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"Trauern erlaubt" ist ein umfassendes Werk zu Tod, Trauer und Trost. Es ermutigt dazu, Trauer bewusst zuzulassen und ihr Raum zu geben, anstatt sie zu verdrängen. Trauer wird als individueller, vielgestaltiger Prozess verstanden, der Mut und Kraft kostet, aber auch Möglichkeiten für Wandlung und Neubeginn eröffnet. Das Buch verbindet theologische, psychologische und praktische Perspektiven: - Impulse und Gedanken aus Bibel, Philosophie, Spiritualität und modernen Trauermodellen. - Rituale und Symbole, die helfen, Abschied und Erinnerung zu gestalten. - Praktische Übungen für Trauernde und Begleitende - allein, in Gruppen oder in der Seelsorge. - Kreative Ausdrucksformen wie Schreiben, Malen, Musik und Naturerfahrungen. - Hilfen aus interreligiösen und säkularen Kontexten, die zeigen: Trauer hat viele Sprachen. Es ergänzt die Trauerapotheke (naturheilkundliche Begleitung), legt hier aber den Schwerpunkt auf geistige und seelische Wege. Ziel ist, Trostquellen aufzuzeigen, die Trauer nicht überdecken, sondern durch sie hindurchtragen. Das Buch, hier in der stark erweiterten 2. Auflage, ist damit sowohl ein persönlicher Begleiter für Trauernde als auch eine Fundgrube für Angehörige, Seelsorgende und professionelle Begleiter.
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Seitenzahl: 528
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Trauern braucht Mut und Ermutigung. Wer trauert, braucht Trost – nicht, um die Trauer zu überdecken, sondern um den eigenen Weg mutig zu gehen. Trauer kostet Kraft: Sie konfrontiert uns mit der Endlichkeit des Lebens, mit Abschied, Verlust und zugleich mit der Möglichkeit eines Neubeginns.
Trauer begegnet uns in vielen Formen: wenn ein geliebter Mensch stirbt, eine Beziehung zerbricht, ein Kind sein Haustier verliert. Sie ist individuell, vielgestaltig, mal still und leise, mal überwältigend. Wer selbst getrauert hat, weiß, wie kräftezehrend das ist – und wer tröstet, weiß, dass auch das viel verlangt.
Dieses Buch will ermutigen – zum Trauern und zum Trösten. Es zeigt Kraftquellen auf, die helfen können: Gedanken und Impulse, Rituale und Symbole, spirituelle und philosophische Zugänge, kreative Ausdrucksformen und praktische Übungen. Es ergänzt das Schwesterbuch „Die Trauerapotheke“, das naturheilkundliche Impulse bereithält. Hier geht es stärker um geistige und seelische Wege, Trost zu finden.
„Mein besonderer Dank gilt Dr. Christiane Hoffmann, die das Kapitel Medizinische Aspekte des Todes verfasst und am Kapitel Kinder und Tod mitgewirkt hat.“
Möge dieses Buch dazu beitragen, dass Sie Lichtblicke entdecken, die Trauer nicht überdecken, sondern durch sie hindurch tragen.
Michael Geisler
Die in diesem Buch enthaltenen Therapievorschläge sollen Anregungen geben und Möglichkeiten aufzeigen. Sie ersetzen in keiner Weise eine ärztliche Einschätzung oder Therapieentscheidung. Autorin/Autor und Verlag übernehmen keine Haftung für falsche oder nicht indizierte Anwendung der in diesem Buch enthaltenen Therapievorschläge. Jede Anwendung der Vorschläge in diesem Buch erfolgt auf eigene Gefahr des Anwenders.
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Trauern braucht Mut und Ermutigung.Wer trauert, braucht Trost – nicht, um die Trauer zu überdecken, sondern um den eigenen Weg mutig zu gehen. Trauer kostet Kraft: Sie konfrontiert uns mit der Endlichkeit des Lebens, mit Abschied, Verlust und zugleich mit der Möglichkeit eines Neubeginns. Trauer begegnet uns in vielen Formen: wenn ein geliebter Mensch stirbt, eine Beziehung zerbricht, ein Kind sein Haustier verliert. Sie ist individuell, vielgestaltig, mal still und leise, mal überwältigend laut. Wer selbst getrauert hat, weiß, wie kräftezehrend das ist – und wer tröstet, weiß, dass auch das viel verlangt.
Dieses Buch will ermutigen – zum Trauern und zum Trösten. Es zeigt Kraftquellen auf, die helfen können: Gedanken und Impulse, Rituale und Symbole, spirituelle und philosophische Zugänge, kreative Ausdrucksformen und praktische Übungen. Es ergänzt das Schwesterbuch „Die Trauerapotheke“, das naturheilkundliche Impulse bereithält.
Hier geht es stärker um geistige und seelische Wege, Trost zu finden und zu trösten.
Dieses Buch soll Ihnen helfen, Möglichkeiten zu finden, mit Trauer umzugehen, ohne sie zu verdrängen, sondern neue Perspektiven zu gewinnen.
Pastor Michael [email protected]
