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1992 Im Schullandheim der Klasse 7b aus Stuttgart kommt es zu einem tragischen Zwischenfall. War es ein Unfall, oder steckt doch mehr dahinter? 30 Jahre später. Im Wald von Heumaden, unterhalb einer Schule, wird das Skelett eines Jungen gefunden. Nicht nur der Fundort weist Rätsel auf. Die Kommissare Jonas und Bauer beginnen zu ermitteln. Verdächtige gibt es schnell. Auch an Motiven mangelt es nicht. Doch bald stellt sich heraus, dass jeder auf eine eigene Art und Weise mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Dann geschieht ein zweiter Mord.
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Seitenzahl: 448
Veröffentlichungsjahr: 2023
HendrikScheunert
UnterEichen
EinSpätzlekrimi
Hendrik Scheunert
UnterEichen
Ein Spätzlekrimi
Impressum
Texte: © 2023 Copyright by Hendrik Scheunert Umschlag: © 2023 Copyright by Hendrik Scheunert
Druck: epubli – ein Service der Neopubli GmbH,
Berlin
Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Die Namen der handelnden Personen wurden jedoch ge- ändert. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind somit rein zufällig.
Stuttgart im Februar 1992
Die Schulklasse 7b der Realschule aus dem oberhalb von Stuttgart gelegenen Stadtteil Heumaden stand mit ihrem Lehrer Waldemar Buchmann vor dem geräumigen Reisebus in der Gustav-Barth-Straße. Ungeduldig darauf wartend, dass sich die Türen endlich öffneten. Doch der Busfahrer kümmerte sich nicht um die auf Einlass drängenden Schüler. Ein paar Eltern gaben ihren Schützlingen letzte Anweisungen bezüglich des Verhaltens und der Kleidung, ermunterten sie, sich zu benehmen und wünschten viel Spaß.
Der Lehrer sowie seine Begleitung, die hauptsächlich bei den Jungen beliebte Frau Wölfle, sahen auf die Uhr.
»8:30 Uhr. Hast du durchgezählt Christine?«, fragte er.
»Yep, sind alle vollzählig.« Sie reckte nochmals ihren Kopf und schaute über die erwartungsvoll warteten Schüler.
Gemächlich, ähnlich einem General, der an seinen Truppen vorbeischritt, begab sich Waldemar Buchmann an die Vordertür des Busses und klopfte.
Der Fahrer hob seinen Kopf, setzte die Thermoskanne mit Kaffee ab und öffnete die Tür. Dem Lehrer blieben bescheidene fünf Sekunden, um zur Seite zu springen. In der Folge stürmte die Klasse wie eine Horde entfesselter Stiere in den Bus, jeder darauf bedacht einen der begehrten Sitzplätze im hinteren Bereich zu ergattern. Er seufzte lediglich. Zum Glück war das vermutlich seine letzte Klassenfahrt. Nächstes, spätestens übernächstes Jahr um diese Zeit würde er seinen verdienten Ruhestand genießen und es sich gutgehen lassen.
Nachdem alle Schüler, der eine mehr, der andere weniger zufrieden einen Platz gefunden hatten, ging Christine Wölfle durch den Bus und zählte nach.
»Fehlt jemand?«, fragte sie.
»Das wird Ihnen derjenige, der nicht da ist, kaum sagen«, feixte Philip Baumgartner und hatte augenblicklich
die Lacher auf seiner Seite. Selbst dem sonst gestrengen Waldemar Buchmann huschte ein verschmitztes Lächeln über das Gesicht.
»Da hat er nicht ganz unrecht.«
»Wie dem auch sei«, ließ sie sich nicht aus der Ruhe bringen. »Dann können wir ja starten.«
Dies wurde allseits mit frenetischem Beifall begrüßt.
Raggal am frühen Nachmittag
Nach gut vier Stunden Fahrt und einer längeren Pause an der Grenze zu Österreich hielt der Bus vor dem Schullandheim und spuckte die Meute auf dem Parkplatz aus.
»Puh, mehr als zwei Sterne erreicht der Bunker bei mir nicht«, konstatierte Tillman Trefz. »Ich bin ein bisschen enttäuscht.«
Auch die Begeisterung der anderen Schüler hielt sich in engen Grenzen.
»Ich weiß ja nicht, was die Damen und Herren erwartet haben«, echauffierte sich Waldemar Buchmann, »aber mehr hat das Budget nicht hergegeben. Beschwerden bitte nicht an mich, sondern an eure Eltern. Die haben das auf dem letzten Elternabend beschlossen.«
Es folgte ein kurzes Aufbäumen, doch letztlich fügten sich die Schüler ihrem Schicksal und begaben sich nach innen, denn draußen fing es an zu schneien.
»Wenigstens mit dem Wetter haben wir Glück«, sagte Christine Wölfle mit Blick auf den stetig stärker werdenden Schneefall.
»Kümmern wir uns erstmal darum, dass die Rasselbande in ihre Zimmer kommt, und dann trinken wir einen Kaffee. Einverstanden?«
»Da höre ich mich nicht nein sagen«, lachte sie. »Ein Wiener Melange tut mir mit Sicherheit gut.«
Es dauerte eine Weile, alle Schüler und Schülerinnen zu verteilen und den Befindlichkeiten der Jugendlichen Rechnung zu tragen. Die Bitte der Jungen, doch gemischte
Räumlichkeiten zuzulassen, wurde zum Leidwesen der Burschen abgelehnt.
Mitten in besagtem Trubel, von den anderen unbemerkt, schaute ihn Tanja mit ihren bezaubernden Rehaugen an, sodass er nicht wusste, wie ihm geschah. Nein, er bildete sich das mit Sicherheit nicht ein. Sie lächelte und kam auf ihn zu.
»Fahren wir beide morgen gemeinsam die Abfahrt runter?«, fragte sie ihn wie selbstverständlich.
