen, was immer es auch kosten würde!

Dies war der beste Entscheid meines Lebens! Zwar ruinierte er beinahe meine Gesundheit und meine Existenz. Aber ich habe daraus gelernt!

***

Ich ging den Weg allein. Ich liess zwar alle meine Entscheidungen von den anderen Stiftungsmitgliedern absegnen. Aber ich wollte sie nicht mehr mit drin haben, in dieser Schlammschlacht.

Hier kurz dargelegt, was ich tat: Ich liess ein neues Infobanner drucken und montierte dieses eigenhändig an der Infowand auf unserer Baulandparzelle. Darauf war der bisherige Verlauf des Projektes vom Gespräch mit Frau Elise Stoltenberg bis hin zu den letzten Drohungen des Stadtrates kurz und knapp, aber wahrheitsgetreu wiedergegeben.

Ausserdem nahm ich die Website unserer Stiftung vom Netz und erstellte eine neue Website unter dem Titel «Fall-Stoltenberg». Am meisten Besucher verzeichnete die neue Unterseite, auf der ich die aktuellen Kaufinteressenten, geordnet nach Höhe ihrer Kaufangebote aufführte. Die Speditionsfirma blieb hartnäckig an vorderster Stelle.

Dann suchte ich mir eine Fachperson, um mich beraten zu lassen. Den einzigen Menschen, den ich kannte, dem ich auch vertraute, war Sams Notar.

Als ich Herrn Friedrich alles erzählt hatte, nahm dieser Stellung. Und was er sagte, erstaunte mich:

«Lucy, hör mir jetzt genau zu! Ich wusste, dass das alles kommen würde. Sam hatte es vorausgesagt.» Ich schluckte leer, liess ihn aber weitersprechen.

«Ich bin im Ruhestand, und ich nehme keine Mandate und Aufträge mehr an. Ich habe meine Kanzlei übergeben und bin nicht mehr zeichnungsberechtigt. Aber ich habe auf dich gewartet. Ich wusste schon vor Jahren, als ich zusammen mit Sam das Sperrkonto für die Stiftungsgelder eröffnen liess und alle rechtlichen Belange in Bezug auf das Geld und die gesetzlichen Vorgaben abklärte und regelte, dass du meine letzte Mandantin sein würdest. Ich werde dir helfen, und wir werden den Fall Stoltenberg gemeinsam abschliessen. Wir werden nicht gewinnen, aber wir werden der Wahrheit eine Plattform verschaffen und wir werden die Grenzen der Demokratie aufzeigen helfen.»

Ich war über seine Zusage sehr erleichtert! Aber ich konnte der Neugierde nicht Einhalt gebieten und musste nachfragen:

«Warum bin ich Ihr letzter Fall, Herr Friedrich?»

«Nenne mich Alex, denn wir werden in nächster Zeit viel miteinander zu tun haben.»

Ich nickte ihm zu, er machte eine lange Pause, bevor er fortfuhr.

«Es geht hier nicht zwingend um den Fall Stoltenberg selbst. Es geht darum, dass du lernst, wie Menschen üblicherweise funktionieren. Du bist ein guter Mensch, Lucy. Aber nicht alle Menschen sind so wie du. Die meisten sind auf ihren Vorteil aus. Sie kennen die Ruhe der Natur nicht, sie sind nicht mit der Erde verbunden, und was Spiritualität bedeuten kann, ist ihnen fremd.»

Es erstaunte mich sehr, einen Notar das Wort Spiritualität aussprechen zu hören. Aber je mehr mir Alex erzählte, je weniger wunderte ich mich.

