Und morgen ist ein neuer Tag... - Line Porschen - E-Book

Und morgen ist ein neuer Tag... E-Book

Line Porschen

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Beschreibung

"Der Atem der Seiten", ist der zweite Teil einer zusammengehörigen Geschichte. Er folgt auf die Autobiografie "Und morgen ist ein neuer Tag" und öffnet deren Erleben in einen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Raum. Beide Bücher gehören zusammen - wie der Atem zum Leben: das Erzählen und das Verstehen, Seite für Seite. Line Porschen 1988 geboren, schreibt aus der Verbindung von gelebter Erfahrung und kritischer Reflexion. In ihren autobiografischen Werken verbindet sie persönliche Lebensgeschichte mit gesellschaftlicher Analyse und pädagogisch-psychologischer Betrachtung. Mit einer Sprache, die zugleich zart und klar ist, widmet sie sich Themen wie Kindheit, Jugendhilfe, Trauma und Resilienz. Ihr Schreiben versteht sie als Einladung zu Aufarbeitung, Erkenntnis und Neubeginn.

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Seitenzahl: 536

Veröffentlichungsjahr: 2025

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„Und morgen ist ein neuer Tag.“

erschienen 11-2020

Alle Rechte vorbehalten

Text, Umschlag, Layout: Line Porschen

„Alle im Buch vorkommenden Namen und einzelne Einrichtungen oder Ortsnamen wurden von der Autorin geändert.

Dokumente die eingebunden sind stehen unter Paragraphen der dem öffentlichen Interesse gleicht und nicht mit der Privatsphäre gleichzusetzen ist, es sei denn, Personen würden persönlich mit schlechter Nachrede oder Beleidigungen erwähnt werden.“

„Der Atem der Seiten“ ist der zweite Teil einer zusammengehörigen Geschichte. Er folgt auf die Autobiografie

„Und morgen ist ein neuer Tag“ und öffnet deren Erleben in einen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Raum. Beide Bücher gehören zusammen – wie der Atem zum Leben: das Erzählen und das Verstehen, Seite für Seite.“

Line Porschen (1988 geboren) schreibt aus der Verbindung von gelebter Erfahrung und kritischer Reflexion. In ihren autobiografischen Werken verbindet sie persönliche Lebensgeschichte mit gesellschaftlicher Analyse und pädagogischpsychologischer Betrachtung. Mit einer Sprache, die zugleich zart und klar ist, widmet sie sich Themen wie Kindheit, Jugendhilfe, Trauma und Resilienz. Ihr Schreiben versteht sie als Einladung zu Aufarbeitung, Erkenntnis und Neubeginn.

Über die Autorin:

Ich bin 1988 geboren und schreibe unter dem Namen Line Porschen. In meinen Texten erzähle ich nicht nur von meinem eigenen Leben, sondern auch von dem, was Systeme mit Menschen machen können – und davon, wie wir trotz Verletzungen Kraft finden können. Schreiben bedeutet für mich Aufarbeiten, Erinnern und zugleich Hoffen: den Mut weiterzugeben, dass immer ein neuer Tag beginnen kann.

Symbolhinweis: Ω Seiten, die mit dem Zeichen Ω markiert sind, enthalten Querverweise auf zusätzliche Materialien. Die genaue Quelle (z. B. Dokumente, Bilder oder weiterführende Nachweise) finden Sie im Quellenverzeichnis. Dort sind zudem Hinweise auf digitale Anhänge über ORCID und Zenodo vermerkt, die online eingesehen werden können.

DE Hinweis zur Dokumenteneinsicht

Die unter folgendem Link bereitgestellten Dokumente dürfen ausschließlich auf eigene Verantwortung eingesehen und gelesen werden.

Kinder und Jugendliche werden gebeten, vor dem Lesen die Zustimmung ihrer Eltern oder Sorgeberechtigten einzuholen.

Befinden sie sich in therapeutischer Behandlung, sollte die behandelnde Fachperson konsultiert werden – jedoch niemals gegen den ausdrücklichen Willen des Kindes oder Jugendlichen.

Diese Maßnahme dient dem Schutz und der Selbstbestimmung, nicht der Manipulation oder Machtausübung.

Transparenz darf nicht zur Überschreitung persönlicher Grenzen führen, insbesondere nicht durch staatliche oder institutionelle Autoritäten.

Inhaltsangabe

Prolog

Kerpen (Texas) - Ein Viertel, in dem man stark sein muss

Ein neuer Lebensabschnitt - Die Freiheit nehme ich mir

Ein Satz verändert mein Leben - Was mache ich jetzt bloß?

Heimkind - Freier als ich jetzt bin, gibt es nicht

Endlich 14- Erwachsenwerden ist kein Zuckerschlecken

Familie & Freunde – Die erste „ernste“ Beziehung

Mein Absturz - Wer holt mich endlich hier raus

Meine erste Wohnung – Ein Labyrinth des Schicksals

Ein „kleines“ Wunder – Mein „größtes“ Glück

Epilog

Offener Brief an die Gesellschaft

Persönliche Widmungen an die Autorin

Quellenverzeichnis Ω

Prolog

Liebe/r Leser/in,

mein Name ist Line‘ (*1988 in Köln) ich bin heute 32 Jahre alt und lebe in einer schön eingerichteten Wohnung.

Eigentlich, wenn man mich so ansieht, fehlt es mir an nichts.

Normal für Normale oder manch einmal für einige Menschen und auch für mich ein großer Aufstieg.

Ich habe in meinen jungen Jahren schon einiges erlebt, sehr viel Aufregendes, aber auch Leid war dabei.

Und was sich manch anderer in normalen Verhältnissen nicht leistet oder nicht erreichen konnte, habe ich in schwierigen Situationen mit sehr viel Ehrgeiz, Dickköpfigkeit aber auch mit viel Kraft erreichen können.

Während meiner Schulzeit habe ich es zwar nicht einmal zu einem Schulabschluss geschafft, warum, dass könnt ihr in diesem Buch nachlesen.

Dies sind Dinge die muss man in Kauf nehmen, immer mal wieder, aber mein Weg war ein anderer, den ich zu gehen hatte.

Ich danke meiner Familie, ich habe euch vieles zu verdanken, wenn ich euch nicht gehabt hätte wüsste ich nicht, wo ich ohne eure Hilfe heute wäre.

Das Leben ist zudem auch unberechenbar, und das Faszinierende an dem Ganzen ist, finde ich, was ein menschlicher Körper alles leisten und verkraften kann!

Man war, als ich 19 Jahre jung war, der Meinung, ich könne mich nicht um mich selbst sorgen und sollte mit 19 Jahren, sechs Wochen auf einer geschlossenen Station untergebracht werden.

Ich weiß was ich will, ich weiß was ich mit meinen Augen gesehen habe und ich weiß wo ich einmal in meinem Leben ankommen möchte und dazu brauche ich nicht noch mehr Menschen, die mir Steine in den Weg legen wollen.

Es ist nicht alles einfach im Leben, gerade für einen heranwachsenden Jugendlichen ist es wichtig, Zuspruch, Anerkennung und den richtigen Rückhalt in der Gesellschaft zu bekommen.

Doch nicht jedem Kind ist dies gewährleistet und – Ich bin eins dieser Kinder gewesen.

Ich habe in mehr als fünf Heimen gelebt und darunter ca. acht Weiterführende-Schulen besucht.

Meine Träume die ich erreichen wollte, ließen mich aussteigen aus diesem Leben, geprägt von Chaos und Missgunst, und haben mich zu diesem Menschen gemacht, der ich heute bin… auch wenn die Erinnerungen mich jeden Tag noch weiter begleiten… lebe ich.

Und bitte nehmt mir meine Schreibweise noch die Grammatik/Rechtschreibfehler nicht übel. Ich war nie eine große Schreiberin, eher im Gegenteil.

Ich werde versuchen zu jedem Zeitpunkt aus der „1. Person“ zu erzählen, wie eine 12-Jährige dachte/sprach und auch eine 15- bis 19-jährige.

Alles was hier geschildert wird, beruht auf wahre Begebenheiten, kleine Einzelheiten mögen sich verschieben, weichen aber nicht vom Zeitablauf ab. Meine Recherche ist Bestand aus Erinnerungen und einiges an Berichten und Gutachten, die als ein einziges Ganzes zusammengestellt werden konnten.

Was genau ich erlebt habe, das erzähle ich auf den nächsten Seiten, aber dann fangen wir ganz von vorne an und hoffe, dass sich mein Charakter dahinter „offen“ zeigen und erkennen lässt, vom läppischen Leichtsinn, bis hin zu liebevollen Sehnsüchten

Kerpen (Texas) – ein Viertel, in dem man stark sein muss

0–10 Jahre (1988–1998)

Es ist ätzend hier. Wieder stinkt es im Hausflur, und eine dicke Türkin mit Kopftuch kommt auf mich zu und steigt mit in den Aufzug.

Es ist so eng hier drin, dass ich gegen ihre Brüste gedrückt werde.

Durch die Hitze bekomme ich kaum Luft, und sie riecht auch noch so komisch. Endlich kommt der Aufzug zum Stehen. Ich quetsche mich an ihr vorbei und laufe raus.

