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Fünf Jahre lang haben Vincent und Macey nicht mehr miteinander gesprochen. Fünf Jahre, in denen aus besten Freunden Fremde geworden sind, die sich auf den Schulfluren aus dem Weg gehen und ihre gemeinsame Vergangenheit gekonnt ignorieren. Doch als Vincents Mutter spurlos verschwindet und er rätselhafte E-Mails von einem anonymen Autor erhält, findet die Funkstille ein Ende. Denn in der Geschichte, die Vincent zugeschickt bekommt, scheint es nicht nur um ihn zu gehen … Gemeinsam machen er und Macey sich auf die Suche – nach dem Autor, ihrer verlorenen Freundschaft und einem Zuhause in all den Zwischenräumen.
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Seitenzahl: 482
Veröffentlichungsjahr: 2024
Amani Padda
Roman
Liebe Leser:innen,
dieses Buch enthält Elemente, die potenziell triggern können. Aus diesem Grund findet ihr am Ende des Buchs eine Inhaltswarnung, die Spoiler für den Roman enthält. Außerdem haben wir eine Liste mit Hilfs- und Beratungsangeboten angefügt.
Wir wünschen euch das bestmögliche Leseerlebnis.
Originalausgabe
© Atrium Verlag AG, Imprint Arctis, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover
Die Nutzung dieses Werkes für Text- und Data-Mining im Sinne von §44b UrhG ist explizit untersagt.
Zitat auf S.48 frei übersetzt von der Autorin
© Text: Amani Padda
Lektorat: Leonie Teckenburg
Cover- und Innenillustrationen © 2024 by Amani Padda
Covergestaltung: Johanna Lohse (W1 Verlage GmbH)
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.
ISBN978-3-03880-186-3
www.arctis-verlag.com
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Für meine Familie in Deutschland.For my family in Scotland.
ਮੇਰੇ ਪਰਿਵਾਰ ਲਈ ਪੰਜਾਬ ਵਿੱਚ
So lass deine Speere fallen, Maki, und ich breche die Dunkelheit für dich heraus.
Meine Mutter war aus Worten gemacht.
Andere wissen, wie man sie entwirrt und ineinanderfügt, aber meine Mutter wusste, wie man sie erschuf. Sie wusste einen in Gedichten aufzubauen und Ängste auf ihrer Zungenspitze aufzulösen. Wie man den Atem anhalten musste, um die richtige Stille zu finden, und sich selbst in ihren Worten fand. Meine Mutter war eine stolze Frau, Schwarz und schön und selbstbewusst. Sie wickelte ihre Worte so fest ein wie ihren Afro und für jedes Wort, das unsere Vorfahren nicht lesen konnten, fügte sie ein Buch zu ihrer eigenen Liste hinzu.
Mum lebte zwar in Worten, aber selbst hatte sie nie die Universität besucht. Wie die meisten Mädchen aus Einwandererfamilien hatte sie einfach nie die Chance dazu bekommen. Stattdessen holte sie sich ihr ganzes Wissen aus Büchern und den Geschichten anderer Menschen.
Ich jedoch sollte meine eigene Geschichte schreiben. Das war der unausgesprochene Deal, der zwischen Cambridge-Vorbereitungsaufgaben und durchgemachten Nächten in der Bibliothek hing.
Mum packte mir vor jeder Klassenarbeit zusätzliche Pausenbrote ein, kaufte die teuren Textmarker, für die man nach Glasgow fahren musste, nähte die alten Schuluniformen meiner Cousins um, damit sie mir passten.
Und ich schrieb. Tests, Klausuren, Anmeldungen zu Mathematikwettbewerben, Bewerbungen für Stipendien. Ich drückte so fest auf, dass es das Papier fast zerriss. Ich legte Ordner voller Träume an. Mir würde niemand den Stift entreißen, so wie man es bei meinen Eltern, Großeltern und all ihren Vorfahren getan hat.
Macey Adenuga bestimmt ihre Geschichte selbst.
Wie ironisch also, dass mir andauernd die Worte fehlen.
Es war einmal ein Prinz, der an die Küsten unserer Welt verschifft wurde.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich an einer Art Weltherrschaftssyndrom leide.
Schulsprecherreden? Kein Problem.
Chorsolos? Selbstverständlich.
Eine Motivationsansprache für die Fußballmannschaft?
Klar, absolut, immer doch.
Einmal habe ich den Karaoke-Abend der neunten Klassen gerettet, indem ich mir Wannabe von den Spice Girls aus der Seele geschrien habe. Textsicher. Mit Choreo.
Es ergibt nicht wirklich Sinn. Ich schaffe es kaum, einer einzelnen Person in die Augen zu sehen. Theoretisch sollte es mir also eine Heidenangst machen, vor vielen Menschen zu sprechen, aber bei einem Publikum kann ich oft genug zwischen den Gesichtern wechseln, bevor ich nervös werde. Podiumsreden sind einfach. Planbar. Man legt sich seine Worte vorher zurecht, griffbereit und vorplatziert auf fein beschrifteten Karteikarten.
»Was auch immer du nach ihm sagst, es kann nicht langweiliger werden als das hier«, seufzt Dani. »Wenn das so weiter geht, schläft noch die halbe Schule ein.«
Sie reckt den Kopf nach hinten und fängt an, nachzuzählen. Wir sitzen in der ersten Reihe der Schulkapelle, während Mr Pennington auf der Bühne an seiner eigenen Rede verzweifelt. Seine Augen haften auf dem Blatt, als würden die Buchstaben zerfließen, wenn er auch nur für eine Sekunde den Blick hebt. Dani verschränkt die Arme vor der Brust und dreht sich wieder zu mir um.
»Ist das der Zeitpunkt, an dem ich dich ein letztes Mal daran erinnere, dass du das Ganze nicht tun musst?«, fragt sie. »Wirklich, Vince, niemand würde es dir verübeln, wenn du dich die nächsten Tage in den Hintergrund verziehst und zur Abwechslung mal nichts machst.«
»Klingt nicht nach der besten Strategie für eine Wiederwahl«, entgegne ich und blicke auf meine Karteikarten hinab. Meine Rede besteht aus einem Steve-Jobs-Zitat, drei schlechten Wortwitzen und zwei Memes, deren Recherche mehr Zeit beansprucht hat, als ich zugeben will. Aber hey, man muss sich dem Publikum anpassen.
»Außerdem ist es Tradition«, fahre ich fort. »Der erste Schultag beginnt, wir tragen schicke Kilts, Mr Pennington hält seine Rede und der Schulsprecher rüttelt alle wieder wach.«
»Ich meine ja nur. Findest du nicht, dass es ein bisschen zu früh ist?« Sie blickt auf mein linkes Bein hinab, das einfach nicht stillhalten will. Mag sein, dass ich etwas nervös bin, aber das ist normal. Ich bin immer nervös. Irgendwann gewöhnt man sich an den konstanten Energieschub.
»Die Alternative wäre, dass du die Rede hältst«, erwidere ich und Dani schaudert.
»Du meinst, ich soll fünf Minuten lang wütend das Mikrofon anstarren? Nein, danke.«
Seit knapp einem Jahr sind Dani und ich Headgirl und Headboy der Hillburn Secondary, doch unsere Zusammenarbeit geht fast zwei Jahre zurück, als wir uns ins Finanzgremium wählen ließen. Bekannt als »das Gothmädchen und der Schulprinz«stellten wir ziemlich schnell fest, dass sich unsere Arbeitsweisen gut ergänzten. Dani war harsch und stur, wo ich beschwichtigend und zuvorkommend erschien. Ich lockte die Leute mit großen Ideen an und Dani trampelte sie auf den Boden der Tatsachen zurück.
Kaum ein Jahr später wurden wir zu Vertrauensschülern gekürt. Dafür erhielten wir zwar keine Pokale, aber exzellente Referenzen für den Lebenslauf. Insgesamt haben wir fünfzehn Clubs, Komitees und Ratsmitgliedschaften aufgebaut und sieben weitere für das kommende Schuljahr geplant.
Das Weltherrschaftssyndrom ist durchaus ansteckend.
»Das Lehrpersonal und wir als Institution sind hier, um Ansprüche zu heben, nach Erfolgen zu streben und Erwartungen zu übersteigen. Dies ist nur in gemeinsamer Zusammenarbeit möglich«, fährt Mr Pennington fort. »Es ist mir daher eine große Freude, das Wort nun an unsere beiden Schulsprecher, Ms Danielle Mackay und Mr Vincent Summers, übergeben zu dürfen!«
Ein lustloses Klatschen geht durch die alte Schulkapelle.
Dani nickt mir ein letztes Mal zu. »Du brauchst kein Glück, oder?«
»Weißt du, normale Menschen würden es mir jetzt trotzdem wünschen.«
»Das übersteigt leider meine sozialen Fähigkeiten.« Sie lässt sich tiefer in die Bank sinken und zieht die Beine an. »Denk einfach nicht an die Cliffs.«
Das Klatschen verebbt. Ich schreite auf die Bühne und nehme Mr Pennington das Funkmikrofon aus der Hand.
Es gibt diesen kurzen Augenblick vor dem ersten Wort, in dem mein Atem kurz stockt und sich die Krawatte um meinen Hals so eng anfühlt, dass ich mir sicher bin, gleich nichts mehr sagen zu können. Der Trick ist, sich auf die Zwischenräume im Publikum zu fixieren und sich Stück für Stück weiter an einzelne Gesichter heranzutrauen.
