Und was ist mit Rosemarie? - D.G. Ambronn - E-Book

Und was ist mit Rosemarie? E-Book

D.G. Ambronn

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Beschreibung

Warum musste Viktor Bleßmann sterben, und welche Rolle spielte Rosemarie dabei? Der erste Fall des noch jungen Kieler Kommissars Jörgensen ist ein ruhiger Krimi, der einen rätselhaften Todesfall aufzuklären versucht. Dabei umkreist er seine Figuren, seziert behutsam ihre Gefühle und enthüllt Schritt für Schritt die Ereignisse, die in die Katastrophe führten. Dieser Roman aus den Achtzigerjahren erscheint jetzt in einer überarbeiteten Fassung und erstmals in großer Schrift.

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Seitenzahl: 200

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das Buch:

Warum musste Viktor Bleßmann sterben, und welche Rolle spielte Rosemarie dabei?

Der erste Fall des noch jungen Kieler Kommissars Jörgensen ist ein ruhiger Krimi, der einen rätselhaften Todesfall aufzuklären versucht. Dabei umkreist er seine Figuren, seziert behutsam ihre Gefühle und enthüllt Schritt für Schritt die Ereignisse, die in die Katastrophe führten.

Dieser Roman aus den Achtzigerjahren erscheint jetzt in einer überarbeiteten Fassung und erstmals in großer Schrift.

Der Autor:

D.G. Ambronn wurde am 3. Juli 1955 an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste geboren. Er studierte Anglistik, Germanistik und Philosophie in Kiel und lebt auch heute noch im Norden, sofern er nicht gerade auf Reisen ist.

Mit Dass du in Venedig wärst veröffentlichte er 2020 seinen ersten Roman, eine Hommage an Venedig und die Liebe. Es folgten weitere Romane und Sammlungen von Erzählungen und Kurzgeschichten.

Weitere Bücher von D.G. Ambronn in großer Schrift:

Unbezähmbare Gezeiten (Kriminalroman)

Ein tierischer Fall für den Kommissar (Kriminalroman)

Dass du in Venedig wärst (Roman)

Monique und die Venezianische Vesper (Erzählung)

Monique und der siebte Rabe (Kriminalroman)

Ausgewählte Erzählungen und Kurzgeschichten

Als Weihnachten immer weiß war. Acht Geschichten

In Erinnerung an den Schauspieler Daniel Emilfork (1924-2006) und seine Darstellung des Inspector Francis in „La Belle Captive“

PERSONEN

Viktor Bleßmann handelte mit Immobilien, Ines Bleßmann ist jetzt Viktor Bleßmanns Witwe, Monika Bleßmann fällt auf als recht eigenwillige

Tochter,

Sabrina Schindler ist jünger als ihre Schwester Ines, und ihr Schwager hat ihr etwas anvertraut,

Bernward Wagner hat ein Verhältnis mit Ines Bleßmann,

eine alte Frau sieht vieles dank ihrer Brille, Harm Waismann hat ein langes Vorstrafenregister, Rosemarie Waismann ist die Frau, von der man

nicht weiß, was mit ihr ist,

Kommissar Richmuth Kühl ermittelt, Jörg-Peter Jörgensen macht das auch, ist aber

manchmal anderer Meinung als sein Chef,

und weitere, weniger wichtige Personen.

ORT UND ZEIT

Kiel, im Mai 1984

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Epilog

1

Jörgensen trat zögernd näher und lugte in den Kofferraum. Da war er also, sein erster Toter. Kein schöner Anblick, aber er bemühte sich, ihn mit professioneller Nüchternheit zu studieren.

Der Mann lag auf der Seite mit angewinkelten Beinen. Die Oberschenkel berührten fast den Oberkörper. Anders hätte er wohl auch kaum in den Kofferraum gepasst. So, wie er da lag, hätte man allerdings problemlos die Haube schließen können, aber die Streifenpolizisten, die zuerst vor Ort gewesen waren, hatten versichert, der Kofferraum hätte offen gestanden, und das war sicher auch so gewesen. Wenn nicht, wenn der Tote neugierigen Blicken verborgen gewesen wäre, hätte man ihn wohl nicht so schnell entdeckt.

