Unendliches Vertrauen - Patricia Vandenberg - E-Book

Unendliches Vertrauen E-Book

Patricia Vandenberg

0,0

Beschreibung

Dr. Laurin ist ein beliebter Allgemeinmediziner und Gynäkologe. Bereits in jungen Jahren besitzt er eine umfassende chirurgische Erfahrung. Darüber hinaus ist er auf ganz natürliche Weise ein Seelenarzt für seine Patienten. Die großartige Schriftstellerin Patricia Vandenberg, die schon den berühmten Dr. Norden verfasste, hat mit den 200 Romanen Dr. Laurin ihr Meisterstück geschaffen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Sie hat allein im Martin Kelter Verlag fast 1.300 Romane veröffentlicht, Hunderte Millionen Exemplare wurden bereits verkauft. In allen Romangenres ist sie zu Hause, ob es um Arzt, Adel, Familie oder auch Romantic Thriller geht. Ihre breitgefächerten, virtuosen Einfälle begeistern ihre Leser. Geniales Einfühlungsvermögen, der Blick in die Herzen der Menschen zeichnet Patricia Vandenberg aus. Sie kennt die Sorgen und Sehnsüchte ihrer Leser und beeindruckt immer wieder mit ihrer unnachahmlichen Erzählweise. Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. Es war schon eigenartig, dass immer trübes, regnerisches oder gar stürmisches Wetter herrschte, wenn Jossy van der Jong zu Dr. Laurin in die Sprechstunde kam. Dennoch herrschte sofort eine fröhliche Stimmung, wenn sie erschien, und es war so, als würde sie Sonne hereintragen. Sie war eine lebendige kleine Person. Dr. Leon Laurin hatte sie bei ihrem ersten Besuch auf siebzehn, allerhöchstens achtzehn geschätzt, aber da war sie schon zweiundzwanzig gewesen und bereits drei Jahre mit dem Journalisten Marius van der Jong verheiratet, der zehn Jahre älter war als sie. Wenn sie sich reckte, reichte sie Dr. Laurin knapp bis zur Schulter, und bei ihrem ersten Besuch war sie knabenhaft schlank gewesen. Anfangs hatte er gedacht, dass sich ein Junge in sein Sprechzimmer verirrt hätte. Und jeder verstand es, dass Marius van der Jong, dieser kritische Journalist, der mit seiner Offenheit schon so viele Leute verärgert hatte, vernarrt in seine Frau war. Dr. Leon Laurin kannte die Geschichte dieser Liebe. Jossy war so erfüllt davon, dass sie sie ihm bei ihrem dritten Besuch erzählt hatte. Sie hatte dabei geweint, weil sie sich nichts sehnlicher wünschte als ein Kind. Doch dieser Wunsch war auch nach zwei Jahren noch nicht erfüllt worden. »Ich hätte Marius niemals geheiratet, wenn ich gewusst hätte, dass ich nicht mal fähig bin, ein Kind in die Welt zu setzen«, hatte sie ihre Geschichte begonnen. »Aber Sie sind doch noch so jung. Natürlich können Sie Kinder bekommen«, hatte Dr. Laurin erwidert. Sie hatte ihn angeschaut und ausgesehen wie ein Schulmädchen. »Aber Marius lebt sich immer

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 131

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Dr. Laurin – 157 –Unendliches Vertrauen

Bei Dr. Laurin ist die werdende Mutter bestens betreut

Patricia Vandenberg

Es war schon eigenartig, dass immer trübes, regnerisches oder gar stürmisches Wetter herrschte, wenn Jossy van der Jong zu Dr. Laurin in die Sprechstunde kam. Dennoch herrschte sofort eine fröhliche Stimmung, wenn sie erschien, und es war so, als würde sie Sonne hereintragen.

Sie war eine lebendige kleine Person. Dr. Leon Laurin hatte sie bei ihrem ersten Besuch auf siebzehn, allerhöchstens achtzehn geschätzt, aber da war sie schon zweiundzwanzig gewesen und bereits drei Jahre mit dem Journalisten Marius van der Jong verheiratet, der zehn Jahre älter war als sie.

Wenn sie sich reckte, reichte sie Dr. Laurin knapp bis zur Schulter, und bei ihrem ersten Besuch war sie knabenhaft schlank gewesen. Anfangs hatte er gedacht, dass sich ein Junge in sein Sprechzimmer verirrt hätte. Und jeder verstand es, dass Marius van der Jong, dieser kritische Journalist, der mit seiner Offenheit schon so viele Leute verärgert hatte, vernarrt in seine Frau war.

