Truly - Ava Reed - E-Book

Truly E-Book

Ava Reed

0,0
9,99 €

Beschreibung

Wenn meine Welt stillsteht, dreht sich deine dann weiter? Kein Job, keine Wohnung, kein Geld - so kommt Andie nach Seattle. Hier will sie sich ihren Traum erfüllen und endlich zusammen mit ihrer besten Freundin an der Harbor Hill University studieren. Während Andie darum kämpft, das Chaos in ihrem Leben in den Griff zu bekommen, trifft sie auf Cooper, der sie mit seiner schweigsamen Art gleichermaßen anzieht wie verwirrt. Und obwohl Andie genug Sorgen hat, lässt er sie einfach nicht los. Sie will wissen, wer Cooper wirklich ist. Aber sie merkt schnell, dass manche Geheimnisse tiefere Wunden hinterlassen als andere ... "Gefühlvoll, herzerwärmend und emotional - das ist Truly. Ava erschafft Charaktere, mit denen man einfach mitfühlen muss, und überzeugt mit einem Schreibstil, der mir aus dem Herzen spricht." MariewithWings Auftakt der IN-LOVE-Trilogie von Erfolgsautorin und Leser-Liebling Ava Reed

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 489




Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

Soundtrack Andie & Cooper

Motto

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

Epilog

Danksagung

Die Autorin

Die Romane von Ava Reed bei LYX

Impressum

AVA REED

Truly

Roman

Zu diesem Buch

Kein Job, keine Wohnung, kein Geld. So hatte Andie sich den Beginn ihrer Zukunft nicht vorgestellt. Sie hatte alles im Griff, bis die Krankheit ihrer Mutter nicht nur ihr Leben, sondern auch das ihres Vaters und Bruders aus der Bahn geworfen hat. Ihr großer Traum, zusammen mit ihrer besten Freundin June an der Harbor Hill University zu studieren, gerät ins Wanken. Doch allen Widrigkeiten zum Trotz nimmt sie ihren Mut zusammen und bricht nach Seattle auf. Während Andie beharrlich darum kämpft, das Chaos in ihrem Leben in den Griff zu bekommen und ihre Ängste zu besiegen, trifft sie auf Cooper. Cooper, der sie mit seiner schweigsamen Art gleichermaßen anzieht wie verwirrt. Auf der einen Seite ist er für sie da und unterstützt sie, nur um im nächsten Moment wieder auf Distanz zu gehen. Und obwohl Andie genug Sorgen hat, lässt er sie einfach nicht los. Sie will wissen, wer Cooper wirklich ist und was hinter seiner widersprüchlichen Art und der grimmigen Fassade steckt. Aber sie merkt schnell, dass manche Geheimnisse tiefere Wunden hinterlassen als andere …

Für dich, Andrada.

Andie hat ihren Namen von dir. Und wenn ich ehrlich bin, erinnert sie mich oft an dich. An den Menschen, der so unglaublich stark und klug ist und es so oft vergisst.

Für dich, Sina.

Du wartest auf dieses Buch, seit ich mit dem Schreiben begonnen habe. Ich sehe dein freches Lachen vor mir. Die Bowle ist eine Hommage an dich.

Soundtrack Andie & Cooper

Savage Garden – Truly Madly Deeply

Hozier – Work Song

Billie Eilish – when the party’s over

Kings Of Leon – Use Somebody

Macy Gray (Cover by Jasmine Thompson) – I Try

Ella Eyre – We Don’t Have to Take Our Clothes Off

Sting – Fields of Gold

The Script – Breakeven

Florence + The Machine – No Light, No Light

Kodaline – All I Want (Part 1)

Elderbrook & Rudimental – Something About You

Amber Run – I Found

Parson James – Only You

The Heavy – How You Like Me Now (Raffertie Remix)

Old Man Canyon – Phantoms & Friends

Bishop Briggs – The Way I Do

Kygo, Whitney Houston – Higher Love

Mark Ronson ft. Miley Cyrus – Nothing Breaks Like a Heart (in the Live Lounge)

Florence + The Machine – Shake it out

Shawn Mendes, Camila Cabello – Señorita

The real lover is the man who can thrill you by kissing your forehead or smiling into your eyes or just staring into space. Marilyn Monroe

Prolog

Manchmal ist das Leben schmerzhaft.

Andie

Kein Moment meines Lebens war je so beschämend wie dieser. Zumindest fällt mir gerade keiner ein. Und egal, ob dieser Abend auf meiner Skala der katastrophalen Augenblicke wirklich auf Platz eins landet oder nicht: Es fühlt sich danach an, und das ist alles, was zählt.

Ich denke, das ist so, weil jeder schreckliche Moment, wenn er eintrifft, so einnehmend ist, dass er alles andere verdrängt; und deshalb kann nichts anderes je schlimmer gewesen sein.

Mein Versuch, Haltung zu bewahren, ist gescheitert. Während ich auf den Treppenstufen zum Restaurant sitze, bei gefühlten fünf Grad und im strömenden Regen, der unablässig meine Tränen einsammelt und davonspült, bin ich dabei, meine Gedanken zu sortieren. Die Frage, wie es dazu kommen konnte und wann mein Leben derart aus dem Takt geraten ist, jagt wie am Laufband durch meinen Kopf. Wieder und wieder. Wann es passiert ist und warum – aber nie wegen wem. Das ist das Einzige, dessen ich mir absolut bewusst bin.

Kein Drama, kein Chaos, keine Überraschungen. Nichts davon will oder brauche ich, und ich habe mir seit dem, was mit meiner Mom passiert ist, eingeredet, dass ich dem in Zukunft entkommen würde.

Und in der Sekunde, in der ich spüre, wie die Kälte der Steinstufe und das Wasser endgültig durch mein Kleid dringen, lache ich leise und erstickt auf. Weil ich es nicht geschafft habe … Ich habe alles bekommen, was ich nicht wollte, und möchte etwas, das ich nicht haben kann.

Mein Leben war nie verkorkst, und ich war es auch nicht. Bis heute. Bis ich in diese Stadt kam und auf diese Universität. Bis June mich in diesen dämlichen Club geschleppt hat. Damals hätte ich direkt die Beine in die Hand nehmen müssen, dann wäre dieser ganze Irrsinn vielleicht an mir vorbeigegangen. Wahrscheinlich wäre ich stattdessen daheim, bei meiner Familie. Ohne Studium, ohne das getan zu haben, was ich tun wollte, aber glücklich … so viel glücklicher.

Oder nicht?

Mein Kopf sinkt nach vorne in meine Hände, ein paar schwere Strähnen fallen über meine Schultern und in mein Gesicht. Weitere Tränen fließen lautlos über meine Wangen, während die Gäste des Restaurants in ihrer stilvollen Bekleidung an mir vorbei die Stufen hinauf- und hinabsteigen. Sie sind wie Schatten, nicht ganz da und nicht ganz fort.

Leichter Nebel ist aufgezogen, es ist diesig. Meine dunkelbraunen Haare hängen völlig durchnässt und schwer an mir herab, der Mantel liegt nur halb über mir und ich habe weder den Willen noch die Kraft, etwas daran zu ändern. Auch wenn jeder Muskel längst vor Kälte zittert, kann ich mich nicht aufraffen und in Bewegung setzen. Jemand aus dem Restaurant fragte mich bereits, ob es mir gut gehe, ob man mir helfen könne. Nein, tut es nicht, und nein, kann man nicht. Nicht wirklich. Deshalb habe ich nur den Kopf geschüttelt. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob sie das überhaupt wollten, doch ich rechne es ihnen hoch an, dass sie den Schneid hatten, zu fragen.

Der Regen wird nicht weniger, er trommelt auf mich ein wie ein Schlagzeuger auf seinen Drums zu einem guten, rhythmischen Beat. Als ich mich schließlich zwinge, den Kopf zu heben und mich nicht ganz dieser beschissenen Situation hinzugeben, schlucke ich schwer und stöhne leise auf. Weil schon alles in mir schreit, dass es dafür zu spät ist.

Während ich hier sitze und mich still selbst verfluche, bildet mein Atem kleine Wolken in der Luft, ich friere und meine Nase läuft. Ihre Spitze kann ich nicht mehr spüren.

Ich kann nichts mehr sehen, meine Brille ist verschmiert, nass und beschlagen, also nehme ich sie ab.

Mit meiner linken Hand greife ich beinahe mechanisch nach der kleinen, inzwischen aufgeweichten Stoffhandtasche neben mir, stopfe die Brille rein und ziehe mein Handy heraus. Der Akku gibt vermutlich jeden Moment den Geist auf, die rot leuchtenden, leicht verschwommen wirkenden vier Prozent oben rechts im Display lachen mich aus. Mit zitternden Fingern streiche ich mir einzelne klebrige Strähnen aus der Stirn und von den Lippen, reibe Wassertropfen von den Augen – und es ist mir scheißegal, was mit meinem, wenn überhaupt noch vorhandenen Make-up passiert – und starre anschließend auf mein Smartphone. Starre auf die Namen in meiner Kontaktliste und bleibe immer wieder an einem davon hängen.

