Unsere allerbeste Zeit - Gaby Hauptmann - E-Book

Unsere allerbeste Zeit E-Book

Gaby Hauptmann

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Beschreibung

Wenn Dir das Leben eine zweite Chance gibt ... Eigentlich hat Katja alles, was Frau braucht: ein gemütliches Apartment mitten in Hamburg, einen tollen Job, Freunde, bei denen sie sich aufgehoben fühlt. Aber als ihre Freundin Doris anruft, um ihr zu erzählen, dass sie zu Hause gebraucht wird, bricht Katja alle Brücken ab. Kurzerhand zieht sie zurück in ihre alte Heimat, um näher bei ihrer Mutter sein zu können, deren Demenz nicht mehr zu leugnen ist. Der Umzug wird für Katja auch eine Reise in die Vergangenheit, zu ihrer besten Freundin und alter Liebe - und gestaltet sich abenteuerlicher, als sie sich das vorgestellt hatte ...

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Von Gaby Hauptmann sind im Piper Verlag 27 Bücher erschienen, u. a.:

Suche impotenten Mann fürs Leben

Scheidung nie – nur Mord!

Plötzlich Millionärin – nichts wie weg!

Lebenslang mein Ehemann?

Ich liebe dich, aber nicht heute

 

Für Heidi Zell

 

© Piper Verlag GmbH, München 2021

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

 

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Inhalt

Cover & Impressum

Motto

Prolog

19. August Dienstag

20. August Mittwoch

21. August Donnerstag

22. August Freitag

23. bis 31. August

1. September Montag

2. September Dienstag

5. September Freitag

Samstagsfrühstück

6./7. September Wochenende

8. September Montag

9. September Dienstag

10. September Mittwoch

11. September Donnerstag

12. September Freitag

13./14. September Wochenende

15. September Montag

19. September Freitag

20. September Samstag

21. September Sonntag

22. September Montag

23. September Dienstag

24. September Mittwoch

25. September Donnerstag

26. September Freitag

27. September Samstag

28. September Sonntag

29. September Montag

30. September Dienstag

Danksagung

Das größte Vergnügen im Leben

besteht darin,

das zu tun,

von dem die Leute sagen,

du könntest es nicht.

Walter Bagehot

Es tut weh, meine Wohnung zu verlassen, selbst jetzt, da sie leer ist. Und es tut weh, durch Hamburg zu fahren und sich zu verabschieden … all die lieb gewonnenen Plätze, die Erinnerungen an Freunde, an Feste, an … nein, Patricks Wohnung meide ich, obwohl mich interessieren würde, welches Auto davorsteht. Der weiße Mini, den ich vermute? Nein, diese Blöße gebe ich mir nicht.

Ich habe mit Hamburg abgeschlossen, der Umzugswagen ist schon unterwegs, ich jetzt auch.

Auf nach Stuttgart, zu neuen Aufgaben, zu neuen Herausforderungen, zu meiner Mutter, die meine Hilfe braucht. Zurück in die Stadt, in der ich aufgewachsen bin und in der ich seit vierundzwanzig Jahren kaum mehr war.

 

Ich spüre, wie meine Beklemmung wächst, als ich auf die Autobahn fahre und einen letzten Blick in den Rückspiegel werfe. Lass ich das jetzt wirklich alles hinter mir?

Ja. Ein Neuanfang liegt vor mir.

Mir wird flau im Magen, was wird die Zukunft bringen?

Nur Gutes, Katja, sage ich laut, bevor ich meine Lieblingsmusik aufdrehe.

Nur Gutes, und ich hoffe, dass ich mir glaube.

19. August Dienstag

In Stuttgart bin ich aufgewachsen. Jetzt, nach all den Jahren zurückzukommen, ist ein seltsames Gefühl. Und nicht nur zu Besuch, sondern mit Sack und Pack. So ganz kann ich es selbst noch nicht glauben, ganz klein im Hinterkopf sitzt da die Stimme, die mir einflüstert, zwei, drei Tage, dann bist du wieder daheim in Hamburg.

Ich sehe die wohlbekannten Autobahnschilder, überall könnte ich im letzten Moment noch abbiegen, fliehen.

Aber es geht nicht nur um mich. Ich stehe in der Pflicht. In der Pflicht meines Gewissens gegenüber meiner Mutter. Sie braucht meine Hilfe. Dabei waren wir an Weihnachten noch alle bei ihr, und sie kam mir fit vor. Siebenundsiebzig Jahre, dachte ich vor acht Monaten, das kann noch lange gehen, bis wir uns Gedanken machen müssen. Weit gefehlt. Hat sie uns etwas vorgespielt, oder haben wir einfach in all dem Trubel nichts bemerkt? Mein Bruder mit seinen zwei kleinen Kindern, meine Schwägerin, die auch sonst herumwuselt wie von der Tarantel gestochen, und ich, die an Weihnachten am liebsten vor der Glotze hängt und alte Filme ansieht. War unsere Mutter da schon zerstreut, vergesslich, schusselig?

Egal, wie, die Ausfahrt Zuffenhausen kommt, und ich fahre von der A 81 ab. Jetzt ist es so weit, der Blick geht nur noch nach vorn. Müsste ich zuerst bei meiner Mutter vorbei? Ich werfe einen Blick auf mein Smartphone. Die letzte Nachricht besagt, dass die Möbelpacker bereits auf mich warten. Kaum zu glauben, denke ich und werfe unwillkürlich einen Blick auf meinen Tacho, die müssen ganz schön gebrettert sein.

Auf der anderen Seite gibt mir das einen Aufschub. Denn wenn ich ehrlich bin, schleppe ich lieber Kisten in meine neue Wohnung, als mich den Fragen meiner Mutter zu stellen. Vor allem, weil ich ihr alles schon mehrfach erklärt habe und ein ungeduldiger Mensch bin. Und weil ich einfach nicht verstehen kann, warum sie plötzlich schwer von Begriff ist. Sie war in unserer Familie stets die Schnelldenkerin, sie hat alles um uns herum organisiert, unser Vater wäre ohne sie völlig aufgeschmissen gewesen, er war überhaupt nicht alltagstauglich. Vielleicht ist es ganz gut, dass ich durch die körperliche Arbeit mit den Kisten zunächst einen klaren Kopf kriege, das hilft bestimmt.

 

Tatsächlich, in der engen und zugeparkten Straße steht der Lkw mit offener Verladerampe in der zweiten Reihe. Das Ausladen ist schon in vollem Gange. Ich sehe mich um. Wohin soll ich meinen Wagen parken? Schließlich stelle ich mich frech vor den Lkw, ebenfalls zweite Reihe. Es ist ja ein Einzug, denke ich. Quasi ein Notfall.

Dann gehe ich den schmalen Weg am Haus entlang und durch die sperrangelweit geöffnete Eingangstüre in den ersten Stock, mein neues Zuhause. Es ist eine Altbauwohnung und für meine Begriffe ziemlich heruntergekommen, aber ich war froh, so schnell überhaupt etwas gefunden zu haben. Mit dem Rest würde ich schon klarkommen, habe ich gedacht. Aber jetzt, bei Tageslicht, mit Blick auf die kahlen Wände und die Kartoninseln mitten im Raum kommen mir Zweifel.

Einer der kräftigen Männer kommt auf mich zu und fragt in gebrochenem Deutsch: »Wohin mit Möbel?«

Ich nicke und hole tief Luft.

»Ich muss mich kurz umschauen«, sage ich.

»Mann?«, fragt er, als ob ein Mann alle Probleme lösen könnte.

»Kein Mann«, antworte ich und ernte einen misstrauischen Blick.

»Kein Mann?«

»Kein Mann.«

»Hübsche Frau ohne Mann?«

Ich zucke die Achseln. Was soll ich auch sagen. Sein Blick gleitet schnell zu meiner Hand, und ich nehme an, dass er mein Weltbild sowieso nicht verstehen wird. Ich trage keinen Ehering. Er brummelt etwas und nickt dann in die Richtung des Sideboards, das er gerade mit seinem Kollegen heraufgeschleppt hat.

»Also wohin?«

»Dort«, entscheide ich schnell und deute zu der Wand unter dem breiten Fenster. Bei der Gelegenheit sehe ich, dass der Maler schlampig gearbeitet hat, die frische weiße Wand hat gelbe Striemen, so als ob noch die vorhergehende Farbe an der Rolle gewesen wäre.

»Und das Klavier nachher?«

Ich entscheide mich für das zweite Fenster.

»Schwer«, sagt er. »Alt?«

»Ja«, sage ich und weiß schon, worauf er abzielt. »Wenn es nachher heil hier steht, gibt es mehr Trinkgeld«, sage ich.

Sein Blick gibt mir zu verstehen, dass es unter seiner Würde ist, von einer Frau Geld anzunehmen.

Einstecken wird er es nachher trotzdem, da bin ich mir sicher. Ich bin froh, wenn die beiden Männer wieder weg sind, und gehe schnell durch meine neue Wohnung. Zwei Zimmer, davon eines sehr groß, das andere gerade ausreichend für Doppelbett und Schrank, dazu eine schmale Küche mit schmuddeligen Einbauschränken und ein Badezimmer aus dem letzten Jahrhundert mit alten Eisenrohren über dem Putz.

Ich denke kurz an meine helle, moderne Wohnung in Hamburg zurück, verbiete mir dann jeden weiteren Gedanken. Ab jetzt geht es nach vorn, nicht in die Vergangenheit.

