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Sadopopulistische Demagogen vom Schlage eines Donald Trump oder Wladimir Putin und digitale Oligarchen im Silicon Valley, ukrainische Soldaten an der Front und Schwerverbrecher in einem Hochsicherheitsgefängnis in Connecticut – sie alle treten auf in diesem Buch. So wie Simone Weil, Edith Stein, Vaclav Havel und die Freiheitsglocke, die Timothy Snyder als Kind geläutet hat. «Über Freiheit» handelt vom alltäglichen Rassismus und der Social Media-Überflutung unseres Denkens, von der aggressiven sozialen Ungleichheit und der gigantischen Fehlentwicklung eines vergeudeten halben Jahrhunderts. Snyders Buch ist ein Weckruf, die Zukunft endlich in die Hand zu nehmen und uns gegen die Welle der Unfreiheit zu wehren, die über uns hereingebrochen ist. Timothy Snyder ist «der führende Interpret unserer düsteren Zeiten» genannt worden. Nur wenige Intellektuelle haben wie er mehr als eine halbe Million Follower bei X und schreiben Bücher, die bei Erscheinen in zwei Dutzend Sprachen übersetzt werden. Sein Weltbestseller «Über Tyrannei» hat Millionen Menschen in Washington, Kiew und Hongkong ermutigt, sich für die Freiheit einzusetzen und notfalls auch Widerstand zu leisten. Nun legt der unermüdlich gegen Putin wie gegen Trump kämpfende Historiker ein brillantes Buch vor, das erklärt, was Freiheit bedeutet, wie sie oft missverstanden wird und warum sie unsere einzige Chance ist zu überleben.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Timothy Snyder
ÜBER FREIHEIT
Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn
C.H.BECK
Cover
INHALT
Textbeginn
Titel
INHALT
Widmung
VORWORT
EINLEITUNG: FREIHEIT
JUBILÄEN
FLÜGE
HOLOCAUSTS
GLOCKEN
GLEICHGEWICHT
EXZEPTIONALISMUS
OLIGARCHIE
BLEIBEN
KAPITEL 1: SOUVERÄNITÄT
LEIB
LEBEN
NÄCHSTER
GEHEIMNIS
STADION
TOD
RACE
GLÜCK
GESUNDHEIT
FANGEN
WERFEN
ATMEN
ERKENNEN
ANERKENNEN
SEHEN
SCHWIMMEN
KONTRAKT
KONTAKT
DARLEHEN
ÖFFNEN
KAPITEL 2: UNBERECHENBARKEIT
UNWAHRSCHEINLICHE ZUSTÄNDE
BEKUNDUNGEN UND ANPASSUNGEN
ENTROPIE UND SCHWERKRAFT
UNSERE MASCHINEN
UNSERE KOSMONAUTEN
MENSCHENRECHTE
PLASTIC PEOPLE
NORMALE DISSIDENTEN
EMANZIPATION
GLASSTOCK
DIENER
BIOGRAFIE
MAIDAN
EINGESPERRTSEIN
CELLY
VERLORENE ZEIT
WIEDERGEFUNDENE ZEIT
UNMENSCHLICHE BARRIEREN
ZOMBIES RATIONALISIEREN
BRAINHACKS
EXPERIMENTELLE ISOLATION
EISIGER TUMULT
FÜHRERLOS GEFÜHRT
SELBSTGEBAUTE KÄFIGE
RADIKALE TRADITION
KAPITEL 3: MOBILITÄT
WOLFS WORT
DER BOGEN DES LEBENS
KÖNNEN SIE SICH DAS VORSTELLEN?