Ich werde diese Nummer nicht wählen.

Es gibt nur wenige Menschen, die ich benachrichtigen und fragen könnte, ob sie mich abholen, und eigentlich will ich keinen von ihnen sehen.

Ich wünschte, June wäre hier, und bei dem Gedanken an sie entfährt mir ein leises Schluchzen. Trotzdem werde ich sie nicht anrufen. Vielleicht, weil ich mich schäme. Vielleicht, weil ich ihr zu viel erklären müsste, vor allem Dinge, die ich selbst kaum verstehe. Weil es mir noch nie zuvor so schwergefallen ist, meiner besten Freundin etwas zu erzählen. Das, und weil ich eine starke Frau bin, der das hier viel zu viel ausmacht.

Schließlich kann es jedem mal zu viel werden. Jeder kann sich ab und an in verrückte und verwirrende Situationen hineinmanövrieren. Und Frauen werden andauernd sitzen gelassen, nicht wahr? Es sollte mir egal sein. Ich kenne meinen Wert. Aber diese Gedanken und dieses Wissen sind absolut nutzlos, wenn man sich nicht so fühlt. Ich kann nicht fassen, dass er einfach gegangen ist. Dass er mir noch Geld auf den Tisch gelegt hat … Ohne es verhindern zu können, fühle ich mich dadurch, als hätte er mich für diesen Abend bezahlt. Fluchend balle ich die freie Hand zu einer Faust. Sie ist fast taub.

Es macht keinen Unterschied, dass ich mein Portemonnaie vergessen habe. Bevor ich sein Geld genommen hätte, wenn auch nur für ein Taxi …

Ein kaum wahrnehmbares Wimmern entfährt mir, und der Wunsch, von hier fortzukommen und zu duschen, um mich danach in meinem Bett mit einer Decke einrollen zu können und die Nacht durchzuweinen, wird so übermächtig, dass ich es tue: Ich drücke die grüne Taste.

Es klingelt.

Happy Birthday to me …

1

Der Beginn einer Reise ist meist das Ende einer anderen.

Andie

An eine Tür zu klopfen ist die einfachste Sache der Welt. Doch diese vor mir, mit ihrer groben Maserung und der Nummer fünfzehn in Gebäude B, ist mehr als eine normale Tür; genauso wie das, was dahinter liegt, mehr ist als ein gewöhnliches Zimmer. Dort wartet etwas Neues. Ein Beginn und ein Ende.

Mein Blick fällt nach rechts auf die neben meinen Füßen stehende große braune Reisetasche, während der Rucksack noch immer schwer auf meinem Rücken wiegt und anfängt, auf meine Schultern zu drücken. Ich glaube, jeden einzelnen Muskel in ihnen und meinem Nacken spüren zu können.

Die Müdigkeit rebelliert mittlerweile nahezu inbrünstig gegen die Nervosität und das Adrenalin, das in meinen Adern tobt, seit ich in dieser Stadt ankam. Die Reise nach Seattle war anstrengender als vermutet, was vor allem daran lag, dass ich nicht zur Ruhe kam, seit ich von zu Hause aufgebrochen bin.

In meinem Kopf haben sich auf dem Weg zu viele Wenn und Aber gesammelt, haben sich liebevoll umarmt oder voller Hingabe miteinander gekämpft. Und mit mir. Meinen Hoffnungen, Wünschen, Träumen.

Ich habe Panik bekommen, als ich den Reißverschluss meines Gepäcks geschlossen hatte – und habe sie bis jetzt. Panik davor, dass June sich zu sehr verändert hat – oder ich –, dass Dad und Lucas daheim nicht allein klarkommen – oder ich hier –, und davor, dass ich das alles schlicht nicht schaffe. Weil ich nicht gut genug bin. Was, wenn ich noch nicht bereit bin? Was, wenn ich das nie sein werde? Wenn mir die Stadt nicht gefällt, das Studium, die Uni, wenn es nicht so ist, wie ich es mir vorstelle? Was, wenn ich nicht hierher passe? Was, wenn ich meinen Traum von einer Zukunft im Event- und Marketingbereich mit June aufgeben muss oder ich jemanden enttäusche? Was, wenn …

Meine Gedanken überschlagen sich, ich komme kaum hinterher und rufe still in meinem Kopf Stopp, um dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten. Tief einatmend halte ich inne, versuche damit aufzuhören, mich selbst derart unter Druck zu setzen und durcheinanderzubringen. Ich erinnere mich daran, dass das hier nur ein erster Schritt von vielen ist, der mich dahin führen kann, wo ich hinwill. Ein Teil dessen, was ich mir bereits mein halbes Leben lang wünsche. Etwas Gutes. Wie kann ich jetzt Angst davor haben? Das ist verrückt. Kopfschüttelnd verziehe ich das Gesicht. Vielleicht, weil in den letzten Jahren vieles anders kam, als ich gedacht habe …

So oder so werde ich nur auf eine Art Antworten auf meine Fragen und Ängste bekommen: Wenn ich endlich an diese verdammte Tür vor mir klopfe.

Die Studenten, die tratschend oder lachend hinter mir durch den Flur wandern, ihre Zimmer betreten oder verlassen, fangen an, mich komisch anzusehen. Kein Wunder. Ich stehe hier schon so lange, dass ich nicht nur mitbekommen habe, wie ein Mädchen vor einer halben Ewigkeit den Raum schräg gegenüber verlassen hat, sondern auch, wie sie vor ungefähr fünf Minuten mit einer köstlich duftenden Riesenpizza wiedergekommen und darin verschwunden ist.

Konzentrier dich! Ich drücke die Schultern durch, hebe meine Hand und bemerke den leichten Schweißfilm auf der Innenfläche, den ich schnell an meiner Jeans abwische. Endlich forme ich sie zu einer Faust, nähere mich mit ihr der Tür und …

Ich schaffe es! Meine Knöchel treffen auf das Holz, einmal, zweimal, lauter und kraftvoller als gedacht. Ich atme auf und schiebe anschließend die Brille mit einer routinierten Bewegung ein Stück auf meiner Nase nach oben, damit sie wieder richtig sitzt.

Dann lasse ich meinen Arm sinken und warte.

Es dauert nicht lange, da nehmen die Geräusche hinter der Tür zu, werden lauter und lauter, bis mir in einer fließenden Bewegung geöffnet wird. Jetzt denke ich nicht mehr an das, was sein kann oder sein wird, und starre nicht mehr auf die Kerben des Holzes, sondern direkt in das Gesicht meiner ältesten und besten Freundin, die ich seit Monaten nicht mehr gesehen habe.

Nein, sie hat sich nicht verändert, schießt es mir sofort durch den Kopf. Mit ihrer noch immer elfenbeinfarbenen, perfekt geschminkten Haut, der kleinen Stupsnase und dem offenen Blick, der mir seit jeher jede ihrer Gefühlslagen verraten hat, betrachtet sie mich erstaunt. Nur ihr helles naturblondes Haar ist anders – sie trägt es kürzer als sonst. Viel kürzer, fällt mir auf den zweiten Blick auf. Die Spitzen, die ihr zuvor bis über den letzten Rippenbogen reichten, fallen ihr nicht einmal mehr bis zu den Schultern, und die zarten Strähnen umrahmen in leichten Wellen ihr Gesicht.

»Andie«, wispert sie. Ihre grünen Augen werden immer größer, sie mustert mich so intensiv, als wolle sie sich überzeugen, dass ich real bin. Dass ich tatsächlich vor ihr stehe. Wahrscheinlich überlegt sie gerade, mich mal kurz anzustupsen oder zu piken, nur um sicherzugehen. Stattdessen runzelt sie die Stirn, beugt sich etwas vor und murmelt schließlich erstaunt: »Oh mein Gott, du bist es wirklich. Du bist hier.«

Ein Freudenschrei entfährt ihr, während sie mit einer schnellen Bewegung die Distanz zwischen uns überwindet und mich mit einem Ruck in ihre Arme zieht. Kurz schwanke ich, muss mich am Türrahmen festhalten, bevor auch ich sie kräftig an mich drücke.

Ich hatte vergessen, dass June vieles ist, aber auf keinen Fall leise. Sie hat so viel Energie und stets einen passenden Spruch parat, dass man kaum anders kann, als sie zu mögen. Zumindest geht es mir so. Seit ich denken kann, ist sie für mich da.

