Über mir der weite Himmel - Kimberly Brubaker Bradley - E-Book

Über mir der weite Himmel E-Book

Kimberly Brubaker Bradley

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Beschreibung

Adas Freiheit in herausfordernden Zeiten Ada ist endlich frei, frei von ihrer Mutter und ihrem Klumpfuß! Sie könnte erleichtert in ein neues Leben starten, aber der Krieg diktiert den Alltag; Ada engagiert sich in der Abwehr der deutschen Luftangriffe, kümmert sich um ein einquartiertes jüdisches deutsches Mädchen und hilft ihrer Freundin Maggy und Lady Thorton über den Tod des geliebten Bruders und Sohnes hinweg. Bei alldem muss sie sich auch fragen, wer sie sein will, wofür sie kämpfen will. Immer an ihrer Seite sind Susan, ihre Pflegemutter, die sich nie von Adas Schroffheit beindrucken lässt, und Jamie, den sie mindestens so dringend braucht wie er sie. Adas Reise durch den Zweiten Weltkrieg, aber auch zu sich selbst wird in bewegender und einzigartiger Weise erzählt.

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EPUB
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Seitenzahl: 373

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch

Ein Leben in schwerer Zeit und eine Reise zu sich selbst – bewegend und einzigartig erzählt

 

Ada kann endlich durchatmen, sie und ihr kleiner Bruder haben bei ihrer Pflegemutter Susan ein sicheres Zuhause gefunden. Doch der Krieg bestimmt den Alltag: Ada engagiert sich in der Abwehr der deutschen Luftangriffe, sie kümmert sich um ein einquartiertes jüdisches deutsches Mädchen und hilft ihrer Freundin Maggy über den Tod des geliebten Bruders hinweg. Bei alldem muss sie herausfinden, wer sie wirklich ist und wofür sie kämpfen will.

 

Ein großes Abenteuer und eine berührende Geschichte über Mut, Zugehörigkeit und die Suche nach sich selbst.

 

»Atemberaubend … Dieser Roman ist abwechselnd hart und zärtlich und verwebt komplexe Themen mit Momenten des Staunens und der Freude. Ada … ist eine der unvergesslichsten Figuren der modernen Kinderliteratur.«

THE WASHINGTON POST

 

»Ein traurig-schönes, wundervolles, ermutigendes Buch.«

VOLKER WEIDERMANN, DIE ZEIT, über »Gras unter meinen Füßen«, dem 1. Band über Ada.

 

Kimberly Brubaker Bradley

Über mir der weite Himmel

Aus dem Englischen von Beate Schäfer

 

 

 

 

Für Jessica Dandino Garrison

1

Du kannst Dinge wissen, aber das heißt noch lange nicht, dass du sie auch glaubst.

»Ada! Du musst etwas trinken!« Susans Stimme, die schimpfte. Susans Hände, die mir eine Tasse mit kaltem Tee hinhielten.

»Ich will aber nicht«, sagte ich. »Ich will nicht.«

Susan drückte meine Finger sanft um die Teetasse. »Das verstehe ich ja«, antwortete sie, »aber bitte versuch es. Das ist das Letzte, was du zu dir nehmen darfst. Morgen früh wirst du Durst haben.«

Mein rechter Fuß war am Gelenk ganz verdreht. Das war mein ganzes Leben lang so gewesen. Meine Fußknochen waren dermaßen krumm gewachsen, dass die Zehennägel am Boden schleiften und das, was eigentlich die Fußsohle war, nach oben zum Himmel zeigte. Laufen tat furchtbar weh. Trotz der Hornhaut riss der Fuß immer wieder auf und blutete.

Der Abend im Krankenhaus war der 16. September 1940 – das ist jetzt fast drei Jahre her. Ein Montag. Seit gut einem Jahr gab es Krieg zwischen Hitler und fast der ganzen restlichen Welt. Den Krieg zwischen mir und der restlichen Welt gab es schon elf Jahre.

Morgen würden die Ärzte mein verdrehtes Fußgelenk zerschneiden und die Knochen neu richten. Vielleicht käme dabei so was wie ein funktionierender Fuß heraus.

Ich setzte die Teetasse, die Susan mir in die Hand gedrückt hatte, an die Lippen und zwang mich, ein paar Schlucke zu nehmen. Aber meine Kehle war wie zugeschnürt, ich verschluckte mich. Tee spritzte über die Bettdecke und aufs Tablett.

Erst seufzte Susan, dann wischte sie den verschütteten Tee weg und machte der Schwester, die gerade das Zimmer verdunkelte, ein Zeichen, dass sie kommen und das Tablett abräumen sollte.

Seit Kriegsbeginn hängten wir jeden Abend dichte Verdunklungsblenden vor die Fenster, damit die deutschen Bomber nicht auf die Lichter zielen konnten. Das Krankenhaus lag zwar nicht in London, wo inzwischen jede Nacht Bomben fielen, trotzdem konnten wir angegriffen werden. Bei den Deutschen wusste man nie.

»Hier ist ein Brief für Sie, Madam«, sagte die Krankenschwester und griff nach dem Tablett. Dabei schob sie Susan einen Umschlag zu.

»Ins Krankenhaus? Wie seltsam.« Susan riss den Umschlag auf. »Von Lady Thorton.« Sie zog den Briefbogen heraus und klappte ihn auf. »Den muss sie aufgegeben haben, bevor sie meine Nachricht mit der Pensionsadresse bekommen hat. Ada, willst du nicht doch eine Kleinigkeit essen? Toast zum Beispiel?«

Ich schüttelte den Kopf. Der Tee von eben schwappte in meinem Magen herum. »Ich glaub, ich muss brechen.«

Susan schnaufte. Nach einem kurzen Blick auf mich schnappte sie eine Nierenschale aus dem untersten Nachttischfach und hielt sie mir ans Kinn. Aber ich biss die Zähne zusammen und behielt alles drin.

Susans Hand zitterte. Die Schale auch. Ich betrachtete Susan. Sie war furchtbar blass, und ihre Augen wirkten dunkel und groß.

»Was ist passiert?«, fragte ich. »Was steht in dem Brief?«

»Nichts«, sagte sie. »Atme einfach tief ein und aus. Genau, so ist es richtig.« Sie stellte die Schale weg, faltete Lady Thortons Brief zusammen und verstaute ihn in ihrer Handtasche.

Irgendwas stimmte nicht, das sah ich an ihrem Gesicht. »Ist irgendwas mit Butter?«, fragte ich.

»Was?«

»Ist Butter was passiert?« Butter war Susans Pony. Ich liebte ihn. Während ich im Krankenhaus war, stand er im Pferdestall von Lady Thorton.

»Oh«, sagte Susan. »Nein. Genauer gesagt hat Lady Thorton Butter gar nicht erwähnt, aber wenn etwas mit ihm wäre, hätte sie das mit Sicherheit geschrieben.«

»Und Maggie?« Maggie war die Tochter von Lady Thorton und meine beste Freundin.

