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Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Gemeinsam mit Dr. Daniel Norden verließ die Klinikchefin Jenny Behnisch das Krankenzimmer, in dem Nina Woldan nach einer Gehirntumor-Operation mit dem Tod rang. »So was hab' ich auch noch nicht erlebt«, erklärte sie ergriffen und fuhr sich über die müden Augen. »Seit ihre Mutter hier in der Klinik ist, wechseln sich Robin Woldan und seine Schwester Carina in ihrer Betreuung ab. Und das, obwohl wir genügend Personal zur Verfügung haben.« »Schön, dass es noch solche Menschen gibt. Wenn ich dran denke, wie viele Leute alleine in den Pflegeheimen vor sich hin vegetieren, ohne dass sich auch nur eine Menschenseele um sie schert … außer den Pflegern natürlich.« »Nimm zum Beispiel die Türkei. Dort ist es gang und gäbe, dass sich die Familie um kranke Angehörige kümmert, ihnen Essen in die Klinik bringt, die Medikamente kauft, die der behandelnde Arzt verschreibt. Unser Pflegesystem macht es den Menschen schon sehr leicht.« »Wie immer hat alles seine Vor- und Nachteile. Zumindest können hier die meisten Kranken ohne Familie trotzdem sichergehen, gut versorgt zu sein«, gab Daniel zu bedenken. Doch auch ihn hatte der junge Mann, den er eben kennengelernt hatte, sehr beeindruckt. »Wie lange machen die beiden das schon?« »Seit ein paar Wochen. Sie wechseln sich wochenweise ab.« »Und wie vereinbaren sie das mit ihrer Arbeit?« »Carina Woldan ist gut verheiratet und muss offenbar nicht arbeiten gehen.
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Seitenzahl: 126
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Gemeinsam mit Dr. Daniel Norden verließ die Klinikchefin Jenny Behnisch das Krankenzimmer, in dem Nina Woldan nach einer Gehirntumor-Operation mit dem Tod rang.
»So was hab’ ich auch noch nicht erlebt«, erklärte sie ergriffen und fuhr sich über die müden Augen. »Seit ihre Mutter hier in der Klinik ist, wechseln sich Robin Woldan und seine Schwester Carina in ihrer Betreuung ab. Und das, obwohl wir genügend Personal zur Verfügung haben.«
»Schön, dass es noch solche Menschen gibt. Wenn ich dran denke, wie viele Leute alleine in den Pflegeheimen vor sich hin vegetieren, ohne dass sich auch nur eine Menschenseele um sie schert … außer den Pflegern natürlich.«
»Nimm zum Beispiel die Türkei. Dort ist es gang und gäbe, dass sich die Familie um kranke Angehörige kümmert, ihnen Essen in die Klinik bringt, die Medikamente kauft, die der behandelnde Arzt verschreibt. Unser Pflegesystem macht es den Menschen schon sehr leicht.«
»Wie immer hat alles seine Vor- und Nachteile. Zumindest können hier die meisten Kranken ohne Familie trotzdem sichergehen, gut versorgt zu sein«, gab Daniel zu bedenken. Doch auch ihn hatte der junge Mann, den er eben kennengelernt hatte, sehr beeindruckt. »Wie lange machen die beiden das schon?«
»Seit ein paar Wochen. Sie wechseln sich wochenweise ab.«
»Und wie vereinbaren sie das mit ihrer Arbeit?«
»Carina Woldan ist gut verheiratet und muss offenbar nicht arbeiten gehen. Für sie ist es leichter als für ihren Bruder. Der fährt nachts Lkw, schläft ein paar Stunden und kommt dann in die Klinik.«
»Bewundernswert. Ich möchte nicht mit ihm tauschen«, erklärte Daniel ehrlich ergriffen, und Jenny lächelte.
