Beschreibung

Glück ist, über den eigenen Schatten zu springen. Nie wieder zurück in die Heimat. Das schwor sich Greta vor siebzehn Jahren, als genau dort ein Unglück geschah, das ihr Leben aus den Fugen riss. Und doch steht sie auf der Fähre, die sie nach Amrum bringt – als Trauzeugin ihrer Schulfreundin Merle. Kann sich Greta der Vergangenheit, die ihr einst alles genommen hat, stellen? Doch nicht nur ihrer Vergangenheit muss sie sich stellen, sondern auch Tante Agnes, ihrer einzigen Verwandten auf der Insel, die ihr irgendetwas verschweigt. Und dann ist da noch Peter, der zweite Trauzeuge, der ihre Gefühle gehörig durcheinanderwirbelt. Sich auf Amrum verlieben, ist wirklich das Letzte, was Greta will. Doch manchmal hat Amor eigene Pläne.

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Beliebtheit


Im Andenken an meinen Papa

Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über www.dnb.de© 2020 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerEPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8368-2

Rosita HoppeTräumen am Meer

Rosita Hoppe ist in einem kleinen Ort, unweit der Rattenfängerstadt Hameln, aufgewachsen und lebt noch heute dort. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Die gelernte Reiseverkehrsfrau arbeitete einige Jahre als pädagogische Mitarbeiterin an einer Grundschule und als freie Mitarbeiterin für die Lokalzeitung ihres Heimatortes, als sie die Liebe zum Schreiben entdeckte.Ihre Leidenschaft gilt den Liebesromanen, in denen sich die Höhen und Tiefen des Lebens zeigen. Inspiration für ihre einfühlsamen, turbulenten wie auch prickelnden Werke, die unter verschiedenen Namen veröffentlicht sind, findet die Autorin unter anderem bei Reisen.Ihre Liebe zum Meer und ganz besonders zu den Nordseeinseln spiegelt sich auch in einigen ihrer Romane wider. „Glück am Meer“ ist der zweite Roman, den die Autorin auf der nordfriesischen Insel Amrum angesiedelt hat und der erste, der im CW Niemeyer Buchverlag erscheint.Seit 2009 ist Rosita Hoppe Mitglied bei DELIA, der Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren und -autorinnen.Mehr zur Autorin finden Sie unter: www.rositahoppe.de

Manchmal muss man im Leben ein Wagnis eingehen. Und vielleicht ist es der beste Schritt, den man gehen kann.

1. Kapitel

Wie hatte sie diesen atemberaubenden Blick auf die Silhouette der Insel, wenn man mit dem Schiff langsam, aber stetig näher kommt, vergessen können? Oder hatte sie das früher nicht so empfunden, einfach darüber hinweggesehen, weil es damals etwas Normales gewesen war? Lag es vielleicht daran, dass sie der Insel so verdammt lange ferngeblieben war?

Greta atmete tief durch und sah sich um. Links am Horizont die kleinen, wie an einer Perlenschnur aufgereihten Warften der Hallig Langeneß. Rechts hinter ihr die Insel Föhr, die sie eben passiert hatten.

Seit sie dieses Fährschiff betreten hatte, spürte sie ihn – diesen dicken, fiesen Knoten, der ihre Eingeweide zusammenkrampfte und so schwer wie ein Felsbrocken wog. Der Druck verstärkte sich, je näher sie ihrer Heimatinsel kam. Amrum – wie lange war sie nicht mehr dort gewesen? Genau siebzehn Jahre, vier Monate und dreiundzwanzig Tage. Seit sie sich zu der Entscheidung durchgerungen hatte, diese Reise anzutreten, die ihr alles abverlangte, flackerten die Bilder von damals auf und ließen ihr Herz wieder weinen. Wieso hatte sie sich von Merle überreden lassen? Mit Sicherheit hatte ihre Schulfreundin überhaupt keine Vorstellung davon, was sie ihr damit antat.

Sie könnte immer noch umkehren. In Wittdün einfach auf dem Schiff bleiben und zurück zum Festland fahren. Zwar würde sie damit Merle und auch Ole vor den Kopf stoßen, aber sie würde sich nicht mit dem konfrontieren müssen, vor dem sie seit so vielen Jahren davonlief.

Greta suchte nach einem Punkt, auf den sie sich konzentrieren konnte, damit die Erinnerungen nicht überhandnahmen. Sie fixierte den Fähranleger. Das blaue Stahlgebilde wirkte wie ein Tor, das jeder Reisende passieren musste, der das Fährschiff verlassen und auf die Insel wollte. „Herzlich willkommen auf Amrum“ konnte sie inzwischen entziffern. Der Willkommensgruß galt für alle anderen Ankommenden, nur nicht für sie, denn sie konnte die Insel einfach nicht betreten. Vor einigen Tagen noch hatte sie geglaubt, die Vergangenheit ausblenden zu können. Wie hatte sie so naiv sein können?

Ein Poltern riss sie ins Hier und Jetzt zurück. Die Fähre hatte angelegt und vor ihr hob sich bereits die Reling. Erste Passagiere hasteten von Bord, sicher froh, endlich angekommen zu sein.

Was bist du für eine Trauzeugin, wenn du jetzt kneifst? Das wird dir Merle nie verzeihen. Mit einer harschen Armbewegung versuchte Greta diesen kleinen Teufel, der ihr die Worte ins Ohr flüsterte, zu vertreiben. Doch er blieb hartnäckig auf ihrer Schulter sitzen. Und du dir wahrscheinlich auch nicht. Also los, sieh zu, dass du von Bord kommst.

Greta starrte den Menschen nach, die vom Schiff strömten, den Autos, die langsam an Land rollten.

„Huhu, Greta!“, wehte der Wind eine Stimme zu ihr herauf. Irritiert glitt ihr Blick über den Anleger. Merle! Sie hatte total ausgeblendet, dass ihre Freundin versprochen hatte, sie abzuholen, und nun stand sie dort unten und winkte ihr mit beiden Armen zu. „Nun mach schon, es sind fast alle von Bord.“

Greta konnte sich nicht rühren. Ihre Schuhsohlen schienen wie festgeklebt, ihre Beine steif wie ein Brett. Plötzlich begannen ihre Knie zu zittern und sie ließ sich kraftlos auf die Bank hinter sich sinken. Ihre Hände krampften sich ineinander. Plötzlich fasste sie jemand von hinten an den Schultern, schüttelte sie.

„Greta, warum kommst du nicht? Was ist denn los?“

Greta wandte den Kopf und zwinkerte krampfhaft die Tränen weg. „Merle. Was machst du auf dem Schiff?“

„Na, was wohl? Dich holen, bevor die Fähre ablegt und dich mit zurücknimmt.“

Ein tiefer Seufzer kam über Gretas Lippen. „Ich kann das nicht.“

„Wie, du kannst nicht?“

„Ich kann die Insel nicht betreten. Ich schaffe es einfach nicht.“

„Du spinnst ja. Natürlich verstehe ich, dass es dir nicht leichtfällt seit damals. Aber du kannst mich – uns – doch so kurz vor der Trauung nicht im Stich lassen. Das willst du doch nicht ernsthaft tun, oder?“

Ihre Schultern wogen schwer wie Blei, als Greta resigniert mit ihnen zuckte. „Merle, versteh doch …“

Merle schob ihren Arm unter Gretas und zog sie von der Bank. Mit der anderen Hand griff sie nach dem Koffer, der vor Greta stand. „Wir schaffen das. Versprochen. Ole wartet schon auf uns. Er freut sich total, dich endlich kennenzulernen.“

Es fühlte sich an, als würde sie neben sich stehen und sich von außen betrachten, als Merle sie vom Außendeck über die Treppe nach unten und Richtung Ausgang führte. Erste Passagiere, die zurück zum Festland wollten, kamen an Bord und drängten sich, gepäckbeladen, an ihnen vorbei. Greta versuchte, Merles Arm abzuschütteln. Sie wollte keinen Schritt weitergehen und hoffte, dass ihnen die entgegenströmenden Passagiere den Weg versperrten und die Fähre ablegte, ohne sich darum zu kümmern, dass Merle und sie noch nicht ausgestiegen waren.