Es tritt gerade die Dämmerung ein, und auf dem Hof sind lauter türkische Kinder. Wir wohnen mit nur vier deutschen Familien hier in dieser Gegend. Es sind alles Türken, bis auf ein paar andere Ausländer. Das macht es uns Deutschen nicht gerade leicht.

Hier gibt es fünf Hochhäuser, die bis zum siebten Stockwerk reichen und leider von einer Kakerlaken Plage befallen sind. Es wäre ja nicht so schlimm, wenn man es nicht noch jeden Tag mit der Angst zu tun hätte.

Ich bin zehn Jahre alt, manche dieser Kinder sind fünf Jahre älter als ich. Kaum stehe ich mitten im Hof, fahren wiederholt die Älteren mit den Fahrrädern um mich herum. Seit ich auf dieser Welt bin, ist das mein Alltag.

Es interessiert mich meist zuerst nicht, und ich denke mir nur, dass sie sich verziehen sollen, und verdränge meine Angst. Dann bekomme ich den ersten Tritt ab oder werde angespuckt – oder beides.

Ich fühle mich dadurch sehr erniedrigt und hilflos. Sie tun es aber immer wieder, wenn man an ihnen vorbeigeht.

Aber warum? Diese Frage stelle ich mir leider immer wieder.

Ich gehe weiter, tue so, als würde mich das gar nicht stören. Ich wische mir währenddessen, so unauffällig wie möglich, die Spucke von meinem Arm und Gesicht, damit sie nicht meinen, mich getroffen zu haben.

Ich fühle mich stärker, wenn sie denken, dass sie zu dumm wären, mich zu treffen.

Ich gehe zügig weiter und fange hinter der Schranke an zu laufen.

Ich wollte nur kurz zum Lotto-Toto, um mir für zehn Pfennig neue Power-Ranger-Sticker zu kaufen. Zum Glück lassen sie mich den restlichen Weg in Ruhe. Nur die älteren Jugendlichen schauen mich an, aber ich kann in der Nähe von denen problemlos meine Sticker kaufen und wieder nach Hause gehen.

Als ich zurück über den Hof gehe, ist er wie leergefegt. Ich beeile mich, steige in den Aufzug und drücke auf das Stockwerk 7. Oben angekommen, klopfe ich an unsere Türe. Schon vom Flur aus höre ich, dass es Streit gibt.

Sofort stecke ich meine Sticker in die Hosentasche, damit nichts drankommt. Kaum stehe ich im Flur, schreit Mama mich an, wo ich denn herkomme. Ich starre sie an, weiß nicht, was ich sagen soll, und will in mein Zimmer gehen. Doch sie hält mich auf, schreit mich an, ich solle meine Schuhe sofort ausziehen, meine Zähne putzen und dann direkt ins Bett.

Ich habe Angst, ziehe mich um und gehe ins Bad. Gerade als ich die Zahnbürste nehmen will, meckert sie erneut – diesmal mit meinen beiden jüngeren Schwestern. Ich sehe den beiden an, dass sie es nicht verstehen und sich fragen, warum Mama plötzlich so böse ist.

Ich stehe im Türrahmen, als Mama mich ansieht, ruckartig ihre Hand hebt und mir ins Gesicht schlägt. Sofort fängt meine Nase an zu bluten. Sie starrt mich an und sagt nur:

„Wisch dir mal das Zeug aus dem Gesicht.“

Ich sage nichts. Ich hoffe nur, dass es ihr im selben Moment leidtut und sie mich in den Arm nimmt. Doch das tut sie nicht.

Ich wasche mein Gesicht, putze mir die Zähne und bin froh, als ich endlich in meinem Bett liege. Manchmal ist Mama so böse und schreit herum, obwohl wir nichts falsch gemacht haben. Ich kuschle mich unter die Decke und schlafe ein.

Am nächsten Morgen ist es, als wäre gestern nichts gewesen.

Das erleichtert mich – ich muss keine Angst haben.

Eigentlich ist Mama gar nicht so. Nur manchmal eben.

Ob es ihr leidtut, was sie gestern getan hat, frage ich mich immer wieder.

Heute ist Sonntag, und meine drei Schwestern spielen in ihren Zimmern.

Sophie, die Älteste von uns vieren, fragt uns, ob wir Lust haben, Verstecken zu spielen.

Natürlich stimmen wir sofort zu.

Sophie beginnt laut zu zählen, und wir verstecken uns.

Michelle und Emily hocken sich zusammen hinter die Gardinen im Wohnzimmer, ich ducke mich hinter die Couch.

Die zwei Kleinen sind Zwillinge und verhalten sich oft gleich, obwohl sie zweieiig sind.

Sie sehen auch verschieden aus – eine ist blond, die andere dunkelbraun.

Es würde zwar mehr Spaß machen, wenn sie sich einzeln verstecken würden, aber das wollen sie meistens nicht.

Schnell wird aus dem Versteckspiel ein Fangspiel.

Wir laufen durch die Wohnung, sind aufgedreht, toben herum und lachen.

Es ist jetzt Mittag, und Mama hat das Essen fertig.

Wir gackern noch beim Essen weiter herum, bis Mama uns vorschlägt, dass wir uns mal zusammenreißen, in Ruhe zu Ende essen und danach lieber ein Gesellschaftsspiel zusammenspielen.

Da wir das gemeinsame Spielen am Tisch alle mögen, kehrt schnell Ruhe ein.

Nach dem Essen bringt Mama die Teller in die Küche und holt das Spiel auf den Tisch.

Während wir alles bereitlegen, bringt sie uns noch etwas zu trinken.

Mama dimmt das Licht, und wir setzen uns gemeinsam an die Essecke.

Den ganzen Abend haben wir Riesenspaß – wir spielen ein Brettspiel mit Ariel, der Meerjungfrau.

Manchmal, wenn wir spielen, gibt es auch Streit – erst recht, wenn man ein schlechter Verlierer ist. Zum Beispiel wie ich. Ich habe schon öfter die Spielfiguren vom Spielbrett geworfen und gesagt:

„Ich spiele nicht mehr mit!“, und habe mich trotzig mit verschränkten Armen abgewendet. Aber an diesem Abend war es schön. Ich wollte gar nicht mehr aufhören.

Wir spielen so lange, bis Mama auf die Uhr schaut und selbst überrascht ist, wie spät es schon geworden ist. Also fangen wir an, alles zusammen zu räumen und uns bettfertig zu machen, da wir morgen wieder früh aufstehen müssen.

Als ich im Bett liege und an gestern denke, kann ich Mama gar nicht mehr böse sein. Ich weiß, dass sie uns liebhat – sie hat das gestern nicht gewollt. Dann kuschle ich mich in meine Decke und mache die Augen zu.

Morgens machen wir uns alle fertig. Als ich in der Schule ankomme, merke ich, dass die Tage langsam ziemlich angespannt sind. In zwei Wochen beginnen die Sommerferien. Ich frage mich, wie es weitergehen wird. Manche freuen sich, manchen ist es egal, und andere wiederum wollen nicht, dass die Zeit jetzt vorbei ist: Unsere vier Jahre sind hier zu Ende, ich soll die Realschule besuchen wie meine Schwester Sophie.

Die ganzen Erinnerungen an diese Zeit sind mir eigentlich ziemlich egal. Ich weiß manchmal gar nicht, wofür ich überhaupt zur Schule gehe. Ich mache den Unterricht zwar mit, versuche mich auch anzustrengen, aber einen richtigen Anschluss fand ich mehr oder weniger nie.

Stefania (11 Jahre) ist meine einzige gute Freundin hier. Mit ihr verbringe ich viel Zeit nach der Schule. In der Kaufhalle arbeitet ihre Mutter, und wir haben einmal VIP-Karten bekommen, um mit der Band Liquido reden zu können. Es war echt aufregend – die erste Band, die ich je gesehen habe.

Seit ich Stefania kenne, lerne ich auch, etwas aus mir zu machen: Mode, Schminken, erwachsener werden. Sie kam leider erst im letzten Schuljahr zu uns in die Klasse. Sie ist ziemlich reif für ihr Alter, aber ihre Eltern mögen es nicht, dass sie sich so benimmt. Schlaghosen, Schminke, ein offenes Dekolleté – sie zeigt schon in jungen Jahren, was sie hat. In der Klasse ist sie bei den Jungs beliebt. Bei ihr zu Hause gab es deswegen schon öfter Streit.

Wir sollen demnächst eigentlich zusammen auf die Realschule, aber heute nach der Schule erfahre ich etwas anderes. Als wir nach Unterrichtsschluss zusammen nach Hause gehen, tippt sie mich an und möchte mir etwas sagen. Sie schaut mich traurig und gleichzeitig ziemlich sauer an und erzählt mir, dass sie wegziehen wird und wir auch nicht mehr zusammen zur Schule gehen werden. Dann regt sie sich auf, flucht über die Situation und ihre Eltern.

