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Carl Sternheim

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Beschreibung

In Carl Sternheims Roman "Ulrike" entfaltet sich ein facettenreiches Porträt einer Frau, die zwischen den Erwartungen der Gesellschaft und ihren eigenen Wünschen oszilliert. Der Autor nutzt einen scharfsinnigen, oft ironischen Stil, der sowohl die Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen als auch die Herausforderungen der bürgerlichen Normen im frühen 20. Jahrhundert beleuchtet. Sternheim verknüpft in seiner Prosa psychologische Tiefe mit sozialkritischen Aspekten, was dem Werk eine bemerkenswerte Vielschichtigkeit verleiht und es in den Kontext der literarischen Strömungen seiner Zeit, insbesondere des Expressionismus und Naturalismus, einordnet. Carl Sternheim, geboren 1878 in Düsseldorf, war nicht nur Schriftsteller, sondern auch ein scharfer Beobachter der gesellschaftlichen Strukturen seiner Zeit. Als Teil der avantgardistischen Bewegung und Freund zahlreicher Künstler und Intellektueller, wie Max Reinhardt, wird klar, dass persönliche Erfahrungen und die Reflexion über die Rolle der Frau in der Gesellschaft entscheidende Faktoren für die Entstehung von "Ulrike" waren. Sternheims Engagement für den Feminismus und sein kritischer Blick auf die Gesellschaft sind in diesem Roman eindringlich spürbar. "Ulrike" ist ein Muss für Leser, die an einer tiefen Analyse menschlicher Beziehungen und der Dynamik des Geschlechterdiskurses interessiert sind. Sternheims meisterhaftes Spiel mit Sprache und Gesellschaftskritik lädt dazu ein, die eigene Wahrnehmung von Identität und Freiheit zu hinterfragen. Dieses Werk ermutigt den Leser, sich intensiv mit den Herausforderungen der psychologischen Selbstfindung in einer restriktiven Gesellschaft auseinanderzusetzen.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Carl Sternheim

Ulrike

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020
EAN 4064066110192

Inhaltsverzeichnis

Cover
Titelblatt
Text
"

Ulrike

Inhaltsverzeichnis

Ulrikes beflaggtes Elternhaus, Schloß Miltitz, stand unter Föhren in einem Blachfeld der Uckermark. Trat von der Anfahrt und geharkten Wegen man zur Seite, sank der Fuß durch Sand auf Grund. Manchmal stak eine Stange, saß wo ein Rabe im Park; sonst war Acker. Latten fehlten Bänken, Rabatten das Mittelstück. Am Haus des ersten Stockes viertem Fenster eine Scheibe.

Von Blei schien meist der Himmel. Blaue Fahnen klafften kaum hinein, häufig aber strich Regen schräg und mengte aus Erde klebriges Gelb, durch das ein Wagen sich vors Haustor wälzte.

In das trat Paschke, der Diener, stracks und gab allem, was ankam, den Arm. Die Kinder warf er wie Bälle zum Flur, wo Graf Bolz, der Vater, mit dröhnendem Willkomm empfing. Aller Mahlzeit Beginn und Schluß hieß Gebet. Brot, Schwein und Kartoffel lagen inmitten. Das und die Familie war protestantisch. Preuße der liebe Gott.

Evangelisch war Magd, Knecht und Vieh und alles sehr in den Herrn gekehrt. Über der Gemüter fader Landschaft lag in Kindern und Gesinde des Hausherrn Zufriedenheit als Licht, wie Sturm und Gewitter sein Unwille. Auf seine Person war alles Begreifen gedrillt, der Hosen Sitz, des Bartes Schmiß früh allemal Symbol.

Ulrike von Bolz sah in des Vaters Blick und war mit Ruck ein Bündel Angst. In Gewohnheiten und Erfordernisse tauchte sie, ohne den Sinn zu wissen. Wuchs als Teil eines Ganzen, das Bolz hieß und Rang vor der Umwelt hatte. In der es Bolzburg, Bolzmühle, Bolzweg gab, und bürgerliche Bolze durch alle Dörfer balgten. Hier lebte aus dem Geschlecht ein Sproß, ohne sich weitläufig zurechtfinden zu sollen. Denn überall ging durch Mensch und Landschaft seine Blutspur, und am besten lief wie der windende Hund er der Nase nach.