Blöderweise ließ Merle sich nicht abschütteln. Sie nickte dem Decksmann zu, der nur darauf zu warten schien, dass sie beide endlich von Bord gingen. „Danke, dass ihr so lange gewartet habt“, rief Merle dem Mann zu.

Kaum standen sie auf festem Boden, hörte Greta hinter sich das Poltern der Reling. Sie zuckte zusammen, als das Schiffshorn die Abfahrt ankündigte. Nun gab es kein Zurück mehr, jedenfalls nicht im Augenblick.

Greta trottete hinter Merle her, die sie weiterzog, bis sie vor einem schwarzen Kleinwagen stehen blieben. „Ich kann ja verstehen, dass es dir nach damals schwerfällt. Aber mal ehrlich, es ist schon so viele Jahre her.“ Merle hievte Gretas Koffer ins Auto, dann wandte sie sich um und umarmte Greta.

„Herzlich willkommen auf Amrum.“

Die gleichen Worte wie die, die auf dem Anleger stehen, schoss es Greta durch den Kopf.

„Ich freu mich so sehr, dass du da bist. Und natürlich dass du meine Trauzeugin sein wirst. Mensch, Greta, nur noch drei Tage. Ich kann es kaum noch abwarten.“

Greta ließ Merles überschwängliche Begrüßung wortlos über sich ergehen. In ihrem Kopf und tief in ihrem Herzen herrschte Chaos. Die Bilder von damals, die ihr, seit sie die Einladung von Merle erhalten hatte, den Schlaf raubten, ließen sich nicht vertreiben. Verdammt, warum hatte das passieren müssen?

Die Fahrt nach Norddorf verlief schweigend. Greta saß stocksteif neben Merle und starrte geradeaus, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Einzig Merles Seitenblicke – alle paar Minuten – spürte sie. Sie war Merle dankbar, dass sie schwieg. Ihre Freundin schien zu spüren, wie sehr sie es brauchte, ihre Gedanken, ihre Erinnerungen zu sortieren. Als sie die Abzweigung nach Steenodde passierten, presste Greta ihre Lippen fest aufeinander und ballte die Hände in ihrem Schoß zu Fäusten. Zudem spürte sie einen heftigen Stich in ihrem Bauchraum. In Steenodde war sie aufgewachsen. Als sich eine Hand auf ihren Arm legte, die sie wohl trösten sollte, schossen ihr Tränen in die Augen. Greta versuchte sie wegzublinzeln, aber es funktionierte nicht. Sie kullerten ungehindert über ihre Wangen und tropften auf ihren Schoß.

„Es wird höchste Zeit, dass du dich mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Aber es muss nicht sofort sein. Komm erst mal richtig an. Wenn du willst, können wir morgen zusammen nach Steenodde fahren.“

„Ich glaube nicht, dass ich das kann“, flüsterte Greta und schluckte, um diesen dicken Kloß loszuwerden, der sie am Atmen hinderte. „Könnten wir bitte gleich in die Pension fahren?“, bat sie, als sie den Ortsrand von Norddorf erreichten.

„Auf gar keinen Fall. Ole wartet mit Kaffee und Kuchen auf uns. Und ehrlich gesagt will ich dich jetzt nicht allein lassen, damit du ungehindert Trübsal blasen kannst.“

Einerseits war Greta über Merles Eigenmächtigkeit sauer, andererseits war sie froh, nicht allein in ihrem Quartier sitzen zu müssen, wo sie unweigerlich noch mehr in der Vergangenheit versinken würde.

Erst als Merle ihr erneut die Hand auf den Arm legte, bemerkte Greta, dass sie vor einem zweistöckigen Haus aus rotem Backstein parkten.

„Herzlich willkommen bei uns. Ich freu mich so sehr, dass du da bist. Ich habe dich so sehr vermisst. Wirst sehen, es wird eine tolle Zeit werden.“

„Ich bleibe doch nur ein paar Tage.“

„Aber es werden die schönsten Tage meines Lebens werden und ich hoffe so sehr, dass du sie ebenfalls genießen kannst.“

Greta gelang ein Lächeln, als sie Merle ansah. „Das hoffe ich auch. Und ganz ehrlich, ich bin megastolz darauf, dass du mich als deine Trauzeugin auserkoren hast. Und das, wo wir uns in den vergangenen Jahren kaum gesehen haben.“

„Wen sonst, wenn nicht meine allerbeste Freundin, seitdem ich alleine laufen kann.“ Merle zog den Schlüssel ab und öffnete die Wagentür. „Komm, es wird höchste Zeit, dass ich dir den Mann meines Lebens vorstelle. Ich bin gespannt, wie du ihn finden wirst.“

„Es ist doch total unerheblich, wie er mir gefällt. Du wirst ihn heiraten und nicht ich. Außerdem hast du, wenn ich mich recht erinnere, dein Urteil doch schon vor mindestens zwei Jahren gefällt.“

„Trotzdem ist mir deine Meinung wichtig. Schließlich bist du meine Trauzeugin.“

„Okay, dann werde ich ihn mir mal ansehen. Bisher kenne ich ihn ja nur von dem Foto, das du mir bei deinem letzten Besuch bei mir gezeigt hast.“ Die Art, wie Merle von ihrem Liebsten sprach, und ihr glücklicher Gesichtsausdruck zeigten Greta, wie verliebt ihre Freundin war. Greta fragte sich in diesem Moment, ob sie irgendwann in ihrem Leben ebenso empfinden würde. Bislang hatte sie eher die Frösche statt die Prinzen erwischt. Was der Grund dafür war, dass sie seit beinahe drei Jahren allein lebte.

„Du bist also Greta“, hörte Greta in diesem Moment eine männlich markante Stimme neben sich, kaum dass sie aus dem Auto gestiegen war. „Moin. Schön, dass du da bist.“ Ehe Greta reagieren konnte, umarmte Ole sie und küsste sie rechts und links auf die Wangen. „Ich freue mich, dich endlich kennenzulernen. Merle hat mir schon so viel von früher erzählt.“ Ole war in Gretas Augen eher ein durchschnittlicher Typ, äußerlich nicht gerade ihr Geschmack mit seinen roten Haaren und dem ebenso roten Vollbart, aber das spielte auch keine Rolle. Hauptsache, er war gut zu Merle und hoffentlich ebenso verliebt in sie wie sie in ihn.

Auf dem Weg ins Haus blickte Greta sich um. Schön hatten die beiden es hier. Im Vorgarten blühten einladend die verschiedensten Stauden in allen möglichen Farben zwischen dicken Buchsbaumkugeln. Die Lage des Grundstücks, ganz am Rande von Norddorf, unweit vom Wattenmeer, gefiel ihr. Besonders die Tatsache, dass sie, kaum dass sie aus dem Wagen gestiegen war, sofort wieder diese typisch würzige Luft riechen konnte. Wieso hatte sie diesen besonderen Geruch der Nordsee in all den Jahren nicht einen einzigen Tag vermisst? Vermutlich weil sie es nicht zugelassen hatte, an ihre Heimat zu denken.

Es war ruhig hier am Ortsrand. Vom Trubel des Hochsommers blieb man hier sicher gänzlich verschont. Wobei Greta keinen blassen Schimmer hatte, wie voll es in der Hochsaison auf der Insel war. Mit Sicherheit war das mit den Erinnerungen an ihre Kinder- und Jugendzeit kaum zu vergleichen.

Ole hatte bereits den Tisch in einer windgeschützten Ecke der Terrasse gedeckt und eilte nun ins Haus, um die Kaffeekanne und den selbst gebackenen Käsekuchen zu holen.

