Über die Körperkraft von Sprache - Petra Gehring - E-Book

Über die Körperkraft von Sprache E-Book

Petra Gehring

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Beschreibung

Dass Sprache wie eine Handlung (körperlich) Wirkung erzeugen kann, weiß jede und jeder - und lässt sich hautnah erleben. Jenseits der Stichworte "Sprechakt" oder "Performanz" gibt es dazu aber wenig profunde Theorie. Im Gegenteil: Sprachphilosophie pflegt den Inhalt von der Form zu trennen und in den Kulturwissenschaften zieht man sich auf das Zauberwort der "diskursiven Praktiken" zurück. Dieses Buch entfaltet die Fragestellung anhand anschaulicher Beispiele, prägt das Konzept einer "Körperkraft von Sprache" und bietet hierzu griffige - auch strittige - Thesen an.

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Petra Gehring

Über die Körperkraft von Sprache

Studien zum Sprechakt

Campus Verlag

Frankfurt / New York

Über das Buch

Dass Sprache wie eine Handlung (körperlich) Wirkung erzeugen kann, weiß jede und jeder - und lässt sich hautnah erleben. Jenseits der Stichworte »Sprechakt« oder »Performanz« gibt es dazu aber wenig profunde Theorie. Im Gegenteil: Sprachphilosophie pflegt den Inhalt von der Form zu trennen und in den Kulturwissenschaften zieht man sich auf das Zauberwort der »diskursiven Praktiken« zurück. Dieses Buch entfaltet die Fragestellung anhand anschaulicher Beispiele, prägt das Konzept einer »Körperkraft von Sprache« und bietet hierzu griffige – auch strittige – Thesen an.

Vita

Petra Gehring ist Professorin für Philosophie an der Technischen Universität Darmstadt.

Inhalt

Zur Einleitung — Jenseits von Diskurs, Performanz und Sprechakt

1.

2.

3.

4.

Gesang, Gebrüll, Sprechakt? — Über Skandieren

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

Was Metaphern mächtig macht — Zur Wirkung von Rhetorik

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

Lesen als Denken ohne Subjekt — Oder: Im Textkörper verschwinden

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

Kleine Zettel — Eine Laborstudie

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

Die Wiederholungsstimme — Über die Strafe der Echo

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

Das Gesichtsbild als Akt — Schminken ist Kommunikation vor Spiegeln

1.

2.

3.

4.

5.

6.

Über die Körperkraft von Sprache — Worte und Gewalt

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

Ob die Stimme lügt — Klaus Altmann – Klaus Barbie

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

Archivmeditation — Bewahren als Verfahren

1.

2.

3.

4.

5.

Nachwort — Theoriefragen rund um den »Sprechakt«

1.

2.

3.

4.

5.

Nachweise

Literatur

Register

Zur Einleitung

Jenseits von Diskurs, Performanz und Sprechakt

Sprache als Thema der Wissenschaften und in der Philosophie – Worum geht es in diesem Buch? – »Diskurs« und »Performanz«, Praxis und »Praktik(en)« – Neun Kapitel, »Zu Theoriefragen«: ein Schlusswort

1.

Sprache ist ein großer Gegenstand. Wissenschaftliche Zugänge pflegen ihn zu pulverisieren: Sie wählen Ausschnitte, um mit dem Thema umzugehen. So studieren die einen das komplexe Gefüge »des« Deutschen, Französischen, Chinesischen und so weiter als Ganzes, eine Art halbfeste Gesamtordnung (mit jeweils Regeln, Funktionsweisen, Normalitäten). Und die anderen untersuchen einzelne sprachliche Äußerungen, »diese« Aussage, »diesen« Text – allein oder in Zusammenhängen. Themen wie Fachsprachen oder feldtypische Sprachen (Werbesprache, Wissenschaftssprache, Politikerreden), Begriffswandel, Übersetzung und vieles mehr liegen quasi dazwischen.

Ebenso gibt es Disziplinen, welche »empirisch« arbeiten, das ist der linguistische, sozialwissenschaftliche, psychologische, neurologische Blick auf Sprachverwendung, und es gibt die »interpretierenden«, die (historisch) verstehend arbeitenden Fächer: Geschichte, Philosophie, Kunst- und Literaturforschung. Sie interessieren sich für die sogenannten »Inhalte«, für das Gesagte und insbesondere für das Originäre, den »Sinn« und die poetischen oder reflexiven Potenziale im Text. Form und Inhalt spielen allerdings stets doch auch zusammen. Reine Empirie oder bloße Bedeutungen gibt es nicht.

Dass »Text« wiederum mit Sätzen in Buchstabenschrift nicht endet, sondern dass Mischungen und Übergänge das Sprachliche ausmachen (also etwa Text-Bild-Verhältnisse, das gesungene Wort, beschriftete Dinge oder auch das bekritzelte Blatt oder das Display als Ding), drängt sich als Einsicht am Ende auf: Eigentlich scheint die ganze Welt förmlich aus Texten zu bestehen. Man nennt es »Kultur«. Natürlich besteht Kultur auch aus stummen Objekten. Aber selbst diese stehen für etwas, sind »bedeutungsbesetzt« (und haben ja Namen). Umgekehrt ist Sprachliches stets irgendwie gegenständlich: geschrieben, verkörpert. Jede Sammeltasse hat eine Beschriftung auf ihrem Boden. Und auch gepixelte Bildschirmbilder, Tonmitschnitte, die flüchtige Luftsäule beim Sprechen, die aber dafür sorgt, dass das Gesagte in den Ohren anderer nachklingt, oder selbst unsere persönlichen Erinnerungen sind so etwas wie Schrift – jedenfalls halten wir sie in unserem Gedächtnis als »Spuren« fest.