Einatmen, Summers. Das ist die Position, auf die du all die Jahre hingearbeitet hast.
»Sehr geehrtes Rektorat, werte Lehrkräfte, liebe Schüler und Schülerinnen, es ist mir eine wahrhaft große Ehre, heute vor Ihnen und euch stehen zu dürfen!«, verkünde ich mit einem Zwinkern. »Ich bin hier, um eine Rede über all die Themen zu halten, die jeder Hollywoodstreifen vor mir bereits besser umgesetzt hat. Aber das schaffen wir schon.«
Erleichtertes Gelächter geht durch die Reihen. Das ist gut. Pause einlegen. Karteikarte wechseln. Weiter.
»Aus meiner Erfahrung als Headboy kann ich euch guten Gewissens versichern, dass die Hillburn Secondary euch mehr bietet als eine gewöhnliche Schule. Ob Internats- oder Tagesschüler, fünfte Klasse oder zwölfte: Die Hillburn ist der erste Baustein für eine sichere Zukunft und es liegt an euch, an diesem System stetig mitzuwirken.«
Ich beginne über die Bühne zu laufen, mich bewusst nicht wie Mr Pennington an das Rednerpult zu klammern, und die Blicke folgen mir mit jedem Schritt. Es ist egal, dass manche von ihnen dabei in ein Augenrollen übergehen. Sie können meinem Lächeln nichts anhaben.
Auf der Bühne gibt es Vincent nur zu 110 Prozent.
»Erfolg basiert auf Ausdauer«, fahre ich fort. »Heute ist der erste von vielen Schultagen, die in diesem Jahr auf euch zukommen. 196 Tage akademischer Disziplin und Zielstrebigkeit warten auf euch, an einer der besten Institutionen Schottlands …«
Noch 196 Tage und mein letztes Schuljahr ist vorbei, aber ich habe keine Angst. Ich werde es schaffen. Ich werde groß rauskommen und jede Menge Geld verdienen, ich werde erfolgreich sein und die Spitze erreichen, weit weg von den Cliffs, weit weg von den Tiefen des Meeres und seinen Wellen …
Doch ich höre ein Rauschen.
Und dann explodiert das Mikrofon.
Der Letzte seiner Art, ohne eigenes Land oder Krone, Erinnerungen weggespült von den Wellen.
Antimetaboliten, Alkylierende Zytostatika, Topoisomerasen.
Ich ziehe einen großen Strich über meinen Schreibblock und schalte meine Musik lauter. Kalter Nordwind peitscht über den Bahnhof und ich muss das Papier mit einer Hand festhalten, damit es nicht wegweht.
Aus dem Strich wird eine Tabelle mit Wirkstoffen, Einsätzen, Nebenwirkungen und Risikofaktoren. Aus der Tabelle ein Graph, dünne karierte Blätter, beidseitig vollgeschrieben mit blauem Kugelschreiber. Formeln, die sich in ellenlangen chemischen Begriffen verhaken, Zitate aus Aufsätzen und gigantische Fragezeichen, die sich über den ganzen Seitenrand ziehen.
Eine mathematische Zusammenfassung meiner Sorgen.
Ich versuche meinen Block glatt zu streichen, aber das Deckblatt ist bereits zerrissen und in der Spirale zeichnen sich Dellen ab. Die Kassette in meinem alten Walkman wechselt zu My Iron Lung von Radiohead, doch noch bevor Thom Yorkes wehklagende Stimme einsetzen kann, wird das Lied von einem Ruf übertönt.
»Macey? Ayo, Macey, hier bin ich!«
Instinktivbeuge ich mich tiefer über meinen Schreibblock. Runterschauen, einfach weggucken.
»Mann, es ist sauschwer, dich zu finden! Wo warst du nur den Sommer über?«
Ich presse die Lider fest zusammen, als könnte ich so Zeit gewinnen, aber als ich die Augen öffne, steht Alister vor mir. Irgendwie hat er es geschafft, sich durch die anderen Schüler am Bahnsteig zu quetschen, ohne dabei über einen der Rucksäcke zu stolpern. Alister wedelt einen Flyer vor meinem Gesicht, der fast so zerknittert aussieht wie er selbst.
»Du bist genau die Person, die ich gesucht habe! Alles gut bei dir, Pal, alles bestens? Gespannt auf den ersten Schultag?« Beim Anblick meines Blocks runzelt er die Stirn. »Mathe?«
»Chemie.«
»Genauso schlimm, ey. Gibt die Hillburn euch etwa über die Sommerferien Hausaufgaben auf?«
Er klopft mir gegen die Schulter und sieht auf meine Schuluniform herab. Im Meer an grünen St.-Mary’s-Pullovern sticht sie hervor wie ein wunder blauer Fleck. Fast alle Jugendlichen in Glenfield Park nehmen den Zug zur öffentlichen St. Mary’s Grammar School, ich bin die Einzige, die auf die Hillburn Secondary geht. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum Alister überhaupt mit mir spricht.
Seufzend setze ich meine Kopfhörer ab.
»Vorbereitungsaufgaben für Cambridge«, lüge ich.
»Krass, Mann. Ist das alles, was du die Ferien über gemacht hast? Lernen?« Er lacht. »Und dann noch freiwillig?«
Ich zucke mit den Schultern.
Tatsächlich gibt es eine Menge Dinge, die ich diesen Sommer getan habe. Zum Beispiel im Figaros zu arbeiten und mich während meiner Schichten zu fragen, was mich zuerst umbringt: das heiße Frittierfett für die Fish and Chips oder jeden Tag die gleichen drei Radiolieder in Dauerschleife zu hören. Außerdem habe ich mehrere Abende damit verbracht, meine Pastelltextmarker zu sortieren. Ich bin vielleicht ein einsamer, überarbeiteter Nerd, aber immerhin ist meine Federmappe bemerkenswert gut strukturiert.
Nicht dass Alister das interessiert. Er hat einen Stapel Flyer aus seinem Rucksack gezogen und ist nun damit beschäftigt, sie eifrig nachzuzählen.
»Rave im Warehouse, Mate, es wird richtig A-lit-ster! Alle werden da sein, die Leute aus Glenfield Park, Helensburgh, Hillburn …«
»Wer spielt?«
Alister grinst und klopft mit dem Daumen gegen seine Brust. »DJ ListR höchstpersönlich!«, verkündet er stolz. »Weltpremiere, live in Hillburn. Bring deine schicken Freunde aus der Privatschule mit, der Eintritt ist geschenkt!«
Er drückt mir gleich den ganzen Stapel in die Hand.
Da ist immer etwas Unbeholfenes an Alister. Er sieht nicht aus wie jemand, der zu einem Rave eingelassen wird – geschweige denn dort auflegt. Alister lebt mit seinem Großvater in einer der Sozialwohnungen am Ende unserer Straße, wo er ständig zwischen alten Containern herumlungert. Seine Brille wird nur noch von Klebeband zusammengehalten, das sich in seinen zotteligen roten Haaren verfängt.
Früher waren wir Freunde.
Ich knülle die Flyer zusammen und stopfe sie in eine Seitentasche.
»Ich bin mir nicht sicher, ob meine Freunde kommen können«, murmle ich. »Das Internat ist ziemlich strikt mit den Ausgangssperren.«
»Ah Mann, auch an Wochenenden?«
»Nur bis zehn Uhr.«
»Dass die da alle nicht durchdrehen!«, stöhnt Alister und wirft theatralisch den Kopf nach hinten. »Ich dachte schon, es wäre wegen der Cliffs.«
Ich runzle die Stirn und verfluche mich im nächsten Moment dafür, denn Alister hebt die Hände in die Höhe, als bereite er sich auf eine lange Geschichte vor.
»Mate, sag mir nicht, ich weiß darüber Bescheid, bevor du es tust! Mein Granda war vor zwei Wochen in Hillburn und auf der Nordseite haben sie alles dichtgemacht. Die Polizei war da und ein Rettungshubschrauber, das ganze Geschoss, es war richtig heftig, Mann. Anscheinend ist mitten in der Nacht eine Frau verschwunden und man hatte sie zuletzt bei den Cliffs gesehen.«
»Klingt nach einem Gerücht«, erwidere ich, aber Alister schüttelt so heftig den Kopf, dass seine Brille fast zerspringt.
»Nah, ich glaub, diesmal ist wirklich was dran! Es hat sich bis ins St. Mary’s rüber rumgesprochen, die Leute reden seit Tagen von nichts anderem als dieser Frau.«
Die Klippen am Rande von Hillburn, allseits nur als die Cliffs bekannt, sind eine lokale Touristenattraktion, um die sich alle möglichen Gruselgeschichten ranken. Das meiste ist grober Unsinn, den sich Secondary-Schüler untereinander erzählen und den die Einheimischen mit einem Augenrollen abtun.
Aber es ist unschwer zu erkennen, warum die Geschichten existieren. Die Wellen an den Cliffs sind schwarz und ungestüm, peitschen und klatschen gegen den Stein, als würden sie einem vor dem Fall noch applaudieren.
»Ich glaube, sie ist wirklich gesprungen.«
»RE Richtung Whitecrook, Abfahrt 08:10 Uhr, nähert sich jetzt Gleis Eins. Bitte achten Sie auf die Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante.«
Die Ansage schrillt über den Bahnhof und die St.-Mary’s-Schüler hängen sich ihre Rucksäcke um.