Deshalb begann die Nervosität in der Sekunde von mir abzufallen, in der ich vor ihr stand. Jetzt kann ich buchstäblich spüren, wie mein Körper sich entspannt. Wie mein Kopf sich von all den sorgenvollen Gedanken löst. Augenblicklich formt sich ein Lachen in meiner Kehle, und ich lasse es hinaus, weil es sich so richtig anfühlt, so befreiend. June stimmt mit ein, wiegt mich hin und her, und es tut so gut, dieses Lachen, das ich schon ewig kenne, endlich wieder im echten Leben zu hören. Nicht durch ein Telefon oder eine Voicemail.

June war immer wie eine Schwester für mich. Aus diesem Grund waren die letzten Monate ohne sie besonders hart. Der Plan für das Abenteuer Zukunft, Leben und Studium ist eindeutig ein anderer gewesen. Er war schöner, einfacher und weniger beängstigend. Was die Realität von solchen Plänen hält, ist bekannt: nicht besonders viel. Gar nichts. Eigentlich glaube ich, sie amüsiert sich heimlich darüber.

Trotzdem ist es uns beiden nicht einmal im Traum eingefallen, dass es so kommen würde, wie es kam, wir dachten nicht einmal daran, dass überhaupt etwas schiefgehen könnte.

Obwohl … eigentlich stimmt das nicht. Wir hatten uns nur eingeredet, dass nichts schiefgehen könne. Wir hatten gehofft, dass es nicht passieren würde …

»Ich freue mich so, dich zu sehen«, murmle ich in ihr Haar hinein, das sich mittlerweile halb über mein Gesicht verteilt hat, und genieße es, sie zu halten.

Bis sie im nächsten Moment von mir ablässt und einen Schritt zurücktritt. Dabei stemmt sie ihre Hände in die Hüften und legt die Stirn in Falten.

»Du wolltest doch erst nächste Woche kommen, oder? Ach, total egal«, fügt sie sofort an und winkt ab. »Ich bin so froh, dass du da bist. Du hast mir gefehlt.«

»Du mir auch«, erwidere ich, während wir uns freudig anlächeln. Ich erzähle ihr nicht, dass ich hier bin, weil ich es keinen Tag länger ausgehalten habe, und dass ich gleichzeitig kurz davor war, alles abzublasen und einen Rückzieher zu machen. Wegen der Aufregung, der Anspannung, der Vorfreude. Wegen der Angst.

»Komm rein. Sara ist noch nicht wieder da, sie ist irgendwo bei ihrer Familie in Iowa oder so.« June zuckt mit den Schultern und schnappt sich ohne Vorwarnung die große Reisetasche neben mir. Eine Art Grunzen ertönt. »Was zur Hölle, Andie, ist da drin? Hast du die ganze Ranch eingepackt? Eine Kuh? Deinen Bruder?« Ich lache erneut und beobachte, wie June meinem Gepäck den Krieg erklärt.

»So schwer kann sie gar nicht sein«, widerspreche ich halbherzig. June zerrt die Tasche derweil leicht ächzend und mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck hinter sich her ins Zimmer und reißt dabei fast eine Schneise durch das in die Jahre gekommene Laminat. Währenddessen fixiert sie mich mit zusammengekniffenen Augen, und ich schließe die Tür hinter mir.

Okay, die Tasche ist verflucht schwer, aber ich war noch nie gut im Packen, das sollte sie also nicht überraschen. Es ist anstrengend. Bei jedem Teil fragt man sich: Braucht man es? Ist es lebensnotwendig? Und antwortet man mit Nein, legt man es trotzdem nicht zur Seite, sondern betrachtet es noch eine Weile, weil man sich danach fragt: Was, wenn ich genau das doch brauche? Irgendwann. Und ohne es zu merken, ist man plötzlich dabei, sein ganzes Leben in die Tasche zu stopfen.

Diese war zugegebenermaßen auch der Grund, warum ich mir ausnahmsweise ein Taxi geleistet habe, um quasi direkt vor dem Wohnheim aussteigen zu können, statt mit dem Bus zu fahren, und das hat mir, zusammen mit der Fahrt von Montana hierher und einem Teil der Studiengebühren, schon jetzt ein kleines – oder irgendwie eher ein mittelschweres – Loch in mein mickriges Budget gerissen. Als ich das ganz nebenbei erwähne, schnalzt June in einer Mischung aus Missbilligung und Tadel mit der Zunge.

»Ich hätte dich abgeholt. Du hättest nur anrufen müssen.«

»Ich wollte dich überraschen.«

»Das ist dir gelungen!«, gibt sie zu, bevor sie meinem Gepäck sehr ausführlich erklärt, was mit ihm passiert, wenn es nicht tut, was sie will. Vorhin wollte ich sie davon abhalten, die Tasche allein zu bewegen, aber wenn June sich was in den Kopf gesetzt hat … ich seufze amüsiert und lasse derweil meinen Blick durch Junes Studentenwohnung des Mädchenwohnheims schweifen, erkenne viele Dinge wieder, die sie mir bereits während unserer Videochats gezeigt hat oder die im Hintergrund irgendwelcher Fotos waren. Der gemeinschaftliche Wohnbereich ist nicht besonders groß, aber ziemlich gemütlich mit seinen fröhlich wirkenden Wänden, mal weiß, mal sonnengelb, und den hellen Gardinen. Eine alte Cordcouch, ein Beistelltisch, übersät von Wasserflecken und -rändern, der seine besten Tage bereits hinter sich hat und unter einem Bein von mehreren Servietten und Bierdeckeln gestützt wird, finden sich darin. Drei halb abgebrannte Kerzen stehen auch darauf. Ergänzt wird das Ganze durch eine große schmale Kommode in Weiß und einen antiken offenen Schrank aus dunklem Holz, kreuz und quer vollgepackt mit Filmen, Büchern und Zeitschriften. Den Boden ziert ein flauschiger bunt gepunkteter Teppich, dessen Ränder aussehen, als hätten Mäuse verschiedener Generationen daran geknabbert.

Von hier aus gehen zwei Türen ab, eine links und eine rechts, wahrscheinlich in die Zimmer von June und ihrer Mitbewohnerin Sara.

Mit einem lauten Stöhnen parkt June mein Gepäck auf der anderen Seite der Couch. »Damit man nicht beim Reinkommen drüberfällt«, erklärt sie. June hat das Ding einmal um den Teppich und den Tisch gezogen. Ganz ehrlich? Ich hab keine Ahnung, wie ich die Tasche mit nur einer funktionierenden Rolle und diesem Gewicht überhaupt bis hierhin schleppen konnte.

Schwer atmend kommt June wieder zu mir zurück. »Willkommen an unserer Uni! Willkommen in Seattle.« Glücklich breitet sie die Arme aus und dreht sich im Kreis. »Wir haben es geschafft. Kannst du das glauben?«

Fast, denke ich nur. Fast. Sie vergisst, dass ich noch ein paar entscheidende Dinge benötige, bevor das Semester beginnt.

»Es ist vollkommen verrückt«, erwidere ich und setze endlich meinen Rucksack ab, um mir danach über den verspannten Nacken zu reiben. »Jetzt fehlen nur ein Job und eine Wohnung oder ein Zimmer für mich, richtig?« Ich zwinkere ihr zuversichtlich zu und möchte auch genauso klingen. Für jeden anderen würde ich das vermutlich, aber June kennt mich schon sehr, sehr lange … Zu lange. Ihre Gesichtszüge werden für ein paar Sekunden weich, bevor sie feste Entschlossenheit zeigen und meine beste Freundin mich energisch an den Schultern packt.

»Es wird alles gut. Wir finden etwas für dich! Du hast es auf die Uni geschafft, wir beide haben das, wir werden zusammen studieren und der Rest wird folgen: ein Job, eine Bleibe, das Examen, eine eigene Firma, die Weltherrschaft.« Sie wackelt mit den Augenbrauen, und ich lache auf. »Was sage ich immer?«

»Schön einen Schritt nach dem anderen machen, sonst stolpert man«, wiederhole ich die Worte, die sie mir bereits mein Leben lang eintrichtert.

»Richtig! Und weil du jetzt schon da bist, gehen wir nachher etwas essen und ich zeige dir alles. Vorher solltest du dich unbedingt ausruhen. Die Couch gehört ab heute dir.« Sie zeigt voller Stolz auf das Ungetüm, das bei genauerem Hinsehen gar nicht mehr so ungemütlich wirkt. Könnte daran liegen, dass ich inzwischen kaum mehr die Augen offen halten kann.

»Sara hat also wirklich gesagt, es sei okay, dass ich für eine Weile bei euch bleibe?«, frage ich sicherheitshalber ein letztes Mal nach, während ich ein Gähnen unterdrücke.

»So ungefähr.« Ich horche auf.

»Also nein.«

»Sie hat Ja gesagt, nur das zählt.« June lässt von mir ab, verschränkt trotzig ihre Arme vor der Brust und reckt das Kinn. Oh, ich kann mir vorstellen, was los war.