FREEDOM RIDES
ÖFFENTLICHES TRAUMA
DREI DIMENSIONEN
STALINS ZUKUNFT
UNTER IMPERIEN
GESCHLOSSENE FRONTIER
SOZIALE MOBILITÄT
MITTELSCHICHT
MASSENINHAFTIERUNG
GROSSE ZONE
RASSISTISCH BEDINGTE UNFREIHEIT
POLITIK DER IMMOBILISIERUNG
RUSSISCHER GAST
KONVERGENTE STAGNATION
STRASSEN UND SCHIENEN
SADOPOPULISMUS
ZEITSCHLEIFEN
EIN PROZENT DES EINEN PROZENT
UNSÄGLICHER REICHTUM
POLITIK DER EWIGKEIT
ÖKOLOGISCHER KRIEG
VERANTWORTUNGSPOLITIK
KAPITEL 4: FAKTIZITÄT
LEBENDIGE WAHRHEIT
SONNEN
FUSION
LEBENDIGE HARMONIEN
WINZIGE STERNE
AUSLÖSCHUNGSSPIRALE
DAS BEDEUTENDE RAUHE
PARTEILINIE
PERFEKTE OPFER
AMERIKAS ENDE
DIKTATOREN WÄHLEN
FEHLENDE REPORTER
DER HORIZONT DER WAHRHEIT
SPRUDELNDER QUELL
MACHTVOLLE LÜGEN
MÖRDERISCHE BEFEHLE
FREIE REDNER
KAPITEL 5: SOLIDARITÄT
GERECHTE MENSCHEN
ZEUGNIS ABLEGEN
BÜRGERRECHTE
ZIVILGESELLSCHAFT
PRAKTISCHE POLITIK
BLASENMENSCHEN
STERBLICHKEIT
VENUS
LEERE
SUBJEKTE
OBJEKTE
HAND
EFFIZIENZ
LIBERTÄRE UNFREIHEIT
DIE HEUCHELEI DER OLIGARCHEN
CYBORG-POLITIK
TODESKULT
NOTALITARISTEN
SEE UND WALD
SCHLUSS: REGIERUNG
ERWACHEN
GEOMETRIE
INDIVIDUEN
SPALTUNGEN
DEMOKRATEN
WÄHLER
REPUBLIKANER
HISTORIKER
KINDER
SOUVERÄNE
ELTERN
BEWEGER
ARBEITER
HÄFTLINGE
VERTEILUNGEN
VERSTAND
ZUHÖRER
NACHRICHTEN
RINGE UND TÖNE
VERSTÄNDNIS
INKLUSION
CHANCE
ANHANG
POSITIVE UND NEGATIVE FREIHEIT
DANK
ANMERKUNGEN
VORWORT
EINLEITUNG: FREIHEIT
KAPITEL 1: SOUVERÄNITÄT
KAPITEL 2: UNBERECHENBARKEIT
KAPITEL 3: MOBILITÄT
KAPITEL 4: FAKTIZITÄT
KAPITEL 5: SOLIDARITÄT
SCHLUSS: REGIERUNG
PERSONENREGISTER
Zum Buch
Vita
Impressum
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Für all jene,
EINLEITUNG
Es ist Sommer 1976, ein sonniger Nachmittag auf einer Farm in Ohio. Wolkenfetzen huschen über den Himmel; Kies drückt unter den Füßen. Ein Junge von sechs, bald sieben Jahren steht in der Schlange neben einem Farmhaus, um eine Glocke zu läuten: das Ich, das ich einmal war, voller Zukünfte.
Ein Schotterweg windet sich von der Landstraße nach oben. Dort, wo die Anhöhe erreicht ist, macht er eine Kurve, zwischen einem Ahornbaum, dessen ausladende Äste bis zu den ersten Reihen eines Maisfelds reichen, und einer alten Platane, die dem Farmhaus Schatten spendet. Am Ahornbaum hängt eine Schaukel, die nun, nach meinem Sprung auf den Boden, langsam ausschwingt. Hinter dem Haus führt der Weg weiter zu zwei runden Maisbehältnissen und einer alten Holzscheune und verliert sich dann in einem schmalen Pfad, der sich zu einem Teich hinunterschlängelt. Zu beiden Seiten des Weges sind Felder voller Fossilien und Pfeilspitzen, wie ich sie mir vorstelle, die jetzt von wachsenden Maisstängeln bedeckt sind.
Ich bin mit der Familie meiner Mutter auf der Farm, um Sommergeburtstage zu feiern und der amerikanischen Unabhängigkeit vor zweihundert Jahren zu gedenken. Alle Cousins und Cousinen, feinsäuberlich aufgereiht vom Ältesten bis zur Jüngsten, läuten nacheinander die Glocke. Ihr charakteristisches Doppelläuten hallt durch meine Kindheit: ein schöner hoher Ton, gefolgt von einem plumpen tieferen, wenn der Klöppel der Glocke ein zweites Mal unbeabsichtigt auf die Lippe trifft. Die Glocke hat eine Macke.
Jetzt bin ich an der Reihe. Die Glocke wiegt so viel wie ich, aber sie ist gut befestigt, und ich weiß, wie man sie in Bewegung versetzt. Die Hände um das Seil geballt, die Augen geschlossen, beuge ich mich nach hinten, um aus meinem Körper einen Hebel zu machen. Die Schwerkraft erledigt meine Arbeit. Die Glocke ertönt, unüberhörbar und unvollkommen. Ich öffne meine Augen, immer noch zurückgebeugt, und sehe nichts als Blau. Ich denke an die Freiheit.