www.trauerredner-geisler.de
1 Einleitung
2 Tod – Sterben - Trauer
3 Das Sterben
3.1 „Memento mori“
3.2 Symptome des nahenden Todes
3.3 Wie kann der Sterbeprozess erleichtert werden?
3.4 Sterben als Beziehungsgeschehen
4 Der Tod
4.1 Tod und Sterben
4.2 Definition des Todes
4.3 Rechtliche Aspekte
5 Der Tod aus christlicher Perspektive
5.1 Der Tod als zentrales Thema im Christentum
5.2 Biblische Grundlagen
5.3 Der Tod im Alten Testament
5.4 Der Tod im Neuen Testament
5.5 Der Tod in der christlichen Theologie
5.6 Christliche Rituale und Symbole des Todes
5.7 Ambivalenz des Todes: Feind und Durchgang
5.8 „Ars moriendi“ und spirituelle Praxis
5.9 Seelsorgerliche Perspektiven
5.10 Moderne Stimmen zum Tod
5.11 Der Tod als Tor zum Leben – Hoffnungsperspektive
5.12 Schlussgedanken
6 Wandel von Jenseitsvorstellungen
7 Tod und Sterben in Deutschland
8 Der Tod in Religion und Geschichte
9 Was ist Tod?
10 Medizinische Gesichtspunkte
10.1 Mancher stirbt mehr als einmal
10.2 Schlüssel zum natürlichen Umgang mit dem Tod
10.3 Ein kleiner Blick in die Geschichte
10.4 Palliative Care
10.5 Hospiz
10.6 Sterben auf der Intensivstation
10.7 Organspende
10.8 Patientenverfügung
10.9 Vorsorgevollmacht
11 Was im Todesfall zu tun ist
11.1 Todesfall eines Angehörigen zu Hause
11.2 Die Zeit nutzen
11.3 Todesfall im Krankenhaus oder Pflegeheim
11.4 Die nächsten Schritte
12 Brauchtum um Tod und Sterben
13 Begräbnis/Bestattung/Beerdigung
13.2 Zur Geschichte der Beerdigung und Bestattung
13.3 Trauerbräuche
13.4 Die christliche Bestattung
13.5 Situation der Bestattungen in Deutschland
13.6 Bestattungskultur im Aufbruch
14 Exkurs: M. Horx – Bestattungskultur im Wandel
15 Trost im Wandel
15.1 Rituale und Handlungen am Grab
15.2 Bestattungsarten
16 Was kommt nach dem Tod?
16.1 Jenseitsvorstellungen aus aller Welt
16.2 Übersicht: Jenseitsvorstellungen weltweit
16.3 Jenseitsvorstellungen – Fenster in die Hoffnung
17 Exkurs: Star Trek
18 Hoffnung Philosophisch und Theologisch
18.1 Ein erster Blick in die Trauer
18.2 Biblische Grundlagen der Hoffnung
18.3 Theologische Kerngedanken
18.4 Von der Urkirche bis zur Moderne
18.5 Bilder der Hoffnung
18.6 Auferstehungshoffnung heute
18.7 Philosophische Perspektiven auf Hoffnung
18.8 Theologische Stimmen der Neuzeit
19 Hoffnung in der Trauer
19.1 Die Ambivalenz der Trauer
19.2 Formen von Hoffnung in der Trauer
19.3 Seelsorgerliche Aufgabe
19.4 Beispiel aus der Praxis
19.5 Zusammenfassung
20 Praktische Wege zur Hoffnung
20.1 Sprache der Hoffnung
20.2 Rituale der Hoffnung
20.3 Gemeinschaft als Hoffnungsquelle
20.4 Kreative Ausdrucksformen
20.5 Spirituelle Praktiken
20.6 Beispiel aus der Praxis
21 Hoffnung als Geschenk Gottes
21.1 Hoffnung – mehr als menschliche Leistung
21.2 Hoffnung in der biblischen Tradition
21.3 Hoffnung und der Heilige Geist
21.4 Der Heilige Geist als Beistand, Tröster, Fürsprecher
21.5 Wenn ich nicht hoffen kann
21.6 Hoffnung als „Trotzdem“
21.7 Hoffnung im Alltag Trauernder
21.8 Zusammenfassung
22 Kurze Gebete in der Trauer
23 Trauer
23.1 Trauer gehört zum Leben dazu
23.2 Was ist Trauer eigentlich?
23.3 Achtsamkeit
23.4 Der Wert von Symbolen und Ritualen
24 Einleitung zu den Trauermodellen
24.1 Trauerphasen nach Verena Kast
24.2 Weitere Modelle – Vielfalt des Verstehens
24.3 Stroebe & Schut – Das Duale Prozessmodell
24.4 John Bowlby – Trauer aus Sicht der Bindungstheorie
24.5 William Worden – Trauer als aktive Aufgabe
24.6 Tonkin – Growing Around Grief
24.7 Alan Wolfelt – Companioning the Bereaved
24.8 Continuing Bonds – Die bleibende Verbindung
24.9 Integrative Modelle – Sinn, Resilienz und Vielfalt
25 Trauer ist seelische Schwerstarbeit
25.1 Ebenen der Trauerreaktion
25.2 Vielfalt der Trauer
25.3 Verschiedene Faktoren beeinflussen Trauer
25.4 Trauer - ein vielschichtiger Prozess
25.5 In der Trauer „gefangen“
25.6 Trauer und Depression
25.7 Irrwege der Trauer
25.8 Verdrängung und Verschweigen
25.9 Verharmlosung des Verlustes
25.10 Übermäßige Schuldgefühle
25.11 Neurotische Frömmigkeit
25.12 Flucht in Aktivismus
25.13 Betäubung durch Suchtmittel
25.14 Idealisierung des Verstorbenen
25.15 Soziale Isolation
25.16 Erwartung schneller „Normalität“
25.17 Abschneiden aller Erinnerungen
25.18 Festhalten an der Trauer als einziger Identität
25.19 Achtung: Suchtgefahr
26 Kulturelle und religiöse Fehlwege
27 Trauer in Langzeitperspektive
27.1 Jubiläen und Gedenktage
27.2 Lebenslange Prägung
28 Vielstimmige Emotionen bei Trauer
28.1 Trauer ist mehr als Traurigkeit
29 Wenn Kinder trauern – kleine Seelen in großer Not
29.1 Wie Kinder den Tod verstehen
29.2 Ausdrucksformen kindlicher Trauer
29.3 Die Rolle der Erwachsenen
29.4 Kindgerechte Sprache
29.5 Resilienz bei Kindern
29.6 Unterstützung durch Umfeld
29.7 Rituale und Ausdrucksmöglichkeiten
29.8 Gefährdete Kinder
29.9 Ausblick
30 Trauer bei Jugendlichen
30.1 Besonderheiten jugendlicher Trauer
30.2 Zusammenfassung
31 Trauer im Alter – wenn Verluste sich häufen
31.1 Trauer hochbetagter Menschen
31.2 Praktische Begleitimpulse
31.3 Zusammenfassung
32 Trauer bei Menschen mit Demenz
32.1 Wie sich Trauer bei Demenz zeigt
32.2 Begleitung in der Trauer
32.3 Spirituelle und seelsorgerliche Aspekte
32.4 Kernaussagen der bisherigen Kapitel
32.5 Schlusswort
33 Exkurs: Star Trek und M*A*S*H
34 Trauer und Sprache – wenn Worte fehlen
34.1 Sprachlosigkeit als Teil der Trauer
34.2 Sprachräume der Bibel
34.3 Wenn Worte verletzen – „verbotene Sätze“
34.4 Rituale als Sprache jenseits der Worte
34.5 Seelsorgerliche Begleitung
34.6 Zusammenfassung
35 Trauer in besonderen Lebenssituationen
35.1 Trauer ist niemals abstrakt
35.2 Unsichtbare Trauer?
35.3 Trauer in Queeren Beziehungen
35.4 Patchwork-Familien – Trauer zwischen Loyalitäten
35.5 Weitere besondere Kontexte
35.6 Seelsorgliche Leitgedanken
35.7 Zusammenfassung
36 Trauer zwischen Aktenordnern und Terminen
36.1 Tabuisierung von Trauer im Beruf
36.2 Leistungsgesellschaft und Schweigen
36.3 Rechtliche Aspekte
36.4 Zusammenfassung
37 Trauer im interreligiösen Kontext
37.1 Islamische Perspektiven auf Trauer und Tod
37.2 Jüdische Perspektiven
37.3 Buddhistische und hinduistische Perspektiven
37.4 Christliche Perspektive
37.5 Gemeinsame Linien der Religionen
37.6 Seelsorgerliche Praxis im interreligiösen Kontext
37.7 Trauer im atheistischen und säkularisierten Kontext
37.8 Zusammenfassung
38 Migration und interkulturelle Trauer
38.1 Trauer zwischen den Welten
38.2 Kulturelle Vielfalt von Trauerritualen
38.3 Zusammenfassung
39 Gesellschaftliche Dimension – Kollektive Trauer
39.1 Und wenn ganze Gesellschaften trauern?
39.2 Ausgangspunkt und Begriffsrahmen
39.3 Die „vaterlose Gesellschaft“ als Trauerkonstellation
39.4 Zusammenfassende Thesen
39.5 Weitere Aspekte kollektiver Trauer
39.6 Zusammenfassung
40 Exkurs: M. Horx - 8 Thesen zur Trauerkultur
41 Wenn das Unfassbare geschieht
41.1 Trauer nach Unfall, Gewalt oder Katastrophen
41.2 „Stille Trauer“ – Verluste ohne Mandat
41.3 Demenz – der lange Abschied
41.4 Zusammenfassung
41.5 Praktische Begleitimpulse
41.6 Zusammenfassung
42 Digitale Trauerkultur – Abschied im Netz
42.1 Neue Wege des Abschiednehmens
42.2 Formen digitaler Trauer
42.3 Zusammenfassung
43 Körper und Trauer
43.1 Wenn Trauer den Körper trifft
43.2 Körperliche Dimension von Trauer
43.3 Theologische Perspektiven
43.4 Praktische Körperzugänge in der Trauer
44 Achtsam trauern
44.1 Vergänglichkeit annehmen
44.2 Achtsamkeit – eine heilsame Haltung
44.3 Zusammenfassung
44.4 Die Trauerapotheke
45 Exkurs: Trauer bei Sternenkindern
45.1 Sprachlosigkeit angesichts des frühen Todes
45.2 Der Begriff „Sternenkinder“
45.3 Wer betroffen ist
45.4 Das Unsichtbare sichtbar machen
45.5 Ein Schmerz ohne Sprache – und doch mit Hoffnung
45.6 Historische und gesellschaftliche Perspektive
45.7 Psychologische Dimension
45.8 Spirituelle und theologische Fragen
45.9 Besondere Aspekte
45.10 Unterschiedliche religiöse Traditionen
45.11 „Regenbogenkinder“
45.12 Trauer ist niemals theoretisch
45.13 Schlussgedanke
46 Exkurs: Trauerfeiern für Sternenkinder
47 Exkurs: Suizid in Deutschland
47.2 Gesellschaftliche Dimension
47.3 Theologische und kirchliche Hintergründe
47.4 Seelsorgerliche Notwendigkeit
47.5 Hoffnungsperspektive – Gott hält auch das aus
47.6 Psychologische und emotionale Dimensionen
47.7 Gesellschaftliche und kulturelle Aspekte
47.8 Theologische und biblische Aspekte
47.9 Seelsorgerliche Begleitung
47.10 Hoffnungsperspektiven
47.11 Zusammenfassung
47.12 Die wichtigsten Gedanken
47.13 Der Versuch eines letzten Zuspruches
47.14 Gebete
48 Trost und Trösten
48.1 Trost ist Balsam für Leib und Seele
48.2 Sie haben die Erlaubnis
48.3 „Trost No Go“
48.4 Trösten ist kein Sprint
49 Trost und Tiere
49.1 Einleitung – Tiere als Gefährten
49.2 Haustiere und ihre Trauer
49.3 Tiere als trostspendende Begleiter
49.4 Spirituelle und seelsorgliche Dimension
49.5 Praktische Konsequenzen
49.6 Tiere spenden Trost – Nähe, die heilt
49.7 Zusammenfassung
50 Trauer & Trösten – neue Perspektiven
50.1 Körper & Sinne – Wenn der Leib erinnert
50.2 Naturbilder – Trostlandschaften
50.3 Meer & Wellen: Die Grammatik der Gefühle
50.4 Musik als Spiegel
50.5 Bäume: Verwurzelt bleiben
50.6 Himmel & Sterne: Die Weite entdecken
50.7 Räume & Orte – Wo Erinnerung wohnt
50.8 Alles hat seine Zeit - Rhythmus, der trägt
50.9 Gemeinschaft & Beziehung – Geteilte Trauer
51 Kunst & Ausdruck – Sprache jenseits der Worte
51.1 Musik als Resonanzraum
51.2 Bildende Kunst
51.3 Literatur und Poesie
51.4 Theater und Tanz
51.5 Kreatives Gestalten
51.6 Praxisideen
51.7 Transzendente und Spirituelle Dimension
51.8 Schluss
52 Rituale & Symbole – Halt im Zeichenhaften
52.1 Die anthropologische Dimension
52.2 Schluss
53 Spiritualität & Religion – Mehr als diesseits
53.1 Die Sehnsucht nach Sinn
53.2 Christliche Deutungen
53.3 Jüdische Perspektiven
53.4 Islamische Sichtweisen
53.5 Buddhistische Deutungen
53.6 Säkularspirituelle Perspektiven
53.7 Interreligiöse und moderne Zugänge
53.8 Schluss
54 Philosophie & Weisheit – Denken, das tröstet
54.1 Fragen, die bleiben
54.2 Antike Philosophie: Trost im Angesicht des Todes
54.3 Christliche Philosophie: Hoffnung im Denken
54.4 Moderne Philosophie: Existenz und Endlichkeit
54.5 Weisheitstraditionen
54.6 Zen-Kōans als tröstende Impulse
54.7 Literatur als Philosophie in Bildern
54.8 Schluss
55 Humor & Leichtigkeit
55.1 Humor als Überlebensstrategie
55.2 Schluss
56 Trostmöglichkeiten im digitalen Dialog
56.1 Eine Annäherung
56.2 Zwischen Nähe und Distanz
56.3 Chancen
56.4 Grenzen und Herausforderungen
56.5 Zusammenfassung
57 Einleitung
57.1 Übungen für mich allein
57.2 Gemeinsam unterwegs
57.3 Orientierung für Begleiterinnen
57.4 Checkliste Gruppengespräch
57.5 Kleine Hoffnungszeichen
58 Zusätzliche Hilfen für Trauernde
58.1 Selbsthilfegruppen:
59 Vorsorge
59.1 Trauer beginnt nicht erst mit dem Tod
59.2 Vorsorge für den Erstfall
59.3 Frieden schließen mit der eigenen Geschichte
59.4 Präventive Rituale – kleine Abschiede im Leben
59.5 Zusammenfassung
60 Trauerbegleitung
61 Trauerrituale
61.1 Eine Kerze entzünden
61.2 Bunte Bänder
61.3 Luftballons
61.4 Abschiedsbrief
61.5 Bilder malen
61.6 Den Sarg oder die Urne liebevoll gestalten
61.7 Grabbeigaben
61.8 Symbolhaftes hat Raum.
61.9 Papierflieger
61.10 Gedichte
62 Naturheilkundliche Unterstützung und Begleitung
63 Epilog Mut zum Trauern
64 Literaturverzeichnis
Ich war sechs Jahre alt, als ich mit meinen Eltern das Haus meines geliebten Großvaters betrat. Die Stimmung kippte schlagartig. Auf der Autofahrt nach Gönnern im Kreis Biedenkopf hatten wir noch gelacht und gescherzt – mein Opa war erst vor kurzem aus Duisburg-Meiderich dorthin umgezogen. Doch nun lag ein schwerer Schatten über allem.