Ich gebe mir einen Ruck.

Ich bin vierundvierzig und Single. Ja, was soll’s, es hat wohl nicht sollen sein. Zudem hatte ich eine hervorragende Stellung in Hamburg, in der Zentrale von einer der großen deutschen Agenturen. Mein Glück ist, dass wir in mehreren deutschen Städten eine Niederlassung haben und sich mein Chef gleich mit Stuttgart in Verbindung gesetzt hat.

Erst vor ein paar Wochen rief mich meine ehemalige Schulfreundin Doris an: »Katja, hast du in letzter Zeit mal eure Mutter gesehen?«

»Ja, an Weihnachten war ich da. Warum?«

»Es geht ihr nicht gut. Ich habe sie zufällig in dem kleinen Supermarkt bei euch um die Ecke getroffen. Sie war ganz verwirrt, und ich habe sie nach Hause begleitet, Katja, bei mir haben alle Alarmsirenen geklingelt.«

Das taten sie bei mir dann auch, und ich habe sofort meinen Bruder angerufen, der in einem Stuttgarter Vorort wohnt. Boris sah keinen Grund, sie häufiger als alle drei Wochen zu besuchen. »Wenn ich dort bin, geht es ihr immer gut«, war seine Auskunft. »Sonst soll sie halt in ein Heim, ich habe genug anderes Zeug an der Backe.«

Ich buchte den nächsten Flug nach Stuttgart und kam mit Blumen und dem Lieblingskuchen meiner Mutter. Sie riss sich zusammen. Aber ich sah ihre Mimik, ihre Kleidung und die Wohnung, mein Elternhaus. Sie war immer penibel gewesen, mit allem. Jetzt schaffte sie es einfach nicht mehr hinterherzukommen. Der Anblick hinterließ einen tiefen Schock bei mir.

Ich wollte sofort meinen Bruder sehen, aber er hatte keine Zeit. »Busy«, sagte er. »Du verstehst.«

Im Taxi zurück zum Flughafen heulte ich. Der Taxifahrer beobachtete mich im Rückspiegel, hielt sich aber raus.

Und jetzt bin ich hier. Erst mal für immer.

20. August Mittwoch

Den Traum der ersten Nacht in einem neuen Heim soll man sich merken, heißt es immer. Das sei wichtig.

Ich habe von Wölfen geträumt. Nicht, dass ich Angst vor diesen Tieren hätte. Für mich sind es Wesen aus einer anderen Welt. Vielleicht wie meine Mutter jetzt. Der Unterschied ist nur, meine Mutter geht und die Wölfe kommen zurück, wie man ständig lesen kann.

Während ich in die Küche gehe, die Kaffeemaschine anschließe und in dem Karton mit der Aufschrift »Küche« nach Kaffeebohnen und Bechern suche, frage ich mich, was der Traum wohl bedeuten könne.

Wölfe. Weshalb träume ich von Wölfen?

Ich habe keine Milch. Funktioniert der Kühlschrank überhaupt? Doch. Immerhin. Aber keine Milch, dann nehme ich halt Zucker.

Im Schlafanzug und mit dem Becher in der Hand gehe ich langsam ins Wohnzimmer. Alle Möbel und Umzugskisten sind da, ich weiß nur nicht, wie aus diesem Chaos jemals ein wohnliches Etwas werden soll. In dem Moment, als ich mich in meinen knallroten Ledersessel sinken lassen will, klingelt es.

Zunächst zögere ich, denn ich bin noch nicht angezogen. Außerdem ist es noch früh, kurz nach sieben Uhr. Dann denke ich, was soll’s, und suche nach dem elektrischen Türöffner, es ist aber nicht nötig, da es direkt an der Türe klopft. Durch die milchige Glasscheibe zeichnet sich ein diffuser Schatten ab.

Ich öffne, und mein Vermieter steht vor der Tür.

»Guten Morgen, Frau Klinger, ich wollte Sie nur kurz begrüßen und Ihnen bei der Gelegenheit gleich die Hausordnung geben, bei nur vier Parteien im Haus ist das wichtig, denke ich. Da steht auch drin, wie es sich mit der Absenkung der Heizung im Winter verhält, hat ja noch Zeit, aber trotzdem, mit dem Müll, mit der Kehrwoche, mit Lärm, also mit lauter Musik oder Kindern, aber die haben Sie ja nicht, Tiere auch nicht, gut so.« Er schenkt mir ein Lächeln und drückt mir ein eingeschweißtes Blatt in die Hand. »So bleibt es sauber«, sagt er noch, bevor er sich mit einem Gruß umdreht. »Ich muss jetzt zur Arbeit. Wenn was sein sollte …«, und damit geht er bereits die abgetretene Holztreppe hinunter.

Ich stelle fest, dass ich eine Gänsehaut habe. Sein fleischiges Babygesicht, überhaupt diese undefinierbare Figur bei einem Mann über fünfzig finde ich unheimlich. Ich schließe die Tür und trage das Blatt mit spitzen Fingern zu meinem Sessel zurück und lass es dort fallen. Ekelhaft, denke ich. Gestern der Strafzettel an meinem Auto, obwohl ich ein großes Blatt mit dem fett geschriebenen Hinweis »Umzug« unter den Scheibenwischer geklemmt hatte, und heute die Hausordnung.

Ich trinke meinen Kaffee, der ohne Milch absolut scheußlich schmeckt, und beschließe, zunächst alles liegen zu lassen und zu meiner Mutter zu fahren. Und unterwegs bei einem Bäcker zu frühstücken, irgendeinen Lichtblick braucht man schließlich am Morgen.

Mit einer Tüte Butterbrezeln und einem strahlenden Lächeln klingle ich bei meiner Mutter. Seitdem die Schlösser irgendwann neu ersetzt wurden, habe ich keinen Hausschlüssel mehr. Ich hoffe, dass sie mir einen gibt.

Und überhaupt hoffe ich, dass sie mir aufmacht.

Ich höre nichts, also klingele ich nach einer Weile noch einmal.

»Eine alte Frau ist doch kein D-Zug«, sagt jemand, und dann steht sie vor mir in der kraftvoll aufgerissenen Tür. Ich staune. Kann ich wieder abreisen?

»Hallo, Mutti«, sage ich, »ich habe Frühstück mitgebracht«, und ich halte die Tüte mit den Butterbrezeln hoch.

»Ein bisschen spät für ein Frühstück«, sagt sie. »Meinst du nicht?«

Damit dreht sie sich um und geht mir voraus. Gerade und trittsicher verschwindet sie in der Küche, die schon in meiner Kindheit mein Lieblingsort war. Von hier aus geht eine Terrassentür direkt in den Garten. Und auch jetzt führt mich mein erster Weg zu der Glastür. Ich drücke den altmodischen Türhebel nach unten, damit sie aufgeht.

»Die Eichhörnchen waren heute Morgen schon da«, höre ich die Stimme meiner Mutter in meinem Rücken, während ich die Tür öffne und frische Luft hereinlasse.

»Schön«, sage ich und drehe mich zu ihr um. »Schön, Mutti, das waren sie früher auch immer.«

»Früher seid ihr hier auf dem Bauch gelegen und habt sie mit Haselnüssen hereingelockt.«

Ich schau auf den schwarz-weiß gekachelten Küchenboden hinab und lächle. Die Bilder, die sich vor mir auftun, streicheln meine Seele.

»Wollen wir einen Kaffee trinken?«, frage ich, und sie nickt und zeigt zu der Kaffeekanne auf der Anrichte. Sie hat ihn immer von Hand aufgebrüht, und eigentlich, das muss man selbst als Besitzerin der tollsten und teuersten Kaffeemaschine zugeben, schmeckt er so auch am besten.

Ich lege meine Brezeltüte auf den weiß lackierten Tisch, an dem wir auch früher schon gefrühstückt haben, und spüle die Kaffeekanne aus. Sie ist blitzsauber. Heute Morgen hat sie jedenfalls noch keinen Kaffee getrunken. Ich lasse mir nichts anmerken, stelle Wasser auf, gebe Pulverkaffee direkt in die Kanne und warte ab.

»Du siehst gut aus«, sage ich und lächle ihr zu. Sie steht am Fenster, beide Hände nach hinten in den Sims gekrallt, als wollte sie sich festhalten. Wie zerbrechlich sie geworden ist. Und obwohl sie ein graues Kostüm mit einer cremefarbenen Schleifenbluse trägt und auf den ersten Blick aussieht wie früher, adrett, immer gepflegt, sehe ich auf den zweiten Blick die Flecken auf der Jacke. Und auf der Bluse.

Ich muss mich abwenden. Wie soll ich vorgehen, frage ich mich und fühle mich für einen Moment überfordert von dem, was auf mich zukommt.

»Du musst Kaffee in die Kanne tun«, sagt sie. »Oben im Schrank. Wie immer.«

»Danke, Mutti«, sage ich, »habe ich schon. Setz dich doch, es ist gleich so weit.«

Ich nehme zwei Tassen und Teller aus dem Schrank, verteile die Butterbrezeln, warte, bis das Wasser kocht, und fülle die Kaffeekanne dann langsam und in mehreren Intervallen, damit sich der gemahlene Bohnenkaffee auf dem Kannenboden mit Wasser sättigt, ohne aufgewirbelt zu werden. Meine Mutter beobachtet mich mit Argusaugen. »Mache ich’s richtig?«, frage ich scherzhaft. Sie nickt. Ich öffne den Kühlschrank, um Milch zu holen, und klappe ihn gleich wieder zu. Gähnende Leere.