»Musst du auch nicht. Ich denke, du tust auch so schon genug für die Menschheit. Ein Wunder, dass Fee das so anstandslos mitmacht.«
»Als Ärztin hat meine liebe Frau gewusst, auf was sie sich einlässt. Aber du hast recht, das ist nicht selbstverständlich, dass sie über all die Jahre so viel Verständnis für meinen Beruf aufbringt.« Daniel warf einen Blick auf die Uhr. Seine Mittagspause war beinahe vorbei. »Aber wenn ich mich jetzt nicht beeile, dann bekomme ich Ärger von ganz anderer Seite. Meine Patienten haben nicht immer so viel Einfühlungsvermögen wie meine Familie.«
»Wär’ ja auch zu viel verlangt, findest du nicht?« Jenny Behnisch warf ihrem Kollegen und Freund einen augenzwinkernden Blick zu, ehe sie sich verabschiedete. Auch auf sie warteten noch zahlreiche Aufgaben. Der Tag war lange noch nicht vorbei.
*
»Es wird schon dunkel draußen«, erklärte Robin Woldan Stunden später mit leiser Stimme. Seine Mutter Nina antwortete mit einem kaum merklichen Nicken. Sie hielt die Augen geschlossen und atmete flach. Müde fuhr sich Robin übers Gesicht. Er wusste gar nicht mehr, wie viele Stunden er schon am Krankenbett verbracht hatte. Er hatte seiner Mutter zu trinken gegeben, sie gefüttert, als die Schwester das Essen gebracht hatte. Und er war ihr mehrmals bei ihrem Gang ins Bad behilflich gewesen, hatte ihr den Schweiß von der Stirn gewischt und ihr wieder zu trinken gegeben. Tagein, tagaus ging das so, fünf Tage die Woche. Nur am Wochenende gönnten sich die Geschwister eine Pause, überließen den Schwestern die Pflege der Schwerkranken. An diesen Wochenenden fühlte sich Robin aber nicht so ausgebrannt und müde, wie er eigentlich hätte sein müssen. Ganz im Gegenteil lechzte er ausgerechnet zu dieser Zeit nach Leben, sehnte sich trotz seiner Sorgen nach Unbeschwertheit und Leichtigkeit und stürzte sich voller Übermut in seine Tage. Er war jung, und auch wenn seine Mutter schwer krank war, wollte er das Leben in jedem Augenblick genießen. Es konnte so schnell vorbei sein. Diese Erfahrung hatte er schon öfter machen müssen.
Während er seinen Gedanken nachhing, verriet Ninas leiser, ruhiger Atem, dass sie endlich eingeschlafen war. Die einsetzende Dämmerung schluckte langsam das Licht im Zimmer, und Robin erhob sich seufzend. Es war Freitagabend, ein erholsames Wochenende lag vor ihm, das er wieder bis zur letzten Sekunde mit Leben füllen wollte. Der viele Kaffee, den er den ganzen Nachmittag lang getrunken hatte, tat seine Wirkung. Er fühlte sich hellwach, als er die Klinik verließ, um zuerst einmal einkaufen zu gehen. Dann wollte er weitersehen. Für ihn, der es gewohnt war, nachts zu arbeiten, war der Tag noch jung. Nach dem schleichenden Tod in der Klinik erwartete ihn das Leben in dieser Nacht!
*
Erleichtert begrüßte dagegen Natascha Brand den kommenden Abend. Der Tag im Tierladen war wie immer anstrengend gewesen, und heimlich linste sie wieder und wieder auf die Uhr, wann endlich Feierabend sein würde.
»Können Sie mir helfen?« Die Kundin, die schon länger ziellos im Geschäft herumgewandert war, schien sich endlich entschieden zu haben. »Unsere Tochter soll ein Tier bekommen. Aber mein Mann und ich sind uns einfach nicht einig, welches das richtige ist.«
»An was hatten Sie denn gedacht?« erkundigte sich Natascha freundlich und unterdrückte ein Seufzen. Das klang nach längerer Beratung. So schnell würde es wohl nichts mit ihrem wohlverdienten Feierabend werden.
»Mein Mann wollte einen Hamster anschaffen, je kleiner, je lieber. Aber Jenny wünscht sich einen Hasen. Und mir wären Vögel am liebsten. Wissen Sie, damals zu Hause hatten wir immer Wellensittiche. Die waren einfach zu drollig«, geriet die Kundin ins Schwärmen.