»Du hast nicht lockergelassen, bis sie so genervt war, dass sie dir sogar ihr Erstgeborenes überlassen hätte, nur damit du aufhörst, richtig?«

June verzieht das Gesicht und murmelt ein paar unverständliche Worte, während sie mit ihrer Hand in der Luft herumfuchtelt. Ich muss mich beherrschen, nicht wieder loszulachen. Mir ist nur allzu bewusst, wie hartnäckig sie sein kann. Ganz egal, bei was. Selbst wenn es nur um den letzten Keks in der Dose geht, den wir beide essen wollen. June diskutiert nicht, sie führt Verhandlungen auf Leben und Tod!

Und meistens gewinnt sie.

»Ich wiederhole mich, aber es ist mehr als okay, dass du da bist«, betont sie und reißt mich aus meinen Gedanken.

»Solange die Wohnheimleitung mich nicht erwischt«, nuschle ich, aber sie übergeht meinen Einwand und redet weiter.

»Wenn es nach mir ginge, hättest du sogar in ihrem Bett schlafen können, bis Sara in einer Woche wiederkommt und die Uni beginnt, aber die Gute hat ihr Zimmer abgesperrt.«

»Das ist doch kein Problem.«

»Sie treibt mich in den Wahnsinn. Eigentlich mit so ziemlich allem, was sie tut oder sagt.« Hörbar atmet June ein und aus, bevor sie kräftig schnaubt. »Du müsstest hier mit mir wohnen … das ist scheiße!« Da kann ich ihr nur schlecht widersprechen. »Aber ab heute wird alles anders! Besser!« Ich höre June weiter zu, doch ich bin jetzt wirklich so müde, dass ich vermutlich einfach liegen bleiben würde, würde sie mich umschubsen. Trotzdem mache ich einen Schritt, muss den Versuch wagen, die Kerzen auf dem Tisch gerade zu rücken, sie stehen nämlich schief und unordentlich da und ich …

»Andie!«

Sofort zucke ich zurück und lächle meine beste Freundin entschuldigend an. Sanft drückt sie mich zur Couch, auf die ich mich ohne Gegenwehr plumpsen lasse und – oh, heilige Götter der Gemütlichkeit, ist das schön. Ein wohliges Seufzen entweicht mir.

»Fang bloß nicht an, Sachen zu verrücken!« June kennt all meine Ticks. »Du solltest schlafen, aber vorher: Dass du da bist, muss unbedingt gefeiert werden. Erst vor Kurzem habe ich einen ziemlich coolen Club gefunden, nicht weit von hier. Da gehen wir hin. Du wirst ihn mögen. Deshalb musst du schlafen, essen, duschen, deine lange Mähne entknoten und dann werde ich dich in das heißeste Outfit, das ich in meinem Schrank finden kann, stecken.«

»Tu mir das nicht an, June! Ich flehe dich an!«, nuschle ich verzweifelt, während ich mein Gesicht in eines der weichen Kissen drücke und längst die Augen geschlossen habe.

»Ah, keine Widerrede. Zu Hause bist du mir oft genug damit davongekommen – was in Ordnung war –, aber heute Abend wirst du dich richtig, richtig chic machen.«

»Du weißt, dass ich das nicht so gern mag.« Ich fühle mich wie ein Kleinkind, das seinen Haferbrei nicht essen will.

»Andrada Lucía Evans! Du bist klug, hast eine Seele und einen Körper zum Niederknien und wirst dich heute von diesem übergroßen grauen Pullover verabschieden.«

»Gerade du möchtest mir jetzt einen Vortrag darüber halten, dass man sich nicht selbst verstecken und die Blicke anderer nicht meiden sollte?« Ein sensibles Thema, aber in Momenten wie diesen muss ich meine beste Freundin daran erinnern, dass sie in solchen Dingen ihr eigenes Päckchen zu tragen hat. Nicht, dass es mir so geht; ich mag meinen Körper, aber, zum Leidwesen von June, mag ich eben auch weite, wundervolle Hoodies und kuschelige karierte Hemden. Doch meine Worte werden ohnehin ignoriert. June ist mittlerweile eine Meisterin darin, so etwas an sich abprallen zu lassen. Äußerlich. Wäre es nur auch bei dem Rest so …

Mit Müh und Not schaffe ich es noch, ein Auge ein Stück weit zu öffnen, um June vorwurfsvoll anzusehen.

»Das ist etwas vollkommen anderes, und das weißt du auch! Außerdem zeige ich mich sogar ziemlich gerne.«

»June …«, beginne ich, weil sie wieder anfängt, sich selbst zu belügen und ein paar Themen zu vermischen.

»Andie«, unterbricht sie mich sofort eindringlich, und ich halte inne. Ihr stoischer Blick weicht plötzlich einem flehenden, sie zieht einen perfekten Schmollmund. Oh, wie gut sie das kann. Sie fährt unbeirrt fort. »Wenn du das machst und mitkommst, kannst du dort vielleicht nach einem Job fragen. Vor ein paar Tagen haben sie jedenfalls Leute für die Garderobe gesucht. Studenten.«

Das ist tatsächlich ein plausibler Grund, dorthin zu gehen. Ich brauche einen Job, und zwar sehr dringend und sehr schnell. Verdammt!

»Ich hasse dich.« Mein Auge fällt wieder zu, und ich kuschle mich tiefer in die Couch.

»Nein, das tust du nicht, das wissen wir beide!«, höre ich sie noch sagen, bevor sie von irgendwoher eine Decke hervorzieht und sie über mich legt.

Stunden später stehe ich vor einem Club, über dessen Eingang in fetten neonfarbenen Lettern MASON’s steht. Das riesige Schild wirft auf hypnotisierende Weise wunderschöne Schatten und Lichter auf den dunkelroten Backstein, aus dem das Gebäude besteht. Als wäre dies der Eingang zu einer anderen Welt, in der alles bunter und lebendiger ist. Ein heftiger, elektrisierender Bass dringt bis zu uns nach draußen und lässt mich so etwas wie Aufregung verspüren. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal tanzen war, und zwar nicht in Glenns Pub mit all den Menschen, die wissen, wie schlecht ich in Karaoke bin und die mich entweder schon in Windeln rumrennen gesehen haben oder verdreckt von der Arbeit auf der Ranch.

Langsam fange ich an, von einem Bein aufs andere zu treten. Nicht nur, weil ich mich noch an das Outfit gewöhnen muss, in das mich June gesteckt hat, sondern vor allem, weil ich trotz der ganz passablen asiatischen Fertigsuppe, einer heißen Dusche und ein wenig Schlaf weiterhin etwas neben mir stehe und mich irgendwie wach halten muss. June hat mir einen Teil des Wohnheims und des Campus gezeigt, bevor wir uns fertig gemacht haben, und ich freue mich sehr für sie, dass sie dort leben darf. Ich freue mich, dass wir es beide auf die Harbor Hill geschafft haben, um endlich zusammen in die Zukunft zu starten und unserem Traum, gemeinsam etwas aufzubauen, uns selbstständig zu machen und unser eigener Boss zu sein, ein Stück näher kommen. Ja, ich bin froh … und ich bin dankbar, dass sie mich so lange wie möglich bei sich wohnen lässt. Dennoch sitzt tief in mir ein kleiner dunkler Punkt; etwas, das June um das beneidet, was ich nicht habe, aber immer wollte: das Stipendium, den Wohnheimplatz, keine Sorgen. Okay, zumindest keine, die sich um ein Dach über dem Kopf oder um rote Zahlen auf dem Bankkonto drehen.

Hör auf damit!, rüge ich mich selbst in Gedanken und erinnere mich daran, dass meine beste Freundin sich weder ausgesucht noch gewünscht hat, dass ich später ins Studium einsteige und das auch selbst finanzieren muss. So geht es den meisten. Und June würde alles für mich tun. Sie hatte selbst genug schlechte Tage und verdient dieses Stückchen Glück absolut.

Ich rede mir gut zu, dass am Ende alles irgendwie gut werden wird. Irgendwie …

Schwer schluckend reibe ich mir über die Arme und ärgere mich, keine dünne Jacke oder Weste mitgenommen zu haben. Der Herbst steht vor der Tür, und trotz der lauen Temperaturen will mir nicht warm werden. Ich denke, dazu fehlt mir besagter Schlaf, und zwar ausreichend davon, und der ein oder andere Moment Ruhe.

Ein Blick hinab auf meine Beine lässt mich meine bequeme Hose vermissen.