Wovon lebt sie?

»Hast du noch irgendwo Milch?«, frage ich. Sie zuckt mit den Schultern.

Leerer Kühlschrank, denke ich, sie muss sich doch von irgendwas ernähren. Und mein nächster Gedanke: Schon wieder Kaffee ohne Milch!

»Ich gehe nachher einkaufen«, sage ich. »Oder besser noch, wir gehen gemeinsam, dann weiß ich, was du brauchst. Und was dir schmeckt.«

Sie sieht mich an, und am Ausdruck ihrer Augen erkenne ich, dass etwas nicht stimmt. Diese Augen sind leer. Sie sieht durch mich hindurch. Aber gerade war sie doch noch so fit?

»Mutti?«, versuche ich, sie in die Gegenwart zurückzuholen.

»Mutti?« Und ich fasse nach ihrer Hand. Sie ist feingliedrig und kalt. Die Fingernägel sind zu lang. Es sieht aus, als wäre ihr der schmale, goldene Ehering, den sie noch immer trägt, zu groß geworden. »Mama!«, bricht es aus mir heraus, und es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte losgeheult.

···

Wenn es einem schlecht geht, braucht man eine Freundin. Eine echte Freundin, eine, die einen schon lange kennt und ohne große Worte versteht, was zu tun ist.

Ich fahre direkt zu Doris.

Sie war es, die mich über den Zustand meiner Mutter informiert hat. Ihre Warnung ist der Grund, weshalb ich jetzt hier bin. Doris kennt meine Mutter, seitdem wir uns im Gymnasium, erste Klasse, angefreundet haben. Das ist jetzt gut vierunddreißig Jahre her.

Doris ist in Stuttgart geblieben. Wir waren damals, bis zum Abitur, eine Clique, die sich dann in alle Winde verstreut hat. Bis auf Doris. Sie hat einen anderen Weg gewählt und unterstützte ihre Eltern in deren Feinkostgeschäft. Dann heiratete sie, bekam zwei Kinder, und das Feinkostgeschäft wurde verkauft, als sie die Nachfolge antreten sollte. Die alleinige Verantwortung war ihr zu viel, zumal mit zwei Kindern und einem Mann, der in einer völlig anderen Branche tätig ist. Inzwischen hat sie sich nach der Kinderzeit wieder etwas aufgebaut, ein Café, das anders ist als andere Cafés.

»Weißt du«, erzählte sie mir vor vier Jahren bei einem unserer Weihnachtstreffen: »Ich stelle mir einen Platz vor, an dem jemand auch einfach mal sitzen bleibt, weil er ein spannendes Buch liest. Oder vielleicht selbst an einem Buch schreibt – so ein bisschen wie ein Wiener Café, keiner wird zum ständigen Konsum genötigt, alle sollen sich wohlfühlen.«

»Aber der Umsatz, wenn einer vier Stunden lang an einem kalten Kaffee hängt?«

»Wenn er glücklich ist …?«

Das ist halt Doris. Ich bin durch meine Arbeit nicht nur auf Kreativität programmiert, sondern auch auf Erfolg, und damit auf Umsatz. Ohne Umsatz kann kein Laden laufen, das ist klar. Aber Doris? Ein halbes Jahr später schickte sie mir Fotos von den Räumen, die sie gefunden hatte und zu dem Café ihrer Vorstellung umgestalten wollte. Sie war voller Tatendrang. Und natürlich war sie vom Gelingen überzeugt, Doris war Optimistin. Immer schon. Sie schwamm grundsätzlich in einem Universum der Glückseligkeit.

Dachte ich.

Bis ich heraushörte, dass ihre Ehe nicht wirklich glückselig war. Eher anstrengend. Sie legte sich krumm, und er war ignorant. Vielleicht wollte sie deshalb gern Menschen um sich haben, die ihre Anstrengung zu würdigen wussten? Ihr liebevoll gestaltetes Ambiente, die kleinen Hingucker, die sie drapierte, die Speisen, die sie zubereitete, die Kuchen und Snacks, die wechselnden Gerichte, die sie anbot?

Jedenfalls ist Doris in diesem Moment meine Zuflucht, und ich fahre, nachdem ich für meine Mutter eingekauft und sie zum Mittagsschläfchen an ihr Bett begleitet habe, schnurstracks zu ihr.

Das Café liegt in einer schmalen Straße, Stuttgart Mitte, an sich eine gute Adresse, allerdings handelt es sich um eine Sackgasse, und es gibt keine Parkplätze, es sei denn, man ergattert einen entlang der Straße. Ich mag nicht schon wieder einen Strafzettel kassieren, und gerade, als ich wenden und mich in einer anderen Straße umsehen will, parkt jemand aus. Ich betrachte das als gutes Omen.

Das Café ist gelungen, das muss ich zugeben. Schon vor dem Eingang steht ein frisch gebackener Kuchen auf einem kleinen Tisch, einfach so, als könnte sich jeder ein Stück davon mitnehmen. Und drinnen hat sie gemütliche Tischinseln geschaffen, jede anders zurechtgemacht, dazu Regale voller Weinflaschen, bunte Kacheln an den Wänden, Tassen und Teller in unterschiedlichem, liebevollem Dekor – alles ein bisschen Oma und trotzdem hipp. Vintage, denke ich, das spricht an. Und hinter einem großen, bunten Tresen steht sie selbst und bereitet gerade etwas vor. Ich zähle fünf Gäste, nicht gerade viel.

»Katja!« Sie kommt hinter ihrem Tresen vor, und wir umarmen uns. »Na?«, sagt sie, und in diesem »Na?« liegt alles.

»Tja!«, antworte ich, und sie weiß, was ich meine.

»Setz dich erst mal. Magst du einen Cappuccino oder lieber gleich einen Wein?«

»Am besten einen Schnaps, einen Doppelten. Oder dreifachen.«

Sie sieht mich an, und wir lachen beide, ein wissendes Lachen, das Lachen zweier alter Freundinnen.

»Du siehst gut aus«, sage ich, und es ist kein Schmus, es stimmt. Sie sieht lebensfroh aus, ihre kurzen schwarzen Haare, das gebräunte Gesicht, die strahlenden Augen, ganz offensichtlich eine Frau, der es gut geht.

»Und du siehst gedrückt aus«, gibt sie mir zur Antwort. Das stimmt auch.

»Es ist eine neue Situation«, sage ich. »Wir haben die Rollen getauscht, meine Mutter und ich.«

Sie nickt nur. »Ja, das tut weh. Ich bin auch erschrocken, als ich sie beim Einkaufen gesehen habe. Und ich war ein paarmal bei ihr, aber sie wollte keine Hilfe annehmen. Nicht von mir. Sie hat sich zusammengerissen, soweit sie es noch kann. Aber ich glaube, das sind nur Momente. Das gelingt ihr nicht immer. Manchmal hat sie mir gar nicht aufgemacht. Das war dann noch beängstigender.«

»Mich beängstigt die Treppe in den ersten Stock, da oben hat sie doch ihr Schlafzimmer, das Badezimmer. Was ist, wenn sie stürzt? Hinunterfällt? Außerdem habe ich Angst, dass sie vielleicht etwas auf dem Herd stehen lässt und vergisst.«

»Ach, Katja!«

Wieder liegen wir uns in den Armen.

»Es ist gut, dass du jetzt da bist.«

Dass mein Bruder eigentlich ja in der Nähe wäre, denken wir in diesem Moment wohl beide, sprechen es aber nicht aus.

Ich nicke nur. »Mal sehen, was kommt.«

»Zahlen, bitte«, schreckt uns eine männliche Stimme von der anderen Seite des Raumes auf.

»Geh schnell, das ist wichtig«, flüstere ich Doris zu, sie grinst nur.

»Ich komme«, sagt sie laut und leise zu mir, »setz dich dort hinten ans Fenster. Heiko kommt auch gleich.«

»Heiko? Unser Heiko?«

»Ja. Toller Zufall. Er hat vorhin angerufen und freut sich, dich zu sehen.«

Ich freue mich auch. Sieben waren wir damals in unserer Abi-Clique. Dass Heiko in Stuttgart ist, habe ich nicht gewusst. Umso schöner. Und umso schöner, dass er jetzt kommt.

Zwischen meinen alten Freunden geht es mir gleich besser. Die letzten Gäste sind gerade gegangen, als Heiko hereinkommt. Groß und gut aussehend erinnert er mich sofort daran, dass ich früher immer ein bisschen in ihn verliebt war. Wir umarmen uns herzlich zur Begrüßung, dann stellt Doris drei Gläser Weißwein auf den Tisch und setzt sich zu uns. »So wirst du nicht reich werden«, bemerkt Heiko.

Sie lacht. »Das Reichwerden überlasse ich anderen, ich möchte es genießen können.«

Das muss man sich leisten können, denke ich, aber vielleicht fallen solche Experimente etwas leichter, wenn man gut verheiratet ist.