»Maggie geht es gut«, sagte Susan. Ihre Hände zitterten immer noch ein bisschen. Auch ihre Augen wirkten komisch. »Allen im Ort geht es gut.«

»Jamie auch«, sagte ich. Keine Frage, sondern eine Feststellung, es musste einfach so sein. Mein Bruder Jamie war nämlich nicht in Kent geblieben, sondern hier bei uns. Susan, Jamie und Bovril – das war Jamies Kater – hatten ein Zimmer in einer Pension nahe beim Krankenhaus gemietet, und im Moment passte die Pensionswirtin auf Jamie auf.

Jamie war sechs Jahre alt. Wir hatten gedacht, er wäre schon sieben, aber dann hatten wir seine Geburtsurkunde gefunden und erfahren, dass das nicht stimmte, nicht ganz jedenfalls.

Ich war elf. Auch ich hatte jetzt meine Geburtsurkunde. Meinen echten Geburtstag kannte ich erst seit einer Woche.

Susan nickte. »Jamie geht es gut.«

Ich holte tief Luft. »Kann die Operation nicht gemacht werden?« Bevor uns Mam letzte Woche von Susan wegholen wollte, hatte Susan gesagt, sie dürfte die Einwilligung zu der Operation nicht geben. Eigentlich war das immer noch so, aber inzwischen scherte sich Susan nicht mehr darum. Zwischen dem Richtigen und dem Erlaubten gebe es manchmal einen Unterschied, meinte sie. Ich bräuchte diese Operation, also würde ich sie auch kriegen.

Da stellte ich keine Fragen mehr.

Als mir Susan jetzt die Haare aus der Stirn strich, zog ich den Kopf weg. »Ich lasse nicht zu, dass irgendetwas dazwischenkommt«, erklärte sie. »Morgen wirst du operiert, das steht fest.«

Aber an ihrer Stimme und ihrer Miene war immer noch irgendwas komisch. Es hatte mit Lady Thortons Brief zu tun, das war klar. Lady Thorton konnte so ziemlich jeden aus der Fassung bringen. Als ich ihr zum ersten Mal begegnet war und noch nicht gewusst hatte, wie sie hieß, war sie für mich die Frau mit dem Eisengesicht gewesen. Sie war heftig und hart, wie eine Axt.

Aber hier konnte uns Lady Thorton nichts anhaben. Auch wenn nichts mehr übrig war von dem, was sich in Susans Haus befunden hatte – Jamie, Susan, Bovril und Butter waren noch da. Und morgen würde ich operiert werden. Das war mehr als genug.

 

Du kannst Dinge wissen, aber das heißt noch lange nicht, dass du sie auch glaubst.

Vor etwas über einem Jahr hatte ich mir in Mams Londoner Einzimmerwohnung das Laufen beigebracht. Das war mein Geheimnis gewesen. Ich hatte immer das Blut weggewischt, bevor Mam nach Hause kam. Eigentlich wollte ich ja bloß aus der Wohnung rauskönnen, nicht gleich aus der Stadt, aber dann hat mich das Laufenlernen gerettet. Als Mam Jamie aus London wegschickte, weil alle Kinder wegen Hitlers Bomben aus der Stadt sollten, war ich heimlich mitgegangen. Wir sind dann in Kent gelandet, in einem Ort an der Küste bei Susan und Butter.

Am Anfang wollte uns Susan nicht. Wir sie auch nicht, aber das Pony wollte ich schon, außerdem fanden Jamie und ich Susans Essen gut, und nach einer Weile wollten wir schließlich doch alle drei zusammenbleiben. Bloß dass dann Mam aufgekreuzt war und uns zurückhaben wollte. Das war vor einer Woche gewesen. Aber Susan hatte beschlossen, für uns zu kämpfen. Darum war sie hinter uns her nach London gefahren, und so waren wir alle weit weg in der Nacht, in der die deutschen Bomber Susans Haus zerstörten. Auf die Art wurde aus dem Schlimmsten überhaupt – der Rückkehr von Mam – das Beste überhaupt: Keiner war durch die Bomben gestorben.

Wenn jetzt alle so taten, als wäre die Operation morgen das Beste überhaupt für mich, machte ich mir Sorgen, dass diesmal etwas Schlimmes aus dem Guten käme. Susan fand, das wäre unmöglich. Nach der OP würde mein Fuß hoffentlich gut funktionieren, meinte sie, aber selbst wenn das nicht so gut klappte, wäre es trotzdem in Ordnung. Jetzt ginge es mir doch auch gut, meinte sie, und mindestens dabei würde es bleiben, ganz egal, was sonst passierte.

Vielleicht.

Je nachdem, was gut gehen bedeuten sollte.

Es war immer noch Krieg. Die Schwestern behaupteten, sie würden es hinkriegen, bei Luftalarm alle Patienten schnell genug in den Keller zu bringen. Aber bisher war das nicht nötig gewesen, also konnte keiner wissen, ob sie das wirklich schaffen würden.

Susan beugte sich vor und nahm mich in den Arm. Das fühlte sich für uns beide seltsam an. Ich atmete aus. Mir war immer noch schwummrig. »Mach dir keine Sorgen«, sagte Susan. »Morgen früh bin ich wieder da. Schlaf jetzt.«

 

Schlafen konnte ich nicht, trotzdem ging die Nacht irgendwie vorbei. Am Morgen hielt Susan meine Hand, während eine Schwester mein Bett den Gang entlangschob. Vor einer schweren weißen Tür hielten wir an. Die Schwester sagte zu Susan: »Sie können nur bis hierher mit.«

Mir war nicht klar gewesen, dass mich Susan allein lassen müsste. Ich klammerte mich an ihr fest. »Und wenn es nicht klappt?«

Einen Moment lang schlossen sich ihre Finger um meine Hand. Dann sagte sie: »Nur Mut«, und ließ los.

 

Im Operationssaal hielt mir ein Mann in einem langen Kittel eine Maske hin. »Wenn ich die auf dein Gesicht gelegt habe«, sagte er, »zählst du schön langsam bis zehn.«

Ich kam nur bis vier, dann schlief ich ein.

 

Das Aufwachen nach der Narkose war schwieriger. Mein rechtes Bein steckte fest, war gefangen. Ich konnte mich nicht rühren. Bei dem Versuch, irgendwie loszukommen, brach mir der Schweiß aus. Anscheinend waren wieder Bomben gefallen, ich war unter Unmengen von Schutt begraben, steckte in der Falle. Mein Bein ließ sich nicht bewegen. Dann war ich auf einmal in dem Kabuff unter der Spüle gefangen, in der alten Wohnung in London. Mam hatte mich eingesperrt. Die Schaben …

»Schsch.« Susans Stimme in meinem Ohr klang ganz weich. »Beruhig dich. Du hast es überstanden. Alles in Ordnung.«

Nichts war in Ordnung. Nicht hier im Kabuff, nicht mit Mam …

Jemand hielt meine Arme fest, warf eine Decke über mich, zog sie eng um mich fest. »Mach die Augen auf«, sagte Susan, immer noch mit sanfter Stimme. »Die Operation ist vorbei.«

Ich schlug die Augen auf. Direkt über mir schwebte Susans verschwommenes Gesicht. »Alles gut.«

Ich schluckte schwer. »Du lügst.«

»Tu ich nicht.«

»Ich kann mein Bein nicht bewegen. Mein rechtes Bein. Das mit dem Klumpfuß.«

»Du hast keinen Klumpfuß«, sagte Susan. »Jetzt nicht mehr.«

 

So richtig wach wurde ich erst später, mitten in der Nacht. Um mein Bett standen Wandschirme. Dahinter leuchtete ein schwacher Lichtschein. »Susan?«, flüsterte ich.

