Tübinger Bluterde - Werner Bauknecht - E-Book

Tübinger Bluterde E-Book

Werner Bauknecht

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Beschreibung

Da staunt der Platzwart im Tübinger SV 03-Stadion nicht schlecht. Als er morgens seine Runde macht, liegt eine Leiche direkt neben der Laufbahn. Der Mann wurde grausam erschlagen, in seiner Hand befindet sich zerdrückte Erde. Kommissar Christian Löffler tappt im Dunkeln. Auch eine zweite Leiche wird gefunden, nicht weit vom Tatort der ersten entfernt. Hat das alles etwas mit den Grundstückskäufen zu tun, die manche Menschen reich machen können? Oder warum hat auch der zweite Tote Erde in seiner Faust? Die Kommissare suchen fieberhaft nach einer Spur, einem Motiv. Als dann auch noch ein Teammitglied den Unfalltod seiner Partnerin hinnehmen muss, macht sich Verzweiflung in dem Team breit. Es bleibt nur noch eine Möglichkeit: Man muss dem Täter eine Falle stellen, ehe das Morden weitergeht. Aber das geht gründlich schief.

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Seitenzahl: 323

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Werner Bauknecht

ist in Tübingen geboren. Nach dem Abitur studierte er in München Soziologie, BWL und Politik. Danach arbeitete er als Videoproduzent, dann als Referent beim Sparkassenverlag. Seit 2000 ist er freiberuflicher Autor und Journalist. Seine Theaterstücke werden bundesweit gespielt. Mit seiner Familie wohnt er in Rottenburg. Er schreibt für Zeitungen und Zeitschriften, schwerpunktmäßig für das »Schwäbische Tagblatt«. Seine zweite Leidenschaft, nach dem Schreiben, ist das Laufen. Er wurde vielfacher Deutscher Meister vom Marathon bis zum Berglauf. »Tübinger Bluterde« ist bereits der fünfte Regionalkrimi von Werner Bauknecht mit Kommissar Christian Löffler. Die Arbeit am nächsten hat schon begonnen.

Werner Bauknecht

Tübinger Bluterde

Schwabenkrimi

Oertel+Spörer

Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen. Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden. Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt. Manche Personen allerdings gibt es tatsächlich – sie wissen Bescheid, dass sie in diesem Buch vorkommen.

© Oertel + Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2019

Postfach 16 42 · 72706 Reutlingen

Alle Rechte vorbehalten.Titelbild: © Fotolia

Gestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, Reutlingen

Lektorat: Elga Lehari-Reichling

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-96555-062-9

Besuchen Sie unsere Homepage und informieren Sie sich über unser vielfältiges Verlagsprogramm:www.oertel-spoerer.de

Endlich einmal die Sau rauslassen. So richtig die Sau rauslassen. Wie die im Fernsehen. Die ganzen Prolls mit der dicken Kohle.

Okay, klar war das gestellt. Bloß für die doofen Zuschauer aufbereitet. Na und? Das spielte doch keine Rolle. Mit der Kohle um sich werfen, sich alles gönnen, was man sich wünscht.

Das wäre ein Leben.

Und nicht mal so weit weg.

Das war ja das Tragische: Man stand dicht davor, aber so ein paar hartleibige, engstirnige und verbohrte Hornochsen konnten einem alles zunichtemachen. Und es gab nichts, was man dagegen machen konnte.

So konnte man es sich denken.

Daran musste man knabbern.

Aber dann wacht man neulich an einem düsteren Morgen auf und wie von einer dunklen Macht aufgesogen waren all die Skrupel weg, die einen bisher zurückgehalten hatten. Davor zurückgehalten, den letzten Schritt zu gehen. War ja auch nicht so einfach, die eigene Erziehung über Bord zu werfen.

Zumindest den Teil davon, in dem es darum geht, anderen Menschen möglichst nicht weh zu tun. Ihnen Schmerzen zuzufügen.

Oder gar – sie zu töten.

Na ja, das mit dem Töten könnte schon noch ein Problem werden. Vorhersagen, ob man das über sich brachte, ließ sich nicht so recht. Das musste man einfach probieren. Entweder es haute hin oder man hatte sich übernommen. Die eigene Wut, möchte man mutmaßen, musste nur groß genug sein, dann könnte das schon klappen. Und Grund genug, wütend zu sein, hatte man ja nun wirklich. Denn was machte man mit denen, die zwischen einem selbst und dem großen Geld standen? Genau, man beseitigte sie.

Restlos.

Hörte sich gut an, so der erste Gedanke. Restlos. Spurlos.

Es lag nur an einem selbst. Am eigenen Mut.

Es war nicht einfach gewesen, Bernd Bauer zu dem Treffen zu bewegen. Es gebe nichts zu dem Thema zu sagen, was nicht schon lange gesagt worden sei. Wozu also ein Treffen? Ich bereute es bereits, um diese Verabredung gebeten zu haben. Sie war unnötig. Und gefährlich. Um Bauer zu erwischen, hätten eine dunkle Nacht ohne Sterne, eine einsame Stelle und ein gutes Timing ausgereicht.

Jetzt ging ich die Gefahr ein, dass dieser jemandem von unserer Verabredung erzählte. Bauer wohnte zwar alleine in der Tübinger Weststadt, das bedeutete aber nicht, dass er keine Tussi hatte, mit der er zusammen war. Na schön, er war zwar bereits jenseits der 70, aber rüstig und gesund. Sagte sein Sohn immer.

Ja, der Sohn war wichtig. Mit ihm konnte man reden. Ihn überzeugen. Der Alte musste weg. So deutlich sagte er es zwar nicht. Aber man sah dem Sohn, Robert, an, dass er nicht viele Tränen vergießen würde, wenn er am offenen Grab des Seniors stünde. Aber man musste sich hüten, Robert darauf anzusprechen. Das würde nicht funktionieren.

Die Tochter war ohnehin gnadenlos. Mit der brauchte man nicht lange reden, die wäre auf jeden Fall für Verkauf. Die dicke Silke war vom Alten immer kurzgehalten worden. Wenn die mal anständig Geld auf der Kralle hatte, würde die alles nachholen, was ihr bisher nicht möglich war. Vermutlich würde sie sich als erstes einen Gigolo zulegen.

Man musste bei dem Gedanken grinsen.

