Und wehe ihr holt mich hier raus - Michael Kern - E-Book

Und wehe ihr holt mich hier raus E-Book

Michael Kern

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Beschreibung

Ein Altenheim ist sicher das allerletzte, womit man überhaupt nur in Kontakt kommen will … dachte sich auch der alleinstehende, ehemalige Bankdirektor Georg, als er, kurz vor seinem sechzigsten Lebensjahr, nach seiner genauso eleganten, wie hinterlistigen Eliminierung aus dem Bankwesen, bei maximaler Reduzierung seiner Abfindungsansprüche aus über dreißig Jahren, in einer kleinen Provinzstadt in Bayern landet. Wo er ohne Status und bei bescheidenen finanziellen Möglichkeiten, vereinsamt, auf der Suche nach neuen Lebensinhalten, durch den Kontakt mit der attraktiven, lebenslustigen Marina, ausgerechnet in einem Seniorenzentrum landet. Entgegen all seinen Vorstellungen, taucht er, nachdem er dort als Fahrer eingestellt wird, immer tiefer und weiter in den überaus bunten Kosmos dieser alten Leutchen ein. Was er in skurrilen, wie heiter, bis ergreifenden Geschichten wie über »Drugs – Sex und – Rock ‘n’ Roll« im Altenheim schildert, sowie einigen anderen, wundersamen Erlebnissen, die er mit diesen verblüffend interessanten Menschen dort erlebt. Bis es ihn letzten Endes, durch die große Liebe zu jener Frau, die ihn in diese Welt geholt hatte, sogar ganz und für immer in diesen »Sonnenhof« zieht – und das so gerne, dass er, wie andere Bewohner auch, nach einigen Jahren unmissverständlich bekennt: »… und wehe ihr holt mich hier raus …« Michael Kern wird am 21.07.1960 in Gleisdorf bei Graz in Österreich geboren. Als Maschinenbauingenieur und Kaufmann lebt er seit 1985, mit mehrjährigen Unterbrechungen im In- und Ausland, in wechselnden Wohnorten im Raum München. Michael Kern schreibt seit seinem dreizehnten Lebensjahr und beschließt nach einer fünfunddreißigjährigen Karriere als Manager in der Automobilindustrie, sich in Zukunft ganz der Schriftstellerei zu widmen. Diese startet er im Sommer 2020 mit dem Debüt seines Gesellschaftsromans „Die Stunde der Politiker – Corona der Anfang vom Ende“: Einer fiktiven Erzählung, die, im Rückblich auf die Entstehung der Coronapandemie, unseren Umgang damit möglichst vielschichtig hinterfragt. Mit seinem neuen Roman beleuchtet er sein zentrales Thema, der unerschöpflichen Vielfalt unserer Menschlichkeit, in bunten und anziehenden Begebenheiten aus einem Altenheim. Basierend auf persönlichen Erfahrungen, zeichnet er ein überraschen positives, heiteres bis zutiefst ergreifendes Bild des Alters und der Pflegewelt, auch um damit der einseitig negativen öffentlichen Darstellung entgegenzutreten.

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Seitenzahl: 371

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Michael Kern

… UND WEHE IHR HOLT MICH HIER RAUS

In tiefer Dankbarkeit an meine geliebte Frau.

Engelsdorfer Verlag Leipzig 2022

Der Autor

Michael Kern wird am 21.07.1960 in Gleisdorf bei Graz in Österreich geboren. Als Maschinenbauingenieur und Kaufmann lebt er seit 1985, mit mehrjährigen Unterbrechungen im In- und Ausland, in wechselnden Wohnorten im Raum München. Michael Kern schreibt seit seinem dreizehnten Lebensjahr und beschließt nach einer fünfunddreißigjährigen Karriere als Manager in der Automobilindustrie, sich in Zukunft ganz der Schriftstellerei zu widmen. Diese startet er im Sommer 2020 mit dem Debüt seines Gesellschaftsromans „Die Stunde der Politiker – Corona der Anfang vom Ende“: Einer fiktiven Erzählung, die im Rückblick auf die Entstehung der Coronapandemie unseren Umgang damit möglichst vielschichtig hinterfragt. Mit seinem neuen Roman beleuchtet er sein zentrales Thema, der unerschöpflichen Vielfalt unserer Menschlichkeit, in bunten und anziehenden Begebenheiten aus einem Altenheim. Basierend auf persönlichen Erfahrungen, zeichnet er ein überraschend positives, heiteres, bis zutiefst ergreifendes Bild des Alters und der Pflegewelt, auch um damit der einseitig negativen öffentlichen Darstellung entgegenzutreten.

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Copyright (2022) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelbild © Copyright Michael Kern

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

Gedruckt auf FSC®-zertifiziertem Papier

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Ein Direktor stürzt ab

Eine Frau taucht auf

Um Gottes willen nicht ins Altenheim

Zu Hause ist man dort, wo man ankommt

Vom Rentnerblues zum Rentnerstress

Das größte Laster im Alter ist das Alter an und für sich

Jetzt oder nie!

Liebe kommt aus Verstehen

Vielleicht wird man ja erst im Alter reif für die Liebe

Drugs

… SEX

… and Rock ‘n’ Roll

Der Reiz des Lebens ist seine Endlichkeit

Nachwort

EIN DIREKTOR STÜRZT AB

Schon seit Längerem hatte ich geahnt, dass, wie wahrscheinlich bei jedem früher oder später auch bei mir bald dieser Knickpunkt kommen könnte. Jenes Schlüsselereignis, durch das dieses Leben, das man sich in jahrzehntelangem Kampf mühevoll aufgebaut hatte, einfach in sich einstürzen würde; um danach dem Ende zuzugehen oder ein kürzeres, neues, wesentlich bescheideneres Lebenskapitel zu eröffnen. Natürlich dachte ich, wenn man wie ich erfolgreich und mit nicht mal sechzig quasi noch voll im Saft stand, in erster Linie dabei an einen Herzinfarkt, ein gesundheitliches Urteil wie eine Krebsdiagnose oder an einen Unfall mit schrecklichen Folgen. Aber es kam wie meistens – weit weniger spektakulär – jedoch einfach völlig trivial, gewöhnlich, aber dafür umso niederschmetternder und bedrückender.

Obwohl es sich, wenn ich ehrlich war, eigentlich schon länger, schleichend, für andere sicherlich nachvollziehbar und sichtbar abgezeichnet hatte. Die Erfolge vergangener Tage waren mittlerweile eben nicht mehr und nicht weniger als deren wörtliche Bedeutung ‚Erfolge – vergangener – Tage‘ geworden. Auf die ich mich genauso wie meine Umgebung, je weiter sie vergangen waren, immer häufiger und hartnäckiger berief – sie waren mein Markenzeichen geworden. Denn die Welt, die Zeit, die Umstände und Usancen hatten sich auch für mich und meine Branche verändert, während ich immer weiter zurückgeblieben war in meinen Ansichten, Regeln, Handlungsweisen und Aktionen. Bis eben zu jenem Punkt, da mich das System, in dem ich mich seit Jahrzehnten so sicher und selbstverständlich wie ein Fisch im Wasser bewegt hatte, wie ein überflüssiges, abgenutztes, abgestorbenes Stück Haut einfach abstieß. Was natürlich für mein Umfeld wie für die Welt an und für sich nicht nur gänzlich bedeutungslos war, sondern im Gegenteil eben nur lästig und unangenehm wie jedes Müllentsorgungsproblem. Doch für mich fühlte es sich genauso schmerzhaft an wie ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall oder eine schwerwiegende Krebsdiagnose – ja wie ein Todesurteil. Mit dem einzigen Unterschied, dass ich nicht den Heldentod sterben durfte wie einige meiner Kollegen. An deren Ende alle Namhaften sie in ihrem Universum umgebenden, würdevoll am Sarg standen, um bedeutungsschwangere Reden von Tragik und Größe zu halten.