»Du bist in Stuttgart«, frage ich Heiko, »ich dachte, du arbeitest in Bonn, Informatik und so?«

»Scheidung«, sagt er knapp. »Ich brauchte einen Tapetenwechsel. Zurück ins Nest, wenn du so willst.«

»Wie?«, frage ich erstaunt. »Zurück zu deinen Eltern?«

Er schüttelt lachend den Kopf. »Nein«, sagt er, »das sicherlich nicht. Aber hier bin ich aufgewachsen, hier kenne ich mich aus, hier ist meine Heimat – hört sich jetzt vielleicht etwas spießig an, aber hier fühle ich mich wohl.«

»Und was machst du jetzt?«

»Alles auf Anfang. Coaching. Seit einem halben Jahr. Läuft ganz gut an.«

Wen und was?, liegt mir auf der Zunge, aber ich will nicht gleich so neugierig sein. Im Moment ist es einfach großartig, dass wir hier zusammensitzen.

»Und du?«, will er dann doch wissen. Also hat ihm Doris noch nichts erzählt?

»Meine Mutter … ich befürchte, sie wird dement.« Ich überlege kurz. »Oder ist es schon.«

»Was? Wir waren doch so oft bei euch, es war immer so cool – sie war immer locker …«, und sofort sind wir drei in der Vergangenheit. Bei den vielen gemeinsamen Stunden, den Lehrern, den Streichen, bei unseren Ideen, Interessen, Liebeleien.

Früher halt.

Die zwei Stunden mit Doris und Heiko haben mich wieder aufgerichtet. Und der spielerische, leichte Umgang untereinander hat mir gutgetan. Das denke ich, während ich meinen Wagen aus der engen Parklücke ausparke, was mir nicht schwerfällt, weil mein kleiner Audi extrem wendig ist. Er passt zu mir, finde ich in diesem Moment, in Zukunft muss auch ich wendig sein. Vor allem mit meinen Entscheidungen. Wie beispielsweise jetzt. Fahre ich noch einmal zu meiner Mutter? Mein Bauch sagt Ja, mein Kopf sagt Nein, denn bisher bin ich ja auch nicht zwei Mal am Tag bei ihr gewesen. Genau genommen, nur zwei Mal im Jahr. Und in meinem neuen Heim in der Heusteigstraße wartet eine Menge Arbeit auf mich.

Ich schau auf die Uhr. 17 Uhr, ein sonniger Tag, 20. August. Immerhin, ich komme nicht in Stress, weil ich noch Resturlaub hatte. Es bleibt genügend Zeit, um mich auf alles einzustellen, bevor ich dann am 1. September meine neue Arbeitsstelle antrete. Gut, es ist im Prinzip die gleiche Agentur – wenn auch nicht mehr der Hauptsitz, sondern eine der später ins Leben gerufenen Ableger. Also wird sicherlich vieles neu sein. Ich horche in mich hinein. Bin ich eher neugierig oder ängstlich? Aufbruchsstimmung oder flaues Gefühl? Gar nichts, stelle ich fest. Ich weiß, was ich kann, das wird ja wohl genügen.

Ich fahre durch die Innenstadt, und da fällt mir auf, dass ich ziemlich allein unterwegs bin. Sind das die verbotenen Straßen? Feinstaub?

Ich fahre keinen Diesel, aber ich merke, dass ich mich erst wieder auf meine Heimatstadt einstellen muss. Es hat sich doch ganz schön was verändert.

In meiner Straße habe ich Glück, gerade parkt ein SUV aus, nicht weit von meiner Wohnung entfernt. Heute scheint mein Glückstag zu sein, denke ich, während ich mir die beiden Einkaufstüten schnappe, die ich während der Einkaufstour für meine Mutter und für mich selbst gefüllt habe. Gut gelaunt gehe ich auf unser Gartentor zu. Jetzt werde ich mich erst mal genau umsehen. Der geteerte Fußweg führt direkt am Haus entlang und um die Hausecke herum zum rückwärtig liegenden Eingang. Der Garten, der dazugehört, ist nicht besonders groß und wird auf der einen Seite zum Fußweg hin durch ein schmales Staudenbeet abgegrenzt, auf der anderen Seite durch den Maschendrahtzaun des Nachbarn. Mittendrin steht ein dünner Apfelbaum, der so allein doch reichlich verloren wirkt. Ich denke an ein paar gemütliche Gartenmöbel, vielleicht eine hübsche Holzbank mit einem schönen Tisch? Für meinen Geschmack sieht alles etwas kahl aus. Lieblos.

Ich bin gerade die drei Steinstufen zur Haustüre hochgegangen, habe meine Einkaufstüten abgestellt und krame in meiner Handtasche nach meinem Schlüssel, da höre ich ein komisches Geräusch hinter mir: »Tack, tack, tack …« Als ich mich danach umdrehe, kommt eine grauhaarige Frau um die Ecke gebogen, zwei Nordic-Walking-Stöcke schwingend. Kaum, dass sie mich sieht, bleibt sie abrupt stehen, um sich gleich darauf langsam zu nähern. Ich zögere einen Moment, dann gehe ich ihr entgegen, um mich vorzustellen.

»Ach ja«, sagt sie, »ich habe schon gehört, dass eine alleinstehende Frau einziehen soll, das sind nun also Sie.«

»Ja«, bestätige ich und strecke ihr die Hand hin, aber sie verweist auf ihre Stöcke. »Mein Name ist Gassmann, Fräulein Gassmann«, sagt sie. »Ich wohne über Ihnen – und ich bin eine leise Mieterin.«

Sie sagt es so, dass ich gleich weiß, worauf sie hinauswill. Ich mustere sie. Mit ihrer weißen Dauerwelle, den eingefallenen Gesichtszügen und der hageren Gestalt sieht sie aus wie aus einem anderen Zeitalter. Warum auch immer, mir fällt sofort Père Goriot von Balzac ein. Hieß sie Vauquer, die Frau, die Anfang des 19. Jahrhunderts die gutbürgerliche Pension in Paris führte? Ich weiß es nicht mehr genau, aber so hatte ich mir die Dame damals beim Lesen vorgestellt. Ältlich, jüngferlich, aus der Zeit gefallen.

Nur die Stöcke passen nicht dazu, und mit dem einen zeigt sie nun nach oben zum Dachgeschoss. »Dort wohnt Lisa Landwehr, sie ist noch jung.«

Irgendwie weiß ich nicht so genau, was sich Frau Gassmann unter »jung« vorstellt. Sie selbst schätze ich auf Mitte siebzig.

»Studiert sie?«, frage ich deshalb.

»Nein, nein, sie geht einer geordneten Arbeit nach, verlässt morgens pünktlich das Haus und kommt abends zurück.«

Sie sieht mich so an, dass ich genau weiß, was sie wissen will. Ich drehe den Spieß um. »Oh«, sage ich, »und welchen Beruf haben Sie?«

»Hatten, hatten«, korrigiert sie mich. »Deutschlehrerin am Gymnasium, Oberstudienrätin, aber es ist bereits eine Weile her.« Sie zögert. »Ich bin pensioniert.«

»Das ist doch prima«, sage ich spontan, »Beamtenlaufbahn, Lehrerpension und dann noch so fit, besser geht es doch wohl nicht …«

Sie geht nicht darauf ein. »Also«, sagt sie stattdessen bestimmt, »wir sind eine sehr disziplinierte Hausgemeinschaft, darauf legt Herr Petroschka sehr viel Wert.«

Ich nicke. »Der Name … stammt er ursprünglich aus Russland?«

»Er ist ein anständiger Mensch. Vielleicht verwechseln Sie das mit Petruschka von Igor Strawinsky?«

Okay, denke ich, von mir aus. »Sie wohnen wohl schon lange hier?«

»Ausreichend lange.«

»Und gestatten Sie mir die Frage, warum es hier auf der Wiese keine Gartenmöbel gibt? Mag sich denn niemand ins Freie setzen?«

»Was sollte man da tun?«

»Den Tag genießen?«

Sie wirft mir aus wässrig blauen Augen einen derart vernichtenden Blick zu, dass ich kapituliere. Ich muss die Umgestaltung des Vorgartens schließlich auch nicht mit ihr ausmachen, sondern mit dem Hausbesitzer.

»Na, denn«, sage ich, »schön, Sie kennengelernt zu haben.« Damit gehe ich die drei Steinstufen wieder hoch, schließe auf und halte ihr die hölzerne Haustüre auf.

Sie bedankt sich und klackert mit ihren Stöcken an mir vorbei.

In meiner Wohnung lasse ich mich mitten im Chaos auf meinen roten Sessel fallen. Als ich meiner Mutter im Mai erklärt hatte, dass ich nach Stuttgart kommen würde, hat sie sich sofort gefreut und gedacht, ich würde wieder zurückziehen, in mein Elternhaus. Zu ihr. Das habe ich aber nicht fertiggebracht. Das wäre mir zu nah an allem dran gewesen.

Klar habe ich bei unseren Zusammenkünften an Weihnachten oder Muttis Geburtstag in meinem alten Zimmer geschlafen. Und ich habe es auch immer genossen, dass meine Eltern nach unseren Auszügen nichts umgeräumt haben. Mussten sie auch nicht, denn das Haus ist ja groß genug. Zudem fand das Leben bei uns sowieso meist in der geräumigen Küche statt, die direkt zum Garten führt. Außerdem gibt es in unsrem Haus noch ein Wohnzimmer, durch die Jahre reichlich abgenutzt, und ein Herrenzimmer, weil es bei dem damaligen Bauherrn, einem Fabrikanten, so Mode war.