So machte an Ulrike sich alles selbst. Zum Knie wuchs der Rock, zur Wade, zum Schuh. Haar floß in längerem Blond, Brust sprang zu Kugeln vor, und es rundeten sich mählich die Beine. Sie reichte dem Obst in die Äste und mußte, es zu pflücken, nicht mehr klettern. Sechzehn Jahr war sie alt und wußte nicht, wie sie’s geworden.

Pastor Brand blieb tabakbestäubt, kalt feiertags die Kirche, im Saal des Harmoniums F im Diskant verstimmt. Und immer noch schwang der Graf, war er mißlaunt, die Hand der Tochter um die Löffel. Nur überm Knie hatte sie ihm letzthin nicht gelegen und seine Faust nicht auf sich gefühlt. Doch konnte das stündlich wiederkommen.

Im Stall führte sie der Kühe Melkung. Morgens um fünf, schlief sie noch halb, sprang das Litermaß ihr ins Bewußtsein. Wie oft würde sich’s heut unter den Eutern füllen? Würde trocken die Spreu, Rübe verdaulich und warm, mehlig und schmackhaft die Kleie sein? Ob Hände, Schleuder und Buttermaschine die Mägde gespült haben möchten, und durch Klee und Luzerne die Tiere nicht im Pansen gebläht wären, daß, ehe der Vater vom Gräßlichen wußte, mit dem Trokar sie das Schlimmste Verhüten müßte.

Auch die Hühner waren ihr anvertraut. Sie machten kaum Pein. Mit Futter und Frohsinn hielt sie sie bei Laune, daß emsig sie legten. Keins hatte letzthin den Pips oder wäre sonst zu heilen gewesen.

Liebe und Ehrfurcht, die für Pflege das Vieh ihr bot, bewegten in Ulrike ein Gegengewicht zur Unterwerfung unter Vaters Willen und der kränkelnden Mutter Nörgelsucht. Von den Brüdern, denen sie im Weg war, setzte es Püffe zwischen die Schenkel. Zog sie abends Kleider aus und legte sie auf den Stuhl am Bett, war sie blau davon. Später wurden in Silber und Grün mit Litzen, Schnüren und Tressen die beiden Husar und Ulan. Fleißiger sparte man zu Haus, daß Dietrich und Horst im Regiment sein konnten.

Im Herbst blies in Lebens Blaß mit Jagden schmetternder Auftakt. Tagsüber flimmte das Korn in den Kimmen, knallte Pulver im Hag, und kleine Leichname lagen abends, in Parade gestreckt, an der Terrasse. Geröckte Förster hielten Fackeln, und Gäste kamen groß daher.

Ulrike aber zog ein weißes Kleid an, das zwischen Strumpf und Hose Knie sehen ließ und strich mit gekniffenem Lächeln unter Männern, die nach Schweiß rochen und sie auf den Schoß holten.

Nachts war Türenschlagen. Das weibliche Gesinde, sonst mit den Hühnern im Bett, huschte durch die Flure und hatte in Mundwinkeln Feuchtigkeit. An ihres Stübchens Gegenwänden hörte Ulrike der Fremdenzimmer Betten seufzen und fürchtete sich melancholisch.

 

Als sie Pelzmantel und Federhut bekommen hatte, fuhr mit den Eltern sie nach Berlin. Vor der Abfahrt war der Pastor dagewesen, hatte wie ein Menetekel geflammt und sie bis ins Blut erschüttert. Nein, ihr würde die Fahrt nichts anhaben! Die gleiche Ulrike wollte ihrem Seelsorger wieder zufliegen, und ihres Busens fromme Himmel sollten nicht wechseln. Sie war getrost und hatte mit Tränen den Kopf geschüttelt. Auch wußte sie gar nicht, was Brand wirklich meinte.