„Du glaubst gar nicht, was Ole so alles macht. Er kocht und backt viel besser als ich. Und auch sonst … sag ehrlich, wie viele Männer kennst du, bei denen das ebenso ist?“

„Keinen einzigen. Du solltest ihn unbedingt festhalten.“

Merle lachte. „Mit Brief und Siegel. Darauf kannst du wetten.“

Greta blickte die Hausfassade hinauf. „Sag, wohnt ihr allein in diesem großen Haus? Gehört es euch etwa?“

Merle schüttelte den Kopf. „Nein, wir bewohnen nur die untere Etage, was ich wegen der Terrasse wirklich toll finde. Die Hausbesitzerin wohnt oben und ist eine sehr nette ältere Dame. Wir hatten echt Glück, dass diese Wohnung gerade frei geworden war, als wir eine suchten. Ein Freund von Ole hatte uns darauf aufmerksam gemacht.

„Greta, freust du dich schon darauf, endlich auf früheren Spuren zu wandeln?“, fragte Ole mit neugierigem Blick, als sie sich am Terrassentisch Kaffee und Kuchen schmecken ließen.

Greta schluckte. Noch ehe sie etwas erwidern konnte, warf Merle ihrem Bräutigam einen strafenden Blick zu. „Falsches Thema, Schatz.“

„Entschuldigung. Da bin ich wohl mächtig ins Fett­näpfchen getreten.“

„Schon gut. Ich komm damit klar“, beteuerte Greta und wusste gleichzeitig, dass dem nicht so war. Merle rettete sie, indem sie sie vom Stuhl hochzog. „Komm, ich zeig dir jetzt unser Reich.“

Froh über die Ablenkung folgte Greta Merle ins Haus.

Sie hatten es sich wirklich wunderschön und gemütlich gemacht. Hier könnte sie es auch aushalten. Was für ein Gedanke! Niemals könnte sie wieder auf der Insel leben.

2. Kapitel

„Hier ist es.“ Merle fuhr ihren Wagen auf den Hof der Pension, in der sie für Greta ein Zimmer gebucht hatte, und stellte den Motor ab. „Die Besitzerin heißt Jule Petersen und sie ist eine ganz Nette“, erzählte Merle, während sie beide ausstiegen. „Ich kenne sie schon, seit sie diese Pension führt. Es war übrigens echtes Glück, dass sie jetzt in der Sommersaison ein Zimmer frei hatte. Und das nur, weil gerade jemand abgesagt hatte, als ich bei ihr nachfragte.“

„Danke, dass du dich um die Reservierung gekümmert hast.“ Gerade als Greta ihr Gepäck aus dem Kofferraum hob, öffnete sich die Haustür. „Schön, dass ihr gerade kommt“, rief ihnen eine Frau mit wilder roter Mähne zu. Sie kam näher und reichte Greta mit einem herzlichen Lachen die Hand. „Moin und herzlich willkommen in der Pension Jule. Ich hoffe, es wird Ihnen hier gefallen.“ Dann wandte sie sich ab. „Hallo, Merle, wie geht’s? Bist du schon aufgeregt wegen der Hochzeit?“

„Frag nicht. Nicht mal vor dem Abi war ich so nervös und zappelig. Ich kann es kaum noch abwarten“, gestand Merle und verdrehte so theatralisch die Augen, dass sie alle lachen mussten.

„Auf jeden Fall wünsche ich euch, dass es ein wundervoller Tag für euch wird.“

„Danke, Jule, das wird es bestimmt.“

„So, nun zeige ich Ihnen am besten Ihr Zimmer, damit Sie sich einrichten können“, wandte sich Jule Petersen Greta zu. „Frühstück gibt es von sieben bis zehn Uhr. Mögen Sie Kaffee oder Tee? Haben Sie einen besonderen Wunsch zum Frühstück?“

„Gern Kaffee. Ansonsten bin ich nicht wählerisch.“ Greta drehte sich zu Merle um und umarmte sie. „Danke, dass du mich hergefahren hast, und fürs Abholen vom Hafen.“

„Gut, dass ich das gemacht habe.“ Merle zwinkerte Greta zu. „Sonst wärst du vermutlich gar nicht hier. Ich freu mich jedenfalls sehr, dass du endlich wieder da bist. Ich hab dich in all den Jahren so vermisst. Und nun pack erst mal deinen Koffer aus und sieh dich um. Wir sehen uns morgen.“ Merle winkte noch einmal aus dem Auto, als sie langsam vom Grundstück rollte. „Du wirst sehen, dass es gar nicht so schlimm sein wird, ein paar Tage auf deiner Heimatinsel zu verbringen“, rief sie aus dem geöffneten Seitenfenster und schon war sie nicht mehr zu sehen.

„Sie kommen von der Insel?“, fragte Jule Petersen mit interessierter Miene und lud Greta mit einer Geste ein, das Haus zu betreten.

„Ich bin hier geboren, lebe aber schon sehr lange nicht mehr hier.“ Über alles andere würde sie schweigen, das ging niemanden etwas an. Greta nahm ihren Koffer und folgte Jule ins Haus. Sie stellte keine großen Ansprüche an die Unterkunft, war aber angenehm überrascht, als Jule ihr den gemütlichen Frühstücksraum mit sich anschließendem Wintergarten zeigte, der allen Gästen zur Verfügung stand, wie sie erklärte.

„Ihr Zimmer liegt im Obergeschoss, gleich neben meiner Wohnung. Es ist nicht besonders groß, aber das einzige, das ich anbieten konnte, als Merle anrief.“

„Das macht nichts, ich brauche nicht viel Platz.“

Nachdem Greta das Zimmer bezogen und und ihren Koffer ausgepackt hatte, entschloss sie sich, noch mal rauszugehen. Sie brauchte unbedingt noch eine Prise frische Luft. Die Tatsache, dass sie sich tatsächlich auf der Insel befand, auf der ihre Mutter auf solch eine Weise zu Tode gekommen war, nagte an ihr. Wie es wohl Tante Agnes ging? Ob sie es schaffen würde, Tantchen einen Besuch abzustatten? Gretas schlechtes Gewissen ihrer Tante gegenüber wuchs, denn außer alljährlichen Geburtstags- und Weihnachtsgrüßen hatte sie den Kontakt gering gehalten. Dabei hätte sie sich all die Jahre über dankbarer zeigen müssen, denn Tante Agnes hatte sich damals um die Beerdigung gekümmert und pflegte Mamas Grab. Und ja, sie war dankbar und hatte all die Jahre über instinktiv gewusst, dass sie sich auf ihre Tante verlassen konnte. Aber das hatte sie ihr noch nie von Angesicht zu Angesicht gesagt. Und das wurde höchste Zeit, wurde ihr jetzt bewusst. Ob Tantchen ihr böse war, weil sie sich so selten bei ihr meldete?

Warum hörte das Gedankenkarussell nicht auf, sich zu drehen? Vielleicht würde es ihr guttun, sich ein bisschen zu verausgaben und dadurch den Kopf wieder freizubekommen. Immerhin war das Wetter schön, und den Rest des Tages im Zimmer verbringen und Trübsal blasen konnte sie später immer noch. Sie joggte dreimal die Woche für mindestens eine Dreiviertelstunde, was nicht nur ihrem Körper, sondern auch ihrem Seelenleben guttat. Daher war es für sie selbstverständlich gewesen, Joggingschuhe und Sportkleidung einzupacken, obwohl sie nicht sicher gewesen war, ob sie Zeit für ihren Sport finden würde. Energisch schnürte Greta die Sportschuhe zu.

Wenig später verließ sie die Pension und trabte den Dünemwai entlang. Sie wollte in Richtung Nebel joggen, sich auf dem Rückweg mit dem Blick aufs Meer belohnen und am Strand entlang zurück nach Norddorf laufen.