Während ich unter den niederschmetternden, billigen, nutzlos abschätzigen Beschwichtigungen und heuchlerisch stumpfsinnigen Aufmunterungsfloskeln von Kollegen und Freunden, die sich allesamt unter dem Begriff ‚Ehemalige‘ zusammenrotteten, mich auf immer niedrigere Ebenen des Daseins niedergedrückt sah. Wobei das Gottlob unter immer weniger Anteilnahme stattfand, da sich die Gemeinschaft dieser ‚Bekannten‘, von denen man gemeint hatte, dass es vielleicht sogar Freunde wären, zusehends für mich wie in Luft aufzulösen schien. Ob aus Scham oder Rücksichtnahme mir gegenüber konnte ich mir selbst wohl nur aus Sarkasmus und Ironie beantworten. Aber davon hatte sich in mir ohnehin genug über die letzten Jahre aufgebaut. Vor allem seit dem Ausverkauf meiner Bank vor sieben Jahren, den man damals ironisch oder auch durchaus sarkastisch unter öffentlichem Blitzlichtgewitter als zukunftsweisendes Joint Venture gefeiert hatte. De facto war es aber nicht nur der Beginn meines unausweichlichen beruflichen Absturzes, sondern auch jener für die zwanzigtausend anderen Kollegen, die für diese gewinnträchtige Schlankheitskur der neuen Superbanken ihre Stellen räumen durften. Unter denen ich mich im ersten Schritt damals Gott sei Dank nicht befand, da ich mit zweiundfünfzig gerade noch zu jung gewesen war, um in Frührente geschickt werden zu können. Andererseits war ich aber nach über fünfundzwanzig Dienstjahren auch zu teuer für eine Kündigung mit Abfindung. So befand ich mich damals im Schockzustand und aus Angst hauptsächlich froh darüber, einer der Überlebenden dieser ersten Übernahmewelle gewesen zu sein. Als solcher war ich es als relativ erfolgreicher Karrierist gewohnt, wortlos die Arschbacken zusammenzukneifen und meine Fahne so gut es ging, lächelnd in die neue Windrichtung zu drehen, um möglichst zu den Siegern unter den neuen Gegebenheiten zu avancieren. Aber entweder hatte ich dabei nicht mehr diese Überzeugungskraft wie bei früheren ähnlichen Richtungswechseln und Konsolidierungsaktionen ausstrahlen können, oder ich hatte einfach das Pech, in meinem Alter nicht mehr für zukunftsträchtige Veränderungskonzepte als Führungsfigur tauglich zu erscheinen. Wahrscheinlich war es aber auch dem Umstand geschuldet, dass ich mein abgrundtiefes Entsetzen über die Veränderungen und Handlungsweisen des neuen Vorstandes sowie meine hundertprozentige Überzeugung, dass sämtliche Neuausrichtungen und -orientierungen auf Sicht gesehen einzig negative Folgen für das Unternehmen haben würden, nicht in dem Maße unterdrücken konnte, dass man es mir bei all meiner guten Miene zum bösen Spiel nicht anmerkte.

Aber was hätte ich tun können? Ich war zweiundfünfzig. Ich war seit dem Beginn meines Berufslebens nach dem Studium ausschließlich bei dieser Bank gewesen. Alle Banken schlossen sich zu immer größeren Geldinstituten zusammen und bauten dabei weltweit ausschließlich Niederlassungen und Stellen ab, anstatt neue zu schaffen. Auf einem Direktorenlevel wie dem meinem war das Gehaltsniveau so hoch wie die Anzahl der Positionen niedrig. Ich war weder international erfahren noch fremdsprachenbewandert oder uneingeschränkt umzugswillig. Also hatte ich mich wohl oder übel mit aufgesetztem Grinsen und ohne jegliche Gegenwehr, um nur ja niemandem auf die Füße zu treten, seit damals immer weiter, jeder Stufe meiner schrittweisen Demontage gefügt. Bis ich knapp zwei Jahre nach der Fusionierung als Direktor mit dem Zusatz ZBV (zur besonderen Verwendung) letztlich all meiner Kompetenzen sowie aller mir unterstellten Mitarbeiter und der garantierten Boni aus meinem Portfolio beraubt worden war. Einzig und allein mich an meinen Schreibtisch in dem mir zustehenden Einzelbüro klammernd – und an meine Berechnung der mir mittlerweile zustehenden Abfindung für über dreißig Dienstjahre. Wovon ich mir für den Fall der Fälle eine mehr als ausreichende finanzielle Ausstattung ausgerechnet hatte, auch bis zu einem möglichen Lebensende über meinen hundertsten Geburtstag hinaus.

Obwohl ich ein wirklich erfahrener Bankkaufmann alter Schule war und mich als solcher nicht leicht in Geldangelegenheiten verrechnete – schon gar nicht, wenn es um meine eigenen ging – hatte ich nicht damit gerechnet, dass diese erste Fusionierung fünf Jahren davor damals nur ein erster Schritt gewesen war, um so bald wie möglich, danach im zweiten entscheidenden Move von einer anderen Bank übernommen zu werden, was sich zu meinem Glück aufgrund politischer und anderer Umstände um zwei Jahre verzögert hatte. Denn niemandem war bei der ersten Fusionierung irgendetwas aufgefallen, weil alle nur auf die seitenlangen Ausführungen geguckt hatten, die darauf ausgerichtet waren, dass die neue Gesellschaft alle Pensions-, Abfindungs-, Kündigungsschutz- und was weiß ich noch für -ansprüche und -Zusagen aller Angestellten meiner alten SB-Bank uneingeschränkt übernehmen musste. Doch in genauso weiser wie böser Absicht war in diesem Vertrag unter einem völlig anderen Punkt, irgendwo dreißig Seiten dahinter geschickt versteckt verklausuliert, die heimtückische Bestimmung eingebaut worden, dass bei einem weiteren Verkauf dieser neuen Bank diese Altansprüche je nach den gesetzlichen Bestimmungen des Landes der neuen Eigentümer nicht mehr zwingend übernommen werden mussten. Im Klartext hatte man also von vorneherein geplant, die SB Bank mehr oder weniger aufzulösen und den Großteil ihrer Mitarbeiter zu günstigsten Konditionen loszuwerden. Da das aber weder politisch noch finanziell tragbar gewesen wäre, deren über zehntausend Angestellte derart zu entsorgen, war man auf das perfide Konstrukt gekommen, die SB in zwei Schritten zu veräußern. Wobei man im ersten Schritt gleich Mal zwei- bis dreitausend Mitarbeiter, bei denen es einigermaßen billig war, eliminieren konnte. Um dann im zweiten Schritt, wenn die Zeit dafür reif war, alles von einer neuen, noch größeren Bank übernehmen zu lassen, was für die SB-Mitarbeiter den finalen Cut bedeutete – zumindest finanziell. Denn die neue Gesellschaft hatte zufälligerweise ihren Hauptsitz auf Malta und brauchte so, nach den dort geltenden gesetzlichen Bestimmungen, nicht mehr die Altlasten aus der Zeit der ehemaligen SB gegenüber deren ursprünglichen Mitarbeitern in Deutschland zu übernehmen. In meinem Fall bedeutete das, dass sich meine Abfindungs- genauso wie meine Firmenpensionsansprüche ausschließlich auf meine fünf Jahre in der direkten Nachfolgebank der SB reduzierten, was natürlich ein Pappenstiel von dem war, was mir aus meinen achtundzwanzig Jahren zuvor bei meiner Sparbank zugestanden wäre.

