Bevor der Himmel reißt - Amani Padda - E-Book

Bevor der Himmel reißt E-Book

Amani Padda

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Beschreibung

Zwei Jugendliche. Zwei verfeindete Familien. Und eine Freundschaft, die dort beginnt, wo das Schweigen aufhört. Piesnitz in Sachsen, ein Ort, in dem man auffällt, wenn man anders ist. Dilly und Heer, beide 17, beide Kinder indischer Einwandererfamilien, beide Sikhs. Ihre Eltern betreiben die einzigen indischen Takeaways und leben direkt gegenüber voneinander in Wittstock-Ost, einem Teil von Piesnitz, einer Stadt mitten in Sachsen. Und doch haben sie noch nie ein Wort miteinander gesprochen. Nach dem Tod ihres Vaters, verliert Heer den Halt – bis sie plötzlich Dilly auf einer Party begegnet. Sie kommen sich näher und treten gemeinsam einer Jugendgruppe bei, die sich engagiert, das Viertel näher zusammenzubringen, die Community zu stärken und sich gegen den rechten Hass ihrer Stadt aufzulehnen. Zwischen rechter Gewalt, Alltagsrassismus und familiären Konflikten erfahren sie erstmals, was Zusammenhalt und standhaftes Bleiben bedeutet – und dass Heimat mehr ist, als ein Ort, den andere für einen definieren. Ein bewegender Jugendroman über Migration, Queere-Themen, Freundschaft und den Mut, sichtbar und man selbst zu sein.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 331

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Amani Padda

Bevor der Himmel reißt

Roman

© Atrium Verlag AG, Imprint Arctis, Zürich 2026

Alle Rechte vorbehalten

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover

Zitat im Motto frei übersetzt von der Autorin

© Text: Amani Padda

Lektorat: Sophie Hofmann

Coverillustration: © 2025 by Cannaday Chapman

Innenillustrationen: © 2025 by Amani Padda

Covergestaltung: Heike Kortylak (W1-Verlage GmbH)

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

Alle Rechte vorbehalten. Der Verlag untersagt ohne ausdrückliche schriftliche Zustimmung die Nutzung dieses Werkes im Sinne des §44b UrhG für das Text- und Data-Mining.

 

ISBN978-3-03880-187-0

 

www.arctis-verlag.com

Folgt uns auf Instagram unter www.instagram.com/arctis_verlag

 

 

 

Liebe Leser*innen,

dieses Buch enthält Elemente, die potenziell belastend sein können.

Aus diesem Grund findet ihr hier eine Inhaltswarnung, die Spoiler für den Roman enthält.

Wir wünschen euch das bestmögliche Leseerlebnis.

Playlist

Heer – RAF Saperra

Wittenberg ist nicht Paris – Kraftklub

Hypersonic Missiles – Sam Fender

It’s Been A While – Staind

Kismat – Bloodywood

Wish You Were Here - Incubus

Freakin‘ Out on the Interstate – Briston Maroney

Wide Open – The Chemical Brothers

Ten Years Gone – Led Zeppelin

Universal Tellerwäscher – Die Sterne

Close One – FIZZ

Nach Hause komm‘ – Trettmann, Jassin

Drum Show – Twenty One Pilots

Every Day Is Exactly The Same – Nine Inch Nails

Jugend ohne Gott gegen Faschismus – Tocotronic

Ajab Si – Vishal-Shekhar, KK

It’s Called: Freefall – Rainbow Kitten Surprise

Terrible Love – The National

Taxes - Geese

Reese – Big Red Machine

 

 

 

Für alle, die in der falschen Timeline feststecken, Deren Hoffnung nicht nur Federn trägt, sondern Krallen, Für alle mit Herz und Haltung, Fahrradkuriere, Kellner*innen, Migrakids, Die ihre Träume hinter Ladentheken kleinhalten, – Lasst sie frei.

 

 

 

Und Heer antwortete: »Weißt du nicht, dass drei Dinge geheim gehalten werden müssen: das Feuer, eine Wunde und die Liebe?«

 

Waris Shah, Heer und Ranjha

 

 

 

 

Von: Dilly Singh

An: HKS

Betreff: hi

 

Hallo Heer,

 

ich hoffe, es geht dir gut. Also wirklich, nicht nur als Floskel. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie ich anfangen soll. Vielleicht mit der Idee meines Mitbewohners. Jîyan, falls du dich erinnerst. Ich hab dir mal von ihm erzählt, ich weiß nicht, ob die Nachricht jemals bei dir angekommen ist. Das war noch im ersten Semester, ganz schön lange her. Egal. Jîyan hat einen Artikel über alternative Therapieformen gelesen und ist seitdem der Auffassung, dass wir einen »Writing Retreat« besuchen müssen. Das wäre gut für uns, so als junge Männer mit Migrationshintergrund. Standardmäßige Psychotherapie würde zu häufig an unseren Bedürfnissen vorbeischießen und wir sollten mal mehr aus Berlin rauskommen. Es klang alles sehr schlau und hochtrabend. Kein Wunder, dass ich mich da mitziehen ließ. Jîyan ist hartnäckig und ich ein rückgratloser Ja-Sager.

Ein »Writing Retreat« ist ein bisschen so, als würde dich jemand zwei Wochen lang zum Tagebuchschreiben zwingen, während du auf einem alten Gutshof irgendwo in Brandenburg hockst.

Wir mussten nicht vorlesen, was wir schreiben, zum Glück. In den ersten Tagen kam bei mir nur Stuss raus. Zwei Sätze maximal darüber, wie das Frühstück war. Vielleicht schämte ich mich auch, weil ich mich so schwer mit der Rechtschreibung tat.

Erst in der zweiten Woche traute ich mich, das Gutshaus mal zu verlassen und durch das naheliegende Dorf zu spazieren. Nur kurz um den Block, nicht zu weit. Ich sah mir die braunen, karg verputzten Einfamilienhäuser an, die schrägen Wände, die von Staub und Kies ergrauten Wege. Und es erinnerte mich an Indien und es erinnerte mich an Sachsen, so vertraut eingelebt und abstoßend zugleich. Die rechten Graffiti an den Stromkästen sahen genauso aus wie bei uns damals.