Dr. Leon Laurin kannte die Geschichte dieser Liebe. Jossy war so erfüllt davon, dass sie sie ihm bei ihrem dritten Besuch erzählt hatte. Sie hatte dabei geweint, weil sie sich nichts sehnlicher wünschte als ein Kind. Doch dieser Wunsch war auch nach zwei Jahren noch nicht erfüllt worden.

»Ich hätte Marius niemals geheiratet, wenn ich gewusst hätte, dass ich nicht mal fähig bin, ein Kind in die Welt zu setzen«, hatte sie ihre Geschichte begonnen.

»Aber Sie sind doch noch so jung. Natürlich können Sie Kinder bekommen«, hatte Dr. Laurin erwidert.

Sie hatte ihn angeschaut und ausgesehen wie ein Schulmädchen. »Aber Marius lebt sich immer mehr in die Vaterrolle hinein«, erklärte sie. »Für ihn bin und bleibe ich ein Kind. Er hat mich nur geheiratet, um mich vor den Gefahren der Straße zu bewahren. Er hat mich nämlich von der Straße aufgelesen.«

Ganz so war es dann doch nicht gewesen, wie Dr. Laurin von dem dazugehörigen Ehemann erfahren hatte.

Was Marius van der Jong ihm erzählt hatte, klang ein bisschen anders und sehr viel romantischer, als Jossy es gesagt hatte.

»Sie stand an der Autobahn und wollte mitgenommen werden«, begann die Erzählung von Marius. »Es regnete fürchterlich, und sie tat mir leid. Ich nehme nämlich sonst keine Anhalter mit, aber sie stand so verloren da. Patschnass war sie und sprach kein Wort. Ich wollte sie eigentlich zur Polizei bringen, weil ich sie für vierzehn hielt, aber dann lockte ich aus ihr heraus, wohin sie wollte. Dass sie Holländerin war, verband uns natürlich sofort. Ich jedenfalls empfand es so. Der Unterschied zwischen uns war, dass sie einen deutschen Vater und ich eine deutsche Mutter hatte. Ich wollte nach München, und sie wollte auch nach München. In der Nähe von Köln hatte ich sie aufgelesen. Es war eine lange Fahrt. Ich lernte Jossy kennen.«

Marius van der Jong war sehr offen zu Dr. Laurin gewesen, weil er wusste, mit welchen Konflikten sich seine Frau herumschlug.

Die Geschichte dieser beiden grundverschiedenen Menschen klang wie ein Roman. Als Antonia Laurin davon erfuhr, sagte sie, dass es die zärtlichste Liebesgeschichte sei, von der sie je gehört hätte.

Marius van der Jong hatte bald festgestellt, dass Jossy völlig durchnässt war. Ihre Zähne klapperten so, dass sie seine Fragen nicht mehr beantworten konnte. Er hatte bei einem Motel gehalten, damit sie sich umkleiden konnte. Sie hatte protestiert, weil sie misstrauisch gegen Männer war.

Sie hatte nur einen Rucksack bei sich, und der war auch völlig durchnässt. Und sie hatte schon seit zwei Tagen nichts mehr gegessen.

Marius brachte sie in das Motel. Sie kroch, zu müde, um etwas zu essen, in das Bett, nachdem sie geduscht hatte, und schlief auf der Stelle ein. Man war in dem Motel nicht pingelig. Man hatte Marius sofort ein Doppelzimmer gegeben, da er wortlos vorausbezahlte.

Marius, der Journalist, witterte eine Geschichte, die schreibenswert sein könnte, und ahnte noch nicht, dass es seine Lebensgeschichte werden würde, denn sein Leben, sein eigentliches Leben, fing erst mit Jossy an.

Er bewachte ihren Schlaf, bis er selbst neben ihr schlief. Er hatte ihre Kleidung zum Trocknen gegeben, und er war sofort hellwach, als sie aus dem Bett sprang und nach ihren Kleidern suchte.

Jossy hatte ihn beschimpft, als er ihr eine Erklärung geben wollte. So eine sei sie nicht, hatte sie ihn angeschrien. Sie habe ihn für einen anständigen Mann gehalten.

Jossy hatte Glück gehabt. Er war ein anständiger Mann. Und es gelang ihm auch, ihr dies klarzumachen. Von dieser Minute an war sie ihm ergeben gewesen.

Jossy hatte sein Leben schlagartig verändert. Alles, was ihm wichtig gewesen war, wurde unwichtig. Sein beruflicher Ehrgeiz, sein Egoismus, seine Härte schmolzen dahin. Sie begriff es nicht. Sie war ihm nur ergeben.