Denn lange war er offenbar noch nicht tot, und hier am Vieburger Gehölz war normalerweise nicht viel los. Der Pkw stand am Beginn eines breiten Waldweges, der zu einer Anhöhe hinaufführte und sich jenseits davon zwischen den Bäumen verlor. Der eine oder andere Hundebesitzer mochte hier mit seinem Tier unterwegs sein, sicher auch ein paar Spaziergänger, wenngleich wohl nicht so früh am Morgen. Die Sonne stand zwar schon recht hoch am Himmel, aber es war Mai. Da dämmerte es schon vor fünf Uhr.

Hätte es hier nicht von Polizeimitarbeitern gewimmelt, Uniformierten und Leuten in Zivil von der Kripo, dem Arzt, dem Fotografen und den anderen von der Spurensicherung, wäre es sicher ein Ort der Ruhe und des Friedens gewesen. Dass ein Stückchen weiter mitten zwischen den Bäumen der mächtige Kieler Funkturm stand, störte die Idylle nur wenig.

Jörgensen musterte den Toten eingehender. Er mochte Mitte vierzig sein, vielleicht auch 47 oder 48, älter sicher nicht. Man durfte sich in diesem Punkt nicht täuschen lassen, sagte sich der junge Polizist. Die ungesund anmutende Blässe und der triste, freudlose Gesichtsausdruck ließen ihn älter erscheinen, als er in Wirklichkeit sein mochte. Nein, er war sicher ein Mann in den besten Jahren, unauffällig, aber gepflegt. Das Haar war voll, dunkelblond und kurz geschnitten, das bartlose Gesicht und seine ebenmäßigen Züge waren nichtssagend, so wie es auch seine Kleidung war. Alles dezente Eleganz.

Jörgensen betrachtete die Wunde, die Wunde und das geronnene Blut, das einen Teil des Gesichts bedeckte und sich bis ins Haar ausgebreitet hatte, wenngleich das Zentrum der Blutung die Schläfe sein musste, dort, wo der Schädel zertrümmert war. Möglicherweise durch einen Schlag. Wenn jemand mit einem schweren Gegenstand aus Metall oder aus Stein unter Aufbietung großer Kraft zugeschlagen hätte, wäre möglicherweise eine solche Verletzung entstanden. Vielleicht hatte man zusammen mit dem dumpfen Aufprall jenes Gegenstands auch das Splittern von Knochen hören können. Jemand hatte Jörgensen mal erzählt, dass das klingen würde wie das Brechen morschen Holzes, und er schauderte bei der Vorstellung.

„Der gehört offensichtlich unserem Mann.“

Jörgensen sah Kommissar Kühl, seinen Chef, fragend an.

„Sehen Sie selbst, junger Mann.“

Mit diesen Worten reichte Kühl ihm den Personalausweis, den man bei dem Toten gefunden hatte. Jörgensen blätterte in dem kleinen grauen Heftchen und verglich dann das Foto mit dem Gesicht des Toten. Der Ausweis, das hatte er festgestellt, war bereits vor 12 Jahren ausgestellt worden, aber diese Jahre waren an dem Mann vorübergegangen, ohne erkennbare Spuren zu hinterlassen. Sogar der Gesichtsausdruck, oder besser gesagt, das Fehlen eines Ausdrucks, stimmte mit dem Foto überein.

Der Tote hieß Viktor Bleßmann und war 47 Jahre alt, in Rendsburg geboren. Er wohnte offensichtlich immer noch dort, wo er schon bei Ausstellung des Ausweises vor zwölf Jahren gewohnt hatte, einer stillen Seitenstraße, keine zehn Minuten von hier entfernt. Er schien einer jener Menschen gewesen zu sein, die ein ebenso gesichertes wie ereignisloses Leben führen, die allenfalls zufällig in ein Verbrechen verwickelt werden, und das in der Regel auch nur als dessen Opfer. Eines Raubüberfalls zum Beispiel – was hier jedoch unwahrscheinlich war, denn die Brieftasche enthielt neben dem Ausweis mehr als zweitausend Mark in bar sowie eine Eurochequekarte und mehrere Scheckformulare.

Dann waren da noch der Führerschein, die Fahrzeugpapiere dieses seines eigenen Wagens und schließlich eine Fotografie von einem etwa zehnjährigen Mädchen, das mit kindlicher Unbefangenheit in die Kamera gelächelt hatte. Möglicherweise seine Tochter.