»Ich kann nicht fassen, dass das gerade passiert«, murmle ich mehr zu mir als zu June, während ich erneut meinen Rock nach unten ziehe. Oder es irgendwie versuche. June hat mich in einen eng anliegenden schwarzen Lederrock gestopft, der mir wenigstens fast bis zu den Knien reicht, in ziemlich hohe und ziemlich mörderische High Heels, mit denen man nur zwei Dinge machen kann: stolpern oder jemanden umbringen. Oben im Rock, auf Höhe der Hüfte, hat sie mir eine helle Bluse locker eingesteckt, die ersten Knöpfe sind geöffnet, zeigen ihrer Meinung nach genau so viel, dass man neugierig wird, aber nicht mehr – was auch immer das bedeuten soll. Ja, meine Hüften sind definitiv etwas breiter als ihre und mein Oberkörper etwas kürzer, aber das hat mich nie gerettet. Junes Schrank ist ein Mysterium für mich, er ist wie der Beutel von Hermine, in den alles reinpasst und in dem man alles finden kann.

Und der Klamottengott hat bisher keinerlei Erbarmen mit mir gehabt, stattdessen gibt er June jedes Mal die richtigen Sachen an die Hand, wenn sie die Gelegenheit ergreift, mich einzukleiden.

»Hör auf, zu jammern und das Gesicht zu verziehen, das macht es nur faltig! Du bist jung, du bist schön und dank mir darf die Welt endlich mal einen Blick auf deine wohlgeformten Beine werfen«, erwidert sie, während sie auf besagte Körperteile zeigt. Als würde ich mein Leben in einem Kartoffelsack verbringen.

Ohne es verhindern zu können, ziehe ich die Nase kraus und überlege, ihr die Zunge herauszustrecken, einfach so, weil es guttäte und ich keine andere Erwiderung auf Lager habe.

Sie versucht gerade erneut, über die Köpfe der Menschen zu schauen. Ich hingegen habe es längst aufgegeben, denn im Gegensatz zu June bleibe ich, trotz des Schuhwerks direkt aus der Hölle, unter einer Körpergröße von eins siebzig. Dabei sind meine Absätze immer noch ein Witz gegen ihre.

»Es wird dir hier gefallen«, sagt June zum hundertsten Mal zu mir, und jedes Mal schafft sie es, etwas überzeugender zu klingen. Dabei umklammert sie ihre Handtasche, in der sich mehr versteckt, als man vermuten könnte. Ich kann mich nicht erinnern, dass June das Haus je ohne ihr Make-up-Notfallkit und ein bisschen Schokolade verlassen hat. Ein Lächeln zupft an meinen Lippen, während ich sie betrachte, wie sie neben mir voller Vorfreude auf und ab hüpft und immer wieder den Kopf reckt, um zu ergründen, warum es nur schleppend vorangeht. »Wenn wir endlich mal reinkönnten«, murmelt sie und schiebt ihre Unterlippe ein Stück vor.

»Schön zu sehen, dass dich die Zeit auf der Uni, ohne mich, nicht verändert und aus dir keinen geduldigen Menschen gemacht hat«, erwähne ich beiläufig und verkneife mir ein Lachen. Besonders, als sie mich gespielt böse anfunkelt und die Arme vor der Brust verschränkt.

»Ich kann geduldig sein. Wenn es darauf ankommt und ich der Meinung bin, dass es zu etwas führt. Das kommt durchaus das ein oder andere Mal vor. Manchmal …« Während sie die Augenbrauen zusammenzieht und darüber nachdenkt, verliere ich den Kampf gegen mein Lachen.

Es ist unglaublich, dass ausgerechnet die Person, die mich mein Leben lang dazu angehalten hat, einen Schritt nach dem anderen zu gehen, gleichzeitig der ungeduldigste Mensch der Welt ist. Dabei gibt es kaum einen Grund dafür, denn die Schlange vor uns ist nicht mehr allzu lang. Die Türsteher kann ich längst erkennen und ebenso den Trennbereich zum Eingang, den sie bewachen und durch den sie nur in gewissen Abständen Personen lassen.

»Hast du schon mit Mara und Dave gesprochen?«, entschlüpft es mir plötzlich, und sobald die Worte meinen Mund verlassen haben, bereue ich sie. Ich kenne June, seit ich denken kann, und sie hat mehr Tage mit mir und meiner Familie verbracht als bei sich daheim. Mir ist klar, dass sie nur ungern darüber spricht, weil es wehtut, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sie und ihre Eltern irgendwann zusammenfinden und eine richtige Familie sein können.

Ein tiefer Atemzug, ein kurzer Seitenblick von ihr – und als ich gerade überzeugt bin, dass sie mir nicht mehr antworten wird, vernehme ich ihr leises »Nein«. Fast mechanisch greift sie nach ihren Haaren und stutzt, weil sie ihre Strähnen nicht sofort zu fassen bekommt. Anscheinend war sie erst vor wenigen Tagen beim Friseur. Was wohl auch der Grund ist, warum sie es mir noch nicht gesagt hatte. Also fasst sie nach, dieses Mal höher und dreht eine der nun kurzen Wellen zwischen ihren Fingern. »Ganz am Anfang des Semesters hab ich versucht, Mom und Dad anzurufen, aber es ging nur die Mailbox dran. Danach hab ich es auf der Arbeit und dem Handy probiert. So ziemlich jede Woche.« Das hat sie mir nicht erzählt.

June spricht nicht weiter, deshalb greife ich nach ihrer anderen Hand. Sie ist kälter als erwartet. Einen kurzen Moment drückt sie die meine und bemüht sich sofort um ein Lächeln. »Es ist okay, Andie. Sie hatten keine Zeit. Wir kennen es ja nicht anders. Oh, schau mal, wir sind die Nächsten.«

Irritiert von dem abrupten Themenwechsel blicke ich nach vorn. Stimmt. Dass wir so weit vorgerückt sind, habe ich gar nicht gemerkt. Aber sehr wohl, dass June noch immer eine Meisterin der Ablenkung ist. Dabei bin ich die einzige Person, bei der sie keine Maske aufsetzen muss, bei der sie nicht so tun muss, als wäre es ihr egal und als würde es ihr nichts ausmachen, dass ihre Eltern in den letzten einundzwanzig Jahren öfter weg als daheim waren. Dass June irgendwann ein eigenes Zimmer bei uns bekommen hat und …

»Hör endlich auf, darüber nachzudenken, Andie«, mahnt sie mich sanft, und als sie mein verwundertes Gesicht sieht, drückt sie ein letztes Mal liebevoll meine Hand, bevor sie loslässt. »Man sieht es dir an. Du ziehst deine Nase kraus, wenn du an unschöne Dinge denkst oder zu viel grübelst. So wie eben. Es ist okay. Wirklich!«

Ich nicke zaghaft. Hoffentlich ist es das … irgendwann.

2

Manchmal beginnt es mit kleinen, unscheinbaren Dingen.

Manchmal mit einem bunten Cocktail auf dem Oberkörper.

Andie

Der Club ist größer als gedacht und viel weiträumiger, als er von außen auf mich gewirkt hat.

Der heftige Bass dröhnt in meinen Ohren, der Beat pulsiert durch meinen Körper, und es ist, als würde er meine Verspannungen lösen und Glückshormone durch mich durchjagen. Denn ich fange tatsächlich an, diesen Abend in vollen Zügen zu genießen.

Als wir an einer großen Bar ankommen, direkt gegenüber der viel Platz bietenden Tanzfläche, gestatte ich mir, das Ambiente genauer zu betrachten. Die zweite Ebene existiert nur als eine Art breiter Balkon, der sich am Rand entlangzieht und von dem aus man auf die feiernde Menge hinabblicken kann. Auf diese Weise kann man von hier durch die Mitte bis hinauf an die Decke schauen, an der verschiedene Lichter im Rhythmus der Musik miteinander tanzen. Es ist, als würde ich Nordlichter beobachten. Wahnsinn. Ein unbeschreiblicher Anblick.

Die verschiedenen Balken an den Seiten des Raumes verleihen dem Ganzen ein besonderes Flair. Der Stil, der eine Mischung aus Antik, Klassisch und irgendwie Futuristisch zu sein scheint, harmoniert mit den Stahlrohren, die hier und da durch die Wände brechen, den vereinzelten Holzelementen und Backsteinwänden.

»Es ist beeindruckend, nicht wahr?«, ruft June mir zu, und ich kann nur nicken, während wir uns an die Theke lehnen und ich alles begutachte. Ganz am Ende rechts entdecke ich noch eine weitere Bar, kleiner und sich perfekt in die Seite einfügend. Hintendran an der Wand weisen bunte Schilder den Weg zu den Toiletten. Links scheint die Treppe zu sein, die einen in den zweiten Stock bringt. Und direkt gegenüber, an der anderen Seite des langen, riesigen Raumes, erkenne ich weitere Treppenstufen. Sie wirken eher unscheinbar, schmiegen sich direkt an die Wand und sind unten mit einem eleganten und zugleich schlichten Absperrband versehen. Sie führen zu einer Tür auf mittlerer Ebene. Wassichwohldahinterverbirgt?

