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Der Schwarzwald, wo ich herkomme und der schwarze Kontinent, woher meine Frau Asuna kommt, das sind zwei Herzklappen, die gut durchblutet sind. In diesem Buch zeichne ich mit teils verrückten, teils komischen, teils traurigen, aber immer wahren Geschichten meiner Kindheit, Jugend, Ausbildung und Arbeit als Geistlicher ein Bild meines Lebens. Die Ankunft in Ostafrika prägte viele meiner Erfahrungen. Der Einsatz in Tansania, auf der Insel Ukerewe, waren meine Lehrjahre in Sprache, Kultur und der Zusammenarbeit der Konfessionen. Meine Frau Asuna gewährt mir Einblicke in die Seele Afrikas. Westkenia wird meine zweite Heimat bis zu meinem Grab. Es ist immer ein Gemeinschaftswerk, wenn etwas nachhaltig Gutes gelingt: Malaika Children´s Home, Kenia. Davon sprechen auch die schönen Nachworte.
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Seitenzahl: 392
Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhaltsverzeichnis
Impressum 11
Widmung 13
Vorwort Willy Schneider 15
Mein Sturz auf Granit 16
Kindheit und Jugend im Schwarzwald 18
Das Klavierspiel begleitete mich später bis nach Afrika 21
Die Klassenarbeit wurde ein voller Erfolg 22
In Deutsche eine 7 22
Die Fahrt mit dem „Bähnle“ 23
Die letzten Spätheimkehrer aus Russland 26
Manchmal wunderte ich mich, wie gastfreundlich die Vermieter im Schwarzwald sein konnten 28
Es hat’s ja keiner g’hört 28
Endlich konnten wir wieder im Mummelsee baden 30
Die Milch für unser Müsli lieferten die Kühe auf der Weide 31
Wind, Wellen und Sturmwarnung waren mörderisch 32
Pudding wurde zu köstlichem Eis verwandelt 33
Bring einen größeren Krug mit 33
Manch einer hat einen Teil seines Lohnes im Gasthaus versoffen 34
Unterwegs sein war schön 35
Meine Ausbildung 39
Das theologische Missionsseminar 39
Eine segensreiche Einrichtung mit Weitsicht 42
Nicht durch Lob und nicht durch Furcht 43
Unter der Obhut des Bischofs von Lancaster 44
Ein Missionar braucht eine stabile Gesundheit und körperliche Fitness 46
Aufbruch nach Afrika 48
Ein neues Kapitel wurde aufgeschlagen 49
Nansio auf der Insel Ukerewe 52
Ankunft auf Ukerewe 52
Tut Buße und baut ein Klo 53
Besinne dich auf deine eigenen Kräfte 54
Afrikanische Identität wurde gesucht 56
Fast vier Tage lang lag ich im Koma 58
Wunder des Lebens und Überlebens 59
Es war ein sofortiger Blutaustausch geboten 59
Der Pilot hatte noch wenig Flugerfahrung 61
Das war wunderbar, ja wie ein Wunder wahr 62
Mombasa 63
YMCA – CVJM, Christlicher Verein Junger Menschen 63
Dialog „Christentum und Islam“ 64
Das „Kanamai-Zentrum“ – ein Ort der Begegnung 65
Die Liebe geht doch durch den Magen 65
Bayerisches Bier neben Sturmgewehren 67
Die Männer gingen auf Fischfang 68
Man mietete ein Einzelzimmer im Hinterhof 68
Die Gehaltsstrukturen waren zum Teil erbärmlich 69
Der Tourismus als sensibler Bereich 70
Hast du schon dein Testament gemacht? 70
Ungewöhnliche Situationen 71
„Simtaki – ich will ihn nicht“ 72
Wie kann das sein? Ich weiß es nicht 73
Weihnachten im Slum von Nairobi 74
Der gesetzloseste und gefährlichste Ort Afrikas 74
Vom Frieden auf Erden und in den Slums 74
Tränen des Löwen 76
„Wir passen nicht ins Stadtbild“ 76
Von der Krippe zum Kreuz 79
Wie kann ein Armer dem anderen Armen helfen? 80
War Jesus auch arm? 82
Kinder in den Slums 82
Aktion Slumsanierung 86
Mein Wirken am Tana River 87
Hier sind wir zu Hause 87
Warum geraten zwei Völker so hart aneinander? 88
Handarbeit galt als Sklavenarbeit 89
„El Ninyo“ zerstörte alles 91
Fanatische Inselbewohner zündeten Kirche an 91
Viele „Palaver“ im Kreis der Ältesten 93
Mit Klammerameisen Risswunde versorgt 94
Straßensperren der „Shiftas“-Banden 94
Veränderungen brauchten Zeit, viel Zeit 95
Lamu 99
Meine Lieblingsinsel 99
Erinnerungen an Lamu 100
Zucker für die Kinder 101
Junge Muslime feiern „Prinz Eisenherz“ 102
Du bist mein Gast – Karibu 104
Gott hat meine Bitte erhört 105
Das Makondevolk in Ostafrika 106
Schöne Dinge wachsen inmitten der Dornen 106
Steh auf, schwarzer Teufel 107
Waffen als Gegenwert für „Menschenmaterial“ 108
Befreite Sklaven werden vereint durch dieses Kind in der Krippe 108
Eine schöne Legende 110
Die Makonde kennen das Ebenholz 111
Die Makonde meditieren und denken viel 113
Zusammen können wir das tun, was ich allein nicht kann 114
Das Ebenholz fasziniert 116
Krippensammlung 118
Der Beginn 118
Sie sollten sich schämen 118
Rasante Entwicklung der Volkskunst auf dem Specksteinhügel 120
Die Weihnachtsbotschaft ist heimisch geworden 122
Die Sammlung 124
Meine Erfahrungen im Westen Kenias 128
Klopapier – ein teurer Luxusartikel 128
Elefantenbulle auf der Vorderhaube unseres Käfers 129
Trächtige Löwin in Geburtswehen 130
Auch die Dürre lässt noch Früchte wachsen 131
Neues Wassersystem für Kakamega 131
Malaika Children’s Home 133
Asuna 133
Die Küche war ein „heiliger“ Ort 135
Es ist das Herz, das entscheidet 136
Ich habe 3,7 Millionen Verwandte und bin reich an Menschen 138
Mama Maria 138
„Umebarikiwa – Du bist gesegnet“ 140
Malaika Children’s Home war geboren 143
Abschied von Boniface 145
Beerdigung 145
25 Jahre Malaika Children’s Home 150
Einer trage des anderen Last 159
Gedicht von Celestine 161
Mount Kilimadscharo 163
Das Dach Afrikas 163
Erster Aufstieg im Jahr 1970 164
Ein weiterer Aufstieg im Jahre 1983 165
Geschichten, Ereignisse und Begegnungen in Tansania 171
Ich heiße Schneider, aber ich bin kein Schneider 171
Wer Jesus nachfolgt, begibt sich auf einen dornenvollen Pfad 171
Ein Christ darf nicht rauchen und niemals Alkohol trinken 172
Do you drink, do you smoke? 173
Edle Tropfen in Nuss 174
Ökumene und römisch-katholischer Glaube waren ein rotes Tuch 174
Mein Bier im Zementsack 176
Die Afrikaner sollen nicht meinen, wir hätten denselben Glauben 177
Armut tut weh 178
Schuster, bleib bei deinen Leisten 179
Gefühlvoll erklang die Mondscheinsonate 180
Der alte Adam stirbt, wird ersäuft, der neue Mensch feiert Auferstehung 181
Welch ein Freund ist unser Jesus 183
Hilf dir selbst 184
Meine Nahtoderlebnisse 186
Eigentlich kann man es gar nicht beschreiben 186
Der Fels brach und ich stürzte mit ihm in die Tiefe 186
Curare, das zum Tode führte 187
„Totaliter aliter“, so ganz anders ist es im Jenseits 187
Ich tauchte ein in dieses Licht und fühlte eine ungeheure Befreiung 190
Ängste wurden durch das Fegefeuer geschürt 191
Auferstehung wird etwas ganz Neues sein 193
Gibt es ein Leben nach dem Tod? 194
Fürchtet euch nicht 195
Dieses unglaublich helle Licht in seiner Fülle und doch nicht blendend 196
Gibt es dieses „zu spät“ auch bei Gott? 198
Eines Tages, auf den ich mich freue, werde ich es in aller Klarheit wissen 201
Die Liebe hört nimmer auf 203
Die Hoffnung der Elenden ist nicht ewig verloren 204
Zurück im Markgräfler Land 210
Rückkehr nach Bethel 210
Neue Heimat Markgräflerland 211
Das wird gut! 211
Wie Gemeinde und Pfarrer zueinanderfanden 212
Kein Schäfer, auch kein Totengräber 214
Wer viel sehe will, bruuch nur ei Aug zuedrucke 215
Neue Erfahrung: Schulunterricht Fach Religion 216
Eine Eins in Ethik für Christian Streich 217
Der Ritt auf dem Hammel 218
Markgräfler Gastfreundschaft 220