»Wie auch immer.« Alister wirft sich seinen Schulblazer über die Schulter und einer der Ärmel fliegt ihm ins Gesicht. »Brauchst du noch mehr Flyer? Ich kann dir noch mehr besorgen, falls du welche brauchst, das ist kein Problem, Pal, das lässt sich alles klären …«
»Nein danke, ich glaube, das reicht fürs Erste.« Nie im Leben werde ich mich in den Schulflur der Hillburn stellen und jemandem diese Flyer in die Hand drücken. Ich sehe schon, wie ich nach fünf Minuten im Büro unseres Schuldirektors lande und ihm ausführlich erklären muss, warum ich unkontrollierte Werbung für den Rave eines DJ ListR verteile.
»Okay, aber lass mich wissen, falls du mehr brauchst!« Alister klopft mir gegen die Schulter und imitiert eine Explosion. »Wir sehen uns, aye?«
»Klar!« Das ist schon wieder gelogen.
»Und grüß deine Mum von Granda und mir, okay?«
Er blickt auf meinen Schreibblock herab und etwas daran, wie seine Gesichtszüge weich werden, lässt mich wundern, ob Alister mich nicht doch durchschaut hat. Ob er nicht ganz genau weiß, dass hinter den Begriffen auf dem Papier keine Chemiehausaufgaben, sondern etwas ganz anderes steckt.
Aber dann ist er bereits in der Menge verschwunden.
Der Zug nach Whitecrook kommt quietschend zum Halt. Ein Blick auf die Anzeige am Bahnsteig bestätigt mir, dass ich heute wohl länger warten muss.
Ich laufe auf die Brücke über den Schienen hoch und sehe dabei zu, wie das Meer an grünen Pullovern in den Zugabteilen verschwindet, während meine eigene Hillburn-Uniform am Bahnhof übrigbleibt.
Normalerweise, wenn die Bahnen pünktlich sind, gibt es einen kurzen Moment, in dem sie nebeneinander fahren und der Abstand zwischen ihnen einen Finger breit ist. Als Kind habe ich mir mit den anderen ein Spiel daraus gemacht, die Treppen hoch auf die Brücke zu rennen und den Daumen so auszustrecken, dass er genau zwischen die beiden Züge passte. Damals wusste ich immer, wann ich ansetzen musste. Wann das Zischen an den Gleisen laut genug war, um loszurennen. Wie man nicht zu zeitig auf der Plattform ankam.
Doch als ich meinen Daumen jetzt ausstrecke, stehen die Gleise leer.
***
Die Hillburn Secondary School befindet sich in einem ehrwürdigen viktorianischen Gebäude, versteckt zwischen zurechtgestutzten Hecken und Kiefern. Selbst an grauen Tagen wie heute glänzt die dunkle Steinfassade und in den blankgeputzten Fenstern spiegeln sich die Regenwolken.
In dem Turm direkt über dem Nebeneingang liegt Ms Buchanans Büro. Es ist klein und vollgestopft mit Büchern und knallbunten Sitzsäcken, die sich nicht an das antike Mobiliar im Rest der Schule anpassen wollen. Ms Buchanan ist unsere Schulsozialarbeiterin und Studienberaterin. Ich bin fast jede Woche bei ihr.
»Sieh an, wer gerade die Begrüßungszeremonie schwänzt.« Sie grinst und nimmt ihre Brille ab. Das macht Ms Buchanan immer, wenn jemand ihr Büro betritt. Es soll wohl zum dramatischen Effekt beitragen. Nicht dass es funktioniert.
»Mein Zug hatte knapp eine halbe Stunde Verspätung.«
»Die Ausrede ist fast so gut wie seine.«
Sie zeigt auf einen pinken Sitzsack, in dem mein Mitschüler Charlie fast untergeht, während er an seinem Skizzenbuch arbeitet. Seine müden Augen sind von schwarzen Schatten ummalt und er hat einen Blick aufgesetzt, den ich so sonst nur von grimmigen Senioren kenne.
»Was machst du denn hier?«, entfährt es mir.
»Ich dachte mir, wenn ich schlafen will, kann ich das hier tun und muss mir dafür nicht Penningtons Rede anhören«, erklärt er seelenruhig.
»Und wie du siehst, konnte ich der Zeremonie nicht beiwohnen, da ich den armen Charlie zu seinem akuten Schlafmangelproblem beraten musste.« Ms Buchanan wippt zufrieden in ihrem Stuhl umher. »Tee und Shortbread scheinen die beste Lösung zu sein. Willst du etwas, Macey?«
»Später vielleicht.« Ich setze meinen Rucksack ab und ziehe meine Cambridge-Mappe heraus. Bei ihrem Anblick seufzt Ms Buchanan theatralisch.
»Habe ich dir nicht letztes Jahr schon eine Referenz geschrieben? Ich dachte, wir wären durch fürs Erste.«
»Ich bin erst durch, wenn ich die Immatrikulationsbescheinigung einer Uni in der Hand halte.«
Ich lege ihr meine Unterlagen vor und Ms Buchanan hebt die Augenbrauen. »Nationaler Juniorwettbewerb für Mathematik?«
»Es könnte meinen Lebenslauf aufbessern. Die Anmeldefrist endet bald.«
»Aye, Universitäten lieben solche Wettbewerbe«, brummt sie und nimmt einen Schluck aus ihrer Teetasse.
»Lieben« ist fast schon eine Untertreibung. Den ersten Platz in einem landesweiten Mathematikwettbewerb zu gewinnen, ist wie ein Direktticket nach Cambridge zu erhalten. Ich habe die Statistiken herausgesucht. Teilnahme allein – Verbesserung des Lebenslaufs um etwa acht Prozent, Qualifikation für die nächste Runde um fast zwanzig im Vergleich zu anderen Bewerbungen. Ganz zu schweigen von den Möglichkeiten, die sich durch einen Gewinn eröffnen würden.
Ms Buchanan schiebt die Unterlagen zu mir zurück.
»Ich bewundere deine Zielstrebigkeit, Macey, aber hast du vergessen, dass du dieses Jahr deinen Abschluss machst? Das wird ziemlich aufwendig, neben deiner Cambridge-Vorbereitung und den Klausuren an einem Mathematikwettbewerb teilzunehmen.«
»Die zehn Besten erhalten ein Vollstipendium für ihren gesamten Studienverlauf«, entgegne ich und schiebe die Bewerbungsunterlagen zu ihr zurück. »Ein Umzug nach Cambridge wird teuer genug, das kann ich nicht mit dem Nebenjob im Figaros ausgleichen.«
»Ist dies der Moment, in dem ich dich erneut auf all die günstigeren Optionen aufmerksam mache, die dir ein lokales College bieten würde?«
Ich tippe mit der Fußspitze gegen ihren Schreibtisch. Vermutlich verhalte ich mich gerade sehr stur. Gegen ein lokales College ist nichts einzuwenden, aber es ist kein St. Andrews, kein Oxford, kein Cambridge. Letzteres ist nur eine Stunde von London entfernt, wo die nigerianische Community viel größer ist als hier im rauen Norden Schottlands, und wo Mum ursprünglich herkommt.
Cambridge belegt in jedem meiner Rankings den ersten Platz.
Ms Buchanan sucht eine Tasse aus ihrem Regal aus und schenkt mir Tee ein. Minze mit Süßholz. Sie kennt meine Lieblingssorte noch aus dem letzten Schuljahr.
»Nun, wenn es eine Schülerin gibt, der ich diesen Arbeitsaufwand zutraue, dann dir«, sagt sie schließlich. »Und unsere Schule verfügt nicht umsonst über ein gutes Oxbridge-Programm, das dich auf die Bewerbung vorbereitet … Was meinst du, Charlie?«
»Ist es überhaupt rechtlich erlaubt, dass ich während eines Beratungsgesprächs hier sitze?«
Ms Buchanan rollt mit den Augen und füllt zur Antwort nur seine Tasse mit Tee auf.
Anders als die meisten hier, deren Eltern für die Privatschule zahlen, haben Charlie und ich es über ein Stipendium an die Hillburn geschafft. Schon in der Grundschule hat man Charlies künstlerisches Ausnahmetalent erkannt und seitdem zieht es ihn von einer Auszeichnung zur nächsten.
»Was ich damit sagen möchte«, fährt Ms Buchanan fort, »ist, dass ihr beide unglaublich talentiert seid und euch euren Platz an der Hillburn mehr verdient habt als so manch andere. Jede Universität würde sich glücklich schätzen, euch aufnehmen zu dürfen. Ich meine, wer verdient einen guten Studienplatz, wenn nicht ihr?«
Sie lächelt und ich versuche mein Bestes, nicht vor lauter Skepsis das Gesicht zu verziehen. Wenn es um Zukunftspläne geht, ist Ms Buchanan eine heillose Optimistin. Immer wenn ich das Gefühl habe, dass mir unsere Schulsozialarbeiterin bereits alle ihrer pseudotiefgründigen Weisheiten vermittelt hat, kommt ein neuer Spruch dazu.
Hör auf deine innere Mitte, das Leben ist ein Kreis, du musst nur ganz fest an dich glauben …
»Ach kommt schon, nicht mal ein kleines Lächeln?«, scherzt sie. »Ihr müsst zugeben, das war eine tolle kleine Rede.«
»Ich fand es schön, wie klar und deutlich Sie gesprochen und dabei den Blickkontakt gehalten haben«, brummt Charlie und Ms Buchanan lacht.