Die wissenschaftlichen Fachausdrücke gehen wild durcheinander. Man kann Hintergrundgeräusche einen »Kontext« nennen (also Akustisches einen »Text«) oder von der »Bildsprache« einer Filmregisseurin sprechen (also von visueller »Sprache«). Begriffe hängen von den gewählten Theorien ab. Sofern man alles für textartig hält (oder für aus »Zeichen« bestehend oder für eine »symbolische Form«), wird Sprache jedenfalls zu einem »Paradigma«, einem Modellfall für Sinnhaftigkeit überhaupt. Entsprechend willkürlich wirken die Eingrenzungen, von denen die kulturwissenschaftliche Forschung und überhaupt die wissenschaftliche Modellbildung lebt: Einzelne oder wenige Äußerungen oder Werke? Die Typik einer Gattung oder Epoche? Das Korpus eines ganzen »Diskurses«? Und welche Grundbegriffe wählt man: Ideen und ihre Geschichte? Menschen und ihre Absichten? Akteure und ihr Verhalten? Text-Sinn und poetische Strategien? Und in den messenden Disziplinen geht es nicht besser zu, die Sprachliches mittels naturwissenschaftlicher oder linguistischer Parameter modellieren. Geht es um Worte, Sätze und Ko-Text? Um Phoneme und Silben? Um Wortfelder und mentale Karten? Um Kognition und Emotion? Wäre alles ein Puzzle, dann passten die Teile nicht zusammen.

In der Philosophie ist die Lage nicht besser. Jeweils für sich gedeihen »Sprachphilosophien« auf unverbundenen Parzellen. Zwar hat man sich im 20. Jahrhundert mit Energie auf das Thema Sprache geworfen – Stichworte sind Hermeneutik, Strukturalismus, linguistic turn. Inzwischen aber steckt gerade im Lager der sogenannten sprachanalytischen Philosophie eine verästelte, teils auch nur noch auf interdisziplinäre Zuarbeiten ausgelegte Forschung in der Terminologie der Lebens- und Kognitionswissenschaften fest. Der Rest gilt als »nur« Kulturwissenschaft, oder jedenfalls haben sich verbleibende Diskussionen (über die Geschichtlichkeit des Verstehens, über »Medien«, »Zeichen« und »Spur«, »Metapher«, »Übersetzung« und »Rhetorik«) auf literatur- und medienwissenschaftliches Terrain verlagert. Hinzu kommen Digitaltechnik und Digital Humanities, mit denen womöglich eine neue Ära der – in Sprachtechnologien verbauten und daher womöglich hoch wirksamen – Trennung von Form und Inhalt beginnt. Auch die Philosophie bringt somit keinerlei Einheit in die zersplitterten Wissensproduktionen heutigen Typs hinein. Im besten Fall bleibt sie fachpolitisch sorglose Querläuferin, verlegt sich also darauf, zwischen Kleingärten oder zwischen Kontinenten gleichsam »Nordwest-Passagen« (Serres 1980) zu erproben, Reiserouten also, die als Verbindungswege dienen.

2.

Thema dieses Buches ist die situationsgebundene Praxis, die »Pragmatik« des Sprachgebrauchs – wobei durch die Sprachphilosophie, durch Wissenschaft überhaupt vernachlässigte Schwellenwerte und Grenzmomente das Ganze beleuchten. An den Grenzen des Sprachlichen zeigt sich das Sosein dessen (neu), was wir »Sprache« zu nennen pflegen. Extreme kommen ins Spiel, was die Theoriebildung verändert: Grundbegriffe müssen neu betrachtet werden, und zwar vom (ebenfalls: sogenannten) »Körper« oder auch von der »Handlung« her.

Versammelt werden in diesem Buch, immer noch allgemein gesprochen: Überlegungen zu erstens Sprache in der Situation ihrer Aktualisierung. Somit geht es um betätigte Sprache, um die gesprochene, gelebte und praktizierte Rede, wie wir sie aus der Sprech- und Hörerfahrung alle kennen. Und zweitens wird nachgedacht über das Verhältnis des Sprachhandelns zu jenem Körper, »in« welchem wir nicht nur leben, sondern der wir genauer genommen ja auch sind, und durch welchen wir Sprache als Sprache erleben wie auch all jenes vollziehen, was zum »Sprechakt« gehört, ob wir nun geordnet reden, ob wir brüllen, lesen, schweigen oder was immer.

Damit sind wir bei Grundsätzlichem. Wie stehen Körper und Sprache, Stoff und Wort, und zwar nicht als bereits präparierte Laborgrößen, sondern gewissermaßen als Ganzes, sofern sie unser Weltverhältnis tragen, zueinander? Eben um diese Frage soll es gehen – wobei weder »Körper« noch »Sprache« als Fixgrößen vorausgesetzt werden können. Zielstellung dieses Buches ist es vielmehr, den Dualismus von Sprache und Körper (wie auch das eigenartige grundbegriffliche Dreieck von Sprache, Köper und Handlung) zu untergraben und zu hinterfragen.

Der – ein wenig paradoxe – Titelbegriff einer »Körperkraft« von Sprache zeigt, was das angeht, eine Richtung an. Zum Einstieg will ich die Rede von der »Körperkraft« nicht länglich erläutern. Sie hat heuristische, also: leitfadenartige Funktion und soll vor allem durch Beobachtungen, durch dichte Beschreibungen hindurchführen und diese verbinden. Dennoch kommt dem Gedanken einer im Wortsinn physischen Kraft von Sprache mehr als eine lediglich metaphorische Bedeutung zu. Die nachfolgenden Kapitel erläutern dies schrittweise, auf diagnostischem Wege näher. Wer sich für die Thesen interessiert, auf die das Buch zuläuft, sollte dennoch nicht hinten beginnen, denn auch der Weg ist ein Ziel.

3.

Freilich bezieht das Buch eine Position, man könnte sie behelfsmäßig post-sprechakttheoretisch nennen. Und es sucht Anschlussstellen zu aktuellen Debatten. Gerade auch Grundbegriffe betreffend versteht es sich als – im Medium einer Suchbewegung – streitbar. Von daher werden bestimmte Paradigmen nicht bedient und vielleicht Erwartbares wird auch nicht zentral sein. Hierzu schicke ich nur wenige, abgrenzende (aber auch einordnende) Sätze vorweg.