„Wahrscheinlich ist der Tod durch die Verletzung am Kopf verursacht worden“, sagte Dr. Weber, der Gerichtsmediziner, und zündete sich eine Zigarette an. „Vielleicht war es ein Schlag mit einem stumpfen Gegenstand. Es kann aber auch ebenso gut ein Unfall gewesen sein.“

„Was Sie nicht sagen, Herr Doktor! Aber er wird sich doch sicher nicht beim Besteigen oder Verlassen des Kofferraums den Kopf so böse gestoßen haben, oder?“ Kühl lächelte süffisant.

Jörgensen sagte sich, dass er sich an den Humor seines neuen Chefs erst noch würde gewöhnen müssen. Sein Blick fiel auf Kühls Sakko. Auch wenn er ihn erst ein paar Wochen kannte, so mutmaßte er schon jetzt, dass Kühl nur dieses eine dunkle, kleingemusterte Jackett besaß. Und jeden Tag erinnerte es ihn aufs Neue an einen Putzlappen. All die verschiedenen Farben, die nicht zueinanderpassen wollten.

„Ich glaube“, fuhr Kühl fort, „die Sache mit dem Unfall können wir ruhig außer Acht lassen.“

Dr. Weber zuckte mit den Schultern.

„Was den Zeitpunkt des Todes angeht, kann ich vorläufig nur eine vage Vermutung äußern. Ich schätze, es ist gestern Abend passiert, so etwa zwischen 20 und 24 Uhr. Genaueres erfahren Sie nach der Autopsie.“

„Schön. Sehr schön.“ Der Kommissar strich sich genüsslich mit der Hand über seinen kahl geschorenen Schädel.

„Er dürfte sehr stark geblutet haben“, fuhr Dr. Weber fort. „Aber im Kofferraum sind praktisch keine Blutspuren.“

„Ah! Wie interessant! Sie wollen damit zum Ausdruck bringen, dass er schon länger tot war, als man ihn da hineinlegte, nicht wahr?“

Dr. Weber machte nur eine nichtssagende Handbewegung.

„Und im Wageninnern selbst“, dozierte Kühl, „sind auch keine Blutspuren. Wir dürfen also annehmen, dass dieses Fahrzeug lediglich zum Transport benutzt wurde. Wo also, fragen wir uns, hat man ihn getötet? Und, fragen wir weiter, warum hat man ihn hier an diesen Ort gebracht? Sie werden denken, junger Mann“, wandte sich Kühl an Jörgensen, „dies sei ein stiller, verschwiegener Ort, gerade richtig, um eine Leiche verschwinden zu lassen, und Sie haben nicht ganz unrecht. Normalerweise wimmelt es hier nicht von Polizisten, so wie heute früh, aber … aber der offenstehende Kofferraum … nein! Dieser offenstehende Kofferraum gibt uns doch zu denken, nicht wahr?“

„Vielleicht wollte der Täter die Leiche hier vergraben und ist dabei gestört worden.“ Jörgensen äußerte diese Vermutung, obwohl er seinen Chef schon so gut kannte, dass er überzeugt war, dieser werde anderer Meinung sein.

„Aber nein!“, wurde seine Erwartung sofort erfüllt. „Bedenken Sie, junger Mann, die beiden Türen des Wagens waren verriegelt, und die Schlüssel lagen dort.“ Kühl deutete auf die mehrere Meter vom Wagen entfernte Stelle, wo die Streifenbeamten die Schlüssel gefunden hatten. „Und bei diesem Modell kann die Tür auf der Fahrerseite von außen nur mit dem Schlüssel verriegelt werden. Man hat von vornherein die Absicht gehabt, den Wagen hier zurückzulassen. Sehen Sie das jetzt nicht auch so, junger Mann? Den Wagen hier zu lassen, hätte man sich aber nicht erlauben dürfen, hätte man Spuren verwischen wollen. Es ist der Wagen des Toten; selbst wenn die Leiche hier in der Nähe vergraben worden wäre, hätte uns dieses Fahrzeug sehr schnell zu ihr geführt. Nein, man hat den Kofferraum nicht geöffnet, um den Toten herauszunehmen, sondern um uns die Arbeit zu erleichtern. Voilà! Die Leiche auf dem Präsentierteller. – Aber warum? Und wenn, warum nicht gleich mitten in der Stadt? In einer ruhigen Seitenstraße. Denken Sie an Aldo Moro. Viel früher wäre der Tote da auch nicht entdeckt worden.“ Kühl machte eine Pause, dann wiederholte er langsam: „Nicht viel früher. Fassen wir zusammen: Gestern Abend wurde dieser Mann, Viktor Bleßmann, durch einen Schlag auf den Kopf getötet. Wo, wissen wir noch nicht. Später, als er schon eine Weile tot war, hat man ihn in den Kofferraum seines Wagens verfrachtet und hierher gefahren. Dann hat man den Wagen abgesperrt – vielleicht um einen Diebstahl zu verhindern; die Zeiten sind unsicher – und den Kofferraum geöffnet, damit die Leiche möglichst bald gefunden wird. Schließlich hat man sich entfernt, entweder zu Fuß, oder es gab da noch jemanden, der unserem Mann – oder unserer Frau – eine Mitfahrgelegenheit geboten hat. Ein Taxi wird man sich doch wohl nicht hierher bestellt haben.“