Man muss dem Volk aufs Maul schauen 221
Ökumene? Ja, bitte 222
Die Gemeinde war meine Welt 222
Ida und ich: Eine verschworene Gemeinschaft 224
Das Licht des Pfarrers 225
Wem gehört die Kirche? 225
Ein Keller für alle 227
Alte Wunde 230
Wenn der Pfarrkeller erzählen könnte 230
Wir teilen das, was wir lieben, dass es Brot für die Welt wird 232
Man lernt nichts kennen, außer man liebt es 233
Die Welt ist meine Gemeinde 233
Der Verein „Partnerschaft Dritte Welt e.V.“ wurde gegründet 233
Manche Konflikte lösen sich von selbst 235
Dieses Haus ist AIDS-frei 236
Alle Geschwister, die aus einem Bauch kommen, kommen auch mit unterschiedlichen Namen 237
Und wo schlug mein Herz? 237
Der Name ist Programm: Das Haus der Begegnung 238
20.000 DM für Äthiopien 239
Unser Haus der Begegnung hatte einen großen Radius für Besucher geschaffen 240
Vertrauensvolle Zusammenarbeit 241
Schön war die Zeit, so schön 241
Mein Freund Estomihi 244
Die Entdeckung, Freundschaft und Zusammenarbeit mit Estomihi Mollel 244
Eines Tages nahm uns sein Vater Daniel Mollel mit in die Steppe 249
Longido, das Zentrum im Massai-Land 253
Bildung ist der Schlüssel 255
Armut ist wie ein Löwe: Kämpfst du nicht, wirst du gefressen 256
Im Dialog mit Esto Afrika – Europa 259
Ein ganzes Dorf erzieht ein Kind 259
Das große „Palaver“ begann 260
„Mapenzi ni kikohozi, hayawezi kujificha – Liebe ist wie ein Husten, man kann ihn nicht verbergen“ 261
„Akili ni mali – Verstand ist Reichtum“ 262
Auf dem Rücken seiner Mutter lernt das Kind tanzen, noch bevor es gehen kann 263
Erlebnisse mit Esto in Mombasa 266
Esto war der richtige Mann 266
Eine interessante Mischung, ganz nach meinem Herzen 267
Die Stadt veränderte viele Traditionen 267
Der Imam half einer christlichen Gemeinde beim Neubau ihrer Kirche 268
Chor der Bardamen 269
Minister hatte zwei Patronen im Körper 270
Heimkehr nach Ottenhöfen 271
Im Herbst kehren die Blätter zu ihren Wurzeln zurück 271
Afrikanische-Deutsche Partnerschaft MALAIKA e.V. wurde gegründet 272
Ausstellungen „andere Länder – andere Krippen“ 272
Mit der Heimat im Herzen lernte ich den Erdball umarmen 276
Ehrfurcht vor allem Leben 277
Lebens- und Begegnungsgeschichten 279
Was würde Jesus dazu sagen? 279
Ich habe einige der vielen Geschichten von Begegnungen gewählt, die sich im „irdischen Getümmel“ ereignet hatten 279
Du solltest den Koffer packen, nach Hause fliegen und dort Generalvertreter von Coca-Cola werden 281
Wettbewerb der Konfessionen 282
Manchmal sind irdische, heimatliche Mittel ganz schön hilfreich 282
Gläubige wollten ihr Christsein gemeinsam feiern 283
Zustände wie in Sodom und Gomorra 284
Das Alte ist vergangen – Neues ist geworden 285
So geht es nicht, jedenfalls nicht bei uns 286
Es geschehen noch Zeichen und Wunder 287
Gottesdienste im afrikanischen Gewand 288
Predigt im afrikanischen Gewand 290
Reportagen und Berichte 295
Deutschlandfunk Kultur – Reprotage von Ulrich Ziegler 295
Jedes Kind ist ein Einzelschicksal 296
Wasserholen am Fluss ist Frauensache 298
Als Spendensammler ist Willy unschlagbar 300
Und der Polizist findet: 302
Purity kommt als gemachte Frau zurück 303
900 Menschen kommen zum Gottesdienst 304
Essen aus dem Gemüsegarten und dem Fischteich 305
Der Schwarzwald als zweite Heimat. Oder als erste? 309
Asuna steht neben ihm, blickt ihn an und witzelt 311
Neuanfang Taufe – Simone Grünewald schreibt von einer unvergesslichen Taufe in Malaika 311
Tagebuch der Gruppenreise 2009 315
Freitag, 31. Juli: Anreise 317
Samstag, 1. August: Ankunft in Mombasa 318
Sonntag, 2. August: Hotelaufenthalt in Mombasa 320
Montag, 3. August: Hotelaufenthalt in Mombasa 321
Dienstag, 4. August: Weiterfahrt nach Nairobi 323
Mittwoch, 5. August: Deutsche Botschaft – Slum von Nairobi 325
Donnerstag, 6. August: Weiterfahrt nach Nakuru 329
Freitag, 7. August: Fahrt von Nakuru nach Malaika 331
Samstag, 8. August: Aufenthalt in Malaika 336
Sonntag, 9. August: Aufenthalt in Malaika 338
Montag, 10. August: Aufenthalt in Malaika 340
Dienstag, 11. August: Aufenthalt in Malaika 343
Mittwoch, 12. August: Aufenthalt in Malaika 346
Donnerstag, 13. August: Aufenthalt in Malaika 349
Freitag, 14. August: Aufenthalt in Malaika 351
Samstag, 15. August: Aufenthalt in Malaika 354
Unser Fotograf Rolf 355
Pressebericht: Malaika – Engel auf Reisen 357
Staufer-Medaille und Bundesverdienstkreuz 359
Willy Schneider erhält die „Staufer-Medaille“ des Landes 359
Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 362
Ein Vorbild für Engagement mit Herz und Hand, Toleranz und Nächstenliebe 362
Aus der Laudatio von Theresa Schopper: 363
Bundesverdienstkreuz-Feier in Kenia 368
Aufnahme in die Catholic Men Association Kenya – CMAK 371
Katholische Männervereinigung Kenias 371
Worte an Willy 373
Bernd Siefermann 373
Hans-Jürgen Decker 373
Andreas Moll, Pfarrer in Renchen 373
Dr. Thomas Aenis, Forschungsgruppe an der Humboldt-Universität in Berlin 374
Sybille Haag 375
Susanne Eichin über Willy 375
Begegnungen in Ottenhöfen 377
Mark Twain 377
Pater Georg 377
Danke von Willy Schneider 380
Impressum
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© 2023 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-839-2
ISBN e-book: 978-3-99131-840-8
Lektorat: Katja Wetzel
Textliche Aufbereitung: Martha Grünewald
Umschlagfotos: Erllre, Willy Schneider, Tebnad | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
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Bildquellennachweis:
Bilder 2-19, 32-42, 47, 61-64, 66, 68, 72-75, 77-78, 87-91, 94-119, 135, 159, 166-171: © Willy Schneider
Bilder 20-31, 43-46, 48-58, 60, 65, 67, 69, 85-86, 120-122, 138-139, 142-144, 148-151, 154-158 und 160-165: © Simone Grünewald
Bilder 83-84, 132-134, 141, 145-147 und 152-153: © Rolf Hoffmann
Bilder 70-71, 76 und 79-82: © Thomas Aenis
Bilder 123 und 136-137: © Friedlinde Bühler
Bild 140: © Michael Wurtz
Bilder 124-131: © Uli Ziegler
Bilder 1, 59 und 92-93: © Klaus Puth
Widmung
Für meine Kinder: Antje, Johannes, Malaika und Stephen
Für meine Enkel in Deutschland: Robin, Melinda, Lenny,
Tom, Jule, Rieke, Mika und Luka
Für meine Enkel in Kenia: Hanneli, Godwin, Nelphin, Linda,
Cedrick, Brian, Irako, Lili, Lina und Samu
Und für alle Kinder von Malaika Children’s Home
Vorwort Willy Schneider
„Tut Buße, baut ein Klo!“ Das klingt etwas eigenartig für einen Pfarrer, aber es illustriert die praktische, tatkräftige Arbeit eines Missionars in Afrika ziemlich gut. Mir fallen dazu viele Geschichten ein, eine fand Eingang in eine meiner Predigten:
Eine Verwandte in Kenia war früher Angestellte bei der Post in Kakamega. In der Weihnachtszeit wurden von ihnen viele Briefe geöffnet und das Bargeld entnommen. Zu jener Zeit wurde im Postamt umgebaut, provisorisch entstand ein Plumpsklo und da hinein wurden die Briefe und Briefbögen, quasi die „Beweise“, entsorgt. Der Officer, der diese Vorfälle untersuchte, fand per Zufall die Ursache, denn er musste während seiner Untersuchung aufs Klo. Durch die natürliche Beschwerung öffnete sich unter ihm eine der Postsachen. Es war eine Musikkarte, die sofort das Lied: „O, du fröhliche, o du selige, gabenbringende Weihnachtszeit“ zu spielen begann.