Obwohl sie schon Ewigkeiten nicht mehr auf der Insel gewesen war, kannte sie sich instinktiv aus. Spontan bog sie am Minigolfplatz ab und folgte dem Weg zur Aussichtsdüne. Jeweils zwei Stufen auf einmal nehmend, stand sie in Kürze oben auf der Plattform und atmete tief durch. Meine Güte, was für ein Ausblick. Dünen, so weit das Auge reichte. Hatte sie die Dünenlandschaft als Kind oder Heranwachsende auch schon als so unendlich empfunden? Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern. Allerdings war sie meist in Steenodde und Nebel gewesen und eher selten in Norddorf. Mit einem Mal fühlte sie den Drang in sich, die Stufen hinabzulaufen und dem Bohlenweg bis zum Kniep – dem endlos langen Strand – zu folgen. Nach Nebel konnte sie auch morgen noch.

Greta konnte sich einfach nicht sattsehen. Wie hatte sie diesen Blick auf den traumhaft vor ihr liegenden Kniep vergessen können? Gab es irgendwo auf der Welt einen schöneren Strand? Das konnte sie sich in diesem Moment gar nicht vorstellen. Mit einem Mal konnte sie es nicht fassen, dass sie ihrer Heimatinsel so viele Jahre fernge­blieben war. Sie drehte sich um ihre eigene Achse, nahm jeden sich ihr bietenden Winkel der Insel tief in sich auf. Es musste doch eine Möglichkeit geben, sich der Vergangenheit zu stellen und sich mit dem, was geschehen war, auseinanderzusetzen. Aber würde sie den Mut dazu aufbringen können? Als Merle sie gefragt hatte, ob sie bei Tante Agnes wohnen wollte, wenn sie zur Hochzeit käme, hatte Greta das rigoros abgelehnt. Nicht dass sie Tante Agnes nicht mochte oder ihr nicht dankbar dafür war, was sie all die Jahre für Greta getan hatte. Sie wäre einfach viel zu nah an der Vergangenheit dran, wenn sie ihre Tante gefragt hätte, ob sie dort wohnen dürfte. Und sie war ja nicht der Vergangenheit wegen hierhergekommen, sondern um Merles und Oles Hochzeit zu feiern und als Trauzeugin zu fungieren. Eine Hochzeit war fröhlich und wundervoll, ihre Vergangenheit einfach nur unfassbar traurig. Das passte einfach nicht zusammen. In ihrem Innern spürte sie auf einmal eine tiefe Traurigkeit und den dringenden Wunsch, ihre Mutter nur noch ein einziges Mal sehen und mit ihr reden zu können. Sie noch einmal umarmen zu dürfen. Warum war das damals geschehen? Verdammt! Es gab nur eines, was sie noch tun konnte. Mamas Grab besuchen – zum ersten Mal seit der Beerdigung. Der Drang, genau das sofort zu tun, wurde immer stärker. Ob Mama gespürt hatte, dass sie in all den Jahren niemals da gewesen war? Falls sie es gespürt haben sollte, dann sicher auch, dass Greta es angesichts des Unglücks damals einfach nicht mehr auf der Insel ausgehalten hatte. Tante Agnes hatte es verstanden, das hatte sie jedenfalls immer beteuert. Und Merle verstand es auch. Greta wandte sich von dem endlos langen Kniepsand ab. Sie musste nach Nebel, sofort. Sie musste ganz dringend das nachholen, was sie in all den Jahren versäumt hatte.

Nach Luft ringend erreichte sie den Friedhof, der kurz vor dem Ortseingang von Nebel lag. Würde sie das Grab überhaupt wiederfinden? Oder musste sie erst sämtliche Reihen absuchen? Mit einem Mal spürte sie tiefe Scham darüber, dass sie nicht mal mehr wusste, wo das Grab ihrer Mutter lag.

Es dauerte eine gefühlte Unendlichkeit, in der sie von Minute zu Minute nervöser wurde, bis sie den einfachen Felsstein mit dem Namen Friederike Olsen gefunden hatte. Das Herz pochte wild in ihrer Brust und es wog mit jedem Atemzug schwerer. „Mama …“ Greta ließ sich einfach auf die Knie sinken. Tränen stürzten ungehindert aus ihren Augen. Alles kam wieder hoch. „Ich vermisse dich so …“ Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie sehr sie ihre geliebte Mama immer noch vermisste. Im Moment stärker, als sie es in all den Jahren zugelassen hatte.

Gerade mal zweiundvierzig Jahre alt war Mama geworden. Greta erschrak, als ihr bewusst wurde, dass sie in wenigen Jahren genauso alt sein würde. Was für einen Weg würde das Schicksal ihr auferlegen? Sie hoffte so sehr, dass es ein besserer sein würde als der ihrer Mutter. Greta wischte sich mit dem Unterarm übers Gesicht und zwinkerte ein paarmal, bis sie endlich wieder klar sehen konnte. Das Grab war sehr gepflegt, ein frischer bunter Blumenstrauß stand am Kopfende, seitlich des Steins. Warum hatte sie nicht an Blumen gedacht? Okay, dieser Besuch heute war nicht geplant gewesen. Einzig die plötzliche Sehnsucht hatte sie spontan hierhergeführt. „Du bekommst morgen einen wunderschönen Blumenstrauß von mir“, flüsterte Greta. „Tut mir leid, dass ich all die Jahre nicht da sein konnte.“ Greta schluckte die Tränen hinunter, die ihr schon wieder in die Augen zu treten drohten. „Ich konnte nicht über meinen Schatten springen. Ich habe es einfach nicht geschafft. Verzeih.“ Jetzt ließen sich die Tränen doch nicht mehr zurück­halten.

Wie hatte sie es in all den Jahren aushalten können, das Grab ihrer Mutter nicht zu besuchen? Diese Frage schoss ihr immer wieder durch den Kopf, als Greta eine halbe Stunde später den Weg zurück nach Norddorf antrat. Sie trabte gemächlich den Wirtschaftsweg nach Norden entlang, wurde dann immer schneller, rannte beinahe, um die nagende Frage aus dem Kopf zu bekommen.

Keuchend ließ sie ihren Oberkörper nach unten fallen und stützte sich auf ihren Oberschenkeln ab, als sie das Grundstück der Pension erreichte. Japsend versuchte Greta ihren rasenden Puls unter Kontrolle zu bekommen und gleichmäßig zu atmen. So verausgabt hatte sie sich schon lange nicht mehr. Aber all die Anstrengung hatte nichts genützt. Die quälenden Gedanken hatten sich nicht vertreiben lassen.

„Geht es Ihnen gut?“, hörte Greta plötzlich eine besorgte Stimme hinter sich. Sie richtete sich auf und drehte sich um. „Geht schon wieder.“ Vor ihr stand eine Frau mit einem Kleinkind auf dem Arm. Beide sahen sie mit großen Augen an. „Ich glaub, ich habe mich ein bisschen zu sehr verausgabt. Aber nach einer ausgiebigen Dusche wird es schon wieder gehen.“

„Dann wünsche ich Ihnen gute Erholung. Ich muss los, meine Kleine wird müde und kann dann ziemlich unleidlich werden. Meistens lässt sie sich nur von ihrem Papa beruhigen.“ Die blonde Frau lachte herzhaft. „Na ja, so ist das wohl mit Vätern und Töchtern.“

Hinter der unbekannten Frau tauchte Gretas Vermieterin auf. „Mach’s gut, Pauline, und schöne Grüße an Paul. Tschüss, Süße, ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.“ Jule Petersen nahm die Kleine auf den Arm, drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und tätschelte ihre Wange.

„Ich muss dann mal …“, murmelte Greta und wandte sich der Haustür zu.

„Schönen Aufenthalt in der Jule“, rief ihr die Unbekannte, die mit Pauline angesprochen worden war, hinterher. „Es wird Ihnen hier gefallen, das kann ich Ihnen versprechen.“

„Danke“, rief Greta über die Schulter hinweg. Bevor sie die Haustür erreichte, kam sie nicht umhin, die weitere Unterhaltung der beiden Frauen mitzubekommen.