«Weisst du, Lucy, Sam hat dich von klein auf erzogen und geprägt. Du hast, ohne es zu wissen, Werthaltungen, Ansichten und Gedankenformen vermittelt bekommen, die dir allzeit dienen. Du bist nicht wie andere in die verschiedenen Fallen des Menschseins getappt. Klar hat Sam viele Vorkehrungen getroffen, damit die Verführungen schon gar nicht entstehen konnten. Aber das Bargeld im Vorratstopf war ein Test, den du bestanden hast. Ich habe beobachtet, wie du den Sonnenhof ersteigern wolltest. Ich habe Linda beraten und ihr den Tipp gegeben, das letzte Gebot deutlich zu überbieten. Und hätte auch das nicht geklappt, so hätte ich selbst so lange geboten, bis ich gewonnen hätte. Nicht, weil ich den Hof für mich haben wollte. Aber Sam liess mich die Besitzverhältnisse bezüglich des Sonnenhofs abklären. Es sah so aus, als würde es irgendwann zur Versteigerung kommen. Sam wollte den Sonnenhof so bewahren, wie er war. Er sagte, es handle sich um ein Kleinod für Natur und Naturwesen, das es zu schützen gelte.»

Ich wusste genau, wovon Alex sprach. Aber irgendwie kam ich mir hintergangen vor. Alex bemerkte meine Verwirrung. Und er merkte auch, dass ich aufgebracht war.

«Warum ich dir nicht schon vorher geholfen habe, Lucy?»

Offensichtlich war Alex ein absoluter Kenner was das Lesen und Einschätzen von Menschen anbelangt.

«Wundere dich nicht darüber, dass ich auf Fragen antworte, ohne dass du sie gestellt hast. Wenn du so viele Testamente verlesen hast, wie ich, wenn du so viele Menschen beobachtet hast, wie sie reagieren, wenn es um Geld, Recht und Gerechtigkeitsempfinden geht, dann kann dich nichts mehr überraschen.»

Ich erkannte, dass ich Alex nichts vormachen konnte. Ich blickte ihm tief in die Augen. Das tat ich intuitiv. Ich wollte irgendwie herausfinden, ob ich ihm wirklich trauen konnte. Und als ich in seine Augen blickte, zog ein Bild vor meinem geistigen Auge vorbei, in dem ich Alex und Sam sah. Alex sah krank und psychisch zerstört aus. Sam hielt schützend seine Hand über ihn.

In diesem Moment wandte Alex seinen Blick ab.

«Jetzt weisst du, warum ich dir geholfen habe. Und ja, du kannst mir trauen, Lucy!»

Alex erzählte mir, dass es ihm in seinem Leben nicht gut gegangen sei. Er habe nicht gewusst was es war. Aber bereits ab dreissig Jahren habe ihm seine Gesundheit Streiche gespielt. Er hätte immer mehr psychische Probleme gekriegt und sei schliesslich an die Grenzen seines Daseins gestossen. Niemand hätte ihm helfen können, weder Ärzte noch Psychologen. Aber Sam habe ihm helfen können. Nein, keine Wunderheilung. Aber Erklärungen und Hinweise, wie er selbst einen Ausweg aus seiner misslichen Lage und dem schlechten gesundheitlichen Zustand finden würde. Damit habe Sam nicht nur sein Leben verändert, sondern Sam sei auch sein bester Freund und Lehrer geworden. Nach einer Pause fuhr Alex fort:

«Notar zu sein ist ein harter Beruf für jemanden, der Gefühle und Gedanken anderer wahrnimmt, ohne es zu wissen! Ich konnte viel Gemeinheit und Unrecht verhindern. Aber ich habe meinen Teil dabei gelitten. Du glaubst nicht, welches wahre Wesen Menschen in sich tragen, wenn es um Geld und Erbe geht.»

Da wurde mir bewusst, dass der Fall Stoltenberg nicht eine Frage von Besitz und Recht war. Es war eine Frage der menschlichen Interaktion.

«Edel, was du getan hast, Lucy, und auch sehr mutig! Aber du wirst brechen! Du wirst zerstört werden! Du wirst in Einsamkeit versinken und du wirst untergehen! Nicht weil du unfähig wärst, Lucy. Nein, es ist das bestehende System, das du nicht besiegen kannst! Das System schützt sich selbst! Selbst deine besten Freunde werden sich von dir abwenden, weil der Mut sie verlassen wird. Aber sie werden zu dir zurückkehren. Du wirst deine Integrität wiederfinden, wenn du auf mich hörst und mich dir helfen lässt.»