„Opa ist gestorben und liegt im Schlafzimmer in seinem Bett. Geh da nicht hinein, das sieht ganz schrecklich aus!“, sagte meine Mutter. Dann ließ sie mich allein im Flur stehen. Die bedrückende Atmosphäre spürte ich körperlich. Meine kindlichen Fragen beantwortete niemand. In einem unbeobachteten Moment schlich ich mich dennoch ins Schlafzimmer. Da lag mein Großvater – friedlich, fast lächelnd, als würde er schlafen. Schrecklich sah er nicht aus, eher getröstet. So ging ich beruhigt zurück ins Wohnzimmer.
Einige Jahre später erlebte ich wieder Abschied – diesmal von meinem Hamster „Musculus“. Ich hatte ihn nach einer der ersten Lateinvokabeln benannt: „musculus“ – das Mäuschen. Drei Jahre lebten wir Seite an Seite. Er saß oft bei mir auf dem Schreibtisch, knabberte an meinem Lateinbuch, während ich Vokabeln lernte. Sein Tod kam nach drei Tagen des Leidens. Ich wachte an seiner Seite und weinte, als er schließlich starb. Für meine Eltern war er „nur ein Hamster“, für mich war er Weggefährte. Mein Schmerz war stärker als beim Tod des Opas. Ich fragte mich: Darf das sein?
Diese frühen Erfahrungen von Trauer und Trost haben sich tief eingeprägt. Später, nach meinem Theologiestudium, beschäftigten mich dieselben Fragen – nur mit neuen Perspektiven:
Was tröstet wirklich?
Wie kann man angemessen trauern?
Welche Begleitung tut gut?
Besonders in meiner theologischen Arbeit stand für mich die Frage im Mittelpunkt: „Wie geht Jesus mit Menschen um?“ Dabei wurde mir klar: Nähe, Begleitung und Zuwendung sind entscheidend – gerade an den Schnittstellen des Lebens.
Mein Vater war ein sehr frommer Mann. Kurz vor seinem Tod wünschte er sich, im Kreis seiner Familie noch einmal Abendmahl zu feiern. Am 1. Advent versammelten wir uns um sein Bett. Dieses intensive Erleben von Gemeinschaft gab ihm die Kraft loszulassen, obwohl der Krebs seinen Körper zerrissen hatte.
Bis heute, fast 40 Jahre später, bin ich überzeugt: Es gibt Wege, die sollte niemand allein gehen müssen. Begleitung und Begegnung tun gut – oft mehr als Worte. Darum bin ich gewiss: Schwere Wege brauchen mehr als Worte. Auch insofern begleite ich Menschen, ohne nach deren Glauben zu fragen. Auch wenn in diesem Buch viele christliche Bezüge enthalten sind, mir ist es ein Herzensanliegen, Menschen zu begleiten - unabhängig von religiösen oder Weltanschaulichen Überzeugungen. Ich will Wegbegleiter sein und kein Missionar!
So ist dieses Buch entstanden – aus eigenen Erfahrungen, aus vielen Begegnungen, unzähligen Gesprächen und aus der Sehnsucht, das Trost die Trauer nicht überlagert, sondern hilft sie zu verwandeln. Vielleicht finden auch Sie darin Hilfe, damit Ihre Trauer Raum bekommt – und Sie getröstet werden.
Tod, Sterben und Trauer – drei Worte, die wir oft meiden, weil sie uns an unsere Endlichkeit erinnern. Und doch gehören sie unaufhebbar zum Leben. Sie sind keine Randthemen, keine Störungen im großen Ablauf der Welt, sondern Teil dessen, was menschliches Dasein ausmacht.
Wo Leben ist, da ist auch Sterben. Wo Liebe ist, da kann auch Trauer nicht fehlen. Und wo Trauer ihren Raum bekommt, da zeigt sich, wie tief und ernsthaft wir gelebt und geliebt haben.
Diese drei Begriffe sind miteinander verwoben:
Tod ist die Grenze des Lebens, die uns alle erwartet.
Sterben ist der Weg dorthin, der mal abrupt, mal langsam, mal friedlich, mal schmerzvoll verläuft.
Trauer ist die Antwort der Lebenden auf das, was geschehen ist – der Ausdruck von Liebe, Verlust und Sehnsucht.
Gerade weil wir oft versuchen, Tod, Sterben und Trauer zu verdrängen, verlieren wir leicht den Blick dafür, dass sie nicht nur dunkel sind, sondern auch Sinn öffnen können: Sie lehren uns Dankbarkeit, lassen uns das Leben intensiver wahrnehmen und können – wenn wir sie nicht ausklammern – sogar Quellen des Trostes werden.
So beginnt dieses Buch mit der Überzeugung: Tod, Sterben und Trauer gehören wesentlich zum Leben. Sie sind nicht sein Gegenteil, sondern Teil seiner Fülle. Trauer gehört zum Leben dazu. Tief verwurzelt ist sie sogar in unserer Sprache. Ist sie doch eine Grundtatsache allen Lebens. Wer lebt, trauert. Wer trauert, lebt.
In Tristan und Isolde, der mittelalterlichen Legende, erleidet Isolde aus Trauer um ihren geliebten Tristan den plötzlichen Herztod. „Mir bricht das Herz“ spiegelt mehr als nur Liebeskummer wider. Auch bei Goethe, in seinem Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre, stirbt Mignon am gebrochenen Herzen und einhergehendem „Herzeleid“.
Trauer geht uns buchstäblich ans Herz. Medizinisch gibt es dafür sogar eine Bezeichnung: das sogenannte „Broken-Heart-Syndrom“, auf Deutsch auch „Gebrochenes-Herz-Syndrom“ oder „Stress-Kardiomyopathie“.
Die Beschwerden ähneln einem Herzinfarkt: plötzlich auftretende Brustschmerzen, Atemnot, Engegefühle, große Schwäche. Doch bei der Untersuchung zeigt sich: Die Herzkranzgefäße sind frei, kein Verschluss, kein klassischer Infarkt. Stattdessen hat sich der Herzmuskel so verkrampft, dass er seine Arbeit nur noch eingeschränkt leisten kann. Ärzte sehen im Ultraschall oder in der Röntgenaufnahme oft die typische Form: Der Herzmuskel bläht sich ballonartig auf – ähnlich einer japanischen Tintenfischfalle, die „Takotsubo“ heißt.
Ursache sind meist extreme seelische Belastungen: der Tod eines nahen Menschen, ein Schock, ein schwerer Verlust. Das Herz reagiert auf einen plötzlichen Überschuss an Stresshormonen – Adrenalin, Noradrenalin – und gerät aus dem Rhythmus. So wird deutlich: Kummer, Schmerz und Verlust hinterlassen nicht nur seelische, sondern auch körperliche Spuren.
Die gute Nachricht: Das Broken-Heart-Syndrom heilt in den meisten Fällen wieder aus. Nach Tagen oder Wochen kann sich der Herzmuskel erholen, und die volle Leistungsfähigkeit kehrt zurück. Dennoch zeigt es eindrücklich, wie stark Trauer und Körper verbunden sind. Vielleicht erklärt sich hier, warum wir in Zeiten tiefer Trauer oft sagen: „Mir ist, als zerreiße es mir das Herz.“ Dieses Bild ist mehr als eine Redewendung – es beschreibt eine reale Erfahrung. Und so verweist das Broken-Heart-Syndrom darauf, dass unser Herz nicht nur eine Pumpe ist, sondern auch ein Resonanzraum für unsere Gefühle.
„Es gibt auch Herzen mit Doppelschlössern.
Die können zwar schwer öffnen –
aber noch schwerer zerbrechen.“
(Mascha Kaléko)
Auch wenn es sich anfühlt, als würde das Herz brechen: In seiner Zerbrechlichkeit liegt zugleich seine Kraft, sich neu zu finden und wieder zu heilen.
Trauer wirkt sich aus auf den ganzen Menschen und ist nicht nur ein Teil in ihm. Nicht „etwas in mir“ trauert, sondern ich als Person, als Mensch, als Individuum trauere. Deshalb sagen Menschen in Reden oder Erinnerungen Sätze wie: „Er war mein Leben.“ Solche Worte fassen die ganze Tiefe eines Verlustes.
Und wenn ein Mensch gestorben ist, eine Liebe unerwidert bleibt oder Liebeskummer einem das Herz schwer macht, erleben wir Trauer.
Trauer gehört zum Leben dazu – so wie die Liebe, die Freude oder das Lachen. Trauer ist der Preis der Liebe. Was sich wie eine Binsenweisheit anhört, ist oftmals ein schmerzhafter Prozess. Trauer ist überall dort zu finden, wo es gilt, Abschied zu nehmen. Sie ist ein natürlicher Prozess und meistens mit intensiven Gefühlsregungen verbunden.