Mein Thema in der folgenden Predigt: „Tut Buße“ als Aufruf an die Täterinnen, „baut ein Klo“ als Appell an die Behörde.
Die nächste Predigt hielt ich in Mathare Valley, einem Slum in Nairobi, zu diesem Thema. Dort war es üblich, das „Geschäft“ in einer Tüte zu erledigen, sie zuzubinden, zu schwingen und fliegen zu lassen. „Flying toilet“ statt „Flying doctors“, die hier in Mathare eine permanente Einrichtung ist. Ein Nachbarhügel war als Zielort besonders geeignet und gebraucht. Mein Vorschlag, ob der hervorragenden Düngung dort Nelken für den Muttertag anzubauen, wurde nie umgesetzt.
Während meiner Missionszeit erlebte ich viele ähnliche Geschichten über allzu menschliche Sorgen und Nöte, von denen auch einige in diesem Buch erzählt werden sollen.
In den vergangenen Jahrzehnten habe ich die Erzählkunst Afrikas praktiziert. Bei jeder Reisevorbereitung nutzte ich die Gelegenheit, die Teilnehmer auf das Neue, Unerwartete und noch Unbekannte einzustellen. Vor Ort konnte ich den Reichtum der Erfahrungen Afrikas besonders veranschaulichen.
Ich habe in vielen Jahren viele Geschichten erzählt. Immer wieder drängten mich meine Freunde, einige davon aufzuschreiben. Das ist nun geschehen, Corona-Pandemie-Zeiten machten es möglich. Die Aktivitäten wurden heruntergefahren, die Hektik blieb aus, Zeit und Stille schafften sich Raum.
Ich habe viele Menschen und Situationen erlebt. Ich bin reich geworden an Erfahrungen, gewachsen im Menschsein und habe viel Glück im Miteinander erlebt. Das Vertrauen in Gott hat mir oft Flügel verliehen, mich sicher durch dunkle Täler geführt und am gedeckten Tisch manche Mahlgemeinschaft ermöglicht.
Viele Wegbegleiter wurden ein Segen für mich. Ich selbst möchte keinen Tag missen im Zusammensein mit Familie, Kindern und Enkeln, unter Freunden, in meiner Gemeindearbeit, in den vielen Projekten und Aufgaben, in Malaika Children’s Home, bei den Krippenschnitzern und Ebenholzkünstlern.
Etwas von dem vielfältigen Reichtum des Lebens kommt in dieser Biografie zur Sprache, auch die hellen und dunklen Seiten des Lebens im Glauben, in den Konfessionen und Religionen. Einen herzlichen Dank an alle, die meine Biografie gefördert und daran mitgearbeitet haben.
Mein Sturz auf Granit
Ein weiteres „Beinahetod-Erlebnis“ widerfuhr mir während der abschließenden Arbeiten zu diesem Buch. Unser Haus befindet sich an einem steilen Berghang.
Anfang Oktober knallte ich nach einem Fehltritt meinen Kopf auf Granit hinterm Haus. Der Transport einer schweren Maschine, die ich vor aufziehenden Gewitterwolken in Sicherheit bringen wollte, war schuld. Der Granit war härter als ich, meine linke Körperhälfte beschädigt. Blutungen im Kopf, Operation nicht möglich. Asuna weigerte sich, entgegen aller Corona-Regeln, mein Krankenzimmer in der Ortenauklinik in Offenburg zu verlassen. Sie forderte den Chefarzt und ich wurde einige Tage auf die Intensivstation verlegt. Das war meine Überlebenschance. Mein Gedächtnis war im Urlaub, gemeinsam mit meiner Sprache. Keine Hoffnung, sagte ein Oberarzt. Doch nach einem Monat kam ich in eine Reha bei Freiburg. Die medizinischen Fachkräfte warnten vor einem geplanten Flug nach Kenia. Am Tag des Abschieds warnte meine zuständige Neurologin davor, ihre Prognose: Ich werde beim Starten umkippen, das Flugzeug muss wieder landen, ich muss ins Krankenhaus und dann alle Kosten selbst übernehmen.
Ich zitierte das Wort des Engels im Lukasevangelium: „Fürchtet euch nicht!“
„Es geht zu Ende“, klang es kräftig in meinen Verstand hinein. Aus meiner Seele aber klang permanent die Zuversicht. „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn DU bist bei mir!“ Diese Gewissheit konnte keine Finsternis, kein Sturz zu Fall bringen. Das Vertrauen und die Zuversicht in Gott bestärkten mich und ich hielt durch.
Nach der Weihnachts- und Neujahrsfeier im Kinderheim in Kenia ging es langsam aufwärts. Meine Rückreise im Flugzeug wurde von der Hoffnung getragen und im Zug hieß es „in Fahrtrichtung aussteigen“. Ich bin gesund wieder im Schwarzwald angekommen.
So scheint es bei mir gut zu werden – in ein neues Jahr hinein.
Ich werde gesund und bleibe bei Trost im Jahre 2022, in Zukunft.
Willy Schneider
Ottenhöfen im Schwarzwald, im Frühjahr 2022
Kindheit und Jugend im Schwarzwald
Mit 9 Jahren bekam ich meine erste eigene Bibel, mit 10 Jahren eine eigene Schrotflinte.
Unser Hausname war Rapp. Der Großvater meiner Mutter war Schreinermeister und daher „dr Rappeschriner“. Dank seines Berufes kam er in viele Häuser, zuletzt mit dem Sarg. Als Kind erlebte ich mit meiner Schwester Linchen die schmerzlichen Folgen zweier Weltkriege. Unsere Mutter erzählte, wie ihr Vater im Ersten Weltkrieg starb, als seine Frau Karoline im sechsten Monat mit ihr schwanger war. Die Folgen waren schwer zu ertragen. Hinzu kam, dass der Vater kurz vor Vollendung seiner zwölfjährigen militärischen Laufbahn war, dies aber für die darauffolgende Rente nicht berücksichtigt wurde. Sie verdiente künftig ihren Lebensunterhalt mit Näharbeiten.