Ich sass da, und wusste nicht, was ich antworten sollte. Alex hatte mich mit seiner Aussage mattgesetzt. Ich hatte keine Ahnung wie, warum und überhaupt. Aber ich sass da und rührte mich nicht mehr. Und in mir machte sich wieder die Frage bemerkbar, ob ich diesem alten Mann wirklich trauen dürfe.

Alex nahm einen Stift und ein Blatt Papier. Dann zeichnete er zwei Symbole darauf. Als ich diese sah, wusste ich, dass ich ihm trauen durfte. Über meinen Tod hinaus, wenn es sein musste.

***

Alex sollte recht behalten. Mir ging es immer wie schlechter. Die gleichen Symptome wie bei Linda machten sich jetzt bei mir bemerkbar. Es wurde schwierig für mich, die Geschäfte im Fall Stoltenberg zu führen. Hätte mich Alex nicht unterstützt, so hätte ich die Regie abgeben müssen.

Die andern Stiftungsmitglieder sorgten sich sehr um mich. Besonders Volker und die kleine Julia. «Du lachst nicht mehr Lucy – und du hast deinen Glanz verloren», sagte sie mir mal, als sie neben mir auf der Bank im Obsthain sass. Dann nahm sie meine Hand in ihre kleinen Hände und schaute mir zu, wie ich anfing zu weinen.

Ich wusste selbst nicht, was mit mir geschah. Noch nicht. Aber ich machte meine Übungen und folgte dem Programm, das Sam für mich vorgesehen hatte. Seine Anweisungen waren klar und gut. Aber das essenzielle Stück Rat fehlte mir noch, um verstehen zu können. Ich wusste wo es zu finden war. Aber ich hatte noch keinen Zugriff darauf. Damit man mich besser verstehen kann, drucke ich hier Sams Brief ab, den ich in der Geheimtruhe im Umschlag mit dem Stern und dem Alpha-Symbol darauf gefunden hatten (es waren dies die beiden Zeichen, die Alex mir aufs Blatt gezeichnet hatte):

Liebe Lucy

Dass du diesen Brief liest, bedeutet, dass du in Bedrängnis bist. Das tut mir leid. Aber du musst diese Lektion unbedingt lernen. Und sei schon vorgewarnt, dass dies nicht die schlimmste Lektion ist, die du zu lernen haben und auszustehen haben wirst.

Mensch sein bedeutet, der Menschheit anzugehören. Niemand kann sich das auswählen oder davon lassen. Es ist ein Teil von uns. Allein sind wir alles, aber auch nichts. Gemeinsam sind wir alles, aber wir sind noch nicht vereint. Es ist die Trennung, die uns gleichmacht und vereint. Aber erst wenn wir diese überwunden haben, werden alle in Frieden einkehren können.

Du trägst Gaben in dir, Lucy, die du enthüllen kannst. Die jetzige Situation hilft dir dabei. Indem du deinen Charakter bildest, erhöhst du dein Schwingungslevel. Das ermächtigt die geistigen Helfer, dich zu lehren und zu unterstützen. Noch viele Siegel warten darauf gebrochen zu werden. Aber erst wenn du stark genug bist, erst wenn du widerstehen und bestehen kannst, wirst du würdig und stark genug sein. Aber wenn es so weit sein wird, dann wird dir kaum mehr jemand etwas anhaben können. Tausende werden fallen, aber dem Aufrechten wird kein Haar gekrümmt werden!

Du findest den Weg, den du zu gehen hast, wiederum in der Achtsamkeit. Beobachte die Menschen, wie sie handeln und reagieren. Was in der Natur gilt, gilt nicht zwingend für Menschen. Aber was im Kleinen Gültigkeit hat, hat auch Gültigkeit im Grossen!

Ausserdem wirst du lernen aus der Legende der sieben Schlüssel. Studiere sie gut, denn sie wird dir erklären, warum Tugendhaftigkeit zum Ziel führt, welche Gefahren jedoch auf dem Weg dorthin lauern.