Trauer hat verschiedene Gesichter. Manche trauern eher leise, andere scheuen sich auch nicht davor, laut in Tränen auszubrechen. Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg. Trauer kennt keine Norm. Trauer ist etwas Individuelles, und jeder Angehörige hat seine eigene Art, damit umzugehen. Auch der drohende Verlust eines Angehörigen kann betrauert werden. Sterbende und ihre Angehörigen trauern längst vor dem Tod.
Und Trauer beeinflusst in unterschiedlichem Maße und verschiedener Intensität alle, die um einen herum leben – Menschen wie Tiere. Trauer wirkt sich so auf das „System“ aus. Auch Tiere zeigen Trauer, wenn sie Bezugspersonen oder Gefährten verlieren. Auch dies wird in diesem Buch von der Tierärztin Noora Geisler-Reemes genauer beleuchtet.
In dem älteren Buch „Die Trauerapotheke“ gewährt der Autor dieses Buches und die Co-Autorin Heike Fabry einen kurzen Einblick in die reichhaltigen Hilfsmittel, die stärkend und unterstützend in der Trauer wirken. Tees und ätherische Öle werden ebenso wie Düfte und wohltuende Bäder vorgestellt.
Trauer braucht Zeit. Nicht, weil Zeit alle Wunden heilt. Trauer ist vielmehr ein Prozess – und damit ein Weg, den man besser gemeinsam bewältigt als allein. Es gibt Wege, die sollte niemand allein gehen müssen. Gemeinsam kann man sich auf die Suche machen und finden, vielleicht auch wiederfinden, was verloren erscheint. So gilt auch hier: Trauer darf sein. Und Trost darf wachsen – Schritt für Schritt.
„Memento Mori“ – "Gedenke, dass du sterben musst". Dieser Mahnruf aus der Antike scheint heute fast vergessen zu sein. Doch gerade in einer Zeit, in der Jugendlichkeit, Fitness und Selbstoptimierung hochgehalten werden, erinnert er uns an eine grundlegende Wahrheit: Wer leben will, muss auch über das Sterben reden. So formulierte es der österreichische Feuilletonist Alfred Polgar.
Und das Umgekehrte gilt ebenso: Von schwerkranken und sterbenden Menschen können wir Entscheidendes lernen. Denn die Vorbereitung auf den Tod ist zugleich die beste Vorbereitung auf das Leben.
Also reden wir an dieser Stelle über das Sterben – nicht in theoretischer Distanz, sondern mit dem Blick auf konkrete Erfahrungen und Einsichten.
Wenn Menschen aufgrund ihres Alters oder einer schweren Krankheit im Sterben liegen, durchlaufen sie meist einen Sterbeprozess. Dieser kann sich über Tage, Wochen oder Monate erstrecken. Er ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich, und doch gibt es Gemeinsamkeiten, die die Medizin beschrieben hat.
Wichtig ist: Diese Phasen betreffen den natürlichen Sterbeprozess bei fortschreitenden Krankheiten. Bei plötzlichen Todesfällen – etwa nach Herzinfarkt oder Unfall – verlaufen Sterben und Tod anders.
Die Palliativmedizin begleitet Menschen, deren Krankheit nicht mehr heilbar ist. Sie lindert Beschwerden, unterstützt Angehörige und schenkt dem Leben am Ende Qualität und Würde. Oft sind Menschen in dieser Zeit pflegebedürftig, mit einer Lebenserwartung von Monaten – manchmal auch länger.
Symptome in der Rehabilitationsphase
Die Krankheit schreitet voran.
Der Mensch wird langsam pflegebedürftig.
Die Lebenserwartung liegt bei einigen Monaten (in seltenen Fällen auch Jahren).
Nicht jeder Sterbeprozess verläuft gleich. Auch die körperlichen Zeichen unterscheiden sich. Und doch gibt es wiederkehrende Muster:
Appetitlosigkeit: Hunger und Durst lassen nach, der Mund wird trocken.
Nachlassende Schmerzempfindung: Während Krankheiten schmerzhaft sein können, verläuft das eigentliche Sterben oft erstaunlich schmerzarm.
Verlangsamte Stoffwechselprozesse: Urin verfärbt sich, Körpergeruch verändert sich.
Durchblutungsstörungen: Kalte Hände und Füße, bläuliche Verfärbungen, schwacher Puls.
Veränderte Atmung: flach, unregelmäßig, mit Atemaussetzern oder Rasselgeräuschen.
Schwinden der Kräfte: Augen bleiben geschlossen, Sprache wird undeutlich.
Bewusstseinsveränderungen: von klar bis hin zu Schläfrigkeit oder Verwirrtheit.
Viele Sterbende wirken in dieser Zeit nach innen gekehrt. Nicht selten berichten sie von Träumen oder Visionen, in denen Verstorbene erscheinen. Diese Bilder sind in der Regel tröstlich.
In der letzten Phase des Sterbens treten häufig folgende Symptome auf:
immer flacher werdende Atmung,
erschlaffte Muskulatur (offener Mund),
Pupillen reagieren nur schwach,
eingefallene Augen und Wangen,
fahle, gräuliche Haut um Nase und Mund („Dreieck des Todes“),
dunkle Flecken an Körperunterseiten, Händen und Füßen.
Doch auch hier gilt: Nicht jeder Mensch zeigt alle Zeichen. Sterben bleibt individuell.
Die wichtigste Erfahrung lautet: Sterben soll niemand allein müssen. Angehörige leisten oft Großes, wenn sie da sind, die Hand halten, Nähe schenken. Doch diese Begleitung ist auch belastend – körperlich und seelisch.
Palliativmedizin und Hospizbewegung verfolgen ein gemeinsames Ziel: den angstfreien Tod. Gian Domenico Borasio, einer der führenden Palliativmediziner Europas, beschreibt in seinem Buch Über das Sterben, dass körperliches Leiden heute meist gelindert werden kann. Entscheidend ist, Ängste zu nehmen – dann wird der Blick frei für Versöhnung, Abschied und neue Klarheit.
Konkrete Hilfen könnten sein:
nicht zur Nahrungsaufnahme drängen,
Lippen befeuchten, Flüssigkeit anbieten,
Füße und Hände wärmen,
Oberkörper hochlagern bei Atemnot,
für frische Luft sorgen,
Geduld, Respekt und Berührung schenken,
vertraute Musik, Gebete, Texte anbieten,
Atmosphäre schaffen, die Würde wahrt.
Ein Lied aus Kindertagen, ein vertrautes Gebet oder ein Vers aus einem Choral kann in dieser Zeit tief wirken – manchmal wundersam ergänzend zu den Medikamenten.
Sterben ist nicht nur ein biologischer Prozess, sondern immer auch ein Beziehungsgeschehen. Es geht um Versöhnung und Vergebung, um unausgesprochene Worte, um Dank und Abschied. Manchmal gelingt es noch in den letzten Stunden, Lasten loszuwerden und Frieden zu finden.
Horst Köhler brachte es auf den Punkt: „Nicht durch die Hand eines anderen sollen die Menschen sterben, sondern an der Hand eines anderen.“
Dieser Gedanke drückt aus, was Sterbebegleitung bedeutet: Dasein. Nähe schenken. Würde bewahren. Sterben und Tod sind nicht das
Ende der Geschichte, sondern Teil des großen Ganzen. Wer das Sterben versteht, lernt das Leben tiefer zu begreifen. Deshalb wollen wir im nächsten Kapitel den Blick weiten: Was bedeutet Tod in gesellschaftlicher, spiritueller und persönlicher Perspektive? Und: Welche Hoffnungen, Bilder und Deutungen haben Menschen im Lauf der Geschichte entwickelt, um mit der Grenze des Todes umzugehen?
„Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen!“ – so heißt es in einem Text aus uralten Zeiten. Dieses Zitat aus der Bibel spiegelt die Ambivalenz wider: Einerseits wird jeder von uns sterben, andererseits mag das niemand so recht glauben. So stellte Sigmund Freud fest, dass „im Grunde niemand an den eigenen Tod glaubt“. Dabei war schon den Römern die Einsicht klar: „mors certa, hora incerta“ – der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss.
Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Totenrituale und Begräbnisriten bis zu den Ursprüngen der Menschheit zurückreichen. Bereits in der Frühzeit der Menschheitsgeschichte waren diese Rituale höchst komplex. Ebenso entwickelten sich vielfältige Formen des Trauerns, die nicht nur religiöse, sondern auch gemeinschaftsbildende Funktionen hatten.
Auch die Frage, was der Tod denn eigentlich „ist“, wurde auf unterschiedlichen Ebenen bis heute immer wieder gestellt.
Die Schwierigkeit, eine für alle Lebewesen gültige Definition zu finden, zeigt sich bereits im Unterschied zwischen dem Tod eines Einzellers und dem eines komplexen Organismus.
Beim Einzeller bedeutet Tod den unumkehrbaren Verlust der Zellteilungsfähigkeit, also die Zerstörung des Genoms.
Bei einem Säugetier – und damit auch beim Menschen – ist es der systemische Zusammenbruch lebensnotwendiger Organe und deren komplexes Versagen. Dies wiederum wird durch das Absterben der einzelnen Zellen ausgelöst.
Sterben ist ein hochkomplexer Prozess. Der Tod lässt sich selten einem sekundengenauen Zeitpunkt zuordnen, sondern vollzieht sich allmählich. Der Tod ist daher eher der Zustand eines Organismus nach Beendigung aller Lebensfunktionen.
Die genaue Grenze zwischen Leben und Tod ist schwer zu definieren. Je weiter man von der Grenzlinie entfernt ist, desto klarer scheint der Unterschied. Je näher man aber an diese Grenze gelangt, desto unschärfer wird sie.
Im deutschen Recht gibt es keine allgemeingültige, einheitliche gesetzliche Definition des Todes.
Das bedeutet: Weder im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) noch in der Strafprozessordnung oder im allgemeinen Zivil- oder Strafrecht ist der Begriff „Tod“ klar und allgemein festgelegt.
