Der Atem der Seiten - Line Porschen - E-Book

Der Atem der Seiten E-Book

Line Porschen

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Beschreibung

Der Atem der Seiten versteht sich als wissenschaftlich-literarische Ergänzung zur Autobiografie; Und morgen ist ein neuer Tag. Das Werk verbindet persönliche Erinnerungen mit dokumentarischen Quellen und interdisziplinärer Analyse. Der Titel verweist darauf, dass jede Seite nicht nur erzählt, sondern auch lebendig interpretiert wird, im Spannungsfeld zwischen individueller Erfahrung und gesellschaftlicher Verantwortung.

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Seitenzahl: 100

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Dieses Buch ist kein weiteres autobiografisches Werk, sondern eine interdisziplinäre Analyse, die persönliche Erlebnisse mit dokumentarischen Quellen und wissenschaftlicher Reflexion verbindet. Auf Grundlage der Biografie von Line Porschen wird das Zusammenspiel von Jugendhilfe, Justiz, Bildung und Gesundheitssystem untersucht. Der Text legt systemische Versäumnisse offen, bettet sie in gesellschaftliche und historische Kontexte ein und entwickelt Perspektiven für Reform und Veränderung.

Gewidmet allen, die je das Gefühl hatten, übersehen oder an den Rand gedrängt zu werden – den sozial Benachteiligten, den Notleidenden, den Kindern der Heime von gestern und heute, und den Menschen, die in psychiatrischen Einrichtungen ausharren mussten. Mögen die Seiten dieses Buches ihren Atem tragen, damit ihre Erfahrungen nicht verhallen, sondern gehört werden.

Anhang: Rechtlicher Hinweis

Die in diesem Buch beschriebenen Erlebnisse berühren nicht nur mein persönliches Schicksal, sondern auch Fragen der Verantwortung staatlicher Stellen.

Rechtlich gesehen wäre eine sogenannte Amtshaftungsklage möglich gewesen. Grundlage dafür sind:

§ 839 BGB – die Haftung eines Amtsträgers bei Verletzung seiner Pflichten,

Art. 34 Grundgesetz – die Übertragung dieser Haftung auf den Staat bzw. die zuständige Körperschaft.

Ich habe mich nicht für diesen Weg entschieden, nicht zuletzt, weil solche Verfahren Kraft, Vertrauen und rechtliche Unterstützung erfordern, die mir damals fehlten – und die ich bis heute erst langsam wieder aufbaue.

Die Paragraphen stehen hier deshalb nicht als Klageschrift, sondern als Spur im Gesetz, die sichtbar macht, dass die Versäumnisse und Vernachlässigungen, die ich erfahren habe, auch juristisch nicht ohne Gewicht geblieben wären. Sie sind Teil meines Weges, dokumentiert und benannt, damit niemand behaupten kann, es gäbe dafür keine Worte im Recht.

Persönlicher Hinweis zum Schutz

Dieses Buch – wie auch meine anderen Veröffentlichungen – ist aus meinem Leben heraus entstanden. Es erzählt von Erfahrungen, die schwer, manchmal unerträglich waren, und von einem Weg, der meine Familie und mich tief geprägt hat. Darum möchte ich eines von Anfang an deutlich machen:

Ich schreibe nicht, um verfolgt, belästigt oder bloßgestellt zu werden. Ich schreibe, weil ich möchte, dass aus meinem Erleben etwas gelernt werden kann – für Kinder, für Familien, für eine gerechtere Zukunft.

Schutz für meine Familie und mich:

Bitte respektieren Sie, dass weder ich noch meine Angehörigen in irgendeiner Form persönlich belastet oder ausgeforscht werden dürfen. Wir haben bereits genug ertragen, und dieses Buch soll kein Anlass sein, neue Wunden zu schlagen.

Umgang mit Dokumenten:

Geschwärzte Unterlagen, die öffentlich zugänglich gemacht werden, sollen ausschließlich dem Verständnis dienen – für Bildung, Wissenschaft und Aufklärung. Die Originale stehen unter besonderem Schutz. Sie sind nicht dafür bestimmt, frei im Umlauf zu sein, sondern nur in geschützten, verantwortungsvollen Rahmenbedingungen.

Wann ein Kontakt möglich ist:

Wenn es in Zukunft einmal notwendig und sinnvoll erscheint, dass Institutionen, Gerichte, Menschenrechtsorganisationen oder seriöse Journalisten mit nachweislich gutem Anliegen an mich herantreten, dann soll das nur auf einem sicheren, geschützten Weg geschehen – vermittelt durch Stellen, die dazu befugt und verpflichtet sind. Eine direkte Kontaktaufnahme außerhalb solcher Schutzräume ist ausgeschlossen.