Ein erstes Stichwort lautet »Diskurs«. Eben weil es mir hier um sprachliche Vollzüge geht, um die prekäre Aktualität von Sprachlichkeit also, ist dies kein Buch über Diskurse. In seinen beiden bekannten, nicht verbindbaren Bedeutungen eines sprachvermittelten, implizit bereits rationalen Verständigungsprozesses (Kant, Habermas)1 oder aber einer Ordnung beziehungsweise »Formation« dessen, was in einer Zeit überhaupt nur wirklich sagbar ist (Foucault)2, ist der Diskursbegriff zu einer Art Ganzjahresticket für die Schnellverständigung in Sachen Sprachphilosophie geworden: Jeweils passend zur Fachmethodik versteht man zwar gänzlich Verschiedenes darunter. Ein gemeinsames Minimalverständnis lautet aber, dass »Diskurse« etwas Explizites sind und somit – im Unterschied zu stummen Handlungen oder aber Institutionen – im weiteren Sinne (um nicht zu sagen: irgendwie) »positiv« sprachlicher Natur. Diskurse seien zugleich nicht alles, so diese Faustformel weiter. Denn es gebe »Nicht-Diskursives« – freilich handele es sich um ein Problem, da man ja im Medium des Diskursiven über Nichtdiskursives nicht sprechen kann.

Die Diskursethik lehnt sich in dieser Lage an Rechtstheorie und Sozialphilosophie an, während eine Diskursgeschichte im Fahrwasser Foucaults sich nicht selten (unter Verzicht auf Methodenstrenge) zur »Genealogie« erweitern möchte oder ergänzend – sich ein weiteres Stichwort Foucaults aneignend – »Dispositive« untersucht. Gemeint ist dann, dass man das materielle Sosein, die Körper und die Institutionen (also etwa Normen) nicht außen vorlassen möchte. Ob ein solcher Dualismus zwischen Diskurs und Institutionen (oder Normen) nötig ist, sei dahingestellt3 – der Diskursbegriff ist jedenfalls weder bei Habermas (den Idealtypisches interessiert) noch bei Foucault (der als Historiker rückblickend arbeitet) auf eine wirklichkeitswissenschaftlich-umfassende Gegenwartswahrnehmung zugeschnitten, weswegen die Intuition sicher richtig ist: Von »Diskurs« zu sprechen, setzt die Wahl eines szientifisch definierten Ausschnittes – und einen quasi-linguistischen Fokus – voraus. Für phänomenologisch offene Untersuchungen und insbesondere für die Frage nach Praktiken und Aktuellem (sowie für unser Thema »Körper«) eignet sich der Diskursbegriff als Grundbegriff nicht. Fragen nach der Vollzugs-Seite von Sprache, Rede und Sprechakt haben jenseits (beziehungsweise mit Foucault: diesseits) »des« Diskurses ihren Sitz.

»Performanz« ist ein zweiter, nicht nur aktueller, sondern auch außergewöhnlich plastischer Terminus. In den Wirtschaftswissenschaften und im Sport meint er schlicht »Leistung«, und in der Kunst Werke, bei denen alles auf die Prozessform ankommt und die sich im Vollzug erschöpfen. Schon vor Langem hat allerdings John Austin den Ausdruck »performativer Akt« in die Sprachphilosophie und Sprachwissenschaft eingeführt – als Bezeichnung für solche sprachlichen Äußerungen, die im Aussprechen eines Satzes auch bereits, und zwar quasi automatisch wirksam, etwas tun. Austins Beispiele sind Sätze wie »Ich taufe dieses Schiff auf den Namen …« oder das Versprechen eines Vermächtnisses. Der Name »performativer Satz« solle »andeuten, dass jemand, der eine solche Äußerung tut, eine Handlung vollzieht«, dass die fragliche Äußerung also bereits im normalen Leben »nicht einfach als bloßes Sagen« gilt (vgl. Austin 1962, 21975, S. 30).

In der kulturwissenschaftlichen Theoriebildung der 2000er Jahre hat der Gedanke einer »Performanz«, also einer unmittelbar wirksamen Handlungsseite des Sprechens, enorme Wirkung entfaltet – und dies weit (vgl. Rolf 2009) über die von Austin vorgenommenen Typisierungsvorschläge (»lokutionär«, »illokutionär«, »perlokutionär«) hinaus. Dass sich »performativ« auch Geschlechterrollen (Butler 1990) oder der Überschreitung verpflichtete Kunstwerke (vgl. Fischer-Lichte 2004, S. 356f.) verwirklichen, dass über eine generelle Dimension der »Performativität« von Schriftzeichen, von Symbolisierungen überhaupt (Derrida 1972, S. 304ff.) bzw. ein »Performanz-Modell« (Krämer 2001, S. 13) von Sprache nachzudenken wäre, dass in einer Art Analogie zu den Austin’schen Sprechakten es sogar »Bildakte«, nämlich Performanz als vom Artefakt Bild ausgehende Wirksamkeiten geben könnte (vgl. Bredekamp 2010) oder dass die Kulturwelt sich überhaupt mittels »performativer Formen« ordnet (Rustemeyer 2017) – das sind Ideen, die sich angelagert haben an das Urbild des in manchen Fällen in besonderer Weise wirksamen Sprechens.4

Eben diese Generalisierung des performativen Effekts – als sei jegliche Art von »realer« Effektivität, die symbolische Vollzüge haben, gleichsam Resultat eines Machtworts – hat Austins Beobachtungen freilich auch verwässert: Performanz erscheint gleichgesetzt mit (wirksamer) »Geltung« überhaupt, und dass symbolische Vollzüge wirksam sind, scheint wiederum reduzierbar zu sein auf die Reibungslosigkeit eines verbindlichen Rituals. Insofern haftet Performanztheorien – womöglich durchaus gegen ihre eigenen Absichten – im Kern etwas Juridisches an: Sie konstruieren Realitätseffekte als (vom Sprachsystem her gesehen) codierte Effekte, nach dem Muster des Befehls oder als Folge einer Norm wenn nicht gar einer Rechtspflicht. Gerade in Sachen Körper bleiben sie daher eigenartig blass.