Eine Nachtschwester kam an mein Bett. »Hast du Durst?«, fragte sie. Ich nickte. Sie schenkte mir Wasser ein, und ich trank. »Wie weh tut es?«

Ich konnte das rechte Bein deshalb nicht bewegen, weil die Ärzte nach der Operation einen Gips darum gemacht hatten, fiel mir ein. Darunter pochte ein starker, dumpfer Schmerz, der am rechten Fußgelenk am schlimmsten war und bis hoch zum Knie ging. »Weiß nicht«, sagte ich. »Tut immer weh.«

»Mehr, als du aushalten kannst?«

Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte fast alles aushalten.

Die Schwester lächelte. »Ach, stimmt«, meinte sie. »Deine Mutter hat ja gesagt, du bist hart im Nehmen.« Sie hielt mir eine Pille hin. »Schluck das.«

Ich sagte: »Susan ist nicht meine Mutter.« Gott sei Dank war sie das nicht. Ich nahm die Pille und schlief wieder ein.

 

Als ich das nächste Mal die Augen aufschlug, war Jamie da, sein Gesicht ganz nah bei meinem. Seine Haare sahen aus, als hätte sie wochenlang niemand gebürstet, und seine Augen waren ganz rot und geschwollen. Er weinte. Panisch richtete ich mich auf. »Was ist passiert?«

Jamie warf sich aufs Bett und stieß dabei gegen meinen Gips. Ich zuckte zusammen.

»Vorsicht«, sagte Susan und zog ihn ein wenig zurück.

Jamie schmiegte sich an mich.

Ich schlang die Arme um ihn und schaute über seine Schulter hinweg Susan an. »Sag mir, was los ist«, forderte ich.

»Es hat im Brief von Lady Thorton gestanden«, antwortete Susan.

Ich nickte. Das wusste ich ja schon.

Jamie sagte: »Unsere Mam ist tot.«

 

Du kannst Dinge wissen, aber das heißt noch lange nicht, dass du sie auch glaubst.

2

Ich wusste, dass meine Mutter – Mam – nachts in einer Munitionsfabrik in London arbeitete. Ich wusste, dass in London jetzt jede Nacht Bomben fielen, in grauenvollen, heftigen Wellen. Ich wusste, dass die Deutschen es auf Fabriken abgesehen hatten, besonders auf solche, die wichtig für den Krieg waren. Ich hatte selbst einen Bombenangriff erlebt. Ziegelwände waren über meinem Kopf explodiert, und hinterher war zerborstenes Glas wie Schnee durch die Straßen geweht.

Mir war also klar, dass Mam sterben konnte. Aber glauben konnte ich es nicht. Egal wie viele Bomben fielen. Ich dachte, Mam würde ewig leben.

Ich dachte, Jamie und ich würden niemals freikommen.

Jamie schluchzte, und ich nahm ihn in den Arm. Er stieß wieder gegen meinen Gips. Ich schaffte es, nicht aufzuschreien.

Susan schob ein Kissen zwischen Jamie und mein Gipsbein. Dann setzte sie sich vorsichtig auf eine Ecke des Betts und rieb Jamie den Rücken.

»Ist das wahr?«, fragte ich.

»Ja, das ist es«, sagte sie.

»Richtig wahr?«

»Es tut mir leid«, antwortete Susan.

Ich sagte: »Wirklich?«

Tat es mir denn leid? Wohl schon irgendwie. Vielleicht? Meine Mutter hatte mich gehasst.

Du siehst uns nie mehr wieder, hatte ich vor einer Woche in London zu ihr gesagt. Und sie hatte gefragt: Ist das ein Versprechen?

Jetzt war es wirklich so gekommen.

»Das ist kein glückliches Ende«, sagte Susan. »Auch nicht das schlimmstmögliche, aber gut ist es nicht, und das tut mir schon sehr leid. Trotzdem bin ich dankbar, dass es ein Ende gibt. Jetzt kann eure Mutter euch nicht mehr wehtun.«

»Nein.« Keine Ahnung, ob es überhaupt ein glückliches Ende für Mam und mich hätte geben können. Ich hatte immer darauf gehofft – natürlich hatte ich das, schließlich war sie meine Mutter –, aber das gehörte auch zu den Dingen, die ich nie so ganz glauben konnte. Ich drehte mich zu Jamie. »Warum bist du traurig? Mam hat uns gehasst. Das hat sie gesagt.«

Jamie schluchzte noch lauter. »Ich hab sie lieb gehabt«, sagte er. Jamie war eben netter als ich. Wahrscheinlich hatte er Mam wirklich lieb gehabt. Ich nicht. Ich wünschte mir, ich hätte sie lieb haben können. Und mehr als alles in der Welt wünschte ich mir, sie hätte mich lieb gehabt.

Ich schaute wieder Susan an. »Wie soll ich mich denn fühlen?« Eine gute Tochter wäre bestimmt traurig, stellte ich mir vor. Aber Mam war tot, also war ich sowieso keine Tochter mehr, für niemanden.

Ich war nicht traurig. Ich war nicht froh. Wütend auch nicht. Ich war gar nichts.

Über Jamies schmalen Rücken hinweg nahm Susan meine Hand und drückte sie. »Jedes Gefühl ist in Ordnung.«

»Gibt es ein Wort dafür, wenn man nichts fühlt?«

»Ja«, sagte Susan. »Benommen. Ich war jedenfalls wie benommen, als ich vom Tod meiner Mutter erfahren habe.«

Ich sah sie an. »Wann ist deine Mam gestorben?«

»Vor einigen Jahren. Ein paar Monate vor Becky.«

Becky, Susans allerbeste Freundin, war drei Jahre vor dem Krieg an einer Lungenentzündung gestorben, das wusste ich. Die beiden hatten zusammengewohnt; Susans zerbombtes Haus hatte früher Becky gehört. Becky war auch diejenige, die Susan Butter geschenkt hatte.

»Beides war hart«, sagte Susan. »Aber bei meiner Mutter waren meine Gefühle komplizierter.«

Ich zog meine Hand weg. »Woher wusste Lady Thorton das von Mam?«

Bis vor einer Woche hatten wir ein Jahr lang nichts von Mam gehört, kein einziges Wort, obwohl Susan und auch ich ihr viele Briefe geschrieben hatten. Aber dann war sie auf einmal höchstpersönlich aufgetaucht, um Jamie und mich zurück nach London zu schleppen.

»Ich hatte dem Freiwilligendienst die neue Adresse deiner Mutter gegeben«, erklärte Susan. »Eine der Londoner Gruppen hat Lady Thorton informiert. Die Opferlisten werden wohl immer abgeglichen.«

Der Freiwilligendienst war ein Zusammenschluss von Frauen, die Kriegsarbeit machten. Susan gehörte zum Team von unserem Ort. Lady Thorton war die Chefin, darum hatte sie über Evakuierte wie Jamie und mich zu bestimmen.