Ich weiß, dass sie schon oft umgezogen sind, und Steffi das nicht mehr will. Sie kann dadurch nie richtig Fuß fassen. Ich verstehe sie, aber ich wünschte, ich hätte solche Eltern wie sie. Sie sind ziemlich offen, scheinen alles im Griff zu haben, und leicht chaotisch sind sie auch – aber dafür cool. Ich sage ihr daraufhin, dass ich sie besuchen werde und wir trotzdem Freunde bleiben.

Während der letzten Schultage verfliegt die Zeit wie im Flug. Es ist ziemlich warm draußen, und das Wetter ist wunderschön. Frau Coch, unsere Klassenlehrerin, hat vor, mit uns einen Tanz aufzuführen – nach ihrem Idol Cher, zu dem Lied Believe. Wir haben kaum Unterricht, verbringen die meiste Zeit in der Turnhalle und üben die Schritte.

Es ist ziemlich anstrengend, und in der Turnhalle gibt es keine Klimaanlage. Wir gehen fast alle 30 Minuten raus und machen eine kleine Pause. Wir alle genießen es, in dieser Zeit keinen Unterricht zu haben.

Wir haben Spaß und turteln oft herum. Besonders Steffi: Sie macht gerne auf sich aufmerksam. Wegen der Hitze in der Turnhalle sind wir nur leicht bekleidet – was das Ganze noch aufregender macht.

Schließlich muss uns Frau Coch ermahnen, weil wir zu oft hinausgehen.

Die Schritte sitzen langsam, trotz glühender Hitze und unserer gegenseitigen Ablenkung. Unsere Lehrerin ist ziemlich stolz auf uns, dass wir den Tanz so schnell und gut hinbekommen.

In der Schule wird es immer lockerer, und gemischte Gefühle tauchen langsam auf – ganz im Gegensatz zu dem, was sich bei mir zu Hause in unserer Gegend abspielt: ständig Drohungen und Provokationen, Geschrei von Kindern, Gebrüll aus der Nachbarwohnung.

Es ist immer das Gleiche.

Als ein kleiner Junge vor Jahren von einem Balkon zwei Eisenstangen herunterwarf, die zwischen die Gehfrei’s meiner kleinen Schwestern fielen, war das ein Moment, den meine Mama nie vergessen wird. Sie sagt bis heute: Hätte sie dieses Kind in die Finger bekommen, wüsste sie nicht, was sie gemacht hätte. Gut, dass er nicht vor ihr stand.

Oder als ich von einem Obsthändler mit der Eisenstange geschlagen wurde, die normalerweise zum Ausfahren seiner Dächer gedacht war – nur weil alle Kinder aus unserem Viertel auf seinen Paletten herumgetollt sind und ich mittendrin hing. Mama verzichtete später auf eine Anzeige, weil der Typ ihr aus einem unbekannten Grund leidtat.

Doch der Polizist hatte kein Mitleid und brachte es selbst zur Anzeige. Wenige Wochen später stand seine Bude auch nicht mehr da.

Ein neuer Lebensabschnitt - Die Freiheit nehme ich mir

10-12 Jahre (1998-2000)

Der erste Tag auf der Realschule beginnt.

Um sechs Uhr klingelt der Wecker.

Wir machen uns alle fertig, ich bin noch immer ziemlich müde und schlurfe durch den Flur, um mir meine Klamotten zusammen zu suchen.

Heute will Mama uns zur Schule fahren. Um zwanzig nach sieben fahren wir los.

Diese Schule ist um einiges weiter entfernt von zu Hause als die Grundschule, die ich besuchte.

Endlich angekommen, macht es mich irgendwie sehr nervös. Ich habe die einzige Schlaghose, die ich habe, und eine blaue Bluse, die ich von Stefania noch habe, angezogen.

Ich bin die Einzige, die aus meiner Familie mittlerweile etwas modebewusst herumläuft.

Mir ist es manchmal sogar sehr peinlich, wenn man mich mit meinen Geschwistern irgendwo zusammen sieht.

Dabei versuche ich sie immer von anderen Hosen zu überzeugen, aber Mama fehlt auch manchmal das Geld dazu, unseren Wünschen irgendwie gerecht zu werden.

Stefania werde ich jetzt wohl selten sehen, schade dass die Grundschulzeit vorbei ist.

Eigentlich wären wir zusammen auf diese Schule hier gegangen, wenn sie nicht in eine andere Stadt gezogen wäre.

Ich hoffe, meine neue Klasse akzeptiert und mag mich.

Viele Schüler stehen auf dem Schulhof herum und viele sind viel älter als ich, das irritiert mich schon etwas.

Ich finde es aber irgendwie cool! Ich fühle mich dadurch etwas erwachsener, endlich auf einer weiterführenden Schule zu sein.

Da Sophie schon ein Jahr hier zur Schule geht, zeigt sie uns, wo die Mensa ist und wo wir uns einfinden müssen.

Meine Schüchternheit versuche ich zu unterdrücken, daher fühle ich mich zuerst sehr unwohl und habe das Gefühl, jeder würde mich anstarren!

In der Mensa stehen sie dann alle. Jeder, der die fünfte Klasse besuchen wird. Einige von ihnen verhalten sich distanziert und sehen ungeduldig und angespannt aus.

Nach einigen Minuten Wartezeit erscheinen auch endlich die Klassenlehrer.

Die Warterei ist schon anstrengend und auf das lange Herumstehen habe ich auch nicht wirklich Lust.

Ich wäre erleichtert, wenn ich diesen Teil für heute schon hinter mir hätte.

Ich schaue die Lehrer an und warte darauf, dass sie uns sagen, wer welcher Klasse zugewiesen wird.

Sie stehen vorne auf der Bühne und rufen unsere Namen auf, anschließend sollen wir uns zu dem Lehrer stellen, der uns aufgerufen hat.

Irgendwann höre ich meinen Namen und gehe was verkrampft und unsicher auf die Bühne.

Meine Beine fühlen sich so wackelig an, dass ich Angst habe zu stolpern.

Ich steige die Treppe konzentriert hinauf und schaue mir dabei alle einmal unauffällig an.

Wirklich nett und aufgeschlossen sieht keiner von ihnen aus, eher arrogant, eingebildet ein paar auch zurückhaltend. Ich bin erleichtert, als wir das endlich hinter uns haben und uns auf den Weg in die Klasse begeben.

Einige kennen sich aus der Grundschule, die sie zuvor gemeinsam besucht haben.

Und somit bilden sich auch schon die ersten Gruppen.

Oben am Klassenzimmer stehen noch einmal unsere Namen auf einer Liste, dort lese ich Stefanias Namen.

Sie wäre in meiner Klasse gewesen.

Schade, dass sie weggezogen ist; wenn sie jetzt wenigstens hier wäre, würde es mir das alles viel leichter machen.

Ich setze mich vorne an den ersten Tisch, hocke etwas teilnahmslos die nächste Zeit da und traue mich kein einziges Wort zu sagen. Bis wir uns alle vorstellen müssen.

Nach dieser Vorstellungsrunde besprechen wir unseren Stundenplan und welche Lehrer uns in diesem Schuljahr begleiten werden.

Ich habe wieder eine Klassenlehrerin. Sie macht auch einen ziemlich netten Eindruck. Nur ein bisschen komisch schaut sie aus, mit ihrem Kraushaar auf ihrem Kopf.

Um elf Uhr haben wir den ersten Tag auch schon geschafft.

Ich bin ziemlich erleichtert, dass alles so reibungslos verlief.

Nur etwas enttäuscht darüber, dass ich mich nicht ganz wohl fühle, aber das ändert sich vielleicht in den nächsten Tagen.

Ich muss mich heute unbedingt mit Stefania treffen und sie fragen, wie ihr erster Schultag gelaufen ist.

Sie fehlt mir.

Gegen Mittag rufe ich sie an und möchte mich für heute mit ihr verabreden. Mama würde mich später zu ihr fahren.

Sie freut sich, lehnt es aber ab dass ich zu ihr komme, weil ihre Eltern stressen, sie möchte lieber zu mir.

Da Mama nichts dagegen hat und ihre Eltern es ihr auch erlauben, kommt sie eben zu mir.

Ich erzähle ihr wie mein Tag gewesen ist, dass sie in der Klasse irgendwie eingebildet sind und ich mich da nicht so wohl fühle. Es wäre viel lustiger, wenn wir zusammen die Realschule besuchen könnten, sagt sie. Ich würde es mir ja auch nicht anders wünschen.

Doch leider geht es nicht.

Sie wohnen ja in einer anderen Stadt, knappe zehn Kilometer von uns entfernt, woraufhin eine andere Schule für den Bezirk zuständig geworden ist.

Ich zeige Stefania unsere neue Wohnung und sie findet sie sehr cool.

Ich erzähle ihr auch von den Jugendlichen, aber behalte das mit dem blonden Jungen für mich. Ich trau mich einfach nicht, es ihr zu sagen. Sonst versucht sie mich noch mit ihm zu verkuppeln - und wenn er mich überhaupt nicht leiden kann, dann stehe ich nachher ziemlich blöd dar.

Sie ist direkt sooo begeistert, dass sie mit mir raus gehen möchte.

Das war echt wieder typisch für sie.