„Das ließe sich überprüfen.“

„Sehr richtig, junger Mann. Aber bevor Sie das tun, werden wir den Angehörigen in der Lantziusstraße einen Besuch abstatten – sofern es dort Angehörige gibt.“

2

Die Lantziusstraße war nur ein paar Hundert Meter lang, und das mag einer der Gründe gewesen sein, warum sie ein harmonisches Gesamtbild aufwies. Ja, der Gleichklang der Häuserfassaden war so groß, dass man die Straße für die Kulisse eines Films hätte halten können, zumal sie einen leichten Bogen beschrieb, man also nicht von einem Ende zum anderen sehen konnte. Vielleicht hätte sie zu einem Film gepasst, der in den Fünfzigerjahren spielt und von kleinen Leuten handelt, die es zu etwas gebracht haben. Denn sie, die heute in den Einfamilienhäusern am Stadtrand leben, mochten damals hier gewohnt haben.

Die Kastanien beiderseits der Fahrbahn waren vielleicht in jener Zeit noch nicht die mächtigen, ausgewachsenen Bäume, die sie jetzt waren, aber das Kopfsteinpflaster war sicher schon genauso alt wie die Häuser. Es waren kleine, mehrgeschossige Gebäude, die Wand an Wand standen und alle demselben Grundmuster entsprachen. Bei jedem lag das Kellergeschoss, in dem sich auf einer Seite eine Garage befand, halb zu ebener Erde. Wahrscheinlich gab es eine direkte Verbindung zwischen Keller und Garage. Das Hochparterre war über eine Treppe, die aus dem winzigen Vorgarten hinaufführt, zu erreichen. Neben dem Eingang – also über dem Garagentor – sprang ein Erker aus der Front hervor. Manche Häuser hatten einen runden Erker, andere einen rechteckigen, wieder andere einen trapezförmigen, eine Nuance, die zusammen mit der Farbe des Putzes jedem der Häuser einen individuellen Charakter verlieh. Über dem in der Regel erkerlosen ersten Stock befand sich das Dachgeschoss, von dem aus meist zwei Mansarden zur Straße gingen. Offensichtlich war auch dieses Stockwerk bewohnt. Aber nur ganz selten fand man drei Namensschilder neben der Haustür, wenn dort auf jeder Etage eine separate Wohnung war.

Bei dem Haus, in dem der Tote gewohnt hatte, waren es zwei. Unter dem großen Messingschild mit dem Namen Bleßmann befand sich eine Holztafel, auf die ein Prägestreifen mit dem Namen Schneider geklebt war.

Jörgensen meinte, die Gardine hinter dem großen Erkerfenster hätte sich bewegt, als sie die Treppe hinaufstiegen, und tatsächlich brauchten die beiden Polizeibeamten nicht lange zu warten, schon auf das erste Klingeln hin wurde ihnen geöffnet.

Jetzt stand eine Frau vor ihnen, die vor nicht allzu langer Zeit geweint hatte. Oder hatte sie eine schlaflose Nacht hinter sich? Jedenfalls waren ihre Augen stark gerötet. Jörgensen hielt sich im Hintergrund und musterte die Frau. War das die Ehefrau des Toten? Vermutlich. Sie musste Anfang vierzig sein, war schlank und auffallend klein. Vielleicht eins sechzig. Dennoch wirkte sie keineswegs zierlich oder gar zerbrechlich, sondern vital und sinnlich. Auf den ersten Blick jedenfalls. Als er genauer hinsah, bemerkte er in ihren großen, hellbraunen Augen eine verwirrende Mischung aus Schwermut und Unsicherheit. Natürlich, sagte er sich, musste man die sonderbare Situation berücksichtigen, standen ihr doch zwei fremde Männer gegenüber! Und dann war da ja auch noch das, was sie zum Weinen gebracht oder ihr den Schlaf geraubt hatte, was auch immer das gewesen sein mochte. Wahrscheinlich hätte Jörgensen darin den Grund für ihre Unsicherheit vermutet oder sogar angenommen, sich getäuscht zu haben, hätte sie eine dunkle, vielleicht gar etwas raue Stimme gehabt, aber wie sich herausstellte, war die ihre kindlich hoch und dünn, und das betonte den flüchtigen Eindruck mädchenhafter Scheu.