»Na, wenigstens etwas. Macey, willst du einen Keks?«
Sie wartet nicht einmal meine Antwort ab, sondern hält mir direkt die ganze Dose entgegen.
Die nächste halbe Stunde verbringt Ms Buchanan damit, Charlie zum Hauptwerk seines Portfolios zu durchlöchern. Er hat sich für ein Kunstcollege in London beworben – das vorgegebene Thema lautet »Bruchstücke« und er weigert sich vehement, eine Collage zu basteln.
»Viel zu vorhersehbar«, ruft er aus, woraufhin Ms Buchanan von irgendeinem Künstler erzählt, mit dem sie in den Neunzigern ausgegangen ist und Anti-Regierungs-Graffitis gesprüht hat. Dann ermahnt sie uns, dass wir bitte nicht die Schule schwänzen sollen, aber falls wir es mal tun, sollen wir dabei Politiker mit Eiern bewerfen.
Wenn Ms Buchanan von ihrer Jugend spricht, ist diese immer von Romantik geprägt. Sie klingt fremd, filmartig irgendwie, nicht wie etwas, das Menschen wirklich erleben. Nicht wie etwas, das mir zusteht. Meine Zeit in Hillburn eignet sich höchstens als Vorspann. Klassenarbeiten, Tests und Arbeitsgemeinschaften in Dauerschleife.
Die Schulklingel läutet und Ms Buchanan schwingt sich aus ihrem Sessel.
»Sieht so aus, als hätten wir dein Schlafproblem gelöst, Charlie!«, ruft sie stolz und dreht sich plötzlich zu mir. »Macey, du darfst gerne hierbleiben und deinen Tee austrinken. Wäre ja schade drum.«
Dass ich den letzten Schluck in meiner Tasse mühelos so trinken kann, ist Ms Buchanan wohl nicht aufgefallen. Charlie hebt die Augenbrauen, packt dann jedoch seine Sachen und läuft mit einem Schulterzucken zur Tür hinaus.
Kaum dass er außer Hörweite ist, beugt sich Ms Buchanan zu mir vor.
»Ich werde diesen Wettbewerb vonseiten der Schule genehmigen«, sagt sie. »Aber nur, wenn du ehrlich zu mir und vor allem zu dir selbst bist.«
Sie sieht auf meine Mappe hinab. Zwischen ausgedruckten Formularen und Motivationsschreiben erkenne ich zerknitterte karierte Blätter und meine eigene Handschrift.
Der Schreibblock.
Himmel, wie konnte ich nur vergessen, dass ich ihn so offen mit in die Mappe gelegt habe?
»Wir müssen nicht über deine Mutter reden, das ist absolut nachvollziehbar«, sagt Ms Buchanan, ohne den Blick von meinen Aufzeichnungen zu nehmen. »Ich kann mir nur vorstellen, dass es gerade eine stressige Zeit für dich ist, völlig unabhängig vom Unterricht …«
»Ich habe mich aus freien Stücken entschieden, an diesem Wettbewerb teilzunehmen. Ich weiß, dass ich genügend dafür lernen kann.«
»Daran habe ich keine Zweifel, aber …«
»Und Mum geht’s gut. Wirklich«, erwidere ich mit fester Stimme. »Sie geht zu ihren Chemos und einmal pro Woche hat sie diese Selbsthilfegruppe, wo sie nur morbide Witze reißen und schlechten Kaffee trinken.«
»Es freut mich, dass es ihr besser geht, aber ich wollte eigentlich wissen, wie es um deine Gesundheit steht.«
Ich beiße mir auf die Wangen. Ms Buchanan meint es nur gut mit mir. Alle meinen es immer gut mit mir, wenn sie reden wollen, über Mum und die Schule und die Zeit danach. Dabei kann ich kaum beschreiben, wie es mir gerade geht. Den Umständen entsprechend gut, was sind überhaupt die Umstände? Welche Richtwerte gibt es zur Orientierung, wenn die eigene Mutter an Krebs erkrankt ist?
Ich blicke auf meine krakelige Schrift auf dem Schreibblock hinab, all die Infos, die ich nach meiner Nachtschicht im Chippy noch zusammengeschrieben habe. Ich habe Stunden damit verbracht, Dr. Singhs lausige Handschrift zu entziffern. Wenn ich von der Schule nach Hause gekommen bin, habe ich die Stadtbibliothek nach Ratgebern durchforstet, die mehr als Beten und füreinander da sein vorschlagen, ich habe jede seriöse neue Studie mitverfolgt, die das Internet mir bieten konnte.
Ich kann vielleicht keine Medikamente verschreiben, aber ich kann herausfinden, was für Wirkstoffe sich hinter den ellenlangen Worten verstecken. Ich kann Kalorien nachzählen und bestimmen, wie sehr wir davon abweichen, ich kann nützlich sein, ich bin nützlich.
»Bitte unterschreiben Sie mir einfach die Bestätigung für den Mathewettbewerb«, sage ich.
Ms Buchanan nickt nur und nimmt ihre Brille ab.
Diesmal funktioniert es mit dem dramatischen Effekt.
Die Meere hatten ihn ausgelaugt, bis nurdie Dunkelheit an seinen Händen blieb.
Wenn es eine Sache gibt, die mir alle meine Motivationspodcasts predigen, dann die Kraft des Weitermachens. Wiederaufzustehen und nicht aufzuhören, loszulegen und nicht loszulassen, den Rhythmus zu behalten und den nächsten Schritt zu nehmen, bloß nicht zu stolpern, sprinten, springen …
Aber das interessiert meine Schnappatmung nicht.
Seit einer Viertelstunde versuche ich bereits die Brandwunden zu kühlen und die Farbe abzubekommen. Die billige Schulseife perlt eher ab, als irgendetwas zu säubern, und das ständige Aufkratzen hinterlässt weiße Spuren auf meiner Haut. Ich versuche meine Atmung zu verlangsamen, damit sich die Luft nicht in meiner Lunge überschlägt und meine Brust durchsticht.
Ein. Aus. Ein. Aus. Ein.
»Vincent? Ist alles gut bei dir?«
Dani steht am Waschbecken. Ich habe nicht ganz mitbekommen, wann sie reingekommen ist. Befinden wir uns nicht auf den Jungstoiletten? Nicht dass Dani so was interessieren würde. In unseren zwei Jahren Zusammenarbeit habe ich noch nie erlebt, dass sie irgendetwas aus dem Konzept gebracht hätte, ob Essensschlachten von siebten Klassen, überzogene Schulkonferenzen oder dreißigseitige Förderanträge. Einmal hat sie eine Fünftklässlerin zum Weinen gebracht, indem sie nichts weiter tat, als die Stirn zu runzeln.
»War das jetzt ein Ja oder ein Nein?«, hakt Dani wieder nach.
»Also mal davon abgesehen, dass ich fast an einem Stromschlag gestorben wäre, ist alles bestens, danke der Nachfrage.«
»Sarkasmus ist schon für mich als Bösen Cop reserviert, überleg dir etwas anderes.« Sie lehnt sich an das Waschbecken und streicht ihren Pony glatt. »Geht es nicht ab?«
Wir sehen auf meine Hände hinab, als könnten sie für mich antworten.
»Soweit ich es beurteilen kann, ist es nur noch hartnäckige schwarze Farbe.« Ich drehe den Wasserhahn weiter auf. Die Schulkrankenschwester hat mir zwar versichert, dass mit meinen Händen alles in Ordnung sei und die kleinen Verbrennungen innerhalb weniger Tage verheilen dürften – mittlerweile frage ich mich jedoch, ob eine Internetdiagnose nicht hilfreicher gewesen wäre. Die Farbe des Mikrofons zieht sich von meinen Handflächen bis zu meinen Fingern hoch. Je länger ich diese ansehe, umso mehr fangen sie an zu zittern.
Ein. Aus. Ein. Aus.
»Das … das war komisch, oder?« Die Worte kleben. Ich fühle mich wie ausgespuckt. »Als wollte mich das Universum von meiner Rede abhalten.«
»Ich bezweifle, dass du dem Universum dafür wichtig genug bist. Es war ein technischer Defekt, Mr Pennington kümmert sich darum.« Dani legt eine Hand auf meine Schulter. »Komm schon. Das war eine schlechte Rede und es war nicht einmal deine Schuld. Die Leute werden es wieder vergessen.«
Ich nicke nur.
Dani hat recht. Natürlich hat sie das, sie hätte ja auch wie jede normale Person das Mikrofon losgelassen, sobald sich die erste Störung auftat. Nur nahm ich weder die Schreie meiner Mitschüler noch die Funken wahr. Selbst als das Mikrofon unter meinen Händen rauschte und warm wurde – meine Hände klammerten sich daran, als wäre es ein Rettungsanker, und ich blieb komplett dem Panikmodus verfallen.
Einfach nur lächerlich.
»Wenigstens werden die Leute nicht mehr über die Cliffs reden«, sage ich und wische mir mit dem nassen Ärmel über das Gesicht. Dani hält mir ein Papiertuch entgegen. »Ich kann’s nicht fassen, wie viel Arbeit ich in diese Rede gesteckt habe, nur damit sie wortwörtlich in die Luft geht.«
»Es hätte schlimmer sein können.«
»Ich habe fünf Minuten lang schlechte Wortwitze darüber gerissen, wie ›elektrisierend‹ und ›bombastisch‹ meine Worte doch sind.« Ich seufze. »Die Fingerguns am Ende haben bestimmt auch geholfen.«
Dani versucht ein Schmunzeln zu unterdrücken. »Das war äußerst peinlich, das stimmt.«
Ich wische meine Hände mit dem Papiertuch ab und versuche nicht in den Spiegel zu sehen. Es gelingt mir nicht. Zu Hause habe ich das halbe Ding mit Motivationszitaten auf Klebezetteln gefüllt, hier blicken mir nur weiße Kacheln und leere Augen entgegen. Dabei sind die Bäder der Hillburn Secondary genauso protzig wie der Rest der Schule. Vermutlich haben wir die einzige Jungstoilette Schottlands, die Handcremespender bietet.