Obwohl es noch lange nicht Mitternacht ist, ist es brechend voll, und schnell wird mir ziemlich warm. Ich schiebe und kremple die Ärmel der Bluse nach oben – in der Hoffnung, sie bleiben endlich mal da –, danach streiche ich meine Haare über die Schultern, hebe sie einen Moment an, damit ein kleiner Lufthauch meinen Nacken streifen kann, und genieße dieses befreiende Gefühl auf meiner Haut.

»Wenigstens den Zopf, June! Den hättest du mir lassen können.«

Sie fängt an zu kichern, greift nach meinen Locken und fährt durch sie hindurch, nachdem ich die Arme habe sinken lasse. »Aber es steht dir so gut, wenn du sie offen trägst.« Was soll ich da bitte erwidern? Ich mag es auch, bin aber tief in mir drin sehr praktisch veranlagt. Und sind wir ehrlich: Offene, schwere und lange Haare sind in den meisten Fällen vieles, aber ganz sicher nicht praktisch. Weder beim Aufräumen noch beim Kochen oder Lernen – da fallen sie immer ins Gesicht, verknoten sich oder landen halb in der Soße –, und schon gar nicht beim Tanzen, wo sie sich wie gierige Tentakel um dich winden und den Anschein erwecken, dich verschlingen oder gar eine symbiotische Beziehung mit deinem Schweiß und deiner Haut eingehen zu wollen.

Gerade als ich meine Brille richte und etwas dazu sagen möchte, winkt June einem der Barkeeper erneut zu, der sie dieses Mal wahrnimmt und wenige Sekunden später bei uns ankommt. Sein Grinsen wird breiter, Junes ebenso. Sie sieht aus wie eine griechische Göttin. Ihr Selbstbewusstsein ist bewundernswert, besonders weil sie sich selbst nicht so sieht, wie ich sie sehe, sondern vollkommen anders empfindet.

»Was kann ich euch bringen?«, reißt mich der Barkeeper aus meinen Gedanken.

»Ein Wasser«, antworte ich freundlich.

»Und zwei Cocktails, ohne Sahne. Überrasch uns einfach, Jack«, bittet June auf ihre unverkennbare Art und zwinkert dem Barmann keck zu, der lächelnd nickt und sich sofort ans Werk macht.

»June«, warne ich sie. Ich kann mir keine Cocktails leisten – nicht nach dem horrenden Eintrittspreis für diesen Club.

»Was denn?«

»Ich hab mir schon ein Wasser bestellt.«

»Das stimmt. Und ich zwei Cocktails. Du bist eingeladen.« Jetzt grinst sie mich an. So lange, bis ich den Kopf schüttle und es ihr gleichtue. Es ist mir so unangenehm, aber … was macht es schon, einen Cocktail von seiner besten Freundin anzunehmen? June geht es zurzeit finanziell gut, besonders dank des Stipendiums, das sie wiederum ihren fantastischen Noten zu verdanken hat. Meine haben nicht gereicht. Durch die letzten zwei Jahre und alles, was passiert ist, konnte ich mich kaum auf den Abschluss konzentrieren oder irgendwelche Tests. Daher habe ich auch erst jetzt den Studienplatz bekommen.

»Okay, nur dieser eine. Zum Anstoßen.«

Stürmisch fällt June mir um den Hals.

»Du weißt, du musst ihn nicht trinken«, flüstert sie leise.

»Und du weißt, dass ich es nicht tun würde, würde ich es nicht wollen«, gebe ich zurück, und es stimmt. Ich dachte, Wasser sei am günstigsten und besser nach der langen Reise und dem wenigen Schlaf, aber ein einziger Cocktail ist auch okay.

Ich möchte feiern.

»Danke«, schiebe ich hinterher und ich muss ihr nicht sagen, wofür.

»Immer!«

Wir lassen voneinander ab.

»Natürlich mache ich es wieder gut, sobald ich einen Job habe. Heute Nacht werde ich loslassen, aber danach …« Ich grinse sie schelmisch an. »… danach werde ich wieder mein Ingwerwasser trinken. Ich werde meinen Jeans, Boots und Pullovern huldigen, und du wirst nichts dagegen tun können.« Es kostet mich wirklich viel Kraft, nicht hemmungslos über den Ausdruck auf dem Gesicht meiner Freundin zu lachen.

»Ich weiß, ich weiß.« Sie seufzt, fährt sich mit der Zunge über die Lippen. »Für das Opfer, das du heute Abend erbracht hast, werde ich eine gute Freundin sein und irgendwann einen Kapuzenpullover tragen oder dieses superweite Holzfällerhemd, das du so liebst. Einen ganzen Film lang. Und vielleicht ziehe ich mir auch Kuschelsocken an, die ich über die Jeans stülpe und die farblich null zu dem Oberteil passen werden, unter welchem ich selbstverständlich keinen BH trage. Der Gemütlichkeit wegen.« Während sie das sagt, ist ihr Gesicht schmerzverzerrt, als würde sie eine Welle der Übelkeit überrollen – oder gerade mit einem Zitteraal kuscheln. Ich pruste los, und June stimmt nach wenigen Augenblicken mit ein. »Ein einziger Film! Und zwar ein kurzer. Sehr kurz!«, mahnt sie und zeigt mit dem Finger auf mich. Sie verengt die Augen zu Schlitzen, während ich feierlich nicke. June fühlt sich ohne BH und mit weiten Kleidungsstücken einfach nicht wohl. Es hat viel mit ihrer – wie ich finde, nicht ganz realitätsnahen – Wahrnehmung zu tun, fast so, als würden sie enge Klamotten mehr daran erinnern, dass sie schön ist. Genau deshalb ist dieses Zugeständnis für mich so viel mehr wert …

»Übrigens, woher weißt du, wie er heißt?« Vage zeige ich in Richtung des Typen, der uns eben bedient hat.

»Namensschild, Baby!«

Ihr entgeht wirklich nichts.

Wir bleiben in stillem Einvernehmen an der Bar stehen, warten auf unsere Getränke, und June beginnt, sich langsam im Takt der Musik zu bewegen. Und ich spüre, wie der Druck, die schlimmen Gedanken und der Drang nach einem Plan endlich komplett von mir abfallen.

Als Jack wiederkommt, danke ich ihm freundlich und greife nach meinem Wasser. Einzelne Tropfen laufen an der Seite hinab, das Glas ist beschlagen. Neben ein paar Eiswürfeln ist auch eine Zitronenscheibe darin. Das liebe ich. Dann schiebt er uns die beiden Cocktails über die Theke zu, und ich erkenne, dass June recht hat. An seinem dunklen Hemd hängt ein kleines Schildchen mit seinem Namen drauf. Da fällt mir ein …

»Entschuldige, Jack?«, beginne ich zögernd. Er will sich gerade umdrehen, hält jedoch inne und beugt sich zu mir über den Tresen, damit er mich besser versteht. »Meine Freundin hat gesagt, ihr sucht vielleicht eine Aushilfe oder so?«

Jack fährt sich mehrmals über das glatt rasierte Kinn.

»Das kann sein. Ich müsste mal nachfragen«, eröffnet er mir, und ich danke ihm abermals. »Ich schicke jemanden zu euch.«

Das klingt gut. Vielleicht habe ich Glück.

»Siehst du!«, triumphiert June und sieht dabei unendlich stolz aus. »Ich wusste, dass ich das irgendwo gelesen habe.«

»Du warst dir nicht sicher?« Ungläubig blicke ich sie an, doch sie zuckt nur mit den Schultern.

»Ich war mir zu fast fünfundfünfzig Prozent sicher, das ist immerhin mehr als die Hälfte«, gibt sie siegessicher zurück, als würde das jetzt alles erklären.

»Wie oft warst du eigentlich schon hier?«, frage ich sie stattdessen und nehme das Glas mit dem kühlen Wasser ganz in die Hände. Am liebsten würde ich es mir an die Stirn, den Nacken und – verflucht – auch aufs Dekolleté drücken. Die Kühle ist der Himmel!

»Nur zweimal. Einmal davon sehr kurz. Das könnte also unser Club werden, Andie!«, verkündet sie feierlich und sieht dabei aus, als würde ihr größter Traum in Erfüllung gehen.

Amüsiert trinke ich einen Schluck, die Flüssigkeit rinnt meine Kehle hinab, und erst jetzt merke ich, wie durstig ich tatsächlich bin. »Gott, ist das gut!«, stoße ich entzückt aus, wobei June sogar bereits den ersten Schluck ihres Cocktails getrunken hat und mir den anderen jetzt auffordernd hinschiebt.