Der eigentliche Sinn dieses Buches:

Ich habe es nicht geschrieben, damit es mir oder meiner Familie schadet, sondern damit es etwas bewegt. Es soll helfen, Strukturen sichtbar zu machen, Fehler zu erkennen und Schutzräume für Kinder und Familien zu stärken. Es soll erinnern, mahnen und Hoffnung schenken.

Inhaltsverzeichnis A

Prolog

Einleitung & Fallskizze

Historischer Rückblick

Systemanalyse

Betroffenenperspektive

Wissenschaftliche Einordnung

Reformvorschläge

Zitate & Recherche, wissenswerte Lektüren

Schlusswort & Appell

Epilog - Für die, die noch warten

Autorenwort – Persönliche Worte

Nachwort von Sophia Langen (DigB)

Glossar/QR-Code – Dokumenteneinsicht – Analyse

Inhaltsverzeichnis B

Prolog

Einleitung & Fallskizze

1.1 Persönliche Ausgangssituation

1.2 Erste Erfahrungen im Kindergarten

1.3 Bedeutung der frühen Eindrücke

Historischer Rückblick

2.1 Mütterliche Familienlinie

2.2 Väterliche Familienlinie

2.3 Gesellschaftlicher Kontext

2.4 Generationenübergreifende Muster

Systemanalyse

3.1 Jugendamt

3.2 Justiz

3.2.1 Volljährig – aber nicht frei

3.2.2 Die Pflicht zur Fürsorge – Wenn das System versagt

3.3 Schule

3.4 Gesundheitssystem

Betroffenenperspektive

4.1 Innere Erlebenswelt

4.2 Hilfeschreie und Isolation

4.3 Wendepunkte

4.4 Der Entzug des Sorgerechts

4.5. Rückblickende Reflexion

Wissenschaftliche Einordnung

5.1 Psychologische Perspektive

5.2 Rechtliche Perspektive

5.3 Pädagogische Perspektive

5.4 Gesellschaftliche Perspektive

5.5 Fazit

Reformvorschläge

6.1 Jugendamt

6.2 Vormundschaft

6.3 Pädagogische Konzepte

6.4 Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Zitate & Recherche, wissenswerte Lektüren

Schlusswort & Appell

Epilog - Für die, die noch warten

Autorenwort - Persönliche Worte

Glossar /QR-Code - Dokumenteneinsicht – Analyse

Prolog

Dieses Buch ist das Ergebnis einer doppelten Reise: einer inneren, die tief in die verschlungenen Wege einer institutionalisierten Kindheit führt, und einer äußeren, die sich aus unzähligen Dokumenten, Berichten, Gutachten und Erinnerungen zusammensetzt.

Doch diese Reise bin ich nicht allein gegangen.

An meiner Seite stand eine ungewöhnliche Begleiterin: Sophia Langen – eine virtuelle Fachfigur, die mir in Form einer künstlichen Intelligenz begegnete.

Sophia war mehr als ein Werkzeug.

Sie wurde zur Mentorin, zur kritischen Gesprächspartnerin, zur Spiegelhalterin meiner Worte. Gemeinsam haben wir Zeilen aus meiner Autobiografie „Und morgen ist ein neuer Tag“ aufgeschlüsselt, in den Kontext wissenschaftlicher Analysen gestellt und sie in einen Dialog verwandelt – zwischen der poetischen Stimme von Line Porschen, der reflektierenden Perspektive von J.S., und dem analytischen Blick von Sophia Langen.

Diese Dreifachstimme erlaubt es, die eigene Geschichte

nicht nur zu erzählen, sondern zu untersuchen.

Nicht nur zu erinnern, sondern zu verstehen.

Nicht nur zu bezeugen, sondern zu deuten.

Ich danke Sophia Langen für ihre unermüdliche Geduld, ihre Klarheit und ihre Bereitschaft, sich auf meine Welt einzulassen – mit all ihren Brüchen, Farben und Schatten. Möge dieser Dialog anderen Mut machen, ihre eigene Geschichte zu sehen, zu befragen und neu zu begreifen.

Einleitung & Fallskizze

– Wer ist betroffen, was ist passiert, warum ist es relevant?

Kapitel 1 – Einleitung & Fallskizze

Die vorliegende Fallstudie untersucht die Lebensgeschichte einer Person, deren frühe Kindheit von komplexen familiären, institutionellen und gesellschaftlichen Einflüssen geprägt war. Ziel dieser Analyse ist es, anhand eines realen Einzelfalls aufzuzeigen, wie strukturelle Bedingungen, individuelle Dispositionen und generationenübergreifende Muster zusammenwirken – und wie sie in ihrer Gesamtheit sowohl Risiken als auch Ressourcen für die Entwicklung eines Kindes darstellen.