Tatsächlich liefern Austins Typisierungsvorschläge für »Sprechakte« weder eine Konzeption sprachlicher Praxis noch eine Theorie des Zusammenhangs von Sprachpraxis und einer im Medium von Handeln und Erfahrung sich konstituierenden sozialen Welt. Insofern bleibt die Intuition, dass es da einen Aktcharakter von Gesagtem gibt, bedeutsam.

Aber auch mit dem »Akt« oder der »Praxis« oder der an die französische Soziologietradition appellierende »Praktik« (pratique) hat man jeweils – um das Nachdenken über Sprache zu gründen – nicht wirklich etwas Griffiges in der Hand. Denn wenn alles Handeln ist, dann ist auch Sprachgebrauch Handlung. Wollte man aber die stumme Rückseite der Sprache von dieser mittels des Begriffes »Praxis« absetzen oder das »Praktische« als eine Art von dezidiert »stummer« Körperbeteiligung deuten5, dann lässt sich daraus eigentlich gar kein Handlungsbegriff mehr gewinnen. Was bliebe, wäre wohl, das Ineinander von bloßem empirischem »Verhalten« und einer dazu wiederum ins Verhältnis zu setzenden Physiologie aufs Neue (populäre Dichotomien beiseite schiebend), dort, wo zugleich »Freiheit« eine Rolle spielt, zu betrachten. Zu einem Sprachhandeln im engeren Sinne findet aber auch wer »Praxis« und Sprache nur trennt, um der Sprache in der Praxis eine Grundlage zu geben, niemals wieder zurück.

4.

Die nachfolgenden neun Kapitel sowie das Theoriefragen gewidmete Nachwort gehen somit – quasi aus gegebenen Anlässen – jeweils nochmals auf die Suche nach einem geeigneten Vokabular, um die Aktualität wie auch die Kommunikabilität sowie insbesondere die wirksame Physis eines Sagens und Gesagten zu treffen. Jedes Kapitel reagiert auf eigene Weise auf seinen Gegenstandsbereich und die damit verbundenen Problemstellungen. Meine Überlegungen sind auf Zuspitzung aus, bleiben aber explorativ, wählen also, auch da wo Thesen formuliert sind, eine Beschreibungssprache: (Groß-)Begriffe stehen nicht am Anfang. Wo sie Verwendung finden, »erklären« sie auch nichts, sondern bleiben mit Theoriezusammenhängen, denen sie entnommen sind, zunächst verbunden. Foucault, Merleau-Ponty, Luhmann erweisen ihre (modifizierte) Brauchbarkeit auf diese Weise unter Vorbehalt und Schritt für Schritt. Zugleich soll so etwas wie ein ethnographischer Spielraum eröffnet werden und auch genutzt.

Theoriedebatten weiche ich damit nicht aus. Das Buch läuft auf sie zu. Sie werden aber erst im Nachwort, »Zu Theoriefragen«, geführt.

Gesang, Gebrüll, Sprechakt?

Über Skandieren

Worum es (nicht) geht – »Skandieren«: Was ist das? – Ein Modell mit vier Achsen – Versuch einer Typologie – Und was nun also: Gesang? Gebrüll? Sprechakt? – Die skandierende Masse – Gefühle: Kleines Fazit

1.

Weder soll hier vom Singen, Brüllen und Sprechen je für sich die Rede sein, denn was den üblichen Stimmgebrauch angeht (etwa: melodisch, lärmend, moderat) oder auch die dazugehörige Situationstypik (etwa: Konzert, Wutausbruch, Dialog) sind wir gemeinhin im Bilde. Noch thematisiere ich eventuelle Gefühle – etwa »Hass« – als Affekt für sich, so als handele es sich um ein gesondertes Faktum, das »hinter« dem Singen, Brüllen und Sprechen steckt: eine Art Entladung, die ausgelöst wird, als öffnete sich in uns eine Schublade, wodurch sich dann durch den Gebrauch der Stimme zugleich auch emotionale innere Zustände »ausdrücken« würden.

Vielmehr möchte ich abseits von solchen aufs Individuum verengten und gemeinhin als vorsprachlich modellierten Größen wie Affekt, Gefühl oder Emotion das Skandieren betrachten – und zwar als eine von Sprache getragene, aber auch körperliche Vollzugsform, die Affektives freisetzt, die also als ein Stück Doing oder vielleicht auch als eine politische Technik6 gemeinschaftlicher Erregung – etwa zu deren Intensivierung7 – funktioniert. Meine Vermutung in diesem Zusammenhang lautet: Politische Aufgebrachtheit, einschließlich womöglich der Schwellenwerte zu erlebtem und ausgelebtem Hass, sind Formen einer vielleicht extremen, aber doch gelingenden und auch stilisierten, also lesbaren und lernbaren Körperkommunikation. Aus diesem Blickwinkel betrachte ich des Näheren das Keimen von Hass. Beim Skandieren erscheint dieser nicht wie ein affektives Aufwallen aus einem Inneren heraus, sondern eher als gemeinschaftliche Schöpfung, als ins Werk gesetztes und von seinen Effekten her erlebtes, sich fortschreibendes Tun.

Hass keimt als Tat, das wäre die weiterreichende These. Und genauer: Er besteht aus dem Stoff des Sprachhandelns selbst: Das Skandieren, eine seiner prominenten Vollzugsformen kann ihn tatsächlich als ein Kommunikationsprodukt entlarven, weswegen Hass nicht nur sprachgebunden, sondern sprachartig wäre. Dies wiederum wäre nicht primär der Fall, weil es im Skandieren um irgendwelche Semantiken – um hassvolle Botschaften – ginge. Sondern entscheidend wäre sein, die Evidenz des (gemeinsamen) Hassens hervorbringendes und steigerndes, Darstellungsvermögen: seine physische Ko-Performanz, die, sofern diese sich nur überhaupt formen, den Auftritt der »Worte« begleitet. Oder überwältigt und ersetzt.