Meine Mutter war ein sehr fröhlicher Mensch. Sie wuchs mit vielen Nachbarskindern im „Gaisdörfle“ auf. Jede Familie hatte eine Ziege, erklärte sie mir, damit sie überleben konnte. Sie spielten Theater, wanderten, sangen zur Gitarre und hatten viel Spaß miteinander. Sie erzählte vom Sonnenaufgang auf der Hornisgrinde mit Blick ins Rheintal bis hinüber nach Straßburg, wo der hohe Münsterturm den Blick fängt. In den Dreißigerjahren lernte meine Mutter das Kochen im Sanatorium Breitenbrunnen, einem beliebten Konferenzhotel, oberhalb von Sasbachwalden, Brandmatt.
Dort begegnete sie ihrem künftigen Ehemann, Willi Schneider, der Lehrer in St. Georgen im Schwarzwald war. Seine Familie lebte bis zum Ersten Weltkrieg in Straßburg in der Robertsau. Sein Vater, mein Großvater, Heinrich Schneider stand im Dienst von Kaiser Wilhelm.
Gegenüber von Mutter Lina wohnte ihre Freundin Edith, derselbe Jahrgang wie meine Mutter. In meiner Kindheit besuchte ich oft den Großvater Käshammer, der alle Kräuter und Pflanzen im Tal und auf der Höh’ kannte und uns bei Bedarf damit heilte. Er trocknete sie auf seinen Drahtgeflechten in der Küche über dem Herd. Sein Sohn wurde ein berühmter Fotograf und fing alle Motive, Sommer wie Winter, im ganzen Schwarzwald und im Ortsgeschehen ein. Er machte den besten Honig, den wir viele Jahre im kleinen Eimer von seiner Frau Edith erwarben. Ihr Sohn Richard trat in die Fußstapfen seines Vaters und wurde ebenfalls ein erfolgreicher Fotograf.
Großmutter Karoline Engelhardt, geborene Rapp, hatte ein schweres asthmatisches Leiden und starb kurz vor der Verlobung ihrer Tochter Lina.
1939 folgte die Hochzeit meiner Eltern, in Schwarz gekleidet.
Hochzeitszug der Eltern von Willy
1940 wurde Tochter Linchen und 1941 Sohn Willy (ich) geboren.
Wir waren eine fromme Familie, die ihren christlichen Glauben lebte und sich gerne mit anderen um die Bibel versammelte.
In den frühen 50er-Jahren war die Volksschule in Ottenhöfen ein Erlebnis. Die Schüler aus den Tälern rings um Ottenhöfen hatten einen weiten Schulweg, besonders beschwerlich im Winter bei Schneefall. Viele betrieben zu Hause Landwirtschaft und brachten deshalb Brot, Speck, Milch, Butter, Eier und Naturalien für die Lehrer mit. Das half unter Umständen, den Übergang in die nächste Klasse zu sichern.
Manche unserer Lehrer hatten einen großen Schulgarten. Etliche Schüler wurden dort regelmäßig zur Mitarbeit eingesetzt. Dies geschah just in der Unterrichtszeit der Fächer, in denen sie schwächelten.
Im Unterricht, meistens gegen Mittag, wurde auch die Post und Besorgungen für den Lehrer erledigt. Wir übernahmen gerne den Botendienst. Oft gab es dafür für 3 Pfennig „Bäredreck“ (Lakritz) im Lädele bei der Börsig Maria. Gelegentlich schafften wir es bis zu einem 10er-Würstle vom Zinke Metzger.
Willy und Schwester Linchen mit Hund
Willy bei der Einschulung
Das Klavierspiel begleitete mich später bis nach Afrika
Unvergesslich bleibt uns der Musikunterricht unserer sehr resoluten Lehrerin. Ihr Haselnuss-Stöckchen verschaffte uns öfters Hornhaut auf den Fingerspitzen. Mit großem Ehrgeiz versuchte sie, uns die Tonleiter beizubringen und uns gesanglich zu perfektionieren. Ich erinnere mich an einen Schulkameraden, der absolut unmusikalisch war. Er war echt zu bedauern. Auch die wütenden Hiebe schafften nachträglich keine musikalischen Fähigkeiten.
Um die Hausmusik im Tal zu fördern, kam Frau Singer von Achern nach Ottenhöfen. Meine Schwester Linchen und ich teilten uns eine Stunde aus Kostengründen. Außerdem kam Frau Kayser zum Geigenunterricht ins Haus am Hildahain. Sie war eine Verwandte des Malers Kayser, der das schöne Landschaftsbild im Chor der Evangelischen Kirche in Ottenhöfen schuf.
Frau Singer erzählte uns öfters von ihren beiden Töchtern, die als die „tanzenden Kessler-Zwillinge“ international berühmt wurden. Kürzlich feierten beide ihren 80. Geburtstag.
Im Gasthaus „Kreuz“ stand ein Klavier im Saal. Hier fand jährlich der musikalische Treff aller angehenden Klavierkünstler, von Frau Singer geschult, statt. Ein kulturelles Ereignis der besonderen Art in jenen Zeiten.
Unser Ass war Hans-Martin, der mit Beethoven und Chopin als Solist glänzte. Später wurde er für viele Jahre anerkannter Organist an der neuen Orgel in der römisch-katholischen St. Anna/St. Bernhard Kirche. Eine beachtliche Anzahl von Klavierspielern gaben am Festtag ihr Können zum Besten. Meine Schwester und ich spielten jeweils vierhändige Stücke am Klavier. Das Klavierspiel begleitete mich später bis nach Afrika, wo wir in Tansania abends Hausmusik am Steinway-Flügel machten.
Die Klassenarbeit wurde ein voller Erfolg
Unser neuer Französischlehrer gab uns als Klassenarbeit immer einen Original-Abschnitt aus dem Lehrbuch, eine leichte Übung, die allmählich unser Buch in eine Sammlung fliegender Blätter verwandelte, da jeweils ein Blatt bei der Klassenarbeit zusammengefaltet im Mäppchen wartete. Er fand es merkwürdig, dass wir 12 in den hintersten Reihen immer das beste Ergebnis erzielten. Vor uns saßen schlaue Mädchen, die uns beim Diktat die richtige Zeichensetzung mit dem Bleistift auf den Tisch morsten. Da ich in Mathe nicht zu den Klassenbesten gehörte, bekam ich von unserem Mathelehrer, der am Schlossbuggel in Ottenhöfen wohnte, Nachhilfe. Vor jeder Klassenarbeit exerzierten wir die kommende Arbeit mit veränderten Zahlen durch. Es wurde jeweils ein voller Erfolg.
In Deutsche eine 7
Es gab Zeugnisse und mein Banknachbar aus Fautenbach schaffte wegen der Deutschnote nicht den Sprung in die nächste Klasse. Nie wieder in meinem Leben habe ich solch eine Note in einem Zeugnis gesehen. Zugegeben, er hatte kaum unter 60 Fehlern bei seinen Arbeiten. Heute würde man ihn als Legastheniker mit einer Schreibschwäche bezeichnen und ihm andere Bedingungen zum Lernen anbieten. Der Lehrer gab ihm sein Zeugnis und sagte, er könnte es nicht mehr verantworten, ihm nur eine 6 zu geben, darum schrieb er eine 7 ins Zeugnis. Viel später traf ich meinen Banknachbarn beim Autobahnbau. Inzwischen war er Capo, Bauführer einer großen Bautruppe. Er hatte seinen Weg ins Berufsleben gemacht. Wie schön für ihn, trotz der 7 im Zeugnis.