Selbstverständlich hatte ich wie die meisten meiner alten Kollegen mithilfe von verschiedensten Rechtsberatern alles versucht, um unsere Ansprüche aus der Zeit der SB geltend zu machen. Aber selbst die öffentliche Bekanntmachung in etlichen Artikeln aller großen Tages- und Wirtschaftszeitungen war völlig ins Leere gelaufen. Ebenso wie die Kontaktierung etlicher Politiker bis hinauf zum Finanz- und Wirtschaftsminister, die sich gewohnt geschickt aus der Sache rauszureden verstanden. Was sollte man auch tun? Seit der letzten Finanzkrise vor acht Jahren, von der alle meinten, dass sich dabei ausschließlich die Banken auf Kosten der Allgemeinheit bereichert hatten, war die öffentliche Meinung gegenüber dem Bankwesen ohnehin auf das niederste Niveau gesunken.

Aber was bitte hatte das mit den Angestellten der Sparbank, einem der ältesten und solidesten deutschen Bankhäuser zu tun? Warum wurden Leute wie ich schlussendlich sogar öffentlich in der Presse als typisch geldgieriger Banker dargestellt? Nur weil ich mich dagegen wehrte, nach dreiunddreißig Dienstjahren mit siebenundfünfzig billigst mit sieben Monatsgehältern über eine Transfergesellschaft ins Nirwana geschickt zu werden? Bei völligem Verfall sämtlicher ursprünglicher Firmenrentenansprüche? Etwas, das für jeden Siemens-, BMW-, Allianz- oder sonstigen Angestellten eines größeren Unternehmens eine selbstverständliche Lebensgrundlage darstellte! Aber ich war ja in der allgemeinen Wahrnehmung nur einer dieser habgierigen Finanzgauner, die ohnehin jahrelang mehr als genug Geld gescheffelt hatten.

Hatte ich auch – Gott sei Dank – aber 1. bei Weitem nicht in dem Ausmaß, wie sich manche das gemeinhin vorstellten; und 2. hatte ich mir meine Position und die damit verbundene Entlohnung hart und ehrlich über viele Jahre erarbeitet. Als ehemaliger Leiter der Kreditabteilung für die Sparte Industrie war ich mitnichten einer dieser großartigen Finanzjongleure geworden, die im Zickzack der Derivate und Aktien wendig wie ein Fisch durch die wundersame Vermehrung ihres Einsatzes zu einem millionenschweren Vermögen gelangen konnten. Denn ich hatte von meinem Fachwissen geleitet, mein Erspartes nur genauso geschickt wie solide in altehrwürdigen Industrieunternehmen angelegt, um es nachhaltig zu einem kleinen Vermögen heranreifen zu lassen. Welches mir, anders als gedacht, zwar nicht zu einem luxuriösen, aber wenigstens zu einem abgesicherten, bescheidenen Auskommen bis ins hohe Alter gereichen sollte. Denn jetzt musste dieses Vermögen erst einmal dazu dienen, um mich für die nächsten vier bis fünf Jahre ohne zusätzliches Einkommen über Wasser halten zu können, bevor ich in den Genuss meiner staatlichen Rente kommen würde. Denn wo hätte ich wie noch welche Art von Job bekommen können? Nach über dreißig Jahren Bank?

„Ja, listen Sie hier einfach mal alle Ihre Kenntnisse auf“, hatte mich dieser Yuppie-Typ von der Auffanggesellschaft geringschätzig herablassend belehrt. „Daraus können Sie sich dann ein möglichst scharfes Profil schaffen.“

„So ein A…“, hatte ich mir nur gedacht.

Aber woher sollte so ein überheblicher Grünschnabel auch schon wissen, dass man nach über dreißig Jahren durch entsprechenden Ehrgeiz, Einsatz und Erfolg sein berufliches Profil so weit geschärft hatte, dass es eben nur noch ganz speziell auf eine Branche und dabei auch noch auf nur einen gewissen Teilbereich dieser zugeschnitten war? Was bei mir ganz eindeutig auf das Bankwesen und hierbei das Kreditwesen fokussiert war. Und welche Bank würde bei dem seit Jahren anhaltenden generellen Stellenabbau in diesem Bereich einen Achtundfünfzigjährigen mit meinen Kenntnissen egal zu welchem Gehalt einstellen?

Die nette Dame im Arbeitsamt hatte das sofort begriffen, wie wahrscheinlich der junge Schnösel von der Auffanggesellschaft auch. Aber in Zeiten von political correctness war er im Unterschied zu ihr wie alle mittlerweile zu aalglatt und taktisch raffiniert, um das zugeben zu können, da er nur darauf bedacht war, keinerlei Unannehmlichkeiten durch irgendwelche angreifbaren Äußerungen zu riskieren. Deshalb war ich umso mehr erfreut und ausgesprochen erleichtert über die offene Ehrlichkeit der netten Fachfrau des Arbeitsamtes. Nicht nur, weil ich dadurch relativ rasch und unkompliziert zur Genehmigung meines Arbeitslosengeldes für die nächsten zwei Jahre gelangte, aber vor allem, weil es mir diesen bis dato völlig unvorstellbaren Canossagang zum örtlichen Arbeitsamt, der für mich extrem erniedrigend war, ungemein erleichterte. Ich hatte mich tagelang davor gefürchtet. Ich hatte mich extrem unwohl gefühlt, schon beim Eintreten, weil ich nicht einmal wusste, wohin. Zudem wurde ich erst einmal mit einem zehnseitigen Fragebogen in irgendein Wartezimmer verwiesen, zu einer Gruppe von Menschen, die mir so fremd waren, dass ich nur noch Scham empfand in dieser unangenehmen Umgebung. Es war schlimmer als beim Zahnarzt.

Aber was hätte ich machen sollen? Meine Aktien warfen bei Weitem nicht genug an Dividende ab, um selbst mit dem Arbeitslosengeld meine monatlichen Ausgaben zu decken. Die zusätzlichen Mieteinnahmen aus den zwei Wohnungen, die ich besaß, gingen beinahe gänzlich für die Kreditrückzahlungen drauf, mit denen die Objekte noch belastet waren. Und dann musste ich ja mindestens noch vier Jahre irgendwie ohne jegliches Einkommen auskommen, bis endlich die staatliche Rente monatlich kam. Ich empfand zum ersten Mal in meinem Leben so etwas wie echte Existenzangst. Gott sei Dank war ich durch meine beruflich bestgeschulten Rechenkünste in der Finanzierungsplanung in der Lage, bei all meinen Untergangsvisionen und Beklemmungsgefühlen soweit einen kühlen Kopf zu behalten, um mir alle Optionen genau auszurechnen. Auch wenn es bei den Berechnungen, die ich dabei anzustellen hatte, nicht mehr wie gewohnt um Hunderttausende und Millionen Euro ging, die ich für abstrakte Konstrukte hin und herschieben konnte. Sondern ich musste jetzt wie mein Vater seinerzeit als einfacher Arbeiter sprichwörtlich um jeden Cent feilschen. Aber ganz egal, wie ich es auch drehen und wenden wollte, es war klar, dass ich mich in all meinen Ausgaben so rasch wie möglich erheblich einschränken würde müssen, und das wohl auf Dauer.