»Wie alt ist Ihre Tochter denn?«
»Sieben.«
»Dann rate ich entschieden von einem Hamster ab. Diese Tiere sind nachtaktiv. Tagsüber wollen sie ihre Ruhe haben. Das ist kaum die geeignete Unterhaltung für ein Kind.«
»Hab’ ich’s doch gewusst.« Auf dem Gesicht der Frau erschien ein triumphierendes Lächeln. Natascha konnte erraten, was sie ihrem Mann als Erstes berichten würde, wenn sie von ihrem Ausflug zurückkehrte. Ein weiterer Kunde betrat den Laden, den Natascha mit einem kurzen Nicken begrüßte, ehe sie ihre Aufmerksamkeit wieder der Frau zuwandte. »Wellensittiche sind allerdings auch nichts für ein kleines Kind. Man braucht schon viel Geduld, um die kleinen Clowns handzahm zu machen. Ich würde Ihnen zu Meerschweinchen raten. Die sind nicht so wild wie Hasen, brauchen nicht so viel Auslauf und lassen sich gerne streicheln. Zum Einstieg die idealen Haustiere.« Robin, der im Laden herumstriff und nach Katzenfutter suchte, lauschte dem Beratungsgespräch amüsiert.
»Meerschweinchen? Ich weiß nicht.« Angewidert verzog die Kundin das Gesicht. »Die erinnern mich immer ein bisschen an Ratten. Aber gut, zu einem könnte ich mich vielleicht überwinden.«
»Und wer soll den Käfig sauber machen, wenn Sie sich vor dem Tierchen ekeln?«
»Das muss Jenny tun. Sie will ja schließlich ein Tier«, kam die prompte Antwort. Natascha wurde immer unwilliger. Die Familie schien sich keine Gedanken über die Verantwortung gemacht zu haben, die die Haltung eines Haustiers mit sich brachte.
»Ich finde, Sie sollten die Sache noch einmal in Ruhe zu Hause besprechen. Vielleicht ist eine Jahreskarte für den Zoo das bessere Geschenk. Außerdem verkaufe ich Tiere, die von Natur aus in Familienverbänden leben, nur als Paar.«
Die Frau warf ihr einen empörten Blick zu.
»Das kann ja wohl noch ich selbst entscheiden.«
»Bei mir nicht«, antwortete Natascha entschieden. Wenn es um das Wohl ihrer Tiere ging, kannte sie kein Pardon. Die Kundin schnappte wütend nach Luft auf der Suche nach einem bösen Kommentar, als eine dunkle, sympathische Männerstimme durch den Raum tönte.
»Sie können also guten Gewissens entscheiden, ein Lebewesen zu lebenslanger Einzelhaft zu verdammen? Würden Sie etwa gerne alleine in einem Käfig leben?« fragte Robin frech. Zornesrot wandte sich die Kundin zu ihm um.
»Was geht Sie das an? Und überhaupt, ich glaube nicht, dass ich mich mit einem Meerschweinchen vergleichen lassen muss.« Ihre wütenden Blicke funkelten von einem zum anderen.
Angesichts der Überzeugung, die ihr entgegenschlug, trat sie den Rückzug an. »Machen Sie nur weiter so. Dann werden Sie bald darum betteln, überhaupt ein Tier verkaufen zu dürfen«, bellte sie in Nataschas Richtung und riss die Tür auf.
»So weit wird es nie kommen, keine Sorge.« Natascha lachte, als das kleine Glöckchen am Türrahmen empört klingelte und die Frau davonrauschte.
»Na, der haben Sie’s aber gegeben.« Anerkennend ruhte Robins Blick auf Natascha. Seine dunklen Augen sprühten Funken vor Vergnügen.