„Frau Bleßmann?“

„Ja?“

„Kriminalpolizei. Kommissar Kühl.“

Sie fragte nicht, was sie von ihr wollten, sie schloss nur einen kurzen Moment die Augen, als wolle sie Kraft schöpfen für das, was vor ihr lag. Dann bedeutete sie den beiden Polizisten durch eine Handbewegung, einzutreten.

Sie kamen in einen langen Flur. An dessen Ende sah man durch eine offene Tür in einen Raum mit einem Fenster zum Garten hinter dem Haus. Frau Bleßmann führte die Polizisten jedoch nach rechts in ein geräumiges Wohnzimmer, das hell und freundlich und, wie Jörgensen sofort spürte, mit liebevoller Hingabe eingerichtet worden war. Hier – und wahrscheinlich traf das auch auf die anderen Räume zu – hatte jemand viel Zeit und Mühe aufgewandt, um eine behagliche Umgebung zu schaffen, ein wahres Zuhause. Sicher war das das Werk von Frau Bleßmann.

Sie setzten sich.

„Ist meinem Mann …? Er ist gestern Abend nicht nach Hause gekommen. Ich wollte gerade … Sie kommen doch seinetwegen, nicht wahr?“ Ein zarter Hauch von Röte überflog ihr Gesicht. „Ist ihm etwas … zugestoßen? Hoffentlich …“

Kühl hörte ihr aufmerksam zu, ohne ihr zu Hilfe zu kommen, bis sie schließlich verstummte und ihren Blick unsicher zwischen den beiden Männern hin und her wandern ließ. Eine sinnlose Grausamkeit, sie so zappeln zu lassen, dachte Jörgensen. Es war doch ganz offensichtlich, dass sie es mit einer bedauernswerten Frau zu tun hatten, die sich Sorgen um ihren Mann machte. Daher sicher die schlaflose Nacht, die Tränen. Kühl tat ja gerade so, als würde sie zum Kreis der Tatverdächtigen gehören. Nein, sagte sich Jörgensen, diese Frau war überhaupt nicht in der Lage, einen Menschen zu töten. Unter keinen Umständen.

„Nun, Frau Bleßmann“, sagte Kühl schließlich, „ich muss Ihnen die traurige Mitteilung machen, dass Ihr Mann tot ist.“

„Ja“, sagte sie schlicht, und wieder schloss sie für einen Moment die Augen. Und als Kühl nicht weitersprach: „Wo … wie ist es geschehen? War es ein Unglücksfall … ein Unfall? Mit dem Auto? Ist er mit dem Auto verunglückt?“

„Nein, kein Unglücksfall. Den Umständen nach müssen wir annehmen, dass er einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.“

„Schrecklich“, hauchte sie leise, was, wie Jörgensen fand, zwar durchaus aufrichtig klang, aber doch irgendwie unpassend wirkte. Fast hatte er den Eindruck, die Nachricht vom Tod ihres Mannes berühre sie überhaupt nicht. Allenfalls der Umstand, dass es sich um ein Verbrechen handelte. Verbot ihr ihre Schüchternheit, Bestürzung zu zeigen?

„Natürlich muss die Identität des Toten erst noch definitiv festgestellt werden. Ich muss Sie daher leider bitten, uns später ins Rechtsmedizinische Institut zu begleiten.“

„Selbstverständlich.“

„Allerdings lassen die Papiere, die der Tote bei sich hatte, kaum einen Zweifel offen. Es ist eher eine Formalität. Ich will Ihnen keine falschen Hoffnungen machen, zumal …“

„Ich verstehe.“

„Gut. Ich würde Ihnen vorher gerne noch ein paar Fragen stellen. Wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

„Aber natürlich. Bitte.“

„Wann haben Sie Ihren Mann zum letzten Mal gesehen?“

„Gestern Morgen. Beim Frühstück. Dann ist er wie jeden Morgen ins Büro gefahren. Er arbeitet bei einem Immobilienmakler in der Stadt … er arbeitete.“

Der Kommissar quittierte ihre Korrektur mit einem freundlichen Nicken.