Damit verbunden war auch die unweigerliche Erkenntnis, dass ich so rasch wie möglich aus meiner, unter den jetzigen Umständen, luxuriösen Wohnung raus musste. In zwei Monaten endeten die Gehaltszahlungen, das Arbeitslosengeld deckte nicht einmal die Miete und meine Barreserven waren nicht übermäßig groß. Nach mehrmaliger Durchsicht der Immobilienangebote wurde ich rasch in meiner Befürchtung bestätigt, dass ich mir in München maximal eine winzige Ein-Zimmer-Wohnung in einer miesen Gegend leisten könnte. Aber musste, wollte ich eigentlich in München bleiben? Jetzt, da ich in dieser Stadt nur noch eine Ex-Frau hatte, zu der ich mehr oder weniger keinen Kontakt mehr pflegte, außer an inzwischen äußerst selten gewordenen Familienfesten? Sowie mehr oder weniger ehemalige, geschäftliche Beziehungen wie zu einigen Ex-Kollegen, mit denen ich mich maximal über die guten alten Zeiten und die Schweinereien im modernen Bankbusiness unterhalten konnte? Mir wurde schnell klar, dass ich nicht nur aus der Wohnung, sondern auch aus München wegmusste. Dabei war größte Eile angesagt, denn bis dato konnte ich noch ordentliche monatliche Einkünfte und eine tadellose finanzielle Ausstattung nachweisen, was gemeinhin unerlässliche Voraussetzungen zum Erhalt eines Mietvertrags waren. Da ich in Zukunft über mehr als genügend Freizeit verfügen würde, wofür eine schöne, ländliche Umgebung sicherlich einen günstigen Umstand darstellte, ich dabei aber trotzdem nicht in irgendein entlegenes Kaff ziehen wollte, hatte ich mich alsbald für eine recht nette Zwei-Zimmer-Wohnung in Bad Bailing entschieden. Es war zwar schade, dass ich dort nicht einmal die Hälfte meiner Möbel und Utensilien unterbringen konnte, aber nach drei gescheiterten Lebenspartnerschaften hatte ich inzwischen Übung darin alles zurückzulassen, um wieder einmal ganz von vorne anzufangen.

So war ich damals im Frühjahr vor vier Jahren, kurz nachdem ich offiziell mein Leben als Arbeitsloser begonnen hatte, und nachdem ich mich von fast allem, was mein Leben bisher ausmachte, getrennt hatte, mit einem kümmerlichen Rest an Möbel, Kleidung und sonstiger persönlicher Habe, in diese nette aber mir völlig fremde Kleinstadt gekommen, in der ich seither lebe. In Rekordzeit hatte ich mich von allen Mitgliedschaften und Abonnements befreit, meine Golfausrüstung für einen lächerlichen Preis verkauft, weil ich mir ausgerechnet hatte, dass ich mir keine neue Golfmitgliedschaft mehr leisten können würde. Alle meine Anzüge bis auf zwei verbliebene hatte ich bereits verschenkt, weil mir klar war, dass ich nie wieder als Direktor auftreten würde. Auf diese Weise hatte ich mich in kürzester Zeit rigoros so kostengünstig es ging, aller Dinge entledigt, die ich in mein neues Leben nicht mitnehmen konnte. Es war schon eine äußerst eigenartige Gefühlsbreite zwischen Befreiung und Entspannung einerseits sowie Befremdung, Einsamkeit und Niedergeschlagenheit auf der anderen Seite, durch die ich mich da schlingernd in mein neues Leben einfinden musste.

Doch ich hatte mir ganz fest vorgenommen, mich weder von der Bescheidenheit meiner neuen Lebensumstände und -verhältnisse noch von jeglicher Verbitterung über die Vergangenheit oder Gedanken im Sinne von „Was wäre, wenn …“ nach unten ziehen zu lassen, sondern mich nur auf das jetzt und hier zu konzentrieren, um die Augen ausschließlich auf das Positive vor mir zu richten. Selbst wenn es mir vor allem anfangs nicht immer leichtgefallen war, so hatte ich es mit der mir eigenen Disziplin – Bekannte würden es positiv als meine typische Hartnäckigkeit oder negativ als Sturheit bezeichnen – alsbald geschafft, meine neue Umgebung dahingehend so sorgfältig zu erkunden, dass ich es mir darin immer besser einzurichten verstand. Was mir zu meiner Verwunderung dabei schon nach kürzester Zeit am wenigsten aus meinem früheren Leben abging, war mein Berufsleben und alles damit Verbundene. Denn eigentlich wurde mir erst jetzt so richtig bewusst, wie lange und wie sehr ich mich persönlich schon nicht mehr im Einklang mit der Art meiner Tätigkeit, den Vorgaben und Abläufen im Unternehmen, und den Ansichten meiner immer jüngeren Kollegen befunden hatte. Selbst wenn ich die Umstände und den verfrühten Zeitpunkt meines Ausscheidens mit der damit verbundenen Bescheidenheit meiner Lebensumstände bedauerte, wuchs in gleichem Maße meine Freude und Dankbarkeit über meine gewonnene Freiheit, und die vielen kleinen Annehmlich- und -Möglichkeiten, die sich mir dadurch Schritt für Schritt eröffneten. Ich fand mich rasch und gut in meine neue Wohnung und meinen geänderten Tagesablauf ein, den ich immer besser auszufüllen wusste; ohne, dass ich wie früher das nötige Kleingeld dafür benötigte. Ich war überrascht, wie gut und schnell ich mich umstellen und umdenken konnte. Ich brauchte bald keinen Restaurantbesuch mehr und kein Fünfsternehotel mit allen Annehmlichkeiten, um mich gut oder zufrieden zu fühlen. Ich lernte schon bald, gerne und immer besser zu kochen. Ich verspürte immer weniger den Drang, möglichst weit oder aufwendig zu verreisen. Ich hatte den Gardasee oft genug, London öfter als mir lieb war, und auch die Malediven und vieles mehr in Amerika und sonst wo gesehen. Eine Wanderung unter der Woche auf die Almen über dem Tegernsee, mit einer selbst gemachten Jause, brachte mir jetzt mindestens den gleichen Erlebniswert – aber, wichtiger noch: Es verbesserte meinen körperlichen Zustand und mein Wohlbefinden. Denn obwohl ich bei rücksichtsloser Begutachtung meines Spiegelbildes feststellte, dass ich mit achtundfünfzig bei zwar überwiegend ergrautem, aber fast noch vollem Haar, noch immer recht respektabel aussah, musste ich mir eingestehen, dass ich nach vierzig Jahren Tätigkeit in beinahe ausschließlich sitzender Position selbst durch gelegentliche frühere Tennis- und spätere Golfaktivitäten trotz meiner fast Einmeterneunzig, wie man so sagte, gewissermaßen eine Bayer Drei Figur – also mit Stau am mittleren Ring – bekommen hatte; die sich bisher immer in Anzug mit Krawatte einigermaßen kaschieren hatte lassen. Ganz zu schweigen vom Fehlen jeglicher echter Muskelkraft. Was mich auch dazu bewogen hatte, mich in einem dieser mir so verhassten Fitnessstudios anzumelden. Wohin ich mich zu meinem Erstaunen, beflügelt von den sicht- und spürbaren Erfolgen nach einigen Wochen suchtartig hingezogen fühlte. Denn ich machte jetzt auch in Jeans und T-Shirt eine gute Figur und empfand sogar beim gemütlichen Dauerlauf am Flussufer eine beglückende Befreiung, anstatt mich wie früher dabei völlig erschöpft bis zur absoluten Schmerzgrenze zu verausgaben. Mit dieser neuen körperlichen Ertüchtigung – ich fühlte mich um weit mehr als die zehn Kilogramm leichter, die ich im Laufe der Zeit abgenommen hatte – steigerte sich in gleichem Ausmaß auch mein geistiges und seelisches Wohlbefinden, da ich immer weniger an die Vergangenheit dachte, und vor allem auch immer weniger davon bedauerte oder vermisste. So lernte ich in relativ kurzer Zeit, dass mit dieser neuen Bescheidenheit und der damit verbundenen Konzentration auf meine nächste Umgebung, meine Aufmerksamkeit und Empfindsamkeit für alles und auch für das Kleinste, was mich umgab, in einem unglaublichen Ausmaß gewachsen war. Mit dem Wegfall so vieler Einflüsse von außen, mit der relativen Stille um mich herum und in mir, wenn kein Telefon mehr läutete, kein Termin mehr anstand, tauchten plötzlich so viele früher nie bemerkten Kleinigkeiten überall für mich auf, die ich teils verstörend wie beglückend empfand, aber in jedem Fall bereichernd und erstaunlich interessant.