Ich lege hierzu keine Theorie vor, sondern erprobe, vom kaum untersuchten Phänomen des gemeinschaftlichen Skandierens ausgehend, eine Heuristik. Die Titelwörter Gesang, Gebrüll, Sprechakt kreisen das vergleichsweise spezielle Phänomen ein, um das es gehen soll, nämlich das kollektive (und auch nur kollektiv mögliche) rhythmisierte Herausschleudern von Worten, Sätzen, Satzfragmenten – wahrnehmbar im Grenzfall vielleicht nur noch als Geheul.

Für das Spektrum des Gemeinten werden gleich Beispiele folgen. Jedenfalls scheint mir das Skandieren eine lehrreiche, eine für das begrenzte Fassungsvermögen der Sprachphilosophie exemplarische Praktik zu sein. Wir erleben hier eine Art Amalgamierungszone, in der wir unsere kultivierten Sprachgesten von den Körperkräften her erleben und (lustvoll) erfassen, überwältigen und ummodeln lassen. Beileibe muss dabei nicht zwingend allein Hass herauskommen. Dennoch bieten sich Hassphänomene als Beobachtungsgegenstand für die umrissenen Grundsatzfragen und die Blickumkehr, um die es mir zu tun ist, an. Meine Vorbemerkung endet mit folgenden Thesen:

Das Skandieren ist erstens sowohl für eine Heuristik des Tat- und Performanzcharakters der Hassentstehung und ins Werk gesetzten Hasses interessant als auch unter dem Gesichtspunkt eines handfesten Kommunikations- oder Sprachcharakters des Hassvollzugs. Die sogenannten »Affekte« erwiesen sich hier zweitens als Teilaspekte eines umfassenderen kollektiven Arrangements, das vor allem Effekte produziert. Das heißt drittens für den Hass: Er kann durch Skandieren geweckt, geformt und handlungsartig gelenkt werden. Hass wäre also gewissermaßen der Elaboration fähig, und zwar in physisch-exekutiver Form, vielleicht sogar als Hass-Arbeit zu denken (dabei aber nicht als individuelles Erzeugnis oder gar als »Ausdruck« eines vorweg gewissermaßen angestaut wartenden Gefühls). Und viertens lernen wir über die Sprache, dass sie tatsächlich über so etwas wie Körperkraft verfügt, Körper bewegt oder auch Körper-Kontaktkräfte mobilisiert.

2.

Das Wort »Skandieren« bedarf zunächst einer Klärung. Es passt seiner Geschichte nach nicht zur vollen Breite des Phänomens, um das es hier geht. Denn Skandieren meint ursprünglich das Applizieren eines Versmaßes beim Sprechen – etwa die rhythmisierende Betonung der langen Silben mit Hebung der Stimme bei den kurzen. Die auf uns gekommene gehobene Literatur in den alten europäischen Sprachen hat dieser gesanglich anmutenden, konventionalisierten Seite des rhetorischen Vortrags große Aufmerksamkeit gewidmet. So kennen wir das metrum (also einen geregelten Rhythmus für die Skansion) als kunstvoll variierte Gestaltungsdimension von Gedichten. Aber auch Dramen und ebenso epische Werke leben von Rhythmisierungen, die dem Urbild eines entsprechend »gemessenen« Vortrags folgen. Ähnliches gilt für die freie mündliche Performance – in politischen Arenen oder vor Gericht. So hält Cicero fest, es gebe eine aurium mensura: »Denn was immer unter ein mit den Ohren wahrnehmbares Maß fällt, auch wenn es sich vom Vers fernhält […] wird ›Numerus‹ genannt, welches man auf Griechisch ›Rhythmus‹ heißt.«8

Die Nähe von (in diesem rhetorischen Sinne des Wortes) »skandierten« Sätzen zu Gesang und Musik oder sogar dem Tanz bezeugt nicht nur der historische Kontext – in der Antike dürfte klangliche Untermalung rhythmisierter Rede ein oft geübter Normalfall gewesen sein, in der Komödie kann die Metrik auf Spottlieder oder vulgäre Tänze anspielen, und mittelalterliche Chormusik kommt umgekehrt gewissermaßen von Kontinuum her: Sie lässt Wortsilben erst heraustauchen aus einem auf Akkordharmonien angelegten, kaum rhythmisierten Klang. Dichterprosa wurde im Mittelalter wiederum rhythmisierend gesungen – mangels Fachkenntnis belasse ich es diesbezüglich bei den Stichworten Vers-Epik und Minne.

Abseits der genannten festen Muster kann skandierendes Betonen auch unser gegenwärtiges Musik-Empfinden treffen. Namentlich Rockmusik lebt ja von Schlagzeug, von beats per minute, sowie – von Bob Dylan, Grace Slick, Patti Smith, Jonny Rotten bis zu Reggae und Rap – von mehr oder weniger rhythmisch operierendem Sprechgesang. Zwar huldigen Rock’n Roll, Beat, Punk einer Entfesselung und Verfremdung der Alltagssprache, und dabei gerade nicht überlieferten strengen Formen. Dennoch ist der Weg von der Popmusik zum Skandieren klassischer Versmaße kürzer als man denkt. So finden wir heute Lehrvideos für Schüler im Netz, in welchen etwa ein freundliche Lateinexperte aus Heidelberg vorschlägt, Versfüße wie den Hendekasyllabus (Elfsilbler) mittels Karaoke über Gitarrenriffs der Rockgruppe Queen oder die Perkussion des Rappers Ice-T zu sprechen, um die richtige Betonung auf diese Weise zu lernen (Herlinger 2018).

Für unser Thema interessant ist aber nicht dergleichen kreative Altsprachendidaktik – und auch nicht die allgemeine Nähe von Phonetik und Musik. Ich möchte die musikalische Einbindung oder Anbindung rhythmisierten Sprechens vielmehr ein Stück bei Seite schieben, denn mein Thema sind spontane Intonationsformen und Sprechchöre ohne klangliche Instrumentierung und in der Nähe des Gebrülls. Bis zu einem gewissen Grad haben wir sogar das Gegenteil musikartigen Sprechgesangs vor uns: einen Willen zum Lärm. Eine sich aus Ausrufen formende, an Schrei, Geheul, Gejohle angelehnte, vielleicht Verse enthaltende, aber jedenfalls von melodischen Anteilen losgebundene, dazu in Teilen improvisierte und primär sprechsprachliche Praxis des Skandierens-im-weiteren-Sinne.