„Wann kam er denn normalerweise nach Hause?“

„Um kurz nach vier. – Normalerweise. Aber gestern Morgen sagte er, es würde später werden.“

„Sagte er Ihnen, aus welchem Grund?“

Sie schüttelte schweigend den Kopf.

„Er sagte nichts? War das nicht ungewöhnlich?“

„Nein. Manchmal hatte er abends geschäftlich zu tun. Das kam häufiger vor.“

„Sie fragten ihn nicht nach dem Grund, weil Sie überzeugt waren, es handle sich um eine geschäftliche Angelegenheit.“

„Ja, genau.“

„Aber er hat nichts dergleichen gesagt. Richtig?“

„Nein. Ich meine, ja. Er hat nichts gesagt.“

„Könnte es sich nicht auch um etwas Privates gehandelt haben?“

„Etwas Privates? Wie meinen Sie das?“

„Nun, vielleicht hat er sich mit Freunden getroffen, um ein Bier trinken zu gehen. Kam das nicht hin und wieder vor?“

„Nein“, erklärte sie eifrig. „Manchmal besuchte er seine Schwägerin … ich meine meine Schwester. Aber das hätte er bestimmt gesagt. Ich bin ganz sicher, es war etwas Geschäftliches. Obwohl … ich … es wäre natürlich auch möglich … ich weiß es nicht.“

Kühl betrachtete sie nachdenklich.

„Frau Bleßmann, gestatten Sie mir eine offene Frage?“

Sie senkte den Blick und sagte dann leise: „Ich habe ihn gefragt, und er hat gesagt, es sei etwas Geschäftliches.“

„Aber Sie haben ihm nicht geglaubt, nicht wahr? Hatten Sie Grund, an seinen Worten zu zweifeln?“

„Nein.“

„Nein?“

„Es war …“ Sie fixierte ihn, als wollte sie feststellen, ob er sie auch wirklich verstehen würde. „Es war ... rein gefühlsmäßig.“

„Ging Ihr Argwohn in eine bestimmte Richtung? Dass es sich um etwas, sagen wir mal, sehr Privates gehandelt haben könnte?“

„Nein, das bestimmt nicht.“

„War in der Vergangenheit Derartiges vorgekommen?“

„Nein, niemals. Es war nur so ein Gefühl. Wahrscheinlich habe ich mich getäuscht, und es war doch etwas Geschäftliches.“

„Es gab also keine Probleme? In Ihrer Ehe? Sie verstehen, was ich meine?“

„Nein. Keine.“

„Nun, wir werden uns in seiner Firma erkundigen. Vielleicht besteht ein Zusammenhang mit dem Verbrechen. – Da fällt mir ein: Ihr Mann hatte eine größere Summe Bargeld bei sich, über zweitausend Mark. Und Eurocheques. War das nicht ungewöhnlich?“

„So viel Geld? Zweitausend Mark? Was … ich kann mir nicht vorstellen, was er mit all dem Geld wollte.“

„Ja, das wüssten wir auch gerne. Sie haben also keine Erklärung dafür. Nun gut. Kommen wir zu Ihnen, Frau Bleßmann. Ein paar Routinefragen. Sie verstehen?“

„Fragen Sie.“

„Waren Sie gestern Abend zu Hause?“

„Bis kurz vor sieben. Danach habe ich Bekannte besucht.“

„Waren Sie lange dort?“

„Ich bin um elf nach Hause gekommen. Ein paar Minuten später. Ich erinnere mich, im Auto noch die Nachrichten gehört zu haben.“

„Sie haben einen eigenen Wagen?“

„Ja.“

„Und, als Sie nach Hause kamen, war Ihr Mann nicht da. Dauerten seine geschäftlichen Besprechungen mitunter derart lange, oder waren Sie über sein Ausbleiben beunruhigt?“

„Ich war beunruhigt. Sehr. Ich … vielleicht hätte ich sofort die Polizei benachrichtigen sollen, aber ich dachte … es hätte ja Gründe geben können … harmlose Gründe.“

„Aber selbstverständlich.“

„Ich bin zu meiner Tochter hinaufgegangen, aber sie schlief schon.“

„Ist sie das hier?“ Er holte das Foto des Mädchens hervor und zeigte es ihr.