Andererseits musste ich aber auch mit der Zeit feststellen, dass ich aufgrund der fehlenden Kontakte in der Arbeit, so oberflächlich sie auch sein mochten, genauso wie die privaten auf dem Golfplatz und mit meinen Bekannten in München, nicht nur immer weiter in diese eintönig zeitlosen, immer gleichen Tages- und Wochenabläufe eintauchte, die mich, obwohl ich noch nicht einmal ein richtiger Rentner war, in diese typisch traurige dumpfe Einsamkeit einhüllte, die ich immer für mich im Alter befürchtet hatte. Denn nachdem alle meine Lebenspartnerschaften gescheitert waren, und meine familiären Bindungen sich auf einige wenige Treffen im Jahr reduziert hatten, war mir schon bald klar geworden, dass die Wahrscheinlichkeit als mehr oder weniger alter Mann in dieser für mich neuen, fremden Stadt irgendwo Anschluss zu finden, wahrscheinlich genauso gering war, wie vielleicht sogar noch einmal eine Frau kennenzulernen, mit der sich noch einmal so etwas wie eine Liebesbeziehung entwickeln könnte. Aber das hatte ich ohnehin schon in den letzten Jahren in München in meiner aktiven Zeit zunehmend feststellen müssen. Es war mir ja schon damals, selbst unter wesentlich günstigeren Bedingungen, immer unmöglicher geworden, irgendwelche neuen Kontakte zu knüpfen oder gar diese enorme Spannkraft und diesen unbedingten Willen aufzubringen, um all diesen notwendigen Aktionismus zu entfalten, der eben notwendig gewesen wäre, um so eine Beziehungskiste mit einer geeigneten Frau noch mal so richtig in Fahrt zu bringen. Dabei durfte ich mich eigentlich nicht beschweren. Ich hatte genug Beziehungschancen im Leben gehabt, ob mit meinen Frauen oder auch mit meinen Kindern, und sogar mit eigentlichen ganz netten Bekannten. Die ich jedoch allesamt durch meinen tatkräftigen Einsatz dagegen oder vielleicht wirklich, wie einige behaupten durch meine Verweigerung jeglichen Einsatzes dafür, nie nutzten konnte. Demgemäß hatte ich mir, getreu meinem Naturell, in diesem ersten Jahr in Bad Bailing ein wohldurchdachtes, gut funktionierendes, aber relativ freud- und emotionsloses, frühpensionäres Alltagsleben eingerichtet, in der Hoffnung, dass ich mich bald daran so gewöhnen würde, dass mich die Traurigkeit über die Trostlosigkeit dieses Treibens nicht mehr belasten würde.

EINE FRAU TAUCHT AUF

Das erste Mal, dass ich sie wahrgenommen hatte, war an der Kasse im Supermarkt. Ich stand gerade als dritter oder vierter in der Reihe zum Zahlen an. Mein Einkaufswagen war relativ voll, denn ich ging nicht so gerne zum Einkaufen. Deshalb versuchte ich, meine Einkäufe so effizient wie möglich zu gestalten, um diesen Gang zum Supermarkt so selten wie möglich machen zu müssen. Die Frau stand hinter mir und trug nur eine kleine Tüte mit Backwaren und etwas zum Trinken in der Hand. Sie rief über meine Schulter offensichtlich dem Hund, der hinter der Kasse aufgeregt bellte, etwas zu. Ich drehte mich um, sie entschuldigte sich, und ich trat zur Seite, um ihr den Vortritt zu lassen, was sie hastig lächelnd annahm. Der Hund bellte weiter, was sie sichtlich nervös machte. Es war ein ausgesprochen kleiner Hund, der nervös auf dem Tischchen eines Rollstuhls herumzappelte, in dem eine alte, massige Frau saß, gut eingepackt, mit einem Bayernkäppi, das ihr Gesicht fast ganz verdeckte. Sie schien in ihren Bewegungen eingeschränkt, hielt aber mit ihrem rechten wulstigen Arm krampfhaft den Hund auf der Ablage fest. Ich beobachtete, wie die Dame mittleren Alters, als sie an mir vorbei war, nachdem sie ebenso von meinem Vordermann vorgelassen wurde, die ganze Zeit über, sogar während ihres Bezahlvorgangs, abwechselnd mit der Kassiererin sowie dem aufgeregt kläffenden Minihund, der auf den Namen Mickey hörte, kommunizierte.

Ich war gerade mit dem Bezahlen fertig, hatte alles wie üblich so rasch wie möglich irgendwie in den Wagen geworfen, um im Wettlauf mit der Kassiererin beim Drüberziehen der Waren über den Scanner mithalten zu können, als ich im Umdrehen mit meinem Wagen fast den Rollstuhl mit der behinderten, alten Dame gerammt hätte. Der Hund kläffte mich laut von seiner Position aus an, wo er von dem wuchtigen Arm der alten Dame noch immer fest umklammert gottlob festgehalten wurde.

Ich wich erschrocken zurück und blickte mit einem kurzen „Sorry“ hoch zu der Frau, die den Rollstuhl schob.

Sie antwortete offen und freundlich lächelnd. „Macht doch nichts“, bevor sie sich wieder darum bemühte, den aufgebrachten Hund zu beruhigen.

Ich bildete mir auch heute noch ein, ihr damals im Vorbeigehen ein nettes „Auf Wiedersehen“ nachgerufen zu haben, was sie aber auch später immer noch konsequent verneinte.