Susan griff wieder nach meiner Hand, aber ich zog sie weg. Jamie weinte weiter. Ich wollte ihn trösten, aber ich war innerlich ganz hohl. Wenn Mam tot war, was hieß das für Jamie und mich? Ich wusste es nicht. Konnten wir jetzt noch bei Susan bleiben? Waren wir überhaupt noch Evakuierte?

»Was passiert jetzt?«

Susan zögerte. »Das weiß ich nicht«, sagte sie. »Ich werde mich bei Lady Thorton nach dem Prozedere erkundigen.«

Ich blinzelte.

Mein Herzschlag stolperte.

Das war nicht die Antwort, die ich erwartet hatte.

Das war nicht die Antwort, die ich wollte.

Prozedere.

Das Wort war beunruhigend. Es ließ eine Welle von Panik heranbrausen. Es schlug wie ein Stein in meinen Magen.

Susan sagte nicht: Mach dir keine Sorgen. Sie sagte nicht: Natürlich bleibt ihr bei mir. Und auch nicht: Ich sorge dafür, dass euch nichts passiert.

An dem Tag, als sie uns zum zweiten Mal vor Mam gerettet hatte, da hatte sie solche Sachen gesagt, an dem Tag, als die deutschen Bomben ihr Haus zerstört hatten. Sie hatte gesagt, dass wir jetzt für immer zusammenbleiben würden.

Und ich hatte ihr geglaubt.

Hatte sie etwa gelogen? Oder veränderte der Tod von Mam alles?

»Gibt es ein Wort für Kinder mit toten Eltern?«, fragte ich.

Susan schluckte. Dann sagte sie: »Waisen.«

Waisen. Jamie und ich waren jetzt also keine Evakuierten mehr, sondern Waisen. Wir würden nicht weiter unter dem Schutz von Lady Thorton stehen. Susan würde uns nicht behalten können. Mit Waisen passierte was anderes.

Schmerz krallte sich in meinen Magen. Ein viel schlimmerer Schmerz, als ich ihn kannte, mein Fuß hatte nie so wehgetan. Ich drückte Jamie fest an mich. Egal was passierte, ich würde ihn nie loslassen. Ich würde nicht erlauben, dass wir getrennt wurden.

»Bald kann ich laufen«, sagte ich. »Dann bin ich sehr nützlich.«

Susan blinzelte. »Es wird ein paar Monate dauern, bis du dich erholt hast«, gab sie zurück. »Das weißt du doch.«

»Ich kann sehr hart arbeiten«, antwortete ich.

»Ja, das stimmt«, sagte Susan. »Aber davon heilt dein Fuß auch nicht schneller. Ich weiß nicht mal, ob du das Krankenhaus verlassen darfst, was auch immer sonst passieren mag.«

»Muss ich denn weg hier, jetzt gleich?« Der Tag wurde schlimmer und schlimmer.

»Nein, nein, natürlich nicht.« Susan klang zerstreut. »Mir geht es doch nur um die Beisetzung. Falls es eine gibt. Wie auch immer wir das machen.«

Beisetzung. Wieder ein Wort, das ich nicht verstand. Obwohl ich schon ein Jahr lang bei Susan lebte, gab es immer noch viel zu viel, was ich nicht verstand. Mam hatte es nicht so mit Wörtern, und was ich mir selbst beibringen konnte, indem ich aus dem einen Fenster unserer Wohnung nach unten schaute, war begrenzt.

Das Wort Prozedere hatte ich noch nicht gehört, da war ich sicher. Es klang scheußlich und erinnerte mich irgendwie an die erste Begegnung mit Lady Thorton letzten September, als wir im Dorf angekommen waren. »Stellt euch an der Wand auf«, hatte sie mit ihrer scharfen Chefinnenstimme gesagt.

Wir waren eben erst aus dem Zug gestiegen, der uns aus London hergebracht hatte. Eine große Schar von schmutzigen, heruntergekommenen Kindern, und Jamie und ich sahen am erbärmlichsten aus. Die Anstrengung, aus London wegzukommen, hatte meine ganze Kraft aufgebraucht. Mein Klumpfuß triefte vor Blut und tat so weh, dass mir die Knie zitterten. Die Leute aus dem Dorf liefen einer nach dem anderen an uns vorbei und musterten uns von oben bis unten.

Niemand wollte Jamie und mich.

Jetzt war es wieder genauso, nur dass ich sauberer war und am rechten Fuß einen Gips hatte.

»Geh du mal lieber«, sagte ich und drehte Susan den Rücken zu. »Du musst dich um das Prozedere kümmern.«

3

Bei Mam hatte ich zwar nicht rausgedurft, hatte mich aber immerhin noch im Zimmer bewegen können. In dem Krankenhausbett war ich gefangen, vollkommen hilflos und unbeweglich, außerdem fehlten mir Jamie und Butter.

Wenn ich von Susan wegmusste, würde ich auch Butter verlieren.

Susan liebte Butter nicht, nicht so wie ich jedenfalls. Für sie war er nur ein Überbleibsel von Becky. Vielleicht würde sie ihn mir ausleihen, falls ich irgendwo hinkam, wo ich ein Pony halten konnte. Schließlich war ich diejenige, die sich um ihn kümmerte.

Ich legte mir die Hände aufs Gesicht. Mein Kissen war feucht von Tränen. Ich versuchte, so leise wie möglich zu weinen.

Jamie würde seinen Kater sicher behalten können. Bovril war ein guter Mäusefänger. Sogar Mam hätte Jamie erlaubt, eine Katze zu haben.

»Das mit deiner Mutter tut mir so leid«, flüsterte eine der jüngeren Schwestern und zog mir die Decke über die Schultern.

Ich antwortete nicht. Susan hatte versucht, mir Manieren beizubringen, aber ich wusste nicht, welche Manieren richtig wären, wenn Leute dir sagten, es täte ihnen leid, dass deine grässliche Mutter gestorben ist.

»Ist dein Vater bei der Armee?«, fragte die Schwester.

Ich schüttelte den Kopf. »Er ist tot«, flüsterte ich. »Schon lange. Das hat nichts mit dem Krieg zu tun«, sagte ich. »Wir sind jetzt Waisen.«

Die Schwester guckte erschüttert. »Ach, ihr Armen!«

Ich drehte mich zur Wand. »Was passiert mit Waisen?«, fragte ich sie. »Wo wohnen Waisenkinder?«

»In Waisenhäusern, denk ich mal«, antwortete die Schwester. »Aber bestimmt wird eure Tante –«

»Sie ist nicht unsere Tante«, sagte ich.

Als Susan am Nachmittag zurückkam, stellte ich mich schlafend. Nach dem Abendessen kam sie wieder und brachte Jamie mit. Sie hatte auch unser Buch dabei, das über die Schweizer Familie Robinson. Es war das einzige Buch, das wir noch hatten, es war nämlich in dem Anderson-Unterstand gewesen, als die Bombe unser Haus getroffen hatte. So war der Unterstand immerhin mal nützlich gewesen.