Bernd Bauer willigte schließlich ein. Wir wollten uns beim Sportplatz des SV 03 treffen. Auf der blauen Bahn dort drehte Bauer regelmäßig seine Runden. Ganz alleine lief er wie ein Kreisel das Oval der Tartanbahn ab. Eine Stunde lang.

»Wenn ich dich schon sehen muss«, hatte Bauer gesagt, »dann will ich wegen dir wenigstens keine Zeit verlieren. Versprich dir aber nichts, das sage ich dir gleich.«

Wir trafen uns am Vormittag. Zehn Uhr. Der Schnee war auf der Bahn noch nicht vollständig weggeschmolzen. Aber die innere Spur war schnee- und eisfrei. Darauf drehte Bauer bereits seine Runden, als ich ankam. Das schmale Tor in Höhe der Kabinen stand offen. Ich ging durch, winkte Bauer kurz zu, ohne dass der darauf reagierte.

Du Arsch, dachte ich, dafür bezahlst du nachher gleich mit.

Eine Weile lehnte ich mich gegen die Wand des Helmut-Roth-Stübles und beobachtete Bauer. Der lief Runde um Runde, immer im selben Tempo, präzise wie ein Uhrwerk. Schließlich bog er aus der letzten Kurve heraus in den Durchgang zu den Kabinen ein.

»Da bist du ja«, sagte Bauer, »dir täte es auch gut, mal ein bisschen Sport zu machen. Aber egal, ist ja deine Sache. Also, was gibt es zu bequatschen? Mach schnell, ich muss duschen, ich will mir keine Erkältung holen.«

Ich ging dicht zu Bauer hin, der ein paar Dehnübungen machte.

»Wem hast du erzählt, dass wir uns treffen?«

»Erzählt? Niemand. Das ist doch nicht wichtig. Wem sollte ich erzählen, dass ich dich treffe? Blöde Frage. Ausgerechnet dich zu treffen – da hätten nur alle blöd geguckt. Ausgerechnet wir zwei.«

Ich schaute mich um. Der Rasenplatz war leer. Leichter Nebel lag darauf. Links, rechts, hinter mir – keine Menschenseele war zu sehen.

»Weißt du«, sagte ich langsam zu dem sich noch immer dehnenden Bauer, »ich mochte dich noch nie. Deshalb habe ich mit der Sache hier auch keine Probleme.«

Ich zog meine Hände hinter dem Rücken nach vorne. Erstaunt betrachtete Bauer die Eisenstange. Er schien darüber nachzudenken, wieso jemand eine Eisenstange zu einer Verabredung mitbrachte. Und als ihm klar wurde, was das für ihn bedeutete, war es zu spät.

Mit Wucht schlug die Stange auf Bauers Kopf ein. Sofort brachen seine Beine weg und er fiel zu Boden. Die zwei, drei folgenden Schläge trafen ihn noch mal am Kopf, auf der Brust und auf der Stirn, weil er auf dem Rücken lag. Aber das spürte Bernd Bauer nicht mehr.

Doch er war zäh. Noch im Sterben drehte er sich, robbte Richtung Stüble, verkrallte sich in einer frei gebliebenen Bodenplattenfuge. Im Todeskampf riss er die dunkle Erde aus dem Boden.

Als könnte er sich damit an das Leben klammern.

Dann war es vorbei.

Zitternd stand ich über der Leiche. Ich schwitzte.

Blut rann über den Steinboden und versickerte in den Fugen zwischen den verwitterten Steinen. Es war von dunklerem Rot, als ich angenommen hatte. Das Eisenrohr baumelte neben meinem rechten Bein. Ich hielt es noch in der Hand. Meine Knöchel traten weiß hervor.

Ich bückte mich und schloss die Finger Bauers über der Erde.

Als wollte der Kerl im Tod noch zeigen, worum es geht, dachte ich eher belustigt. Darüber können sich die Polizisten den Kopf zerbrechen.

Ich schleifte die Leiche ein paar Meter weg und legte sie mitten auf den Platz vor den Wasserhähnen, an denen man die Fußballschuhe auswusch. Das war jetzt Verwirrung genug für die Cops, dachte ich.

Ich schaute mich um.

Kein Mensch war zu sehen. Keine Zeugen. Keine Beobachter.

Es war Zeit zu gehen.

Polizeihauptkommissar Christian Löffler war befördert worden. Er war nun Erster Polizeihauptkommissar. Natürlich nannte ihn so niemand. Der Titel war zu lang. Eigentlich, überlegte Löffler, während er an seinem Schreibtisch im Polizeigebäude in der Tübinger Konrad-Adenauer-Straße saß, – also, eigentlich hatte sich gar nichts geändert. Okay, ein paar Euro mehr wegen der höheren Besoldungsgruppe. Üppig war es nicht, was da mehr floss. Aber für ihn war das ohnehin nicht wichtig. Sonst hätte er sich schon lange um eine Beförderung an die Polizeispitze gekümmert. Kein Problem für ihn, bei den Verbindungen.

Seine Bürotüre wurde aufgerissen.

Er wäre fast vom Stuhl gefallen vor Schreck.

Monika Berger, seine Kollegin, blieb wie angewurzelt mitten im Türrahmen stehen. Ihr Gesicht sah mindestens genauso entsetzt aus wie das ihres Vorgesetzten.

»Sorry«, stammelte sie und tippelte auf Löffler zu, »aber diese Nachricht berechtigt mich auch dazu, einen Ersten Hauptkommissar aus seinen Tagträumen zu wecken.«

Die schöne Monika Berger hatte bis vor einiger Zeit noch in der großen Löffler’schen Villa in Lustnau gewohnt, zusammen mit ihrem Kollegen Gerd Stammler, Löfflers Vater und Löfflers Tochter. Ein Notfall hatte sie damals dazu gezwungen. Mittlerweile lebte sie zusammen mit Löfflers Ex-Frau in einer Zweier-WG in der Tübinger Altstadt.

»Ich träume nicht, ich denke. Also – was gibt es so Wichtiges?«

»Mord. Tot. Also tot ganz sicher, Mord wahrscheinlich.«

»Sagt wer?«

»Sagen die Kollegen, die gerade von der blauen Bahn aus bei uns angerufen haben.«

Löffler stand auf. Er war leidenschaftlicher Läufer. Nicht Jogger – Läufer. Das bedeutete, dass er auch an Wettkämpfen teilnahm. Zehn-Kilometer-Läufe. Halbmarathon. Auch mal Marathon oder Bergläufe. Deshalb joggte er auch nicht wie die anderen, sondern er »ging trainieren«, wenn er sich die Laufschuhe anzog und irgendwo auf dem Spitzberg, im Rammert oder auf der blauen Bahn seine Läufe absolvierte.