»Bist du wirklich nur hier, um dich nach meinem Wohlbefinden zu erkundigen?«, frage ich und Dani schnaubt.
»Natürlich nicht.«
»Hätte mich auch gewundert.«
»Mr Pennington möchte dich sprechen«, sagt sie. »Wir suchen einen Redner für die Alumnifeier. Jemand, der die Werte der Hillburn auch in der heutigen Zeit verkörpert.«
»Und ausgerechnet mein Nahtod-Erlebnis hat ihn überzeugt, dass ich die richtige Wahl bin?«
Dani verdreht die Augen. In meiner Anwesenheit scheint sie dafür recht häufig einen Anlass zu finden.
»Natürlich sollst du es tun, wer sonst?« Sie zeigt auf das Headboy-Abzeichen an meinem Blazer. »Du bist so was wie das Aushängeschild dieser Schule, Vince. Mr Pennington liebt dich.«
Mr Pennington ist auch einfach zu überzeugen, wenn man ihn die ganze Zeit mit »Sir« anspricht und seine Meinung nachkaut. Die Alumnifeier der Hillburn Secondary ist mehr als nur ein normales Klassentreffen. Alle fünf Jahre kommen Politiker, Unternehmerinnen, Investoren und Professorinnen, die früher mal auf unsere Schule gegangen sind, zusammen und trinken dabei literweise Champagner. Es handelt sich um Absolventen, die es wirklich zu etwas gebracht haben. Leute, wie ich und Dani es eines Tages werden sollen.
Ich werfe mein Papiertuch weg und beobachte, wie sich die weißen Spuren auf meiner Haut abzeichnen.
»Falls es hilft, werde ich auch dabei sein. Meine Mutter sitzt im Ausschuss«, fährt Dani fort. »Und vielleicht motiviert dich der Anblick der ganzen Alumni, dich endlich mal für ein Studium zu entscheiden.«
»Schon klar.« Dani kann das ja so einfach behaupten. Ihre Familie geht schon seit mehreren Generationen auf die Hillburn und sie sind allesamt problemlos zu Akademikern aufgestiegen. Währenddessen bin ich mir nicht einmal sicher, ob meine Eltern jemals eine Schule besucht haben. Ein Studium ist eine ziemlich große Sache für mich und ich habe keine Ahnung, wo ich mit meiner Entscheidung anfangen soll. Es muss schon irgendetwas Wichtiges sein, wenn man als vielversprechendster Schüler seines Jahrgangs bekannt ist.
»So eine Alumnirede macht sich bestimmt gut im Lebenslauf«, murmle ich und Dani klopft mir auf die Schulter.
»Eine andere Antwort habe ich nicht erwartet«, erwidert sie. »Aber mach bitte nicht dieses Ding, wo du stundenlang redest, weil du keine unangenehme Stille aushältst.«
»Ich verspreche, dass meine Kommentare einschlagen werden wie der Blitz.«
»Uuuund die schlechten Wortwitze sind wieder da. Sehr schön.« Sie lässt meine Schulter los und zur Antwort schnippe ich mit den Fingern. Dani und ich sind vielleicht keine besten Freunde, dafür beschränken sich unsere Gespräche zu sehr auf unsere Schulsprechertätigkeit, aber wenigstens toleriert sie meinen Sinn für Humor.
»Wir sehen uns, Summers.«
»Bring keine kleinen Mädchen zum Weinen, während ich hier bin, Mackay!«
Sie hält mir den Mittelfinger entgegen.
Kaum dass die Tür hinter ihr zufällt, rauscht das Adrenalin wieder durch meine Ohren – es ist lauter als der Wasserhahn. Mir fällt kaum mehr auf, wie die schwarze Farbe von meinen Händen abperlt.
Zum Vorschein kommt nur enttäuschend braune Haut.
***
Ich habe viele Dinge von meinem Vater geerbt, obwohl ich ihn nie richtig kennengelernt habe. Die dunkleren Schatten meiner Haut, die sich auf meinen Fingerknöcheln abwechseln, als hätte sich Gott nicht entscheiden können, mit welcher Farbe er mich bemalen sollte. Eine schiefe Nase mit einer spitzen Kuppe, dichtes schwarzes Haar, das in Wellen umschlägt, wenn ich mir nicht die Mühe mache, es zu schneiden. Ich sehe meinen Vater im Spiegel, obwohl ich mich nicht mehr an sein Gesicht erinnern kann.
Aber es gibt eine Sache, die ich von meiner Mutter habe, und das ist ihr Herz. Und wie ihres hat meines die Tendenz, sich bei jeglicher Kleinigkeit in alle Richtungen zu verschütten.
Ich war sieben Jahre alt, als Ma und ich Indien verließen, und manchmal sehe ich noch Bruchstücke aus der Zeit. Die Lautsprecher, aus denen die entfernten Priestergesänge durch das Dorf hallten, Zuckerrohr, das an den Zähnen hing, und Nächte, deren Dunkelheit mich fast verschluckte. Abends strahlten die Felder fast so golden wie der Himmel und ich verbrachte jede freie Sekunde damit, der Sonne hinterherzurennen.
In Schottland gibt es diese Dinge nicht. Schottische Nächte bringen mehr Straßenlaternen als Sterne und Regen in Dauerschleife. Die wenigen Verwandten, die wir in England haben, hat meine Mutter abgeblockt. Ich erinnere mich an die Gesichter von Erwachsenen, aber niemand hatte das Lachen meines Tayaji oder die Stimme meiner Bibi aus Indien. Irgendwann verschwammen sie und es gab nur noch Ma.
Als ich realisierte, dass wir nicht mehr nach Indien zurückkehren würden, hatte meine Ma uns bereits in einer schimmligen Einzimmerwohnung in Glenfield Park einquartiert.
Als ich feststellte, dass ich meinen Dad nicht mehr zurückbekommen würde, hieß ich plötzlich Vincent Summers.
Und als ich mir endlich mein eigenes Leben in Hillburn aufgebaut hatte, als ich es endlich geschafft hatte, meinen beschissenen Akzent loszuwerden und nicht mehr der Quotenausländer zu sein, verschwand Ma an den Cliffs.
Dreizehn Tage ist es mittlerweile her. In der Zwischenzeit habe ich mich mit der Polizei, meinem Stiefvater, der noch auf Geschäftsreise in China ist, und einer penetranten Lokalzeitung auseinandersetzen müssen. Niemand weiß, wo sie sich befindet – ich habe schon am ersten Tag aufgegeben, nach ihr zu suchen.
Meine Mutter ist einzig in ihrem Verschwinden konstant.
Maki wusste schon immer um ihre Bestimmung. Sie war eine Kriegerin. Eine Kämpferin. Und ihre Speerspitze reichte bis hinter den Mond.
»Gott, die Gestaltung ist hässlich«, murmelt Mum. »DJ ListR?«
Sie grinst und hält mir den Flyer entgegen.
»DJ ListR ist nur Alister.« Ich schaue von meinen Englischhausaufgaben hoch. »Er veranstaltet eine Warehouse-Party.«
»Und gehst du hin?«
»Natürlich nicht.«
»Aber es sieht nach Spaß aus.«
»Er hat die Überschrift in Comic Sans geschrieben.«
Mum lacht. Wir sitzen in ihrem Krankenhauszimmer, während Dad und mein kleiner Bruder Lucas Kuchen in der Cafeteria essen. Normalerweise versuche ich, meine Hausaufgaben nicht zu unseren Besuchen mitzubringen, aber Englisch ist eine Ausnahme. Mum liebt diese alten Schmöker aus mir unerfindlichem Grund.
»Jane Austen ist eine der ersten Autorinnen, die ich mir selbst gekauft habe«, sagt sie. »Und deine Großmutter hat es nicht nachvollziehen können, warum ich lieber alte britische Bücher gelesen habe, statt die Arbeiten zu verrichten, die sie mir aufgetragen hat. Für Angela Davis und Chimamanda Ngozi Adichie hatte sie berechtigterweise mehr Verständnis.«
»Es geht um reiche Leute, deren Leben sich um ihre Anwesen und Ehen drehen«, murre ich. »Und am Ende verliebt sich die Protagonistin. Wie absolut schockierend und überhaupt nicht vorhersehbar.«
»Eine Geschichte ist mehr als ihr Ende, weißt du? Sonst könntest du ja gleich zur letzten Seite springen.«
»Oder ich könnte mir die Wikipedia-Zusammenfassung durchlesen und die restliche Zeit für meinen Mathewettbewerb lernen.« Ich klappe das Buch zu und Mum hebt vorwurfsvoll die Augenbrauen.
Manchmal wünsche ich mir, dass ich mehr wie meine Mutter aussähe, mit ihren symmetrischen Zügen und mandelförmigen Augen. Es ist ziemlich ungerecht, dass sie alle in unserer Familie überragt, während ich selbst kaum das zweite Küchenregal erreiche. Einzig meinen Afro habe ich von ihr geerbt, aber seit den Chemos hat man mir auch diese Gemeinsamkeit genommen.