Susan schlug die erste Seite auf. »Viele Tage lang«, las sie vor, »hatte uns das schauderliche Unwetter auf dem wütenden Meer umhergeworfen.«

»Nein!« Ich hielt mir die Hände über die Ohren. »Bitte – ich will das nicht.«

Die Schweizer Familie Robinson war nach einem Schiffbruch auf einer wunderbaren Insel gelandet, wo sich für sie nach und nach alles ganz prächtig fügte. Jamie liebte die Geschichte. Ich hatte sie noch nie gemocht. Jetzt hasste ich sie.

Auch Jamie und ich waren Schiffbrüchige, aber bis jetzt hatte uns keiner gerettet. Wir hatten es nicht bis auf eine Insel geschafft. Wir mussten immer noch darum kämpfen, nicht in dem wütenden Meer zu ertrinken.

Susan klappte das Buch zu. Ich hielt Jamie fest und weinte.

 

Tage vergingen, ohne dass etwas passierte. Ich horchte die junge Schwester über Waisenhäuser aus. »Ach«, sagte sie, während sich ihr Gesicht verdüsterte. »Bestimmt gibt es heute auch ein paar gute, da bin ich sicher. Ist ja nicht mehr wie in alten Zeiten. Alle bekommen genug zu essen und so. Da verhungert schon niemand.«

»Kann ich da ein Pony haben?«, fragte ich.

»Das wäre mir nicht bekannt«, sagte sie, was so viel wie Nein hieß.

 

Jeden Tag stießen und zerrten die Ärzte an meinem Bein herum. Sie wechselten auch meinen Gips, wobei der neue exakt so aussah wie der alte. Sie wollten mir keine Krücken geben und weigerten sich, mich aus dem Bett zu lassen.

Susan kam jeden Morgen zu Besuch, mit sanftem, mitfühlendem Gesicht. Und jeden Nachmittag kam sie mit Jamie wieder, gleich nach Schulende.

 

Als wir zu Susan gekommen waren, hatte sie Krücken für mich besorgt. Aber dann hatte uns Mam nach London geholt und die Krücken einfach weggeworfen. Dadurch waren Jamie und ich mitten im Luftalarm auf offener Straße gelandet. Ich schaffte es nicht schnell genug bis zu einem Luftschutzkeller. Also waren wir draußen gewesen, als die Bomben fielen, zwischen stürzenden Ziegelsteinen und prasselnden Glasscherben.

Die Nachtschwester rüttelte mich wach. »Du schreist alles zusammen«, sagte sie. »Hör auf damit.«

Ich zitterte und war schweißgebadet. »Bomben«, sagte ich. »Eine Wand ist auf mein Bein gefallen. Ich konnte mich nicht bewegen.«

»Das war ein Albtraum«, erklärte sie. »Reiß dich zusammen. Du machst den Kleinen Angst.«

Die Schwester ging weg. Ich starrte an die Decke. Mein Herz raste. Ich musste pinkeln, was hieß, dass ich die Schwester rufen und in die Bettpfanne machen musste, was mich an Mam erinnerte und daran, wie ich in der alten Wohnung immer in den Eimer hatte machen müssen. Ich wusste, wo das Klo war – ich hatte es vor der Operation benutzt. Die Station lag im Dunkeln, aber aus dem Schwesternzimmer draußen im Flur kam ein bisschen Licht.

Ich setzte mich auf und zerrte die Decken und Bettlaken weg. Dann klopfte ich auf den harten Gips an meinem Bein. Mein Fuß tat kaum noch weh. Ich schwang beide Beine Richtung Boden.

Mit Krücken wäre es leichter gewesen, aber im Zimmer stand ein Bett neben dem anderen, immer nur ein paar Schritte auseinander. Ich hielt mich am Bettgestell fest und schleifte den Gips über den Boden. Das war harte Arbeit, aber es tat so gut, mich wieder zu bewegen. Ich schlich mich ins Bad, ging aufs Klo und kam wieder nach draußen. Ich war schon halb durch den dunklen Krankensaal, als hinter mir eine Stimme bellte: »Was zum Teufel tust du da?«

Erschrocken zuckte ich zusammen. Und verlor das Gleichgewicht. Ich wedelte mit den Armen, prallte gegen das nächste Bett und versetzte der Person, die darin schlief, einen Stoß – es war ein kleines Mädchen mit einem gebrochenen Bein im Streckverband. Sie stieß einen Schrei aus. Ich drückte mich von ihr weg und fiel hin. Mein rechtes Knie verdrehte sich. Schmerz schoss durch mein Fußgelenk. Jetzt schrie ich auch.

Die ganze Krankenstation wachte auf. Hektisch wurden alle Lichter angeschaltet. Zwei Krankenschwestern hievten mich zurück in mein eigenes Bett. Andere beruhigten und trösteten das kleine Mädchen.

»Als ob du es nicht besser wüsstest! Du bist doch alt genug«, zischte die Oberschwester. »Alle aufzuwecken mit dem Krawall und so ein idiotisches Risiko einzugehen! Du kannst von Glück sagen, wenn deinem Fuß nichts passiert ist. Wart nur ab, was deine Mutter sagt, wenn sie das hört.«

»Das ist nicht meine Mutter!«

Aber das war der Oberschwester egal.

 

Am Morgen sagte der Arzt, mein Fuß hätte keinen Schaden genommen. Die Krankenschwester erzählte es Susan trotzdem. »Ich weiß nicht, was in sie gefahren ist«, sagte die Schwester.

»Ich schon«, gab Susan zurück. Zu mir sagte sie leise: »Ich weiß ja, wie schwer das für dich ist, aber du musst Ruhe geben, bis alles verheilt ist. Wenn du noch mal aufstehst, binden sie dich am Bett fest.«

Ein Schauer überlief mich. Dann sah ich, was Susan in der Hand hielt. »Noch ein Brief für dich. Von Lady Thorton.« Mir wurde ganz schlecht. Bestimmt ging es um das Prozedere.

Susan wartete, bis die Schwester fort war. Dann setzte sie sich zu mir aufs Bett. Sie sah unglücklich aus. »Ich fürchte, es ist eine böse Nachricht«, sagte sie. »Ich habe überlegt, ob es einen Weg gibt, es dir schonend beizubringen, aber mir ist nichts eingefallen.« Sie wollte meine Hand nehmen, aber ich zog sie weg.

Auf einmal konnte ich kaum noch atmen.

Ich musste bei Jamie bleiben.

Das musste ich unbedingt.

»Deine Mutter ist kremiert worden«, sagte Susan. »Das hat mit dem Krieg zu tun, weil es in der Fabrik zu viele Todesopfer gegeben hat und wir nicht schnell genug von ihrem Tod erfahren haben, um die Herausgabe des Leichnams zu verlangen. Ihre Asche wurde in ein Massengrab getan. Wir werden keine Beisetzung abhalten können. Sie nicht beerdigen können, weder in London noch bei uns im Ort. Es tut mir so leid.«

Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was sie da redete.

»Ada?«, fragte Susan. »Alles in Ordnung mit dir?«

Ich wusste nicht, wo ich anfangen sollte. Diese Wörter. Beisetzung. Kremiert. Und was sollte das mit ihrer Asche? Hatte jemand Mams Feuerrost geputzt? Was bedeutete das alles?