Ihre Mutter war gestorben. Nun wollte Jossy zu ihrem Vater, der seit zehn Jahren von ihrer Mutter geschieden war. Er lebte in München. Er war wieder verheiratet, lebte in besten Verhältnissen, hatte zwei Kinder aus der zweiten Ehe.

Marius hatte sie zu ihm gebracht. Doch der Vater gab ihr nur Geld und abweisende Worte. Das Geld warf sie ihm vor die Füße. Sie begriff die Welt nicht mehr, doch Marius lehrte sie dann, die Menschen zu begreifen. Er nahm sie einfach mit zu sich in sein Haus, in die Welt, zu der er bisher niemandem Zutritt gestattet hatte. Er wollte ihr helfen und begann sie zu lieben.

Aus Jossys Mund klang es anders. »Er war der erste Mensch, der richtig gut zu mir war. Ich liebte ihn. Ohne ihn hätte ich nicht mehr leben können. Er war immer nur gut zu mir. Und dann haben wir geheiratet. Ich habe das gar nicht richtig begriffen. Es war wie ein Traum. Es konnte doch gar nicht Wirklichkeit sein, dachte ich.

Und dann sagte Marius zu mir, dass er eigentlich nie heiraten, aber Kinder wollte. Er hat sich Kinder gewünscht, und ich wäre die Frau, die er sich als Mutter seiner Kinder vorstellen könnte.«

So war Dr. Laurin in das Schicksal dieser beiden Menschen verstrickt worden.

Jossy war eines Tages zu ihm gekommen. »Man hat mir gesagt, dass Sie der beste Frauenarzt weit und breit sind, Herr Dr. Laurin. Ich will ein Kind haben, ich muss ein Kind haben. Sie müssen mir helfen. Ich kann für meinen Mann nichts tun, als ihm ein Kind zu schenken.«

So hatte es angefangen. So hatte Dr. Laurin die Geschichte dieser beiden Menschen erfahren, die nun schon seit einem langen Jahr sein Denken beschäftigten.

»Andere Frauen wollen keine Kinder und kriegen sie«, sagte Jossy. »Sie nehmen Pillen und tun sonst was, damit sie ja nicht schwanger werden. Warum bekomme ich kein Baby? Ich würde es doch so lieben.«

Dabei war sie selbst noch immer ein halbes Kind. Marius hatte tatsächlich die Vaterrolle übernommen.

*

Aber nun war es sicher. Jossy würde ein Kind bekommen!

Damit aber waren für Dr. Leon Laurin die Probleme nicht beseitigt. Im Gegenteil, für ihn waren sie größer geworden.

Jossy hatte sich einer Zahnbehandlung unterziehen müssen. Der Weisheitszahn hatte ihr zu schaffen gemacht, er musste sofort gezogen werden. Dazu bekam sie eine Injektion, und dabei wäre sie fast gestorben. Sie war allergisch gegen Betäubungsmittel. Durch die Gewissenhaftigkeit des Zahnarztes, durch die Tatsache, dass sofort ein Internist zur Stelle war, hatte sie gerettet werden können.

Als Dr. Laurin Jossy nun endlich bestätigen konnte, dass sie Mutter werden würde, freute sie sich unendlich. Aber dann sagte sie: »Es muss eine natürliche Geburt sein, Dr. Laurin. Kein Kaiserschnitt, keine Narkose, wenn es irgendwie möglich ist. Ich möchte mein Kind gern erleben.«

Bei der Ultraschalluntersuchung stellte Dr. Laurin dann fest, dass Jossy Zwillinge bekommen würde. Damit begann für ihn die Sorge um die junge Frau. Sie dagegen zeigte sich heiter und gelassen, strahlend vor Glück.

Noch besorgter als Dr. Laurin war Marius, der schon am nächsten Tag in der Prof.-Kayser-Klinik erschien, um sich genau informieren zu lassen.

»Sie wissen, wie allergisch meine Frau auf Narkosemittel reagiert«, sagte er beklommen. »Aber wie soll sie eine Geburt durchstehen ohne solche Mittel?«

»Bis jetzt verläuft die Schwangerschaft völlig normal«, erklärte ihm Dr. Laurin ausweichend. Immerhin waren es noch fast fünf Monate bis zur Geburt, und da sollten sich die werdenden Eltern nicht zu viel den Kopf zerbrechen.