»Im Dezember ist die Frist für den Mathewettbewerb schon längst durch«, fährt sie fort. »Wenn du zu Alisters Feier willst, könnte dich Femi mit dem Auto abholen. Er ist sowieso zu den unmöglichsten Zeiten wach.«
»Weißt du, normale Eltern würden jetzt etwas sagen wie ›Sei vor acht zu Hause, geh nicht in Clubs und trink erst recht keinen Alkohol.‹«
»Ich habe immer gehofft, dein Vater könnte diesen Part übernehmen, aber er ist leider ein absoluter Softie.« Mum seufzt, aber dann tut sich ein Funkeln in ihren dunklen Augen auf. »Deine Auntie Grace ist weitaus strenger, was das Ausgehen betrifft. Du solltest meine Entscheidungsberechtigung also ausnutzen, solange du kannst.«
Sie grinst, bis sie meinen entsetzten Gesichtsausdruck bemerkt.
»Zu früh?«
»Diese Selbsthilfegruppe ist ein schlechter Einfluss.«
»Je schlechter der Kaffee, umso hirnloser werden die Witze«, entgegnet sie und fügt kleinlaut hinzu: »Es ist lustiger, wenn der Typ mit dem Hirntumor es sagt.«
Ich presse die Lippen zusammen, weil mir keine gute Antwort mehr einfällt. Schweigen ist mittlerweile mein Normalzustand. So, wie es normal ist, dass wir hier sitzen und nicht an unserem Küchentisch zu Hause, wo Auntie Grace kocht und Femis Sitcoms durch das ganze Treppenhaus zu hören sind. Wie es normal ist, dass Mum nicht mehr Bananenbrot backt und dabei ihre Lieblingsmusik hört. Morgens nehme ich immer eine ihrer Kassetten mit und spiele sie auf meinem Walkman. Joseph hat mich mehrfach darauf hingewiesen, dass es einfacher wäre, eine Playlist ihrer Lieder auf meinem Handy zu erstellen, aber es wäre nicht dasselbe. Ich mag das Gefühl der Kassetten unter meiner Hand und das Wissen, dass ich Mums Sammlung genauso höre, wie sie es in meinem Alter getan hat.
»Hat Dr. Singh irgendetwas Neues zu berichten?«, frage ich.
»Selbst wenn ich es dir nicht sage, wirst du es später selbst in seinen Mitschriften nachlesen, oder?«
»Es hat eine ganze Nacht gebraucht, aber ich habe endlich verstanden, für welche Buchstaben seine unterschiedlichen Kringelgrößen stehen.«
Mum schnaubt. Sie zieht das Jane-Austen-Buch zu sich heran und blättert durch die ersten Seiten. »Aber nein, da ist nichts, was du nicht schon weißt.«
Wir schweigen. Es ist schrecklich warm im Krankenhauszimmer. Jalousien blockieren halbherzig das Sonnenlicht, die blaugestrichenen Wände sind rau und uneben und wachsen schräg zur Decke hoch. Ich kann mir nicht vorstellen, wie jemand in diesem Umfeld wieder gesund werden soll.
»Es gibt eine neue Studie in den USA«, sage ich in die Stille hinein. »Zu alternativen Behandlungsmöglichkeiten. Letzte Woche ist dazu ein Artikel auf der MacMillan-Website erschienen, vielleicht könnte Dr. Singh dich anmelden und sie …«
»Macey, nein.« Mum blickt nicht einmal hoch.
»Aber du bist noch jung. Es könnte klappen.«
»Ich werde hierbleiben«, unterbricht sie mich. »Dr. Singh hat eine schmerzlindernde Therapie für mich angesetzt und das wird helfen. Können wir jetzt bitte wieder über etwas anderes reden?«
»Es gibt nichts anderes.«
»Es gibt immer etwas anderes. Da draußen ist eine ganze Welt voller Andersartigkeit«, erwidert Mum. »Vielleicht solltest du dir die mal anschauen.«
»Und wo soll ich dann als Erstes hin?«
Sie hält mir mein Buch entgegen. »Gen Austen.«
»Mum, was zum …«
Sie lacht. Es tut ein wenig weh, ihr dabei zuzuschauen.
Glenfield Park ist kein Drecksloch, aber nah dran.
Der Sommer neigt sich kaum dem Ende zu, aber der Himmel hat bereits seine Farbe verloren, geht irgendwo hinter den alten Steinfassaden unter, blau und grau und schmutzig.
Als ich noch klein war, wohnten in unserer Gegend viele Familien – Schotten, deren Vorfahren schon seit Jahrhunderten hier lebten, und Immigranten, die es als Gastarbeiter in den Norden zog. Auf dem Spielplatz machte es keinen Unterschied, woher deine Eltern kamen, solange du genügend Kaugummi für alle dabeihattest.
Aber die Schaukeln sind mittlerweile abmontiert und das verrostete Klettergerüst wird nur noch durch eine Ansammlung von Stickern und schlechtem Graffiti zusammengehalten.
Dad parkt vor unserer Einfahrt und zieht den schlafenden Lucas aus seinem Autositz. Weil Lucas und ich uns ein Zimmer teilen, muss ich meine Englischhausaufgaben am Küchentisch beenden.
»Ihr seid schon wieder zu spät fürs Abendessen«, brummt Auntie Grace und schiebt mir einen Teller entgegen. »Welche Abkürzung hat dein Vater diesmal versucht zu nehmen?«
»Er hat aus Versehen die Ausfahrt Richtung Dumbarton verpasst, weil er die ganze Zeit zur Radiomusik mitgesungen hat.«
»Du sagst das so, als hättest du nicht selbst dabei mitgewippt«, ruft Dad aus, als er zurück nach unten kommt. »Sie haben fünf 90s-Hits hintereinander gespielt, sollte ich das etwa nicht ausnutzen?«
Er schaufelt einen Berg an Jollof-Reis auf seinen Teller und ein verträumtes Lächeln schleicht sich auf seine Lippen. »Außerdem lief das Oasis-Cover von You’ve Got To Hide Your Love Away. Das war der erste britische Song, den mir deine Mutter vorgespielt hat, als ich nach London kam.«
Ich schnaube. »Wie romantisch.«
»An den Titel hat sich aber keiner von euch beiden gehalten. Ihr habt nie ein Geheimnis aus eurer Beziehung gemacht und die Gerüchte zogen sich bis nach Lagos«, spottet Auntie Grace, worauf Dad ihr ein paar bissige Kommentare auf Yoruba hinterherwirft. Zugegeben, ich mag es, wenn Dad und seine ältere Schwester gegeneinander wettern. Es ist harmlos und witzig und ihr nigerianischer Akzent tritt stärker hervor als sonst. Ich habe diesen Akzent nicht. Die wenigen Worte Yoruba, die ich beherrsche, sind verwaschen und ausgelaugt von den Mundbewegungen, die ich aus der englischen Sprache kenne; der Versuch, ein Land über die Stimme meines Vaters zu imitieren.
Auntie Graces Haus ist ein grauer zweistöckiger Klotz mit vier Schlafzimmern, der genauso aussieht wie alle anderen Häuser in der Straße. Wir wohnen hier zu siebt: meine Tante, meine älteren Cousins Joseph und Femi, Mum und Dad, Lucas und ich. Eigentlich wollten wir schon vor einer Weile hier ausziehen, aber dann kam Mums Krebsdiagnose. Seitdem übernimmt Auntie Grace einen großen Teil ihrer Pflege, während Dad versucht, uns mit mehreren Jobs über Wasser zu halten. Sich um eine Krebspatientin zu kümmern ist ein Vollzeitjob und obwohl meine Tante sehr streng sein kann, weiß ich nicht, wo wir ohne sie wären.
»Und wo hast du dich heute den ganzen Tag herumgetrieben?«, ruft Auntie Grace, als mein Cousin Femi die Küche betritt. Seit drei Tagen trägt er schon dasselbe alte Prince-T-Shirt und fluffige rosa Hausschuhe, nur seine Locs sehen heute merkwürdig nass und verklebt aus.
»Ich hab …«, beginnt Femi und sein Blick wandert plötzlich zu meinen Schulunterlagen. »Eigentlich hab ich gar nichts gemacht.«
Auntie Grace schnalzt mit der Zunge. Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie sie in den nächsten Stunden passiv-aggressive Gebete gegen unsere Küchendecke rufen wird. »Du solltest dringend damit aufhören, deine ganze Zeit mit diesen Videospielen zu verbringen«, murrt sie. »Du bist achtzehn Jahre alt, Femi. Ein Studium kommt nicht von selbst.«
»Ich weiß.«
»Du kannst nicht dein Leben lang die Regale im Supermarkt einräumen.«
»Ich weiß.«
»Was ist denn gegen Supermärkte einzuwenden?«, wirft Dad ein. »Soll ich dich daran erinnern, dass das mein erster Job war, als wir nach Großbritannien gekommen sind?«
»Und ich habe hart gearbeitet, damit meine Söhne eines Tages Berufe angehen können, in denen einem mehr als ein paar Pfund gezahlt werden.« Auntie Grace wedelt mit ihrem Kochlöffel durch die Luft, bis der Jollof-Reis auf der vergilbten Tapete landet. »Dem Jungen fehlt die Perspektive. Es gibt so viele Menschen da draußen, die sich keine Bildung leisten können. Ist ihm das überhaupt bewusst?«
Ich beiße mir auf die Unterlippe. Weit muss Femi nicht gehen, um ein Beispiel zu finden. Niemand in unserem Haus hat einen Hochschulabschluss, weder Dad oder Auntie Grace, die als junge Erwachsene nach Großbritannien kamen, noch Mum, die in London aufgewachsen ist.