Ich lächele und sage:

„Klar, können wir machen.“

Als wir auch noch das Glück haben sie draußen anzutreffen, werden wir zuerst schief angeschaut.

Stefania interessiert es nicht, sie schaut mich an und holt ihre Packung Zigaretten heraus. Ich bin etwas verklemmt und will erst nicht rauchen.

Als sie sich ihre anzündet und sie mir hinhält, ziehe ich doch ein paar Mal daran. Ich will mich ja nicht blamieren.

Die Jugendlichen blicken teilweise interesselos zu uns herüber, außer Dominik, der Sohn von Marlies kommt unerwartet auf uns zu:

"Habt ihr ne Kippe für mich?", fragt er.

Stefania nickt und gibt ihm eine.

"Line, sag mal weiß deine Mutter überhaupt, dass ihr raucht?"

Ich verneine es und rate ihm, es auch weiterhin für sich zu behalten!

Er dreht sich weg und läuft den anderen hinterher, die auf dem Weg in Richtung Landstraße sind.

Stefania und ich schleichen uns unauffällig hinterher.

Sie gehen hinter einen Hügel, der vor lauter Hecken kaum zu erkennen ist. Wir schauen zu und sehen, dass sie ein Mädchen, das dabeisteht, ständig betatschen…, dass es ihr gefällt ist gar nicht zu überhören. Sie lachen und rauchen dabei.

Irgendwas machen sie mit einer Dose und pusten danach Qualm aus.

Ziemlich skeptisch schaue ich ihnen weiterhin zu. Was genau die da tun, kann ich nicht erkennen, und Stefania ist auch überfragt. Ich habe das vorher noch nie irgendwo gesehen.

Als wir bemerken, dass sie aus dem Versteck wieder herauskommen, laufen wir los zurück ins Haus.

Hoffentlich sehen die uns nicht wegrennen!

Völlig aus der Puste und trotzdem total amüsiert schauen wir uns an.

Wir finden es total aufregend, die Älteren dabei zu beobachten, was sie so treiben. Und dass sie uns nicht sehen können, während wir ihnen nachspionieren, macht die Sache natürlich noch interessanter.

Uns reizt es und hätten gerne länger zugeschaut über was sie so reden.

Mama bemerkt, dass wir über etwas schmunzeln und will wissen, was denn so witzig sei. Wir lachen nur noch mehr und sagen:

„Nichts!“, und gehen in mein Zimmer.

Stefania ist total fasziniert von Dominik. Sie schwärmt den ganzen Abend von ihm.

Es geht mir schon fast auf die Nerven. Sie will, dass wir unbedingt noch einmal rausgehen, um nach ihm zu schauen.

Da sie so ungeduldig ist und kaum ruhig bleiben kann, lasse ich mich darauf ein und wir gehen wieder vor die Tür.

Draußen ist der Blonde mit Dominik und noch einem kräftigeren gebauten Jungen zu sehen. Wir gehen hin und fragen freundlich nach einer Zigarette, um ins Gespräch zu kommen.

Dominik hat keine, aber der dickere, sein Name ist Martin, gibt uns eine. Wir unterhalten uns, doch ein netter und interessierter Dialog sieht anders für mich aus. Die haben wohl wenig Interesse daran, sich mit uns zu unterhalten.

Doch Stefania lässt sich nicht abwimmeln und versucht sich an Dominik ranzumachen.

Er kriegt es zwar mit, versucht ihren Annäherungsversuchen aber jedes Mal auszuweichen. Aber ganz abgeneigt scheint er nicht zu sein, glaube ich.

Als es stockdunkel ist und Mama uns rein ruft, verabschieden wir uns. Wir wollen auf jeden Fall das Wochenende zusammen verbringen. Obwohl ich Dominik schon lange kenne, hatten die zwei sich vorher noch nie gesehen.

Ja und jetzt habe ich den Salat.

Ich höre aus ihrem Mund nur noch „Dominik“.

Vom Erdgeschoss bekommt man auch ziemlich viel mit, was man woanders so nicht kann. Wenn die Fenster auf Kippe stehen und die Rollladen unten sind, versteht man jedes einzelne Wort. Ihre Anmachsprüche, ihren Blödsinn und die ersten obszönen Worte der Jugend bereichern meinen Wortschatz von Tag zu Tag mehr.

An einem Abend haben sogar welche Sex vor Mamas Schlafzimmerfenster. Ihr Gestöhne war nicht zu überhören.

In der Schule läuft es dafür leider nicht so gut. Die Lehrer sind zwar prima, aber viele Schüler achten nur aufs Geld um sich zu präsentieren.

Da kann ich nicht mithalten.

Ich besitze nur eine Schlaghose, auf die ich eigentlich auch sehr stolz bin.

All diese Markennamen höre ich hier zum ersten Mal.

Ich bin noch nie bei einem Friseur gewesen. Mama hat sie uns bisher immer geschnitten.

Ich werde so wie ich gekleidet bin total ausgegrenzt. Es redet kaum jemand mit mir und im Unterricht traue ich mich kaum ein Wort zu sagen, was natürlich einen großen Einfluss auf meine Gesamtnoten hat.

In den Pausen stehe ich immer alleine herum oder ab und an bei Sophie.

Da ich hier mit niemanden etwas zu tun habe, laufe ich die meiste Zeit orientierungslos auf dem Schulhof rum und vertreibe mir die Pausen mit Rauchen.

Umso mehr freue ich mich auf den Freitagnachmittag Als Steffi endlich da ist, wird sich erst einmal gestylt. Zuhause darf sie es nicht, aber da Mama es nicht weiß, nutzen wir diese Unwissenheit natürlich aus.

Von drinnen sehen wir Dominik (15 Jahre) und Martin (15 Jahre) draußen herumstehen. Steffi traut sich plötzlich nicht zu ihnen hin und möchte, dass ich sie anspreche.

Als ich losmarschiere, trottet sie mir doch noch schnell hinterher.

Martin schaut mich an und lächelt.

Dominik verkneift sich zögerlich sein Grinsen.

Nach ein paar Minuten kommen wir richtig ins Gespräch. Dadurch erfahren wir auch, dass dieses Mädchen, das sonst bei ihnen abhängt, über das Wochenende nicht da ist. Leider aber auch der Blonde nicht. Wer weiß, vielleicht reden sie ja auch nur deshalb erst jetzt mit uns, weil sie sich vor den anderen schämen, sich mit uns zu unterhalten.

Wir verbringen den ganzen Abend mit den Beiden. Wir lachen und haben jede Menge Spaß.

Als es dunkel wird, fragt uns Martin, ob wir nicht Lust haben, mit zu ihm in den Garten zu kommen. Klar willigen wir in dieses Angebot sofort ein!

Wir gehen also zusammen zu ihm und setzen uns gemütlich auf die Gartenstühle. Sie trinken Bier und ich gönne mir ab und zu auch einmal einen Schluck, den ich widerwillig runterschlucke.

Ich trinke das erste Mal dieses Zeug, es schmeckt zwar nicht sonderlich gut, aber mich interessiert auf einer Seite schon, wie es ist einmal besoffen zu sein. Irgendwie muss ich mich ja auch mit diesem Getränk anfreunden um einen Eindruck zu hinterlassen.

Gegen zehn Uhr ruft uns Mama rein, obwohl wir noch gar keine Lust haben zu gehen. Ich verspreche deshalb, dass wir gleich wiederkommen werden. Steffi fragt mich, wie ich es mir denn vorstelle wieder raus zu kommen.

Ich nehme sie an die Hand, ziehe sie hinter mir her und dränge sie in mein Zimmer.

Wir wünschen meiner Mama eine gute Nacht, machen das Licht aus und sind einen Augenblick still!

Sophie schläft Gott sei Dank schon tief und fest.

Wir warten eine Zeit, mache das Fenster auf, sie starrt mich an, ich helfe ihr hoch, sie springt hinaus und ich direkt hinterher. Lehne das Fenster an und wir laufen wieder rüber.

Wir albern so laut herum, lachen und schubsen uns, bis wir plötzlich bemerken, dass uns ein Nachbar auf dem Balkon über uns beobachtet. Er raucht eine Zigarette und schaut uns nach. Ich aber lache und stupse Steffi gegen die Schulter:

„Psssst, kannst du mal nicht leise sein?“

Sie guckt mich an:

„Was ist, wenn uns jemand verpetzt?“

„Wir sind neu hier in der Gegend, hier kennt uns doch sowieso noch niemand.“, sagte ich und zog sie am Ärmel hinter mir her.

Als wir am Garten der Beiden angekommen sind, ist niemand mehr da. Ziemlich frustriert drehen wir uns um und machen uns auf den Weg zurück!

Bis die Beiden plötzlich von hinten angelaufen kommen und uns erschrecken.

Bis um Mitternacht reden wir über Gott und die Welt. Irgendwie ist Martin auch ganz schön süß.

Er schaut mich immer so an, als wolle er mir irgendwas sagen, oder ich bilde mir das nur ein.

Gegen 1:00 Uhr will Martin ins Bett, was ich echt schade finde. Dominik will kurz zu sich rein, möchte aber danach noch etwas rauskommen.