Mein Vater kaufte das Haus von einer Witwe, der es mit den vielen Zimmern zu groß geworden war. Wir sind hier aufgewachsen, und ich liebe die alte Villa mit dem verwilderten Garten, mit der Schaukel am starken Ast unseres Nussbaums, mit den frechen Eichhörnchen, die bis fast in unsere Küche spazieren, mit den Brombeerhecken, die die Grenze zum Nachbargrundstück bilden. Aber darin mit meiner Mutter zu leben, gemeinsam, das erschien mir doch zu nah. Zu verfügbar. Zu sehr Mutter-Kind.

Ich sehe mich um. Eigentlich bräuchte ich jetzt den Elan, die Kisten aufzumachen und zumindest mal die Küche einzurichten. Aber ich sitze wie ein nasser Sack im Sessel und kann mich nicht rühren. Ich bin nicht müde, ich fühle mich nicht krank, nur einfach antriebslos.

Oje, denke ich. Über dir Fräulein Gassmann, darüber eine arbeitsame junge Frau, unter dir der Vermieter, der, wenn er so ist, wie er aussieht, auch nicht gerade ein Lichtblick ist. Alles, was ich nun auspacke, muss ich wieder einpacken, sollte ich es hier nicht aushalten. Also bleibe ich sitzen.

Aber irgendwann weicht dann doch die Starre von mir, und ich gehe ins Bad. Das Wetter ist zu schön. Ich werde mich jetzt genüsslich duschen, mir eines meiner lockeren Strandkleider anziehen, einen Stuhl nehmen, ein Buch und ein Glas Wein und mich hinaus zu dem armseligen Bäumchen setzen. Das wäre doch gelacht, schließlich zahle ich Miete – und das nicht zu knapp.

Der Plan bringt mich auf Touren. Doch unter der Dusche erstarren meine Lebensgeister – sie wird nicht warm. Warum das so ist, erschließt sich mir nicht. Die Rohre sind alt, okay, aber daran kann es nicht liegen. Was ist mit dem unförmigen Kasten, der platzheischend über der Badewanne hängt? Könnte der damit zu tun haben? Dunkel erinnere ich mich, dass wir in meiner Kindheit auch so ein Ding im Badezimmer hatten, einen »Durchlauferhitzer«, wie meine Mutter ihn stolz nannte. Der löste damals den Boiler ab, der nur für eine einzige Badewannenfüllung warmes Wasser liefern konnte. Wollte ich mir zusätzlich meine langen Haare waschen, musste ich die Zähne zusammenbeißen: Es kam nur noch kaltes Wasser.

An all das denke ich, während ich versuche, dem kalten Wasserstrahl der Dusche auszuweichen. Gestern Abend hatte ich doch noch warm geduscht? War das zu viel? Zu lang? Zu ausgiebig? Hat Petroschka die Warmwasserzufuhr in meine Wohnung gekillt?

Quatsch, spinn nicht, sage ich mir, kann er ja gar nicht. Trotzdem kommt mir das alles langsam ein bisschen psycho vor. Also drehe ich den Hahn wieder zu und suche in den Kisten nach meinem Bademantel. Als ich ihn in der dritten Kiste noch immer nicht finde, leere ich sie wutentbrannt auf meinem Bett aus. Klar, dass er nicht drin ist, dafür ein schwarzer, seidener Morgenmantel aus Korea mit goldenen Kung-Fu-Zeichen. Den hatte ich mir vor Jahren auf einer Reise gekauft und komischerweise bisher nie aussortiert.

Egal.

Es gibt zwar Wohnungsknappheit in Stuttgart, aber alles muss man sich ja nicht bieten lassen. Ich schlüpfe hinein und stürme barfüßig im Treppenhaus eine Etage hinab. Dann klingele ich bei Herrn Petroschka.

Ist er überhaupt schon da?

Ich höre ein leises Schlurfen, wahrscheinlich nähert er sich in Hauspantoffeln der Türe, denke ich und versteife. Ich höre, wie ein Riegel zurückgeschoben wird, eine Kette, der Schlüssel wird im Schloss gedreht, und dann steht er vor mir. In Unterhemd und dunkelgrauer Jogginghose.

»Frau Klinger«, sagt er erstaunt, »was führt Sie zu mir?«

Sex, liegt mir auf der Zunge, aber diesen Sarkasmus hätte er womöglich nicht verstanden. Also antworte ich wahrheitsgemäß: »Ich möchte Sie nicht stören, aber ich habe nur noch kaltes Wasser in der Dusche.«

Es hätte mich nicht gewundert, wenn er mich nun darüber aufgeklärt hätte, dass man um diese Uhrzeit eben nicht warm zu duschen hätte, aber er sieht mich nachdenklich an.

»Dann fehlt Wasser«, sagt er.

»Nein«, widerspreche ich, meinen Seidenmantel über der Brust zuhaltend, »es fehlt Wärme. Das Wasser kommt.«

»Es fehlt Wasser in der Therme«, insistiert er.

»Und was heißt das?«, will ich wissen.

»Das ist kein Problem«, sagt er, »das kann man leicht nachfüllen. Über einen Schlauch. Der liegt auch griffbereit auf Ihrer Therme.«

»Ich verstehe nur Bahnhof«, sage ich wahrheitsgemäß. »Was für ein Schlauch?«

»Vielleicht sollte ich Ihnen das … zeigen?« Er sieht mich aus seinem Babyface-Gesicht so treuherzig an, dass ich fast »nein« gesagt hätte. Aber im letzten Moment besinne ich mich.

»Ja, wenn Sie gerade Zeit haben?«

Minuten später bahnt er sich einen Weg durch das Chaos in meiner Wohnung, nickt mit einem kurzen Brummen in Richtung Klavier und geht mir dann ins Badezimmer voraus. Mit einem Blick auf das Monstrum über meiner Badewanne deutet er auf eine Anzeige. »Hat kein Druck mehr, der Zeiger ist fast bei null, sehen Sie? Da brennt normalerweise eine Flamme«, und er pocht entschieden auf ein Guckloch im blechernen Kasten. »Keine Flamme, kein Wasser, keine Wärme. So einfach ist das.«

»Aha. Und jetzt?«

Er deutet auf den Badewannenrand und gleich darauf auf den Kasten. »Steigen Sie da mal hoch. Dort oben müsste ein Schlauch liegen.«

Zwei Dinge schießen mir gleichzeitig durch den Kopf:

a) die meisten Unfälle passieren im Haushalt.

b) was, wenn er dich betatscht? Immerhin turne ich da vor seinen Augen im seidenen Morgenmantel herum. Also mit – fast – nichts.

Aber offensichtlich macht er sich keine Gedanken, also steige ich barfüßig auf den Badewannenrand und entdecke einen zusammengerollten Gummischlauch auf dem Kasten.

»Der hier?«, frage ich und reiche ihn herunter.

»Na also«, sagt mein Vermieter schwer atmend. »Und nun passen Sie auf. Hier den Duschschlauch abschrauben und dieses Teil ran, sehen Sie? Und dieses andere Teil muss hier an die Vorrichtung. Dann Wasser Marsch und den Hebel umlegen, damit das Wasser in den Vorlauferhitzer kann. Und im Betrieb natürlich den Hauptschalter auf ECO und den Temperaturregler für den Heizungsverlauf mindestens auf 1 drehen.«

Während ich neben ihm stehe, montiert er den Schlauch, legt einen roten Hebel um und dreht den Wasserhahn mit Schwung auf. Im gleichen Moment reißt sich der Schlauch oben aus der Verankerung und zischt wie eine wild gewordene Schlange Wasser speiend in der Luft herum. Bevor wir uns versehen, sind wir beide klatschnass und das restliche Bad auch. Endlich dreht er das Wasser ab.

»Oh!«, sagt er betroffen und sieht mit seinen wenigen, nun nassen Haaren und dem rot angelaufenen Gesicht bei aller Dramatik einfach nur komisch aus.

»Ja, oh«, sage ich und sehe an mir herunter. Der nasse Seidenmantel klebt wie ein Bodypaint an meiner Haut.

»Da hält die Klammer den Schlauch wohl nicht mehr so richtig«, stellt er fest und zieht den abgegangenen Schlauch prüfend zu sich her.

»Scheint so«, sage ich. Und dann muss ich lachen. Ich kann nichts dafür, es kommt einfach über mich. Und es hilft auch nichts, dass mich mein Vermieter betreten ansieht, es schüttelt mich. Schließlich sitze ich vor Lachen auf dem Badewannenrand, und er steht vor mir, noch immer das eine Ende des roten Gummischlauchs in der Hand.

»Entschuldigen Sie«, stammle ich, »es ist einfach zu komisch.«

»Komisch?«, er scheint die Welt nicht mehr zu verstehen. »Was meinen Sie jetzt? Mich oder den Schlauch?«

Beides, liegt mir auf der Zunge, und ich muss mich beherrschen, um nicht schon wieder loszuprusten. »Finden Sie das nicht komisch?«, will ich wissen.

»Eher ärgerlich«, sagt er. »Wir beide sind nass, das Badezimmer ist nass, und ich muss Handwerkszeug holen.«

»Ich«, ich schüttle den Kopf, »ich finde es urkomisch.«

Er antwortet nicht darauf, sondern geht schnurstracks zur Wohnungstür, sodass ich Mühe habe, ihm hinterherzukommen.

Doch in dem Moment, als wir beide in der Tür stehen, kommt vom oberen Stockwerk Frau Oberstudienrätin a. D. die Treppen herunter. Als sie uns sieht, bleibt sie stocksteif stehen.