Zurück auf dem Gutshof habe ich ein ganzes Notizbuch gefüllt. Manche Passagen kann ich nicht mehr entziffern, weil mir beim Schreiben so viele Tränen kamen. Ich konnte nicht aufhören, nicht mit dem Schreiben, nicht mit dem Weinen.

Ich denke so gut wie jeden Tag an dich.

Ich denke an uns, jedes Mal, wenn nach Straftaten eines Ausländers stundenlange Interviews und politische Debatten geführt werden, aber die gleiche Tat eines Deutschen nach einem Tag vergessen ist.

Ich denke an uns, jedes Mal, wenn ich Menschen erzähle, dass ich ursprünglich aus Sachsen komme und ihre erste Reaktion »mein Beileid« ist.

Ich denke an uns, wenn ich durch Berlin laufe und nicht vor jedem Straßenschild anhalten muss, um die aufgeklebten Sticker auf Naziparolen zu überprüfen.

Du hattest mal gesagt, dass wir keine Freunde geworden wären, wenn es in Piesnitz mehr Ausländer gegeben hätte. Dass unsere Herkunft unsere einzige Gemeinsamkeit war. In einer Großstadt wie Berlin, die gewaltig und divers ist, hätten wir einander nicht gebraucht. Jetzt, wo ich hier wohne, kann ich nur sagen, ja, es wäre schwerer gewesen, dich zu finden. Aber ich hätte trotzdem überall nach dir gesucht.

 

Alles Liebe, wo auch immer du bist,

Dilly

 

P.S. Jîyan hat diese E-Mail Korrektur gelesen. Er findet sie extrem peinlich, aber Grüße gehen raus.

Fünf Jahre zuvor

[Ausführliche Bildbeschreibung]

Dilly

Sommerferien

Hallo. Willkommen. Ihre Bestellung bitte? Welche Beilagen? Nein, das ist nicht so scharf. Wir können’s gerne schärfer machen. Sind Sie sich sicher, ja? Noch ein Getränk? Wir haben Zero, Light, Classic. Ein Dessert? Ja, natürlich können Sie sich die Eistruhe ansehen. Kann ich noch etwas für Sie tun? Immer gern. Morgen haben wir offen, ja. Wir haben jeden Tag offen (haha). Sonst noch etwas? Bewerten Sie uns gerne auf der Lieferando-App und auf Google. Mit dem Klick bestätigen Sie, dass Sie die Datenschutzerklärung wahrgenommen haben und unsere AGB gelesen haben. Das Trinkgeld können Sie selbst eingeben. Authentifizieren Sie sich mit ihrem Online-Account für ein noch schnelleres Bestellerlebnis. Hinterlassen Sie gerne eine Rezension auf Google. Jetzt zehn Prozent Rabatt für alle Selbstabholer! Lunch Deals gelten nur bis 14 Uhr. Informieren Sie sich jetzt über das breite Spektrum an Daily Deals! Drücken Sie den Follow-Button und folge uns einfach auf allen gängigen Plattformen. Die Freischaltung für Sonderangebote erfolgt nach der fünften Bestellung.

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Es fing damit an, dass ich drei Tage lang mit Grippe im Bett lag, und danach habe ich mich versehentlich am Herd verbrannt, und danach auf eine Weise selbst sabotiert, die ich mir nicht mehr erklären kann. Ich kam von der Schule zurück und schlief ein, fast zwei Wochen lang.

Irgendwann während dieser Zeit fiel mir auf, dass es in der Nähe meiner Stadt einen Steinbruch gab, den ich noch nie gesehen hatte. Wie absurd, obwohl ich schon mein Leben lang hier lebte. Also schnürte ich meine Schuhe ganz fest und setzte mich auf mein Fahrrad, einen rostigen alten Drahtesel, zusammengehalten von Panzertape und Bapus migrantischem Geiz. Es ist das einzige Fahrrad in ganz Piesnitz, das sich nie darum sorgen muss, geklaut zu werden.

Ich strample los, bergauf, es ist eine schwitzige, schmerzhafte Angelegenheit, nachdem ich mehrere Tage lang meinen Körper kaum gespürt habe. Und während ich strample, fällt mir auf, dass ich den Weg eigentlich gar nicht so genau weiß, weil es hier im Wald niemanden gibt, an den ich jemals eine Bestellung austragen musste. Aber ich fahre weiter, durch die Dunkelheit, ohne zu wissen, wo der Steinbruch überhaupt anfängt und der Berg aufhört.

Fahrradunfall, wenn man meine Eltern fragt.

Fahrradunfall, wenn man die Ärzte konsultiert.

Fahrradunfall, wenn ich nicht zu lange darüber nachdenke.

Heer

»Heer? Hörst du mir überhaupt zu?«, Chachas Finger tappen gegen das Lenkrad. »Ey, du verstehst nicht, wie viel Glück du gerade hast. Weißt du, wie viele Runden ich um diesen Block bin, bis ich dich gefunden habe?«

Wir fahren vorbei an braun-grauen Häusern rau und porös, saugen sie das Licht der Straßenlaternen auf. Es folgen Reihen an Garagen und Betonbauten. Holztore, alle mit dem gleichen hässlichen Lack versiegelt. Perfekt zurechtgestutzte Hecken. Weite Fenster, an denen sich Rentner abstützen und den ganzen Tag ihre Nachbarn beobachten. Manche Ecken von Piesnitz sind so spießig, dass ich nicht darauf klarkomme. Ich lehne meinen Kopf gegen das Autofenster, aber das Brummen kann meine Kopfschmerzen nicht lindern.

Zu meiner Verteidigung: die meiste Zeit weiß ich ganz genau, was ich tue.

Ich weiß nur nicht, warum.

Ich weiß nicht, warum ich in Knäckes Auto gestiegen bin, obwohl er absolut zugedröhnt war. Ich weiß nicht, warum ich auf die Feier gegangen bin. Ich weiß nicht, warum ich mich mit einem Haufen Azubis und Studenten besoffen habe, die vermutlich fünf Jahre älter sind als ich. Und ich weiß erst recht nicht, wieso ich plötzlich allein draußen stand, ohne Jacke, ohne Handyakku, dafür mit halb voller Weinflasche.

Aber Chacha will das alles natürlich ganz genau wissen. Bis ins letzte Detail will er hören, wie ich mich in diese Scheiße geritten habe. Überraschung – ich weiß es nicht, ich weiß absolut gar nichts. In meinem Kopf wütet gerade eine Bigband und vor meinen Augen tanzt ein Haufen Fussel.