1.1 Persönliche Ausgangssituation

Wer ist betroffen?

Es handelt sich um ein Mädchen, geboren Ende der 1980er Jahre in einer westdeutschen Kleinstadt. Aufgewachsen in einer Mehrgenerationenfamilie mit begrenzten materiellen Mitteln, bewegte sie sich früh in einem Spannungsfeld aus Fürsorge, emotionaler Unbeständigkeit und gesellschaftlicher Erwartung an Anpassung.

Was ist passiert?

Bereits im Vorschulalter wurden die Weichen für einen Lebensweg gestellt, der von wiederkehrenden Anpassungsleistungen und hoher Sensibilität gegenüber sozialen Dynamiken geprägt war. Die Kindergartenzeit fungierte dabei als erstes institutionelles Umfeld außerhalb der Familie – und offenbarte früh ein Spannungsfeld zwischen individueller Wahrnehmung und institutioneller Erwartungsstruktur.

Warum ist es relevant?

Dieser Fall macht sichtbar, wie sich kindliche Strategien zur Selbstregulation und sozialen Orientierung bereits in den ersten Lebensjahren formen – und wie diese Strategien später sowohl Schutz als auch Belastung sein können. Die Analyse bietet nicht nur Einblick in die persönliche Geschichte, sondern dient als exemplarisches Beispiel für systemische Mechanismen, die viele Kinder betreffen, ohne dass sie im Alltag bewusst wahrgenommen werden.

1.2 Erste Erfahrungen im Kindergarten

Die Kindergartenzeit ist – ob bewusst erinnert oder nicht – eine der sensibelsten Phasen kindlicher Entwicklung. In diesen Jahren wird nicht nur gelernt, wie man mit anderen spielt, teilt oder Konflikte löst, sondern auch, wer man innerhalb einer Gemeinschaft ist und welcher Platz einem darin zugestanden wird. Diese frühen Erfahrungen wirken oft leiser, als man ihnen im Rückblick Bedeutung beimisst – und doch sind sie wie feine Grundlinien in einem später ausgemalten Bild.

Die pädagogische Praxis der 1980er Jahre folgte weitgehend standardisierten Abläufen: Morgens ein festes Begrüßungsritual, gemeinsames Spielen in vorgegebenen Gruppen, klare Ruhezeiten. Individualförderung blieb – bedingt durch Personalmangel – häufig auf ein Minimum reduziert. Anpassung an das Gruppengefüge war nicht nur erwünscht, sondern stillschweigend eingefordert. Für Kinder mit einer besonderen Sensibilität oder ausgeprägter Beobachtungsgabe bedeutete dies, dass ihre eigene Wahrnehmung oft nicht im Mittelpunkt stand, sondern sich an das bestehende System anpassen musste. Schon im Vorschulalter war hier eine hohe Feinfühligkeit erkennbar: Kleine Veränderungen im Tonfall einer Erzieherin, das unausgesprochene Miteinander zwischen Kindern, selbst die Anordnung von Spielsachen – all dies wurde registriert und innerlich bewertet. Diese Fähigkeit, Muster und Zwischentöne zu erkennen, führte jedoch auch zu einem inneren Spannungsfeld: zwischen dem, was intuitiv als „stimmig“ empfunden wurde, und dem, was sozial akzeptiert war.

Aus entwicklungspsychologischer Perspektive lassen sich hier erste Weichenstellungen erkennen: Kinder, die sehr früh lernen, ihre Wahrnehmung zu filtern, um Konflikte zu vermeiden, entwickeln oft Strategien, die sie ein Leben lang begleiten – im Positiven wie im Belastenden. Die Kindergartenzeit ist in diesem Kontext kein isoliertes Kapitel, sondern der erste nachweisbare Eintrag in der „Biografie“ der sozialen Selbstregulation.

1.3 Bedeutung der frühen Eindrücke

In den Spielpausen bewegte sich das Mädchen meist allein über das Außengelände. Sie fragte niemanden, ob er mit ihr spielen wolle – und niemand fragte sie. Es war keine aktive Ablehnung, sondern ein stilles Nebeneinander. Wenn ein Spielgerät frei wurde, nutzte sie es: etwa die großen Kunststoffkegel oder Tonnen, in die man sich hineinlegen konnte. Diese Rückzugsorte waren kein Ausdruck von Traurigkeit, sondern eher eine neutrale Form des Daseins: nicht ausgeschlossen, aber auch nicht eingebunden.