Steffi ist so verknallt und fragt mich tatsächlich, ob der Martin denn nichts für mich wäre. Das fände sie irgendwie toll, wenn wir beide mit den Zweien zusammen wären.

Ich wackele verlegen mit dem Kopf:

„Nee, ich weiß nicht.“

Plötzlich kommt ein Auto angefahren. Ziemlich rasant bremst es genau vor unseren Füßen ab.

Wir erschrecken uns und glauben erst gar nicht was wir sehen. Dominik sitzt am Steuer.

Er hat sich einfach das Auto von seinen Eltern genommen.

Es ist ein schwarzer Fünfsitzer und sieht nicht gerade billig aus. Der ist total bescheuert, der Doof.

>Der hat doch noch überhaupt keinen Führerschein. <

Jetzt verstehe ich, was Marlies damit meint: er sei schwierig. Wir steigen ohne weiter darüber nachzudenken ein und fahren los. Mit seinen 15 Jahren fährt er sogar beachtlich gut. Wir fahren auf einem Parkplatz herum und legen eine kurze Tour über die Autobahn zurück. Wir schauen aus dem Fenster und unterhalten uns.

Auf einmal fährt uns die Polizei an einer Kreuzung entgegen. Sie schauen uns an, aber bemerken nichts.

Dominik bleibt dabei ziemlich cool und fährt bei Grün angemessen weiter, als gäbe es nichts zu beanstanden. Danach hält er auf einem nahegelegenen Parkplatz an.

Ich gehe dort mal für kleine Mädchen. Als ich wieder komme, scheinen sich die Beiden bestens zu verstehen.

Dominik hält Steffi im Arm und sie knutschen wild herum.

Da ist man mal einen Moment lang nicht da, schon bricht das Chaos aus.

Ich mache die Autotür auf und setze mich rein. Ich rauche eine Zigarette und lege mich auf die Rückbank ohne mich anzuschnallen.

Während die Zwei rumknutschen, versuche ich mit dem Qualm kleine Kringel in die Luft zu pusten. Und dann wird es mir auch langweilig:

„Können wir jetzt wieder weiterfahren? Das hört sich ja an, als hätte man zwei schlabbernde Kamele im Auto.“

Kurze Zeit darauf zündet er den Motor.

In den Kurven falle ich fast von der Rückbank herunter, worauf sich Steffi jedes Mal begeiert.

Ich lache zwar mit, aber ich wäre jetzt viel lieber in meinem warmen Bettchen.

Etwas enttäuscht bin ich auch, dass Martin nicht dabei sein konnte.

Wenn ich Stefania mit Dominik sehe, beneide ich sie schon etwas.

Um kurz nach drei sind wir wieder zu Hause. Bei Martin scheint noch das Licht im Zimmer. Ich will aber nur noch ins Bett und endlich schlafen.

Stefania sieht das alles anders. Sie würde sogar draußen schlafen, nur um bei Dominik zu bleiben.

Wir klettern durch das Fenster ins Zimmer zurück und legen uns beide schlafen. Stefania wirkt total aufgewühlt, sie fragt mich noch ein paar Mal, ob wir nicht doch noch zu Dominik gehen können, aber ich lehne es konsequent ab, ich habe einfach keine Lust mehr.

Ich versuche ihr verständlich zu machen, dass wir mit dem Abhauen auch vorsichtig umgehen müssen, sonst können wir uns das nächtliche Herumtollen sehr bald abschminken und sie sich ihren Dominik gleich mit! Erst dann fragt sie nicht weiter danach.

Am nächsten Morgen stehen wir erst gegen Mittag auf.

Wir essen in Ruhe und gehen zusammen duschen.

Während wir in der Dusche stehen, klopft es von draußen ans Badezimmerfenster.

Da wir die Rollladen nicht runter gemacht haben, kann man unsere Schatten durchs Milchglasfenster erkennen.

Ich kippe das Fenster und frage wer da ist.

Dominiks Stimme erklingt und ein anderes Lachen ertönt im Hintergrund.

Der blonde Typ auf dem Fahrrad steht überraschenderweise mit dabei. Steffi ruft ungeduldig zwischen den Fensterspalt hindurch:

"Wir kommen gleich!"

Ich mache das Fenster zu, wir spülen uns den Schaum aus den Haaren und duschen zu Ende.

Machen uns eifrig fertig und gehen hinaus.

Steffi fällt Dominik direkt in die Arme und der Blonde (17 Jahre) stellt sich mir endlich mit seinem Namen Andre vor. Jetzt, da ich ihn vom nahen mustern kann, finde ich ihn gar nicht mehr so süß wie zu Anfang.

Er hat irgendwie ein komisches Lachen.

Das sieht aus, als würde dich der Clown "ES" anlachen, so groß und schmal verzieht sich sein Gesicht beim Grinsen.

Irgendwie sieht es auch aus, als hätte er in seinem jungen Alter schon Falten.

Die dieses Grinsen nur noch deutlicher zum Ausdruck bringen.

Hübsch sieht das absolut nicht aus, davon bekommt man doch eher Alpträume!

Martin gefällt mir da schon viel eher.

Er hat ein verlegenes Lächeln und wie er mich dabei ansieht, das ist mit nichts Schönerem zu vergleichen. Dass er ein paar Kilo mehr hat, das interessiert mich überhaupt nicht.

Dominik gibt uns eine Zigarette, die ich ziemlich eingeschüchtert runter halte, damit es niemand sehen kann.

Sofort mache ich drauf aufmerksam, dass wir hier nicht weiter so herumstehen können. Wenn das jemand sieht, wird es richtigen Ärger geben!

Wir machen uns somit alle Vier auf den Weg und gehen unter den Tunnel.

Das ist ein Treffpunkt uns Jugendlichen hier aus der Straße.

Ein paar Minuten später sehe ich, dass Martin aus seinem Vorgarten tritt und in unsere Richtung kommt.

Mein Bauch fängt an zu kribbeln, mir wird warm und wieder kalt und ich werde ziemlich nervös.

Ich würde am liebsten Steffi schnappen und nach Hause gehen. Ich stehe total starr vor Aufregung da und wende meinen Blick immer wieder ab.

Als er vor uns steht, beachtet er mich erst überhaupt nicht. Begrüßt Dominik und Andre und ein "Hallo" widmet er auch Steffi. Er plaudert ein wenig mit ihnen, dann fällt noch kurz der Name Sabine (16 Jahre).

Danach dreht er sich um und bietet mir ungehemmt vor Andre eine Zigarette an. Obwohl ich eben erst eine geraucht habe, nehme ich sie. Ich rauche sie zusammen mit ihm, während Dominik über den gestrigen Abend herum prahlen muss.

Ich merke, dass Martin genervt davon ist und er es völlig idiotisch von ihm findet. Andre wirkt von Minute zu Minute immer unruhiger und bemerkt wohl das Interesse zwischen Dominik, Martin, Steffi und mir und verschwindet kurze Zeit später.

Als Martin den Dominik anstupst und ihm zuzwinkert, schaut er uns an und sagt kurzerhand, dass sie mal wegmüssten.

Wir lassen sie zwar ohne weitere Worte gehen, fragen uns aber die ganze Zeit, wo sie wohl hingehen.

In der Zeit, da sie weg sind, gehen wir rein und setzen uns zu Mama an den Küchentisch. Steffis Handy klingelt zwei – drei Mal mit SMS von Dominik und ich fange an, mit Mama über Handys zu reden.

Ich möchte auch unbedingt eins haben. Sie will es aber nicht, sie begründet das nur mit dem Satz, dass ich so etwas nicht brauche und was ich damit denn überhaupt will.

Als es endlich an der Türe klingelt, sind die Zwei wieder zurück.

Steffi rennt noch einmal kurz zum Spiegel, macht sich ihren Lipgloss drauf und wir gehen anschließend zurück vor die Türe.

Meine zwei kleinen Schwestern kommen mir auf dem Weg nach draußen entgegen und wollen rein zum Spielen.

Wir setzen uns auf dem nahen gelegenen Spielplatz auf eine Bank und rauchen.

Als Dominik eine selbstgedrehte Zigarette raucht, wird es Steffi und mir ziemlich schummrig im Magen. Es riecht irgendwie komisch.

Mir wird schon fast schlecht davon, weil es so intensiv riecht.

Steffi nimmt wie immer kein Blatt vor den Mund und will natürlich sofort wissen, was das ist:

"Sind das Drogen? Dominik, sag es mir! Ich will das wissen!"

Doch er belächelt es und sagt, sie soll aufhören herum zu spinnen!

Als ob er Drogen nehmen würde.

Sei doch lächerlich, so etwas über ihn zu behaupten!

Er erklärt uns, dass es irgendein Aroma Tabak sei.

Dabei hampelt er aber nervös umher, was mir die Sache nicht wirklich glaubhaft erscheinen lässt. Das würde es in vielen Geschmacksrichtungen geben, wie Erdbeere, Vanille, Pfefferminz und vieles mehr, beteuert er uns ständig.

Daraufhin fragt er uns, ob wir es auch mal probieren wollen.