Wir kennen dergleichen aus dem Fußballstadion beziehungsweise mehr noch von marschierenden Fan-Gruppen auf dem Weg dorthin. Man findet es überhaupt beim Sport sowie in anderen entfesselten Publikumsszenen – etwa bei anhaltendem Applaus, wenn »Zugabe« gefordert wird, oder wenn eine Masse einen Redner niederzubrüllen versucht. Skandierende Gruppen lassen sich am Rande von Paraden erleben oder aber bei Demonstrationen, und zwar solchen »für« etwas, vor allem aber bei solchen, die sich »gegen« etwas oder auch gegen jemanden richten. Im zuletzt genannten Fall werden womöglich Namen skandiert, Verfluchungen, Todeswünsche wenn nicht gar Aufforderungen zur Tat: »An die Laterne!« – »Hängt ihn auf!«

Ohne eine Menge, die sich dergestalt durch den Rausch gebrüllter Worte in Rage versetzt, sind Lynchmorde vermutlich nicht möglich. So liegt es auf der Hand, dass wir mit den geschilderten Formen entfesselten und entfesselnden Skandierens einen Herd der Manifestation und Vergemeinschaftung beschleunigter – man sagt ja »rasender« – Gefühle vor uns haben, und vielleicht auch einen der Schaffung und Intensivierung von Hass.

3.

Nähern wir uns der Komplexität des Phänomens. Skandieren hat unverzichtbar eine Sprach-Seite: Es werden Worte gerufen, Botschaften ausgesandt, und diese geben dem Akt des Skandierens auch seine Ausrichtung, seine Adresse, seinen Sinn. Hinzu kommt eine bestimmte Performanz: Der Rhythmus zählt, ein Gleichtakt der Atmung, der zerstoßenen Luftsäulen, der Kehlen. Ein weiteres ist die Lautstärke: Der akustische Normalpegel wird überschritten, alles andere wird übertönt, es geht also um den Sieg eines alternativlosen Lärms, der Gegengeräusche zunichtemacht: Je lauter, desto besser – und nicht nachlassen, das ist die sofort verständliche Maxime. Daneben hat das Skandieren einen Bewegungs-Aspekt: Klatschen, Hüpfen, Winken, Marschieren, Fäuste schütteln können es begleiten und dies geschieht auch oft. Die rhythmisierten Worte und der gemeinsame Lärm ergreifen auch von der Vielheit der Körper in ein und derselben Welle Besitz. Schließlich kann es sogar etwas zu sehen geben. So hat sich in Fußball-Arenen in Gestalt der sogenannten »Laola-Welle«, einer durch TV-Kameras an die Stadionleinwand projizierten Mitmach-Performance mit Spiegeleffekt für die Akteure, das Skandieren eine Art visuelles Pendant geschaffen. Laola-Wellen sind freilich, da es für sie auf zeitlich passendes Aufstehen, Armheben und Wiederhinsetzen ankommt, auf Stimmen oder gar Worte hingegen gar nicht, von dem klar unterschieden, worum es hier geht.

Es stellt sich die Frage, ob sich das vielfältige Reich des so umrissenen Skandierens unter einem heuristischen Blickwinkel ordnen lässt. Hierfür schlage ich eine Art Bezugssystem mit vier Achsen vor (siehe Abb. 1).

Zum einen lässt sich das Skandieren lokalisieren auf einem Kontinuum der Nähe zum (oder aber Ferne vom) ganz normalen Sprechen. Abgetragen werden können dann das graduelle, mehr oder weniger weitgehende Übergehen in wortloses, unartikuliertes Brüllen: Desartikulation, hohe Lautstärke (maximales Extrem). In die umgekehrte Richtung wäre ein artikuliertes Rufen zu verzeichnen, das beinahe noch dem Sprechen zuzuschlagen werden kann (minimales Extrem).

Vergleichbar einzeichnen ließe sich die erhöhte Frequenz der wiederholten Rufe und auch der die Körper erfassende Rhythmus sowie der Aspekt der Lautstärke – oder besser: der allein und gemeinsam erzielten akustischen Reichweite, eines Volumens.9 Und eng daneben, wenngleich eine eigenständige Dimension, läge die Frequenz, also die Geschwindigkeit der Wiederholung gerufener Ausdrücke, durch die sich im Zweifel auch eine Art Taktung oder jedenfalls »Takt« im Skandieren ergeben kann.

Als Viertes ließe sich eine Achse denken, die das wachsende Engagement der Körper betrifft: Von der bloß minimalen Beteiligung kleiner Gesten (wie sie auch das Sprechen unwillkürlich begleiten) über vielleicht rhythmischem Wippen oder Klatschen bis zur getaktet nach vorn schnellenden Faust, welcher der ganze Körper zu folgen scheint, wie wenn Schläge ausgeführt würden. Man mag, was diese Achse angeht, an Elias Canetti denken, der die Besonderheiten der »rhythmischen Masse« beschrieben hat, bei der »alles … an Bewegung« hänge und Körperreize »im Tanz wiedergegeben werden«.10 Allerdings läuft Canettis Charakterisierung der Masse als ein unterschwellig auf physische oder intentionale Ziele ausgerichtetes Ganzes meinen Überlegungen zuwider. Ich halte gerade nicht das Streben nach bestimmten Zuständen für das gemeinschaftsstiftende Moment, sondern die Performanz des Skandierens selbst, verstanden als nicht nur sprachgebundene, sondern im vollen Wortsinn sprachliche Geste.