Eigentlich konnte er nicht richtig Skifahren, doch das Angebot abzulehnen war für ihn keine Option.
»Ich freu mich«, stotterte er, perplex das alles nunmehr so schnell ging. Sicher, sie hatten auf dem Schulhof öfters miteinander geredet und gemerkt, dass sie viele Gemeinsamkeiten hatten. Nach der Schule hatte er sich mit ihr schon ein paar Mal getroffen. Doch nie rechnete er damit, dass sie mehr von ihm wollte. Augenscheinlich ein Irrtum. Wie zufällig berührte sie seine Hand.
»Und ich mich erst«, lächelte sie und schlenderte entspannt zu ihren Freundinnen.
Tanja Hofmann war seit längerem seine Favoritin. Sie spielte Handball und er hatte einige Spiele von ihr gesehen. Die sportliche Figur, ihre dunkelbraunen Rehaugen und die rotblonden Haare taten ein Übriges, sodass die anderen Mädchen der Schule für ihn zu Statistinnen degradiert worden waren. Zwar gab es ein paar Kandidatinnen, die scharf auf ihn waren, doch er hatte sie auserkoren. Und sie
ihn.
»Was wollte Tanja von dir?«, fragte Simon. Er war sein bester Kumpel, mit dem er fast alle Geheimnisse teilte, in Bezug auf Tanja hüllte er sich bei ihm jedoch in Schweigen. Auch weil er wusste, dass jener nichts für sich behalten konnte.
»Die hat mich nur gefragt, was es heute Abend zum Essen gibt«, log er.
»Schnitzel mit Pommes«, gab Simon wie aus der Pistole geschossen zurück.
»Na dann ist das auch geklärt«, stellte er trocken fest. »Sind wir zusammen auf einem Zimmer?«
Er war auf Tanja fixiert gewesen, sodass er seinen Namen bei der Aufteilung nicht gehört hatte.
»Klar, mit Markus und Tillmann. Das wird mit Sicherheit nicht langweilig.«
Er seufzte nur. In Gedanken war er längst beim nächsten Tag. Einerseits kribbelte es wohlig in der Magengegend und er fieberte dem morgigen Ereignis ungeduldig entgegen - andererseits, dass mit dem Skifahren bedurfte der Klärung. Seine Mutter hatte ja dem Klassenlehrer Herrn Buchmann mitgeteilt, dass es mit seinen Skikünsten nicht weit hergeholt war. Und er wusste von Tanja, dass sie mit ihren Eltern öfters im Skiurlaub war. Kein Wunder. Im Gegensatz zu ihnen konnten sie sich das locker leisten, war der Vater doch Bezirksbeirat und Chef der ortsansässigen Bank.
Später am Abend erklärte ihnen Herr Buchmann zusammen mit Frau Wölfle den Ablauf des einwöchigen Schullandheimes. Strafen bei Verstößen gegen die Regeln wurden eingehend erörtert, stießen bei den meisten aber auf wenig Gegenliebe. Die Blicke der Jungen hafteten an Frau Wölfle, die mit ihren figurbetonten blauen Jeans selbst den nüchtern neben ihr stehenden Waldemar Buchmann ein paar Mal aus dem Konzept brachte. Und das, obwohl gemunkelt wurde, dass er es mit dem weiblichen Geschlecht nicht so hatte. Aber wie gesagt, das waren Gerüchte. Nichts Genaues wusste man nicht.
Ihn interessierte das alles nur am Rande. Er schätzte den resoluten, trotz alledem sympathischen Lehrer. Buchmann galt als harter Hund, war dabei jedoch stets fair im Umgang mit den Schülern, sodass er bei den pubertierenden Jugendlichen, deren Klassenlehrer er war, höchsten Respekt genoss.
Tanja suchte während des Abendessens und der anschließenden Besprechung immerfort Blickkontakt zu ihm. Trafen sich ihre Blicke, lächelte sie ihn an. Daraufhin lächelte er ebenfalls. Simon saß zum Leidwesen neben ihm, sodass er aufpassen musste. Gab es bis dato Zweifel, dass sie genauso für ihn empfand wie er für sie, so waren diese mit dem heutigen Abend ausgeräumt.
Simon lag im Doppelstockbett neben ihm. Darunter Tillmann und Philip Baumgartner.
Während die beiden sich unten angeregt über die wohlgeformte Figur von Christine Wölfle unterhielten und wer welche Chancen bei ihr hatte, las Simon, wie er ein Buch. Doch seine Gedanken kreisten um den morgigen Tag. Es wollte ihm schlichtweg keine Lösung für dieses Dilemma einfallen.
»Du, ich hab ne Frage«, fing sein Bettnachbar plötzlich an, »wie läuft das morgen konkret, wenn wir zum Faschinajoch hochfahren? Meine Eltern haben dem Buchmann erzählt, dass ich beim Skifahren erfahren bin. Ich hab aber ehrlich gesagt keinen Bock den ganzen Tag da runterzufahren. Ich tät mich lieber in die Hütte setzen und den anderen zuschauen.«
Er legte sein Buch beiseite und wandte sich Simon zu.
»Wenn du nicht fahren willst, können wir ja tauschen. Du gibst mir deinen Skipass für die Piste und du kriegst meinen. Ich wurde ja zum Anfänger degradiert, weil sie Angst haben.«
Simon dachte nach. Das kam ihm gelegen. Bei den Anfängern hatte er seine Ruhe. Von den Schülern die Erfahrung hatten, erwartete man, dass sie den Skipass, der die Eltern schlappe 250 Schilling gekostet hatte, auch entsprechend nutzten.
»Keine schlechte Idee. Und wie erklären wir das dem Buchmann?«, fragte er etwas zögerlich.
»Da fällt mir bestimmt was ein. Morgen ist an der Station so ein Trubel, dass das keinem auffällt.«
»Prima. Dann kannst du dir mit Tanja einen schönen Tag machen«, flüsterte er. »Aber anständig bleiben.«
Er erschrak.