Vielleicht sollte ich es auf meine Mutter schieben. Wenn alles schiefläuft, kann ich immer einen Elternkomplex finden, der an allem schuld ist.

»Warumbistdunochwach?«, frage ich. Der Satz schafft es nur als einziges Wort heraus, das bekomm ich selbst im angetrunkenen Zustand mit. »Dating-Apps?«

»Wo warst du diese Nacht?«

»Wie heißt sie?«

»Du bist erst siebzehn, Heer.«

»Aber …«

»Siebzehn«, unterbricht er mich. »Du bist, verdammt noch mal, erst siebzehn Jahre alt. Wie kamst du auf die Party?«

»Kannte Leute.«

»Die fünf Jahre älter sind als du und in ’nem ganz anderen Stadtteil wohnen?«

Ich zucke mit den Schultern.

An der nächsten roten Ampel dreht Chacha den Kopf zu mir. »Und dieser … Knäcke?«

»Kumpel von mir.«

»Und sein Drogenproblem ist dir nie aufgefallen?«

Was für eine Frage. Natürlich ist es mir aufgefallen, deswegen musste ich ihn während der ganzen Fahrt zur Party anleiten. Ich hätte mich ja selbst ans Steuer gesetzt, wenn Knäcke es bei seinem neuen Wagen erlaubt hätte. Im Vergleich zu ihm fahr ich richtig gut, obwohl mein ganzes Training auf Supermarkt-Parkplätzen stattgefunden hat. Aber es ist auch keine Kunst, besser als Knäcke zu fahren, der Typ hat seinen Führerschein safe auf ebay gekauft. 

Die Ampel schaltet auf Grün und Chacha stöhnt. »Ich weiß, letztes Jahr ist viel passiert, aber das ging heute zu weit. Irgendwann musst du … du weißt schon, weitermachen.«

»Weiterma…?« Fuck, das Wort schafft es nicht mal mehr vollständig aus mir heraus. »Du denkst … wegen Da…?«

Die Buchstaben verschwimmen. Ich krieg mich nicht mehr ein, plötzlich muss ich lachen und mir steigen Tränen in die Augen. Ich wünschte, ich hätte wirklich wegen Dadaji getrunken und nicht, weil ich mit ein paar Studis mithalten wollte. Ich wünschte, es würde alles mit meinem Vater zusammenhängen, damit man die Scheiße, die ich anrichte, wenigstens einem tragischen Schicksalsschlag zuordnen könnte. So nach der Devise: Kein Wunder, dass sie so drauf ist, ihr Vater ist tot!

Aber mein Leben basiert nicht auf Gründen, sondern nur auf Ausreden.

Chacha biegt in unsere Straße ein und hält vor unserem Laden. Die Lichter unseres indischen Take-aways, dem Sangheras, sind bereits aus. Sogar das Chahals gegenüber ist zu, was ein bisschen schräg ist. In Piesnitz gibt es nur zwei indische Familien, die direkt gegenüber voneinander wohnen und dann auch noch genau dasselbe machen: einen Lieferdienst führen.

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das Chahals das letzte Mal so leer gesehen habe. Tagsüber laufen die Lieferanten dort ein und aus. Sie sind Schreckgespenster in grellblauen oder orangefarbenen Jacken, ein Bienenschwarm, der das Take-away-Nest während der Stoßzeiten umringt. An den Schaufenstern hängen neue Angebote, Flyer, eins aufwendiger und professioneller als das nächste. Es ist eine Sache, zu wissen, dass der Laden der Konkurrenz besser läuft als unserer. Es ist eine andere, es jeden Tag vor die Nase gedrückt zu kriegen.

»Na komm.« Chacha öffnet meine Autotür. Ich bekomme noch mit, wie er meinen Gurt öffnet und mich vom Sitz zieht. Mein Arm klammert sich an seine Schulter, während er mir zur Tür hilft. Die Tränen auf meinem Gesicht sind bereits getrocknet, meine Haut ganz steif, es tut irgendwie weh.

Chacha stützt mich ab, während ich die Treppen hochtorkle.

Es erinnert mich daran, wie ich als Kind manchmal so tat, als würde ich schlafen, damit mein Vater mich vom Auto ins Bett trug. Wenn ich die Augen schließe, kann ich noch den Druck seiner Schulter unter meinem Kinn spüren, seinen rauen Bart an meinem Ohr, den Stoff seines Poloshirts unter meinen Fingern.

»Du riechst wie er …«, lalle ich.

»Wer?«

Ich bring nicht einmal seinen Namen hervor. Es ist beschissen. Es ist alles so beschissen.

***

Den Großteil meines Sommers habe ich draußen verbracht, auf Partys, und auf einer lernte ich Knäcke kennen. Ich blieb eher an den äußeren Ecken der Massen hängen, er auch. Wir saßen auf dem Balkon und beobachteten das Geschehen im Innenhof. Ich erzählte Knäcke vom Solarsystem und von schwarzen Löchern und Weltraumgeräuschen. Nach Dadajis Tod brauchte ich etwas, was den Lärm in meinem Kopf ausblendete, also ließ ich den ganzen Tag lang Arte-Dokus über den Weltraum in Dauerschleife laufen. Als könnte ich mich so am weitesten von mir selbst entfernen.

Knäcke fand mein Infodumping interessant und klug und meinte, er hätte bis hierhin noch kein einziges gutes Gespräch auf dieser Party geführt. Seine Freunde, vor allem die Girls, die wollten nur tanzen, die hätten gar kein Interesse an seinem Intellekt. Er sagte das alles zu mir, als wäre es ein krasses Kompliment.

Knäcke hörte nicht einmal richtig zu, während ich sprach. Er nickte nur und drehte seine Joints. Wäre ich ein besserer Mensch, hätte ich Knäckes Getue sofort den Rücken gekehrt. Aber als ich ihn dabei beobachtete, wie er die ganze Zeit ahnungslos zustimmte und darauf pochte, dass ich »so viel interessanter sei als andere Mädchen«, war das so bescheuert, dass ich lachen musste. Zum ersten Mal seit Dadajis Beerdigung.

Innerhalb eines Jahres war meine Familie zerbrochen und unser Leben in einem Berg aus Rechnungen untergegangen, aber Typen wie Knäcke wird es immer geben. Typen, die planlos durch ihr Leben driften und sich dabei für die absoluten Macher halten. Wie soll ich das nicht urkomisch finden?