„Gar nichts hast du gesagt damals. Du warst viel zu erschüttert, weil du dir dachtest, was das da für eine Verrückte ist, mit der dicken Balla-Balla-Oma und diesem durchgeknallten Kläffer“, sagte sie immer wieder, wenn wir seither auf diese Szene unserer ersten Begegnung vor über drei Jahren zu sprechen kamen. Und sie blickte gerne und nicht selten auf diesen Moment zurück, um wie das Frauen so gerne machen in einer Endlosschleife das Gespräch darüber mit der immer gleichen Suggestivfrage zu eröffnen: „Komm, sag ehrlich: Was hast du dir damals gedacht über mich?“

Ich war ihr nie böse, dass sie mich so gerne bei passender Gelegenheit mit dieser typisch weiblichen Fangfrage aus der Reserve zu locken versuchte, denn ich hatte immer das Gefühl, dass sie es aus Zuneigung und liebevoll tat. Aber als ein durch etliche Beziehungsschiffbrüche erfahrener Mann wusste ich nur zu gut über die Verfänglichkeit dieser Art von Fragen von Frauen Bescheid, bei denen man nur falsch antworten konnte: Wie auch bei all den anderen bekannten weiblichen Fangfragen wie „Findest du, dass dieses Kleid mich dick macht?“ – „Macht mich dieses Make-up nicht älter?“ – „Aber so einen dicken A… wie die hab ich nicht, oder?“ … Nun, ich wusste wie gesagt, dass man bei der Beantwortung dieser Art von Fragen nur verlieren konnte. So wie eben auch bei der mir so gerne von ihr gestellten Frage, was ich mir bei unserer ersten Begegnung von ihr gedacht hätte. Typisch männlich hatte ich natürlich im Laufe der Zeit alle möglichen Antworten sowie ihre darauf erwiderten auf Frauenlogik basierenden Schlussfolgerungen analysiert und auch teilweise ausprobiert, wobei meine Thesen jedes Mal umgehend bestätigt worden waren. Denn es gab nur die zwei Antwortextreme:

„Wow, was für eine toll aussehende Superfrau!“

Das hatte ein „Ah! Du guckst dich also immer und überall nach gut aussehenden Frauen um!“ zur Folge hatte – oder andererseits:

„Ich hab mir gar nichts gedacht damals.“ Das hätte noch viel schlimmere Folgen, weil das für sie wie für alle Frauen als Zeichen der Ignoranz ihrer Erscheinung gegenüber das Schlimmste war, was man ihr antun konnte, und die Grundlage für jede Art von Zuneigung ernsthaft infrage stellte. Weshalb ich mich wie jeder Mann in dieser Lage je nach Tagesform und situativ mit möglichst vagen Aussagen zwischen diesen beiden No-Go-Extremantworten hin- und herschaukelte, um möglichst unbeschadet durch den nachfolgenden, lügendetektorähnlichen Fragen-Wildwasserkanal zu steuern. Aber sie war eine intelligente Frau und wir funktionierten stets ganz ausgezeichnet als Paar, weswegen wir es immer gut verstanden, diese Art von Spiel liebevoll und anregend zu gestalten, ohne einander dabei zu enttäuschen oder gar zu verletzen. Denn wir waren bei Weitem keine unerfahrenen Teenager mehr. So waren wir uns beide sehr wohl bewusst, wie das alles gelaufen war – seinerzeit.

Natürlich hatte ich mir nicht viel gedacht damals oder mich gar in irgendwelche Fantasien verstiegen aufgrund ihrer Erscheinung. Es war eine der vielen kleinen netten Begebenheiten, die ich mittlerweile zu schätzen gelernt hatte. Die mir erst Wochen später überhaupt wieder in den Sinn kam und an Bedeutung gewann, als ich sie von Weitem erneut erblickte. Sie schob wie im Supermarkt den Rollstuhl der alten behinderten Dame mit dem Bayernkäppi gegenüber vom Spielplatz durch den Park. Der Minihund saß wieder mit spitz erhobener Nase vorne auf der Ablage, wo ihn die Oma wie gewohnt fest umschlungen hielt. Ich musste unwillkürlich lächeln über das seltsame Trio. Nachdem ich sie auch in der Woche darauf ungefähr um dieselbe Zeit am gleichen Ort wiedersah, begann mich die Sache zu interessieren. Nicht jedoch, wie ich oft fälschlicherweise beteuert hatte, wegen ihrer Attraktivität, sondern einfach, weil ich die drei so amüsant fand, und den Zusammenhang zwischen ihnen kennen und verstehen wollte.

Also hatte ich eines Freitags vor drei Jahren um zwei Uhr nachmittags auf sie im Park gewartet, um ihnen, nachdem ich sie erspäht hatte, unauffällig in einiger Entfernung zu folgen. Zum Glück steuerten sie eine Bank an, von der aus gesehen auch die daneben noch frei war. Während sie es sich mit Brotzeit, Zeitung und allem was dazugehörte, auf ihrem Platz bequem machten, beeilte ich mich, um die freie Bank neben ihnen zu erreichen. So konnte ich die drei nicht nur gut beobachten, sondern sie auch recht deutlich hören. Die relativ junge Frau, ich schätzte sie auf ungefähr Anfang fünfzig, hatte die Brotzeit auf der Bank ausgebreitet, mit der sie abwechselnd den Hund und die Oma fütterte, bevor sie sich selbst bediente. Die drei schienen wie schon beim Einkauf ein gut eingespieltes Team zu sein. Die Alte musste wohl schwer behindert sein, denn sie bewegte sich kaum hinter ihrem Bayernkäppi und unter ihrer schweren schwarzen Decke, die sie umhüllte. Sie drückte den Hund mit ihrem rechten Arm, der doppelt so schwer als dieses Hündchen sein musste, derartig fest, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie das Viech das offenbar als angenehm empfinden konnte. Die Oma schmatzte kräftig, und unablässig fielen ihr dabei irgendwelche Krumen aus dem Mund. Die Frau war das offensichtlich gewohnt und säuberte sie ganz selbstverständlich immer mal zwischendurch. Nachdem sie mit dem Essen fertig waren, nahm die Frau die Zeitung hoch, beutelte die Brösel davon ab und fragte die Oma lauthals, ob sie auch Zeitung lesen wolle. Ohne eine Antwort der stupide vor sich hinwippenden Alten abzuwarten, begann sie einfach aus der Zeitung laut vorzulesen. Zu meiner Verwunderung verstand ich kein Wort von dem, was sie las, obwohl ich alles mehr als deutlich hören konnte. An den Wortlauten meinte ich zu erkennen, dass es nach Serbokroatisch klang. Der Hund lag zufrieden mit geschlossenen Augen auf seinem Tischchen. Die Alte nickte von Zeit zu Zeit mit ihrem Kopf und stieß irgendwelche Laute aus, die ich ebenso wenig verstand. Das hielt die Frau aber nicht davon ab, ungehindert einfach weiter vorzulesen. Mir wurde bald klar, dass ich unter diesen Umständen heute wahrscheinlich nichts Näheres über die drei erfahren würde, und ich machte mich auf den Heimweg.

Obwohl ich das Ganze nicht weiter aufregend gefunden hatte, war ich am Freitag darauf wieder zur Stelle, diesmal unabsichtlich jedoch etwas später, weswegen ich die Brotzeit der drei schon verpasst hatte – man war bereits bei der Zeitung angelangt. Nachdem ich mich gesetzt hatte, stellte ich fest, dass es sich diesmal jedoch um eine deutsche Zeitung handeln musste, denn die Frau sprach zu der Oma im Bayernkäppi ausschließlich auf Deutsch. Offensichtlich war die Frau mit einem Kreuzworträtsel zugange, von dem sie die jeweiligen Fragen laut vorlas. Das bereitete der Oma anscheinend tatsächlich Freude, da sie auf jede der Fragen mit heftigem Kopfnicken eine mir unverständliche Antwort gab. Bis die Frau auf einmal lauf auflachte und sich plötzlich mir zuwandte. Ich blickte wohl ziemlich verdutzt drein, wie sie mir später immer bestätigte, als sie mich laut lachend ansprach:

„Haben Sie das gehört? Die Hauptstadt von Deutschland ist Apfelstrudel!“, prustete sie mir entgegen, während die Alte ganz aufgeregt immer wieder ihre Laute wiederholte, sodass der Hund unter der Last ihres Armes erwachte und zu bellen begann.