»Wie meinst du das denn?«, hakte er betont gelassen nach.
»Ich hab euch beide vorhin beobachtet. Das war ja nun nicht zu übersehen, wie die dich anhimmelt. Und dass du scharf auf die bist, da braucht man kein Wahrsager sein. Der Simon ist nicht so langsam, wie er aussieht. Mach dir keine Sorgen, von mir erfährt niemand was. Ich weiß aber, dass der Becker auch ein Auge auf sie geworfen hat. Doch der ist ja nicht mit dir vergleichbar.«
Simon knuffte ihm in die Seite und lachte.
Er dachte nach. Ihm war ebenfalls aufgefallen, dass Johann Becker immer öfter den Kontakt von Tanja suchte. Sie aber wies seine Annäherungsversuche stets zurück. Wenn er in der Nähe war, kam sie immer wieder zu ihm, was Johann mit einem giftigen Blick in seine Richtung quittierte. Doch das prallte an ihm ab. Er hatte genug Selbstbewusstsein, um zu wissen, dass er sich nicht verstecken musste. Seine Eltern hatten ihm gute Gene mit auf den Weg gegeben.
Er griff erneut nach seinem Buch. Ein paar Seiten noch, dann wollte er schlafen. Tillmann und Markus bekamen von ihrem Gespräch nichts mit. Zu intensiv waren sie mit der Figur der Lehrerin und dem morgigen Tag beschäftigt.
»Der Johann ist ein rabiater Kerl. Der kann dich nicht leiden«, fuhr Simon ungefragt fort. »Pass auf Tanja auf.«
Er klang besorgt.
»Wieso zerbrichst du dir eigentlich meine Birne?«, fragte er ihn und drehte sich in seine Richtung.
»Weil ich dein Kumpel bin und nicht will, dass du Schwierigkeiten bekommst.«
»Schwierigkeiten?«
»Der Johann ist dicke mit dem Timo und dem Richter. Die drei, da hast du keine Chance.«
Timo Keller und Fabian Richter waren in der Schule bekannt. Vor allem Timo galt als unangenehmer Typ, dem man besser aus dem Weg ging.
Timos Vater hatte seine Mutter verlassen und kümmerte sich nur noch sporadisch um seinen Sprössling. Jetzt im pubertierenden Alter merkte man, das die strenge Hand des Vaters fehlte.
Bei Johann Becker sah die Sache anders aus. Sein Vater war Getränkehändler im Ort und galt, wenn wundert´s, als
ziemlich trinkfest, was der Sohnemann öfters, in Form von Schlägen zu spüren bekam. Er sollte später den Laden übernehmen und wurde, wie der Vater es ausdrückte, entsprechend darauf vorbereitet.
»Wenn einer von denen Ärger mit mir will, kann er den gerne haben«, antwortete er trotzig.
»Einer ja, aber nicht alleauf einmal«, erwiderte Simon, drehte sichum und zog die Decke über den Kopf.
»Du bist nicht John McClane, vergiss das nicht«, fügte er noch hinzu.
Er ließ den Kopf in das Kissen sinken. So leicht konnte man ihn nicht ins Bockshorn jagen. Nein, da war er zu schlau.
Er setzte seinen Walkman auf und legte eine selbstbespielte Kassette ein. Bed of Roses war das erste Lied. Irgendwann mit Tanja auf ein Konzert seiner Lieblingsband Bon Jovi zu gehen, diese Vorstellung hatte was. Vielleicht sogar im legendären Wembleystadion in London. Er wusste, dass sie ebenfalls für diese Band schwärmte.
Über diesen Gedanken schlief er ein.
Am Waldrand von Stuttgart-Heumaden
Bodo konnte es nicht mehr erwarten. Freudig, mit dem Schwanz wedelnd, umkreiste er sein Frauchen, die ihren nach Freiheit drängenden Rauhaardackel kaum bändigen konnte.
»Ist ja gut, mein Junge. Gleich gehen wir in den Wald. Da lass ich dich flitzen. Aber erst muss sich Frauchen anziehen«, sprach sie zu ihm.
Bodo schien zu verstehen. Er setzte sich brav auf den Abstreicher vor der Tür und blickte sie mit seinen braunen Kulleraugen voller Erwartung an.
Isolde Kurz, eine rüstige Rentnerin in den Siebzigern, zog ihren blauen Mantel an. Dann nahm sie, zur Vorsicht, dennoch den Regenschirm mit, obwohl draußen seit dem frühen Vormittag die Sonne schien. Man wusste ja nie. Schließlich konnte es zu dieser Jahreszeit immer wieder anfangen zu regnen.
Sie verließ, zusammen mit ihrem Hund die Wohnung im Isegrimweg. Ihre heutige Runde führte sie in den nahegelegenen Wald, wo sich ihr Bodo nach Herzenslust austoben konnte. Auch wenn dies meist dreckige Pfoten bedeutete.
Kurze Zeit später bog sie in den besagten Wald ein, wo sie dem Weg unterhalb der Schule folgte. Sie genoss die ersten Frühlingsstrahlen und jenes zarte Grün der Bäume, die langsam ihre volle Pracht entfalteten. Als sie Bodo von der Leine ließ, gab es für diesen kein Halten mehr. Mit atemberaubender Geschwindigkeit verschwand er im Unterholz. Ab und an hörte man es rascheln. Isolde Kurz jedoch setzte sich auf eine Bank am Wegrand, wo sie ein Buch aus ihre Stofftasche herausholte.
Nach einer Weile fiel ihr auf, dass Bodo sich seit einiger Zeit nicht bemerkbar machte.
»Bodo!«, rief sie. »Komm zu Frauchen.«
Erst geschah nichts, dann fing Bodo an zu bellen.
Ungewöhnlich lange.
Ungewöhnlich laut.