Nach der Schule trafen wir uns in Ottenhöfen öfters noch im Gasthaus „Adler“, da dort die erste Glücksspielmaschine links am Eingang aufgestellt war. Tatsächlich, manchmal hatten wir Glück! Ich höre heute noch das Klingeln der Münzen in meinen Ohren.
Das Haus, das ich derzeit bewohne, wurde in den 50er-Jahren für einen Lehrer gebaut. Etliche Schüler erzählten mir, wie sie dabei geholfen hatten.
Die Fahrt mit dem „Bähnle“
Die Fahrt mit dem „Bähnle“ ins Gymnasium nach Achern, gezogen von der Dampflok, war für uns eine Sensation. Unser Zuhause war der Schülerwagen mit der Aufschrift: „Nur für Schüler“, der als Letzter angehängt wurde. Im Winter sorgte ein mit Holz beheizter „Bollerofen“ für Wärme. Um die Luft im Tal zu verändern, halfen wir mit Gummiringen auf den glühenden Ofenplatten etwas nach. Der Zug fuhr manchmal so langsam, dass wir gelegentlich aussteigen und Schnee für unsere Schlacht im Wagen besorgen konnten. Schließlich mussten wir den Schülern aus Kappelrodeck, die öfters Stress verursachten, eine Abreibung verschaffen. Warum diese Reibereien zwischen Ottenhöfen und Kappel sich so hartnäckig hielten, dafür habe ich nie eine schlüssige Erklärung gefunden. „S’isch halt eso!“
Bei einer Gelegenheit verpasste mein Schneeball den Kappler knapp am Kopf, dabei ging eine Scheibe zu Bruch. Mein Verwandter „dr Decker Schriner“, Meister Erwin, war sofort zur Stelle mit der Reparatur.
Unser kleinwüchsiger und zäher Schaffner verfluchte uns öfters während der Heimfahrt. Zwischendurch schimpfte er auch kräftig mit solchen Kurgästen, die kein Kleingeld für ihre Fahrkarte hatten. Dafür schickten wir ihn schon mal in die Wüste. Als er auf der letzten Station in Furschenbach hinterm Häuschen dringend austreten musste, ahmten wir mit unserer Pfeife seinen Sound nach und der Zug setzte sich in Bewegung bis nach Ottenhöfen, ohne ihn.
Später wurde der Ruß der Lok zum großen Ärgernis im Tourismus. Wer sein Bleichgesicht aus dem Fenster hielt, bekam eine leicht dunklere Färbung während der Fahrt. Ein sauberer Triebwagen musste her. Etliche Jahre später sollte die historische Dampfzugfahrt wieder eine neue Attraktion für viele Besucher werden.
Im Gymnasium der 50er-Jahre in Achern wurden wir von sehr unterschiedlichen Lehrern unterrichtet. Da waren die Junglehrer, die ihr Glück als Referendare versuchten. Wir waren 45 Schüler in unserer Klasse, eigentlich eine Überforderung, da wir nicht den besten Ruf hatten. Da hieß es strammstehen, wenn der Mathelehrer, ein ehemaliger SS-Offizier, die Klassentür öffnete. Wir Jungen mussten unsere Fehler und Versäumnisse mit 50 Liegestützen vor der ganzen Klasse „bezahlen“. Das war peinlich wegen der Mädchen. Im Sprachunterricht vermissten wir den Klang der Traditionen und das Flair von Paris, wie im Französischunterricht. Nur Grammatik pauken, kein Chanson d’Amour.
Ein großes Problem waren die Lehrer, die noch einige Jahre unterrichten mussten, bis es zur Pension reichte. Sie waren vom Krieg geschädigt und kaum noch einsatzfähig. Solche, die auf ein Stichwort von uns ihr Buch in den Arm nahmen und ihre Kriegsgeschichten erzählten, immer wieder, waren für uns angenehmer. Es waren die anderen, deren Nerven irreparabel versagten, die uns das Leben schwer machten. Als einer dieser Lehrer uns Jungen „den Krieg erklärte“ und nur noch die Mädchen unterrichtete, nahmen wir nach drei Wochen seinen Geburtstag zum Anlass, um uns an ihm zu rächen: Da ich eine Schrotpistole besaß, ging unser Team in den Schulkeller, wo wir eine Ratte erschossen. Diese wurde in mehreren Päckchen mit buntem Papier und Kordel verpackt und auf sein Pult gelegt. Am nächsten Morgen sangen wir Jungs dazu „zum Geburtstag viel Glück“. Zu Tränen gerührt öffnete unser Lehrer die Päckchen, bis ihm beim letzten die Spucke wegblieb. Er musste anschließend sofort in Behandlung. Niemals werde ich unsere Gemeinheit vergessen können.
Willy mit einem Schulfreund beim Musizieren
Besser fühlten wir uns, wenn unser Physik- und Chemielehrer uns im 5. Stock in den Flur beorderte, wo er seine ohrenbetäubenden Experimente durchführte. Anschließend rannten wir an unsere Sitzplätze zurück und mussten uns in den Unterrichtsstoff vertiefen. Es dauerte eine Weile, bis der humpelnde Direktor erschien und fragte, was los sei. Da natürlich niemand etwas gehört oder gesehen hatte, musste er unverrichteter Dinge wieder abziehen. Und dies nicht nur einmal.
„Fahrrädel“ nannten wir unseren Lehrer, der grundsätzlich auf einen Mercedes verzichtete. Stattdessen bekam seine Gattin von ihm einen Pelzmantel.
Wir hatten eine gute Klassengemeinschaft, erlebten viel, machten Ausflüge, gestalteten Wochenenden in der Jugendherberge und schafften unser Pensum an Unterrichtsstoff. Dabei halfen wir uns gegenseitig bei den Klassenarbeiten mit viel Erfindungsreichtum. Zum Abschluss des Schuljahres hievten wir gemeinsam den neuen Fiat 550 unseres jungen Vikars und Religionslehrers bis in den 5. Stock. Er hatte eine Abiturientin geschwängert.
Die letzten Spätheimkehrer aus Russland
Voller Spannung saßen wir 1953 im Saal des Gasthauses „Engel“, um die letzten Spätheimkehrer aus Russland zu begrüßen. Meine Mutter hatte, wie manch andere Frau auch, immer noch Hoffnung auf die Heimkehr ihres Mannes. Diese Hoffnung erfüllte sich leider nie. Doch es gab kleine Wunder: Ich war öfters bei der Gnändinger-Familie im Forsthaus. Da deren Vater scheinbar auch nicht mehr aus der Gefangenschaft in Sibirien heimkam, standen sie kurz vor ihrem Auszug aus dem Forsthaus. Ein neuer Forstmeister sollte die Stelle übernehmen. Plötzlich wurde eine Liste von Spätheimkehrern veröffentlicht und dabei war auch Forstmeister Gnändinger. Was war das eine Freude in der Familie und bei der Bevölkerung in Ottenhöfen.
Ein segensreicher Neuanfang mit vielen Innovationen im Forstwesen und Kurbetrieb begann. Überhaupt entstanden Anfang der 50er-Jahre neue Vereinsaktivitäten im Ort. So wurde neben Handball, dem Herzblut von Lehrer Eichelberger, der Fußball populär. Und im Winter, der uns auf den Bergen und im Tal genügend Schnee bescherte, veranstaltete der Skiclub zahlreiche Wettbewerbe.
Skiwettbewerb für Mädchen
Skiclub
Der beste Läufer und Skispringer im Tal war unbestritten „dr Fittli“, Dietmar Bohnert, heute Ehrenvorsitzender des FCO. Meine erste Urkunde vom Langlaufwettbewerb 1952 ist unterschrieben von Siegfried Leppert, einem unermüdlichen Vereinsgestalter in Ottenhöfen. In der Freizeit flitzten wir mit Bob und Schlitten von der Blöchereck bis ins Dorf. Aufwärts konnten wir uns oft an einen Traktor, der Holz vom Berg holte, anhängen. Und mussten wir unseren Bobschlitten reparieren, half uns der Fachmann Krummholz gegenüber vom Klinke Beck.