Chacha hasst es, dass ich mich auf solche Leute einlasse. Aber er ist auch ein ziemlicher Schisser. Für dich ist es einfach zu behaupten, dass das alles lustig ist und dir niemand was kann, sagt er, aber eines Tages wird einer dieser Typen realisieren, dass du nicht mit, sondern über sie lachst. Eines Tages findet das einer von denen nicht mehr so witzig.

Bisher hat es aber immer geklappt. Ob in der Schule, auf Partys oder bei Jungs – solange ich so tue, als hätten andere Menschen die Kontrolle über mein Leben, fällt niemandem auf, dass ich mich eigentlich über sie lustig mache. Knäcke hat mein Lachen als ein Kompliment verstanden und lädt mich seitdem zu all seinen Partys ein. Natürlich kreuz ich immer auf und spiele mit. Ja klar, bin dabei, das wird nice. Gieß mir noch ’nen Drink ein.

Noch ’ne Zigarette.

Noch ’nen Song.

Noch

einen

Moment

Bitte.

Scham ist einfacher als Verlust.

Dilly

August

Liste an Gründen, warum es ganz wichtig ist, dass ich nicht den Bus verpasse:

Es ist der erste Schultag und ich will einen guten Sitzplatz erwischen, der nicht zu weit vorne ist, wo meine Kunstlehrerin Smalltalk mit mir anfängt. (Sie war während ihres Sabbatjahrs in Indien und redet die ganze Zeit von Chakras. Ich habe keine Ahnung von Chakras.)

Pünktlich an der Bushaltestelle zu sein, bedeutet, dass ich am Ende nicht der Typ bin, auf den der Busfahrer warten muss und der dann als Strafe die genervten Blicke der anderen Passagiere auf sich zieht.

Oder noch schlimmer – dass ich dann der Typ bin, der dem Bus hinterherrennt, nur damit sich die Türen direkt vor seiner Nase schließen. Und dann starren mich alle im Bus an, während sie wegfahren, und machen sich über den Ausländer lustig, der immer zu spät ist.

Als Mumi mir im Flur sagt, dass ich noch mal fix bei Bapu vorbeisehen soll, kann ich an nichts anderes denken. Ich habe ihr nicht widersprochen, aber mein Blick huscht immer wieder zu meinem Handydisplay, das die Uhrzeit preisgibt. Bereits um sieben Uhr morgens riecht das Chahals nach Zwiebeln, Thorka und Öl. Der Geruch dringt über jede Pore in mich ein, dass ich nicht mehr ausmachen kann, wo ich aufhöre und wo unser Take-away beginnt.

Am Tresen steht Bapu und streicht sich über den langen Bart. Er wartet auf eine Gemüselieferung. Erste Sonnenstrahlen setzen sich in seiner tief zerfurchten Stirn nieder und lassen seinen gelben Turban leuchten. Vor ihm fein sortierte Rechnungen, ein alter Taschenrechner, eine Elefantenstatue. Wenn ich es zeichnen müsste, bräuchte es Gouache für die vielen schweren Linien und tiefen Schatten, in denen sich die Spuren jahrelanger Arbeit verstecken. Vor ein paar Monaten haben wir den Eingangsbereich neu gestrichen, aber zwischen den alten braunen Holzmöbeln, kitschigen Plastikblumen und dem verblassten Gemälde unserer Gurus hinter dem Tresen, fällt es kaum auf.

»Wie wäre es diese Woche mit einem Tandoori-Spezial?«, fragt Bapu auf Punjabi. »Hatten die Sangheras das schon?«

Mein Vater versteht es als seine persönliche Mission, der Konkurrenz immer einen Schritt voraus zu sein. Ich trete von einem Bein aufs andere.

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Sehr gut, dann machen wir diese Woche Tandoori!« Endlich schaut mein Vater von seinen Unterlagen auf. Sein Blick bleibt an meinem eingegipsten Arm, dem Turban und ein wenig länger an meinem »Bloodywood«-T-Shirt hängen. Als er realisiert, dass ich meinen Schulrucksack aufhabe, runzelt er die Stirn.

»Eh ki ya?« Was ist das? »Ich dachte, Schule geht erst im August los.«

»Es ist August.«

»Dann halt Ende August. Wieso hast du nichts gesagt?«

Während der Sommerferien habe ich jeden Tag im Chahals verbracht, Lieferungen vorbereitet, Gemüse präpariert, Bestellungen aufgenommen und dabei das Telefon viel zu oft fallen gelassen. Ich habe in der Mittagssonne gegen meine Müdigkeit angekämpft und nachts gegen meine Schlaflosigkeit verloren. Mit dem Anfang der 12/1, meinem Abijahr, ist damit Schluss. Bapu musste meiner Mutter versprechen, dass mein Abschluss Vorrang hat, und dazu gehören weniger Aushilfsstunden für unseren Lieferdienst.

Ob er sich daran halten wird, ist etwas anderes.

»Wir brauchen neue Flyer für Tandoori«, sagt er.

Ich nicke, mit dem halben Fuß bereits zur Tür hinaus.

»Und Änderung auf Website. Ich schick dir auf Whatsapp.«

»Ich mach’s heute Nachmittag, versprochen.«

»Aber nicht vergessen. Und sag nichts deiner Mutter!«

 

Die effektivste Routine während der Schulzeit lautet 6:35 Uhr aufstehen, Jalousien hochziehen, Bett machen, eine halbe Stunde im Bad damit verbringen, meinen fleckigen Bart im Spiegel anzustarren, die Straße zur nächsten Haltestelle herunterlaufen, der Dame mit dem winzigen Pudel beim Vorbeigehen einen guten Morgen wünschen (ich weiß bis heute nicht, ob der Hund oder die Frau Rosa heißt), den Bus um 7:20 Uhr nehmen und gegen 7:43 Uhr pünktlich vor der Schule ankommen.