Es half kein Rufen, kein gutes Zureden. Bodo bellte weiter. Sie legte ihren Spätzlekrimi beiseite, machte sich auf die Suche nach ihrem kleinen Liebling. Der kam ihr kurz darauf entgegen. Irgendetwas Seltsames trug er in seinem Maul. Freudig mit dem Schwanz wedelnd legte er ihr besagtes Fundstück vor die Füße. Als sie es sich genauer ansah, gefror ihr das Blut in den Adern. Der kleine Rauhaardackel schien einen Knochen ausgegraben zu haben.
»Wo hast du denn den her?«, fragte sie ihn, wohlwissend Bodo vermochte die Frage nicht zu beantworten. »Zeig mir, wo du den gefunden hast. Such!«
Diese Ansage schien der verstanden zu haben, flitzte mit wackelnden Ohren los, sodass sie ihm nur mit Mühe folgen konnte.
Wenig später blieb er vor einem Baum stehen. Sie bückte sich, nahm einen Ast in die Hand und stocherte in einer Kuhle, die an einen Fuchsbau erinnerte, herum. Plötzlich stieß sie auf etwas Hartes. Ihre Neugier war geweckt. So gut es ging, legte sie ihren Fund frei, woraufhin sie ein zweites Mal zusammenfuhr.
Jetzt musste sie die Polizei rufen.
Kurze Zeit später wimmelte es, in dem sonst beschaulichem Wäldchen, unterhalb der Schule auf dem Weg von Polizisten, die damit beschäftigt waren, den Fundort weiträumig vor Schaulustigen abzuschirmen.
Dies bekamen auch Frank Jonas sowie Richard Bauer, ihres Zeichens Hauptkommissare der Kriminaldirektion eins in Stuttgart, zuständig für Kapitalverbrechen, zu spüren.
Frank kannte die Gegend noch aus seiner Kindheit, ging er doch für einige, wie er fand, recht schöne Jahre auf die Schule die oberhalb des Weges, eingebettet zum einen von Häusern, zum anderen umgeben von Wald, idyllisch lag.
Als sie mit seinem Auto auf den Weg abbiegen wollten, kam aufgeregt mit den Händen winkend ein Streifenbeamter auf sie zu.
»Sie kenntet hier ned reifahre. Der Weg isch nur für Forschtfahrzeug frei. Außerdem wartet mir auf die Kriminalpolizei. Sie hen hier also nix verloren«, gab er sich betont autoritär, jedoch, sein schwäbischer Akzent war unüberhörbar.
Frank sah Richard an. Dann holte er, wie Richard seinen Ausweis hervor, und hielt den verdutzten dreinblickenden Beamten diesen unter die Nase.
»Sorry, wir sind die Kriminalpolizei.«
»Des kann i ja ned wissen«, entschuldigte er sich. »Da hinte isch der Tatort. Aber am Fundort isses recht schlammig. I hoff sie hend da was dabei.«
Er warf einen mitleidigen Blick auf Franks weißen Mercedes.
»Hier rechts«, dirigierte ihn Richard.
Er bremste scharf.
»Das ist ein Waldweg!«, stellte er fest.
»Richtig.«
»Ich habe gestern mein Auto gewaschen. Weißt du, wie der nachher wieder aussieht?«
»Weiß ich. Alternativ kannst du hier auch parken und wir laufen zu Fuß.«
Angesichts dieses Argumentes sowie der bereits aufziehenden dunklen Wolken, entschied sich Frank, doch den Waldweg entlangzufahren. Kurz darauf sahen sie die blinkenden Blaulichter und den blauen VW Käfer, der zum allseits beliebten Rechtsmediziner Walter Riegelgraf gehörte. Er war seit geraumer Zeit Träger der Ehrendoktorwürde, welche ihm die Universität Tübingen, aufgrund seiner wissenschaftlichen Verdienste um die Rechtsmedizin, verliehen hatte.
Frank stieg aus. Dann beugte er sich durch das Fenster zu Richard.
»Du bleibst sitzen. Ich komm gleich.«
Jener sah ihn verdutzt an, wie er den Kofferraum öffnete, um augenscheinlich etwas hervorzuholen. Nach einer Weile stand er, mit einem paar Gummistiefeln, neben ihm an der Beifahrertür.
Selbst hatte er bereits welche an.
»Die ziehst du bitte an, wenn du nachher wieder mitfahren möchtest. Ansonsten läufst du die zwanzig Minuten zur U-Bahn Haltestelle«, stellte er nüchtern fest.
Richard tat wie ihm geheißen. Konnte sich das Lachen aber nicht verkneifen.
»Du denkst an alles.«
»Ich denke nur daran, wie lange ich mein Auto innen geputzt habe«, gab Frank ernst zurück.
Es stellte sich heraus, die Idee mit den Gummistiefeln war so schlecht nicht, denn der Fundort bestand, wie der Streifenbeamte schlauerweise andeutete, aus schlammigem Untergrund.
»Ah, die Herren von der Kripo«, wurden sie von Walter Riegelgraf, der in seinem weißen Ganzkörperkondom zwischen den braunen und grünen Laubblättern des Dickichtes recht auffällig wirkte, begrüßt.
Dann verdüsterte sich sein Gesicht.
»Ich fürchte, hier kriegen wir sehr wahrscheinlich Probleme«, und zeigte auf ein kleines Loch am Boden. »Die Leiche liegt unter dem Baum.«
»Unter einem Baum?«, erkundigte sich Frank, der den Tatort gerade in Augenschein nahm. »Wo ist der Herzog?« »Hier«, ertönte die Stimme des Selbigen. Adelbert Herzog war Leiter der Spurensicherung. Der kauzige Mittfünfziger mit seinen kurzen Stoppelhaaren galt auf seinem Gebiet als Koryphäe. Deswegen hielt er von Zeit zu Zeit an Universitäten im Ländle diverse Vorlesungen. Leider war er nicht mit dem Talent des Vortragens gesegnet. Bei längeren Konversationen, so sie denn stattfanden – Herzog galt als schweigsam – verfiel er immer wieder in eine derart monotone Stimmlage, dass seinen Zuhörern dabei unweigerlich die Augen zufielen. Über sein Privatleben war unter den Kollegen so gut wie
nichts bekannt. Einzig Frank wusste etwas. Doch das behielt er für sich. Er schätzte den eigenbrötlerischen Adelbert Herzog und er konnte sich sicher sein, dass es umgekehrt genauso war.