Spannende Jugenderlebnisse gab es auch auf den Bergen beim Skiwandern. Mit dem Bus ging’s auf den Ruhestein. Am Hang hinter dem bekannten Hotel an der Schwarzwald-Hochstraße wurde Slalom und Abfahrt geübt. Später ging es weiter bis zum schönen Schliffkopf-Hotel, das ganz mit Schindeln gedeckt war. Kurze Einkehr, dann die Abfahrt, entweder über die Blöchereck oder Allerheiligen, nonstop bis Ottenhöfen, Ortsmitte.
Manchmal wunderte ich mich, wie gastfreundlich die Vermieter im Schwarzwald sein konnten
Unser Luftkurort war bei den Sommergästen sehr beliebt. Viele Einwohner hatten Gästezimmer zum Vermieten. Auch meine Mutter konnte dadurch etwas dazuverdienen. Manchmal wunderte ich mich auch, wie gastfreundlich die Vermieter im Schwarzwald sein konnten, wenn das Brot, der Speck, der Rahmkäse, der Wein und das „Chriesewässerle“-Kirschwasser aufgetischt wurden mit Einladung zum gemeinsamen Mahl, oder es gab einen gemeinsamen Umtrunk am Abend.
Viele Wanderungen unternahmen wir zusammen. Da blickten wir frühmorgens von der Blöchereck ins Tal und lernten die Natur, die Bäume des Waldlehrpfades nach Allerheiligen, zur Klosterruine und den Wasserfällen kennen. Am anderen Tag erkundeten wir das Gottschlägtal mit Gipfelkreuz auf dem Felsen und das Karlsruher Grat und kehrten unterhalb der Edelfrauengrab-Wasserfälle ins Gasthaus mit Pension ein.
Der Wirt hatte seine eigene Reklame. Da hieß es in der Annonce, die Gäste werden mit dem eigenen Wagen abgeholt. Und dann kam er mit seinem Leiterwagen zum Bahnhof und die Gäste wunderten sich, anschließend auch wegen des Lärms im Steinbruch. Heftige Diskussionen gab es damals um den Hahnenschrei, um die letzten Hähne und das Entengeschnatter im Kurort. Manche Städter wollten wieder abreisen. Manch eine Vermieterin hat daraufhin ihren letzten Gockel geköpft und zum Schweigen gebracht.
Es hat’s ja keiner g’hört
Ich erinnere mich, wie ich als junger Bub über den Zaun der Pfarrmatte kletterte, um dem betagten Messner beim Glockenläuten zu helfen. Immerhin begann das erste Läuten bereits um 5 Uhr früh und dann wieder um 6 Uhr. Später wurde dies wegen des Wohlbefindens der Kurgäste eingestellt. Was gab es Schöneres, als von Hand zu läuten, vor allem die große Glocke, deren Seil uns im Glockenstuhl hinaufgezogen hat bis knapp unter die Decke. Einmal vergaß unser betagter Messner das Läuten, da er verschlafen hatte. Dies beichtete er Pfarrer Schweizer, der ihn mit den Worten tröstete: „Es hat’s keiner g’hört.“
Neben Ottenhöfen mit seinen Tälern und Höhen war für mich die Wanderung zum Wildsee immer geheimnisvoll. Wir nahmen jeweils einen Topf mit und kochten unten am See auf offenem Feuer unsere Erbswurstsuppe, legten die in Staniolpapier eingepackten Kartoffeln ins Feuer und freuten uns auf unser Mahl.
Erbswurstsuppe kochen
Endlich konnten wir wieder im Mummelsee baden
Meistens spielten wir zu Hause am Eichkopf Indianer oder am Schlossbuckel, wo wir gelegentlich in den Ruinen gruben, weil wir den unterirdischen Gang zum Kloster Allerheiligen suchten. Mummelsee und Hornisgrinde waren noch von unseren Nachbarn besetzt unter französischer Flagge. Enttäuscht waren wir, dass sie einen Teil im See für ihren Garagenbau aufgefüllt hatten. Nach ihrem Abzug später hat der Schwarzwaldverein den Mummelsee im ursprünglichen Original ausbaggern lassen. Endlich konnten wir wieder darin baden.
In jenen Jahren waren wir oft mit dem einfachen Armeezelt unterwegs. Ein Zelt ohne Boden, da hieß es außen Gräben ziehen, wenn der Regen sich ankündigte. Etwas abseits wurde der berühmte „Donnerbalken“ installiert. Überall konnte man noch zelten, ob oben an der Brandmatt, Richtung Brigittenschloss oder am Knappeneck am Sohlberg. Überall fand man weitere Zelte in der Ferienzeit. Für uns war es ein Jugendsport, nachts den Wimpel anderer zu klauen. Unser Zugriff war meistens nachts zwischen 2 und 3 Uhr, wenn die Wachen schläfrig wurden. Am Knappeneck waren es Gruppen von Hockenheim und Mannheim.
Unterwegs mit dem Armeezelt
Die Milch für unser Müsli lieferten die Kühe auf der Weide
Mit 15, 16 Jahren erweiterten wir unseren Radius mit dem Fahrrad in Süddeutschland. Wir sammelten Alteisen und alles, was Geld in die Kasse spülte, um unsere Ferientouren zu finanzieren. Mein erstes Fahrrad war Marke Adler mit 3-Gang am Pedal unten. Pro Reisetag rechneten wir mit 1 DM Kosten. Oft schliefen wir auf freiem Feld in einem Heuhaufen, die Beine in den Matchsack verpackt gegen die Morgenkälte. Die tägliche Milch für unsere Müsli-Haferflocken lieferten die Kühe auf der Weide.
Willy beim Kuhmelken
Einmal rannten wir eine halbe Stunde hinter einer Kuh her, um dann festzustellen, dass es ein Ochse war. Gelegentlich hatten wir Glück, wenn wir beim Bauern im Heu übernachten durften, vor allem, wenn wir vom Regen „patschnass“ waren. Wir folgten dann der Einladung der Familie und saßen abends um die große Schüssel in der Mitte des runden Tisches und löffelten daraus die mit Rahm verfeinerte Kartoffelsuppe, mit Bauernbrot als Zugabe. Die geplumpte Bauernbutter darauf war ein Hochgenuss. Als Erntehelfer konnten wir einmal im Hochschwarzwald bei Peterzell im Himmelbett übernachten. Der „Pottchamber“ (Pisspott) wurde nachts einfach durch das Fenster auf den Hof entleert, bei mehr Aufwand ging man runter in den Kuhstall.
Wind, Wellen und Sturmwarnung waren mörderisch
Für unsere Fahrradtour zum Bodensee bekamen wir noch ein Brot und ein Stück Speck mit auf den Weg. Einige Tage zelteten wir am Hörnle am Untersee. Eines Tages wurde ich übermütig, wollte mich beweisen und schwamm, ohne die anderen zu informieren, im Bodensee rüber an das Schweizer Ufer. Jedoch war die Rückkehr bei aufkommendem Wind, Wellen und Sturmwarnung mörderisch. Bereits ohnmächtig fischte mich ein verspäteter Segler aus dem Wasser und brachte mich zurück ans Land. Dabei hatte ich mein erstes, unvergessliches Nahtoderlebnis.
Zwei Tage später packten wir unsere Zelte und fuhren zurück Richtung Achertal. Wir wählten die Straße durch die Schweiz und kehrten dort in einem Gasthaus ein. Der Teller Suppe kostete 1.60 DM, jetzt waren wir fast blank. Unterwegs reichte es noch für eine Coca-Cola. Meine Tante Anna in Freiburg war unsere Rettung. Später erzählte sie mir einmal, wie sie alle belastenden Akten aus der Nazizeit vernichtet hat. Das sicherte ihr ihre Anstellung in der höheren Stadtverwaltung.