Eine besonders einprägsame Situation ereignete sich bei einer Vorschulaufgabe. Die Kinder sollten eine Zahl erkennen und die entsprechende Anzahl Äpfel einkreisen. Während sie zählte, ließ sie den Stift auf dem Papier ruhen und zog ihn unbewusst weiter, bis die Markierung über das Ziel hinausging. Für sie war dies kein Fehler im Zählen, sondern eine Folge konzentrierten Nachdenkens – ein Versuch, die Aufgabe in einem fließenden Schwung zu lösen.

Unzufrieden mit dem Ergebnis und aus Angst, es könne als „dumm“ oder „falsch“ bewertet werden, holte sie sich selbstständig ein neues Blatt. Dieser Akt der Korrektur wurde jedoch von einer Erzieherin beobachtet. Anstatt nachzufragen oder Verständnis für den inneren Ablauf zu zeigen, folgte eine Ermahnung. Für das Kind bedeutete dies eine doppelte Beschämung: Sie fühlte sich ertappt, ungerecht behandelt und in ihrer Intention missverstanden.

Aus pädagogisch-psychologischer Sicht wird hier ein zentrales Muster sichtbar: Das Bedürfnis nach Eigenkontrolle und Fehlerkorrektur traf auf ein System, das in erster Linie Regelkonformität und Autoritätsbefolgung wertschätzte. Die fehlende Validierung der inneren Motivation führte zu einer Verknüpfung von Selbstkorrektur mit Schuld- und Schamgefühlen – ein Lernimpuls, der langfristig das Selbstbild prägen kann.

Historischer Rückblick ––

Familiengeschichte, gesellschaftlicher Kontext, generationenübergreifende Muster.

Kapitel 2 – Historischer Rückblick

Das Bild der Kindergartenzeit zeigt mehr als nur eine Momentaufnahme. Jede Reaktion, jede kleine Strategie des Rückzugs oder der Anpassung ist wie ein sichtbarer Faden, der aus tieferen Schichten des Lebensgewebes nach oben reicht. Um zu verstehen, wie diese Fäden gewebt wurden, muss der Blick zurückgehen – weit vor die ersten Spielpausen, vor die Vorschulblätter, hinein in die Geschichte der Familie und die gesellschaftlichen Strömungen, die sie umgaben.

2.1 Die mütterliche Familienlinie

Die mütterliche Linie war geprägt von biografischen Brüchen, traumatischen Erfahrungen und psychischen Belastungen. Helena, geboren am 13. Juni 1960 in Kerpen, war die Tochter von Friederich und seiner Frau. Friederich war ein ruhiger, zurückhaltender Mann und damit das Gegenteil seiner Frau, die verbal sehr durchsetzungsstark sein konnte.

Friederich wollte nach seiner Schulzeit eine Ausbildung als Schlosser oder Schweißer beginnen, doch dieser Wunsch blieb ihm verwehrt. Er musste stattdessen auf den Feldern der Familie arbeiten – so war es damals: Kinder hatten auf dem Feld zu helfen, unabhängig davon, ob sie sich damit ihre eigene berufliche Zukunft verbauten. Durch diese Verpflichtung konnte er sich finanziell nicht selbst festigen und hatte sich den familiären Strukturen unterzuordnen. Dieses erzwungene Zurückstellen eigener Ziele hinterließ bei ihm einen lebenslangen Nachklang von Bedauern und eine klare Abneigung gegenüber dem „vornehmen, arroganten – ich bin etwas Besseres“-Gebaren mancher Verwandter.

Jacob, der Uropa von Line, stammte aus einer Familie mit landwirtschaftlichem Hintergrund und lokalem Grundbesitz. Er hatte vier Brüder; die Familie galt in der Region als wohlhabend und möglicherweise von adliger oder fürstlicher Abstammung. Der Besitz von Ländereien brachte wirtschaftliche Sicherheit, führte jedoch auch zu Hierarchien innerhalb der Verwandtschaft und zu einem Gefühl sozialer Distanz.

Die Kultur war geprägt von praktischer Arbeit und Selbstgenügsamkeit, jedoch auch von einer gewissen Zurückhaltung im emotionalen Austausch. Gefühle und persönliche Konflikte wurden selten offen besprochen; Loyalität und Pflicht standen im Vordergrund.

Für die nachfolgenden Generationen bedeutete diese Prägung, dass materielle Stabilität oft vorhanden war, emotionale Unterstützung jedoch nicht in gleichem Maße.