Ich packe meine Hefter weg und sehe zu Femi hinüber. Eltern, nicht wahr?, fragt sein Blick, doch ich schaffe es nicht, seine Belustigung zu erwidern. Vor einem halben Jahr ging Femi noch auf die Uni. Früher waren wir zwei Seiten derselben Medaille. Ich hatte eine Vorliebe für Mathe und Physik, wo Femi Englisch und Gesellschaftskunde lernte. Ich bekam ein Stipendium für die Hillburn Secondary und er war der Erste aus unserer Familie, der studieren würde. Er ist anderthalb Jahre älter als ich, aber unsere Leben liefen auf parallelen Bahnen.
Nur hat Femi sein Informatikstudium geschmissen und alles, was damit in Verbindung steht. Seinen Abschluss, die WG in Edinburgh, das Studiendarlehen, alles.
Dabei sollte Femi doch ein Wunderkind sein. Er wurde früher eingeschult, er hat eine Klasse übersprungen, alle seine Lehrer waren so fest davon überzeugt, dass er eines Tages etwas Großes aus seinem Leben machen würde. Stattdessen lungert Femi jetzt auf dem Dachboden unseres Hauses herum, arbeitet die Nachtschichten im Supermarkt und scheint keinerlei Anstalten zu machen, zurück an die Uni zu gehen.
Der Druck liegt jetzt auf mir.
Er wusste nicht mehr, wo diese Geschichte begann. Am Anfang? Ganz am Anfang, als das Wort für ihn noch anders hieß?
Drei Tage nach dem Mikrofon-Vorfall beschließt Mr Pennington einen Verantwortlichen für das Debakel zu finden, der definitiv nicht er sein darf, nur weil die Schulleitung das Budget für die Schultechnik seit Jahren nicht erhöht.
Als ich beim Büro unseres Schuldirektors ankomme, nickt mir die alte Sekretärin freundlich zu. Wir kennen uns, denn man findet mich ständig hier, in den Aushängen der Schulpreisträger, Fotos der Fußballmannschaft oder Zeitungsartikeln über Chorkonzerte. Das Einzige, was noch fehlt, ist eine goldene Plakette bei den Sportrekorden. Aber das wird dieses Jahr nachgeholt.
»Haben Sie etwas an Ihren Haaren verändert?«, frage ich und die Augen der Sekretärin weiten sich überrascht.
»Letzte Woche nachgefärbt. Mit dem Alter wird das bei den grauen Haaren notwendig.«
»Ach, das sieht man Ihnen doch gar nicht an.«
»Alter Schmeichler.« Sie schnaubt, aber ich erkenne den Ansatz eines Lächelns. »Mr Pennington ist noch nicht in seinem Büro. Du kannst im Wartebereich Platz nehmen, er ruft euch dann auf.«
Euch? Ich drehe mich zu den Stühlen um, nur um festzustellen, dass der Platz neben Penningtons Bürotür bereits von einem Mädchen besetzt ist.
Rin Nakamura blickt aus dem Fenster auf den Schulhof hinaus, ihre Finger pfriemeln an den zahlreichen bunten Ansteckern herum, die sie an ihrem Schulblazer hängen hat. Neben der immer vorhandenen Trans-Pride-Flagge erkenne ich heute einen Baby Yoda, einen »Love is Love«-Button und einen Brokkoli mit Sonnenbrille.
»Sieh an, wenn das nicht Vince the Prince höchstpersönlich ist«, begrüßt sie mich. »Wie läuft die Wiederwahl zum Schuloberhaupt?«
»Bist du wieder durch die Schulflure gerannt oder warum bist du ausnahmsweise pünktlich zu einem Termin?«
»Wie wäre es mit Vinny? Das klingt doch auch nach einem guten Spitznamen …«
»Die Buttons auf deiner Schuluniform verstoßen definitiv gegen die Hausordnung.«
»Oder warte mal … Vin! Dann wären wir Vin und Rin. Du musst zugeben, das klingt nach einem tollen Titel für eine Sitcom, besser noch als Tom und Jerry.«
Seufzend lasse ich mich auf den Platz neben ihr fallen. Tom und Jerry ist ein recht guter Vergleich für unser Verhältnis. In meiner Zeit als Pausenaufsicht hat es keine andere Person an der Hillburn Secondary gegeben, der ich so viele Verweise erteilt habe wie Rin Nakamura. Ständig rennt sie durch die Schulflure, verlässt unentschuldigt das Gelände oder schwänzt den Unterricht. In der Woche vor den Sommerferien trug sie jeden Tag ein Bananenkostüm zur Schule und als die Schuldirektion sie auf die Kleiderordnung hinwies, zog sie die Uniform einfach obendrüber.
»Es heißt Vincent«, korrigiere ich schließlich. »Nur meine Freunde dürfen mich Vince nennen, für alle anderen ist es Vincent.«
Rin grinst mich an, als plane sie bereits den nächsten Schritt in ihrem persönlichen Rachefeldzug gegen mich.
»Schon verstanden, Vince.«
»Du hältst dich wohl für unglaublich lustig, mit all deiner Widerrede. Fühlst du dich dadurch besser als der Rest?«
»Witzig, dass ausgerechnet du das sagst.«
»Summers! Nakamura!«, ertönt plötzlich die bellende Stimme Penningtons durch den Warteraum. »Wie schön, dass Sie mittlerweile eingetroffen sind.«
Wir waren schon vor ihm da, aber was soll’s. Pennington ist jahrelang Offizier beim Militär gewesen, ich kann sehr gut darauf verzichten, ihn ungefragt zu korrigieren.
»Ich nehme an, Sie wissen beide, warum wir hier sind«, brummt unser Schuldirektor, kaum dass Rin und ich uns auf das Chesterfield-Sofa in seinem Büro gequetscht haben. »Vor ein paar Tagen gab es einen Vorfall während der Begrüßungszeremonie, der zu einer Störung des Mikrofons geführt hat …«
»Und ich verspreche, dass ich es nicht gewesen bin!«, ruft Rin aus. »Der Hausmeister hat selbst gesagt, dass es sich nur um einen technischen Defekt gehandelt hat. Ich habe keine Ahnung, wie man ein Mikrofon explodieren lässt!«
»Du musst zugeben, dass du so was wie die Kandidatin Nummer Eins bist, wenn es um Chaos geht«, werfe ich ein.
»Ich würde aber nie jemanden verletzen. Nur mich selbst. Versehentlich.«
Mr Pennington massiert sich die Schläfe. »Das haben Sie schon mehrfach bewiesen«, seufzt er und Rin nickt hastig.
Obwohl wir sitzen, schafft Rin es, mich um ein ganzes Stück zu überragen. Ihre Finger klopfen unruhig gegen die Sofalehne und bei jeder Kopfbewegung wippen ihre Kirschohrringe mit – die übrigens einen weiteren Verstoß gegen die Kleidervorschriften darstellen.
»Explosionen sind nicht mein Stil. Ich hätte Frösche mitgebracht und sie hätten Kostüme getragen, mit kleinen Hütchen, die aufleuchten, wenn man auf sie drückt. Und im Hintergrund würde ein Prince-Song laufen, 1999 oder so.«
»Du solltest die Frösche beschriften«, schlage ich leise vor. »Aber nur mit Eins, Drei und Vier.«
Rins Augen weiten sich. »Wir nennen es Who let the Frogs Out!«
»Und dann spielst du The Winner takes it all von Queen, aber lässt deinen Namen einschneiden.«
»The Rin-ner takes it all? Oh, wie wäre es mit All I do is Rin?«
»Könnten wir bitte wieder zum Wesentlichen zurückkehren?«, unterbricht uns Pennington. »Mr Summers, Sie waren direkt von der Tat betroffen. Sicherlich sind Sie auch der Auffassung, dass unsere Mikrofone an keinerlei technischen Mängeln leiden.«
Unser Schuldirektor wirft mir einen eisernen Blick zu, der meine Antwort ankündigt, bevor ich sie überhaupt ausgesprochen habe.
»Selbstverständlich nicht, Sir«, sage ich also. Zugegeben, die größte Überraschung liegt darin, dass die technische Ausrüstung nicht schon früher einen Defekt erlitten hat. Im alten Schulgebäude der Hillburn sind die Spinnweben stabiler als die Internetverbindung und es grenzt an ein Wunder, dass es hier überhaupt Funkmikros gibt. »Zumal Miss Nakamura schon in der Vergangenheit durch Missachtung der Regeln dieser Institution auffällig geworden ist.«
Mr Pennington nickt zufrieden. Es ist ein Kinderspiel, die richtigen Worte für unseren Schuldirektor zu finden, und diese Abzeichen kommen nicht von selbst.
»Nun, dann ist es beschlossen.« Mr Pennington klatscht zufrieden in die Hände. »Ms Nakamura, das ist Ihr letzter Verweis. Noch ein Vorfall und ich werde Sie von der Schule suspendieren. Haben wir uns verstanden?«
Rin beißt sich auf die Unterlippe, bis sie weiß wird. Das sonst ausgelassene Funkeln in ihren Augen ist verblasst.