Allerdings gibt es spezielle Rechtsbereiche, in denen eine Definition nötig ist, vor allem im Zusammenhang mit Organtransplantationen.
Nach dem Transplantationsgesetz (TPG) darf eine Organentnahme nur erfolgen, wenn der Tod des Spenders zweifelsfrei festgestellt wurde. In der Praxis wird dies gleichgesetzt mit dem Gesamthirntod (irreversibles Erlöschen aller Funktionen von Großhirn, Kleinhirn und Hirnstamm).
Die medizinischen Kriterien dazu sind in den „Richtlinien zur Feststellung des Hirntodes“ (Bundesärztekammer) geregelt.
In anderen Rechtsgebieten (z. B. Erbrecht, Personenstandsrecht) wird zwar auf den Tod Bezug genommen, aber ohne präzise Definition. Dort versteht man den Tod allgemein als das irreversible Ende des individuellen Lebens – die medizinisch genaue Grenzziehung bleibt jedoch unscharf und orientiert sich oft ebenfalls am Hirntod-Kriterium.
Es gibt in Deutschland keine allgemeingültige Todesdefinition im Gesetz.
Praktisch verbindlich ist aber im Transplantationsrecht (und in der Rechtsprechung, die sich daran anlehnt) die Definition des Gesamthirntodes.
In ausdrücklicher Anlehnung an das Transplantationsrecht greift die Rechtsprechung auch in anderen Rechtsgebieten auf den Gesamthirntod als Definition zurück.
In unserer Gesellschaft ist der Tod ein Tabuthema. Die Haltungen gegenüber Sterben, Tod und Jenseits haben sich in den letzten Jahrzehnten radikaler verändert als in Jahrhunderten zuvor. Besonders seit dem Zweiten Weltkrieg ist eine zunehmende Tabuisierung des Todes zu beobachten.
Trauer wird häufig zurückgehalten, verdrängt oder dem Privaten überlassen. Der Tod wird an den Rand gedrängt, so als gäbe es ihn kaum noch. Alte Menschen sterben immer häufiger in Heimen oder Krankenhäusern, nicht mehr zu Hause im Kreis ihrer Familie. So tritt der „soziale Tod“ oft lange vor dem „biologischen Tod“ ein.
Nicht mehr Priester oder Theologen gelten als Spezialisten, sondern Ärzte – die einzigen zugelassenen „Experten“. Bestattungsunternehmen übernehmen die organisatorische Abwicklung. Säkular tätige Trauerredner ersetzen vielfach die Rolle der Priester. Der Pfarrer wird oft nur noch als „Zeremonienmeister“ wahrgenommen. Und die Anonymität mancher Friedhöfe spricht für sich selbst.
Kein Thema hat das Christentum so tief geprägt wie der Tod – und die Hoffnung, dass er nicht das letzte Wort behält.
Christlicher Glaube beginnt nicht mit einem theoretischen Bekenntnis, sondern mit einer Erfahrung: Der gekreuzigte Jesus ist auferstanden.
Damit wird das Herzstück des Glaubens deutlich: Der Tod ist real, schmerzhaft, zerstörerisch – aber er ist überwunden.
Im Christentum ist der Tod daher nicht nur biologische Grenze, sondern eine geistliche Wegmarke:
Er ist Ende und Neuanfang.
Er ist Gericht und Gnade.
Er ist Feind und zugleich Durchgang ins Leben bei Gott.
In vielen Bibelstellen wird der Tod ambivalent beschrieben: Er erscheint als „letzter Feind“ (1 Kor 15,26), aber auch als „Schlaf“ (1. Thess 4,13–14). In ihm spiegelt sich die ganze Spannung des Glaubens: Der Tod nimmt – und der Tod führt heim.
Christlicher Glaube stellt den Tod nicht ins Abseits, sondern rückt ihn in die Mitte der Hoffnung. Denn wer den Tod ernst nimmt, lernt, das Leben anders zu sehen: bewusster, dankbarer, tiefer.
Im Alten Testament wird der Tod sehr nüchtern betrachtet:
Er ist Folge der Endlichkeit: „Staub bist du, und zum Staub kehrst du zurück“ (Gen 3,19).
Zugleich gilt er als Folge der Sünde: Der Bruch mit Gott führt zum Bruch des Lebens (Gen 2,17; Röm 5,12).
Die Vorstellungswelt der Hebräer kannte den Scheol, die Unterwelt. Dort waren die Toten „Schatten“, ohne wirkliche Kraft oder Stimme. Scheol ist kein Ort der Strafe, sondern der Entmachtung. „Die Toten loben den HERRN nicht“ (Ps 115,17). Und doch finden wir bereits im Alten Testament erste Hoffnungslichter:
In Daniel 12,2 heißt es: „Viele, die im Staub schlafen, werden erwachen, die einen zum ewigen Leben, die anderen zur ewigen Schmach.“
In Jesaja 25,8 wird angekündigt: „Gott wird den Tod verschlingen auf ewig.“
In den Psalmen beten Menschen voll Vertrauen: „Auch wenn ich im finsteren Tal gehe, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir“ (Ps 23,4).
Der Tod ist also ernst und endgültig – aber das Vertrauen auf Gottes Macht über ihn hinaus ist schon da.
Im Neuen Testament wird der Tod in einem doppelten Licht
gesehen:
Der Tod ist Lohn der Sünde (Röm 6,23).
Er herrscht über die Welt (Hebr 2,14).
Er ist „der letzte Feind“ (1 Kor 15,26).
Jesus sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt“ (Joh 11,25).
Paulus kann bekennen: „Sterben ist mein Gewinn“ (Phil 1,21).
In 1 Thess 4,13–14 tröstet Paulus: „Wir wollen euch nicht in Unkenntnis lassen über die Entschlafenen, damit ihr nicht trauert wie die anderen, die keine Hoffnung haben.“
Der Tod bleibt ernst. Aber er ist nicht mehr absolute Grenze. Durch Jesus wird er zum Durchgang.
Die Bibel arbeitet mit starken Bildern, um den Tod zu beschreiben:
Schlaf: Tod ist nicht Vernichtung, sondern Übergang in Gottes Hand (1 Thess 4,13).
Heimgehen: Der Mensch kehrt zurück zu Gott, der ihn geschaffen hat (Koh 12,7).
Saat und Ernte: Paulus vergleicht den Tod mit einem Samenkorn, das sterben muss, damit neues Leben wächst (1 Kor 15,36f).
Geburt: Johannes 3 spricht vom „neu geboren werden“ – der Tod wird wie eine zweite Geburt in Gottes Welt gedeutet.
Diese Bilder nehmen dem Tod nicht seine Härte, aber sie verwandeln die Perspektive: Der Tod ist nicht das Ende, sondern Teil einer größeren Bewegung.
Im Zentrum des christlichen Glaubens steht nicht eine Lehre, sondern ein Ereignis: Karfreitag und Ostern.
Jesus selbst ist den Tod nicht umgangen, sondern hat ihn erlitten – in äußerster Brutalität am Kreuz.
Er starb nicht an Altersschwäche, sondern als Opfer von Gewalt, Hass und Ungerechtigkeit.
Sein Schrei „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34) zeigt: Jesus kennt die Gottverlassenheit des Todes.
Damit macht er den Tod ernst – er nimmt ihn nicht als Illusion oder Täuschung, sondern als wirkliche Grenze.
Und doch: Am Ostermorgen wird erzählt, dass Jesus auferstanden ist.
Nicht zurück ins alte Leben, sondern hin zu einer neuen Wirklichkeit.
„Der Tod ist verschlungen im Sieg“ (1 Kor 15,54).
Damit ist der Tod entmachtet. Für die Christen bedeutet das: Wer Christus angehört, ist in seinen Tod hineingenommen – und in sein Leben. „Sind wir mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden“ (Röm 6,8).
Seit Ostern gilt: Der Tod bleibt der „letzte Feind“, aber er ist besiegt.
Er bleibt schmerzhaft – aber er hat nicht das letzte Wort.
Er bleibt Grenze – aber er ist zugleich Tor zum Leben bei Gott.
Darum kann Paulus sagen: „Wo ist, Tod, dein Sieg? Wo ist, Tod, dein Stachel?“ (1 Kor 15,55).
Im Christentum wird der Tod nicht als triviales Ereignis betrachtet, sondern als ernsthafte Realität. Bibelstellen beschreiben ihn als Grenze, Konsequenz der Sünde und letzte Macht. Nach christlicher Lehre erhält der Tod durch Jesus Christus jedoch eine neue Bedeutung: Er wird zu einem Übergang vom Ende zum Anfang und vom Sterben zum Leben.
Die ersten Christen lebten in einer Welt, in der Tod allgegenwärtig war: Kriege, Seuchen, Verfolgungen. Ihre Hoffnung auf die Auferstehung war daher keine abstrakte Lehre, sondern Lebensquelle.
Ignatius von Antiochien († 110) schrieb auf dem Weg zum Martyrium: „Lasst mich das Brot Gottes sein … und durch den Tod mit Christus verbunden werden.“ Für ihn war Sterben keine Niederlage, sondern Vereinigung mit Christus.
Augustinus (354–430) beschrieb den Tod als Folge der Sünde – und zugleich als Übergang: „Sterben müssen wir alle, aber wer an Christus glaubt, stirbt nicht endgültig, sondern wird verwandelt.“
Im Mittelalter entwickelte sich eine regelrechte „Sterbekunst“ (ars moriendi). Sie sollte Christen helfen, sich rechtzeitig vorzubereiten:
durch Beichte und Abendmahl,
durch Versöhnung mit Mitmenschen,
durch das Vertrauen, dass Christus den Tod schon überwunden hat.
Viele Kunstwerke dieser Zeit – Totentanz, Memento-mori-Darstellungen – hielten die Endlichkeit vor Augen. Ziel war nicht Angst, sondern Bewusstsein: „Lebe so, dass du jederzeit bereit bist.“
Martin Luther betonte, dass der Tod nicht allein durch gute Werke überwunden werden kann. Allein der Glaube an Christus schenkt Trost. Für ihn war der Tod wie „ein Schlaf, bis Christus uns weckt“.