„Du kannst dir sicher sein, dass Nele gern wiederkommt. Sie liebt ihre Patentante. Und wenn du Hilfe in der Pension brauchst, sag einfach Bescheid. Du weißt, ich bin immer für dich da, sobald Paul auf Nele aufpassen kann.“

Greta hörte nicht mehr, was Jule Petersen antwortete, es war ihr auch egal. Das Gespräch der beiden Frauen ging sie nichts an.

Nach einer ausgiebigen Dusche fühlte sich Greta zumindest körperlich besser. In ihrem Innern sah es allerdings ganz anders aus. Ob sie es wenigstens während der Hochzeit schaffen würde, nicht an ihre Vergangenheit zu denken?

3. Kapitel

Der Himmel leuchtete in einem tiefen Orangerot, nur von leichten dunkleren Schattierungen einiger Wolkenfetzen unterbrochen. Es sah beinahe so aus, als würde er brennen. Und das Meer gleich mit – da, wo sich diese unglaubliche Farbe spiegelte.

Greta hielt den Atem an, konnte sich kaum sattsehen und den Blick nicht von diesem Naturschauspiel abwenden. Es war einfach grandios. Noch nie hatte sie etwas Schöneres gesehen.

Plötzlich drang Musik an ihre Ohren. Hier am Strand? Eindeutig. Es hörte sich beinahe so an, als würde ein ganzes Orchester spielen. Ehe sie sich versah, hüpfte sie barfuß und federleicht über den feinen, in diesem Licht goldfarben leuchtenden Sand.

Die kostbaren zarten Bahnen ihres knallroten Kleides umwehten ihre nackten Beine. Wieso trug sie plötzlich ein rotes Kleid? Sie besaß doch gar keines. Oder doch? Egal.

Sie tanzte im Takt eines langsamen Walzers über den Strand. In ihr stieg ein tiefes Glücksgefühl auf. Dass sie so etwas Schönes erleben durfte. Fehlte nur noch …

Da! Endlich! Ihr Liebster kam über den Strand gelaufen, nahm ihre Hand und drückte ihr einen innigen Kuss darauf. Dann zog er sie in seine Arme und sie tanzten gemeinsam nach dieser wunderbaren Musik. Er war schön, das wusste sie, doch warum konnte sie sein Gesicht nicht erkennen?

Plötzlich löste er sich auf. Seine Arme, sein Kopf, dann der Körper, aber sie konnte ihn immer noch spüren.

Verwirrt rieb Greta sich die Augen. Sie lag in einem Bett – es war nicht ihr eigenes. Da fiel es ihr wieder ein. Sie war auf Amrum und wohnte in der Pension Jule.

Das eben Erlebte war ein Traum gewesen. Doch wa­rum ausgerechnet einer, in dem sie am Strand tanzte? Ob das mit der kommenden Hochzeit zusammenhing? Energisch schob Greta die Bettdecke beiseite. Bevor sie noch länger über den Traum nachdachte, wollte sie lieber aufstehen.

Wer war dieser ominöse Mann gewesen, mit dem sie getanzt hatte? Sie kannte hier doch niemanden, außerdem war sie Single.

„Schluss jetzt“, murmelte sie und eilte ins Bad.

„Moin“, flog Jule Petersens Stimme durch den Flur, noch bevor Greta die letzten Stufen der Treppe hinuntergegangen war. Dabei konnte sie ihre Vermieterin gar nicht sehen. Ob sie hellseherische Fähigkeiten hatte?

„Guten Morgen“, rief Greta zurück und betrat den Frühstücksraum. Während sie überlegte, an welchen der gedeckten Tische sie sich setzen konnte, kam ihre Vermieterin mit einem voll beladenen Tablett durch die Tür.

„Ich habe Ihnen den hinteren Tisch gedeckt, wenn es recht ist. An den anderen sitzen meine anderen Gäste. Es hat sich eingebürgert, dass alle Gäste täglich denselben Tisch benutzen.“

„Ist okay.“ Greta setzte sich und wartete, bis Jule Petersen mehrere Marmeladensorten, eine Wurst- und Käse­platte sowie Butter, einen Korb mit verschiedenen Brötchensorten und eine Kanne Kaffee auf den Tisch gestellt hatte. „Sagen Sie Bescheid, falls noch etwas fehlt. Ich wünsche Ihnen guten Appetit.“

„Danke, Frau Petersen.“

„Nennen Sie mich Jule. Ansonsten fühle ich mich so alt.“

„Okay, Jule. Ich bin Greta.“

Jule lächelte Greta an. „Na, dann hätten wir das auch geklärt. Haben Sie gut geschlafen?“

„Hätte besser sein können. Was aber nicht am Bett oder dem Zimmer gelegen hat. Eher an gewissen Dingen, die ich noch verarbeiten muss.“

„Ich bin mir sicher, das gelingt Ihnen hier auf der Insel. Bisher sind, soweit ich mich erinnere, alle meine Gäste erholt und relaxt wieder abgereist.“

„Wir werden sehen“, murmelte Greta und hoffte, Jule würde das Thema nicht länger verfolgen. Zum Glück betrat gerade ein älteres Paar den Frühstücksraum.

„Ich muss dann mal“, flüsterte Jule und wandte sich ab. „Guten Morgen, Herr und Frau Wiemann. Haben Sie gut geschlafen? Nehmen Sie doch schon Platz, Ihr Frühstück kommt sofort.“ Schon entschwand Jule und Greta griff nach der Thermoskanne.

Eine halbe Stunde später machte sie sich auf den Weg zu dem kleinen Blumenladen, den sie am Vortag in derselben Straße entdeckt hatte, in der sie wohnte. Sie entschied sich für einen bunten Strauß verschiedenster Blumensorten, so, wie ihn ihre Mutter geliebt hätte. Dass sie mit der Üppigkeit die vergangenen Jahre, in denen sie nicht da gewesen war, nicht ausradieren konnte, war ihr klar und schmälerte auch nicht ihr schlechtes Gewissen, dennoch ließ sie einen dicken Strauß binden und erstand gleich noch eine passende Vase bei der Blumenhändlerin.

„Herzlichen Dank noch mal, der Strauß sieht wunderschön aus“, rief Greta über ihre Schulter hinweg, als sie schon fast die Eingangstür erreicht hatte.

„Vor…“

Greta verstand nicht genau, was die Blumenfrau ihr hinterherrief, denn sie lief geradewegs gegen einen Kunden, der in dem Moment zur Tür hereinstürmte. „Autsch! Meine Blumen!“ Das konnte doch nicht wahr sein. Etliche Blüten dieses wunderschönen Straußes ließen abgeknickt die Köpfe hängen. „Können Sie denn nicht aufpassen?“ Greta funkelte den ziemlich bedröppelt wirkenden Mann wütend an.

„Ich bin mir zwar nicht sicher, wer von uns beiden in wen hineingeraten ist, aber ich hoffe, Sie haben sich nicht wehgetan.“ Graublaue Augen musterten sie intensiv. „Alles in Ordnung?“

„Mein Strauß ist ruiniert, er hat nicht mal zwei Minuten überlebt!“

„Ich binde Ihnen einen neuen“, bot die Blumenhändlerin an und nahm Greta den Strauß aus der Hand. „Hallo, Herr Anders. Sie sind ja genauso stürmisch heute wie manches Mal unser Wetter.“

„Hallo, Frau Finke. War keine Absicht, ich war wohl gerade abgelenkt und bin auch ziemlich in Eile. Die Kosten für den neuen Strauß werde ich selbstverständlich übernehmen.“ Er räusperte sich. „Wenn es Ihnen recht ist, natürlich“, wandte er sich Greta wieder zu.