»Dann warte mal, bis du das hier probiert hast.«

Lachend stelle ich mein Wasser weg, greife nach dem bunten Zeug und – es stimmt. Das ist mit Sicherheit der beste Cocktail, den ich je getrunken habe. Nicht zu süß, nicht mit diesem beinahe pelzigen Nachgeschmack auf der Zunge, dafür leicht scharf, fruchtig. Meine Augen weiten sich.

»Wahnsinn«, flüstere ich. Dagegen war jeder vorherige Drink meines Lebens ein Witz.

»Oh ja«, stöhnt June nach dem nächsten Schluck, und sofort dreht der Typ hinter ihr sich um und stellt sich neben sie. Ich kann jede seiner Bewegungen beobachten.

»Hey«, beginnt er mit gespielt tiefer Stimme, und ich muss aufpassen, nicht laut loszukichern. Stattdessen halte ich mich an meinem Drink fest und beobachte meine Freundin. Das hier könnte wirklich spannend werden.

Irritiert sieht June den Typen an und wartet, ob da noch etwas anderes folgt.

»Ich hab gerade …« Sofort stockt er und zieht seine Augenbrauen zusammen. Es ist mehr als deutlich, wie es gerade hinter seiner Stirn arbeitet.

Ja, was hat er denn? Ich habe dich stöhnen hören und mir gedacht, es wäre eine gute Idee, mal »Hey« zu sagen? Ihm ist anscheinend klar geworden, dass das ein wirklich beschissener Anfang für ein Gespräch ist. Und ich? Ich habe von dem Cocktail abgelassen und halte mir eine Hand vor den Mund, um mein höchst amüsiertes Lächeln zu verdecken, das sich bei diesem Gedanken auf meinem Gesicht ausgebreitet hat.

»Also, du bist mir aufgefallen und ich denke, du solltest jetzt mit mir tanzen«, versucht er es erneut und noch dazu sehr zielstrebig. Nicht besonders eloquent, aber immerhin besser als die Stöhn-Sache.

»Sollte ich das, ja?«, fragt June mit lieblicher Stimme, während ich dem Kerl innerlich zuschreie: »Mayday, mayday!« Ich weiß nämlich sehr genau, dass das übel enden kann. Zumindest, wenn er nicht gleich etwas wirklich Liebenswertes sagt oder einfach geht …

Er hat sich nicht vom Fleck bewegt, sucht weiterhin nach Worten, sein Mund öffnet und schließt sich in Dauerschleife, und in dem Moment, als June die Augenbraue in perfekter Manier hebt – nur die linke –, greife ich ein, weil er doch anfängt, mir leidzutun.

»Danke, dass du hergekommen bist, aber meine Freundin hat leider kein Interesse. Wir haben heute etwas zu feiern. Aber du findest bestimmt eine andere Frau, die gerne mit dir tanzen möchte.« Als er sich mir daraufhin so zuwendet, als würde er jetzt erst bemerken, dass ich da bin, recke ich das Kinn. Abschätzig gleitet sein Blick über mich, und ich widerstehe dem Drang, wegzugehen oder wenigstens die Arme um mich zu schlingen. Ich hasse das. Diese Art Blick, mit dem man nicht nur gemustert wird, sondern der einen irgendwie abwertet. Ich spüre, wie meine Wangen richtig heiß werden und ich die Lippen beinahe schmerzhaft zusammenpresse.

»Wer bist du denn?«

Er meint es nicht böse. Mit Sicherheit nicht. Bestimmt ist er betrunken oder … einfach ein Arsch, flüstert eine Stimme in meinem Kopf. Leider bin ich in solchen Momenten nicht besonders schlagfertig, sondern meist erst ein paar Stunden später. Oder Tage. Wochen … Statt ihm also eine passende Antwort ins Gesicht zu schleudern, spüre ich, wie neben meinen Wangen nun mein ganzes Gesicht warm und somit garantiert knallrot wird.

»Du solltest gehen.« June schafft es gerade so, ihm nicht an die Gurgel zu springen. Wäre sie eine Figur aus einem Comic, könnte man das Feuer bereits in ihren Augen brennen sehen oder den leichten Rauch, der aus ihren Ohren und der Nase dringt.

Völlig unerwartet langt der Typ June an Hüfte und Hintern, will sie zu sich ziehen oder begrapschen, doch sie schlägt die Hand sofort kräftig weg.

»Ach, komm schon, Süße«, fängt er an. Das ist zwar nicht der erste, aber eindeutig der größte Fehler, den er, seit er hier ist, begangen hat – und das lässt June vollkommen die Geduld verlieren.

Bisher hatte sie nur einen festen Freund, und der hat in dem Jahr, in dem sie zusammen waren, genau diese Worte zu ihr gesagt – wieder und wieder und wieder. Sie sind wie ein rotes Tuch für June, und ich kann das absolut verstehen. Auch ich mag diesen Satz überhaupt nicht und muss mich ständig davon abhalten, mit den Augen zu rollen, wenn irgendwer das zu jemandem sagt. Weil mir dazu schlicht nichts Gutes einfällt und der Tonfall immer derselbe ist. Eine Mischung aus Empörung, Genervtsein und einer Prise Arroganz oder Wut, je nach Situation. Ich meine, was möchte man damit ausdrücken? Es impliziert höchstens solche Dinge wie: Stell dich nicht so an! Was soll das denn jetzt? Sei kein Spielverderber. Oder: So schlimm war das doch gar nicht, es war nur ein Kuss; sei mal nicht so prüde. Letzteres war der Sinn hinter Drews letztem Ach, komm schon, Süße!, als June ihn zusammen mit Amber erwischt hat, auf der Rückbank ihres Autos, während des Abschlussballs. Wahrscheinlich hätte er noch etwas anderes von sich gegeben, hätte June ihn nicht aus dem Wagen gezogen und seine sogenannte Männlichkeit buchstäblich auf den Mond geschossen, woraufhin sein Gesicht blau anlief, während er versuchte, seine Eier beisammenzuhalten.

Drew hatte sie ohnehin nicht verdient – weder June noch seine Eier. Weil er einer der Gründe ist, warum June seitdem keinem Mann mehr traut, aber vor allem, weil er sie hat zweifeln lassen. An ihrem Wert, ihrer Intelligenz und ihrer Schönheit. Genau wie ein paar andere Männer danach …

»Jetzt hör mir mal zu: Ich war freundlich und gewillt, mir dein seltsames Gebrabbel anzuhören, bis du meine beste Freundin beleidigt hast, und jetzt sage ich dir, dass du verschwinden sollst.« Mit zusammengekniffenen Augen tritt June ganz dicht vor ihn und lächelt zuckersüß. Seine Kumpels beugen sich wie Aasgeier nach vorne, damit sie ja nichts verpassen. Und dann säuselt June: »Du wirst mich niemals so zum Stöhnen bringen wie dieser Cocktail.«

Sie hat tatsächlich den gleichen Gedanken gehabt wie ich. Okay, jetzt ist es mit meiner Selbstbeherrschung vorbei. Ein Lachen bricht aus mir heraus, und ja, es tut mir leid. Aber seien wir ehrlich, er hat nicht besonders viel dazu beigetragen, von June auf höfliche Art eine Absage zu kassieren. Dass sich seine drei Freunde im Hintergrund köstlich amüsieren, ist wahrscheinlich auch nicht hilfreich, aber durchaus verständlich.

Mit einem letzten abschätzigen Blick zu mir und vor Unmut verzogenen Lippen zieht er sich widerwillig zurück. Ein weiser Entschluss.

»Unglaublich«, bedeutet June mir stumm, dabei bewegt sich ihr Mund viel zu übertrieben, was mich amüsiert den Kopf schütteln lässt.

Die Musik wird immer einnehmender, der Rhythmus hallt in mir wider und ich lache. Nicht mehr über den Kerl von eben, sondern einfach, weil es guttut, bei June zu sein, einen ersten Schritt getan zu haben in Richtung Ziel. Und weil es schön ist, mir ein paar Minuten keine Sorgen machen zu müssen. Morgen würde ich damit weitermachen; mit den Sorgen, meinen Plänen, meiner To-do-Liste und der Welt. Heute nicht mehr. Heute lausche ich nur noch June, wie sie mir alles über das Wohnheim erzählt, tolle Cafés und Läden und ihre Seminare. Vieles davon weiß ich schon, wir haben schließlich oft telefoniert, aber ich kann es mir nicht oft genug anhören, jetzt, da ich auch hier bin.

Laut schlürfe ich den letzten Rest aus meinem Cocktailglas und bin zu meinem Erstaunen traurig, dass es schon leer ist. Er war wirklich lecker. Also schaue ich June an, schiebe die Unterlippe ein Stück vor und halte ihr mein Glas unter die Nase. Ohne Bedauern. Ohne die leise Stimme in meinem Hinterkopf, die mich sonst in Trab hält, dank der ich alles wieder und wieder über- oder zerdenke, und ohne das schlechte Gefühl, weil ich mir keinen zweiten leisten kann. Weil ich June auf meine Art darum bitte.