Nachdem alle Kinder die Glocke geläutet haben, stolpern wir allesamt über eine weiß getünchte, überdachte Veranda, wo an der gegenüberliegenden Wand der Stoßzahn eines Mastodons hängt. Ich halte für einen Moment inne, um meine Turnschuhe zu suchen, und trete dann in die Küche, um mich als Letzter in den Kreis zu setzen, der sich zum stillen Tischgebet gebildet hat. Ich werfe einen Blick auf den Korb mit der ausgehenden Post, der hinter mir an der Wand hängt. Auf den Briefmarken mit der Freiheitsglocke ist die biblische Aufforderung zu lesen, die in die Glocke eingraviert ist: In einem Jubiläumsjahr «ruft Freiheit für alle Bewohner des Landes aus!»
Die Freiheitsglocke hat einen Sprung. Der Riss war auf der Briefmarke deutlich zu erkennen. Die fragliche Glocke wurde 1752 für das Pennsylvania Statehouse in Philadelphia für ein anderes Jubiläum gegossen, nämlich das halbe Jahrhundert der Charter of Privileges, der Charta über die Religionsfreiheit der Kolonie. Der Makel, den wir heute sehen, trat auf, als sie zum Geburtstag von George Washington im Jahr 1846 geläutet wurde.
Die nächsten Worte dieses Bibelverses legen nahe, wie sich der Sprung interpretieren lässt: «Jeder von euch soll zu seinem Grundbesitz zurückkehren, jeder soll zu seiner Sippe heimkehren.» (Lev 25,10) Im 19. Jahrhundert verstanden die Abolitionisten diese Worte als Aufruf zur Beendigung der amerikanischen Sklaverei. Sie erklärten die Glocke am Philadelphia Statehouse zu ihrem Symbol und gaben ihr den Namen, den wir heute kennen. Später wurde die Freiheitsglocke von der Frauenbewegung in ihrem Kampf für das Wahlrecht benutzt.
Im Jahr 1976 schrieb die Briefmarke eine patriotische Legende fest: dass eine Freiheitsglocke geläutet wurde, als im Juli 1776 in Philadelphia die Unabhängigkeitserklärung verkündet wurde. Weder wurde die Glocke damals geläutet, noch hieß sie so. Ihren Namen bekam die Freiheitsglocke in Anspielung auf diejenigen, die keine Freiheit erlangten. Sie sollte den Anspruch auf eine bessere Zukunft symbolisieren, nicht an eine ideale Vergangenheit erinnern.
Die Zweihundertjahrfeier war für ein Kind eine verzwickte Angelegenheit. Sie versetzte mich in eine Welt, in der die Freiheit vor zwei Jahrhunderten errungen worden war, weil etwas, ein britisches Empire, beseitigt worden war. Wir, die Amerikaner, sollten fortan auf ewig befreit sein. Als Symbol der Zweihundertjahrfeier wurde die Freiheitsglocke ihres Verweises auf Frauen und Schwarze beraubt, was suggeriert, die Freiheit sei vollständig und ein für allemal errungen.
Auf den ersten Blick könnte es logisch erscheinen, dass die Freiheit eine Absenz ist, und angemessen, dass die Regierung uns alle gleichermaßen in Ruhe lassen sollte. Diese intuitive Annahme bezieht ihre Plausibilität aus einer Geschichte der Ausbeutung. Traditionell betrachteten sich einige Menschen als frei, weil sie die Arbeitskraft von Sklaven und Frauen ausbeuteten. Diejenigen, die sich für frei halten, weil sie über andere bestimmen, definieren Freiheit negativ, als Abwesenheit einer Regierung, eben weil nur eine Regierung die Sklaven emanzipieren oder den Frauen das Wahlrecht geben konnte. Die Verschmelzung einer Freiheitsglocke mit der amerikanischen Revolution weicht der Frage aus, was Freiheit ist und für wen diese Glocke läutet.
Als Junge von sechs, bald sieben Jahren hatte ich den Ausdruck «Underground Railroad» gehört und mich gefragt, wie es wohl wäre, sich im Keller eines Farmhauses zu verstecken. Aber es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, zu fragen, ob die amerikanische Unabhängigkeit Freiheit für alle bedeutete. Schwarze Kinder in meinem Alter hätten diese Frage nicht stellen müssen, denn die Antwort lag da draußen, im Leben selbst.
Die Glocke läutet. Zeit für die Freiheit. Zeit fürs Abendessen. Da mein Geburtstag am nächsten liegt, springe ich an die Spitze der Schlange. Das Buffet beginnt an der Tür, die von der Veranda ins Haus führt, und folgt dann der Theke um die Küche herum: zuerst der Mais (der noch