Da wir ihm nicht ganz glauben können, was er da sagt, lehnen wir sein ungewöhnliches Angebot ab.

Martins Blick bei Dominiks Frage sah komischerweise auch irgendwie entsetzt aus, was es mir noch offensichtlicher macht, dass Stefania vielleicht gar nicht so unrecht hatte.

Er sah aus, als würde er ihm am liebsten sagen wollen:

"Was redest du da gerade für eine Scheiße!!!"

Irgendwie scheint uns das Ganze nicht ganz geheuer zu sein. Reden aber nicht weiter darüber, stattdessen fangen wir mit den Beiden zu flirten an. Martin kommt mir manchmal so nah, dass es mich unheimlich nervös macht.

Wir verbringen die Zeit bis zum Sonntagabend zusammen, bis Mama Steffi nach Hause fahren muss.

Das Wochenende ist perfekt gewesen und Martin ist sooo süß! Dabei werde ich gerade mal elf und er ist fünfzehn. Steffi wird bald zwölf, sie ist ja ein Jahr älter als ich und hat genau an Heiligabend Geburtstag, ich knapp einen Monat vorher.

Ich habe überhaupt keine Lust morgen auf die Schule.

Die können mich doch eh alle nicht leiden.

Ständig muss ich mir mit ansehen, wie sie mich ignorieren oder über mich reden oder auch lachen. Will gar nicht wissen was sie über mich erzählen.

Viel lieber würde ich jeden Tag bei Martin sein und unsere nächtlichen Ausflüge genießen. Ich hoffe die Schultage vergehen schnell bis zum Wochenende.

Die nächsten Zwei Wochen vergehen aber ganz angenehm.

In der Schule läuft es mit den Noten zwar noch ganz gut, aber im Sportunterricht habe ich einmal das schlechtere Los gezogen. Und das hat mir gezeigt, was für eine Rolle ich wirklich in dieser Klasse spiele.

Das Mädchen nennt sich Layla, sie ist so gesagt "das beliebteste weibliche Wesen unter uns!" Marken Klamotten, Miss Sixty, New Yorker, Buffalo und jede Menge an rosa Kitsch. Tolle gepflegte Fingernägel und sie muss sich immer präsentieren.

Ich muss zugeben, sie ist wirklich eine sehr Hübsche, aber muss man andere deshalb demütigen oder beleidigen, um sich in ein besseres Licht zu stellen?

Sie fing an mit mir in den Umkleiden zu diskutieren.

Ich weiß überhaupt gar nicht, um was es ihr überhaupt ging.

Da steht sie plötzlich vor mir mit einem Blick, der mich zwingt aufzustehen. Ich will gerade etwas sagen, um mich zu verteidigen, da fange ich mir auch schon eine Backpfeife ein. Ohne jeglichen Grund.

Ich bin ihr wohl nicht gut genug mit ihren Fingernägeln und dem Stil eines Barbie-Püppchens. Jede in der Umkleidekabine schaut mich an, sagt aber kein einziges Wort.

Die Tage nach diesem Vorfall bleiben überraschend ruhig. Aber es nimmt mir die Lust gerne zur Schule zu gehen und den Anforderungen der Schule weiterhin gerecht zu bleiben.

Manchmal täusche ich auch Kopfschmerzen vor, nur um nicht zur Schule zu müssen. Und als ich mir ausgerechnet zur gleichen Zeit den Fuß verletze, wie eines meiner Mitschüler und ich, wie er, auch einen Gips tragen muss, macht mich zu einer großen Schauspielerin.

Dass ich mich damit aber nicht wichtigmachen will und ich mir wirklich meinen Zeh gebrochen habe, nur weil ich nachts aus dem Fenster sprang und auf eine Ecke der auf dem Boden liegenden Steinplatte getreten bin, das interessiert niemanden.

Aber nein, ich bin ja ein Nachahmer, mit Gipsfuß… Deshalb habe ich die Krücken und den Gips kurze Zeit später abgelegt, als ich einigermaßen wieder auftreten konnte um mir weitere blöde Blicke zu ersparen.

Zu Hause läuft es Gott sei Dank anders.

Ich bin immer öfters nachts draußen und lungere mit den anderen herum. Und wenn wir mal kein Wochenende haben, bin ich mit Dominik alleine draußen auf den Straßen.

Martin schmeichelt mir auch immer wieder etwas Neues vor, bis es irgendwann zu meinem ersten Kuss kommt.

Er steht eines Abends alleine vor meinem Fenster, was zwar schon öfters vorgekommen ist, aber heute etwas anders war. Er kann einem wirklich romantisch erscheinen.

Es ist gerade Donnerstag, wir reden über das kommende Wochenende und dass schon bald die Herbstferien beginnen.

Dabei schaut er mich mit verliebten Augen an.

Ich frage mich gerade, ob er damit ausdrücken möchte, dass wir mehr Zeit zusammen verbringen können. Er rückt mir immer näher, bis er mir plötzlich ganz nah ist. Zu nah.

Ich sitze auf dem Fensterbrett, er streckt mir seine Hand entgegen, fasst mich liebevoll an die Wange, rückt mir näher und wir fangen uns an zu küssen.

Wie soll man da als Mädchen überhaupt widerstehen können?

Mich hat es wohl ziemlich erwischt.

Hoffentlich empfindet er auch das Gleiche für mich, was ich fühle… Nach diesem Kuss hält er noch eine ganze Zeit lang meine Hand, bis er sich verabschiedet.

Es ist mittlerweile nach zehn und ich muss mich langsam auf den Weg ins Bett machen, auch wenn ich an nichts anderes mehr denken kann als an Martin.

Ich gehe ins Bad, putze mir die Zähne, kämme mir die Haare und ziehe mir meinen Schlafanzug an.

Nachdem ich mich ins Bett gelegt habe, erzählt mir Sophie, dass Mama sich Gedanken um mich macht.

Sie will wissen, was wir die ganze Zeit machen und warum Dominik so viel bei uns ist. Ihr scheint das nicht ganz geheuer zu sein mit uns.

Da fragt sie mich noch, ob ich mit Martin zusammen wäre. Darauf kann ich ihr keine genaue Antwort geben.

Mama meint, dass Stefania einen schlechten Einfluss auf mich hätte.

Nicht dass sie sie nicht leiden kann. Mama mag Stefania, sie hat aber Angst, ich würde auch anfangen mich so zu schminken wie sie und mich nicht mehr altersgemäß kleiden und verhalten.

Ich verspreche Sophie daraufhin, sie einmal mitzunehmen, falls keiner etwas dagegen hat und sie Mama nicht alles sofort erzählt. Denke dann ist es auch kein Problem mehr.

Da könnte sie sich ein Bild machen und Mama ist beruhigter, wenn sie weiß, dass Sophie dabei ist.

Ich hoffe nur, dass sie nicht alles bei Mama ausplaudert!

Die Jungens sind eben alle etwas älter, da muss man gewisse Dinge akzeptieren wie sie sind.

Es sind ja keine Kinder mehr, und das habe ich versucht Sophie im Vorfeld zu erklären.

Der Kindergarten ist eben schon ein paar Jahre her.

Die anderen dazu zu überreden, dass ich Sophie mitbringen kann, war nicht gerade ein einfach.

Keiner wollte es so recht. Sie sind alle der Meinung, sie würde alles ausplappern, was wir so treiben.

Ich konnte dazu nichts sagen, sie liegen wahrscheinlich gar nicht so falsch damit. Ich nehme sie trotzdem erst einmal mit, weil ich sie nicht ablehnen will.

Es ist nun mal meine Schwester.

Doch begeistert waren die nicht. Deswegen ließ ich Sophie später doch wieder zu Hause.

Wir machen sowieso nichts Besonderes außer rauchen, quatschen, Blödsinn machen.

Steffi und ich wollen an einem Wochenende zur Abwechslung mal bei ihr schlafen. Ihren Eltern kommt es nämlich spanisch vor, warum es immer nur bei mir sein muss.

Sie wissen ja nichts über Dominik und schon gar nichts über unsere nächtlichen Ausflüge, vom Rauchen und dem Alkohol mal ganz zu schweigen.

Bei ihr zu Hause finde ich es eigentlich recht gemütlich. Sie aber wäre viel lieber bei mir. Bei ihr kann man nichts machen, meint sie.

Dominik kommt uns trotzdem besuchen. Wir treffen uns daraufhin auf einem Spielplatz bei Steffi hinter dem Haus.

Wir verbringen dort den ganzen Nachmittag und ich muss ihre nervige Turtelei ertragen.

Bis wir ihn später zur Bushaltestelle begleiten.

Auf dem Weg dorthin gehen unsere Kippen aus.

Dominik dreht uns deshalb netterweise eine von seinem Tabak.

Wir unterhalten uns, rauchen die Zigaretten zu Ende, bis er uns plötzlich aufklärt:

„Ihr habt gerade gekifft!“, stößt er auf und lacht sich halb tot.

Wir lachen mit, fragen uns aber ob das wirklich stimmt...

Er meint uns weismachen zu können, dass wir gerade einen Joint geraucht hätten.