Es dauert ein paar Sekunden, dann versteht sie, was ich ihr sagen möchte. Und nachdem ihre Augen sich überrascht geweitet haben, klatscht sie freudig in die Hände, dreht sich und schreit: »Jack! Wir brauchen mehr von deinen Wundercocktails.« Obwohl Jack nicht direkt bei uns steht, muss er sie gehört haben, denn sogleich breitet sich ein Grinsen auf seinen Lippen aus, er schüttelt amüsiert den Kopf und keine fünf Minuten später stehen neue Drinks direkt vor unserer Nase. Ich greife danach und schrecke leicht zusammen, als ich statt des kühlen Glases warme Finger streife. Sofort blicke ich auf – direkt in braune Augen, die eindeutig nicht Jack gehören. Der Fremde zieht seine Hand weg, und ich mustere ihn neugierig. In dem bunten und diffusen Licht erkenne ich einen Bart, braunes welliges Haar, markante, jedoch leicht ernste Züge und breite Schultern. Während wir uns stumm ansehen, erwacht der Drang in mir, etwas zu sagen, so was Banales wie ein Danke. Doch als meine Lippen sich teilen und sein Blick darauf fällt, sich die seinen zu einem Strich zusammenpressen, bekomme ich keinen Ton raus. Stattdessen breitet sich in mir ein seltsames Kribbeln aus, mein Mund wird trocken. Ich weiß nicht, wieso das so ist, aber etwas an ihm hält meine Aufmerksamkeit fest, ich bin auf irgendeine Weise fasziniert und kann nicht erklären, warum.

Kein Namensschild, fällt mir auf und in diesem Moment drückt er sich kräftig vom Tresen ab, dreht sich um und geht zügig ans andere Ende der Bar, um mit Jack den Platz zu tauschen. Zu weit weg, als dass ich noch etwas erkennen könnte. Erst recht nicht, als die Nebelmaschine voll aufgedreht wird.

Ich greife erneut nach dem Cocktail, wende mich June zu und sehe, dass sie mich breit angrinst. Zu meinem Glück verkneift sie sich einen Kommentar. So wie ich es mir mit aller Macht verkneife, mich erneut nach dem unbekannten Barkeeper umzudrehen.

Stattdessen richte ich meine Aufmerksamkeit ganz auf meine beste Freundin, die mir freudig zuprostet. »Auf uns! Auf die Universität, die Zukunft und …« Sie stockt, ihre Gesichtszüge werden weicher. »Auch auf die Vergangenheit. Ohne sie wären wir vermutlich nicht hier. Wir wären nicht wir.«

»Auf das Leben«, flüstere ich und stoße mein Glas an das ihre. Auch, wenn es beschissen sein kann, füge ich in Gedanken hinzu, und trinke die ersten Schlucke. Dieser Cocktail ist etwas säuerlicher als der erste, mit anderen Früchten, schmeckt aber genauso gut.

»Hey«, erklingt auf einmal ein warmer Bariton neben mir, lässt mich das kurze Aufblitzen alter bittersüßer Erinnerungen vergessen, und während ich denke: Nicht schon wieder, fängt June bereits, bevor sie sich zur Seite dreht, an, ihrem Ärger Luft zu machen.

»Ich hab dir gesagt, du sollst verschwinden.«

Oh, oh, das ist gar nicht der Typ von eben. Meine Augen weiten sich, und in Gedanken schreie ich ihren Namen so laut, dass sie das unmöglich nicht mitbekommen kann. June … June!

»Such dir jemand anderes, der für dich stöhnt, denn ich werde …«

Jepp, jetzt hat sie es erkannt. Die Lippen des Fremden zucken verräterisch, während er Junes Züge genauestens studiert. Ich für meinen Teil tue das Gleiche bei ihm. Er sieht ganz gut aus, auf eine freche und gleichzeitig versnobte Art. Ist das überhaupt möglich?

»Sehr schade, ich hätte nichts dagegen, mir dein Stöhnen anzuhören«, erwidert er forsch und tritt einen Schritt auf sie zu, ohne sie zu bedrängen. »Es klingt vermutlich … etwas kratzbürstig.«

Trotz ihrer hohen Schuhe muss June den Kopf in den Nacken legen. Ich sehe ihr deutlich an, wie sie zwischen einer Entschuldigung und einer zweiten bissigen Erwiderung schwankt. Dieses Mal gehe ich nicht dazwischen, mische mich nicht ein. Mir fällt auch, ehrlich gesagt, nichts ein, was Junes Situation irgendwie besser machen würde. Verdammt, mein Cocktail ist wieder leer.

Die beiden hören nicht auf, einander anzustarren. Ist das normal? Was sie wohl denken? Ich lege den Kopf schief und ziehe die Stirn in Falten. Vielleicht so was wie: Wer mit dem Feuer spielt, verbrennt sich die Finger. Könnte auch sein: Du nervst mich, schau mich nicht an … Ich werde nicht nachgeben … Oder: Aus der Nummer komme ich nicht mehr raus. Vermutlich starren sie gerade nur gerne, was weiß ich schon.

Gott, ich vertrage wirklich keinen Alkohol …

Erst jetzt bemerke ich, wie chic der Typ angezogen ist, dafür, dass wir in einem Club sind und nicht auf einer Benefizgala. In dem teils schummrigen Licht ist mir das zuerst gar nicht aufgefallen. Eine anthrazitfarbene Anzughose, ein makellos weißes, absolut knitterfreies Hemd, das aussieht, als wäre es teurer gewesen als der komplette Inhalt meines Kleiderschrankes, und … ich beuge mich leicht vor – ja, definitiv hochwertiges Aftershave.

Gerade als ich mich entschließe, doch etwas zu sagen, weil mir die Situation eindeutig zu seltsam wird – es ist wie ein Wettkampf, bei dem es nichts zu gewinnen gibt –, bahnt es sich an …

Oh nein. Ich stelle das leere Glas weg und kann nicht glauben, was June im Begriff ist zu tun. Ich träume. Ja, das muss es sein. Ich bin kurz davor, mir die Augen zu reiben, erinnere mich aber im rechten Moment daran, dass ich ausnahmsweise richtig geschminkt bin und nicht nur meinen Lieblingslippenstift trage und das besser lassen sollte, wenn ich nicht den Rest des Abends als Panda hier herumlaufen möchte.

Nein, nein, nein! Wie in Zeitlupe nimmt June den Edelstahlstrohhalm aus dem Cocktail und die Ananas vom Rand des Glases zwischen die Finger, bevor sie es lächelnd anhebt. Direkt über seinen Oberkörper … Sie kippt es weiter und weiter, und ich beobachte, wie sich das bunte Gemisch darin langsam, aber sehr zielstrebig über das bis zu diesem Zeitpunkt lupenreine Hemd des unbekannten Typen verteilt. Es fließt und fließt und …

»Oh mein Gott«, hauche ich mit weit geöffneten Augen, als June das Glas senkt und zur Krönung die kleine Scheibe Ananas an seiner linken Brust, in der Tasche des Hemdes einhängt, diese dort ohne Probleme kleben bleibt und jetzt wie ein Halbmond seine mittlerweile sehr gut erkennbare Brustwarze einrahmt.

June lächelt noch immer, betrachtet ihr Werk und schüttet die letzten Tropfen des Cocktails aus dem Glas über die Frucht und seine Brust.

Während sie den Strohhalm zurück ins Glas steckt und es endlich wegstellt, hält sie seinem Blick stand und reckt herausfordernd das Kinn.

Er hat sich kein Stück bewegt. Sein Ausdruck hat sich jedoch verändert, ist fast emotionslos, aber die Ader an seinem Hals pocht ziemlich heftig. Oder nicht? Ist das normal? Ich würde gern June fragen, aber ich denke, das wäre unpassend.

Sein tiefes Räuspern dringt trotz lauter Musik und sich um uns drängende Menschen zu mir. »Jack schickt mich. Jemand von euch sucht einen Job.«

Verdammt, nein! Der Satz aus seinem Mund ist wie ein Schlag in die Magengrube. Mir wird schlecht.

Wie habe ich das vergessen können? Ich habe zwei Cocktails intus, habe mich nicht vorbereitet, keinen Plan, verflucht, ich weiß ja nicht mal, um welchen Job es geht. Garderobe, oder? Hat June das vorhin nicht gesagt? Noch dazu hat der Typ, der vielleicht darüber entscheidet, ob und wie viel Geld ich in den nächsten Monaten verdiene, gerade den gummibärenartigen Drink meiner besten Freundin an sich kleben. Die ersten Tropfen laufen vermutlich genau in dieser Sekunde auf sein bestes Stück zu …