»Ah, du kommst gerade richtig«, begrüßte Walter Riegelgraf den Spurensicherer. »Hast du schweres Gerät dabei?«
»Wieso? Findet hier eine Ausgrabung statt?«
»So was in der Art,« bemerkte Frank mit einer Spur von Ironie in seiner Stimme, »oder wie gedenkst du, die Leiche unter dem Baum herauszubekommen?«
»Ich glaub, mein Schwein pfeift«, stellte er fest, nachdem ihm die Kommissare den Fundort zeigten. Richard ließ es sich nicht nehmen durch die Zähne zu pfeifen, was ihm einen finsteren Blick des Spurensicherers eintrug.
»Wie kommt die denn unter den Baum?«, fragte er in die Runde. Die angesprochenen Personen schauten ihn an, zuckten ratlos mit den Schultern.
»Wir sind erst seit fünf Minuten da«, entschuldigte sich Riegelgraf. »Aber den Schädel hab ich.«
»Na, das ist ja fantastisch! Besser als eine Nullnummer. Jetzt fehlt nur noch die restliche Ausgrabungsausrüstung«, grummelte Herzog und warf genervt einen Blick in die Umgebung.
»Wer hat die Leiche gefunden?«, wollte Richard wissen, den plötzlich eine unerklärliche innere Unruhe überfiel.
»Die Dame mit dem Hund da drüben«, antwortete der Streifenbeamte, der etwas abseits stand.
Richard begab sich zu ihr, stellte sich vor. »Ich weiß, es ist schwierig, trotzdem würde ich gern wissen, ob Sie mir ein paar Fragen beantworten können.«
Doch die schüttelte konsterniert den Kopf. »Ich glaube nicht. Die Leiche hat der Bodo gefunden.«
»Wer ist Bodo?«, fragte Richard verdutzt.
»Mein Rauhaardackel. Er läuft hier im Wald so gern rum. Ich konnte doch nicht wissen, dass der sowas findet.«
»Keine Sorge«, beruhigte er sie. »Wir sind jetzt da und kümmern uns darum. Der Beamte nimmt Ihre Personalien auf, dann können Sie gehen. Falls wir Fragen haben, werden wir uns bei Ihnen melden.«
»Was meinst du, wie lange liegt die Leiche schon hier? Pi mal Daumen?«, erkundigte sich Frank derweil bei Walter Riegelgraf.
»Eine fachliche Einschätzung? Keine Ahnung. Da spielen so viele Umstände mit rein. Bodenbeschaffenheit. Wetter. Witterung. Art der Kleidung. Vorsichtig geschätzt würde ich sagen: mindestens dreißig Jahre.«
Frank hatte so etwas befürchtet.
»Bezüglich der Todesursache werde ich nicht fragen. Wahrscheinlich erhalten wir diese Informationen erst nach der Obduktion, wenn überhaupt«, bemerkte er resigniert.
Zu seiner Überraschung entgegnete Riegelgraf jedoch: »Irrtum mein Bester, die kann ich dir tatsächlich mit ziemlicher Sicherheit schon mitteilen.«
Er deutete auf den Schädel.
»Es war stumpfe Gewalteinwirkung. Offensichtlich hat jemand ihm einen Ast oder einen Stein auf den Kopf geschlagen. Dies hat höchstwahrscheinlich unmittelbar zum Tod geführt. Aber wie gesagt, das ist eine erste, vage Einschätzung«, dozierte Walter Riegelgraf, während er sich die Brille auf seiner Nase zurechtrückte.
»Was mich stört, ist der Baum hier«, murmelte Frank, der sich die Eiche über den sterblichen Überresten ansah.
Er wandte sich dem Spurensicherer zu.
»Adelbert, wie alt schätzt du den?«
Herzog, der gerade dabei war jenes Loch zu vergrößern, in welchem Bodo den Knochen sowie den Schädel entdeckte, antwortete gewohnt griesgrämig: »Muss ich mich jetzt auch noch als Botaniker betätigen? Dreißig Jahre, mehr nicht. Warum interessiert dich das?«
»Nur so ein Gedanke«, erwiderte Frank.
»Lässt du uns an deiner Sichtweise teilhaben?« Richard stand neben ihm. Beide schauten sie zu, wie Herzog versuchte Spuren zu sichern. Sehr zu dessen Missfallen. Jener mochte es nicht, wenn ihm jemand bei der Arbeit zusah.
»Vielleicht hat der Mörder mit Absicht einen Baum auf die Leiche gepflanzt.«
Plötzlich richteten sich aller Blicke auf ihn. Herzog drehte sich in kniender Position auf dem Boden um.
»Die Sichtweise von Frank ist gar nicht mal so abwegig«, gab er zu bedenken. »Die Möglichkeit könnte man zugegebenermaßen in Betracht ziehen, zumal die Leiche, beziehungsweise was von ihr übrig ist, exakt zwischen den Wurzeln liegt. Jedenfalls nach dem, was ich derzeit feststellen kann. Um Genaueres zu sagen, muss der Baum aber weg.«
Richard schaute beide ungläubig an. »Euer Ernst?«
»Ich weiß nicht, worauf sich die Frage bezieht, aber dein Kollege könnte recht haben. Und ja, der Baum muss weg, sonst kommen wir nicht an die Leiche.«
»Also gibt´s für uns erstmal nichts zu tun«, konstatierte Frank.