Ja, das war Greta durchaus recht. Immerhin hatte sie eine stolze Summe für die geköpften Blumen gezahlt. Unruhig wartete sie auf den neuen Strauß, damit sie endlich das Geschäft verlassen konnte, denn die intensiven Blicke des Mannes, der für das Malheur verantwortlich war, machten sie ziemlich nervös.

„Viel Freude mit den Blumen“, wünschte der Typ, als Greta das neue Gebinde entgegennahm. Greta nickte ihm kurz und der Blumenhändlerin freundlich zu. „Danke schön.“

„Einen schönen Tag. Vielleicht sieht man sich mal wieder“, rief er ihr hinterher.

Hoffentlich nicht! Greta drehte sich nicht um, schließlich wollte sie nicht noch einmal mit jemandem zusammenstoßen, der vielleicht ebenfalls gerade den Laden betreten wollte. Erst als sie das Geschäft schadenfrei verlassen hatte, atmete sie erleichtert durch und eilte zur Bushaltestelle, um den nächsten Bus zu erwischen.

„Hallo, Mama. Ich hoffe, die Blumen gefallen dir.“ Greta legte den Strauß auf dem Grab ab. Die Erde war feucht, obwohl es nicht geregnet hatte. Ob Tante Agnes heute früh schon da gewesen war? Gretas Puls beschleunigte sich. Sie schaute sich um, konnte aber niemanden entdecken. Vermutlich hätte Tantchen der Schlag getroffen, würden sie hier urplötzlich aufeinandertreffen. Greta schluckte den Kloß hinunter, der ihr das Atmen erschwerte, und machte sich auf die Suche nach einer Wasserstelle, wo sie die Vase auffüllen konnte. Ob Tante Agnes erfahren würde, dass ihre Nichte auf der Insel weilte? Vermutlich nicht, Greta war sich sicher, dass sie nach all den Jahren niemand erkennen würde. Sie ließ ihren Blick über die Gräberreihen gleiten. Zum Glück war niemand zu sehen, den sie von früher kannte. Erleichtert ging sie zum Grab zurück und arrangierte den Strauß in der Vase. Eine ganze Weile verharrte sie am Grab. Schließlich riss sie sich los und verließ den Friedhof, nicht ohne versprochen zu haben, dass sie vor ihrer Heimreise auf jeden Fall noch einmal vorbeikommen würde.

Greta schaute auf ihre Armbanduhr. Bis zum Treffen mit Merle blieben ihr noch gut zwei Stunden. Sie entschied sich zu einem Bummel durch Nebel. Sie war neugierig darauf, was sich in all den Jahren verändert hatte. Als ihr kurze Zeit später eine frühere Nachbarin über den Weg lief, die sie zu ihrem Schrecken auch noch neugierig ansah, war sich Greta nicht mehr so sicher, dass niemand sie erkennen würde. Sie senkte rasch den Kopf und tat so, als würde sie etwas in ihrer Tasche suchen. Wohl war ihr nicht dabei, so zu tun, als würde sie Frau Wickert nicht kennen. Aber sie war sich sicher, dass sie sich nicht geirrt hatte. Das war eindeutig Frau Wickert gewesen, die zwar inzwischen viel älter war, sich ansonsten aber kaum verändert hatte. An der nächsten Straßenecke bog Greta ab und machte sich eilig auf den Weg zurück nach Norddorf. Sie hatte keine Lust darauf, erkannt und vielleicht noch angesprochen zu werden. Außerdem würde ihr der Fußmarsch guttun, und vielleicht konnte sie dabei sogar ihre Gedanken sortieren und allmählich zur Ruhe kommen.

4. Kapitel

Agnes Olsen atmete schwer, als sie von der Bushaltestelle in Richtung Friedhof schlurfte. Ihr schwächelnder Körper machte ihr heute besonders zu schaffen. Dabei war es ihr in den vergangenen Tagen recht gut gegangen. Aber das kannte sie schon. Wenn sie glaubte, es ginge endlich aufwärts, kam ein Rückschlag, bei dem sie stets befürchten musste, dass es noch schlimmer werden würde. Dabei wünschte sie sich nichts sehnlicher, als noch ein paar Jahre in einem leidlich guten Gesundheitszustand verbringen zu können und vielleicht … vielleicht Greta noch einmal zu sehen, bevor die Krankheit ihr alle Kraft nahm. Seit Wochen, ach was, seit Monaten schon überlegte sie, ob sie Greta schreiben und sie über ihren Gesundheitszustand aufklären sollte. Bisher hatte sie sich geziert, schließlich wusste sie, dass Greta niemals wieder zurückkommen wollte. Weshalb also sollte sie sie mit solch betrüblichen Nachrichten konfrontieren? Andererseits wäre es so schön, wenn sie sich endlich wiedersehen und in die Arme schließen könnten. Ihren Kontakt nicht nur auf Weihnachts- und Geburtstagskarten beschränken würden. Es hatte wehgetan, als Greta damals verkündet hatte, sie könne die Insel niemals wieder betreten, auch wenn sie das Mädchen verstanden hatte. Immerhin hatte sie ihre Mutter durch dieses schreckliche Unglück verloren. Ob dieser Schritt, dieser Bruch mit ihrem bisherigen Leben, für Greta tatsächlich einfacher gewesen war? Das wagte sie nicht zu beurteilen. Aber sie vermutete, dass dem nicht so war. Aber was hätte sie damals tun sollen, außer Greta ihre Unterstützung zuzusagen, ihr eine Bleibe anzubieten? Im Haus wäre genügend Platz für sie beide gewesen. Aber Greta hatte diesen Vorschlag vehement abgelehnt. Sie hatte damals ihr Abitur trotz des Unglücks bestanden und war dann zum Studieren nach Süddeutschland gezogen. Vielleicht hatten die Ferne zur Heimat und die neue Umgebung, neue Kontakte, Greta geholfen, mit dem Tod ihrer Mutter fertigzuwerden. Vielleicht aber auch nicht. Greta hatte sich nie in die Karten schauen lassen, ihre Postkarten und Briefe waren selten ausführlich gewesen. Agnes seufzte tief. Was würde sie darum geben, Greta endlich wieder in die Arme schließen zu können. Ob ihr das noch vergönnt war?

Schon ein ganzes Stück vor Friederikes Grab entdeckte sie den dicken bunten Farbklecks, der sich beim Näherkommen als wunderschöner Blumenstrauß entpuppte. Von wem stammten die Blumen? Schon viele Jahre lang hatte niemand außer ihr Friederike Blumen aufs Grab gestellt, wenn man von seltenen Sträußen am Sterbetag absah. Gestern Nachmittag waren sie noch nicht da gewesen. Warum jetzt? Von wem? Gretas Antlitz blitzte vor Agnes‘ innerem Auge auf. Aber nein, das konnte nicht sein. Greta wollte doch niemals wieder … Außerdem hätte sie sich gemeldet, falls sie sich doch dazu durchgerungen hätte, hierherzukommen. Agnes griff sich ans Herz, spürte, wie es heftig in ihrer Brust pochte und ihr Blut durch die Adern pumpte. Greta, bist du etwa doch hier?