»Auf der blauen Bahn wird keiner ermordet. Ausgeschlossen.«

Die blaue Bahn umschloss den Fußballplatz des SV 03 Tübingen. Es war eine blau glänzende Tartanbahn, die sofort ins Auge stach. Darauf hatten die Schulen Sportunterricht, außerdem trainierten die Sportler der LAV Stadtwerke Tübingen, des Leichtathletikvereins der Stadt, darauf.

Also auch Löffler.

Tempoläufe, Intervalle, auch mal Sprints.

»Ich kann Sie beruhigen«, meinte Berger, »es gibt keine Blutspritzer auf der Bahn. Sagen die Kollegen. Die Leiche des Mannes lag daneben, bei den Kabinen.«

»Puh, da bin ich aber erleichtert.«

»Dachte ich mir.«

»Wer ist der Mann? Hoffentlich keiner aus meinem LAV-Team.«

»Keine Ahnung. Ich sagte, wir kommen gleich. Stammler weiß schon Bescheid. Er wartet draußen beim Wagen. Kommen Sie?«

Löffler sprang aus seinem Stuhl auf, schnappte sich sein Jackett und hatte es sehr eilig, nach draußen zu kommen.

»Wenn das alles nicht auf der blauen Bahn wäre«, rief ihm Berger hinterher, während sie versuchte, aufzuholen, »würden Sie hier nicht wie ein Kenianer durch die Gänge rasen.«

Es war nicht weit vom Polizeipräsidium ins SV-03-Stadion. Einfach rauf auf die Brücke zur Unterführung durch den Schlossberg, noch vor dem Tunnel rechts runter, danach noch 400 Meter Richtung Hirschau und schließlich rechts rein. Links lag die Paul-Horn-Arena neben dem Gelände der TSG Tübingen, rechts das SV-Stadion mit der Laufbahn. Sie parkten am hinteren Eingang. Dort standen bereits zwei Polizeiwagen, ein Notdienst und ein weiterer Krankenwagen. Der Eingang, der fast versteckt zwischen zwei Hecken lag, war mit dem weiß-roten Tatortband abgesperrt. Löffler und Berger wurden vom Kollegen Manfred Bölstler empfangen.

»Wieso sind Sie so schnell hier?«, fragte der Erste Hauptkommissar. »Sie wollten doch wohl kein Lauftraining machen?«

Bölstler lachte.

»Bestimmt nicht. Fürs Laufen sind Sie zuständig. Ich bin bloß grad meine Streife gefahren, als mich die Kollegen aus der Zentrale erreicht haben. Da bin ich gleich hergerast und hab mir die Sauerei angeschaut.«

»Wer ist der Tote denn? Weiß man das schon?«

Bölstler nickte Richtung Umkleidekabinen.

»Da drin steht Peter Baur, er hat ihn gefunden. Er kennt ihn auch. War wohl regelmäßiger Jogger hier. Wundert mich, dass Sie ihn nicht kennen. Sie joggen doch auch auf der blauen Bahn.«

Löffler schaute entsetzt.

»Joggen? Ich? Ich jogge doch nicht, ich trainiere. Ich bereite mich vor. Auf Rennen und so. Da steckt System dahinter, ein Programm. Und wenn ich mal langsamer laufe, so gehört das zur Trainingseinheit und nennt sich Auslaufen. Oder Regenerationslauf. Also wirklich – joggen.«

Kopfschüttelnd ging Löffler in Richtung Eingang der Umkleidekabinen. Dort, auf einer Bierbank direkt daneben, saß Peter Baur und rauchte eine Zigarette. Er hatte sich gegen die Holzwand in seinem Rücken gelehnt und hielt die Augen geschlossen.

Er genoss Zug um Zug.

Löffler setzte sich neben ihn. Sie kannten sich schon lange. Der Polizist war Mitglied beim Sportverein, hatte früher sogar ein wenig Tennis gespielt. Aber er war kein Naturtalent, und so hatte es ihm bald keinen Spaß mehr gemacht.

Baur war ein Ex-Fußballer. Er war jetzt auch schon über die Sechzig hinaus. Aber in seiner Jugend hatte er Torrekorde aufgestellt, die heute noch Gültigkeit hatten. Mittlerweile war er so etwas wie die gute Seele des Vereins geworden. Er wohnte in einer kleinen Wohnung auf dem Vereinsgelände, gleich neben der Holztribüne. Die war so alt, dass sie unter Denkmalsschutz stand. Baur kümmerte sich um alle Belange des Vereins. Sonntags, bei den Spielen, betrieb er den Kiosk, an dem es Getränke und heiße Rote gab. Unter der Woche achtete er auf den Schulsport oder darauf, dass nicht Hinz und Kunz ins Stadion kamen und dort Unsinn machten.

»Sag mal, Peter«, begann Löffler das Gespräch, »wer ist denn der Tote, den du gefunden hast? Es heißt, du kennst ihn.«

Baur öffnete ein Auge und schaute den Polizisten an. Der Rauch der Zigarette zog an ihm vorbei und drang in seine Augen ein. Das genügte, um ihn ins Hier und Jetzt zu versetzen. Er setzte sich auf und drückte die Kippe auf dem Boden aus.

»Bauer«, sagte Peter Baur.

Löffler wartete.

»Bauer. So heißt er.«

Löffler tätschelte das Knie seines Nebensitzers.

»Peter, Baur heißt du. Peter Baur. Wie heißt der Tote?«

Baur schaute Löffler verwirrt an. Dann zog er heftig an einer weiteren Zigarette, die er sich gerade angezündet hatte. Er blies den Rauch an dem Kommissar vorbei ins Blaue.

»Christian, ich bin doch nicht blöde. Ich weiß, wie ich heiße. Aber der Tote heißt auch so. Bauer. Bernd Bauer. Mit e. Ich ohne e. Klar? Der kommt seit Jahren her und läuft hier seine Runden wie ein Blöder. Früher war er Fußballer, daher kenne ich ihn. Hat beim SV Wurmlingen gekickt. Und in Rottenburg. Ist aber schon lange her.«

»Und was war das für ein Typ?«

Baur schüttelte den Kopf.

