Beschreibung

Bari - eine Leiche wird mit durchschnittener Kehle aufgefunden. Der Fall ist eindeutig: Der junge Mann, der beim Verlassen des Tatorts gesehen wird, wird sofort überführt - er schweigt beharrlich. Doch weder gibt es ein Motiv noch eine Verbindung des Täters mit dem Opfer. Der Zweifel lässt Maresciallo Pietro Fenoglio nach Indizien suchen. Dabei stößt er auf die dunkle Vergangenheit des Opfers, die eine neue komplexe Schuldfrage aufwirft. Eine perfekt komponierte Story à la Sherlock Holmes, mit einem sympathischen Ermittler: melancholisch, musisch, mit Spürsinn.

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TRÜGERISCHEGEWISSHEIT

GIANRICO CAROFIGLIO

TRÜGERISCHE GEWISSHEIT

KRIMINALROMAN

Aus dem Italienischen von Monika Lustig

FOLIO VERLAG

WIEN • BOZEN

Die Originalausgabe ist 2014 im Verlag Giulio Einaudi, Turin,unter dem Titel Una mutevole verità erschienen. © 2014, Giulio Einaudi editore s.p.a., Torino

Lektorat: Senta Wagner

© der deutschsprachigen Ausgabe FOLIO Verlag Wien • Bozen 2016Alle Rechte vorbehalten

Umschlagfoto: © mauritius images / United Archives

Grafische Gestaltung: Dall’O & Freunde Druckvorbereitung: Typoplus, Frangart

ISBN 978-3-85256-685-6

E-Book: ISBN 978-3-99037-055-1

www.folioverlag.com

Prolog

Lorenzo Cardinale, genannt u tuzz, „der Kopfstoß“, war ein auf Banken und Postämter spezialisierter Räuber. Er und seine Komplizen bedienten sich einer simplen und äußerst effizienten Vorgehensweise: Sie stahlen ein großzylindrisches Auto oder gar einen Lastwagen, warteten die Schließzeit ab, wenn die Panzerschränke offen standen, die zeitgesteuerten Sicherheitssysteme ausgeschaltet waren und die Angestellten das Geld zählten. Dann rasten sie mit dem Auto oder dem Lastwagen im Rückwärtsgang gegen die Panzerglasscheibe, durchbohrten sie, drangen mit gezückten Waffen ein, griffen sich das Geld und hauten wieder ab. Mit einem anderen Wagen natürlich. Der für das Rammmanöver benutzte blieb wie eine postmoderne Installation im Schaufenster stecken und so fand die Polizei oder die Carabinieri ihn später auch vor.

Maresciallo Pietro Fenoglio kannte ihn gut, u tuzz. Über Monate hatte er zusammen mit den Männern seines Kommandos gegen ihn ermittelt und an jenem Morgen durfte er ihn endlich in Ausführung – wie es so schön heißt – einer Anordnung zur Verbringung in die Untersuchungshaft wegen mehrerer dieser Raubüberfälle verhaften.

Der richterliche Beschluss war mindestens zwei Wochen alt, doch als sie losgingen, um sich u tuzz zu schnappen, war er nicht zu Hause. Tagelang hatten sie nach ihm gefahndet, bis ein Spitzel ihnen den entscheidenden Hinweis gab.

Cardinales Sohn litt an epileptischen Anfällen und an dem fraglichen Morgen sollte der Vater ihn zu einer Computertomografie des Gehirns in die Poliklinik begleiten.

Sie waren zu dritt: der Brigadier Sportelli, der Carabiniere Montemurro und Fenoglio. Sie parkten den Fiat Ritmo rund zwanzig Meter vor dem Eingang der Neurologie und genau wie ihr Informant es vorhergesagt hatte, trafen gegen elf Uhr Cardinale, seine Frau und das Kind ein.

»Da sind sie«, sagte Sportelli, zückte die Pistole und öffnete die Wagentür.

»Was willst du mit der da?«

Der Brigadier hielt inne mit einer Hand auf dem Türgriff und mit der anderen am Knauf der Waffe.

»Gehen wir und greifen ihn uns?«

»Willst du etwa auf den Jungen schießen?«

»Was soll das heißen?«

Fenoglio ignorierte die Frage.

»Du wartest hier auf uns«, sagte er zum Carabiniere Montemurro. »Es ist zwar ziemlich unwahrscheinlich, doch sollte Cardinale allein rausgerannt kommen, dann stoppst du ihn.« Und zu Sportelli sagte er: »Wir gehen hinein, aber die da lässt du verschwinden, die macht mich nervös.«

In der Eingangshalle der Klinik fragten sie einen Krankenpfleger, wo die CTs gemacht wurden, und dieser deutete auf einen Gang, an dessen Ende sich ein Warteraum befand. Dort saß Cardinale, den Kopf zwischen den Händen, und bemerkte den Maresciallo erst, als er neben ihm Platz nahm und ihm auf die Schulter tippte.

»Ciao, Lorenzo.«

U tuzz fuhr leicht zusammen. Dann drehte er den Kopf zur Seite und zuckte mit den Achseln, mit einer vagen Geste der Resignation.