„Ach entschuldigen Sie, habe ich Sie gestört?“, fragte mich die Dame, sich wieder beruhigend.

„Nein, nein“, antwortete ich hastig lächelnd, „verstehen Sie, was sie sagt?“

„Das meiste schon, aber Sie haben doch gehört, dass sie immer wieder Apfelstrudel wiederholt hat – die Hauptstadt von Deutschland. Nein, nein, nein.“

Da wagte ich einen direkten Vorstoß, um das Gespräch nicht abreißen zu lassen: „Ist die alte Dame Ihre Mutter?“

„Meine Mutter? Ach nein, das ist doch meine Tante Berta.“

Und dann bat sie mich mit einem schelmischen Lächeln zu sich auf die Bank, wo sie mich ganz frech fragte: „Sie sind doch öfter im Park, ich habe Sie letztes Mal schon hier gesehen?“

Sie lachte kurz auf, als sie meine Verlegenheit bemerkte, nicht ohne mir jedoch diese gleich mit ihrer Offenheit wieder zu nehmen, indem sie mir erst Micky vorstellte, der sodann aufmerksam meine Hand beschnupperte. Sowie Tante Berta, die ihr massiges Gesicht unter dem roten Käppi hervorstreckte, um mit schrecklichen Grimassen irgendwelche unverständlichen Laute von sich zu geben. Woraufhin die Frau nur beruhigend deren alte, zittrige Hand ergriff und zu ihr sprach: „Nein, das ist nur der Herr, der uns neulich im Supermarkt so nett vorgelassen hat. Wahrscheinlich, weil er sich von deinem lauten Bellen so gefürchtet hatte, Micky. Stimmt’s?“

So hatte unser erstes Kennenlernen begonnen, in dessen Verlauf sie mir erzählte, dass Berta nicht ihre wirkliche Tante sei, sondern nur eine Bewohnerin aus dem nahe gelegenen Pflegeheim. Sie betreute Berta allein jeden Freitagnachmittag für fünfzig Euro im Monat. Dabei schob sie Tante Berta, wie sie sie liebevoll nannte, erst meistens in ihrem Rollstuhl in den Supermarkt, wo sie ihre Einkäufe erledigten oder einfach nur eine Brotzeit kauften, um danach, wenn das Wetter es zuließ, durch den Park spazieren zu fahren. Micky war der Hund von Bertas Tochter, den sie dabei immer mitnahmen, denn die beiden, also Micky und Berta, mochten sich gerne. Berta, weil sie den Hund gerne bei sich spürte, weswegen sie ihn auch immer ganz fest an sich auf den Tisch gedrückt hielt – und Micky, weil er immer etwas von ihr zu naschen bekam und gerne bei ihr auf der Ablage ihres Rollstuhls lag. Auf meine Frage, wie dieser kleine Hund diesen immensen Druck von Bertas massigem Arm aushielt, lachte sie nur und entgegnete, dass sie sich das auch schon oft gefragt hatte. Offenbar hielt dieser Hund mehr aus, als man aufgrund seiner Statur glaubte. Da sie daraufhin meinte, dass es ihr jetzt zu kalt würde, verabschiedeten wir uns und verabredeten uns für nächsten Freitag um die gleiche Zeit im Park.

Mir war erst auf dem Heimweg aufgefallen, dass ich sie weder nach ihrem Namen gefragt hatte noch nach der Krankheit von Berta.

„Berta ist nicht krank. Sie ist vierundneunzig und hochgradig dement“, erklärte sie mir beim nächsten Treffen.

Auf meine Frage, ob sie denn alles verstehen würde, was Berta so von sich gab, antworte sie nur lachend: „Alles nicht, aber dass für Berta die Hauptstadt von Deutschland Apfelstrudel ist, das habe ich ganz gut verstanden. Das war doch sehr lustig, oder?“

Sie klärte mich recht ausführlich darüber auf, in welchem Stadium der Demenz sich Berta befand, und wie man damit umgehen musste. Vor allem, wie man sich das vorstellen konnte, was sie dabei empfand, und wie sie ihre Umgebung wahrnahm und erlebte. Aus ihren detaillierten Erläuterungen schloss ich nicht nur, dass sie sich wohl beruflich damit befasste, sondern auch, dass sie dabei ein echtes Gefühl und eine gewisse Hingabe für diese Menschen empfand. So lernte ich zu verstehen, dass sie in dieser eigenen Welt, in der sie lebten, Worte, Vorgänge, Gerüche oder Situationen, mit denen sie konfrontiert wurden, so wahrnahmen, dass sie dies mit Begebenheiten, Worten und Eindrücken längst vergangener Zeiten, in denen sie sich gerade geistig befanden, in Verbindung brachten.

„Sehen Sie, als ich Berta nach der Hauptstadt von Deutschland fragte, stand sie vielleicht als kleines Mädchen gerade bei ihrem ersten Besuch in Deutschland in einem Café und sah vor sich diesen unvergesslichen Apfelstrudel, den ihr Vater ihr damals gekauft hatte.“

„Und warum lesen Sie ihr dann Zeitungen in Serbokroatisch vor? Stammt Berta von dort?“

„Nein“, antworte sie nur lächelnd, „ich komme ursprünglich aus dem ehemaligen Jugoslawien, während Berta mit ihren Eltern einst aus Polen nach Deutschland gekommen war. Deshalb wird sie mein Serbokroatisch wohl an Polnisch erinnern. So genau nimmt das Berta mit der Sprache nicht mehr, solange es ihr in irgendeiner Weise bekannt klingt und ihre Erinnerungen anregt. Sie freut sich dann einfach dabei, wenn ich mit ihr spreche und lache. Sie kennt meine Stimme und will sie hören, so wie sie Micky gerne spürt. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist nicht so, dass betroffene Personen in ihrer Demenz das, was sie jetzt hier erfahren, nicht mehr bewusst mitbekommen. Denn sehen Sie, das ist ja zum Beispiel der Grund, warum ich Berta mit in den Supermarkt nehme. Weil sie sicherlich auch über Jahrzehnte lang tausendmal beim Einkaufen gewesen war für sich und ihre Familie. Deshalb weckt das sichtlich immer wieder ihre Aufmerksamkeit und Gefühle, wenn ich mit ihr in den Supermarkt gehe. Natürlich weiß ich, dass sie mir nicht ganz folgen kann, wenn ich ihr sage, dass wir noch Kartoffeln für die Suppe brauchen oder dass mir die Tomaten heute gar nicht gefallen. Aber sie wird angeregt durch Worte wie Tomaten oder Kartoffeln. Sie riecht die frischen Erdbeeren und möglicherweise dringt ein Bild der vor ihr auftauchenden Fleischtheke durch den Nebel ihrer Verwirrtheit hindurch, in ihren Alltag vor vielleicht vierzig Jahren. Weil sie dabei etwas erfasst, was sie mit ihren Erlebnissen aus der Zeit, in der sie sich gerade befindet, verbinden kann. Deshalb ist sie jedes Mal, wenn ich mit ihr in diesen Supermarkt gehe und mit ihr laut spreche, was wir heute kochen und ob wir noch genügend Salz haben, wesentlich wacher, als wenn sie abwesend vor dem Fernseher sitzt, weil sie dabei vielleicht in mir ihre Tochter sieht oder eine frühere Nachbarin, mit der sie gerade überlegt, was ihr heute noch fürs Abendessen fehlt.“

Die Frau war so einfühlsam, so offenherzig und liebevoll, selbst zu dieser auf mich relativ abstoßend und unverständlich wirkenden, uralten Frau. Je länger ich mit ihr sprach und sie beobachtete, desto mehr erstaunte sie mich. Ich fand die Unterhaltung mit ihr angenehm anregend, und das offensichtlich so sehr, dass ich auch bei diesem zweiten Treffen fast vergessen hätte, sie nach ihrem Namen zu fragen. Sie hieß Marina, und wir gaben uns zum ersten Mal zum Abschied die Hand.