»Ohne Sie wäre ich diesen Drachen nicht so schnell losgeworden. Manche Kunden sind ganz schön hartnäckig, wenn es darum geht, den eigenen Willen durchzusetzen. Glücklicherweise habe ich meine Grundsätze, von denen ich nicht abrücke.«
»Und die Ihnen bestimmt viele zufriedene Kunden eingebracht haben.«
»Zumindest wissen sie, dass sie sich auf mich verlassen können. Aber was kann ich für Sie tun? Sie sind bestimmt nicht hergekommen, um mit mir zu plaudern.« Obwohl sich Natascha mit dem neuen Kunden sehr wohl fühlte, hatte sie die Zeit nicht vergessen. Bevor sie nach Hause gehen konnte, musste sie noch die Tiere versorgen und die Tagesabrechnung erstellen. Genug zu tun, bevor sie endlich ihren wohlverdienten Feierabend genießen konnte. »Wollen Sie mir auch ein Tier abkaufen?«
»Gott bewahre, ich habe schon eine gefräßige Katze zu Hause. Und das richtige Diätfutter hab’ ich auch schon gefunden.« Grinsend stellte Robin eine Tüte auf die Theke. »Ist dass das Richtige?« Natascha warf einen kurzen Blick auf die Packung.
»Sie haben einen guten Riecher. Das ist das Beste, was ich zu bieten habe.«
»Danke für das Kompliment. Darf ich Sie dafür heute Abend auf einen Drink einladen? Zur Feier des Tages sozusagen?«
»Was haben Sie denn zu feiern?« Misstrauisch geworden, zog sich Natascha sofort in sich zurück.
»Das Leben im Allgemeinen und Besonderen. Finden Sie nicht, dass man öfter mal darauf anstoßen sollte?« fragte er unbekümmert nach und lachte offen. Natascha musste feststellen, dass er wirklich keinen furchteinflößenden oder gar gefährlichen Eindruck machte. Trotzdem hatte sie keine Lust, mit einem wildfremden Mann auszugehen. Weder an diesem noch an irgendeinem anderen Tag. Da traf sie sich lieber mit ihren Freunden Babette und Jonas, die sie, seitdem sie das Geschäft übernommen hatte, über Gebühr vernachlässigte.
»Das mag schon sein. Aber ich habe heute Abend noch genug zu tun und bin dann froh, endlich meine Ruhe zu haben. Nichts für ungut.« Sie zuckte mit den Schultern. Als sie seinen betretenen Gesichtsausdruck bemerkte, tat er ihr fast leid. »Nicht böse sein.«
»Machen Sie sich mal keine Sorgen um mich.« Nur kurz war das Bedauern über diese Abfuhr in Robins dunklen Augen aufgeflackert. Jetzt lachte er schon wieder. »Dann also schönen Abend. Und vielen Dank für die nette Unterhaltung.« Er packte seine Tüte Katzenfutter, winkte mit der freien Hand und war auch schon zur Tür hinaus. Das kleine Glöckchen klingelte ihm einen Gruß nach, der ungehört in der kühlen Frühlingsnacht verhallte. Natascha starrte Robin durch die Schaufensterscheibe nach, bis er von der Dunkelheit verschluckt wurde. Das Strahlen, mit dem er ihren kleinen Laden erhellt hatte, hatte er mitgenommen. Einen kurzen Moment lang fühlte sie sich eigentümlich verlassen. Doch dann schüttelte sie sich, zwang sich, an ihre gemütliche Wohnung zu denken, an ein schönes Glas Rotwein und das Buch, das schon so lange auf sie wartete. Natascha schloss das Geschäft ab. Es wurde Zeit, den Arbeitstag zu beenden.
*
Mit brennenden Augen saß Jonas vor dem Computer. Die Zahlen und Tabellen verschwammen vor seinem Blick, sodass er nichts mehr sehen konnte. Es hatte keinen Sinn mehr. Seufzend beendete er das Programm, schaltete den Computer ab und stand auf. Seine vom langen Sitzen steifen Glieder knackten, als er sich streckte. Vorsichtig öffnete er die Schlafzimmertür. Gedämpftes Licht empfing ihn. Seine Freundin lag im Bett und rührte sich nicht.