Vielleicht habe ich diesen extremen Vorbereitungszwang von meinem Vater, aber er ist wichtig, um in Piesnitz zu überleben. In meiner Stadt liegt der Ausländeranteil bei unter zehn Prozent. An unserem Gymnasium kann man die Jugendlichen mit Migrationshintergrund sogar an einer Hand abzählen. Für viele Piesnitzer bin ich damit der einzige nicht-weiße Typ, dem sie in ihrem Alltag begegnen. Der Einzige mit Turban allemal. Diese Rolle als Quotenausländer bedeutet, dass ich mich immer so unauffällig wie möglich verhalten muss, denn von mir hängt der Ruf aller Migranten Deutschlands ab. Einmal laut in der Öffentlichkeit Musik gehört oder unpünktlich gewesen und schon habe ich den Rechten eine Stimme mehr geschenkt. Und in Piesnitz wählen bereits über vierzig Prozent die AfD.

Doch leider sind nicht alle von uns so vorsichtig.

»Verdammt, wartet mal! Wartet mal noch!«

Ich entdecke Heer Sanghera gegen 7:22 Uhr, als die Türen des Busses noch offenstehen. Sie sprintet auf die Haltestelle zu und stolpert fast über den Gehweg. Einzelne Haare haben sich aus ihrer Flechtfrisur gelöst und wippen im Takt ihrer Schritte. »Bin gleich da!«

Die alte Dame vor mir schüttelt den Kopf. Als diese einsteigt, bleibe nur ich von den Fahrgästen draußen übrig. Ein Fuß steht bereits im Bus, der andere draußen.

»Na los!«, fordert der Busfahrer mich auf. Ich umklammere meine Fahrkarte. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Heer daran scheitert, die hintere Tür des Busses zu öffnen. Dann entdeckt sie mich. Und die Passagiere tun es ihr gleich und starren mich alle an. Ihre Blicke durchbohren mich wie Hunderte kleine Nadelstiche, deren Druck ich nicht gewachsen bin.

Ich steige ein.

Als sich die Tür hinter mir schließt, ist das Letzte, was ich sehe, Heers wütendes Gesicht, während sie mir ein Schimpfwort nach dem anderen hinterherwirft.

 

Heers Familie führt den Laden gegenüber vom Chahals. Sie sind die Art von schlechten Ausländern, von denen sich Bapu immer abgrenzen will. Die, die immer nur Ärger machen und sich nicht richtig integrieren. Heers Chacha hat seine Papiere nicht und kann kaum Deutsch. Dafür hört er immer richtig lauten indischen Gangsterrap, wenn er mit seinem Auto vorbeifährt. Und Heer … na ja, dass ihr letztes Jahr so schlecht lief, dass sie die Zehnte wiederholen muss, hat sich sogar bis nach Indien rumgesprochen.

7:24 Uhr finde ich einen freien Platz am Fenster. Die Frau auf dem Sitz gegenüber drückt ihre Tasche enger an sich und ich tue so, als würde ich das nicht bemerken. Ich krame mein Skizzenbuch aus meinem Rucksack heraus und blättere durch die Seiten. Zwischen Entwürfen für den Imbiss und Metalband-Fonts, entdecke ich eine unfertige Zeichnung einer alten Straßenfassade. Das Gebäude steht gegenüber unserer Schule. Manche Details sind etwas unförmig geworden, weil ich sie flüchtig abgezeichnet habe, bevor meine Deutschlehrerin Frau Rehm mich entdecken konnte.

Plötzlich macht der Bus eine Vollbremsung. Um mich herum geht ein Chor aus Stöhnen und Seufzern los.

»Tja, meine sehr geehrten Damen und Herren«, das Mikro des Busfahrers rauscht so sehr, dass man seine Worte kaum versteht, sein Atmen aber umso lauter wirkt. »Der vor uns befindliche Abschnitt wurde von der Polizei abgesperrt.« Tiefes Einatmen ins Mikro. »Wir schauen mal, ob es hier weitergeht.« Ausatmen. »Oder ob wir eine alternative Route finden. Ansonsten steht es Ihnen frei, hier auszusteigen und bis zur nächsten Haltestelle zu laufen.«

Den Rest seiner Durchsage verstehe ich nicht mehr. Alles schaut nach vorne, windet und dreht sich, um einen Blick auf das Geschehen vor uns zu erhaschen. Ich sehe nichts außer grauer Straße.

Viele Passagiere bleiben sitzen und tippen hastig auf ihren Handys herum, jede Variante von Ich komm’ zu spät. Die Öffis, man kennt’s. Eine kleinere Gruppe zieht es nach draußen. Die Frau mit der Tasche gehört nicht dazu. Also gehe ich mit.

Einmal auf der Straße braucht es nicht lang, bis sich die Ursache für das Chaos zeigt. Es sieht aus wie eine Demo, was eigentlich nicht sein kann. Demos finden in Piesnitz maximal auf dem Marktplatz statt und selbst dann sind es nur Montagsschwurbler, die gegen Windräder und Islamisierung protestieren. Die Gruppe hier ist viel jünger, vielleicht Studenten von der Hochschule. Das Feldstück, vor dem sie sich positioniert haben, wird von einem Metallzaun abgesperrt. Ein riesiges Banner hängt dran:

 

PIESNITZ BRAUCHT LUFT!

WIR SAGEN NEIN ZUM BAU DER EINKAUFSALLEE

PEACENITZER FÜR DEN ERHALT EINES GESUNDEN STADTKLIMAS

 

Ich will mich nicht selbst loben, aber mit den Flyern, die ich für das Chahals erstelle, kann das hier nicht mithalten.

Ein Mann mit dunkelblondem Haar und glitzerndem Make-up entdeckt mich. Hinter seinem Ohr hängt ein Textmarker und er schenkt mir das breiteste Lächeln, das ich seit den Sommerferien gesehen habe. Bestimmt ist er Student.

»Hey Sportsfreund, hättest du kurz Zeit, dich für den Erhalt des Luftkorridors in Piesnitz …« Der Rest seines Satzes geht in den Rufen seiner Mitstreiter verloren. Er zeigt auf den Bannerspruch und hält mir ein Brett mit einer Unterschriftensammlung entgegen. »Na?«

»Ich muss zur Schule«, murmle ich.

»Kein Problem. Dann sehen wir uns später!« Er zwinkert mir zu, als hätten wir gerade einen Insiderwitz ausgetauscht. Ich muss mich wegdrehen, um nicht sofort das Gesicht zu verziehen. Ist ihnen nicht peinlich, wie sie hier alles mit ihren bunten Postern und Trillerpfeifen aufhalten? Und dann ausgerechnet früh am Morgen, wenn ich pünktlich zur Schule will?