»Aber ich habe auch ein bisschen was Gutes zu erzählen«, fuhr Susan fort. »Lady Thorton hat angeboten, dass wir ein Häuschen auf ihrem Gut nutzen können. Zum Wohnen. Es sei recht klein, meinte sie, aber fast vollständig eingerichtet.«

Ich brachte keinen Ton heraus.

»Ich wusste nicht, was wir tun sollten«, sagte Susan. »Die Regierung wird mir eine Entschädigung zahlen für Beckys Haus, aber anscheinend kann das Jahre dauern. Und in der Nähe habe ich nichts gefunden, was ich mieten könnte.« Sie sah mich an. »Du bist so still. Ich weiß, das ist ein Schock. Was denkst du?«

Wenn alles richtig schlimm wurde, konnte ich mich in meinen Kopf zurückziehen, an einen Ort, an dem mir nichts etwas anhaben konnte. Ich driftete weg auf Butters Weide, galoppierte auf Butter über grüne Wiesen …

»Ada«, sagte Susan und tippte mir auf den Arm, um mich zurückzuholen.

Ich nahm einen tiefen Atemzug. »Wann kommen wir ins Waisenhaus?«

»Was?«

»Wann gehen Jamie und ich« – bitte, lieber Gott, bitte lass mich bei Jamie bleiben –, »wann müssen wir ins Waisenhaus?«

»Was für ein Waisenhaus?« Susan wirkte so schockiert, als ob ich ihr ins Gesicht geschlagen hätte. »Ada? Wieso um Himmels willen solltet ihr in ein Waisenhaus?«

Ich blitzte sie an. »Wohin denn sonst?«

»Nirgends!«, sagte Susan. »Es hat sich nichts geändert. Wie kommst du bloß auf so einen Gedanken? Deine Mutter mag tot sein, aber ich bin immer noch da!«

»Du hast gesagt, du musst Lady Thorton nach dem Prozedere fragen!«

»Für die Beisetzung!«

»Ich weiß nicht, was das bedeutet!«

Da wurde Susan ganz still. »Oh«, sagte sie. »Oh, um Himmels willen. Du armes, armes Kind. Was muss das für eine Qual gewesen sein. Warum hast du nichts gesagt?«

»Du wolltest nie Kinder«, gab ich zurück. »Das hast du selbst gesagt.« Das hatte sie wirklich, als wir damals zu ihr kamen, und nicht nur einmal, sondern immer wieder. »Und jetzt sind wir keine Evakuierten mehr. Wir sind Waisen. Lady Thorton hat nicht mehr über uns zu bestimmen und du auch nicht. Im Waisenhaus lassen die mich Butter nicht behalten.«

»Oh, Ada.« Susan beugte sich vor und schlang die Arme um mich. Ich versuchte sie wegzustoßen, aber sie hielt mich nur noch fester. Sie war stärker, als sie aussah. »Du hast das falsch verstanden«, sagte sie sanft. »Ihr seid Waisenkinder, ja, zumindest auf dem Papier, aber natürlich bleibt ihr bei mir. In gewisser Weise ist jetzt, wo eure Mutter tot ist, sogar alles einfacher. Ich kann bestimmt ohne Probleme euer Vormund werden. Als ich über das Prozedere gesprochen habe, ging es um deine Mutter. Um ihre sterblichen Überreste.«

Ich wusste nicht, was das war. Ich konnte es mir denken, wollte es mir aber lieber gar nicht erst vorstellen.

»Um ihren Körper«, erklärte Susan. »Nur das. Du und Jamie, ihr bleibt bei mir.«

Ich wollte etwas sagen, aber es kam kein Wort heraus. Mein Hals war wie zugeschnürt, und dann fing ich an zu schluchzen. Susan wiegte mich hin und her, hin und her, als ob ich ein kleines Baby wäre, als ob sie mich lieb hätte, als ob sie mich schon immer lieb gehabt hätte.

4

Am nächsten schönen Samstag überzeugte Susan die Krankenschwestern davon, mich im Rollstuhl nach draußen zu lassen. Inzwischen war es Oktober geworden, die Luft war herrlich frisch und kühl, der Himmel strahlte in einem tiefen Blau. Ein Hauch von Holzrauch lag in der Luft. Nirgendwo Flugzeuge. Keine Bomber. Keine Invasion, bis jetzt jedenfalls nicht.

Ich trug eine Wolljacke und ein Kleid – Sachen, die Susan auf einem Trödelmarkt für mich gefunden hatte. Der Gips und mein nacktes linkes Bein waren in eine Decke eingepackt. Susan schob den Rollstuhl, Jamie hüpfte neben uns her. »Später gehen wir irgendwo Tee trinken«, sagte Susan, »aber erst will ich euch etwas zeigen.«

Vor einer Kirche hielt sie den Rollstuhl an. Die Kirche war größer als die bei uns, aber sonst sah sie ganz ähnlich aus, braun und rechteckig, mit einem hohen Turm und einem Friedhof mit aufragenden Steinen.

»Redet nicht zu laut«, flüsterte Susan. »Und schaut mal da drüben hin, aber ohne mit dem Finger zu zeigen. Seht ihr die Leute und das leere Grab – das ist das Loch im Boden – und daneben die Holzkiste? Die Kiste nennt man Sarg. Das ist das Ende einer Beisetzung. Der erste Teil findet in der Kirche statt. Jetzt werden sie den Verstorbenen beerdigen.«

»Den Verstorbenen?«, fragte Jamie.

»Den Toten«, sagte Susan.

»In die Erde rein?« Seine Stimme fiepte.

»Ja, schon«, sagte Susan. »Wohin soll er denn sonst?«

Dass auf den Steinen im Friedhof bei unserer Kirche Namen standen, war mir schon aufgefallen, aber ich hatte nicht gewusst, was das bedeutete, nämlich dass dort tote Leute vergraben waren. Ich sagte: »Daran habe ich noch nie gedacht.«

»Ich hatte ja gehofft, dass wir eure Mutter bei uns im Dorf beerdigen könnten«, erklärte Susan.

»Warum?«, fragte Jamie.

»Damit ihr einen Erinnerungsort hättet. Wo ihr hingehen und an sie denken könntet, einen Ort für die guten Erinnerungen.«

Ich müsste lange nachdenken, um mich an irgendwas Gutes zu erinnern.

»Aber sie ist doch kremiert worden«, sagte ich. Auch wenn ich oft nicht wusste, was Wörter bedeuteten, konnte ich sie mir trotzdem gut merken.

»Ja«, sagte Susan. »Das bedeutet, dass ihr Körper zu Asche verbrannt worden ist.«

Ich drehte mich zu ihr um. »Du machst Witze.«

Sie guckte, als wäre ihr das alles ein bisschen unangenehm. »Nein«, sagte sie. »Das ist eine sehr respektvolle Weise, mit Toten umzugehen. Und in Kriegszeiten auch nützlich.«

»Aber wie wissen wir ohne ihren Körper überhaupt, dass sie wirklich tot ist?«, fragte ich.