>Lächerlich. So etwas merkt man aber doch. <

Im ersten Moment nehmen wir es nicht ernst.

Doch irgendwie finden wir das Kiffen gar nicht mehr so schlimm, wenn wir so darüber nachdenken, dass das jetzt wirklich ein Joint gewesen sein soll. Wenn es denn auch wirklich so ist, wie er sagt.

Dominik versichert uns, dass das Kiffen wirklich nicht so schlimm ist wie viele immer behaupten.

Wir glauben ihm, denn wir haben von dem angeblichen Joint ja auch nichts bemerkt. Er muss es ja wissen, er kennt sich damit nun mal besser aus als wir.

Wir streiten uns auch überhaupt nicht darüber, irgendwie macht es mich und Stefania doch ziemlich neugierig, was das Kiffen überhaupt ist.

Denn wenn das, was wir gerade geraucht haben, wirklich ein Joint gewesen sein soll, sind die Leute, die etwas dagegen haben, doch wirklich bescheuert.

Wir haben zumindest nichts Schlimmes dabei bemerkt.

Am Bus angekommen verabschieden wir uns von ihm. Wir reden den ganzen Rückweg lang über Drogen und darüber, dass sie überhaupt nicht so schlimm sind. Denn das haben wir ja jetzt auch selber erlebt.

Es ist das gleiche Thema wie Zigaretten und Alkohol, man verbietet es und stellt es als etwas Schlechtes hin, obwohl es überhaupt nicht so ist.

Ich denke mir, einmal im Leben alles auszuprobieren, dann hat man auch alles erlebt, wer weiß, vielleicht werde ich ja einmal jede Droge ausprobieren die es auf dieser Welt gibt.

Später rauchen wir noch jeder eine Zigarette bei ihr im Zimmer, aber so dass es ihre Eltern nicht bemerken.

Sie schließt ab und sagt, sie will jetzt nicht gestört werden.

Die Eltern lassen ihr meist auch diese Privatsphäre.

Was Stefania mit Langeweile meint, verstehe ich langsam, als bei mir nach und nach auch die Langeweile eintritt und ich am liebsten raus gehen würde.

Doch wir haben jetzt nach neun und um diese Uhrzeit dürfen wir nicht mehr auf den Straßen herumlaufen.

Zu Hause wäre das jetzt kein Problem, keine zwei Stunden und ich könnte wieder draußen sein.

Nach diesem Wochenende, kann Stefania wieder beruhigt bei mir übernachten. So schnell werden ihre Eltern, denke ich nicht wieder irgendwelchen Verdacht schöpfen.

Obwohl sie ihrer Tochter in dieser Hinsicht seltener vertrauen, weil sie eben schon macht was sie will.

Langsam kehrt auch Routine ein in mein Leben.

Ständig das Gleiche. Blödsinn machen, rauchen, nachts abhauen - und in der Schule gerate ich immer mehr in den Hintergrund.

Und das Kiffen hat jetzt in meinem Leben einen festen Platz.

Im Unterricht sitze ich jeden Tag an meinem Tisch und mache wie immer ziemlich passiv mit.

Meine Gedanken sind das Einzige, das sich geändert hat. Mir kreist immer das Gleiche im Kopf herum:

>Ich bin die Einzige, die hier raucht, kifft und Alkohol trinkt! Ich kann mich niemals mit einem von denen vergleichen! Geschweige einmal über das reden, was ich den ganzen Tag so treibe. Ich kann in ihrer Liga nun mal nicht mithalten und umgekehrt genauso. Geld habe ich keins und Selbstbewusst-sein, um mich anderweitig durchzusetzen, fehlt mir auch.

Im Wesentlichen hat sich ja eigentlich nichts verändert. Ein Außenseiter in dieser Klasse war ich ja eigentlich schon immer…<

In den Herbstferien sind wir eine richtige Clique.

Das Mädchen Sabine sieht man überhaupt nicht mehr und der Andre ist auch nur noch selten da. Somit besteht unsere Clique aus Stefania, Dominik, mir, Martin und einem Nachbarn von nebenan.

Der Igor (16 Jahre), er kifft auch schon seit Jahren und seine Mutter hat sogar nichts dagegen.

Ab und zu kommt mir zu Ohren, dass sie mehr an Drogen nehmen, als nur zu kiffen.

Doch darauf spreche ich sie nicht an. Man würde es ja sowieso abstreiten und mir irgendeine Lüge auftischen.

Igor ist groß, dunkelhaarig und sehr schlank.

Wir halten uns sehr oft bei ihm oder auf dem Spielplatz auf und ich weiß jetzt auch endlich, was es mit dieser Cola Dose auf sich hat, aus der sie mal geraucht haben.

Sie stechen Löcher mit dem Verschluss in die Dose rein, den man zuvor abgeknickt und das obere Stück des Öffners mit den Zähnen zu einem spitzen Gegenstand geformt hat und sticht Löcher in die Mitte oben an die Dose. Mehrere rundum nah beieinander wie ungefähr ein Sieb. Und ein Loch an der Seite, dass wir Kick Loch nennen.

Das hält man während des Rauchens zu und lässt erst los, wenn die Glut ausgeht, um den restlichen Qualm zu inhalieren.

Mittlerweile bin ich kiffe ich schon recht häufig und kann aus eigener Erfahrung sagen: dem was man von allen und jedem hört, wie schlimm das Zeug ist, stimmt nicht ganz. Man ist zwar ruhiger, man lacht auch viel mehr über sinnlose Sachen und hat öfters mal Heißhunger, aber ansonsten gibt es nichts daran auszusetzen.

Ich kiffe gerne und bin ein richtiger Angeber, wenn es darum geht, wer den besten Joint dreht.

Ich drehe eben echt gut, er lässt sich nicht nur gut rauchen, sondern sieht optisch auch perfekt aus.

Um einen Alltag zu bewältigen, muss man sich hin und wieder schon selbst in den Hintern treten, da es einen doch träge macht. Weshalb ich mir selten selbst verbiete zu kiffen, wenn ich noch etwas Wichtiges zu tun habe, wobei mir das mittlerweile ehrlich gesagt auch egal ist.

Außer morgens kiffe ich überhaupt nicht, wenn ich z.B. zur Schule gehen muss, aber das liegt wohl auch eher daran, weil ich dort niemanden habe der es auch macht.

Und dann ist da noch Martin. Er meint es wohl nicht so ernst mit mir, wie ich erhofft habe. Ich bin Hals über Kopf total verliebt und was tut er?

An einem Abend, als er bei mir war und Mama bei Marlies zu Besuch ist, wagt er sich Steffi zu küssen.

Und zwar richtig, mit Zunge. Vor meinen Augen!

Ich bin geschockt, angeekelt und traurig zugleich bei diesem Anblick.

Ich würde ihr so gerne an den Hals springen und sie da wegzerren!

Und Martin erst!

Ich könnte innerlich platzen vor Wut und heulen zugleich.

Doch ich verkneife mir meine innere Welt und gehe ihnen aus dem Weg und lasse mir nichts anmerken...

Ich schaue in den Spiegel, schaue mich an und stelle mir die Frage, ob ich denn wirklich so hässlich bin, dass ich ihm so egal sein kann.

Daraufhin setze ich mich im Bad auf den Wannenrand und starre eine ganze Zeit lang ziemlich geistesabwesend durch die Gegend.

>Wie konnten die mir das nur antun?

Wie Dominik wohl reagieren wird? Ist ihr das wirklich so egal?

Und ich dachte sie ist verliebt! <

Als Steffi langsam bemerkt, dass ich eine ganze Zeit lang weg bin, klopft es an der Tür. Ich öffne und schaue sie an, aber sage ein zwei Wörter und gehe an ihr vorbei.

Um irgendwie meinen Frust loszuwerden, suche ich draußen im Garten nach Jointstummel.

Wir werfen sie manchmal einfach hier auf den Boden.

Dass ich alleine im Garten bin, bemerken die noch nicht einmal. Denen bedeutet es wohl nicht so viel wie für mich!

Sie wollen ja nur ihren Spaß. Ich versuche nicht daran zu denken und suche weiter, glücklicherweise nicht lange.

Nach kürzester Zeit habe ich 6 Jointstummel zusammen, an einem ist sogar noch fast die Hälfte dran.

Daraus drehe ich mir jetzt einen neuen… Als Dominik später zu uns kommt und erfährt, was zwischen den Beiden gelaufen ist, gibt es ein Streit und Eifersucht zwischen uns.

Keiner will den anderen noch sehen und wir meiden den Kontakt zueinander, ich hänge mitten drin.

Dominik kommt ab und zu an mein Fenster und wir rauchen zusammen. Ich bin aber trotzdem immer noch verliebt in Martin. Ich kann ihn einfach nicht vergessen.

Ist das naiv von mir?

Wenn Martin mir mal über den Weg läuft, gehen wir zusammen einen (Joint) rauchen, aber mehr läuft irgendwie nicht mehr.

Er redet zwar mit mir, ein wenig flirten wir auch noch miteinander, aber wie es am Anfang gewesen war, so ist das alles nicht mehr.