»Babette, schläfst du schon?« Jonas bekam keine Antwort. So schlich er an ihre Seite, um das Licht zu löschen. Dabei fiel sein Blick auf ihr Gesicht. Sie hatte die Augen geöffnet und starrte blicklos ins Leere. »Babsi, was ist denn? Gehts dir wieder nicht gut?« Sanft strich er ihr über die Wange und stellte erleichtert fest, dass sie warm war. In diesem abwesenden Zustand sah sie so sehr wie eine Tote aus, dass Jonas oft halb und halb erwartete, sie kalt und leblos vorzufinden. Aber auch wenn sie lebendig war, konnte seine Berührung sie nicht erreichen. Und manchmal sagten ihm ihre dunklen, tiefen Augen, dass sie dem Tod näher war als dem Leben. In diesen Momenten zitterte er vor Angst. Jonas sah sich um und erblickte die Medikamentenschachtel auf dem Nachtkästchen. Er nahm die Plastikhülle, auf der in schwarzen Buchstaben über den Vertiefungen die Tageszeiten Morgens, Mittags und Abends aufgedruckt waren. Wie erwartet, klapperten die Pillen leise darin. Babette hatte also wieder einmal vergessen, ihre Tabletten einzunehmen. Und das einen ganzen Tag lang! Jonas stand auf, ging ins Bad und holte in einem Zahnputzglas etwas Wasser. Mit Mühe öffnete er den Mund seiner Freundin, überlegte kurz und schob ihr dann zwei Pillen auf einmal auf die Zunge. Das Wasser rann ihr zu beiden Seiten am Kinn hinab, als er es ihr einflößte, um die Tabletten hinunterzuspülen. Hustend und würgend schluckte Babette, ohne in die wirkliche Welt zurückzukehren. Als Jonas sicher sein konnte, dass die Medikamente ihr Ziel erreicht hatten, stand er auf. Er betrachtete Babette noch einen Augenblick von oben herab. Doch ihr Anblick war zu schwer zu ertragen. Und er wusste, jetzt konnte er nichts mehr für sie tun, als abzuwarten, dass die Tabletten ihre Wirkung tun würden. Deprimiert verließ er das Zimmer. Da er sich noch nicht müde genug fühlte, um ins Bett zu gehen, holte er sich ein Bier. An den Kühlschrank gelehnt trank er die Flasche halb aus, als sich die Schlafzimmertür leise öffnete und Babette erschien. Sie machte einen erbarmungswürdigen Eindruck. Das kniekurze Nachthemd schlotterte um ihren mageren Oberkörper, die dünnen Beine stakten wie Bleistifte darunter hervor. Ihre Füße waren nackt, und um ihren Mund spielte ein hilfloses Lächeln, das sie aussehen ließ wie ein kleines Kind.
»Joni, du bist noch wach?« fragte sie möglichst unschuldig. An seiner strengen Miene erkannte sie sofort, dass er böse mit ihr war, und senkte schuldbewusst den Blick. »Tut mir leid. Sei nicht sauer, ja?« Jonas betrachtete sie lange schweigend und nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche. Eine namenlose Trauer erfüllte ihn.
»Ich bin nicht sauer, verstanden. Nur sehr, sehr besorgt. Warum hast du deine Tabletten nicht genommen?«
»Vergessen«, kam die schlichte Antwort.
»Das gibts doch nicht. Wie kannst du so was Wichtiges einfach vergessen?«
»Weiß nicht.«
»Vergessen! Weiß nicht! Ist das alles, was du zu sagen hast?« Da er wusste, dass er vergeblich auf eine Antwort wartete, redete Jonas weiter. »Hast du wenigstens was gegessen heute?« Aber Babette hielt die Augen gesenkt und zuckte nur mit den Schultern. »Also nicht. Dann komm jetzt her und setz dich. Was sollen deine Eltern von mir denken, wenn sie dich so zu Gesicht bekommen? Dass ich mich nicht um dich kümmere und dich verhungern lasse?«
»Das hat doch nichts mit dir zu tun. Wie oft soll ich dir das noch sagen?« wehrte sich Babette schwach und ließ sich von Jonas an den Tisch zerren und auf einen Stuhl drücken.
»Egal, womit es zu tun hat. Tatsache ist, dass du mir hier langsam aber sicher verhungerst. Und geistig abdrehst. Was soll ich nur mit dir machen, Babsi? So gehts doch nicht weiter.«
»Red’ nicht mit mir wie mit einer Schwachsinnigen«, fuhr Babette zornig auf. »Was soll ich denn noch alles machen? Immerhin geh’ ich schon zu dieser blödsinnigen Psychotherapie, weil du das willst.«
»Solange du nicht einsiehst, dass du Hilfe brauchst, ist das für die Katz.«