»Nö. Es sei denn ihr wollt warten bis die von der Forstbehörde kommen. Könnte aber länger dauern.«
Er sah auf seine Uhr.
»Auf jeden Fall nicht vor dem Mittagessen«, fügte er grinsend hinzu, wohlwissend, was Frank davon hielt.
Der winkte darauf hastig ab. »Lass mal, du machst das schon.«
»Was ist mit dir los?«, wollte Frank, dem Richards Unruhe aufgefallen war, auf dem Weg zum Auto wissen. »Du bist angespannt, wenn du dir ständig durch die Haare fährst.«
»Ich weiß es selber nicht«, entschuldigte der sich halbherzig. »Aber bei dem Anblick der Leiche hat sich etwas in mir gemeldet.«
Neben ihnen räumte der Rechtsmediziner gerade die Sachen in den Kofferraum seines Autos.
»Schön, wenn sich bei dir noch was meldet«, frotzelte Riegelgraf mit seinem bekannten Sinn für derben Humor, »sonst hätte ich bei meiner zukünftigen Obduktion ja nichts mehr an dir zu untersuchen.«
Dann setzte er sich in sein Auto, startete und verschwand mit dem blauen Käfer in einer weißen Wolke. Merkwürdigerweise, sofand Frank, war Richard auf jene Bemerkung gar nicht weiter eingegangen, was an sich per se schon recht ungewöhnlich war.
»So, jetzt kannst du es mir ja sagen«, versuchte er ihm eine Brücke zu bauen. »Wir sind allein.«
Doch der zog nur stillschweigend seine Gummistiefel aus. Dann setzte er sich wortlos ins Auto, während Frank die beiden Paare wieder im Kofferraum verstaute und ebenfalls einstieg.
»Falls du reden willst, fang einfach an. Deine Entscheidung.«
Richard blieb bis zum Präsidium stumm. Es schien, als würde er angestrengt über etwas nachdenken. Da war es ratsam ihn nicht zu stören. Er konnte dafür, im Gegensatz zu manch anderen, durchaus Verständnis aufbringen, ging es ihm manchmal ebenso.
»Zwiebelrostbraten?«, fragte Richard in die Stille.
Frank nickte zufrieden. Jedenfalls beim Mittagessen lagen sie heute auf einer Wellenlänge.
Das Essen im Restaurant des Nobelkaufhauses in der Nähe des Präsidiums schien Richards Lethargie teilweise zu vertreiben.
»Ich müsste nachher ein paar Akten wälzen. Du kannst ruhig schon heimfahren, könnte spät werden.«
»Aha, daher weht der Wind«, erwiderte Frank. »Ein Cold Case. Darf ich als dein Kollege erfahren, um welchen Fall es sich handelt?«
Richard zögerte eine Weile. Zu sehr beschäftigte ihn der Fund der Leiche sowie die damit verbundene Wahrscheinlichkeit, von der Vergangenheit wieder eingeholt zu werden.
»Sei mir nicht böse«, antwortete er. »Ich muss selber erstmal abchecken, ob was dran ist.«
»Da ist was dran, soweit kenne ich dich. Freiwillig gehst du nicht in die Katakomben, um dort Akten zu wälzen. Aber gut, du weißt, wo du mich findest.«
Er schaute auf die Uhr. Der Zwiebelrostbraten war wieder vorzüglich gewesen. Eigentlich hätte ein guter Trollinger vom Uhlbacher Götzenberg famos dazu gepasst,
aber Alkohol im Dienst, da hatte Frank ganz klare Grenzen.
»Ich ruf den Walter an. Vielleicht hat er die Leiche schon auf dem Tisch. Falls du nichts dagegen hast, werde ich parallel die Vermisstenakten beschaffen.«
Der Oberkommissar nickte nur.
Nach dem Essen machte Frank sich daran, seine Pläne in die Realität umzusetzen. Völlig ahnungslos darüber, dass auch er bald mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert werden sollte.
Walter Riegelgraf, der aufgrund der weihnachtlichen Völlerei dem Essen fürs Erste abschwören musste, befand sich bereits mitten in der Obduktion.
Auf dem Metalltisch lagen auf einem weißen Laken die menschlichen Überreste der Leiche.
»Ah, sehe ich das richtig, dass unser lieber Adelbert Herzog ordentlich Druck auf die Forstbehörde ausgeübt hat? Gibt es schon Neuigkeiten für mich?«, erkundigte sich Frank, während er den geräumigen, weiß gefliesten Raum im Untergeschoss des Katharinenhospitals betrat. Hier befand sich Walter Riegelgrafs Pathologie sowie sein Büro.
Die Räumlichkeit wurde von grellen Neonröhren erhellt. Yvonne, seine ausgefallene Assistentin mit den kurzen, schwarzen Haaren und den unzähligen Piercings in den Augenbrauen und der Nase unterstützte ihn. Als sie Frank entdeckte, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.
»Hallo Frank. Wir sind gerade dabei«, sagte sie, während sie das Obduktionsbesteck wusch. »Aber es gibt kaum verwertbare Spuren. Sicher ist nur, es handelt sich hier um eine männliche Leiche. Beim Alter können wir vorsichtig schätzen.«
»Aufgrund der Knochenstruktur gehe ich davon aus, der Jugendliche wird zwischen zwölf und vierzehn Jahre alt gewesen sein. Todesursache ist, Stand jetzt, ein Schlag auf den Kopf, wobei es Auffälligkeiten an den Brustknochen gibt. Das muss der Chef aber noch genauer untersuchen.«
»Na ja, ist doch was. Ich werde die Vermisstenanzeigen mal durchgehen. Mit etwas Glück haben wir einen Treffer in der Datenbank.« Walter Riegelgraf war aus seinem Büro gekommen und schien aufrichtig besorgt.