Er geht zwar auf die Gesamtschule die direkt neben meiner Schule ist, aber er ignoriert mich, wenn er mich sieht.

Ich bin ihm zu jung meint er und er möchte nicht mit mir gesehen werden.

Das enttäuscht mich und macht mich auch irgendwie sauer.

Ich bin wütend auf ihn - und auf mich selbst!

Wenn ich doch älter wäre oder etwas beliebter, würde er mich vielleicht mögen und beachten!

Steffi meldet sich dann auch noch immer seltener. Läuft ja bestens.

Als ich mich an einem Tag mit ihr treffe, hat sie eine Schulfreundin im Schlepptau. Sie verstehen sich gut, zu gut leider. Sie albern so sehr herum, dass ich zur totalen Nebensache werde. Ich fühle mich, als wäre ich gar nicht da.

Dabei ist mir ihre Freundin gar nicht so sympathisch!

Das Ganze bringt mich irgendwie durcheinander.

Ich bin ein eher introvertierter Mensch, obwohl Außenstehende der Meinung sind, ich sei ein sehr offenes Wesen.

Naja, aber auch nur mein äußeres Erscheinungsbild scheint dieses Bild der Offenheit zu charakterisieren.

Ich halte vieles was mich bedrückt für mich, eigentlich alles bis auf meine Wut. Wenn ich sauer bin dann zeige ich das auch, weil ich auch einfach nicht weiß wie ich es anders äußern soll.

Ganz anders als Stefania, sie macht ihren Mund auf, wenn ihr was nicht passt.

Egal um was es geht, ich wünschte ich könnte das auch.

Ich ziehe mich also immer mehr zurück.

Der Kontakt zu Stefania bricht immer mehr ab.

Da Mama mir endlich auch ein Handy gekauft hat, was ich mir mit Sophie teilen muss, schreibe ich hin und wieder mit ihr ein paar SMS.

Worauf meist verspätet eine Antwort, zurückkommt oder es ganz ignoriert wird oder vergessen.

Dass ich jetzt endlich auch ein Mobiltelefon habe, ist für mich das Größte. Mama hat sich sogar auch eins zugelegt, >ja und das nannte sie doch „wir bräuchten so was ja nicht?“ Sich aber selbst eines kaufen. < XD Das tolle an einem Handy ist, dass Mama nicht immer alles kontrollieren kann, was ich tue oder mache und wohin ich gehe.

Nur auf Sophie muss ich Acht geben, dass sie Dominik nie am Fenster sieht oder einen Joint zu Gesicht bekommt...

Ich hoffe, dass ich sehr bald mein eigenes Handy haben kann.

In der Schule lerne ich durch ein Gespräch die beste Freundin von Layla kennen. Luisa (12 Jahre), die sonst immer neben Layla sitzt.

In der fünften hatte ich kaum mit jemanden aus der Klasse etwas zu tun. Jetzt in der sechsten habe ich Kontakt zu ihr, aber auch nur, weil sie in Laylas Nähe wohl keinen Platz mehr im Mittelpunkt findet.

Mich stört es nicht. Ich bin ja kein Unmensch und irgendwie ist sie ganz nett.

Die Beiden verstehen sich wohl nicht mehr so gut, seither laufe ich mit ihr zusammen auf dem Schulhof herum.

Sie raucht sogar auch schon, was mich zuerst verwundert hat.

Dass ich kiffe, behalte ich noch eine ganze Weile für mich.

Irgendwann schläft sie es erste Mal bei mir und lernt dadurch Dominik und Martin kennen.

Sie kifft dadurch es erste Mal. nachts, als Sophie schon eingeschlafen ist, rauchen wir einen Joint am Fenster.

Luisa kann sich vor lauter Lachen kaum noch halten und fällt bei jedem Eigenwitz fast von der Fensterbank.

Sie ist schon irgendwie ziemlich lustig. Es ist amüsant ihr dabei zuzusehen. Ihre Grimassen die sie ständig beim Rauchen zieht, hat sie wahrscheinlich gar nicht mehr unter Kontrolle.

Dominik genießt es auch und macht sich immer wieder an sie ran, ihr scheint es aber zu gefallen.

Bei den Beiden dauert es auch nicht lange, da machen sie sogar miteinander herum.

Liebe ist das nicht zwischen ihnen. Nur ein reines just 4 Fun. Das Lieblingsmotto.

Martin kommt irgendwann auch wieder zu mir ans Fenster, wir rauchen zusammen und quatschen.

Er findet Luisa auch sehr attraktiv und das sagt er ihr sogar in meinem Beisein.

Dass sie aber ausgerechnet an diesem Tag des Kompliments in meinen Klamotten herumläuft, spielt natürlich keine Rolle.

Aber so ist das mit dem Glück im Leben, es verteilt sich unvorhersehbar und manchmal auch noch ungerecht.

Dabei bin ich doch nicht dick. Für meine Größe von 1,58 wiege ich 43 Kilo und nur weil Luisa zwei Kilo weniger wiegt als ich und einen Zentimeter größer ist meint sie, sie wäre die Tollste unter uns.

Die Tage vergehen, und in der Schule sind meine Leistungen irgendwann nicht mehr ausreichend genug.

Bevor das Versetzungsjahr in die siebte Klasse ansteht, droht mir, wenn ich jetzt nichts ändere, sodass der Übergang auf die Hauptschule sich wohl nicht mehr verhindern ließe.

Die Nächte an den Wochenenden werden aber nicht kürzer, sondern länger.

Nächtliche Autofahrten werden häufiger und irgendwann fahre ich sogar selbst durch die Straßen und Städte und das alles ohne erwischt zu werden.

Ich fahre mittlerweile auch ziemlich gut.

Zu meinem 12. Geburtstag bekomme ich mein erstes eigenes Handy, ein Nokia 5110.

Jetzt bin ich auch immer erreichbar.

Ich bin so glücklich darüber. Ich sitze die ersten Tage stundenlang mit meinem Handy da und spiele Snake und übertreffe einen Rekord nach dem Anderen.

Eine Strategie von mir, um über 1000 Punkte zu kommen, ist das ständige Anhalten und Weiterspielen mit den Tasten. Anders kann man es auch gar nicht schaffen. Es ist anstrengend auf Dauer, es erfordert Disziplin, Ausdauer und schnelle Reaktion mit den Tasten, das mag ich.

Ich liebe dieses Spiel, es macht total süchtig, fast jeder zweite Jugendliche sitzt einfach nur da und spielt dieses Spiel.

Mit Luisa verstehe ich mich jetzt auch richtig gut.

Ich übernachte bei ihr oder sie bei mir, natürlich finde ich es bei ihr viel schöner, weil sie ein Haus haben, aber wieder einmal mag man lieber bei mir schlafen.

Wir können nachts nun mal aus dem Fenster klettern und die Nacht zum Tag machen.

Mir geht es manchmal aber sehr auf die Nerven, wenn man immer nur bei mir schlafen will.

Bei ihren Eltern ist alles geregelt.

Ich fühle mich da richtig wohl.

Das ist einfach was anderes als nur immer nachts abzuhauen.

Sie hat dazu noch drei Brüder, einen jüngeren und zwei ältere. Die eigentlich ganz nett sind - bis auf ihre ständigen blöden Kommentare sind sie ganz ok.

Als ich sie irgendwann näher kennen lernen und die Eltern von Luisa auch, darf ich zum Geburtstag des Vaters bei ihnen übernachten.

Worauf ich mich richtig doll freue.

An diesem Abend rauchen Luisa und ich einen Joint, den ich zuvor gedreht habe.

Ich mag sie manchmal gar nicht anrauchen, sie sehen einfach so perfekt aus.

Mein stolz ragt bis hoch in den Himmel, wenn ich die Tüte so gut hinbekomme. Komplimente dafür habe ich auch schon erhalten aber auch Rivalität. Bleibt ja auch nicht aus. Angeber eben… Nach dem Joint rennen wir noch durch die Stadt.

Plötzlich komme ich auf die Idee, einen Flachmann Mariacron zu klauen. Wir sind manchmal so albern, dass wir gar nicht mehr darauf achten, wer uns dabei beobachtet.

Einige Leute auf der Straße schauen uns nach. Wir lassen uns davon aber nicht ablenken und tratschen zurück auf die Geburtstagsfeier vom Vater.

Unten im Keller bei dem ältesten Bruder (17 Jahre) hole ich meinen Flachmann raus und halte es ihm direkt vor die Nase. Irgendwie will ich ja auch Eindruck damit schinden.

"Hier, nimm mal und sag mir, wie ich das trinken kann, so aus der Flasche kann ich es nicht, sonst übergebe ich mich."

Er nimmt die Flasche und grinst:

"Das musst du mit Cola trinken, schmeckt so auch besser."

Er mixt mir ein Glas und ich trinke es, obwohl es immer noch recht ekelig schmeckt. Nach kürzester Zeit ist mir schon komisch, was ich mir aber nicht anmerken lassen will.

Ich versuche mich zusammen zu reißen, aber nachdem die Flasche ¾ leer ist, gelingt es mir nicht mehr so wie ich möchte.