»Jossy würde sich niemals anmerken lassen, wenn sie Schmerzen hätte«, sagte Marius. »Sie kann sich unglaublich beherrschen.«

»Mich kann sie nicht täuschen«, erklärte Dr. Laurin. »Wir werden sie laufend kontrollieren. Manchmal haben gerade die zierlichsten Frauen die leichtesten Geburten.«

»Wenn es wenigstens nur ein Kind wäre«, sagte Marius, »warum müssen es gleich Zwillinge sein?«

Natürlich konnte das eine Folge der Hormonbehandlung sein. Dr. Laurin machte sich da nichts vor. Immerhin war es in solchen Fällen beruhigender, wenn es ›nur‹ Zwillinge waren, als gleich Drillinge oder Vierlinge.

Für Jossy war es einfach der Ausgleich, dass sie fast drei Jahre auf dieses Ereignis warten musste. Sie wurde runder und runder und war dennoch so springlebendig wie zu Beginn der Schwangerschaft.

Wenn sie zur Untersuchung kam, wurde sie von ihrem Mann begleitet. Er ließ sie nicht mehr allein fahren, auch nicht in einem Taxi, da er fürchtete, dass der Fahrer zu schnell und zu rücksichtslos fahren könnte.

Aufregungen gab es in ihrem Privatleben nicht. Sie hatten beide keine nahen Angehörigen und auch keine so engen Freunde, dass durch solche Ärger oder Kummer in ihr Leben getragen werden könnte. Ihren Vater hatte Jossy auch aus ihrem Leben verbannt. Sie haderte nicht mit der Vergangenheit, da die Gegenwart ihr so viel Glück schenkte.

Verlegen wagte sie einmal die Bitte, ob Dr. Laurin und seine Frau Antonia sie einmal besuchen würden. Ihn interessierte es, wie Jossy und Marius lebten, um das Bild abzurunden, das er sich von ihnen gemacht hatte, da sie für ihn das ungewöhnlichste Ehepaar waren, das ihm je begegnet war.

Antonia Laurin war sehr überrascht, als ihr Mann ihr mitteilte, dass sie am Freitag bei den Jongs eingeladen wären, denn er drückte sich sonst, wo er nur konnte, wenn es nicht um die Familie ging.

»Du musst sie kennenlernen, Antonia«, sagte er nachdenklich. »Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass so gegensätzliche Partner eine so glückliche Ehe führen können.«

»Man sagt doch, dass sich Gegensätze anziehen«, meinte Antonia lächelnd.

»Ein überaus intellektueller Mann und ein Naturkind«, meinte Leon sinnend.

»Aber sie ist doch keine törichte Puppenschönheit. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass gerade ein Intellektueller von unverdorbener Frische angezogen wird. So, wie du mir Jossy geschildert hast, verkörpert sie diese.«

*

Marius war sehr überrascht gewesen, dass die Laurins Jossys Einladung angenommen hatten.

»Das kannst du als Auszeichnung betrachten«, sagte er nachdenklich.

»Wir«, berichtigte sie ihn mit ihrem hinreißenden Lächeln.

Der Tisch war festlich gedeckt. Leckere Salate, zartes Roastbeef, Schinkenröllchen und allerlei Appetithappen – alles von Jossy selbst zubereitet – waren so verlockend angerichtet, dass Marius nur staunen konnte.

Damals, als er sie zu sich ins Haus holte, hatte sie von nichts eine Ahnung gehabt. Sie hatte sich alles selbst beigebracht.

Wenn er mit anerkennenden Worten nicht sparte, meinte sie nur immer, dass er schlummernde Talente in ihr geweckt hätte. In geistiger Beziehung mochte das stimmen, vom Haushalt jedoch hatte er auch nichts verstanden.

Seine langjährige Haushaltshilfe Emmi hatte ein langes Gesicht gemacht, als plötzlich dieses junge Ding erschienen war. Gepasst hatte ihr das gar nicht, aber auch sie war bald von Jossys Liebreiz eingefangen worden.

Nicht anders erging es dann Antonia. Unwiderstehlich war Jossy in ihrer herzenswarmen Natürlichkeit. Sie passte in dieses romantische Haus, das mit individuellem Geschmack eingerichtet war. Es stimmte einfach alles, und man konnte sich auch über alles unterhalten. Freimütig erklärte Jossy, dass sie in Bezug auf Kunst und Musik ein unbeschriebenes Blatt gewesen sei.

»Aber Marius kann ja alles so wundervoll erklären«, sagte sie, und bei dem Blick, den sie ihrem Mann schenkte, wurde es auch Antonia ganz eigen zumute.

»Ich würde Ihnen gern unser Kinderzimmer zeigen«, sagte Jossy später zu Antonia. »Vielleicht können Sie mir noch ein paar Tipps geben. Sie haben doch auch Zwillinge.«

Jossy plauderte munter. »Ich habe überhaupt keine Beschwerden. Ich kann sehr gut schlafen und herumlaufen. An Appetit mangelt es auch nicht. Fünf Pfund muss jedes Kind wenigstens wiegen, das habe ich mir vorgenommen.«

»Die Babys nehmen sich schon, was sie brauchen«, sagte Antonia.