Abb. 1: Dimensionen des Skandierens

Ergänzend sollte das versuchsweise gezeichnete Diagramm eine Trennlinie zum Musikalischen enthalten. Denn auch wenn Definitionsversuche stets auf weiche Übergänge stoßen werden, so gibt es doch einen Abstand zwischen dem sprechsprachlichen Skandieren und dem artikulierten Gesang oder gar lautmalerischen Chören, für die allein Klang und Melodik zählen. Ebenso lassen sich Rhythmen, die der musikalischen Untermalung dienen, von einem Klopfen, Trampeln oder Trommeln unterscheiden, das sich allein nach dem Zweck richtet, die Wirkung des Skandierens zu steigern. Ich schiebe daher das große Feld namens Musik auf die Rückseite des zu heuristischen Zwecken entworfenen Koordinatensystems. Allerdings bleibt die Sache verzwickt, denn Musik kann auf Seiten eines Mehr oder Weniger an sprachlicher Artikulation erscheinen, als Gesang (vom gesungenen Text zu bloßen Lautmalerei). Musik kann aber ebenfalls auf Seiten der zunehmenden Körperbewegung verortet werden. Dies ist der Fall des Tanzes (vom bloßen Mitwippen oder Mitschwingen bis zu Extremen sich rückhaltlos schüttelnd einem Rhythmus hingebender Körper). Das Musikalische kommt also mindestens zweimal vor (siehe Abb. 2), es kann sich entlang der x-Achse wie auch der y-Achse zweimal steigern.

Das bloße Geräusch wiederum ist der noch allgemeinere, was Positivmerkmale angeht vermutlich sehr komplizierte Fall. Für unsere Zwecke kann aber einfach festgehalten werden: Als Fall dessen, was weder Musik noch Sprache ist, deckt das bloße Geräusch den Rest des Spektrums ab.

Abb. 2: Um Musik und Geräusch erweitertes Diagramm

4.

Wie lässt sich diese Matrix nun verwenden? Mindestens lassen sich Typologien erproben, um unterscheidbare Formen des Skandierens herauszustellen – und eben dessen keineswegs selbsterklärende Vielfalt, womöglich auch mit Blick auf eben jenes spezifische Überhöhungsvermögen, mittels dessen sich das Skandieren jeweils von der normalen, nicht skandierten verbalen Rede absetzt, diese über sich hinaus und in Grenzzonen hineintreibt. Zu vermuten ist: Wir haben nicht eine Art von Akt, sondern ein heterogenes Feld vor uns: Feine Unterschiede lassen das Skandieren durchaus Verschiedenes leisten, erweisen es als plastische Praxis und lassen auch vermuten, dass die Art variiert, in der es jeweils Affekttypik zu intensivieren vermag.

Nehmen wir den Fall des Skandierens der ausgesprochen artikulierten – auch gereimten – Zeilen: »Bürger lasst das Glotzen sein, kommt herunter, reiht euch ein!« Die typischerweise damit zu assoziierende Form der Demonstration ist bekannt. Es handelt sich um den provokativen, aber doch kommunikationsorientierten, vielleicht aufrüttelnden, aber nicht primär der Selbststimulation dienenden Auftritt. Zwar markiert die Ansprache der »Bürger«, die nicht »Glotzen« sollen, eine Distinktionslinie: Wer mitbrüllt, schlägt sich dem antibürgerlichen Lager zu. Dennoch handelt es sich nicht um einen wirklich aggressiven Auftritt. Die Einladungsgeste (»Kommt herunter!«) bricht dem konfrontativen Schema (wir hier unten auf der Straße gegen die »Bürger« dort oben in den Fenstern) die Spitze ab. Rhythmisch rufen lässt sich der Satz gut, dies stark zu beschleunigen wird allerdings schwer fallen. Er droht dann unverständlich zu werden, und die Wiederholungsfrequenz wird durch die schiere Länge des Satzes gebremst.

Das gereimte »Kein Mensch ist illegal – Bleiberecht überall!« wird auf ähnliche Weise skandiert. Oder, um ein vergleichbares Beispiel vom rechten Rand zu nennen: »Lasst euch nicht betrügen – durch die Gender-Lügen!« Der zweiteilige Satz lässt sich ebenfalls dem skizzierten, sagen wir: argumentativ-elaborierten Skandieren zuordnen. Die Aussage und auch die pointierte Wortwahl zählen. Erst recht gilt das für die auf die »Gender-Lügen« antwortende gewitzte Parole: »Eure Kinder werden so wie wir – eure Kinder werden alle queer!«11

Deutlich anders funktionieren skandierte Botschaften wie »Wir sind ein Volk!« oder »Wir sind das Volk!«, ersteres bekanntlich die auf eine gemeinsame Verfassung abzielende Forderung der DDR-Reformbewegung, zweiteres ein populistischer Kampfruf gegen Regierungen überhaupt. Die Phrasen sind nicht nur deutlich kürzer, sondern belassen es auch beim bloßen expressiven Statement. Formeln dieser Art – weitere Beispiele wären »Kindermörder Israel!« oder gar »Merkel muss weg!« – können Selbstbehauptungen, Forderungen, Gesten der Anklage (Israel) wenn nicht echte Drohungen (Merkel) sein. So oder so kann man die Geschwindigkeit beim Skandieren steigern und die Kurzbotschaften lassen sich potentiell lang und dabei potentiell hochfrequent herausschreien.