»Über den weiß ich nicht so viel. Privat, meine ich. Muss aber Geld gehabt haben. In den letzten Jahren war er Privatier. Hat er gesagt. ›I muass nix meh schaffe‹, hat er gesagt. Zu mir. War Typ Angeber.«

»Und wie hast du ihn gefunden? Den Toten, meine ich.«

Baur schaute ihn erstaunt an.

»Na, genauso, so wie er jetzt daliegt.«

»Erzähle von vorne. Und lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen.«

Baur grinste.

»Ich helfe doch gerne«, sagte er und lachte. »Jedenfalls habe ich heute ruhig ausgeschlafen. Sind ja keine Schulklassen auf der Bahn in der Jahreszeit. Und bei mir hier draußen ist es ziemlich einsam, vor allem jetzt im Winter. Keine Sau schaut mal vorbei. Sogar die Fußballer gehen in die Halle zum Trainieren.«

»Peter.«

»Okay, okay – ich bin also aufgestanden, mache die Fensterläden auf und sehe den Bauer seine Runden drehen. Ich schaue eine Weile zu, rauche ein erstes Zigarettchen und atme die frische Luft ein und seh, dass der Bauer einen Gast begrüßt.«

Baur schaute irgendwie triumphierend zu dem Kommissar neben sich. Aber der schwieg und wartete auf die Fortsetzung.

»Aber ich konnte niemand sehen«, fuhr der Platzwart schließlich fort, »weil die Person da hinten«, er deutete dabei auf die Stelle, an der die Leiche lag, »also da hinten gestanden haben muss. Denn in die Richtung winkte der Bauer.«

»Und du konntest nicht sehen, wer da stand?«

»Nein, und es war mir auch egal. Ich dachte ja, dass ich den oder die sowieso sehe, wenn das Rundendrehen vom Bauer zu Ende ist und er sich hier auf die Bank zum Ausruhen hinsetzt. Manchmal habe ich ihm schon mal einen Kaffee gebracht. Obwohl er ein Arsch war. Aber er war der Einzige, mit dem ich quatschen konnte um die Tageszeit.«

Einen Augenblick saßen die beiden schweigend nebeneinander. Dann sah Löffler zu seinem Nachbarn hin und zeigte ihm, dass Zeit war für die Fortsetzung.

»Ich hab mich dann angezogen. Und als ich wieder rausgeschaut habe, war die Bahn leer. Ich denke also, der Bauer ist fertig und sitzt mit irgendeinem Freund oder Bekannten zusammen. Also bin ich von meinem Häuschen hierher gegangen. Tja, und da lag er. Genauso wie er jetzt daliegt.«

»Und sonst war keiner mehr da?«

Peter Baur schüttelte den Kopf.

»Ich habe mal am Puls gefühlt. Aber da war nichts mehr. Also habe ich gleich deine Kollegen angerufen und hier auf sie gewartet. Und jetzt sitze ich da und überlege mir, wie ich nachher die Blutspuren auf den Steinplatten wegbekomme. Heute Abend kommen noch die Jugendmannschaften zum Training. Die müssen ja nicht unbedingt durch die ganzen Blutlachen waten.«

»Und du hast keine Ahnung, wer die Person gewesen sein könnte, die ihm zugewinkt hat? Ich meine, ist er denn immer alleine gelaufen? Oder hatte er eine Laufgruppe, mit der er sich hier im Stadion traf? Irgendwelche Sportler, Sportlerinnen, Sohn oder Tochter?«

»Er war immer alleine.«

»Was weißt du denn von ihm? Was hat er dir erzählt, wenn ihr zusammengesessen seid?«

Baur dachte einige Zeit nach. Währenddessen war der Gerichtsmediziner Markus Kürner eingetroffen. Der Professor war ein alter Freund Löfflers, der sogar Pate war von Kürners Sohn. Löffler winkte ihm zu.

»Wir haben uns eigentlich meist über früher unterhalten«, sagte Baur, »über Fußball und so. Privat weiß ich von dem gar nichts. Einen Sohn hat er, glaube ich. Aber das Verhältnis ist nicht das beste. Ich erinnere mich, dass er nicht mal zu dessen Geburtstag ging. ›Der will bloß mei Kohle, der faule Sack‹, hat er gesagt. Na ja, eigentlich war der Bernd Bauer ein ziemlicher Arsch. Viele Freunde hat der nicht gehabt, da wette ich.«

»Und seine Frau?«

»Oh je, hatte der denn eine?«

»Er hatte einen Sohn. Immerhin.«

Baur grinste.

»Ich habe Sohn und Tochter. Sogar Enkel. Und siehst du eine Frau?«

»Doch, ich erinnere mich. Da war mal eine.«

Tatsächlich hatte Baur gemeinsam mit ihr einige Jahre lang sogar das Sportheim gepachtet. Er war der Koch gewesen. Aber das war lange her. Löffler war da noch Schüler und musste auf der alten Aschenbahn trainieren, die zudem kürzer war als die vorgeschriebenen 400 Meter.

Der Kommissar stand auf. Peter Baur zündete sich noch eine Zigarette an. Er ließ sich wieder zurückfallen und lehnte den Rücken gegen die Holzwand.

»Ein Kollege wird deine Aussage noch aufnehmen«, sagte Löffler im Gehen, »aber du kannst gerne ausrauchen.«

Seine beiden Kollegen standen bei der Leiche Bernd Bauers. Der Gerichtsmediziner kniete daneben und tastete dessen Kopf ab. Dann die Brust, die Rippen, das Rückgrat. Die anderen sahen stumm zu. Schließlich stand Kürner auf und klopfte sich den Staub von der Hose.

»Und?«, fragte die Kommissarin Berger.

»Er ist tot.«

Löffler und Stammler verzogen bereits das Gesicht. Die alten Kampfhähne Kürner und Berger. Aus vollkommen unerklärlichen Gründen mochten sich beide vom ersten Zusammentreffen an nicht. Dabei waren die Rollen stets gleich verteilt: Berger stellte eine Frage oder machte eine Bemerkung und der Gerichtsmediziner machte sie lächerlich. Berger ging auf die Palme, Kürner lachte, Berger ging noch mehr auf die Palme. Am Ende schlichtete Löffler und das Drama war beendet bis zum nächsten Zusammentreffen.