»Guten Tag, Maresciallo.«

»Wie geht es dem Jungen?«

»Wir wissen es nicht. Sie machen gerade die … wie heißt das noch mal … die Computertomografie. Meine Frau ist mit ihm drin. Er hat epileptische Anfälle und sie kennen die Ursache nicht. Es könnte auch ein Tumor sein, heißt es.«

Sie schwiegen ein Weilchen, beide auf einen imaginären Punkt vor sich starrend.

»Ich muss dich verhaften, das weißt du, nicht wahr?«

»Ich weiß. Aber bitte lasst mich vorher noch hören, wie es um meinen Sohn steht. Lasst mich mit dem Arzt sprechen, dann komme ich mit Euch mit.«

Fenoglio nickte. Kurz darauf erschien ein Arzt.

»Signore Cardinale …«

U tuzz sah zu Fenoglio, der gab ihm ein Zeichen mit dem Kopf.

»Ich warte hier auf dich. Und du wirst mir keinen bösen Streich spielen.«

Cardinale stand auf und verschwand hinter einer cremeweißen Tür. Der Brigadier verfolgte das Geschehen mit entsetzter Miene.

»Maresciallo …«

»Mach dir keine Sorgen, der kommt gleich zurück und dann fahren wir alle zusammen in die Kaserne.«

»Und wenn er uns durch den Hinterausgang oder sonst wie entwischt?«

»Wenn er durch den Hinterausgang abhaut, schreiben wir alle zusammen ein schönes Protokoll, in dem wir erzählen, was geschehen ist, und machen klar und deutlich, dass der Maresciallo Pietro Fenoglio ganz allein die Schuld an allem trägt. Sei ganz beruhigt.«

Eine Viertelstunde später ging die cremefarbene Tür wieder auf und herauskamen Cardinale, seine Frau und zwischen ihnen das Kind. Fenoglio erhob sich, die Frau reichte ihm die Hand, er drückte sie sanft.

»Danke, Maresciallo.«

»Also, was sagt der Doktor?«

»Zum Glück ist es kein Tumor«, antwortete Cardinale.

»Der Arzt sagt, dass man die Ursachen der Epilepsie oft nicht kennt. Der Junge muss für einige Jahre Medikamente nehmen, aber sie sagen, dass man gesund wird«, fügte seine Frau erklärend hinzu.

»Wie heißt der junge Mann hier?«

»Francesco. Habt Ihr Kinder, Maresciallo?«

Fenoglio schüttelte den Kopf. Er schien drauf und dran zu sein, etwas zu dem Jungen zu sagen, doch dann überlegte er es sich anders. Es war nun an der Zeit, die Vorstellung zu beenden.

»Gut. Ich glaube, wir müssen jetzt wirklich aufbrechen«, sagte Fenoglio.

Cardinale nickte, gab seiner Frau einen Kuss und ging in die Knie, um seinem Sohn in die Augen zu schauen.

»Uaglio, Papa muss jetzt mit seinen Freunden hier weggehen, es ist wegen der Arbeit.«

»Wann kommst du zurück?«, fragte der Kleine ganz ernst, als hätte er längst begriffen.

»Bald. Aber du musst ein braver Junge sein, ich verlasse mich auf dich.« Und zu seiner Frau sagte er: »Wenn du zu Hause bist, richtest du mir eine Tasche mit ein paar Sachen und bringst sie mir in die Kaserne.« Die Frau nickte. Sie war an derartige Wünsche und an ein solches Leben gewöhnt. »Müsst Ihr mir Handschellen anlegen?«, fragte Cardinale mit leiser Stimme zu Fenoglio gewandt.

»Lasst uns gehen. Einen schönen Tag, Signora.«

Sie waren noch im Wagen unterwegs, die Kaserne war nicht mehr weit, als die Meldung aus dem Einsatzzentrum kam. Etwas verworren, wie es bei gewaltsamen Todesfällen mit Mordverdacht nun einmal so ist. Eine Putzfrau hatte ihren Arbeitgeber tot in einer riesigen Blutlache in der Küche seiner Wohnung gefunden. Eine Patrouille des mobilen Einsatzkommandos war bereits auf dem Weg dorthin.

Es würde ein langer Tag werden, dachte Fenoglio.

Eins

Fenoglio wies den Brigadier Sportelli an, die Unterlagen für den Fall Cardinale vorzubereiten – Zustellungsprotokoll des Untersuchungshaftbefehls, die Hafteinweisung, die Mitteilung für die Staatsanwaltschaft und den Richter –, und organisierte ein paar Einsatzwagen. An diesem Morgen war er als altgedienter Maresciallo der diensttuende Befehlshaber der Einheit. Der Hauptmann besuchte einen Fortbildungskurs, um es zum Major zu bringen, und war schon seit Monaten nicht im Dienst; der Oberleutnant war wegen seiner anfälligen Gesundheit seit Tagen krankgeschrieben. In Wahrheit gab es da noch den Maresciallo Lombardi, sehr viel älter als Fenoglio – und sehr viel älter als –, doch seine Anwesenheit war seit Langem ein rein dekoratives Element. Wenn man das so sagen darf.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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