»Ihr bekommt eine Sterbeurkunde«, erklärte Susan. »Mit der Post. So was wie eure Geburtsurkunde, nur eben das Gegenteil.«

»Oh«, sagte ich. Meine Geburtsurkunde hatte ich in eine besondere Schachtel gelegt.

»Wenn sie kommt, gebe ich sie dir«, sagte Susan. »Du kannst sie für uns aufbewahren.«

Ich nickte. Das wäre gut.

Jamie fragte: »Können wir jetzt Tee trinken gehen?«

Sie drückte seine Hand. »Natürlich.«

 

Im Teesalon verzog ich das Gesicht über die Preise auf der Karte. »Wenn wir keine Evakuierten mehr sind«, sagte ich, »zahlt die Regierung dir kein Geld mehr dafür, dass du dich um uns kümmerst. Dann kannst du dir das nicht mehr leisten.«

Susans zerstörtes Haus war sehr edel gewesen, aber sie sagte immer, sie hätte nicht viel Geld, und eine Arbeit hatte sie auch nicht.

»Darum kümmere ich mich«, sagte Susan. »Ich habe dir doch erzählt, dass ich mich um den Papierkram kümmere, oder? Ich werde euer Vormund sein, das heißt, dass ich in allen Dingen für euch zuständig bin und euch betreue.«

Vormund klang komisch, aber das mit dem Betreuen mochte ich, das hörte sich an wie beschützen. »Wenn ich aus dem Krankenhaus komme, such ich mir gleich was, wo ich arbeiten kann«, erklärte ich.

Susan lächelte. »Oh, Ada«, sagte sie. »Bitte entspann dich doch. Du musst dir über Geld keine Sorgen machen.«

»Wer hat meine Operation bezahlt?«, fragte ich. »Und die Zeit im Krankenhaus, euer Zimmer und die neuen Sachen?«

Susan schüttelte den Kopf. »Ich weiß wirklich nicht, ob du das wissen musst.«

»Muss ich aber«, sagte ich.

Sie seufzte. »Die Kleider habe ich gekauft«, erklärte sie. »Für das, was wir in der Zeit zum Leben brauchen, hat der Freiwilligendienst Spenden gesammelt.« Sie atmete tief durch. »Und die Operation, die haben Lord und Lady Thorton bezahlt.«

»Lady Thorton?«

Jamie nahm einen Schluck Tee. »Die haben doch massig viel Geld.«

Auch wenn das stimmte, hieß es noch lange nicht, dass ich es gut fand, wenn sie es für mich ausgaben. »Dann muss ich jetzt wohl dankbar sein«, sagte ich. »Lady Thorton gegenüber.« Lord Thorton war ich noch nie begegnet. Er war weg, wegen irgendwas, was er für den Krieg machte.

»Ich hoffe, du bist ihr jetzt schon dankbar«, sagte Susan. »Sie hat viel für dich getan, dir Hilfe für Butter besorgt, dir Maggies alte Kleider gegeben. Ganz zu schweigen von dem Häuschen, in dem wir leben werden.«

Jamie schaute Susan an. »Sie hat uns dich gegeben.«

Das stimmte. Schließlich hatte Lady Thorton uns an diesem Tag im September, an dem niemand uns wollte, in ihr Automobil geschubst und bei Susan abgeladen. Etwas Besseres hätte uns gar nicht passieren können, auch wenn es am Anfang nicht so aussah.

»Ich will aber nicht dankbar sein müssen«, sagte ich.

Susan lächelte. »Das verstehe ich«, sagte sie. »Sei es trotzdem.«

 

Der Frau mit dem Eisengesicht dankbar sein. Dankbar für jeden neuen Gipsverband an meinem Bein. Dankbar, dass die Schwestern mich am Bett festbanden, nachdem ich wieder mal allein aufs Klo hatte gehen wollen und sie mich erwischt hatten. Dankbar, dass sie mich nachts weckten, wenn meine Albträume mich schreien ließen.

»Mach einfach weiter«, sagte Susan. »Der einzige Weg, da rauszukommen, ist mittendurch.« Sie brachte mir Bücher aus der Bücherei, Wolle und neue Stricknadeln aus dem Laden, dazu Stifte und Papier, alle möglichen Sachen, damit ich mir die Zeit vertreiben konnte. Manchmal brachte sie Briefe von Maggie aus ihrem Internat mit. Und ein Damespiel für mich und Jamie, das wir nachmittags zusammen spielen konnten. »Hab Mut«, sagte sie.

»Ist das so was wie Dankbarkeit?«, fragte ich, denn ich fühlte mich rebellisch.

Susan nickte. »Manchmal schon.«

 

Am 29. November wurde Jamie sieben Jahre alt. Susan und ich schenkten ihm einen winzigen Kuchen und ein kleines Blechflugzeug – eine Spitfire, die Art von Jagdflieger, wie Maggies Bruder Jonathan sie flog.

Drei Tage später schnitt der Arzt meinen letzten Gipsverband auf. Statt mein Bein für einen neuen Gips vorzubereiten, so wie er das sonst tat, sagte er: »Gut. Dann versuchen wir’s mal mit ein bisschen Gewicht.« Er legte die Hände um meine Taille und hob mich vom Tisch.

Stellte mich auf die Füße.

Und ich stand.

Susan lächelte. Der Arzt sagte: »Nur zu, du kannst dich ruhig richtig draufstellen.«

Ich hielt mich am Tischrand fest und drückte mein rechtes Bein nach unten. Das Fußgelenk bewegte sich ein bisschen, was zwar wehtat, aber damit hatte ich gerechnet. Ich stellte mich mit noch mehr Gewicht auf das rechte Bein. Meine Beine zitterten. Ich hatte sie schon so lange nicht mehr benutzt.

Ich stand. Stand da, auf beiden Füßen. Ich zog mein Nachthemd zur Seite, um nach unten zu schauen. Zwei Füße. Zehn Zehen, und alle zeigten nach vorne. Mein rechter Fuß war immer noch klein und hatte Narben, und oben war die Haut weiter ganz schwielig, weil das oben ja vorher unten gewesen war. Aber das Ganze sah aus wie ein Fuß, nicht wie ein Ungetüm.

Mit einem Fuß wie diesem hätte Mam mich vielleicht nicht dauernd angebrüllt und mich widerlich gefunden.

Die Operation hatte funktioniert.

Ich hatte keinen Klumpfuß mehr.

Beim Herunterstarren verschwammen auf einmal meine Füße, dann wurden sie kurz deutlich und verschwammen wieder. Tränen strömten in dicken Tropfen über mein Gesicht. Meine Schultern begannen zu zittern, und wenn Susan mir nicht um den Hals gefallen wäre, wäre ich vielleicht ganz zusammengesackt. Sie umarmte mich, drückte mich fest an sich, genau auf die Art, wie sie mich an dem Morgen umarmt hatte, als sie uns in London gefunden hatte, lebendig nach der schlimmen Bombennacht. »Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich gewöhn mich langsam an dieses dauernde Umarmen«, flüsterte sie mir ins Ohr. Da musste ich lachen, obwohl ich ja schluchzte. Ich stand und schluchzte und stand und schluchzte und stand und stand und stand.

 

Am Nachmittag kam Jamie mit einer Pappschachtel in den Krankensaal gerannt. »Zeig mir deinen Fuß!«, rief er.