»Das weiß ich schon. Aber woran ist er gestorben? Und wann?«

Kürner betrachtete neugierig den toten Bauer. Er legte nachdenklich die Stirn in Falten. Ganz der Schauspieler auf der Bühne.

»Sein Schädel ist eingeschlagen, wie man sieht. Ob er wohl daran gestorben ist? Oder hat man ihn am Ende vergiftet?«

Der Kollege Stammler musste grinsen, wandte sein Gesicht aber schnell ab, damit Berger das nicht sehen konnte.

Die Kommissarin wurde rot im Gesicht. Dieses Phänomen tauchte bei ihr ausschließlich bei Auseinandersetzungen mit Kürner auf. Er brachte sie in Millisekunden aus der Fassung. Darüber ärgerte sie sich, ohne etwas dagegen machen zu können, – und lief rot an.

»Das sehe ich selbst, dass man ihm den Kopf zertrümmert hat, ich bin doch nicht blind. Aber womit? Und wann?«

Hilflos hob Kürner die Arme und ließ sie wieder fallen.

»Was habe ich bloß verbrochen, dass ich mir solche Drehbuchsätze aus einer Vorabendserie anhören muss. Und jetzt fragen Sie mich bitte noch, wo ich zur Tatzeit gewesen bin, ein Gerichtsmediziner als Täter kommt selten vor, das wäre doch was. Ach ja – die Tatzeit war vor etwa einer bis zwei Stunden.«

Mittlerweile waren auch einige Kollegen auf den Schlagabtausch der beiden aufmerksam geworden und schauten amüsiert zu. Löffler beschloss, dem ein Ende zu bereiten.

»Das ist keine Fasnetsveranstaltung hier. Also hört jetzt mal auf und kommt wieder runter. Sie, Frau Berger, teilen die Kollegen ein, die sich in der Nachbarschaft umhören sollen, ob jemand etwas beobachtet hat.«

»In der Nachbarschaft?«, fragte die Kommissarin einigermaßen verwundert. »Aber hier wohnt doch niemand, gegenüber sind bloß das TSG-Sportheim und das Freibad. Sonst weit und breit nix.«

»Doch, das ›Hotel am Bad‹. Neben dem Freibad. Vielleicht hat ein Hotelgast etwas gesehen. Lassen Sie mal nachfragen – oder gehen Sie am besten gleich selbst. «

Damit wandte er sich Kürner zu.

»Sag mal, Markus, was denkst du denn, womit der Täter dem Mann hier den Schädel eingeschlagen hat? Wir haben nichts gefunden, was zu dem Schlag passen könnte. Wonach sollen wir denn suchen?«

Kürner, der fast zwei Meter lange Pathologe, schaute sich um. Dann blickte er wieder auf den toten Mann zu seinen Füßen.

»Ich würde sagen, du suchst nach einem schweren Eisenrohr. Durchmesser um die sechs, acht Zentimeter. Länge nicht bestimmbar. Der Täter oder die Täterin – es kann auch eine Frau gewesen sein – hat nach dem Schlag auf den Kopf noch ein paar Mal auf den Körper eingeprügelt. Der ganze Brustkorb ist verbogen. Ich denke mal, der Schlag auf den Kopf war der Todesschlag. Kann ich dir aber erst nach der Obduktion sagen.«

»Machst du die selbst?«

Kürner schaute ihn aus großen Augen an.

»Christian«, sagte er vorwurfsvoll, »wir haben heute Abend Klassentreffen. Du übrigens auch. Oder hast du das vergessen?«

»Oh nein, gar nicht«, kam es bei dem Polizisten wie aus der Pistole geschossen, »ich wollte dich bloß mal testen, ob du dich noch erinnern kannst.«

Kürner winkte ab.

»Geschwätz. Du hast nicht mehr dran gedacht. Dabei reden wir seit Wochen davon. Was ist eigentlich los mit dir? Ich habe dir schon immer gesagt, dass deine Lauferei dir noch mal ins Gehirn steigt. Und jetzt haben wir es.«

»Ich war bereits im Hotel«, sagte Stammler zu den beiden.

Der Kollege Stammler war seit Wochen wie ausgewechselt. Gepflegt, nach Rasierwasser duftend, manikürte Fingernägel, saubere, modische Kleidung. Seine neue Freundin Gülcin hatte das bewirkt.

»Mit so einem Dreckbären zeige ich mich jetzt nicht mehr auf der Straße«, hatte sie zum verlotterten Stammler gesagt. »Entweder du wirst wieder zum abendländischen, westeuropäischen, gepflegten, mittelalten Mann, der gut riecht und mich nicht mit Bartstoppeln verletzt – oder wir haben eine Vierwände-Beziehung.«

»Vierwände-Beziehung? Was ist das?«

»Wir gehen nie mehr aus, verlassen die Wohnung nicht mehr gemeinsam und empfangen keinen Besuch. Zu Hause kannst du peinlich sein. Aber nur so lange, wie ich es aushalte. Sonst führst du bald eine Beziehung mit deinen vier Wänden. Und zwar nur mit denen.«

Stammler mochte keine Drohungen. Da stellte er zügig auf stur. Doch nicht bei Gülcin. Nicht nur deshalb, weil er total verschossen in sie war, sondern auch weil er wusste, dass sie recht hatte. Dabei verbrachte er die Nächte häufig gar nicht bei ihr. Sie arbeitete im Krankenhaus. Notaufnahme. Da kamen etliche Nachtschichten zusammen. Also genoss er weiterhin sein Leben in der Löffler-Villa mit Köchin, Pool, großem Zimmer und das alles umsonst. Mietfrei. Schlechtes Gewissen hatte er dabei nicht. Die Löfflers hatten genug Kohle, seine paar Kröten brauchten sie da nicht. Und wenn – er hätte dafür bezahlt. Denn in Tübingen ist eine Wohnung wie ein Sechser im Lotto. Er hatte schon mal ein paar Wochen im Büro des Präsidiums auf einer Liege genächtigt. Dahin wollte er nicht zurück. Sein Vorgesetzter hatte ihn damals bei sich aufgenommen. Und da lebte er noch immer.

»Ich habe mal bei den Hotelgästen nachgefragt«, sagte Stammler zu seinen beiden Kollegen, »eigentlich waren es bloß zwei. Und ihrem Urteil würde ich nicht unbedingt trauen.«

»Wieso? Widersprechen sie sich?«

Stammler lachte trocken.