Ich wunderte mich selbst, dass ich mich am nächsten Freitag schon kurz nach dem Aufwachen darüber freute, sie heute im Park wiedersehen zu können. Das Wetter war ziemlich unbeständig; es regnete zwischendurch immer wieder. Ich wünschte mir, dass es zum Nachmittag hin sonniger würde. Nicht, weil ich von ihr wusste, dass sie sich selbst durch Regenwetter nicht von ihrem Spaziergang mit Micky und Berta abbringen ließ, aber bei schönem Wetter konnten wir uns auf die Bank setzen, um uns besser zu unterhalten. Zu meiner großen Überraschung und Enttäuschung war sie aber diesen Freitag, obwohl das Wetter ganz gut durchgehalten hatte, nicht in den Park gekommen. Fast eine Stunde lang war ich auf der Bank gesessen und hatte Ausschau nach ihnen gehalten. Ich war sogar danach noch, obwohl ich nichts brauchte, in den Supermarkt gegangen, in der Hoffnung sie vielleicht dort anzutreffen.

Als sich an den nächsten beiden Freitagen dasselbe Schauspiel wiederholte, war ich nicht nur traurig über den Verlust dieser netten, ersten Bekanntschaft, die ich in Bad Bailing gemacht hatte. Ich war eher erstaunt und entsetzt darüber, dass ich in diesem letzten Jahr seit meinem Ausscheiden aus dem Berufsleben offensichtlich schon so ausgehungert an menschlichen Kontakten war, dass eine solch flüchtige Begegnung wie mit Marina schon eine derartige Bedeutung in meinem einsamen, traurigen Dasein erlangt hatte. Ich überlegte mir ernsthaft, ob ich nicht in irgendeinen Verein eintreten sollte oder ob ich es mir nicht leisten könnte, ein größeres Aktienpaket zu verkaufen, um mir vielleicht doch eine Mitgliedschaft in einem billigeren, entlegeneren Golfclub zu leisten, da sich im Fitnessstudio keine Bekanntschaften ergaben, wie ich feststellen musste.

Umso erstaunter war ich, als ich völlig unerwartet Dienstagmorgens darauf, nachdem ich mich mit frischen Brötchen vom Bäcker auf dem Nachhauseweg befand, plötzlich Marina auf dem Gehweg begegnete. Ich war so überrascht, dass ich ihr sofort nach einem „Hallo“ gestand, dass ich sie die letzten Wochen am Freitag im Park vermisst hatte. Sie blickte mich erstaunt an. Ihre Augenlider bebten und bevor ich wusste, wie mir geschah, begann sie bitterlich zu weinen. Ich griff hastig nach einem Taschentuch, das sie dankend annahm. Als sie sich wieder beruhigt hatte, erklärte sie mir, dass Berta letzte Woche verstorben war. Sie erzählte mir mit immer wieder stockender Stimme, wie Berta über eine Woche lang im Krankenhaus im Sterben gelegen hatte, und dass ihre beiden Kinder und eines der Enkelkinder die ganze Zeit über bei ihr am Bett gewacht hatten. Aber am meisten hatte Marina wohl berührt, da sie wieder zu weinen begann, dass Berta, wie Marina schien, die ganze Zeit ausgerechnet auf sie gewartet hatte. Denn gerade in dem Moment, als die Verwandten zusammen einmal für eine Stunde das Zimmer verlassen und Marina gebeten hatten, statt ihnen an Bertas Bett zu wachen, war sie, fest Marinas Hand umklammernd, bei ihr für immer ganz friedlich eingeschlafen.

Ich war so gerührt von der Geschichte und Marinas Ergriffenheit, dass ich bei ihrer Schilderung fast selbst zu weinen begonnen hätte und sie schon selbstvergessend umarmen wollte. Aber Marina bat mich schniefend, gerade noch rechtzeitig, um ein weiteres Taschentuch für sie. Ich versuchte mich wieder zu fangen, und auch Marina entschuldigte sich, nachdem sie sich ausgiebig geschnäuzt hatte, für das Verlieren ihrer Fassung.

„Sie brauchen sich doch dafür bitte nicht zu entschuldigen. Es tut mir auch leid für Sie und Micky um Ihren Verlust von Berta. Was werden Sie beide jetzt jeden Freitagnachmittag wohl ohne sie machen?“, fragte ich sie, um sie aufzumuntern, woraufhin sie kurz auflachte.

„Ja, Micky vermisst sie sicherlich auch. Außerdem kann er jetzt nicht mehr faul auf ihrem Rollstuhltisch liegen, sondern muss jetzt selbstständig mit allen zum Gassi gehen. Und dass, wo er doch der lauffaulste Hund ist, den ich je gesehen habe. Ach ja, die Freitage – ich vermisse sie jetzt schon.“

„Ich leider auch“, entgegnete ich keck. „Aber wir sind ja Gott sei Dank noch hier. Vielleicht könnten wir uns ja freitags auch ohne Berta treffen. Und wenn es für Micky zu weit ist, biete ich mich gerne an, ihn in der Tasche zu tragen. Er ist ja vom Typ her gewissermaßen so etwas wie ein Taschenhund.“

Sie lächelte. „Nein, es ist nicht wegen Micky. Aber ich habe jetzt ohne Berta Freitag Nachmittag meistens ganz normal Dienst.“

„Schade“, antwortete ich leicht resignierend, „na ja, vielleicht können wir uns ja ein andermal treffen.“

Sie sah mich mit ihren großen grünen Augen lange an, bevor sie mir freudig vorschlug, dass ich sie doch am Freitag nächste Woche in ihrem Seniorenheim besuchen sollte, denn da fände das jährliche Sommerfest statt, und das wäre immer sehr schön.

Ich war zu perplex, um mir sogleich über die ganze Tragweite dieser zweifelhaften Einladung bewusst zu werden, weswegen ich spontan zusagte. Woraufhin sie mir den Namen des Seniorenheims und die Straße nannte.

„Und wann beginnt die Party?“, fragte ich noch kess.

„Na so gegen zwei Uhr nachmittags. Die alten Herrschaften wollen rechtzeitig um sechs im Bettchen sein“, entgegnete sie keck zurück und wandte sich schon mit einem Blick auf ihre Uhr zum Gehen.

„Brauche ich keine Eintrittskarte, um beim Türsteher für diesen Megaevent eingelassen zu werden?“, fragte ich noch rasch.

„Ach kommen Sie, das ist alles sehr familiär und locker bei uns“, meinte sie nur wieder fröhlich strahlend, streckte mir ihre Hand entgegen und war mit einem „So jetzt muss ich aber“ dahin.

UM GOTTES WILLEN NICHT INS ALTENHEIM