In der Neuzeit rückte stärker die Subjektivität in den Vordergrund. Fragen nach individueller Angst, nach der Ungewissheit des Jenseits, prägten die Theologie. Der Tod wurde immer weniger als „gemeinsames Schicksal“ gesehen, sondern als persönliche Herausforderung.
Einige aktuellere Theologen sollen hier noch zu Wort kommen:
Karl Rahner (1904–1984) sprach vom Tod als „letztem Akt der Freiheit“: Im Sterben entscheidet der Mensch sich endgültig für oder gegen Gott.
Jürgen Moltmann betonte die Hoffnung: „Der Tod ist die Grenze, an der Gott beginnt.“ Seine Theologie der Auferstehung ist zutiefst lebensbejahend.
Dorothee Sölle sah den Tod nicht nur als individuelles Ende, sondern auch im Kontext gesellschaftlicher Verantwortung: „Der Tod ruft uns, das Leben gerechter zu gestalten.“
So bleibt der Tod in der Theologie ambivalent: letzte Grenze – und Tor zur Vollendung.
Von Anfang an haben Christen ihre Verstorbenen in Rituale eingebettet, die Trost schenken:
Der Leichnam wird nicht entsorgt, sondern ehrfurchtsvoll behandelt – als Tempel des Heiligen Geistes.
Die Beisetzung wird mit Gebeten, Psalmen und dem Kreuzzeichen begleitet.
Zentral ist die Auferstehungshoffnung: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ (Hiob 19,25).
In der katholischen Tradition spricht man vom „Requiem“ – einer Feier, die Leid und Hoffnung miteinander verbindet.
In der evangelischen Tradition betont die Predigt oft die Einzigartigkeit des Lebens und die Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit.
In den allermeisten christlichen Traditionen ist es eine sog. Kasualien, also ein Gottesdienst aus Anlass eines „Kasus“. Dies bestimmt auch die Form und den Inhalt der Trauerfeiern.
Christliche Begräbnisse sind reich an Symbolen:
Kreuz: Zeichen, dass Christus den Tod getragen und überwunden hat.
Kerze: Erinnerung an Christus als „Licht der Welt“ (Joh 8,12).
Blumen: Ausdruck der Vergänglichkeit – aber auch Hinweis auf neues Leben.
Erde: „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“ – und zugleich Hoffnung, dass Gott neues Leben aus dem Staub schafft.
Wasser: Erinnerung an die Taufe, in der der Mensch schon „mit Christus gestorben und auferstanden“ ist (Röm 6,4).
Musik spielt im christlichen Trauerritual eine besondere Rolle:
Choräle wie „Jesus, meine Zuversicht“ oder „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ tragen die Hoffnung.
Gebete wie das „Vaterunser“ verbinden die Trauergemeinde im Vertrauen auf Gottes Nähe.
So wird deutlich: Rituale lassen Trauernde nicht allein, sondern binden sie in die große Hoffnungsgemeinschaft ein. Trauerfeiern sind so, insbesondere in manchen evangelischen Freikirchen Gottesdienste für die versammelte Gemeinde, um so diese theologische begründete Verbundenheit auch sichtbar zum Ausdruck zu bringen.
Die christliche Perspektive bleibt gespannt zwischen zwei Polen:
Paulus nennt den Tod den „letzten Feind“ (1 Kor 15,26).
Er entreißt uns Beziehungen, zerstört Körper und Träume. Christlicher Glaube nimmt diesen Schmerz ernst – er überspielt ihn nicht.
Und doch: In Christus ist der Tod überwunden.
Jesus sagt: „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen“ (Joh 14,2).
Damit ist der Tod nicht das Ende, sondern eine Tür in ein größeres Zuhause. Sterben wird so zum Durchgang, ähnlich wie Geburt ein Durchgang ins Leben ist.
Christliche Trauerkultur bringt diese Spannung zum Ausdruck:
Tränen und Klage: In Beerdigungen dürfen Gefühle Raum haben.
Hoffnung und Dankbarkeit: Lieder, Gebete und Symbole verweisen auf neues Leben.
Es ist diese Balance, die Christen seit Jahrhunderten trägt: Der Tod bleibt schmerzhaft – und ist doch nicht endgültig.
Die Theologiegeschichte zeigt also: Der Tod wird je nach Epoche verschieden gedeutet – aber immer im Horizont der Auferstehung. Christliche Rituale und Symbole helfen, Trauer zu tragen und Hoffnung zu leben.
Doch die Ambivalenz bleibt: Der Tod ist zugleich Feind und Durchgang.
Seit dem Mittelalter gibt es den Begriff der ars moriendi, der „Sterbekunst“. Er meint nicht ein Handwerk, sondern eine innere Haltung: Wie kann ein Christ dem Tod begegnen, ohne in Angst zu erstarren?
Im 15. Jahrhundert entstanden ganze Bücher, die Sterbenden und Angehörigen Hilfen anboten. Sie gaben Ratschläge für Gebete, Beichte, Versöhnung, Loslassen.
Zentral war die Gewissheit: Christus hat den Tod besiegt, deshalb kann ich ihm vertrauen.
Die ars moriendi wollte Menschen nicht belehren, sondern befähigen, den Tod als Teil des Lebensweges anzunehmen.
Bis heute gibt es geistliche Praktiken, die helfen können, sich auf Sterben und Tod vorzubereiten:
Gebet: Die Psalmen geben Worte für Angst, Klage und Hoffnung.
Sakramente: Taufe, Abendmahl und (im katholischen Bereich) Krankensalbung erinnern an Gottes Treue – bis zum letzten Atemzug.
Versöhnung: Konflikte bereinigen, Schuld aussprechen, anderen vergeben – um frei zu werden.
Meditation: Sich bewusst der eigenen Endlichkeit stellen, um das Leben tiefer zu spüren.
So wird der Tod Teil einer größeren Bewegung: hin auf Gott zu.
Manche Theologen sprachen sogar vom Sterben als „Berufung“. Nicht im Sinn von Pflicht, sondern von Vollendung: Das Leben, das Gott geschenkt hat, darf nun in seine Hände zurückkehren. So wie Geburt ein Übergang ins Leben war, so ist der Tod der Übergang in Gottes Ewigkeit.
Die Ars Moriendi prägte die christliche Sterbekultur bis weit in die Neuzeit.
Sie legte die Basis für später bekannte Formen der Sterbebegleitung und „Sterbekunst“, die in der Barockzeit (z. B. Memento mori, Totentanz-Motive) wiederaufgenommen wurden. Elemente davon fließen noch heute in Hospizarbeit und spirituelle Sterbebegleitung ein.
„Es gibt Wege, die sollte niemand allein gehen müssen.“ – dieser Gedanke prägt meine Überzeugung von Seelsorge, nicht nur am Lebensende. Aber insbesondere ist es m.E. so, dass
Sterbende Nähe, Zuwendung brauchen und ihre Würde geachtet gehört.
Angehörige brauchen Trost, Raum für ihre Gefühle und Unterstützung.
Seelsorgerinnen und Seelsorger begleiten nicht mit fertigen Antworten, sondern mit Präsenz.
Jesus selbst ist hier Vorbild: Er war bei den Leidenden, hat mit ihnen geweint, hat sie nicht allein gelassen.
In der Sterbebegleitung ist Sprache sensibel:
Nicht billiger Trost, sondern ehrliche Anteilnahme.
Worte der Bibel, die durch Jahrhunderte tragen: „Der Herr ist mein Hirte“ (Ps 23).
Zuspruch, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Viele Menschen erinnern sich noch Jahre später daran, welche Worte sie im Angesicht des Todes begleitet haben – und welche eher verletzt haben.
Seelsorge lebt nicht nur von Worten, sondern auch von Zeichen:
Die Hand halten, wenn jemand stirbt.
Eine Kerze anzünden.
Ein Gebet sprechen.
Den Sterbenden segnen.
Solche Gesten machen spürbar: Du bist nicht allein. Gott ist bei dir.
Auch nach dem Tod geht seelsorgerliche Begleitung weiter. Christliche Beerdigungen verbinden Trauer und Hoffnung. In vielen Traueransprachen klingt diese Spannung an:
„Er war mein Leben“ – der Schmerz ist real.
„Aber wir wissen, dass er in Gottes Händen geborgen ist“ – die Hoffnung trägt.
So wird Trost konkret erfahrbar: nicht durch Vertröstung, sondern durch Hoffnung inmitten der Trauer.
Moltmanns Theologie der Hoffnung betont, dass Gott den Tod nicht hinnimmt, sondern überwindet. Für ihn ist die Auferstehung Christi der Beginn einer neuen Welt:
„Der Tod ist die Grenze, an der Gott beginnt.“
Sölle betonte, dass christlicher Glaube nicht bedeutet, dem Tod auszuweichen. Aber er bedeutet, das Leben im Angesicht des Todes anders zu gestalten – gerechter, solidarischer, hoffnungsvoller.
Papst Franziskus spricht oft davon, dass wir „auf dem Weg zum Vaterhaus“ sind. Für ihn ist der Tod nicht das Ende, sondern Heimkehr. Gleichzeitig ruft er dazu auf, Sterbende zu begleiten und ihre Würde zu achten.
Die Hospizbewegung lebt von einem zutiefst christlichen Grundgedanken: Sterben soll nicht allein, sondern in Würde und Gemeinschaft geschehen. Cicely Saunders, Gründerin der modernen Hospizbewegung, prägte den Satz:
„Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“
Im Laufe der Jahrhunderte haben sich im christlichen Kontext verschiedene Formen zur bewussten Gestaltung des Sterbeprozesses (ars moriendi) entwickelt. Seelsorge am Lebensende zeichnet sich durch Zuwendung, Wahrung der Würde und das Angebot von Trost aus. Aktuelle Positionen betonen, dass der Tod nicht als endgültiges Ende betrachtet wird, sondern zugleich eine Herausforderung darstellt und Hoffnung eröffnen kann.