»Guten Abend, Fräulein Gassmann«, sagt mein Vermieter in klatschnasser Jogginghose und triefendem Unterhemd förmlich und wartet höflich, bis sie an uns vorbeigegangen ist.

 

Später am Abend mache ich mir eine Flasche Rotwein auf, setze mich in meinen roten Sessel und starre eine Weile auf mein Klavier. Die schweren Möbel sind der einzige Fixpunkt in dieser Wohnung. Und nach einer Weile, als es langsam dunkel wird und ich die einzige Glühbirne nicht einschalten möchte, erscheint es mir, als wäre alles im Fluss, meine Wohnung wie ein Universum, in dem alles in Bewegung ist. Nichts gibt mir Halt, alles verschwimmt.

Du spinnst, sage ich mir. Alles ist gut, alles wird gut. Nach einer Weile gehe ich dorthin, wo ich mich schon seit meiner Kindheit geborgen gefühlt habe, an mein Klavier. Meine Mutter sagte früher immer, man höre an meinem Spiel, ob es mir gut oder schlecht ginge. Und es stimmt. Mein Klavier war schon immer mein Freund. Ich habe zwar viele Jahre klassischen Unterricht gehabt, Brahms, Beethoven, Schumann, manches besser, vieles schlechter, aber immerhin. Am liebsten habe ich allerdings improvisiert. Es war wie ein Geschenk, wenn sich alles ineinanderfügte und eine Melodie entstand, die mich mitnahm. Manchmal konnte ich sie mir merken. Meistens nicht. Dann entstand etwas Neues. Mein Klavier drückte für mich aus, was ich sagen wollte. Ganz ohne Worte.

Ich streiche mit dem Zeigefinger über die Tasten, ohne ihnen einen Ton zu entlocken. So, wie man einen alten Freund begrüßt, den man in sein Herz geschlossen hat. Warm, liebevoll.

Als ich nach meinem Studium nach Hamburg gezogen bin, zu meiner ersten Arbeitsstelle, durfte ich das Klavier mitnehmen. Jahrelang zeugte eine leichte Verfärbung der Tapete von dem Platz, wo es einst in meinem Elternhaus gestanden hatte. Bis mein Vater dann eines Tages den Maler kommen ließ, der die alte Blümchentapete herunterriss und durch eine Raufasertapete ersetzte. Das war eine der letzten Handlungen meines Vaters, bevor er starb. Mit fünfundsiebzig an einem Herzinfarkt, kaum, dass er seine Rente genießen konnte.

Der Tod. Schon gleiten meine Finger über die Tasten. Eric Clapton – Tears in Heaven. Eine der Balladen, bei denen ich dann auch gleich heule, zumal, wenn ich mir den Hintergrund des Liedes vorstelle, den Unfalltod seines vierjährigen Sohnes. Ich spiele ohne Licht in die Dunkelheit hinein. Und weil ich nun schon mal in der Stimmung bin, auch gleich Knockin’ on Heavens Door von Bob Dylan. Und dann I’ll be missing you, und schließlich gleiten meine Finger wie von selbst über die Tasten. Ich habe mich schon fast in Trance gespielt, da klingelt es an meiner Tür.

Jäh erwache ich und drehe mich auf meinem Hocker um. Wer könnte mich um diese Uhrzeit besuchen? Es weiß schließlich niemand, wo ich wohne. Außer Doris und Heiko.

Doris vielleicht?

Der Gedanke macht mich froh, und ich taste mich durch die Dunkelheit zur Tür.

Draußen steht Herr Petroschka.

»Wollen Sie sich für die Arbeit an meinem Wasserboiler auf ein Gläschen einladen lassen?«, frage ich ihn lächelnd, in die grelle Helligkeit des Ganges blinzelnd.

»Nein«, sagt er, »Fräulein Gassmann hat mich angerufen und auf die Uhrzeit hingewiesen. Wegen Lärmbelästigung, sagt sie.«

»Hmm«, sage ich. »Und was sagen Sie?«

»Man hört es schon recht gut«, sagt er und fügt dann langsam hinzu. »Aber an sich mag ich Klaviermusik. Besonders klassisch.«

»Laut heißt, dass die Stockwerke nicht gut gedämmt sind«, antworte ich, »in meinem Hamburger Appartement fühlte sich nie jemand gestört.«

»Es ist ein Altbau«, er zuckt die Achseln. »Ich habe das Haus geerbt, nicht gebaut.«

»Gut«, sage ich und seufze. »Ich habe nicht auf die Uhr gesehen. Dann … gute Nacht.«

Er nickt mir zu, und ich schließe schnell die Tür.

Hier werde ich nicht glücklich, befürchte ich. Dann gehe ich jetzt halt ins Bett. Morgen muss ich mich um meine Lampen kümmern. Und überhaupt. Mal ausräumen, aufräumen.

Oder gleich wieder ausziehen.

Um nicht direkt dem Trübsinn zu verfallen, suche ich mit dem Licht meines Smartphones mein Weinglas und nehme auch mein Tablet mit ins Schlafzimmer. Ich ziehe mich schnell um und kuschle mich ins Bett. Nachrichten wären jetzt nicht schlecht. Aber dazu bräuchte ich ein Netz, und WLAN habe ich noch nicht.

»Oh, Mama«, sage ich laut, »was tust du mir da an? Hättest du nicht einfach bis hundert fit und fröhlich bleiben können?«

21. August Donnerstag

Wenn einen nichts Schönes erwartet, fällt das Aufstehen schwer. Also liege ich im Bett und versuche, mir etwas Schönes vorzustellen.

Ich mache mir jetzt einen Kaffee, das ist doch schon mal schön. Außerdem habe ich gestern Brot, Butter und Honig gekauft, das ist doch auch was. Draußen scheint die Sonne, auch positiv. Und ich könnte doch die kleine Eisen-Garnitur, die ich in Hamburg auf meinem schmalen Balkon stehen hatte, einfach unter den Apfelbaum stellen, dagegen kann schließlich niemand was haben, und dort frühstücken. Danach fahre ich zu meiner Mutter, und dann sieht die Welt bestimmt schon ganz anders aus.

Ich merke, dass ich mich ganz gut selbst motivieren kann. Hoffentlich gelingt mir das bei meiner neuen Arbeitsstelle mit meinen neuen Mitarbeitern dann auch so gut. Daran mag ich eigentlich noch gar nicht denken, ich habe noch zehn Tage Zeit.

Ich dusche, hurra, warmes Wasser, schlüpfe in Jeans und T-Shirt und suche nach den beiden eisernen Klappstühlen und dem Klapptisch. Beide stehen im Wohnzimmer an die weiße Wand gelehnt, von übereinandergestapelten Umzugskartons verdeckt.

Aber meine Lebensgeister sind wieder da. Heute fange ich an. Das Wichtigste zuerst. Vor allem die Lampen. Und die Fernseher müssen angeschlossen werden. Und ich brauche WLAN. Auspacken hat dann Zeit.

Nach und nach trage ich den weißen Tisch und die beiden Stühle hinunter. So hell, wie sie sind, sehen sie unter dem Bäumchen sogar recht schön aus. Dann packe ich mein Frühstück auf ein Tablett, klemme mir mein Tablet unter den Arm, um mein Hamburger Abendblatt lesen zu können, und trage alles in den Garten. Das Gras fühlt sich unter meinen Füßen frisch und sogar noch feucht an, obwohl es bereits neun Uhr ist.

Fast bin ich mit der Welt wieder versöhnt. Das Haus sieht, mit wohlwollenden Augen betrachtet, beinahe romantisch aus. Der graue Putz hat schon bessere Zeiten gesehen, aber die kleinen Applikationen aus Sandstein und der große Erker im zweiten Stock verleihen ihm Charme. Während ich dorthin schaue, fällt mir die Bewegung hinter der spiegelnden Glasscheibe auf. Täusche ich mich, oder werde ich beobachtet?

Ich rechne schnell die Etagen hoch, zweiter Stock, es muss die Oberstudienrätin sein. Das Fräulein. Wie albern ist das denn, keine Frau nennt sich noch Fräulein. Schon seit fünfzig Jahren nicht mehr. Ich muss mal nachfragen, weshalb sie das tut.

Warum sie mich beobachtet, kann ich mir dagegen schon denken. Kein Mensch hat hier je im Garten gesessen, da bin ich mir sicher. So frei vor allen Nachbarn und auch noch vom Gehsteig aus einsehbar. Ob ein ausdrückliches Verbot in der Hausordnung steht? Keine Ahnung, ich habe sie noch nicht gelesen. Und außerdem ist es mir egal, was sie denkt.

Ich winke ihr grüßend zu und schmiere mir genüsslich ein Butterbrot mit Honig.

So kann der Tag beginnen.

 

Meine Mutter liegt noch im Bett, als ich komme. Gott sei Dank habe ich jetzt einen Schlüssel, ich glaube nicht, dass sie mir geöffnet hätte. Wahrscheinlich wäre sie zu schwach gewesen. Aber sie lächelt, als sie mich sieht.

»Mutti, geht es dir nicht gut?« Ich setze mich an ihr Bett und nehme ihre Hand. Sie ist kalt, und sie entzieht sie mir.

»Alles gut«, sagt sie.