Aber der Student lächelt weiter und er lächelt und winkt mir immer noch zu, als ich bereits die Straßenseite wechsle und den Kopf einziehe.

Regel Nummer eins für Piesnitz: Ein guter Ausländer ist einer, der nicht auffällt.

Dilly

Piesnitz ist eine Kleinstadt. Das heißt, es gibt weder interessante Cafés oder Museen, die eine Großstadt auszeichnen, noch die Ruhe und frische Luft, die das Landleben erträglich machen. Stattdessen haben wir menschenleere breite Straßen und einen vertrockneten Stadtpark. Man kennt sich nicht beim Namen, aber gut genug, um jedem Neuzugang mit Fremdenfeindlichkeit zu begegnen. Unser Stadtzentrum ist ein Parkplatz und das Highlight ein Bus, der einen einmal die Stunde aus dieser Misere herausfährt. Kein Witz, die Piesnitzer Website nennt es die optimale Pendlerstrecke.

Mittendrin liegt das Clara-Zetkin-Gymnasium. Am Schultor werde ich von einem »Schule-ohne-Rassismus«-Schild begrüßt, das wir vor fünf Jahren wegen einer Unterschriftensammlung erhielten. Unsere Klassenlehrerin bestand darauf, dass ich als Erster meine Unterschrift auf den Zettel setzte und in der siebten Klasse war ich naiv genug, um das als Kompliment zu verstehen. Vermutlich wollte Frau Schräuble damit sicherstellen, dass der Zettel nicht nur von weißen Deutschen unterschrieben wurde, die sich gegenseitig für ihren fehlenden Rassismus lobten.

Obwohl wir nur noch fünf Minuten bis zum Unterricht haben, wartet Ben auf dem Schulhof.

»Da bist du ja!« Er streckt seine Arme zu mir aus, als wäre er Moderator einer Gameshow. Sein Enthusiasmus zerfällt, als er mein müdes Gesicht sieht. »Alter, was ist denn mit dir passiert?«

»Bus kam nicht. Musste laufen.«

»Und dein Arm?«

»Der Gips ist von vorher. Hatte einen Fahrradunfall in den Sommerferien.«

»Krass, und du hast nichts gesagt?« Er zieht mich an der Schulter zu sich heran und für einen kurzen Augenblick sieht er aus wie der Student von heute morgen. Ben ist auch so einer, der unironisch »Sportsfreund« sagt. Im Vergleich zum Rest unseres Jahrgangs scheint er zwei Jahre später zu altern, als hätte ihn die Pubertät bis vor kurzem vergessen. Er versucht es auszugleichen, indem er seine Stimme tiefer stellt und besonders oft »ey« sagt, aber ehrlich gesagt lässt ihn das nur kindischer wirken.

»Ich hatte über die Ferien eine richtig nice Idee«, beginnt er. »Und hör erst mal zu, bevor du sagst, dass du keine Zeit hast.«

Ich hebe die Augenbrauen, aber lasse ihn ausreden. Seinen wilden Gesten nach zu urteilen, hat Ben diese Ankündigung eingeübt.

»Ich versteh ja, ihr seid der beste Lieferdienst der Stadt und du bist am Schuften, aber du musst dringend aus deiner Komfortzone heraus«, beginnt er. »Wir müssen dringend raus. Dieses letzte Jahr in vollen Zügen auskosten! Wer weiß schon, wie es danach weitergeht und wo wir nach der Schule landen. Und ob wir nicht irgendwann auf diese Zeit zurückblicken, in der wir noch jung waren und bereuen, was wir alles nicht getan haben. C’est la vie, verstehste?«

»Meinst du Carpe Diem?«

»Ist doch egal.« Er drückt meine Schulter. »Was hast du heute Abend vor? Bildchen für euer Schaufenster malen?«

»Flyer«, korrigiere ich. Und es sind nicht nur Bilder. Die Menükarten und Websitegestaltung mache ich auch. »Kann ich jetzt schon absagen oder bist du noch nicht fertig?«

Ben schnaubt. »Du hast dir nicht mal meine Idee angehört.«

»Ich weiß, worauf sie hinausläuft.«

Seit der fünften Klasse veranstaltet Ben in der ersten Schulwoche eine Party. Und obwohl er jedes Jahr den gesamten Jahrgang einlädt, gibt es nur eine Person, die diese Einladung auch annimmt – mich. Im Sozialgefüge unserer Schule stehen Ben und ich nämlich ziemlich weit unten. Am Clara-Zetkin-Gymnasium gibt es keinen Diversitätsbonus. »Schwul« gilt als gängige Beleidigung und der Deutsch-LK ist ein minderwertiges Hausfrauenabi. Du hast so zu sein wie alle anderen und jede Abweichung (ob Ausländer in meinem oder zu kindisch in Bens Fall) wird dir angekreidet.

Wenn ich ehrlich bin, bleibe ich gerne Bens einziger Gast. Seine Enttäuschung, nicht die große amerikanische Highschool-Party seiner Träume organisiert zu haben, hält nie lange an. Zum Trost bestellen wir uns zwei große Pizzen, Salami für Ben, vegetarisch für mich, hören Critical Role und bauen das Set aus The Lego Movie nach, bis uns die Steine ausgehen. Meine Komfortzone reicht von Mittelerde bis Exandria. Für betrunkene Mitschüler ist kein Platz mehr.

»Diesmal ist es anders«, fährt Ben fort. »Ich hab schon feste Zusagen bekommen.«

Mit anderen Worten: sarkastische Kommentare, vor denen ich Ben nicht rechtzeitig bewahren konnte. Aber das ist keine Krise, die eine Pizza nicht lösen kann.

Wir haben das Schulgebäude erreicht und steuern auf den Kunstraum zu.