„Nun sag schon, ist sie endlich zurückgekommen?“, flüsterte Agnes mit Tränen in den Augen und fummelte umständlich ein paar nicht mehr schöne Blätter von den Gewächsen, die sie im Frühsommer gepflanzt hatte. Doch sie wartete vergeblich auf eine Antwort. Mit leichtem Stöhnen streckte sich Agnes. Es fiel ihr deutlich schwerer als noch vor ein paar Wochen, sich um alle anfallenden Arbeiten zu kümmern. Andererseits weigerte sie sich, Hilfe für Haus und Garten zu suchen. Vor allem die Grabpflege wollte sie nicht in fremde Hände legen. Solange es irgendwie ging, wollte sie das selbst erledigen. Langsam ging sie zum Ausgang zurück, um den nächsten Bus zu erreichen. Wenn sie nur wüsste, wie sie herausfinden sollte, von wem die Blumen stammten. Ob sie einfach mal in den Blumenläden nachfragen sollte, wer diesen Strauß gekauft hatte? Und was dann? Selbst wenn sie es herausfinden würde, hieße das noch lange nicht, dass die Person überhaupt hier auf der Insel war. Sie könnte den Strauß telefonisch in Auftrag gegeben haben. Und wenn doch, wo sollte sie anfangen zu suchen? Greta würde sie besuchen kommen, sollte sie wirklich nach Amrum zurückkommen. Da war sich Agnes sicher. Sie hatten immer ein ganz gutes Verhältnis gehabt, warum sollte das Mädchen – meine Güte, sie war inzwischen eine erwachsene Frau – es verschweigen, wenn sie sich tatsächlich überwunden hätte? Ich werde ihr schreiben und sie auf die Insel einladen, nahm sich Agnes vor, als sie an der Haltestelle auf den Bus wartete. Sie wollte ihren Einfall gleich in die Tat umsetzen, wenn sie zu Hause ankam, und nicht, wie so viele Male vorher, auf die lange Bank schieben. Sie musste sich darum kümmern, bevor sie ins Krankenhaus musste. Wer konnte schon wissen, ob sie da wieder rauskam und wie lange sie noch allein in ihrem Haus wohnen konnte? Außerdem wurde es höchste Zeit, dass Greta die Wahrheit erfuhr.

5. Kapitel

„Du bist spät“, tadelte Merle, als sie Greta die Haustür öffnete.

Greta umarmte ihre Freundin und drückte ihr einen Begrüßungskuss auf die Wange. „Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat. Ich war vorhin in Nebel. Auf dem Friedhof …“

„Oje, das war sicher nicht einfach für dich“, unterbrach Merle sie und zog sie in den Flur. „Nun komm erst mal rein. Peter, Oles Trauzeuge, ist allerdings schon wieder weg. Er musste zurück ins Geschäft, weil sich eine Mitarbeiterin krankgemeldet hat.“

„… und dann habe ich mich spontan entschieden, zu Fuß zurückzugehen, weil ich Zeit brauchte. Zeit, um meine Gedanken zu sortieren.“

„Das verstehe ich total. Du hast sicher Durst, magst du einen Tee, Limo, Wasser?“

„Wasser reicht völlig. Aber so durstig bin ich nun auch wieder nicht. Ich war inzwischen in der Pension, hab geduscht und meine nette Vermieterin hat mich gleich mit einigen Flaschen Mineralwasser versorgt, als sie gesehen hat, wie ich mit hochrotem Kopf ankam. Ist wirklich mächtig heiß heute. Ob es noch Gewitter gibt?“

„Ist mir ehrlich gesagt egal. Hauptsache, das Wetter spielt morgen mit. Die Vorhersage sieht schon mal gut aus.“

„Greta, schön, dass du da bist“, rief Ole, von wo auch immer.

„Ole muss gleich noch mal weg. Aber er wollte warten, bis du hier bist, damit wir dich über den Ablauf unseres Tages informieren können.“ Merle dämpfte ihre Stimme, während sie Greta nach draußen auf die Terrasse führte. „Wenn Ole weg ist, zeige ich dir mein Brautkleid. Du musst mir beim Anziehen helfen. Allein krieg ich das mit der Schnürung am Rücken nie hin.“

„Klar mache ich das. Ist das mein Hauptjob, oder habe ich noch eine Aufgabe zu erfüllen? Ich habe doch keine Ahnung von so was.“

Ole sprang von seinem Stuhl auf, als sie in die Küche traten, und umarmte Greta zur Begrüßung. „Da bist du ja endlich.“

„Sorry. Ich hatte etwas Dringendes zu erledigen“, murmelte Greta und setzte sich.

„Es wäre klasse, wenn du das mit den Ringen auch machen würdest“, sagte Ole und schenkte Greta ein Glas Mineralwasser ein. „Jedenfalls hat Peter das vorgeschlagen.“

„Wieso, der kennt mich doch gar nicht.“

„Aber er meinte, es wäre vielleicht ein schlechtes Omen, wenn er das übernehmen würde. Er ist geschieden, musst du wissen. Ich weiß zwar auch nicht, wieso das ein schlechtes Omen für uns sein sollte, aber na ja …“ Merle zuckte mit den Schultern. „Vielleicht hat er sich das auch nur aus den Fingern gesogen. Also, würdest du das machen?“

„Wieso nicht. Sonst noch was?“

„Ich kann mich allein anziehen“, verkündete Ole mit einem Augenzwinkern.

„Das will ich dir auch geraten haben“, konterte Merle und drohte ihm mit erhobenem Zeigefinger.

„Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen muss? Es ist schließlich das erste Mal, dass ich so ein wichtiges Amt übernehme. Und ich will nichts falsch machen.“

„Du musst den Brautstrauß halten, wenn wir die Ringe tauschen. Aber ich denke, das wäre es dann.“ Merle wandte sich mit fragendem Blick an Ole. „Haben wir etwas vergessen?“

„Gibt es eigentlich irgendetwas, das dieser Peter übernimmt?“

„Er will sich um das Hochzeitsauto kümmern.“

Na, wenigstens etwas. Auf der Hochzeit einer Uni­freundin hatten die Trauzeugen andauernd Spiele mit dem Brautpaar und den Gästen veranstaltet. Hoffentlich wurde das nicht auch von ihr und diesem ominösen Peter erwartet. Zum Glück hatten weder Merle noch Ole erwähnt, dass sie solch eine Art der Unterhaltung wünschten. Und dabei blieb es hoffentlich auch.

„Wow, das Kleid ist wirklich ein Traum.“ Greta ließ sich einfach auf dem Boden in Merles und Oles Schlafzimmer nieder und kam aus dem Staunen nicht heraus. Merle sah wie eine echte Prinzessin aus. Ole würde hin und weg sein, ganz bestimmt. Anders konnte sie es sich nicht vorstellen. Den Hochzeitsgästen würde es nicht anders ergehen. Ihr fiel ein, wie oft sie in ihrer Kinderzeit Verkleiden gespielt und so manches Mal eine alte Gardine von Merles Oma zum Brautschleier umfunktioniert hatten. Greta konnte ein leises Seufzen nicht hinunterschlucken. „Weißt du noch …“

Merle kicherte. „Na klar. Und wie oft haben wir uns Ärger eingehandelt, weil wir mal wieder Omas Gardine oder die Pumps meiner Mutter stibitzt haben. Wie könnte ich das vergessen.“ Schwungvoll drehte sich Merle im Kreis und der weit ausgestellte Rock aus cremefarbener Spitze flog dabei fast bis in Gretas Gesicht. Plötzlich stoppte Merle ab und ging direkt vor Greta in die Hocke. Sie fasste nach Gretas Händen und sah sie forschend an. „Werde ich irgendwann auch einmal deine Trauzeugin sein?“

„Ich fürchte, da wirst du lange drauf warten müssen. Bisher hatte ich keinen Grund, mir Gedanken darüber zu machen.“

Merle zog eine Augenbraue empor. „Echt nicht?“

„Okay, ich geb’s zu. Es war nur einmal und das im zweiten oder dritten Semester. Da schwor ich mir, den Prof zu heiraten, wenn er mich nicht durchrasseln lässt.“ Greta verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen, als sie an ihren Schwur aus der Unizeit dachte. „Tja, was soll ich sagen, ich rauschte sang- und klanglos durch. Pech für den Prof.“

Merle kriegte sich nicht ein vor Lachen und wäre beinahe hinterrücks auf den Boden gefallen. Das wäre sehr schade für das Kleid gewesen und für Merle sicher auch. Greta konnte gerade noch nach ihrem Arm greifen.