»Magst du dich aufsetzen?«, frage ich, »dann mache ich dir erst mal einen Kaffee und ein Honigbrötchen, ist das okay?«

»Der Kaffee ist im Schränkchen.«

»Ja, ich weiß. Magst du dich aufsetzen?«

Sie schüttelt den Kopf und zeigt dann auf die Fernbedienung, die beim Fernseher liegt. Ich reiche sie ihr und beobachte, wie sie mühsam die richtigen Knöpfe sucht. Sicherlich gibt es auch altersgerechte Fernbedienungen, ich werde mich erkundigen.

»Was magst du denn sehen?«, frage ich und helfe ihr dann, die Tiersendung zu finden, die sie sehen will.

In der Küche denke ich nach. Bei der Fernbedienung wird es nicht bleiben. Sie braucht Pflege. Was soll werden, wenn sie nicht mehr selbstständig auf die Toilette kann? Und duschen, Haare waschen? Ich muss mich mit meinem Bruder beraten, ich kann das nicht alles allein entscheiden. Das Wasser kocht, und ich gieße langsam den Kaffee auf. Er duftet so gut, dass ich eine zweite Tasse für mich auf das Tablett stelle.

Das große Tablett haben Boris und ich mal verschönert, indem wir bunte Blumen und Schmetterlinge gemalt und ausgeschnitten haben, die unser Vater dann mit einer selbst klebenden, durchsichtigen Folie auf dem Holzboden fixiert hat. Das dürfte sechsunddreißig Jahre her sein, und es rührt mich, als ich meine leicht vergilbte Kinderschrift lese: Der lieben Mama zum Muttertag.

Nun dreht sich das um, denke ich, während ich das Tablett nach oben trage. Nun wird sie zum Kind, und ich werde zu der Person, die auf sie aufpasst. Wir frühstücken gemeinsam, und irgendwie tut das gut. Ihr offensichtlich auch, sie bekommt Farbe ins Gesicht und erzählt mir dann von der Katze, die sie immer füttert.

»Welche Katze denn, Mutti?«, frage ich, »wir hatten doch nie eine Katze?«

»Sie kommt, weil sie mich mag. Und sie bekommt auch immer was«, klärt sie mich auf. Eine streunende Katze, denke ich. Eine streunende Katze als Gefährtin. Wie einsam muss sie sich in den letzten Jahren gefühlt haben?

Später möchte sie aufstehen. »Ich helfe dir«, sage ich, aber das will sie nicht. Ich eigentlich auch nicht, denn ich fühle mich ihr gegenüber befangen und ich kann verstehen, dass sie zunächst abwehrend reagiert. Aber irgendwie müssen wir beide das hinkriegen.

»Wann hast du denn zuletzt geduscht?«, möchte ich wissen, bekomme aber keine Antwort. Ihre Haare, auf die sie immer so viel Wert gelegt hat, sehen jedenfalls strähnig aus. Das bringt mich auf eine Idee.

»Weißt du, was wir nachher machen?«, frage ich sie, fast euphorisch, »wir gehen zum Friseur.«

Sie greift sich ins Haar, dann nickt sie. »Aber zuerst muss ich mich anziehen«, erklärt sie mir, »in der Kommode ist frische Unterwäsche, und dann leg mir doch das blaue Kleid raus. Das, das ich zu eurer Konfirmation getragen habe, weißt du?«

Ich nicke. Während sie sich im Badezimmer mit dem Waschlappen wäscht, suche ich in der Kommode nach Wäsche. Es ist kaum etwas da. Ja, klar. Das Bettzeug muss auch gewaschen werden, wahrscheinlich türmt sich alles unten in der Waschküche. Ich glaube, ich bin im richtigen Moment gekommen, Doris sei Dank.

Eine neue Frisur gibt auch immer ein neues Lebensgefühl, das kenne ich von mir selbst. Aber ich möchte noch ein paar Tage warten, bis ich meinen dunklen Ansatz und auch die Strähnchen neu färben lasse. Seit ein paar Jahren gefällt mir aschblond ganz gut an mir, aber nicht jeder Friseur trifft den Ton. In Hamburg hatte ich endlich den richtigen gefunden, in Stuttgart werde ich wieder herumprobieren müssen.

Ich kenne das Friseurgeschäft noch von früher und finde es auch sofort. Mutti ist ganz aufgeregt, fast wie ein junges Mädchen. Als wir drin sind, staune ich, denn der Inhaber hat top renoviert, das muss man ihm lassen, und eine Menge junger Mitarbeiter angestellt. Zu meiner Mutter kommt der Chef allerdings höchstpersönlich.

»Gnädige Frau«, sagt er, »wie schön, dass Sie wieder bei uns sind.«

Mutti schenkt ihm einen koketten Blick und fühlt sich augenscheinlich wohl. Er reicht auch mir die Hand, ich schätze ihn auf Anfang siebzig.

»Geht es Ihnen gut?«, will er von Mutti wissen, sieht dabei aber mich an.

Wir tauschen einen kurzen Blick, während sich Mutti von ihm zu einem freien Platz geleiten lässt. »Und, was schwebt Ihnen vor?«, will er wissen, »wieder Dauerwellen, oder wollen wir mal einen glatten Look ausprobieren? Sie haben schönes, dichtes Haar, gewachsen ist es auch, wir könnten also einen neuen Schnitt wagen.«

Mutti sieht in den Spiegel, während er mit den Fingern durch ihr graues Haar fährt. »Außerdem hat es eine sehr schön melierte Farbe.«

Mutti nickt.

Ich nicke auch, denn ich verstehe, dass eine glatte Frisur pflegeleichter ist. »Vielleicht ein Glas Sekt?«, möchte er wissen.

Mutti nickt erneut, ich auch. Man muss jeden Tag feiern, denke ich, wer weiß, was morgen ist.

Es ist später Nachmittag, als ich wieder zurück in meine Wohnung komme. Es hat doch länger gedauert, als ich gedacht habe.

Der Friseurbesuch hatte Mutti gutgetan, sie war beschwingt und gut gelaunt. Und sie wollte sich in ihrem neuen Look noch unbedingt irgendwo zeigen, also sind wir durch Stuttgart gefahren und haben das Café gesucht, in dem sie früher immer mit Papa war. Ich konnte mich vage erinnern, aber in der Straße sah alles anders aus. Die alten Häuser hatten hoch aufgeschossenen Neubauten Platz gemacht, das Café war verschwunden. Mutti war sichtlich enttäuscht. Also bin ich kurz entschlossen zu Doris gefahren, und dieses gemütliche Ambiente und vor allem Doris’ herzliche Begrüßung hat sie wieder mit sich und der Welt versöhnt.

 

Es war alles nett und rund und in Ordnung, aber der Vormittag hat Kraft gekostet, das merke ich, als ich wieder in meiner Wohnung bin und darüber nachdenke, was ich heute eigentlich alles machen wollte. Licht, denke ich, und WLAN. Das wäre mal das Wichtigste. Und dem schlampigen Maler sagen, dass er gelbe Striemen in meine Wohnung gezaubert hat. Das mache ich als Erstes.

Ich krame aus einem Haufen Umzugsbelege und Unterlagen seine Rechnung hervor und rufe an.

»Aschinger …«

Laut Rechnung ist das der Chef, das hätte ich gar nicht erwartet. Er klingt auch wenig engagiert, vielleicht stand er nur zufällig neben dem Telefon. Oder er hat einen anderen Anruf erwartet. Meinen freundlichen Gruß erwidert er jedenfalls eher mürrisch.

Und nachdem ich ihn über die gelben Striemen an meiner weißen Wand aufgeklärt habe, wird er noch einsilbiger.

»Wann war das?«, will er wissen. »Wo? Bei wem?«, und dann: »Einen Augenblick.«

Ich höre, wie er einen Namen in den Raum ruft, dann scheint er die Muschel zuzuhalten, endlich höre ich ihn wieder.

»Das war unser Auszubildender. Bisher waren alle Kunden zufrieden.«

»Wäre ich auch, wenn ich gelbe Streifen bestellt hätte. Aber es ist ja kein Problem, er kann es ja überstreichen, noch steht ja nichts an der Wand.«

»Es ist aber doch ein Problem«, höre ich, »denn unser Terminkalender ist voll. Frühestens in drei Wochen, vorher wird das nichts.«

Ich denke, ich höre nicht recht. »Wie bitte? Aber es ist doch Ihr Fehler … da kann doch der junge Mann …«

»Er darf nicht mehr als acht Stunden am Tag arbeiten … und er ist für die nächsten drei Wochen ausgebucht.«

»Dann soll er halt nach Feierabend.«

»Das erlaubt das Gesetz nicht, er ist noch Auszubildender.«

»Soll ich dann etwa selbst streichen?«

»Gute Idee«, sagt er. »Selbst ist die Frau!«

»Ja, genau«, schnauze ich, »und die Frau bezahlt auch Ihre Rechnung selbst. In diesem Fall dann halt weniger!«, und damit drücke ich ihn weg. Wo ist die starke Schulter, an die ich mich jetzt anlehnen könnte? Wo ist jemand, der sagt: »Das kriegen wir schon hin!«

Ständig stehe ich allein da. Alles muss ich selbst regeln. Ich bin kurz davor, in Selbstmitleid zu zerfließen, da fallen mir die Lampen ein. Egal, wie, ich brauche heute Abend Licht.