Er hat ihr mit einem Schulverweis gedroht.
Mein Magen dreht sich. Es ist eine Verbeugung für meine Glanzleistung vor Pennington, dabei ist das doch alles nicht meine Schuld. Selbst wenn ich etwas sage, wird das nichts an Mr Penningtons Auffassung ändern, und ihren schlechten Ruf bei der Schulleitung hat sich Rin selbst zuzuschreiben. Wie schwer kann es schon sein, sich an ein paar Regeln zu halten, die seit Jahrzehnten am Haupteingang prangen?
»Mr Summers?« Etwas an seinem Tonfall lässt darauf schließen, dass er mich gerade nicht zum ersten Mal anspricht. »Liegt diese Lösung in Ihrem Interesse?«
Rin dreht nervös ihre Anstecker.
»Ich halte eine Verwarnung für angemessen, Sir«, höre ich mich sagen, kann aber Rin dabei nicht in die Augen sehen.
Für Mr Pennington ist die Sache damit erledigt. Er fängt an, über die kommende Alumnifeier zu schwärmen, von einem Geschichtsprojekt der sechsten Klassen zu berichten und drückt mir anschließend irgendwelche Anträge in die Hand, um die Dani gebeten hat.
Rin sitzt die ganze Zeit daneben und schaut aus dem Fenster. Erst, als Mr Pennington uns aus seinem Büro entlässt, regt sie sich wieder, ihre Hände fest in den Jacketttaschen vergraben, den Rucksack nur über eine Schulter gezogen.
»Ich muss jetzt in die Richtung.« Ich zeige zur rechten Wendeltreppe am Ende des Gangs. »Dir … viel Erfolg dir noch.«
Rin runzelt die Stirn. Ihre Kirschohrringe wippen weiter umher. »Da muss ich auch lang. Hab jetzt Mathe in der Einundvierzig.«
»Der Grundkurs bei Mrs McCallion?«
»Ja.«
»Ich … auch.«
»Oh …«, macht Rin. »Okay, cool.«
Es ist offensichtlich alles andere als cool.
Und dann schweigen wir wieder. Ich ziehe mein Handy aus der Jacketttasche und scrolle durch mein E-Mail-Postfach, um nicht mehr auf Rin achten zu müssen, aber es funktioniert nicht. Selbst beim Gehen ist sie viel zu laut. Ihre Kirschohrringe klackern bei jedem Schritt und ihre Buttons scheppern in einem anderen Rhythmus mit.
»Ich wusste gar nicht, dass Handys auf dem Schulgelände erlaubt sind«, sagt sie und blickt auf mein Display herunter.
»Seit wann interessierst du dich für die Schulvorschriften?«, entgegne ich.
»Seit wann brichst du sie?«
Punkt für sie. Das stetige Brummen der Faxgeräte im Sekretariat nimmt ab und plötzlich hört man nur noch unsere Schritte durch die Flure hallen. In Rins Augen liegt eine Mischung aus Skepsis und Belustigung, die ich nicht einordnen kann.
»Das ist das offizielle E-Mail-Postfach des Headboys«, erkläre ich. »Manchmal schaue ich nach, ob ich Einladungen bekommen habe, zu landesweiten Schulkonferenzen oder Veranstaltungen des Schulausschusses.«
»Klingt alles sehr wichtig«, meint Rin.
»Durchaus, aber ich arbeite bereits seit über zwei Jahren für die Schülervertretung. Mit der Zeit gewöhnt man sich an die damit einhergehende Verantwortu– RIN!«
Fast hätte ich mein Handy fallengelassen.
Rin hat ihren Rucksack abgenommen und rennt auf das Tor am Ende des Gangs zu. Mit einem großen Sprung nach vorne streckt sie die Hand aus und schafft es, den obersten Punkt des Türrahmens zu berühren. Nur knallt ihr Kopf dabei gegen eine Lampe.
»Mir geht es gut!«, versichert sie und hält schnaufend einen Daumen hoch. »Willst du auch?«
Man darf nicht durch die Gänge rennen, ruft der vernünftige Teil meines Gehirns. Bestimmt schaffst du es mit weniger Anlauf, ruft der andere lauter.
Ich schüttle den Kopf, um mich von dem Gedanken zu befreien. »Du solltest dich unauffälliger verhalten, Rin.«
»Warum? Hier ist doch niemand, der sich daran stört, wenn wir springen.«
»Nein, ich meine, so allgemein …« Ich gestikuliere zu ihren Buttons. Mir fallen die japanische Flagge und ein sie/ihr-Anstecker auf, die direkt an der Stelle hängen, wo sich bei mir der Headboy-Pin befindet. Zu Rin muss man sich nichts zusammenreimen. Es hängt alles an ihr dran, eine ganze Palette an Identitäten und Labels, die sie einem mit einem Blick unter die Nase reibt. Keinerlei Geheimnisse, aber trotzdem hundert Fragezeichen. Ich verstehe nicht, was sie damit bewirken will.
»Wozu brauchst du die überhaupt?«
Rin legt den Kopf schief, ihr Zeigefinger kreist über meine Abzeichen. »Aus dem gleichen Grund wie du, oder?«
Sie grinst breit, als amüsiere sie meine gesamte Erscheinung, von dem kurzen Haarschnitt bis zu der gebügelten Krawatte. Noch frustrierender ist nur mein steigender Puls. Sollte Rin nicht diejenige sein, die wütend auf mich ist, weil ich Penningtons Verwarnung zugestimmt habe?
»Deine selbstgemachten Buttons sind nicht vergleichbar«, zische ich.
»Warum nicht?«
»Weil man sich diese Abzeichen verdienen muss! Da steckt ein Verfahren hinter jedem einzelnen! Man muss gewählt werden und sich in den Ausschüssen engagieren und Mr Pennington händigt dir am Anfang des Jahres dafür …«
»Das klingt schrecklich anstrengend nur für ein Stück Metall, das ein, zwei Schuljahre an deinem Blazer hängt, findest du nicht?« Rin gähnt theatralisch und streicht dann ihre Krawatte glatt. »Willst du jetzt eigentlich noch springen oder nicht?«
Ich schaue zum Tor hoch. Selbst wenn man nicht fast zwei Meter groß ist wie Rin, sollte es nicht zu schwer sein, die obere Leiste zu erreichen.
Ich nehme meinen Rucksack ab.
Als ich mein Handy weglegen will, sehe ich jedoch eine Nachricht, die es zum Blinken bringt.
Eine E-Mail.
Und ein Absender, den ich nicht kenne.
»Alles gut bei dir?«, fragt Rin und blickt auf mein Handy herunter. »Was ist das?«
»Geht dich nichts an«, murre ich, aber Rin beugt sich bereits über mein Display.
An: Vincent Summers (Hillburn Secondary Headboy)
Von: messageofthesun
Betreff: Bist du das?
Anlage:WS_Kapitel_1–10.docx
Es war einmal ein Prinz, der an die Küsten unserer Welt verschifft wurde. Der Letzte seiner Art, ohne eigenes Land oder Krone, Erinnerungen weggespült von den Wellen. Die Meere hatten ihn ausgelaugt, bis nur die Dunkelheit an seinen Händen blieb. Kierat, das war der Name, an den er sich noch erinnern konnte, den die Klippen nach ihm riefen.
»Du hältst dich für wichtiger als du bist«, murrte die Kriegerin und auf ihrer Haut leuchtete der Glanz der Palastkuppeln. »Ich muss dich nicht einmal suchen, um dich zu finden.«
»Schon in der ersten Schulwoche hier?«, sagt Patrycja, unsere Bibliothekarin, und pfeift anerkennend. »Krass, das muss ein neuer Rekord sein.«
Ich nicke hastig. Mein Lieblingsort an der Hillburn ist der Lesesaal der Schulbibliothek. Er ist noch im viktorianischen Originalzustand erhalten, mit dunklen Eichenholztafeln und Buntglasfenstern. In den Büchern zeichnen sich die Spuren der Schüler vorheriger Jahrhunderte ab und auf den Regalen liegt eine schwere Staubschicht, dick und grau, aber irgendwie vertraut. Von meinem Stammplatz am Fenster kann man das gesamte Gelände überblicken, das große Fußballfeld und das Internatsgebäude, die Cliffs hinter den Dächern des Stadtkerns und den schmalen Pfad, der hoch in die schottischen Berge führt. Ich kann es kaum abwarten, hier wieder meine Bücher ausbreiten zu können.
Die Abgabe für den Mathewettbewerb steht in nur zwei Wochen an. In den Sommerferien habe ich mich mit der Stadtbibliothek in Glenfield Park zufriedengegeben, aber die bietet nichts im Vergleich zur Fachliteratur in der Schule.
»Neue Kopfhörer?«, frage ich.
»Aye, irgendwie muss man die Stille auf Arbeit mit Rockmusik füllen.« Patrycja grinst und fährt sich über den kahl geschorenen Kopf. »Da sitzt übrigens jemand an deinem Lieblingstisch.«
Ich drehe mich zu den Arbeitsplätzen um.
Vincent Summers kippelt auf meinemStuhl, die Sporttasche auf dem Fensterbrett abgelegt, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Auf dem Tisch vor ihm liegt nur ein Schreibblock, nicht einmal einen Stift hat er ausgepackt.
»Macey, wie absolut unerwartet, dich hier anzutreffen!«, ruft er stolz. Er hat dieses typische Schulsprecher-deines-Vertrauens