»Eine Sache noch.« Ben wird fast von einer Horde Fünftklässler überrannt. »Kannst du Milena fragen, ob sie vorbeikommt?«

Ich bin so überrascht, dass ich anhalte. »Warum?«

»Sag so was wie ›Hey, kommst du am Samstag auf die Party?‹ Und dann sagt sie ›Welche Party?‹ Und du sagst ›Na, die Party bei Ben. Du musst ganz schön was verpasst haben, wenn du noch nichts von ihr weißt.‹ Und dann wird sie all ihren Followern davon erzählen und es wird richtig cool!«

»Niemals.«

»Komm schon, sie war damals in der Gruppe für das Schule-ohne-Rassismus-Schild. Bestimmt reicht dein Aussehen, um sie umzustimmen«, fleht Ben. »Wenn sonst niemand kommt, machen wir ’nen LOTR-Rewatch.«

»Können wir nicht einfach so einen LOTR-Rewatch machen?«

»Hey, sorry ihr zwei.« Eine helle Stimme unterbricht unser Gespräch. Das Mädchen, das vor uns steht, hat kurze blonde Haare und trägt eine ausgeleierte Lederjacke. Wenn man vom Teufel spricht. »Kann ich hier vorbei? Ich muss ins Zimmer nebenan.«

Milena Josephine Czerny ist ein seltener Fall von nett undbeliebt zugleich. Vermutlich, weil sie es nicht immer war: Letztes Jahr flog Milena für einen Austauschaufenthalt nach London und wurde mit ihren Vlogs berühmt. Berühmt an unserer Schule jedenfalls. Obwohl ich sonst niemandem auf Social Media folge, ist Milena eine Ausnahme. Ihre Videos sind gut gedreht. Sie setzt auf flüchtige Momentaufnahmen, interessante Häuserfassaden und Farbkompositionen. Plötzlich bist du da, in Camden, in London, in einem hippen Café mit dem Rest ihrer Freundesgruppe, die alle Ledermäntel oder viel zu kleine Beanies tragen und nach der Schule irgendwas mit Medien machen wollen. Sie verhalten sich genauso, wie ich mir reiche Großstadtmenschen vorstelle … und ich kann nicht wegsehen. Es geht einfach nicht. In Milenas Welt gibt es keine nervigen Kunden oder verspätete Busse oder Fahrradunfälle. Wenn ich ihre Vlogs schaue, fühle ich mich wie ein Wissenschaftler, der ein Petriglas voller fremder Organismen hält und kurz dagegen klopft.

Während ich Milena mit offenem Mund anstarre, geht Ben einen Schritt zurück. Er zieht einen imaginären Hut, was sie mit einem verkrampften Lächeln erwidert.

»Jetzt«, zischt er mir zu.

Aber ich sage nichts, dafür bin ich zu sehr auf das Kribbeln fokussiert, das meinen Hals hochkriecht.

»Alles in Ordnung?«, fragt Milena besorgt.

»Alles top!« Ben schlägt mir gegen den Oberarm. »Er denkt nur darüber nach, wie sehr unser Samstag fetzen wird.«

»Nicht fetzen«, stöhne ich.

»Okay, was dann?«, fragt Milena, die aus mir unerklärlichen Gründen noch nicht das Weite gesucht hat. Wie bereits erwähnt, sie ist nett. »Was habt ihr am Samstag vor?«

Wir sehen einander überfragt an.

»Ben lädt ein paar Leute zu sich ein«, erkläre ich leise. »Kannst gern vorbeikommen.«

»Alk wird gestellt«, sagt Ben.

Milena runzelt die Stirn, dann bleibt ihr Blick an dem geschnörkelten »G« und »I« auf Bens Polohemd hängen – das Firmenlogo seines Vaters. Ihre Augen weiten sich unmerklich.

»Sure, why not?«, ruft sie fröhlich aus. »Schickt mir eine DM.«

Milena verschwindet in den nächsten Raum, als wenige Sekunden später mein Handy vibriert. Es ist Bapus Whatsapp zu den Flyern. Ben überfliegt das dürftige Deutsch meines Vaters und klopft mir mit einem Schmunzeln auf die Schulter. »Hab doch gesagt, dein Aussehen hilft.«

Heer

Ich werde ihn umbringen. Ich werde ihn in der Schulkantine aufsuchen und den Mülleimer mit all den Essensresten über ihn kippen und dann wird er jedes Mal daran denken, wenn er in einen Bus einsteigt.

Wenn’s nach mir ginge, wäre ich jetzt in der Küche unseres Take-aways. Als der Bus direkt vor meiner Nase abfuhr, wollte ich den ganzen Tag sausen lassen. Chacha hat mich ermahnt, dass ich nicht schon am ersten Schultag schwänzen darf. Dabei habe ich das alles schon mal durch. Meine neue Klassenlehrerin Frau Rehm stellt genau dieselben Bücher vor, die auch letztes Jahr Unterrichtsstoff der zehnten Klasse waren.

Letztes Jahr.

Filmrissjahr.

Mein Vater hat mich nach einer Tragödie benannt.

Nur damit das klar ist: Ich glaube nicht an Tarotkarten oder böse Omen oder Sternzeichen oder daran, dass alles, was wir tun werden, auf irgendeine Weise vom Universum vorbestimmt ist. Wenn das so wäre, hätte ich mein Leben schon vor einem Jahr durchgespielt, seitdem ist jeder Tag der Gleiche. Ein Teufelskreis aus Schule, Sangheras und durchgemachten Wochenenden. Ganze Monate, die zu einem grauen Brei an vagen Erinnerungen verklumpen. Aber wenigstens bei meinem Namen hätte man aufpassen können.

Mein Vater hat mich nach einer der ältesten Geschichten seines Heimatlandes benannt, Heer Ranjha. Die Heldin Heer war eine schöne Frau aus einer Adelsfamilie, die sich eines Tages in den Flötenspieler Ranjha verliebte. Heers Familie verbot die Beziehung und am Ende sterben beide an vergiftetem Essen. Der Wikipediaeintrag spricht von einer Tragödie. Laut meinem Vater sollte das Ganze eine Liebesgeschichte sein.

Als Kind glaubte ich ihm noch. In meinem Tagebuch führte ich eine Liste aller Lieder, die von Heer und Ranjha erzählten. Ich brachte mir die Tanzschritte aus Bollywoodfilmen bei und zwang meine Eltern, sich meine Auftritte anzuschauen. Ma war mein größter Fan. Sie nähte mir bunte Saris, die zu den Outfits der Schauspielerinnen passten. Mein Vater, der immer unter Zeitdruck stand und nichts mit Bollywood anfangen konnte, bereute seine Namenswahl zum ersten Mal.

Ich tue es jetzt gerade.

»Du bist also …« Frau Rehm starrt die Namensliste im Klassenbuch an und zögert. Die anderen Schüler fangen an zu kichern, aber Frau Rehm hält den Zeigefinger hoch, den Blick weiter auf die Liste fixiert.