»Wenn es nur das wäre. Sie leben auf verschiedenen Planeten. Keiner davon heißt Erde.«

»Nun sag schon – was haben sie beobachtet«, wurde Berger ungeduldig.

Stammler machte es spannend. Wartete, bis auch Löffler langsam die Geduld zu verlieren drohte. Selbst Kürner, der noch immer neben der Leiche stand, schien kurz davor zu sein, sich einzumischen. Diese Aussicht schien Stammler zu gefährlich.

»Sie haben nichts gesehen. Und alles.«

»Geht es weniger kryptisch?«

Kürner hatte sich jetzt vor Stammler aufgebaut. Der schaute zu seinem Vorgesetzten, doch der grinste ihn an. Okay, jetzt hieß es, das Theater aufzugeben.

»Also gut, die beiden waren noch immer sturzbetrunken. Sie haben die ganze Nacht durchgesoffen. Irgendwie haben sie das trotz Tübingen und dem verlotterten Nachtleben hier geschafft. Am Schluss sind sie vom Lokal im Hauptbahnhof hergewankt. Kein Taxi wollte sie transportieren. Und auf dem Weg von der Hauptstraße zum Hotel kamen sie am Eingang zum Stadion vorbei. Sie haben auch jemand gesehen. Einer hat sogar sehr viele gesehen. Araber, meint er. Mit Bärten. Der andere sah nur einen – und der war eine Frau. Die hat sich mit einer anderen Frau unterhalten und sie plötzlich erschossen. Und dann hat sie die beiden Hotelgäste gejagt. Mit der Waffe. Davon allerdings wusste der erste nichts mehr. Der habe sich nämlich, fiel ihm ein, an einem Baum übergeben. Und als er wieder aufschaute, sei er im Hotelzimmer gewesen. Er könne sich das nicht erklären. Vielleicht, sagte er, gebe es Teleportation wirklich.«

Löffler winkte ab.

»Gut, Zeugen haben wir also keine. Aber das habe ich mir auch gedacht. Hier ist doch eh der Hund begraben. Ist doch klar, dass ein Killer sich so eine Stelle aussucht.«

Kürner hatte die Leiche noch ein wenig untersucht. Er winkte Löffler und die anderen zu sich.

»Die Leiche wurde bewegt«, erklärte er, »man hat sie an den Platz geschleift. Vom Stübles-Eingang bis hier. Und da ist noch etwas.«

Er deutete auf die Hand des Opfers. Der Gerichtsmediziner hatte sie geöffnet. Darin lag auf der runzligen Handfläche dunkle, feuchte Erde. Es sah aus, als hätte der Mann sie verzweifelt zu umklammern versucht.

»Seht mal«, sagte Kürner, »wie er die Erde hält. Das an sich ist ja nicht so bedeutsam. Ich meine, es ist schon merkwürdig, dass einer die Erde an sich presst. Ich seh im Übrigen hier keine. Frage also: Woher kommt sie? Antwort: Der Täter muss sie mitgebracht haben.«

Die Polizisten standen stumm da und schauten sich gegenseitig an. Die Information Kürners, er sehe hier keine, lag in der Luft, für jeden greifbar. Aber sie konnten mit dieser merkwürdigen Sache erst einmal nichts anfangen.

»Ich wollte euch nicht verwirren«, meinte der Pathologe schließlich fröhlich, »aber wenn ihr zu viel Informationen auf ein Mal nicht verkraftet, rede ich nächstes Mal langsamer.«

»Halt die Klappe, Markus«, sagte Löffler, »das ist nicht witzig.«

»Gar nicht«, wiederholte Berger, die Oberwasser bekam.

»Oho, Frau Kommissarin ist aus ihrem Tiefschlaf erwacht«, nahm Kürner sofort vergnügt den Fehdehandschuh auf, »allerdings hat sie ihr Gehirn dort zurückgelassen. Aber Hauptsache das Geplapper funktioniert.«

Löffler verdrehte die Augen.

»Schluss jetzt. Sofort. Ich habe den Kindergarten satt. Hier liegt ein Toter, genau vor euch, und über den ergießt ihr euer Gelaber, dass man sich schämen muss. Wenn das so weitergeht, fordere ich Therapiestunden für euch an. Für beide.«

Selbst sein alter Freund Markus stand mit offenem Mund vor dem Ersten Kommissar. Er war es nicht gewohnt, dass der seine Witzeleien auf die Goldwaage legte. Und vor allem war er es nicht gewohnt, dass er ihn vor allen anderen derart anfuhr. Also war er jetzt erst mal beleidigt.

Löffler gab ihm ein wenig Zeit.

»Was für Erde ist das denn?«, fragte er den Mediziner.

»Ich bin zwar kein Spezialist«, war Kürner sofort wieder der Profi, »aber das sieht mir ganz wie stinknormale Erde von einem Acker aus. Darauf wächst Mais oder Gerste oder so was. Es scheint so, als hätte irgendwer, vermutlich der Täter, den Dreck mitgebracht und ihn in die Hand des Opfers gelegt. Merkwürdig. Das habe ich noch nie erlebt.«

»Okay, geben wir das Zeug ins Labor zur Untersuchung. Was ist mit der KTU? Ist die fertig?«

Berger nickte.

»Schön, kümmern wir uns um die Familie des Toten. Haben wir alle Daten von ihm?«

Ganz klassisch zog Stammler seinen Schreibblock aus der Tasche und blätterte ihn auf.

»Alles hier. Bernd Bauer. Er ist 64 Jahre alt, wohnt in der Sindelfinger Straße und ist Rentner. Er wohnt alleine in der Wohnung, zumindest ohne Familie. Die wohnt nämlich in Wurmlingen und da stammt er auch her. Sohn und Tochter wohnen immer noch dort. Er ist Witwer, seine Frau ist verstorben vor zwei Jahren. In ihrem Haus in der Lindenstraße. Da wohnen auch die Geschwister, er unten, sie im oberen Stockwerk.«

»Woher weißt du das alles?«

»Kollegin Heim auf dem Präsidium hat sich gleich ans Werk gemacht und mir die Sachen aufs Smartphone geschickt.«

»Und warum liest du das alles vom Schreibblock ab?«

»Kommt irgendwie besser, finde ich. Seriöser.«

Löffler schüttelte den Kopf, Berger mochte es drastischer: Sie zeigte dem Kollegen den Vogel. Und Kürner, der aus dem Hintergrund mitgehört hatte, kicherte.