Ich lag mit den Beinen auf der Decke im Bett und hatte meine beiden bloßen Füße vor mir ausgestreckt. »Schau ihn dir an«, forderte ich ihn auf. Ich hatte den ganzen Nachmittag damit zugebracht, meinen Fuß zu bewundern.

Jamie kletterte aufs Bett. Mit den Fingern fuhr er über die dicke Narbe, die sich um mein rechtes Fußgelenk zog. »Mannomann«, sagte er. »Der ist jetzt wie ein richtiger Fuß.«

Ich hätte mir nie vorstellen können, dass sich mein Fuß so verändern könnte. Der Arzt hatte erklärt, mein Gelenk würde nie die normale Beweglichkeit bekommen, das innendrin wäre nicht so, wie es soll, aber ich würde mit der Sohle auf dem Boden laufen und an beiden Füßen richtige Schuhe tragen können. Das war mehr als genug.

»Hier«, sagte Susan und reichte mir Jamies Pappschachtel. »Zur Feier des Tages.«

Ich hob den Deckel hoch. In der Schachtel war ein Paar Schuhe. Lederschuhe mit einem Riemen um das Fußgelenk, so wie Maggie sie trug. Dabei war es fast unmöglich geworden, in einem Laden gute neue Schuhe zu finden.

Jamie sagte: »Die haben wir schon vor Wochen gekauft. Am Tag von deiner Operation.« Erst schlüpfte ich in den linken Schuh. Dann streckte ich die Hand nach dem neuen rechten Fuß aus. Steckte die Zehen in den Schuh. Drückte die Ferse hinein. Schloss den Riemen. Der rechte Schuh saß ein bisschen locker. In beiden Schuhen war viel Platz für die Zehen. Platz zum Wachsen. Diese Schuhe würde ich lange tragen können.

Mit Schuhen sahen meine beiden Füße gleich aus. Nicht mal mehr die Narbe war zu sehen. Ein Monster, mit dem ekligen Fuß da. Das hatte Mam gesagt. Immer wieder und wieder, bis ich es kaum schaffte, ihr nicht zu glauben.

Plötzlich überfiel mich eine ungeheure Verzweiflung. »Mehr hat es nicht gebraucht?«, fragte ich und sah Susan an. »Ein paar Monate im Krankenhaus, und alles ist gut?« Wegen diesem Fuß war ich mein Leben lang todunglücklich gewesen.

Tränen traten in Susans Augen. »Das hat deine Mutter nicht gewusst«, sagte sie.

»Doch, das hat sie«, widersprach ich. »Sie brauchte nur einen Grund, mich zu hassen.«

Jamie schaute von mir zu Susan und wieder zurück. Dann flüsterte er: »Ich dachte, du freust dich.«

»Oh, Jamie.« Ich atmete tief durch. »Ich freue mich ja.« Ich schwang meine Beine über die Bettkante. »Hilf mir beim Laufen.«

»Vorsichtig«, sagte Susan. »Deine Beine sind noch schwach.«

»Jamie passt schon auf mich auf.« Ich streckte die Hände aus und ließ ihn für die Balance sorgen. Wir gingen los. Ein Schritt, dann noch einer. Linker Fuß. Rechter Fuß.

Wenn ich mit meinem schlimmen Fuß gelaufen war, hatten die Knochen geknirscht. Die Haut war aufgerissen und hatte geblutet. Mit jedem Schritt hatte es immer schlimmer wehgetan. Jetzt wurde der Schmerz mit jedem Schritt weniger. Meine Beine waren kraftlos und wacklig, aber ich konnte gehen.

»Es klappt!«, rief Jamie.

Ich konnte es selbst kaum glauben. »Bald kann ich rennen«, sagte ich. »Schneller als du.«

Jamie grinste. »Ich bin immer noch schneller«, sagte er. »Wetten, ich werd immer schneller sein als du.«

»Wirst du nicht.«

»Werd ich doch!«

 

Am liebsten hätte ich sogar in meinen Schuhen geschlafen, aber das erlaubten die Schwestern nicht. Stattdessen musste ich zum Schlafen mein rechtes Fußgelenk in so ein Stützding tun. Aber nur für kurze Zeit, sagten sie. Ich blieb noch ein paar Wochen im Krankenhaus, damit ich Übungen machen konnte und meine Beine kräftiger wurden, und dann, in der dritten Dezemberwoche, verabschiedeten wir uns von den Schwestern und Ärzten und der Gelenkstütze und den Krücken und allem. Ich streifte meine neuen Schuhe über dicke Winterstrümpfe, und wir fuhren nach Hause.

5

»Mal mir eine Landkarte«, sagte ich zu Susan, als wir in den Zug einstiegen. Ich war zum Bahnhof gelaufen wie ein normales Mädchen. Rechter Fuß, linker Fuß. Keine Krücken. Kaum ein Hinken. Nicht wie bei der Evakuierung, als mich unser Nachbar Stephen White tragen musste. »Fahren wir durch London? Zeig mir, wo wir sind und wohin wir wollen.« Susan zeichnete manchmal Karten von der Umgebung für mich, damit ich mich nicht verirrte, wenn ich mit Butter unterwegs war.

»Nein, durch London kommen wir nicht«, sagte Susan. Soldaten machten Platz, damit wir zusammensitzen konnten. Susan verstaute unsere Taschen in der Gepäckablage und schob den Korb mit Bovril unter den Sitz. Sie holte einen Stift und ein Stück Papier aus ihrer Handtasche und begann zu zeichnen. »Das ist England. Hier sind wir. Hier ist London und hier unser Zuhause.« Dann malte sie noch eine Schlangenlinie, die unseren Weg mit dem Zug nach Kent zeigte.

Jamie zeigte auf das Weiße am Papierrand. »Und was ist da?«

»Drachen«, sagte Susan.

Wir starrten sie an. Sie lachte. »Das ist ein Witz«, erklärte sie. »Früher haben Leute Drachen an die Ränder von Landkarten gezeichnet. Als die Welt noch nicht vollständig entdeckt war, haben Kartenzeichner sich vorgestellt, in weit entfernten Gegenden würden Drachen leben.«

Wir starrten sie immer weiter an. »Was sind Drachen?«, fragte Jamie. Ich wusste es auch nicht.

»Riesige Fabelwesen, die Feuer spucken. So ähnlich wie Eidechsen, nur viel größer«, erklärte Susan. »Manche können fliegen.«

Jamie machte große Augen. Ich runzelte die Stirn. Meinte Susan das ernst? Ich konnte es nicht erkennen. »Ich will keine Drachen«, sagte Jamie.

»Na gut«, sagte Susan. »Dann kommen sie eben nicht auf unsere Karte.«

Stattdessen zeichnete sie südlich von England den Ärmelkanal ein und machte auf der gegenüberliegenden Seite einen Strich für die französische Küste. Quer über Frankreich schrieb sie: Von Deutschland besetzt. »Schlimmer als Drachen«, meinte sie.

Das bezweifelte ich. Schlimmer als riesige feuerspuckende Eidechsen, die fliegen konnten? Vielleicht sollten wir Drachen auf Hitler Jagd machen lassen.