Über mir schwebt eine einzelne Fassung an ihrer Leitung von der Decke. Da fehlt nur eine Glühbirne, denke ich, zumindest das ist keine Kunst. Und außerdem habe ich doch eine Stehlampe mitgebracht. Die muss schließlich irgendwo sein. Also Bestandsaufnahme, denke ich, während ich prüfend durch die Zimmer gehe. Und ärgere mich gleichzeitig über mich selbst: Ich hätte den Umzug mit Montage buchen sollen, jetzt wird alles nur noch komplizierter.

Wenigstens habe ich die beiden Kartons mit der Aufschrift »Lampen« entdeckt. Meine Designer-Hängeleuchte mit dem Kristallbehang, vor einigen Jahren für meinen extra langen Esstisch gekauft, entdecke ich als Erstes. Der Tisch steht vollgepackt an der einzigen freien Wand, daneben die ineinandergestapelten Stühle. Ich sehe mich um. Wo soll der Tisch hin? Der Raum hat zwei Fenster, vor dem einen steht das Klavier. Vor dem anderen das Sideboard. Dann also längsseitig davor? Das wäre eine Idee. Ich sehe zur hohen Decke, aber da gibt es keinen Anschluss.

Ich öffne die zweite Kiste und finde alle möglichen Lampen, die Stehlampe und die Küchenlampe, und tiefer vergraben LED-Leuchtmittel und auch noch alte Glühbirnen. Na bitte, es werde Licht. Der Erfolg treibt mich voran. Die Stehlampe trage ich ins Schlafzimmer neben das Bett, und die Küchenlampe lege ich schon mal auf den Küchentisch. Jetzt muss sie nur noch an die Decke. Eine Bohrmaschine habe ich, aber weder Zubehör noch eine Leiter. Also Baumarkt. Oder Herrn Petroschka nach einer Leiter fragen. Dazu verspüre ich allerdings keine Lust. Also doch Baumarkt. Und dann stellt sich noch die Frage, wie ich die Lampe allein montieren soll? Na, egal, denke ich, irgendwie wird es schon klappen.

Fast hätte ich das Klingeln meines Smartphones überhört.

Heiko.

Der kommt ja wie gerufen.

»Kann ich dich heute Abend zum Abendessen entführen?«, will er wissen.

»Kommt drauf an«, sage ich.

»Worauf?«

»Ob du handwerklich begabt bist …«

»Wie meinst du das?« Dann lacht er. »Ach so. Du hast keine Schlagbohrmaschine, keine Dübel, keine Schrauben.«

»Altbaudecke«, sage ich. »Ich glaube, da reicht eine ganz normale Bohrmaschine.«

»Und die hast du auch nicht?«

»Doch, die habe ich.«

»Aber allein montieren ist schwierig?«

»Du sagst es!«

»Und anschließend lädst du mich zum Italiener ein?«

»Du sagst es.«

Er lacht wieder. »Hört sich gut an. Altbau? Hohe Decken? Hast du eine entsprechende Leiter?«

»Habe ich in Hamburg nie gebraucht.«

»Aber jetzt brauchst du mich.«

Ich zögere kurz. Ich bin überhaupt nicht der Typ, der sich gern helfen lässt. Aber wenn ich mir die Baumarkt-Aktion sparen will, dann hat er recht. »Du sagst es.«

Zu zweit macht alles gleich mehr Spaß, erkenne ich, als Heiko eintrifft. Er hat in der zweiten Reihe geparkt, und während wir alles ins Haus tragen, muss ich schon über seine Scherze lachen.

»Wer wohnt denn noch in dem Schloss?«, will er wissen, »Rapunzel? Ganz oben?«

»Könnte schon sein«, sage ich, »ich habe sie bloß noch nicht zu Gesicht bekommen.« Stimmt, denke ich, Lisa fehlt noch im Gruselkabinett.

Während er sich in meiner Wohnung umsieht, parke ich seinen Wagen weg. Ein Range Rover. Das passt zu ihm, auch wenn ein SUV nicht mehr zeitgemäß ist. Außerdem ist er zu groß, und ich finde in der ganzen Umgebung keine Parklücke. Schließlich ist es mir egal, und ich stelle ihn in der Nähe ab, hinter einem weißen Parkstreifen – aber ohne dass er zur Behinderung wird, wie ich finde.

Als ich zurückkomme, steht Heiko in der Küche bereits auf der Leiter.

»Gut, dass du kommst«, sagt er und zeigt zur Lampe, »dann kannst du mir jetzt assistieren.«

Er ist wirklich geschickt, und nach drei Stunden sieht die Wohnung schon fast gemütlich aus. Der Esstisch steht, die Stühle darum herum ebenfalls, und darüber hängt meine komplizierte Lampe. Er hat die Leitung einfach passend verlängert.

»Ich dachte eigentlich, Informatiker sind eher Bürohengste mit zwei linken Daumen«, sage ich, als wir wohlwollend unser Werk betrachten.

Er lacht, und wie er mich so ansieht, spüre ich das altbekannte Kribbeln. Bin ich wieder sechzehn? Ich schüttle den Gedanken ab.

»Informatiker sind ja nicht mehr nur Bürohengste«, sagt er. »In der Zwischenzeit gibt es recht viele Stuten.«

»Tja«, sage ich, »Platzhirsche haben es schwer.«

»Wem sagst du das?«, meint er und klopft sich dann auf seinen Magen. »Wie war das mit der Einladung?«

»Und wohin?«, will ich wissen, »das Lieblingscafé meiner Mutter, das wir heute Nachmittag ansteuern wollten, gibt es nicht mehr. Ich stelle fest, dass ich mich nicht mehr auskenne.«

»Gut. Stimmt. Es hat sich einiges verändert … also eher feiner Italiener oder so was mit Pizza und Pasta?«

»Ich lade dich ein, also darfst du entscheiden …«

»Rund zehn Minuten von hier, in der Augustenstraße, hätte ich einen Vorschlag, falls du Pasta aus dem Parmesanlaib magst?«

»Da stehe ich drauf …«

»Gut«, sagt er. »Das Werkzeug lass ich mal da, vielleicht kommt ja noch was.«

Ich grinse, während wir hinausgehen und ich an seinem Wagen diskret den Strafzettel verschwinden lasse. Das erledige ich morgen, denke ich, das ist es mir wert.

22. August Freitag

Es ist der erste Tag, an dem ich mit einem einigermaßen guten Gefühl aufwache. Bevor ich mir einen Kaffee mache, gehe ich kurz ins Wohnzimmer, um unser Werk von gestern zu bewundern. Die Essecke sieht wirklich schon ganz gemütlich aus. Wenn man die vielen Kisten und auch das Bücherregal, das noch mitten im Raum steht, mal ausblendet, ist es fast schon wohnlich. Und vor allem jetzt, da die Sonne ihre Strahlen hereinschickt und alles freundlich wirkt. Ich mache mir einen Kaffee, dazu ein Honigbrot und setze mich an meinen Esstisch. Unwillkürlich streichle ich über das Holz. Wie viele Feste hat er schon erlebt, wie viele lange Abende, wie viele Gespräche, wie viele Rotweingläser, Diskussionen, Einigkeit und auch Streit. Und Sex. Der Gedanke daran zieht mich herunter, ich sehe gleich wieder den weißen Mini vor mir, Patricks Kollegin, die mehr als nur eine Kollegin war und mich mit ihren Spielchen verdrängt hat.

Eine Niederlage, es bohrt immer noch in mir.

Egal. Früher oder später wäre eine andere gekommen, wir waren vier Jahre zusammen, und das war in seinem Leben schon die längste mögliche Beziehung.

Hamburg.

Ich seufze, denn Hamburg war mir ans Herz gewachsen, die Stadt, die Mentalität, die Fischbuden, die Umgebung, das Meer in Reichweite. Eigentlich hatte ich nicht an eine Rückkehr gedacht.

Eigentlich hatte ich nicht gedacht, dass meine Mutter dement werden könnte.

Eigentlich bin ich total überrascht worden, ja, überrumpelt.

Ich nehme meine leere Tasse, um sie noch einmal zu füllen. Auf dem Weg in die Küche stelle ich sie auf dem Klavier ab und improvisiere eine Melodie, die mir selbst so ins Mark geht, dass ich wieder fast zu weinen beginne.

»Schluss!«, sage ich zu mir selbst und klappe den Klavierdeckel zu. »Es wird alles gut!«

Und als ich mit der vollen Tasse kurze Zeit später am Fenster stehe, glaube ich es sogar.

 

Meine Mutter weigert sich, vor meinen Augen in die Dusche zu steigen.

»Mutti, das ist allein zu gefährlich. Du kannst dich ja nirgends richtig festhalten.«

»Bisher konnte ich das auch allein, geh raus, dann mache ich das schon.«

Ich gehe mit ungutem Gefühl aus dem Badezimmer. Drinnen höre ich es rumoren, dann Wassergeräusche. Duscht sie wirklich, oder veranstaltet sie ein großes Täuschungsmanöver?

Ich rufe meinen Bruder an. »Boris, wir haben ein Problem«, sage ich. »Sie baut rapide ab. Wir müssen das Badezimmer umbauen, sie braucht Haltegriffe in der Dusche, und am besten müsste sie ebenerdig sein. Im Moment muss sie mit einem großen Schritt hineinsteigen, das ist gefährlich.«

Ich höre nur einen lang gezogenen Seufzer: »Auch das noch!«

»Was heißt denn auch das noch?«, brause ich auf.

»Ich habe im Moment weiß Gott andere Probleme!«

»Welches Problem könnte größer sein als deine Mutter?«