»Na schön«, entschied Löffler, »teilen wir uns auf. Ich fahre zur Bauer-Wohnung in die Sindelfinger, Sie nach Wurmlingen. Falls die tagsüber überhaupt zu Hause sind. Rufen Sie mal an. Sonst gehen Sie zu den jeweiligen Arbeitsplätzen.«

Löffler verabschiedete sich noch von Peter Baur.

»Vielleicht ist das mit dem Toten gar nicht so schlecht«, sinnierte der bereits über einem weiteren Zigarettchen, »da kommen am Sonntag zum Heimspiel vielleicht ein paar Zuschauer mehr. Tatorttouristen. Vielleicht sollten wir ein bisschen Blut sichtbar auf dem Boden lassen. Und absperren. Damit die Leute was zu sehen kriegen. Da müsste vorher halt noch ein großer Bericht ins ›Tagblatt‹. Und am allerbesten – ihr kriegt den Täter noch vor dem Spiel.«

»Ja, das wäre wirklich eine gute Idee. Und vor dem Stadion ein paar Hinweisschilder. Und Topspielzuschlag.«

Zur Sindelfinger Straße war es nicht weit vom Stadion aus. Löffler fuhr durch den Schlossbergtunnel, danach links ab, am »Coyote« vorbei und bog in die Sindelfinger Straße ein. Ziemlich am Ende standen die Wohnblocks. In einem von ihnen war Bernd Bauers Wohnung. In dessen Sportjacke hatten die Kollegen von der Polizei einen Schlüsselbund entdeckt. Den hatte Löffler mitgenommen. Ziemlich sicher war der Wohnungsschlüssel dabei.

Er brauchte nicht lange zu probieren, dann hatte er den Schlüssel zur Haustüre gefunden. Bauers Wohnung lag im ersten Stock, nach Süden hin. Als der Kommissar vor der Wohnungstüre stand, hörte er Musik, die nach draußen drang.

Er presste das Ohr auf die Holztüre.

Ja, das war eindeutig, die Töne kamen aus Bauers Wohnung.

Löffler drückte die Wohnungsklingel. Gleichzeitig legte er die Hand an seine Waffe. Man konnte nie wissen. Irgendwie, sinnierte er noch, als er Schritte auf die Türe zukommen hörte, bin ich von den vielen Krimis im Fernsehen auch schon versaut. In der Tübinger Sindelfinger Straße mit der Waffe herumzufuchteln, kam ihm vor wie ein Kalauer auf einer Comedy-Bühne.

Dennoch zuckte er zusammen, als sich die Wohnungstüre öffnete.

Vor ihm stand eine Frau. Mitte 30, schätzungsweise. Sie hatte ein Bügeleisen in der Hand. Über ihrer Schulter lag ein Stück Stoff, möglicherweise eine Hose.

»Was ist?«, fragte sie.

»Wer sind Sie?«

»Und wer sind Sie?«

Beide standen sich gegenüber und starrten sich an. Die Frau bewegte sich keinen Millimeter zur Seite. Da dämmerte es auch Löffler, dass es für sie auch gar keinen Grund gab, den Weg für ihn freizumachen. Also griff er in seine Innentasche und holte seinen Ausweis heraus. Den hielt er der Frau hin.

»Kripo Tübingen. Kommissar Löffler. Guten Tag.«

»Na also«, sagte die Frau und lachte plötzlich übers ganze Gesicht. »Muss man sagen, wer man ist, oder?«

»Nun aber Sie auch.«

Die Frau lachte.

»Ich Mira Kosov. Ich wohne hier. Was will die Polizei? Ich habe nichts getan.«

Löffler sah sich um. Im zweiten Stock schlug eine Tür zu.

»Können wir nicht in die Wohnung gehen? Da ist es gemütlicher.«

»Kommen Sie herein. Ich mache Kaffee. Trinken wir einen, kein Problem.«

Mira Kosov ging voran, Löffler folgte ihr in die Küche. Der Tisch stand direkt am Fenster. Sah man ein wenig um die Ecke, konnte man den Gutshof Schwärzloch zwischen den Bäumen erkennen. Löffler erinnerte sich an viele Schulausflüge dahin und an die Mostbowle-Orgien zur Schulzeit.

»Nehmen Sie Platz, Kaffee kommt. Ist fertig. Und Sie können sagen, warum Sie sind hier.«

»Eigentlich wollte ich hier Bernd Bauer besuchen«, sagte der Kommissar und setzte sich an den Tisch. Die Frau stellte eine Tasse vor ihn hin.

»Bernd ist laufen. Schon lange. Weiß nicht, warum er ist noch nicht hier. Kommt gleich. Warum?«

»Sind Sie die Haushälterin? Eine Freundin? Geliebte? Nachbarin? Oder was genau?«

Die Frau lachte laut.

»Genau. Alles außer Nachbarin.«

Auch Löffler musste grinsen.

»Sie wohnen hier?«

Die Frau nickte. Sie goss den Kaffee in die Tassen, schob Milch und Zucker zu Löffler und setzte sich dem Polizisten gegenüber.

»Was ist mit Bernd?«, fragte sie.

Sie war ganz ruhig. Geradeso als bereite sie sich innerlich auf eine schlechte Nachricht vor.

Löffler musterte die Frau. Es tat ihm leid, was als Nächstes kam. Seine Erfahrung sagte ihm, es war am besten für alle, wenn er auf zu langes Herumeiern verzichtete.

»Bernd Bauer ist tot. Erschlagen. Im SV-03-Stadion.«

Die Frau nickte, als hätte sie so etwas erwartet. Als hätte sie bloß auf die Bestätigung ihrer Ahnungen gewartet. Sie trank aus ihrer Tasse und schaute eine Weile aus dem Fenster.

»Wer ist es gewesen?«

»Das wissen wir nicht. Wir haben keine Ahnung, wieso man Bauer überhaupt so etwas angetan hat. Können Sie mir da weiterhelfen?«

»Wie ist es passiert?«

Als Löffler schwieg, drehte sie sich zu ihm hin und suchte seinen Blick.