Christlicher Glaube lebt aus der Gewissheit: Der Tod ist nicht Endstation, sondern Durchgang, nicht das Letzte, sondern Vorletztes.
Für viele bleibt das eine paradoxe Erfahrung: Abschied, Schmerz, Tränen – und zugleich eine Hoffnung, die weiterführt. Aber genau in dieser Spannung entfaltet sich die christliche Botschaft: Wo alles endet, beginnt bei Gott etwas Neues. Das Johannesevangelium fasst diese Perspektive in einem der tröstlichsten Worte Jesu:
„In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt, dass ich euch den Platz bereite?“ (Joh 14,2)
Der Tod führt nicht ins Nichts, sondern ins Haus des Vaters.
Die christliche Tradition hat eine Fülle von Bildern entwickelt, um diese Hoffnung zu deuten.
Das Festmahl: In Jesaja 25,6 wird das ewige Leben als großes Festmahl beschrieben, an dem alle Völker teilnehmen. Der Tod ist verschlungen, die Tränen sind abgewischt.
Die Stadt Gottes: In der Offenbarung des Johannes erscheint das himmlische Jerusalem – ein Bild von Gemeinschaft, Licht, Geborgenheit.
Die Heimkehr: Paulus spricht davon, dass wir „daheim beim Herrn“ sein werden (2 Kor 5,8).
Der Garten: Viele Grabinschriften und Trauerbilder greifen das Bild des Paradiesgartens auf – ein Ort des Friedens und des Lebens.
Alle diese Bilder wollen nicht erklären, wie das Jenseits aussieht. Sie wollen ausdrücken: Es gibt ein Mehr an Leben, das wir uns nur in Bildern vorstellen können. Und selbst diese werden gesprengt und überboten, quasi transzendiert.
Die christliche Hoffnung auf das Leben nach dem Tod ist nicht nur Trost für die Zukunft – sie verändert auch das Hier und Jetzt.
Wer weiß, dass das Leben begrenzt ist, lebt bewusster.
Wer glaubt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, kann mutiger lieben und handeln.
Wer vertraut, dass Gott die Toten auferweckt, kann auch im Angesicht von Leid und Ungerechtigkeit aufstehen und widersprechen.
Darum ist der Glaube an die Auferstehung nicht Vertröstung, sondern eine Kraft, die schon jetzt trägt.
Christen glauben, dass im Tod die Gemeinschaft mit den Verstorbenen nicht abreißt.
In den Gebeten der Kirche wird für die Toten gebetet.
Viele Trauernde spüren: Der Verstorbene bleibt in der Erinnerung, im Herzen, im Glauben lebendig.
„Wir sind umgeben von einer Wolke von Zeugen“ (Hebr 12,1) – ein Bild dafür, dass die, die vor uns gegangen sind, uns begleiten.
So wird der Tod nicht nur Trennung, sondern auch Wiedervereinigung in der Ewigkeit.
Am Ende steht nicht ein abstraktes „Weiterleben“, sondern Gott selbst.
„Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein“ (Offb 21,4).
Es ist nicht das Nichts, das auf uns wartet, sondern die Nähe Gottes.
Die christliche Hoffnung ist darum nicht zuerst Hoffnung auf ein „Leben nach dem Tod“, sondern auf Gott, der Leben schenkt.
Der Tod bleibt eine Grenze, die wir nicht einfach kleinreden können. Er nimmt uns Menschen, die wir lieben, er konfrontiert uns mit Ohnmacht und Vergänglichkeit. Aber der christliche Glaube lädt ein, über diese Grenze hinauszuschauen.
Christen glauben, dass Jesus Christus selbst durch den Tod gegangen ist – und ihn verwandelt hat. Darum kann der Tod „Feind“ sein und bleibt es auch – und zugleich ist er „Tor“: Tor zum Leben, Tor zu Gott, Tor zur Ewigkeit.
Im Vertrauen darauf kann man – wie Dietrich Bonhoeffer – am Ende seines Lebens sagen:
„Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.“
Der Tod ist im Christentum eine ernste Realität – er wird nicht verdrängt.
Er wird biblisch als Folge der Sünde, als letzte Macht, aber auch als Durchgang verstanden.
Jesus Christus hat den Tod überwunden und macht ihn zum Tor ins Leben.
Theologie, Rituale und seelsorgerliche Begleitung helfen, diese Hoffnung zu leben.
Am Ende steht die Gewissheit: Gott ist größer als der Tod.
Alte christliche Jenseitsvorstellungen sind vielfach in Vergessenheit geraten. An ihre Stelle treten individuell zusammengefügte Konzepte, in denen Elemente buddhistischer Wiedergeburtsgedanken, esoterischer Lehren oder persönliche Wunschvorstellungen kombiniert werden. Dabei wird selektiv übernommen, was „passt“.
Animistische Vorstellungen, in denen die Toten als mächtig und gegenwärtig galten, finden sich heute eher in Computerspielen oder Zombie-Filmen wieder als in religiösen Riten. Religiöse Traditionen werden stattdessen oft fragmentarisch gemischt – ein „Patchwork-Jenseits“.
Der Religionswissenschaftler Christoph Daxelmüller fasst diese Entwicklung prägnant zusammen:
„Vom sinnvollen Tod und der tragenden Rolle der Kirche über die Laisierung seit der Reformation bis hin zur Säkularisierung und Profanisierung, die mit der Aufklärung einsetzte – vom Sterben in Gemeinschaft hin zum Sterben in der Einsamkeit der Krankenhäuser, vom Priester zum Bestatter, vom Tod als vertrautem Partner hin zu seiner Verdrängung – vieles hat sich grundlegend gewandelt.“
Diese Entwicklung kann man beklagen – doch weder Klage noch Ignoranz helfen weiter. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, sich bewusst mit dem eigenen Tod zu beschäftigen.
Denn das Nachdenken über Sterben und Tod schärft den Blick für das Leben. Wer die eigene Endlichkeit bedenkt, kann:
intensiver im Jetzt leben,
Prioritäten klarer setzen,
Dankbarkeit für das Leben entwickeln.
So wird die Beschäftigung mit dem Tod nicht zur Bedrohung, sondern zu einer Quelle von Tiefe und Lebendigkeit.
Im Jahr 2018 verstarben in Deutschland insgesamt 954 874 Menschen, darunter 470 332 Männer und 484 842 Frauen.
Die häufigste Todesursache im Jahr 2018 war, wie schon in den Vorjahren, eine Herz-/Kreislauferkrankung. Ca. 345 200 aller Sterbefälle waren darauf zurückzuführen. Zweithäufigste Todesursache waren die Krebserkrankungen: Rund ein Viertel aller Verstorbenen (230 031 Menschen) erlag im Jahr 2018 einem Krebsleiden. Durch einen Suizid beendeten 9 396 Menschen ihr Leben, wobei der Anteil der Männer mit 75,7 % mehr als dreimal so hoch war wie der Anteil der Frauen mit 24,3 %.
Trotz dieser enorm hohen Zahlen werden der Tod und das Sterben eher an den Rand der Gesellschaft gedrängt.
Euphemistisch wird vom Tod als Freund Hein (oder Hain, Gevatter Hein, Bruder Hein) gesprochen.
Oder anstelle der Endgültigkeit des Todes dann doch lieber vom „Verlassen, Hinscheiden, Ableben, Heimgehen, Entschlafen, die letzte Reise antreten“ geredet. Selbst wenn ein Mensch unter qualvollen Umständen stirbt, findet man noch umgangssprachliche Alternativen, wie „umkommen“ oder auch „Erlösung“. Und ein bei Kampfhandlungen ums Leben gekommener Soldat, wird als „Gefallener“ bezeichnet.
Je nach der zugrundeliegenden Auffassung gibt es verschiedene Vorstellungen, was nach dem Tod passiert. Die Religion betrachtet den Tod nicht als Ende des Lebens, sondern als Übergang in eine andere, wenn auch z.T. vage Existenzform. Die Vorstellungen unterscheiden sich dabei sehr. Häufig finden sich Vorstellungen einer Toten- bzw. Seelenreise in das Totenreich.
Im antiken Rom ist der Tod das natürliche oder gewaltsame Ende des Lebens, nicht Erlösung oder Strafe. Vielmehr notwendiger Teil des „Menschseins“. Was entsteht, vergeht.
Das Neue Testament nimmt unter Verwendung unterschiedlichster Begriffe in komplexer Weise auf das Thema „Tod“ Bezug. Dabei zielt die christliche Hoffnung auf die Auferstehung der „Toten“. Damit ist keineswegs eine Neubelebung der Leichen gemeint, sondern der Sieg Christi (1. Korinther 15) über den Tod als Anti-Göttliche Macht. Der Religionswissenschaftler Geo Widengren stellt fest, dass früher „die schriftlosen Völker den Tod NICHT als ein unausweichliches Schicksal für den Menschen betrachteten. Im Gegenteil ist der Tod seinem Ursprung und seinen Ursachen nach, unnatürlich.“ Dieser Gedanke findet sich auch in der Bibel, wo der Tod als „Folge des menschlichen Ungehorsams“ gedeutet wird. Auch in anderen Traditionen, z.B. den Fidschiinseln kehrt dieses Motiv wieder.
Dieses Spektrum zwischen „Unnatürlich“ und „dem Leben zugeordnet“ findet sich bis heute. So meinen manche Menschen, der Tod sei furchtbar und schrecklich. Andere wiederum haben nichts gegen ihn einzuwenden, solange er ihnen keine Schmerzen bereitet.