Und zu guter Letzt wirst du dich selbst mit der Wahrheit auseinandersetzen müssen. Nur wenn du aufhörst, dir selbst etwas vorzumachen, wirst du den andern die Waffe der Ungerechtigkeit aus der Hand nehmen können. Tausende werden fallen, aber dem Aufrechten wird kein Haar gekrümmt werden.

Es ist ein schwerer Weg, den du zu gehen hast. Aber du wirst bestehen. Du findest diesem Brief beigelegt einen weiteren Umschlag. Er wird dir dann weiterhelfen, wenn du nicht mehr kannst. Und er wird dir das Instrument in die Hand legen, das dich verstehen lassen wird. Noch ist die Zeit nicht da, den Umschlag zu öffnen. Noch musst du lernen. Das Lernen wird dir vorkommen wie Leiden. Aber das ist es nicht. Niemand will, dass du leidest und Opfer erbringst. Es ist nur so, dass wir ab und zu fallen müssen, damit wir uns wieder aufraffen können und danach stärker sind als je zuvor.

Viel Glück Lucy!

PS: Du darfst Alex in allen Belangen trauen – ich tat es auch – er tut es auch. Wir beide sind den Weg gegangen, den du jetzt gehst.

Und so wusste ich jetzt, dass ich mich auf dem Weg zur Schlachtbank befand. Wie, wo und wann ich geschlachtet würde, wusste ich nicht. Aber ich fühlte mich jetzt schon schlecht. Die Energie fehlte mir, ich nahm überall im Körper negative Symptome war. Ich war schlapp und lustlos.

Man hatte mir meine Flügel auf subtile Weise verdreht, so dass ich nicht mehr fliegen konnte. Nachdem ich die Drachentränen geweint hatte, und ich endlich gelernt hatte, meine Flügel zu gebrauchen, war ich jetzt wieder auf dem Boden der Realität gelandet. Ich verfügte über viel Geld. Und mein Elend war, dass ich ein Geschäft abzuwickeln hatte, das noch mehr Geld einbringen würde. Aber es ging nicht um das Geld und den Wert, den es verkörpert. Es ging um Macht. Macht in seinen dunklen, undurchsichtigen und für den menschlichen Verstand nicht offenliegenden Facetten. Ich bin zur Bewahrerin der sieben Schlüssel geworden – und ich musste diese Schlüssel loswerden!

2 Crazy Diamond

“You never really understand a person until you consider things from his point of view... Until you climb inside of his skin and walk around in it.”

“Du wirst eine Person nie wirklich verstehen, bevor du die Dinge nicht von ihrem Standpunkt her betrachtest… Bevor du nicht in ihre Haut schlüpfst und darin herumläufst.»

Harper Lee in To kill a Mockingbird

Alex blieb im Hintergrund. Ich nahm alles auf mich. Ich wurde zum Gesicht der Stiftung. Aber so wurde ich auch zur Zielscheibe und zum Sündenbock. Und je mehr ich im Sumpf des Falls Stoltenbergs einsank, je weniger schienen mich meine Freunde zu verstehen. Zwar waren sie noch da. Ich fühlte ihre Fürsorge und ihr Mitgefühl. Aber irgendwie hatten sie sich von mir distanziert. Nicht, dass sie mir Vorwürfe gemacht hätten. Nicht, dass sie mich kritisiert hätten. Nein, es war eben das System, das sich selbst schützt. Unweigerlich kam mir Mr Smith aus den Filmen Matrix in den Sinn: Das kollektive Gedankenfeld ist so stark und so undurchdringbar, dass jeder von Smith infiltriert und somit zum Angreifer werden kann.

Ich fühlte eine Zeitlang, dass meine Freunde mich gehen liessen. Ich fühlte, dass sie sich distanzierten. Nicht meinetwillen. Nein, sie ertrugen es selbst nicht mehr und schützten sich durch Distanz. Und so schützt sich das System selbst.

---ENDE DER LESEPROBE---