»Wie?«

»Man hat ihn erschlagen. Vermutlich. Nach seinem Training, direkt neben der Laufbahn.«

»Ich habe immer gesagt, der Sport bringt ihn in Grab. Bumm, ist passiert.«

»Eigentlich war es aber weniger der Sport als eine Eisenstange.«

»Ich weiß«, sagte sie leise, »wollte witzig sein. Klappt nicht.«

Löffler ließ ihr ein wenig Zeit.

»Wie stehen Sie eigentlich zu Bernd Bauer?«, fragte er schließlich.

»Stehen?«

»Was haben Sie mit ihm zu tun? Wer sind Sie? Was machen Sie hier? Deutlich genug?«

Die Frau hob abwehrend ihre Hände.

»Schon gut. Ich weiß jetzt. Ich bin Freundin. Fast Frau. Ich wohne hier. Seit einem Jahr. Oder mehr. Bernd war mein Mann, irgendwie.«

»Seine Frau ist gestorben, soweit ich weiß.«

Mira Kosov nickte.

»Vor zwei Jahren. War Bernd egal. Nicht mehr Liebe. Kein Sex. Mit mir schon.«

»Woher kennen Sie sich?«

»Urlaub. Bulgarien Goldstrand. Bernd im Urlaub mit Fußballfreunden. Wir haben uns in einer Bar gesehen. Hat gleich geklappt. Mit uns.«

»Waren Sie in der Bar angestellt?«

Sie nickte.

»Ja. War erst vor der Bar, dann hinter. Weil ich älter wurde. Erst Gäste mit Körper bedient, danach mit Schnaps. Bernd war Ausnahme. Hat mich immer angestarrt. Dann Treffen mit ihm am Strand. Morgens, nach der Arbeit. Sonnenaufgang. Ich bin mit ihm nach Deutschland und gleich in die Wohnung. Hätten vielleicht bald geheiratet, aber jetzt?«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Jetzt ist alles anders.«

»Was ist mit der Restfamilie? Mit dem Sohn und der Tochter?«

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Haben mich gehasst. Batschacken-Braut. Bulgarische Schlampe. War mir egal – und Bernd auch. Wollten das Haus haben. In Wurmlingen. Hat er aber nicht gemacht, hat Miete verlangt.«

Sie kicherte.

»Haben blöd geguckt.«

Eine Weile schwiegen beide. Die Frau starrte in ihre Kaffeetasse, während Löffler sie beobachtete.

»Wer hatte denn etwas gegen Bernd Bauer?«, fragte er. »Wer hätte ihm so etwas antun können? Seine Kinder?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, die nicht. Sind Ärsche, aber keine Mörder. Zu feige. Gibt niemand, der Feind. Ich weiß nicht. Hat immer bloß Sport gemacht. Laufen. Immer Lauftreff Hirschau. Sonst immer mit mir zusammen. Weiß nicht, was früher war, vor mir.«

»Gab es in letzter Zeit etwas Besonderes? Außergewöhnliches? Etwas, das ihn belastete?«

»Nein, fällt mir nichts ein.«

»Er hatte Erde in der Faust. Der Mörder muss ihm das in die Hand gedrückt haben. Sagt Ihnen das etwas?«

»Erde? Dreck in Faust? Nein, sagt nichts. Ist komisch, was soll das bedeuten?«

»Das wissen wir nicht.«

Sie hob die Hände. Sich entschuldigend dafür, dass sie nicht helfen konnte.

»Was wird jetzt aus Ihnen?«, fragte der Polizist. »Können Sie hier bleiben? Wem gehört die Wohnung?«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Weiß ich nicht genau. Wollte Anwalt gehen, dass Wohnung mir gehört. Nicht den Kindern. War vielleicht schon bei Anwalt, weiß ich nicht genau. Wenn nicht – dann Bulgarien. Goldstrand. Immer Sonne und Meer.«

Das klang bitter.

Sie weinte still.

Löffler wusste nicht so recht, was er machen sollte. Also blieb er ruhig sitzen und wartete. Nach einiger Zeit hatte die Frau sich beruhigt. Sie strich sich mit der Hand über die Augen und wischte die Tränen weg.

»Ist schade um Bernd, war guter Mann. Hat nicht verdient, dass er so stirbt. Hätte im Bett sterben sollen, bei mir. Glücklicher Tod. Suchen Sie Mörder. Bitte.«

Löffler schob ihr seine Karte über den Tisch.

»Falls Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie mich bitte an. Und nicht weggehen, ehe wir es Ihnen erlauben, okay?«

Sie nickte, nahm die Karte und steckte sie in ihre Tasche.

Der Kommissar stand auf und ging zur Tür. Er sah sich noch einmal um, ehe er die Wohnung verließ. Die Frau schaute ihm nach.

»Fangen Sie Mörder«, sagte sie leise.

Löffler nickte.

Es war nicht weit zu fahren vom Stadion nach Wurmlingen. Der Ort war ein Stadtteil von Rottenburg. Aber das war den Wurmlingern egal. Sie waren Wurmlinger, basta. Gemeindereform? Wen interessierte das denn? Sie hatten ja ihre Kapelle – und so etwas gab es weit und breit nirgends mehr. Die jedenfalls konnte Rottenburg sich nicht unter den Nagel reißen.

Ja, die Wurmlinger Kapelle thronte oben auf dem Berg weithin sichtbar. So eine Art Wahrzeichen der Gegend. Und das mit eigenem Lied von Ludwig Uhland. »Droben stehet die Kapelle«, heißt es und es ist tieftraurig.

»Die schwäbische Seele ist eben auf Du und Du mit dem nahen Tod, deshalb die Melancholie beim Brezelessen«, hatte Christian Löffler mal zu Berger gesagt, als die sich über die Mordrate im Ländle ausgelassen hatte.

Stammler am Steuer fuhr mit der Kollegin die Bricciusstraße hoch und bog an der Kirche links in die Lindenstraße ein. Leicht steigend durchschnitt sie den halben Ort.

Als sie vor dem Haus der Bauers ankamen, stellten sie den Wagen in die Hofeinfahrt. Sobald sie beide aus dem Wagen stiegen, öffnete sich die Haustüre und eine Frau kam heraus. Groß war sie und beleibt. Also eigentlich eher dick und sie trug trotz der Kälte draußen nur ein kurzärmeliges T-Shirt. Dadurch sah man die Muskelwülste auf ihren Oberarmen.