Manche Autoren beschreiben den Tod als „Glückmoment“. So meinte die streitbare Sterbeforscherin Kübler-Ross: „Der Moment des Todes ist ein ganz befreiendes, schönes Erlebnis. Man löst sich von seinem körperlichen Körper, der vielleicht im Bett liegt. Man beobachtet seinen Körper von oben ohne Angst und ohne Schmerzen und ohne Heimweh. Sterbende haben Glücksgefühle. Sie lösen sich von ihrem Körper wie ein Schmetterling aus seinem Kokon. Der Glückszustand der Transformation vom körperlichen zum körperlosen Zustand ist unbeschreiblich schön!“
Wenig Angst vor dem Tod hatte wohl auch Wolfgang Amadeus Mozart, der 1787, vier Jahre vor seinem frühen Tod schrieb: „Da der Tod (genau zu nehmen) der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mir seit ein paar Jahren mit diesem wahren, besten Freunde des Menschen so bekannt gemacht, dass sein Bild nicht allein nichts Schreckendes mehr für mich habe, sondern recht viel Beruhigendes und Tröstendes.“
J.R.R.Tolkien schrieb dagegen: „Und schließlich gibt es das älteste und tiefste Verlangen, die große Flucht dem Tod zu entrinnen.“
Wenn der Tod doch solch ein Glücksmoment darstellt, so viel Beruhigendes und Tröstendes in sich trägt, wieso fürchten wir uns denn dann vor ihm? Der Tod ist sperrig und nicht zu fassen. Alle philosophischen, theologischen und soziologischen Untersuchungen und Betrachtungen erscheinen mir eher wie eine Art Notbeleuchtung im Todesdunkel und werfen nicht einmal etwas Licht ins tiefe, finstere Tal.
Vielleicht führt uns dieses Zitat aus dem Gedicht „Memento“ von Mascha Kaléko auf eine Spur?
"Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang,
nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
… Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der anderen muss man leben."
Allgemein lässt sich der Tod begreifen als „unumkehrbarer Übergang vom Sein zum Nichtsein für ein Lebewesen“.
Der Tod (wie englisch „to die“ von germanisch dauþus ‚Tod' und dawjan, ‚sterben') ist das Ende des Lebens bzw. (als biologischer Tod bei einem Lebewesen) das endgültige Versagen aller lebenserhaltenden Funktionsabläufe. Der Übergang vom Leben zum Tod wird Sterben genannt, der eingetretene Tod auch Exitus letalis.
Wenn aber der Tod für alle Lebewesen, und damit auch für die Menschen als zwingendes Ende der Existenz kommt, ist die Auseinandersetzung mit dieser Frage unausweichlich. Da der Tod sicher und unabwendbar kommt, können wir nur die Wahrnehmung des Todes beeinflussen. So lautet verkürzt das berühmte Zitat Epikurs:
„Gewöhne dich daran zu glauben, dass der Tod keine Bedeutung für uns hat. Denn alles, was gut und alles, was schlecht ist, ist Sache der Wahrnehmung. Der Verlust der Wahrnehmung aber ist der Tod. Daher macht die richtige Erkenntnis, dass der Tod keine Bedeutung für uns hat, die Vergänglichkeit des Lebens zu einer Quelle der Lust, indem sie uns keine unbegrenzte Zeit in Aussicht stellt, sondern das Verlangen nach Unsterblichkeit aufhebt. Das schauerlichste aller Übel, der Tod, hat also keine Bedeutung für uns; denn solange wir da sind, ist der Tod nicht da, wenn aber der Tod da ist, dann sind wir nicht da“
Die weitreichenden Fragestellungen, die sich daraus ergeben, bewegen Mediziner, Philosophen und Theologen auf der ganzen Welt.
Bedeutet der Tod in der Tat nichts?
Wann sterben wir?
Was ist der Zeitpunkt des eingetretenen Todes?
Was heißt es, am Leben zu sein?
Was kann ein „guter“ Tod sein?
Ist der Tod wirklich immer unser Feind?
Kommt „etwas“ nach dem Tod?
In der Science-Fiction Serie „Torchwood“ wird in der 4. Staffel „Miracle Day“ das Schrecken des „Nicht-mehr-sterben-könnens“ cineastisch entfaltet und dramatisch in Szene gesetzt. Plötzlich und ohne Erklärung stirbt kein Mensch mehr weltweit. Dieses Ereignis wird "Miracle Day" genannt. Die Menschen werden immer noch krank, erleiden Verletzungen, haben Unfälle, aber sie sterben nicht. Die Todesstrafe „funktioniert“ nicht mehr. Selbst nach den schrecklichsten und den grausamsten Katastrophen leben sie weiter. Auswirkungen und Folgen sind katastrophal, grausam, menschen-unwürdig, Überbevölkerung, Ressourcenknappheit und kollabierende Gesundheitssystems sind die Folge.
Kurz gesagt: „Miracle Day“ erzählt von einer Welt, in der niemand mehr sterben kann – und von den politischen, ethischen und menschlichen Abgründen, die dadurch sichtbar werden.
Die daraus sich hergebenden Fragestellungen sind vielschichtig.
Auch, ob denn der Tod immer "Feind" ist und damit ebenfalls zwangsläufig auch die Frage nach dem assistierten Suizid?
Wohin wir gehen?
Letztendlich bleibt die Unwissenheit über den Tod. Die Frage nach dem Jenseits. Wir vermuten und tappen weiter im Dunkeln. Vielleicht gelingt es manchem auch, vertrauensvoll diese letzte Grenze zu überschreiten.
So, wie es in dem folgenden Gedicht heißt:
Ich gehe meinen Weg vertrauend darauf,
dass er kein Irrweg, sondern ein Heimweg ist.
Ich geh meinen Weg vertrauend darauf,
dass er mich nicht ans Ende, sondern an das Ziel führt!
Ich geh meinen Weg vertrauend darauf,
dass, wenn ich gefragt werde, wohin ich gehe,
ich antworten kann: "Immer nach Haus!"
Wenn wir vom Sterben sprechen, kommen wir nicht an den körperlichen Realitäten vorbei. Medizinisches Wissen kann uns helfen, das Unbekannte ein Stück weniger bedrohlich zu erleben. Symptome, Abläufe und Begriffe erklären nicht alles, aber sie können Ängste verringern. Dieses Kapitel möchte Orientierung geben, ohne die Menschlichkeit aus den Augen zu verlieren. Ich danke Dr. Christiane Hoffmann für ihren Beitrag unter der Überschrift: „Tod und Trauer unter medizinischen Gesichtspunkten“
Sterben ist mehr als der letzte Atemzug oder das Erlöschen des Pulsschlages. Sterben endet nicht von einer Minute auf die andere, sondern ist ein Prozess. Und ein Prozess besteht nicht nur aus einzelnen Schritten, die quasi nacheinander ablaufen, sondern sich ggf. auch wiederholen.
Von Geoffrey Scarre, Professor für Philosophie an der University of Durham, stammt der Gedanke, dass „nicht jedes Sterben auch zwingend im Tod endet“. Er macht diese, oftmals verdrängte Tatsache bewusst, dass auch heute noch „Wunder“ geschehen. Menschen überleben infauste Prognosen. Der Tod wird als zeitnahes Ereignis angedeutet und die Lebensdauer als sehr begrenzt dargestellt.
Und dann geschieht das „Wunder“ der Genesung. Dem bereits Totgesagten werden noch einmal Monate oder gar Jahre geschenkt. Er hatte zwar mit dem Leben „abgeschlossen“, aber bekommt nun eine erneute Chance und lebt weiter.
Doch wie sieht dieses Weiterleben aus? Wieviel Ängste und wieviel Freude erfüllt die so „geschenkte“ Zeit?
Aus diesem Grund, sagt Scarre, könnten Einzelne auch mehrmals sterben. Das Sterben ist eben nicht universal. Vielmehr stirbt jeder Mensch auf seine ganz eigene Weise. Scarre stellt sich dabei das Ende des Lebens als einen sich schließenden Kreis vor. So begreift er den Tod als „erschöpfende Vollendung“.
Tod kann sich vielleicht auch als Geschenk offenbaren. In einem häufig zitierten Spruch auf Traueranzeigen heißt es: „Der Tod kann auch freundlich kommen zu Menschen, die alt sind, deren Hand nicht mehr festhalten will, deren Augen müde wurden, deren Stimme nur noch sagt: Es ist genug. Das Leben war schön.“
Oder der Tod wird als eine Erlösung von schwerer Krankheit und Leid begriffen.
Unsere derzeitige Kultur erfordert die andauernde Expansion unseres Selbst. Wir klettern auf immer höhere Berge, springen kopfüber von Felsen, und lassen uns operieren, um sehr lange jung auszusehen. In diesem Zusammenhang muss der Tod eine Katastrophe sein, denn der Kreis kann sich nie schließen. Immer fehlt uns noch etwas.
Uns Menschen bewohnt der Schmerz und Widerstand gegen das Sterben. Schmerzen verändern uns, gleichzeitig lassen sie sich beeinflussen. Nicht nur mittels Analgetika. Auch soziale Einflüsse und unsere Umwelt wandeln die Intensität. So senken beispielsweise Einsamkeit und Isolation die Schmerzschwelle herab.
Der Schlüssel zu einem natürlichen Umgang mit dem Tod und Sterben liegt darin, Abschiede bewusst zu erleben ohne sich mit dem Wiedersehen zu (ver)trösten.
Es hilft bewusst zu leben und das Leben zu lieben. Hilfreich ist es, das eigene Alter mit allen Fähigkeiten und Möglichkeiten zu würdigen aber auch die Einschränkungen zu akzeptieren, die es mit sich bringt.
Auch wenn es Einschränkungen gibt und es klar ist, dass die Zeit die bleibt begrenzt ist, hilft es Gegengewichte zu schaffen. Es ist hilfreich Freude gegen das Leid zu setzen und sich nicht hinter den Schwierigkeiten und Einschränkungen und Krankheiten zu vergraben.
Auch Gefühle dürfen und sollten zugelassen werden, wenn es darum geht Abschied zu nehmen. Auch wenn es schwer ist und man vor der Krankheit und den Einschränkungen alles alleine meistern konnte, ist ein wichtiger Schritt das Annehmen und Bitten um Hilfe, wenn die eigenen Kräfte nicht mehr reichen.