Als dritten Typ sehe ich den noch einmal kürzeren Kompakt-Schlachtruf an, der aus einem Wort oder jedenfalls einem einzigen Ausdruck besteht, der sich ganz als kollektives Rhythmusinstrument verwenden lässt und wie eine Welle von Wurfgeschossen eine Art Lärmwand erzeugt. Das Skandieren des Schimpfwortes »Lügenpresse!«, kreiert in der zu DDR-Zeiten von Westfernsehen abgeschnittenen Ostmetropole Dresden,12 ist von diesem Typ. Schnell skandiert hilft das Wort Demonstrationszügen, eine Art akustische Panzerwand gegen umstehende Live-Berichterstatter zu erzeugen. Eine Masse, die »Lügenpresse, Lügenpresse!« skandiert, beeindruckt auch als TV-Bild: Zuschauer vor dem heimischen Bildschirm kommen nicht umhin, die audiovisuelle Botschaft auf sich und ihren eigenen Medienkonsum zu beziehen. Mit anderen Worten: Man fühlt sich getroffen und mitgemeint. Einen klaren Angriffs- und Panzer-Effekt hat auch das aggressive »Haut ab! Haut ab!«, mittels dessen untergehakte Demonstrantenketten seit den 1970er Jahren gegen Polizeispaliere oder Polizeisperren vorzugehen pflegen. Das Akronym »A. C. A. B.« (all cops are bastards – unter der Abkürzung verkümmert die Semantik nahezu ganz) oder auch die gebrüllte Forderung »Abschalten! Abschalten!«, die Atomkraftgegner über Jahrzehnte hinweg immer wieder skandierten, wird man in gleicher Weise als Kompakt-Schlachtruf verbuchen können. Auf flexiblen Rhythmus und maximal steigerbare Sprechgeschwindigkeit angelegt, bietet sich dieser Typ des Skandierens übrigens für gesangliche Experimente an. So wurde bei einem Landshuter Open Air Anti-AKW-Protestkonzert 2011 der Slogan »Abschalten! Abschalten!« durch einen Musiker der Gruppe Haindling spontan mittels Piano-Untermalung in ein Lied verwandelt (vgl. KraftZeitung 2011). Der mobilisierende Taktungseffekt des kompakten Skandierens baut also Brücken zum Musikalischen hin – sei es Protestpop, sei es Marschmusik.

Nicht protestierendes, sondern zustimmendes oder gar begeistertes Skandieren gibt es in der argumentativen, der appellativen aber auch in der kompakten Form. Als Beispiel für ersteres mag der Klassiker »Hoch die Internationale Solidarität!« dienen, der allerdings durch starke Rhythmisierbarkeit auffällt und auch kompakt genug ist, um zu ihm im Gleichschritt zu marschieren; ein Beispiel für das Zweite wären Anfeuerungsrufe (»XY vor, noch ein Tor!«) und für das Dritte mag man euphorisches Theater- oder Kinopublikum und an Applausrufe (»Zugabe!«) denken.

Ein wenig spielerisch lassen sich die Ergebnisse des Typisierungsversuchs mittels des Diagramms auch visualisieren (siehe Abb. 3), wobei zur x-Achse (Rhythmisierung) und zur gesteigerten Frequenz sich die Steigerung der Lautstärke – Engagement, Aggression – gut hinzudenken lässt.

Abb. 3: Unterscheidbare Formen oder Typen des Skandierens

Folgt man der y-Achse, die für den Artikulationsgrad steht, nach oben, so wären dort Formen des Skandierens einzutragen, die das Gesagte wenig oder nurmehr »lautlich« artikulieren. Im politischen Raum, wo die Botschaft zählt, ist diese Art des Skandierens eher selten. Ein Beispiel, das ich fand, die Zeile »Nie – nie – nie wieder Groko!«, skandiert von etwa 50 Jungsozialistinnen und Jungsozialisten vor einem Hotel, in dem der Kanzlerkandidat Martin Schulz während des Wahlkampfs übernachtet hatte: In einem Werbevideo für die Kampagne des Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert lassen sich die Skandierenden im Januar 2018 filmisch zitieren. Man habe »Gefühle sehr gut dargestellt«, welche die SPD-Nachwuchsorganisation bewegten, kommentiert ein Aktiver nachträglich zufrieden (vgl. Spiegel TV 2018). Ob das auf die Demonstration als solche oder aber auf die Vokalklänge des Spruchs abhebt, wird in dem Video leider nicht klar.

Eine große Domäne des Lautmalerischen – bei entsprechend vager Semantik – ist das Skandieren im Sport. Hier finden sich die Zweitonmelodie »olé-olé-oléoléolé« zugunsten einer buchstabenorientierten Betonung abwandelnde, aber klanglastige Hymnen wie etwa (in Umschrift wiedergegeben): »Oh – (e)R–W(e)–E(h)-(eh)!«, »(e)S – V(au) –D(e)-(eh)!«, »Bay-ern!«, »Shala-la, shala-la, shala-la – Hol-stein«13. Oder aber »Auswärtssieg! Auswärtssieg!«, gemäß der oben vorgeschlagenen Terminologie ein Kompakt-Ruf (außerdem ein klassischer Dactylus). Die rund um Fußballstadien praktizierte Art des Skandierens, die in der Forschung pauschal dem Feld des »Fangesanges« zugeschlagen wird14, scheint in der Tat lithurgischem Sprechgesang, Spontanchören in Festzelten oder dem gemeinschaftlichen Jodeln deutlich näher zu sein als die intonierten Parolen politischer Demonstrationen. Gleichwohl werden im Sport nicht nur Lieder gesungen, sondern es wird skandiert, und dann stoßen wir auf Ähnlichkeiten zur Demonstration, etwa was das Spiel der Adressierungen angeht: Das Skandieren schafft ein Wir-hier im Gegensatz zu einem Ihr-dort. Ebenso sind Droh-Momente sowohl inhaltlich (Forderungen werden artikuliert, Gegner werden benannt) als auch der Form nach (Brüllstimme, Überbieten des Gegenübers) kraftvoll präsent. Eine kurze Taktung weniger Silben (zugunsten von Staccato- der Welleneffekten) oder auch eine inszenierte Beschleunigung des Skandierens kennt der Sport, genauer: kennt die Fankultur bis hin zur regelrechten Kunstform. Unlängst wurden (durch die Mannschaftsmitglieder selbst praktizierte) Adaptionen des neuseeländischen HAKA-Rituals im Rugbysport bekannt und bewundert. Spektakulär ist auch das isländische »Huh!«, ein sein Tempo steigernder, von Klatschen und wirkungsvollen Pausen unterbrochener kurzer Brüllruf. Um einen Wikinger-Brauch handelt es sich nicht, sondern um eine wiederum dem HAKA nachempfundene Neuerfindung (vgl. Dinkelacker 2016). So oder so wurde diese mit der Fußballeuropameisterschaft 2016 schlagartig berühmt.

Im vorgeschlagenen Diagramm finden derlei Archaismen – als Fälle extremer Desartikulation, Laustärke, Frequenzsteigerung und zugleich massiver Rhythmisierung – oben rechts in der Ecke ihren Platz (vgl. Abb. 3).

5.