»Kommt da auch keines zu kurz?«, fragte Jossy.

»Es kann schon sein, dass eines weniger Appetit hat, aber viel macht es sicher nicht aus.«

Wieder zeigte Jossy ihr unwiderstehliches Lächeln. »Ich ermahne sie jetzt schon, sich zu vertragen. Ich wünsche so sehr, dass beide so werden wie Marius, so gut und so klug.«

»Von Ihnen werden sie hoffentlich auch einen guten Teil mitbekommen«, sagte Antonia herzlich.

»Ich bin doch eine Frau ohne Bedeutung«, meinte Jossy. »Alles, was ich bin, bin ich doch erst durch Marius geworden. Bei Ihnen ist das anders. Ich weiß, dass Sie Ärztin waren. Sie konnten immer Schritt halten mit Ihrem Mann.«

Antonia ergriff ihre Hand. »Sie sind eine glückliche Frau, Jossy. Sie werden geliebt, und Sie brauchen sich gewiss nicht zu verstecken.«

Das Kinderzimmer war entzückend. Da brauchte Antonia keine Tipps mehr zu geben. Jossys Augen leuchteten, als die Ältere ihr das sagte.

»Ich habe auch viele Bücher gelesen. Alles, was ich kriegen konnte. Ich möchte so gern eine gute Mutter werden.«

»Das sind Sie doch schon.«

Dennoch wollte Jossy noch wissen, was man bei Säuglingen alles beachten müsse, vom Standpunkt der Ärztin aus gesehen.

»Sie können jederzeit zu mir kommen oder mich anrufen, wenn Sie einen Rat brauchen, Jossy«, sagte Antonia herzlich.

Sie konnte nicht anders, als die Jüngere beim Vornamen zu nennen, denn es ging ihr durch den Kopf, dass Jossy schon ihre Tochter sein könnte. Sie hatte nicht so junge geheiratet, aber eines hatte sie mit Jossy dennoch gemeinsam. Auch ihr Mann war der erste und einzige Mann in ihrem Leben, den sie geliebt und dem sie ganz gehört hatte und den sie noch unverändert liebte. Nur eines war anders: Für Jossy gab es keinen anderen Menschen, der ihrer Liebe teilhaftig wurde. Jetzt noch nicht – bis sie dann ihre Kinder im Arm halten durfte.

»Es war wunderschön«, sagte Jossy zum Abschied. »Ich danke Ihnen, dass Sie zu uns kamen.«

Sie drückte sich gewählt aus, und doch waren es Worte, die aus dem Herzen kamen.

*

»Frau Dr. Laurin ist eine wunderschöne Frau«, sagte Jossy. »Ich würde gern so sein wie sie. Sie ist so klug.«

»Für mich bist du die schönste Frau der Welt und klug genug«, sagte Marius zärtlich.

»Für dich bin ich nicht klug genug, Marius. Ich müsste noch so vieles lernen, aber mehr will in meinen Kopf gar nicht mehr hinein.«

»Das wird nur gut sein. Du sollst dein Lachen nicht verlieren, Jossy. Durch dich habe ich doch erst das Lachen gelernt. Du weißt nicht, was das bedeutet. Ich bin in meinem Leben so oft enttäuscht worden. Du hast mich niemals enttäuscht.«

Sie stellte nun eine Frage, die sie noch nie gewagt hatte. »Bist du auch von Frauen enttäuscht worden, Marius?«

Er nahm sie in den Arm und streichelte mit seinen Lippen ihre Stirn und ihre Augen.

»Enttäuscht eigentlich nicht. Es gab in meinem Leben keine Frau, die Gefühle in mir wecken konnte. Es lohnt nicht, darüber zu sprechen, Jossy.«

»Du hast mir noch nie gesagt, was du dachtest, als ich in deinen Wagen stieg. Ich möchte es so gern wissen.«

»Ganz ehrlich?«, fragte er mit einem Lächeln in den Augen.

»Ganz ehrlich«, nickte sie.

»Ich dachte an die Gefahr, der du dich aussetztest, als du zu einem fremden Mann in den Wagen gestiegen bist. Diese kleinen Mädchen, dachte ich, werden sie denn nie gescheiter?«

»Ich muss grässlich ausgeschaut haben«, sagte Jossy leise. »Und ich hatte auch Angst, das darfst du mir glauben, aber dann habe ich dich angeschaut und wusste, dass ich keine Angst mehr zu haben brauchte.«