»Herr?«, versucht sie und das Gekicher der Klasse geht in lautes Lachen über.

Ich korrigiere sie nicht. Mein Kopf ist noch damit beschäftigt, mir Foltermethoden für Dilly Chahal zu überlegen. Man spricht Heer wie ein langgezogenes »Hier« aus. Das »R« rollt man auf der Zunge. Die meisten versuchen das aber gar nicht erst. Dafür fallen ihnen zu viele Militärwitze zu der deutschen Aussprache ein.

Der einzige freie Platz ist in der ersten Reihe und liegt in einem so beschissenen Winkel, dass man nichts auf der Tafel erkennt. Eins muss man Frau Rehm lassen, ihr ist total egal, dass ich viel zu spät zum Unterricht bin.

In der dritten Reihe sitzt Milena Josephine Czerny und schreibt eifrig in ihr Notizbuch. Vermutlich nicht, was Frau Rehm gerade aufträgt, sondern ein Gedichtschnipsel oder eine Romanidee. Milena sieht immer so aus, als wäre sie aus einem Dark-Academia-Moodboard entsprungen. Auf ihrem Tisch liegen immer mehr Bücher, als nur der bloße Unterrichtsstoff und im Schein der Neonröhren wirken ihre kurzen Haare wunderkerzenblond. Seit der fünften Klasse ist Milena Klassenbuchbeauftragte, kennt den Vertretungsplan auswendig und bringt immer was zum Kuchenbasar mit. Plötzlich sieht sie auf und ihr Blick fängt meinen ein. Auf ihrem Gesicht kämpfen hundert Emotionen gegeneinander. Es ist der Ausdruck, den man hat, wenn man eine Person in- und auswendig kennt und abwägt, ob sie all die Scheiße wert ist.

»So, das war es zur Vorrede. Milena und Herr, könnt ihr bitte die Arbeitsblätter austeilen, während ich die Powerpoint öffne?«

***

Die Pausen verbringe ich allein. Nicht, weil ich ein Opfer bin oder so, sondern als bewusste Entscheidung. In der Neunten war ich noch im Klassenchat, besuchte die Hockey-AG und ging an den Steinbrüchen baden. Ich rasierte meine Beine, glättete meine Haare und schminkte mich, all der Kram, den man so macht, wenn man anderen Leuten gefallen will.

Und dann hörte ich auf. Einfach so.

Am Anfang meines Filmrissjahres haben sich meine Mitschülerinnen noch Mühe gegeben, mich wieder aufzufangen. Sie haben mir kitschige Trauerkarten geschenkt und mich ihre Hausaufgaben abschreiben lassen. Das Ganze fand sein Ende, als ich drei Monate später beim Volleyballturnier ausfiel, weil ich vorher gekifft hatte und davon kotzen musste (wir verloren gegen die 10a, die Streberklasse). Weil ich nie bei Gruppenprojekten mitmachte oder beim Kleinkunstabend half. Weil ich nicht einmal versuchte, mich zu bessern. Und als das endlich den anderen klar wurde, ließen sie mich in Frieden.

Der beste Moment des Tages ist, wenn ich zurück ins

Sangheras kann. So wie jetzt. Je näher ich Wittstock-Ost komme, umso schneller werden meine Schritte. Sie verlangsamen sich erst, als ich den BMW sehe, der vor unserem Eingang steht.

Ein alter Mann mit gebeugter Haltung steigt aus. Er trägt einen dunkelblauen Anzug und hat eine runde Brille auf der Nase, die ihn aussehen lässt, wie der Lehrer aus Max und Moritz.

Ich laufe an ihm vorbei in den Laden, wo Chacha bereits hinter dem Tresen wartet.

»Wer ist das?«, frage ich auf Punjabi.

»Keine Ahnung, ich versteh ihn kaum. Dachte, er ist vielleicht dein Lehrer oder so.«

»Meine Lehrer können sich nicht solche Autos leisten.«

Chachas Augen weiten sich. »Shit, ist der vom Amt? Oder hast du schon wieder versucht, deine Schulbücher zu verkaufen?« Er dreht sich zur Tür und schreit in gebrochenem Deutsch nach draußen: »Keine Bücher! Nur Essen!«

»Ich brauche nicht lang, versprochen«, kommt die piepsige Antwort zurück. Der Mann klammert sich an seinen Ordner wie an ein Rettungsbrett, bleibt aber an der Tür stehen. »Seid ihr das Chahals?«

Die Chahals, Alter. Wünscht er sich vielleicht.

Ich gebe Chacha ein Handzeichen, dass ich mich darum kümmern werde, und er nickt erleichtert. Die Deutschkenntnisse meines Onkels beschränken sich auf unsere Menükarten, aber das muss nicht jeder wissen.

»Guten Tag«, begrüßt mich der Mann, als ich bei ihm bin. »Ist Herr Chahal dein Vater?«

»Das ist die Familie gegenüber. Wir haben nichts mit denen zu tun.« Bis auf das eine Mal vielleicht, als Chacha und ich aus Langeweile Reviewbombing betrieben haben. Am nächsten Tag waren unsere Rezensionen bereits verschwunden, aber es tut gut zu wissen, dass Dilly Chahal eine ganze Nacht lang unsere Sprüche löschen musste.

»Also seid ihr das Sangheras?«

»Steht so auf dem Schild.«

Das Gesicht von Lehrer Lämpel hellt sich auf. »Umso besser! Ich ich bin hier im Auftrag der Gugenhoff-Immobilien. Würdest du das hier deinen Eltern geben? Ich nehme an, ihnen gehört das Etablissement?« Er drückt mir einen Brief aus seiner Mappe in die Hand. »Nur ein Angebot unsererseits. Für Fragen sind wir jederzeit erreichbar. Die Nummer finden Sie im Brief.«

Der Mann steigt in den BMW und zischt ab. Ich starre den Umschlag an. Das Logo der Firma ist darauf eingestanzt, mit schnörkeligen Linien, die sich zu einem »G« und »I« formen.

»Was hat er gesagt?«, fragt Chacha, als ich wieder reinkomme.

»Nichts. Er wollte wissen, ob wir das Chahals sind.«

»Und das konnte er nicht am Schild ablesen?« Chacha rollt mit den Augen. »Gehst du hoch?«