»Du, was war denn vorhin mit dem Richard los? So kenn ich ihn gar nicht.«
»Keine Sorge, mir hat er auch nichts verraten. Es muss aber mit einem früheren Fall zu tun haben. Er sprach davon, alte Akten hervorzukramen«, berichtete er.
»Wenn er dir nichts sagt«, erwiderte Walter mit Sorgenfalten auf der Stirn, »dann mach ich mir Sorgen.«
»Keine Angst«, grinste Frank, »heute Abend bei einem Glas Rotwein, werde ich die Wahrheit aus ihm rauskitzeln.«
»Mit dem edlen Tropfen vom Götzenberg? Ich hab letztens eine Flasche mit meiner Frau getrunken. Der schmeckt exzellent. Wie geht’s dem Kalter eigentlich?«
Der Wein, den der Rechtsmediziner meinte, war wesentlicher Bestandteil ihres letzten Falles, bei dem mit besagtem Andre Kalter, fast ein Unschuldiger ins Gefängnis gewandert wäre. Einzig Franks Hartnäckigkeit hatte er es letztlich zu verdanken, dass der ihm den Kopf rettete. Dafür bedankte sich dieser mit mehreren Kartons voller Weinflaschen.
»Soweit ich weiß, läuft sein Laden ziemlich rund. Der Wein kommt bei den Leuten gut an. Auch sein Restaurant war voll. Ich hab letztens erst wieder mit Lisa dort gegessen.«
»Ist der Grieche noch da?«
»Selbstredend.« Er lachte. »Wegen ihm sind wahrscheinlich all diese Leute da.«
Sie unterhielten sich eine Weile, bis Frank auf die Uhr schaute, um sich mit dem Verweis nach den Vermisstenanzeigen zu schauen, zu verabschieden.
Im Büro wurde er von Lisa, der jüngsten Kommissarin im Team schon erwartet. Manfred Gühring, ihr boxender Hauptkommissar mit der Glatze, saß vor dem Computer, wo er etwas zu suchen schien.
»He, Schwaben Tyson. Ich bin wieder da«, rief er ihm zu, worauf dieser mit seinem kahlen Schädel hinter dem Bildschirm hervorlugte. Den Namen Schwaben Tyson hatte ihm Richard, in Anlehnung an jenen schillernden Boxer verpasst. Eine gewisse Ähnlichkeit war vorhanden. Zumindest was den Umfang der Oberarme betraf.
»Ah, sieh da der Kommissar«, grinste er. »Willkommen in der warmen Stube.«
Frank ging wie immer, wenn er von draußen kam, zur Kaffeemaschine, um sich von dem wärmenden, schwarzen Gebräu einzuschenken.
»Ist der gut«, lobte er. »Wer hat den gemacht?«
Manfred deutete auf Lisa, die ihm gegenübersaß und ihn angrinste.
»So schmeckt er mir am liebsten.« Er gab ihr einen Kuss. Mittlerweile wusste jeder im Präsidium, dass sich Lisa den hartnäckigen Junggesellen Frank Jonas geschnappt hatte. Wobei sich die Gegenwehr des Hauptkommissars in engen Grenzen hielt.
»So, jetzt muss ich Vermisstenakten wälzen. Schließlich wollen wir ja wissen, wer der Tote ist.«
»Eine Leiche?«, erkundigte sich Lisa neugierig. Da Richard nicht im Büro, sondern augenscheinlich gleich in den Keller gegangen war, wussten die zwei noch nichts vom Fund der Leiche im Wald von Heumaden. »Glaubst du, wir kommen da weiter?«, fragte Manfred etwas konsterniert, als ihnen Frank alles im Groben erzählte. Die Möglichkeit, dass Richard damit in Verbindung stehen könnte, ignorierte er bewusst. Früher oder später würde dieser sowieso wieder auftauchen und sich erklären.
»Ich hoffe es stark. Immerhin haben wir die beste Aufklärungsrate in Stuttgart. Zumindest so lange Müller- Huber nicht seine Finger im Spiel hat«, sagte er mit einem Augenzwinkern.
Manfred musste grinsen.
Seit dem letzten Fall war Horst Müller-Huber ihr Vorgesetzter. Obwohl er moderne Kommunikationsmittel nicht sonderlich mochte, war er bei den Kollegen in der Polizeidirektion sehr beliebt. Sein übertriebenes Aktionstreiben wurde jedoch mit leichtem Stirnrunzeln betrachtet. Dennoch ließ er ihnen meist freie Hand.
Die Digitalisierung der Akten kam Frank bei seiner Arbeit entgegen. Für den besagten Zeitraum kamen fünf Vermisstenfälle in Frage. Bei näherer Betrachtung schienen nur zwei relevant zu sein.
Nach einem Anruf blieb noch eine vermisste Person, ein gewisser Fabian Richter, übrig. Zum Zeitpunkt seines Verschwindens war dieser dreizehn Jahre alt, was sich mit den Aussagen von Walter Riegelgraf deckte. Er wählte die Telefonnummer, die in der Akte vermerkt war. Mit der Tür wollte, durfte er nicht, ins Haus fallen. Einerseits galt es noch nicht als gesichert, ob es sich bei dem Toten überhaupt um besagten Fabian Richter handelte, zum anderen musste er abwarten, was Richard parallel herausfand. Dabei gab er sich als Ermittler aus, dem die Akte auf den Schreibtisch gelegt worden war. Er erkundigte sich, ob der Vermisste in der Zwischenzeit wieder aufgetaucht war.
Die Frau am anderen Ende der Leitung verneinte. Sie war die Mutter des Vermissten.
Der Vater hatte sich kurz nach dem Verschwinden des Sohnes aus dem Staub gemacht. Ob da ein Zusammenhang bestand, konnte zu diesem frühen Zeitpunkt der Ermittlungen nicht ausgeschlossen werden.
