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"Donner. Wetter. Klima." – entlang eben jener drei Stichworte entflammte bereits im 16. bzw. 17. Jahrhundert eine hitzige theologische Debatte: Hatte es der strafende Wettergott auf den Menschen abgesehen, der zu schwer sündigte? Waren die Unwetter, die die Ernte verdarben nur Zufall oder pure Absicht im göttlichen Heilsplan? Und wie kann der Plan gut sein, wenn er doch Lebensgrundlagen ruiniert? Müssen Gewitter und Starkregen andererseits nicht auch Platz haben im Gesamtwerk der guten Schöpfung eines "lieben Gottes"? Moraltheologe Christof Breitsameter begibt sich in seinem Essay in Kursbuch 202 auf Spurensuche nach Sinnzusammenhängen zwischen Gott, Natur und Klimaschutz, die vor Jahrhunderten bereits motiviert wurden und auch von Theologen des 21. Jahrhunderts nach wie vor herangezogen werden.
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Seitenzahl: 28
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Inhalt
Christof BreitsameterUm Gottes willenReligion und Klimaschutz
Der Autor
Impressum
Christof BreitsameterUm Gottes willenReligion und Klimaschutz
Der strafende Wettergott
Donner. Wetter. Klima. Das sind – man möchte es nicht für möglich halten – Stichworte einer theologischen Debatte, die sich zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert, übrigens konfessionsübergreifend, zutrug. Genauer gesagt ging es mehr um den Blitz als um den Donner und mehr um das Unwetter als um das Wetter. Das Klima bildete eine Art von Hintergrundrauschen zu alledem: Die Auswirkungen der »kleinen Eiszeit« seit etwa 1570 stellten die Prediger vor die Aufgabe, zu erklären, warum Gott die Menschen härter bestraft als zuvor. Offenbar sündigten die Menschen schwerer, so die Theologen, weshalb auch die göttliche Strafe heftiger ausfallen müsse.
Eine zentrale Stellung in diesem Diskurs nahm das Phänomen ein, das am konkretesten und unmittelbarsten wirkte, nämlich das Gewitter, weniger weil es das Leben eines Menschen auszulöschen vermochte, vielmehr weil durch einen plötzlichen Tod, der keine Zeit mehr dafür ließ, sich auf das nahe Ende vorzubereiten, das ewige Leben in Gefahr stand. Wettergebete, Wetterpredigten und Wettertraktate liefern, wie Heinz D. Kittsteiner in einer detaillierten Untersuchung darlegt, heute noch Anhaltspunkte für die damalige Furcht vor einem überraschenden Ende, der sogenannten mors repentina.1 Vermochte ein Gewitter den Menschen unvorbereitet zu treffen, war er fast sicher ein Kandidat für die Hölle, andernfalls war es ihm eine Warnung, zu Gott umzukehren, um in den Himmel zu gelangen. Das Gewitter konnte ein sündiges Leben allerdings nicht nur von einem Augenblick auf den anderen beenden, es konnte schon zu Lebzeiten davor warnen, das ewige Leben nicht zu verwirken: Es hat also nicht nur strafende, sondern auch mahnende Funktion. Gott, so sagte man, kenne zweierlei Wege der Verkündigung: Der eine erfolgt durch die Prediger, die das Wort Gottes von der Kanzel an alle Bußwilligen richten; der andere durch die Bußpredigt der Natur, also durch das Gewitter.
Wo die Kirchen in dieser Weise zurechneten, bildeten sich im Volk Gegenstrategien und bei den Kirchen wiederum Gegengegenstrategien heraus: Die Menschen überlegten, ob Blitz und Donner, statt von Gott, nicht in Wirklichkeit vom Teufel und seinen Hexen gesandt seien (es kam deshalb auch tatsächlich zur Verfolgung von Hexen). Die Ursache des bösen Treibens der Natur konnte auf diese Weise vom Menschen weg, hin zum Bösen und allen, die ihn bei seinem Treiben unterstützen, verlagert werden. Die Theologen wandten dagegen wiederum ein, Gott sei der Herr des Gewitters. Der Mensch dürfe seine Schuld nicht auf andere Kräfte abwälzen, sondern müsse selbst Verantwortung übernehmen. Allerdings bestand die Folgelast dieser Begründung darin, dass Gott nun für das Gewitter und alles Unheil, das damit angerichtet wurde, verantwortlich gemacht werden konnte. Manche ließen sich sogar zu der Aussage hinreißen, der Teufel und seine Helfer agierten im Namen Gottes. Akademisch gedämpfter erschien die Lösung, Gott lasse das Walten böser Geister nur zu, denn, so konnte angeführt werden, schuld daran sei doch schließlich der in Freiheit sündigende Mensch. Würde er nicht sündigen, hätte Gott einen Grund, dem Treiben der unheilvollen Kräfte Einhalt zu gebieten.