Pudding wurde zu köstlichem Eis verwandelt
Am Sonntag in der Sommerzeit kochte Mutter Lina einen Topf voll Pudding. Diesen brachten wir zur Bäckerei Leppert, wo der Chef mit der alten, rotierenden Eismaschine unseren Pudding zu köstlichem Eis verwandelte.
Als besonderes Speiseangebot gab es am Wochenende mal „suuri Bohne“, saure Bohnen, mal „suuri Ruewe“, saure Rüben, dazu Bauernbrot mit „gwehnliger Lewerwurst“, mit Pfälzer Leberwurst. Manchmal wurde der häusliche Speisezettel erweitert. Wir Jungs liebten unseren Bach, die Acher, nicht nur wegen der Kühle im Sommer, sondern auch wegen der Forellen unter den großen, runden Steinen. Bei Niedrigwasser waren sie leicht zu fangen. Allerdings wurden sie dann bei Starkregen und Gewittern wieder dezimiert, da unser Porphyrwerk den Schlamm in die Fluten der Acher einleitete.
Bring einen größeren Krug mit
Im Sommer 1959 arbeitete ich einige Monate bei der Hoch- und Tiefbaufirma Huber. In dieser Zeit fuhren wir frühmorgens mit dem Kleinbus nach Gutach. Eine Verbindungsstraße in ein Seitental zu drei alten Bauernhäusern wurde gebaut, finanziert vom „Grünen Plan“. Wir stellten sie fertig.
Ich gehörte zu einem Bautrupp älterer Männer, die das Bankett entlang der Straße anlegten. Die anderen Fachleute arbeiteten weiter oben. Immer, wenn ich „junger Spund“, wie mich ein Opa mit Bauch und Schnurrbart betitelte, zu schnell wurde, bremste er mich und meinte, andere müssen auch noch was zu schaffen haben. Schließlich teilten sie mich zu den Botengängen ein.
Es war ein heißer Sommer in jenem Jahr, gut für die Trauben, schweißtreibend im Straßenbau. Nun musste ich abwechselnd in die drei Bauernhäuser gehen und Most holen. Er ermahnte mich noch: „Bring einen größeren Krug mit!“ Ich war beschäftigt, da der Most immer bald leer getrunken war. An einem besonders heißen Tag schwitzten wir schon morgens. Ich hatte gerade Nachschub geholt und dachte, ich kann mir auch mal was Gutes tun. Also trank ich den Krug leer und ging zum nächsten Bauernhof. Ich schaffte es noch bis knapp zur Baustelle, um den Most abzuliefern. Dann sank ich ins Gras.
Der nächste Bau war in Seebach. Es sollte eine Tankstelle mit Werkstatt und Wohnhaus errichtet werden. Da wir zu viele Hilfsarbeiter und zu wenig Facharbeiter waren, mussten wir uns die Arbeit einteilen. Nachdem das Fundament gelegt war, wurde nachgemessen. Es fehlten am Grundriss 7 cm. Die Mauersteine haben es beim Auf- und Weiterbau wieder ausgeglichen.
Am Hübschberg bauten wir ein Wohnhaus. Der Familienvater war mit dabei. Die Grundmauern waren schon hochgezogen, da kam die Polizei und hat den Bau vorläufig eingestellt. Das war nicht unüblich und wurde überall da und dort im Tal praktiziert. Irgendwann musste man ja anfangen und konnte nicht endlos warten, bis man den roten Punkt in den Händen hatte, um ihn sichtbar am Bau zu befestigen.
Manch einer hat einen Teil seines Lohnes im Gasthaus versoffen
Ein großes, lokales Projekt der Gemeinde war die Kanalisation mitten in der Ruhesteinstraße, von unten bis oben. Ich erinnere mich an die Schwielen an der Hand, da ich es nicht gewohnt war, mit Hammer und Meißel zu arbeiten. In den Schächten galt es, Löcher für die Steigbügel zu klopfen. Obendrauf kamen dann die Kanaldeckel, die uns Autofahrer öfters erfreuten, wenn sie bei der Überfahrt ungewöhnlich klapperten. Erlösung winkte, als ich im oberen Teil nahe den Sternen den Verkehr vom „Häuschen“ aus per Knopfdruck regeln durfte. Das war eine angenehme Arbeit, für die mich manche beneideten, da es oft stark regnete und ich selbst keine Regenstunden aufschreiben musste. Es war eine gute und erlebnisreiche Zeit, die oft nach der Arbeit im Gasthaus „Kreuz“, beim Geburtstagseinstand zum Wochenende oder zum Monatsende nach Lohnempfang, in fröhlicher Runde endete. Manch einer hat hier einen guten Teil seines Lohnes versoffen. Manch eine Frau stand an der Tür und wartete, bis der Ehemann und Familienvater nach Hause kam.
Eines Tages hat es mich selbst erwischt. Ein Jubiläum wurde nach der Arbeit gefeiert. Mitten im Jubel kam der Fahrer eines Lkws und suchte nach Verstärkung, um die 300 Sack Zement abzuladen. Ich wurde ausgewählt, auweia, denn ich hatte schon vier Bier und vier Schnäpse intus. Als der Wagen abgeladen war, verzog ich mich ins Gaisdörfle zum Hildahain nach Hause.
Unterwegs sein war schön
Im Spätsommer machte ich mich auf den Weg und wanderte den Schwarzwaldhöhenweg von Pforzheim nach Basel. Unterwegs sein war schön, man traf viele interessante Leute. Die Abende in der Hütte waren wie eine Schatzsuche mit den Erfahrungen der Naturliebhaber und Wanderer. Da ich mir eine kleine Gitarre für unterwegs gebastelt hatte, schmetterten wir unsere Fahrtenlieder über Berg und Tal, abends in den Hütten oder draußen am Lagerfeuer. „Wir sind durch Deutschland gefahren“, „Wilde Gesellen, vom Sturmwind durchweht“, „Wie ist die Welt so groß und weit und voller Sonnenschein“ sangen wir in den Tiroler Bergen und „Brennend heißer Wüstensand“ am Lago Maggiore.
Tagsüber, beim Rasten, suchte man sich die wilden Brombeeren und Heidelbeeren. In den höheren Lagen genossen wir die Preiselbeeren, weiter unten erfrischten wir uns mit Sauerampfer am Rande der Weiden. Fürs Butterbrot wurden die hellgrünen Tannenspitzen gezupft und zu Sirup gekocht. Ein Kochtopf war immer dabei, schon wegen der Erbswurstsuppe. Zwei Landjäger waren die Zwischenmahlzeit. Im Herbst sammelten wir Esskastanien, kochten und verspeisten sie mit neuem Wein vom roten Hex zu Dasenstein.
Viele Pflanzen lernten wir in Wald und Heide kennen. In Tirol war es das Edelweiß, der blaue Eisenhut, die Vogel-Wicke, rotes Männertreu, die Teufelskralle, Arnika, Küchenschelle, Glockenblume und wie sie alle heißen, die Wunder unserer Erde. Es war eine Entdeckungsreise in die Natur der jeweiligen Landschaften.
Natürlich kannten wir alle Plätze, wo Pilze wuchsen in den Mischwäldern, Steinpilze und Pfifferlinge führten die Liste an. Aber auch den rot leuchtenden Fliegenpilz brachten wir nach Hause auf den Küchentisch, eben gegen die Fliegen.
Mit zwei Freunden, Zelt und Gepäck starteten wir später gen Süden, im kleinen Fiat, den wir gebraucht für 500 DM erworben hatten und ihn nach einem halben Jahr, frisch poliert, für 600 DM wieder verkauften. Wir besuchten unseren Ferienort, wo wir in den vergangenen Jahren einige Jugendfreizeiten erlebt hatten. Es war Gries im Sulztal bei Längenfeld im Ötztal.