„Puh, das war knapp“, japste Merle und strich über den kostbaren Stoff. „Ob ich Ole gefallen werde? Was glaubst du?“

„Und wie. Er wird dir zu Füßen liegen. Oder dich auf Händen tragen. Vermutlich beides.“

„Das hoffe ich. Na ja, eigentlich tut er das schon eine ganze Weile. Aber vielleicht hilft das Kleid dabei, dass es noch ein paar Jahre so bleibt.“

„Da bin ich mir sicher. Ihr seid wie füreinander gemacht.“

Merle seufzte leicht und schaute plötzlich ganz verträumt. „Da hast du verdammt recht. Ich kann mir keinen perfekteren Mann vorstellen.“

Greta sprang auf und umarmte ihre Freundin spontan. „Ich wünsche dir alles, alles Glück der Welt. Mehr als jedem anderen Menschen. Ehrlich.“

„Ach, nun hör schon auf, sonst versaue ich mir noch mein Kleid, bevor Ole mich darin gesehen hat“, schniefte Merle. „Hast du zufällig ein Taschentuch parat?“

„Nee, sorry.“ Greta wischte sich, genau wie Merle, mit dem Handrücken über die Augen. „Mensch, was ’ne Gefühlsduselei. Besser, ich nehme morgen reichlich Taschentücher mit. Könnte sein, dass wir die brauchen werden.“

„Wirst du es schaffen, zwei Stunden vor der Trauung bei mir zu sein und mir beim Anziehen zu helfen? Bis dahin müsste die Friseurin fertig sein.“

„Na klar, was sollte ich sonst den ganzen Vormittag tun? Ich werde nicht so lange brauchen, mich zurechtzumachen. Schließlich bin ich nicht die Hauptperson und mein Aussehen ist total unerheblich.“

„Was? Du bist mindestens die drittwichtigste Person und kommst gleich nach Ole und mir. Na ja, der Standesbeamte ist noch einen Tick wichtiger. Aber dann kommst du und zwar vor Peter, denn immerhin hast du mehr und wichtigere Aufgaben als er.“

„Stimmt, so sehe ich das auch.“

„Ach ja, falls du ihn vor der Hochzeit kennenlernen oder wenigstens einen Blick auf ihn werfen willst, damit du weißt, mit wem du es zu tun haben wirst, dann geh einfach in seine Buchhandlung.“

„Wozu soll das gut sein?“, fragte Greta schulterzuckend. „Es reicht total, wenn wir uns an eurem Tag begegnen.“

„Er hätte dich gern schon heute getroffen, hat er jedenfalls gesagt. So, und nun hilf mir bitte aus diesem Traum aus Spitze für den Fall, dass Ole früher als geplant zurückkommt.“

Auf dem Rückweg in die Pension Jule entschied sich Greta für einen Bummel durch den Ort. Ach, da war ja die Buchhandlung dieses ominösen Peter. Neugierig blieb Greta vor dem Schaufenster stehen. Die ausgestellten Bücher interessierten sie nur zweitrangig. Stattdessen hoffte sie, einen Blick auf den Buchhändler werfen zu können. Sie wusste zwar selbst nicht genau, warum sie das wollte, vermutlich, um sich schon mal auf ihn einstellen zu können. Doch außer einer jungen Frau, die gerade eine Kundin beriet, konnte sie niemanden entdecken. Reingehen? Nö, so wichtig war es auch nicht, Oles Trauzeugen schon heute kennenzulernen. Sie würde ihn daran erkennen können, dass er das Brautauto fuhr. Merle hatte vorhin noch erwähnt, dass sie wünschte, Greta würde im Braut­auto mitfahren, um ihr beim Ein- und Aussteigen behilflich zu sein. Ergeben hatte sie dem zugestimmt, denn sie hätte nicht gewusst, mit wem sie sonst hätte mitfahren sollen.

Schon bei Merle hatte sie Hunger verspürt. Ihr Magen hatte mehrmals derart laute Geräusche von sich gegeben, dass es ihr direkt peinlich gewesen war. Aber Merle schien das nicht bemerkt zu haben. Kein Wunder, sie schwelgte bereits im Hochzeitsfieber. Da vorn gab es Fischbrötchen, das wäre doch mal was. Früher hatte sie die regelrecht verschlungen, allerdings hatte die damals noch Mama angerichtet. Einen Anflug von Wehmut versuchte sie mit einer harschen Armbewegung zu verscheuchen. Lieber überlegen, welche Sorte Fisch sie essen wollte, als über das nachdenken, was damals gewesen war und niemals wiederkehren würde.

Sie entschied sich für ein Bismarckbrötchen mit viel Zwiebeln und setzte sich gleich auf die nächste Bank. Sie schloss die Augen und biss genüsslich das Ende des Fisches ab, das unterm Brötchen hervorschaute.

„Guten Appetit wünsche ich Ihnen“, hörte sie in dem Moment.

Irritiert öffnete sie die Augen und starrte in das Gesicht des Mannes, der im Blumenladen den Strauß für ihre Mutter ramponiert hatte. „Danke“, murmelte sie und schluckte den abgebissenen Fisch hinunter.

„Ich hoffe, mit Ihrem zweiten Blumenstrauß ist alles gut gegangen und er ist unbeschädigt bei wem auch immer angekommen.“

„Ja, danke.“

Ungefragt ließ er sich neben ihr nieder. „Sie sind mir aber nicht mehr böse, oder?“, fragte er mit zerknirschtem Gesichtsausdruck.

„Nein. Missgeschicke passieren halt. Ich war nur so perplex und ehrlich gesagt auch wütend, weil es ein ganz besonderer Blumenstrauß sein sollte.“ Wieso erzählte sie das diesem wildfremden Mann?

„Dann tut es mir doppelt leid. Aber der neue Strauß war doch nicht minder schön, meinen Sie nicht?“

Da konnte sie nur zustimmen. Sie nickte nur, denn auch wenn es vielleicht etwas unhöflich war, biss sie herzhaft in ihr Fischbrötchen. Schließlich sollte der Fisch nicht in der Sonne verderben, nur weil dieser Typ sie offensichtlich in ein Gespräch verwickeln wollte.

„Sind Sie auf Urlaub hier?“

Konnte der nicht aufhören zu fragen und sie in Ruhe essen lassen? Greta schluckte den Rest ihres kleinen Imbisses hinunter und wischte sich mit der Serviette den Mund ab. Satt war sie noch nicht, aber sie würde sich nicht die Blöße geben, sich ein zweites Brötchen zu holen. Sie wollte nicht als verfressen gelten. „Es gibt da einiges, was ich mit diesem Aufenthalt verbinden kann.“ Zu mehr wollte sie sich nicht hinreißen lassen, schließlich gingen ihre Beweggründe, weshalb sie diese Reise angetreten hatte, niemanden etwas an. Sie erhob sich und schob sich das benutzte Papiertuch in die Hosentasche. „Ich muss dann auch …“

Flink sprang der Mann neben ihr auf die Füße. „Ja, natürlich. Ich will Sie nicht von dem, was Sie vorhaben, abhalten.“ Er nickte ihr mit einem freundlichen Lächeln zu. „Vielleicht sieht man sich …“

„Ja vielleicht …“ Eigentlich sieht er ja ganz nett aus, schoss es Greta durch den Kopf, als sie ihm direkt ins Gesicht sah. Kleine Lachfältchen bildeten fast einen Kranz um seine graublauen Augen. Sein blondes Haar war vielleicht ein bisschen zu korrekt gescheitelt, aber wenn man es ihm durchwuschelte, würde ihn das sicherlich jugendlich unbekümmert erscheinen lassen. Was für Gedanken! War sie denn verrückt geworden?

„Ich wünsche Ihnen weiterhin so schönes Wetter“, wünschte er, als sie sich schon mit einem Nicken abgewandt hatte.

„Danke!“ Greta ging einige Meter die Straße hinunter, dann schaute sie sich um. Von dem Mann eben war nichts mehr zu sehen. Wohin er wohl so schnell verschwunden war? Sie zuckte mit den Schultern. Was ging es sie an. Einem Impuls folgend, kehrte sie um und eilte zur Fisch­bude zurück.