„Ja, das ist Monika.“ Sie sah den Kommissar fragend an.

„Wir fanden das Bild in der Brieftasche des Toten.“

„Aber das ist ein altes Bild. Monika ist jetzt sechzehn.“

„Und Ihre Tochter wohnt oben, sagen Sie? Hat sie eine eigene Wohnung?“

„Nein. Wir haben unsere Schlafzimmer auch dort oben.“

„Ich habe richtig gehört, Sie sagten unsere Schlafzimmer?“

„Ja.“

„War Ihre Tochter gestern den ganzen Abend zu Hause?“

„Nein, nicht den ganzen Abend. Aber Sie können mit ihr selbst sprechen. Sie ist heute nicht in die Schule gegangen. Sie fühlte sich nicht wohl …“

„Ja, das wird das Beste sein. Wenn Sie uns vorher noch Namen und Anschrift Ihrer Bekannten geben könnten.“

Ines Bleßmann sah ihn irritiert an.

„Die, bei denen Sie gestern waren.“

„Ist das … erforderlich … ich meine … wirklich erforderlich? Wenn ich Ihnen doch versichere, dass ich nicht zu Hause, sondern bei Freunden war.“

„Aber, aber. Selbstverständlich glaube ich Ihnen.“ Der Kommissar lächelte breit und zeigte dabei seine kräftigen, glänzend weißen Zähne, die an das Gebiss eines Pferdes erinnerten. „Es ist, sagen wir, eigentlich nur für die Akten.“

Frau Bleßmann räusperte sich.

„Bernward Wagner. Er wohnt in der Schauenburgerstraße.“ Sie lächelte scheu. „Ich glaube, ich habe die Hausnummer vergessen. Ist das nicht komisch?“

Kühl sah sie freundlich lächelnd an, ohne etwas zu sagen. Zuerst war sie irritiert, dann dämmerte ihr, dass er erwartete, sie würde weitersprechen. Und sie begriff, dass er wusste, was sie jetzt sagen würde. Oder doch wenigstens vermutete. Jörgensen wunderte sich, dass es so einfach war, diese Frau zu verhören, so beschämend einfach.

„Ich war … ich war gestern Abend bei Herrn Wagner.“

„Ah! Ein Missverständnis, ich bitte Sie um Vergebung. Aber sie sprachen vorhin von Bekannten, nicht wahr? Um weiteren Missverständnissen vorzubeugen: Welcher Art ist Ihr Verhältnis zu Herrn Wagner?“

„Ja, er ist …“ Sie schüttelte mehrmals heftig den Kopf, so als würde sie sich ärgern, nicht weitersprechen zu können – oder als schämte sie sich dessen.

„Ich verstehe, Frau Bleßmann. Ich verstehe vollkommen. Aber sagten Sie nicht vorhin, es habe in Ihrer Ehe keine Probleme gegeben?“

„Nein!“ Wieder richtete sie den Blick ihrer großen Augen forschend – oder hilfesuchend? – auf den Kommissar, ohne sich darum zu kümmern, dass eine Träne ihre Wange hinunterlief. „Nein, es gab keine Probleme zwischen Viktor und mir. Wir waren … glücklich. Ja, das waren wir.“

„Wusste Ihr Mann von Ihrer Beziehung?“

„Ja … ja, er wusste davon.“

„Hatte er auch …?“

„Nein!“

„Aber er duldete Ihr Verhältnis zu Herrn Wagner?“

„Er hatte nichts dagegen. – Wollen Sie jetzt meine Tochter sprechen? Ich werde sie holen.“

Ohne weiter auf eine Antwort Kühls zu warten, stand sie auf und verließ den Raum. Jörgensen war überrascht, mit was für einem Anflug von Entschlossenheit sie Kühls Fragerei einen Riegel vorgeschoben hatte. Das hätte er ihr nicht zugetraut.

3

Warteten sie jetzt seit fünf Minuten auf Frau Bleßmann und ihre Tochter? Oder sogar noch länger? Jörgensen sah auf seine Uhr, was aber sinnlos war, denn er hatte nicht darauf geachtet, wann Ines Bleßmann das Zimmer verlassen hatte.

Kühl, der diese Bewegung bemerkte, brummte: „Sie wird es dem Kind schonend beibringen wollen.“ Dann verfiel er wieder in Schweigen und saß reglos da wie ein meditierender Buddha.