Auf solchen Freizeiten lernte ich schon früh mit anderen zusammen den christlichen Glauben kennen. Das war schon etwas anderes, wenn man am Gipfelkreuz eines Berges angekommen war und der Jugendleiter las einen Psalm wie „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe“ und sagte dann ein paar treffende Worte dazu. Oder den Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte“, den wir zwar gelernt hatten, uns aber im jugendlichen Alter nicht vorstellen konnten, wie ein Schaf hinter dem Hammel herzulaufen, ohne selbst das Gehirn einzuschalten und sich frei zu fühlen. Auf einer Bergtour vermittelte uns der Leiter einen möglichen Sinn, den ich nie mehr vergaß. Der Bergführer nahm das Seil, band es um sich, dann wurden wir mit entsprechendem Abstand aneinandergebunden. Der Aufstieg begann. Da geschah es, bei der Überquerung des Gletschers. Ein Mädchen rutschte in eine Gletscherspalte, die vom Schnee überdeckt war. Wir konnten sie herausziehen. Jetzt begannen wir, zu verstehen: Die „Verbindung“ war die Rettung.
Nun waren wir wieder zurückgekehrt. Diesmal zelteten wir abseits im Tal. Am Waschtag trockneten wir die Unterhemden auf der Wiese am Berghang. Als wir abends vom Besuch auf der Alm zurückkehrten, bemerkten wir, dass jemand in unseren Sachen gewühlt hatte. Danach stellten wir immer eine Falle, bevor wir loszogen. Am nächsten Morgen, das Kaffeewasser kochte gerade, kam die Polizei und wir wurden festgenommen. Auf ging’s nach Längenfeld zum Revier. Was war passiert? Im Ort Gries wurden sechs Hasen gestohlen. Ein Hirtenjunge sah abends auf seinem Heimweg, wie auf unserer Wiese sechs „Felle“ getrocknet wurden und machte Meldung. Der Chef wollte es uns nicht glauben, dass diese angeblichen Hasenfelle unsere Unterhemden mit Trägern waren, die von fern wie „Hasenohren“ aussahen. Eine Frau im Dorf, die sich mit meiner Mutter bei früheren Aufenthalten angefreundet hatte, war in Längenfeld und hörte von unserer Misere. Da sie ein gewichtiges Wort im Ort Gries zu sagen hatte, konnte sie uns herauspauken.
Am nächsten Tag starteten wir kurz vor Sonnenaufgang. Unser Ziel war der Schrankogel mit seinen 3.497 m. In der Amberger Hütte legten wir einen Zwischenstopp ein. Als wir dann bei schönstem Wetter endlich den schneebedeckten Gipfel erreichten, waren wir glücklich. In meinem Fotoalbum entdeckte ich nach Jahren, dass ich mit kurzer Lederhose im Schnee am Gipfelkreuz stand.
Diese Lederhose hat mich noch viele Jahre in Afrika begleitet und wurde von meinen Massai-Kriegern bewundert.
Später, beim Zelten in der Lüneburger Heide, besuchten wir den Gottesdienst. Beim Lied vor der Predigt sammelte der Kirchendiener mit dem Klingelbeutel das Opfer ein. Jedem Besucher hat er dieses Gerät hingehalten, bis er geopfert hatte. Mein Opfergeld hatte ich vergessen. In meiner Verzweiflung riss ich den inneren Knopf unter dem Latz der Lederhose heraus und warf ihn versteckt in den Beutel.
Am nächsten Sonntag wurde das Opfer des letzten Sonntags bekannt gegeben. Es war die Summe von 65 DM und einem Hosenknopf. Der Prediger sagte: „Bitte nächstes Mal auch Nadel und Faden dazu spenden.“ Später, im Dienst, ist mir dasselbe auch ab und zu passiert.
Nach unseren Touren begann ich, mich im Herbst auf das theologische Seminar in der Grafschaft Moers am Niederrhein vorzubereiten.
Ein ganz anderer Lebensabschnitt begann.
Meine Ausbildung
Wichtig ist nicht, wo du bist, sondern, was du tust, wo du bist.
Das theologische Missionsseminar
Das theologische Missionsseminar in der Grafschaft Moers empfahl mir ein Absolvent, der das gemeinschaftliche Leben und Lernen in „geistlicher Atmosphäre“ dem rationalen Studieren an der Uni vorgezogen hatte. Für uns als Studierende der neuen, jungen Generation war Mission der Dialog mit Menschen anderer Glaubensweisen. In Neukirchen-Vluyn und später in der Missionsakademie Hamburg lernten wir ein ganzheitliches Konzept kennen. Im Missionsseminar waren wir gut vernetzt und in regem, theologischem Austausch mit anderen Seminaren und Hochschulen wie Wuppertal, Bethel, Hermannsburg und Neuendettelsau.
Theologiestudenten beim Stadtbummel
In der Missionsakademie Hamburg wohnten viele Stipendiaten aus Asien, Indien, Afrika, Europa, Lateinamerika zwecks Promotion. Wir studierten die ökumenische Zukunft der Kirche, Überwindung von Rassismus, Konfessionalismus, Fundamentalismus und den Gegensatz von Arm und Reich, weltweit. Sie verdienten Respekt, sie hatten Achtung vor der Menschenwürde ihrer Mitmenschen verschiedener Völker, Traditionen und Religionen und suchten ernsthaft den Dialog. Wir versuchten, die Überwindung des trennenden Charakters zu üben.
Gemeinsames Musizieren
Gleich zu Beginn war ich beeindruckt von unserem Griechischlehrer, der bereits Anfang 80 war und sehbehindert. Er war begeistert und engagiert in seinem Fach und konnte uns mitnehmen in die „alte Zeit“. Ebenso leidenschaftlich diskutierte er mit uns seine Erfahrungen in den „frommen“ Gemeinden, besonders im Siegerland und Sauerland. Wie oft wiederholte er den Bibelvers aus der Apostelgeschichte 4.12, wo es von Jesus Christus heißt: „In keinem anderen ist das Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen unter dem Himmel gegeben, darin wir sollen gerettet werden.“ Er kritisierte, dass gerade in den frommen Kreisen oft eine Begeisterung für Adolf Hitler im „HeilHitler“ laut wurde, das dem christlichen Glauben und dem Heil nur in Christus absolut widerspricht. Menschen wurden geblendet von der neuen Proklamation von Gesetz und Ordnung und von Manneszucht des „Tausendjährigen Reiches“ und erkannten ihren Verführer nicht. Ebenso betonte er, dass Jesus Jude war und tief verwurzelt im Glauben und in der Tradition des Judentums, deren Grundzüge und Theologie er uns lehrte. Dass die meisten Angehörigen der Wehrmacht wussten, was mit den Juden geschah und wie die Vernichtung vollzogen wurde, war seine feste Überzeugung. Diese Thematik zog sich durch das ganze Studium hindurch und wurde durch die Bonhoeffer-Biografien und Texte, die vermehrt publiziert wurden, untermauert. Und immer wieder kehrten in diesen Jahren Missionare, wie sie damals genannt wurden, also solche, die sich senden ließen, von ihrem Einsatz zurück. Sie berichteten eindrücklich von ihren Erlebnissen, ihrem Wirken und Glaubenserfahrungen mit Menschen anderer Kulturen, Sprachen und Glaubensweisen. Gleichzeitig wurden wir Jungen geworben für einen Auslandsdienst.
Griechischlehrer
Regenpastoren beim Spaziergang
Eine segensreiche Einrichtung mit Weitsicht
Im Bereich der Kirchengeschichte arbeiteten wir intensiv in der weltweiten Missionsgeschichte der verschiedensten Konfessionen und Glaubensgemeinschaften. Ein unerschöpflicher Reichtum, der sich später in Hamburg ökumenisch fortsetzte. Nach dem Examen konnten wir unser Diplom an der Missionsakademie der Universität Hamburg erwerben, einer neuen Einrichtung für Studenten aus Afrika, Asien, Indien, Thailand, Indonesien, Südkorea, Japan und Lateinamerika, die ein Diplom erwarben oder promovierten.