»Treffer?«, erkundigte sich Lisa neugierig, als Frank wieder aufgelegt hatte. »Was meinst du?«
Der rieb sich das Kinn und lehnte sich grübelnd zurück.
»Könnte sich hier tatsächlich um unseren Toten handeln. Passt eigentlich alles. Aber ich will Richard nicht vorgreifen.«
Manfred schaute auf die Uhr.
»Ist der immer noch da unten?«
»Nehme ich an. Vielleicht ist er auch eingeschlafen«, grinste Frank. »Würde mich nicht wundern.«
»Ich bin nicht eingeschlafen«, erwiderte Richard, der mit einer vergilbten Akte unter dem Arm im Türrahmen stand. Sein Blick schweifte nach links zur Kaffeemaschine.
»Willst du einen?«, fragte Lisa, der dies nicht entgangen war.
»Da höre ich mich nicht nein sagen.« Er legte die Unterlagen vor sich auf seinen Schreibtisch, der sich neben dem von Manfred befand. Ihnen gegenüber saßen Frank und Lisa, wobei dieser aufgrund der Dienstjahre den Fensterplatz für sich beanspruchte.
»Es scheint, du hast etwas gefunden«, bemerkte Frank lächelnd, während er an seinem Kaffee nippte und einen Blick auf die Akte warf.
»Kann man so sagen«, erwiderte Richard. »Wie schaut´s bei dir aus?«
»Ich habe einen Treffer. Bei der Leiche handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um einen gewissen Fabian Richter. Letzte gemeldete Adresse: Stuttgart-Rohracker, Tiefenbachstraße.«
»Ich hab´s befürchtet«, seufzte Richard, woraufhin er sich in seinen Stuhl fallen ließ, um daraufhin einen kräftigen Schluck aus der Kaffeetasse zu nehmen, die ihm Lisa hingestellt hatte.
Frank beugte sich über den Schreibtisch. »Bei einem Verdächtigen, würde ich sagen, es ist an der Zeit zu reden.«
Sein Kollege lehnte sich zurück und begann sich mit der Hand durch die Haare zu streichen - eine Angewohnheit, die er stets zeigte, wenn er angespannt war.
»Das war mein erster Fall als Kommissar«, fing er an. »Ursprünglich hat er in Österreich begonnen. Damals gab es ziemliches Hin und Her zwischen den Behörden.«
»Um was ging es?«, fragte Lisa interessiert.
»Ein Todesfall in einem Schullandheim. Raggal hieß der Ort, in Voralberg, soweit ich mich erinnere. Die Klasse war aus Stuttgart. Äußerst rätselhafte Sache. Ein Mädchen war vom Balkon gefallen. Die österreichischen Behörden gingen zuerst von einem Mord aus, nachdem sich ein anonymer Anrufer bei ihnen gemeldet hatte, der anscheinend beobachtete, wie jemand zuvor versuchte das Mädchen, Tanja Hofmann, zu vergewaltigen.«
»Aus welcher Schule in Stuttgart kam die Klasse?«, erkundigte sich Frank beiläufig, doch er kannte die Antwort. Das Tor zur Vergangenheit hatte sich geöffnet.
»Eichenrealschule, Stadtteil Heumaden.«
Richards Erwiderung ließ ihn trotzdem beinahe seinen heißen Kaffee verschütten. »Das ist meine Schule!«, entfuhr es ihm.
Er hätte es sich denken können. Die Namen kamen ihm bekannt vor, und langsam holten ihn die Erinnerungen von damals wieder ein.
»Stimmt«, konstatierte Richard gelassen, »du hast ja mal in Heumaden gewohnt. Könnte von Vorteil sein bei den Ermittlungen.«
Frank brummte etwas Unverständliches vor sich hin, was sein Kollege nicht verstand. Er vermied es aber nachzufragen.
»Ich wage einen Schuss ins Blaue«, sagte Frank. »Mein Vermisster hat mit der Sache damals zu tun gehabt.«
Richard schaute ihn an.
»Na ja, nicht ganz. Möglicherweise. Ein Junge aus der Gruppe, Johann Becker, geriet recht schnell in den Kreis der Verdächtigen. Er verstrickte sich in Widersprüche, bestritt aber die Tat vehement.«
»Johann Becker? Den kenn ich aus meiner Schulzeit. Sein Vater hat einen Getränkehandel oben in Heumaden gehabt«, konstatierte Frank überrascht. »Lass mich raten; der Richter hat ihn belastet.«
»Stimmt fast. Er sagte aus, dass er zuletzt mit Tanja am Geländer des Balkons hatte diskutieren sehen. Kurz darauf hörte er einen Schrei.«
»Kam es zu einer Anklage gegen den Jungen? Diesen Johann Becker?«, wollte Lisa wissen.
»Nein, da ließ sich nichts beweisen. Zwar fand man bei ihm Kratzer im Gesicht, die die Vermutung zuließen, dass es einen Kampf mit Tanja gab, aber das er sie über das Geländer gestoßen hatte, konnte nicht nachgewiesen werden. Der Gutachter sagte, sie könne ebenso gut das Gleichgewicht verloren haben und gefallen sein. Richter hat seine Aussage daraufhin widerrufen, mit der Begründung, sich nicht mehr erinnern zu können. Damit war der Fall erledigt und es kam nie zu einer Anklage.«
»Hat irgendwie ein Geschmäckle«, folgerte Frank. »Wahrscheinlich ist Geld geflossen. Dem Becker sein Vater hat oben den Getränkehandel. Der ist bei jedem Fest vertreten. Da hat er bestimmt seine Beziehungen spielen lassen, um seinen Sohn aus der Sache rauszuhauen.«
Richard lehnte sich zurück und seufzte.
»Ja, das haben wir auch vermutet. Aber beweis das erst einmal. Niemand hatte wirkliches Interesse daran, den Fall bei der spärlichen Beweislage weiterzuverfolgen«, fügte er hinzu.
»Wie ging es dann weiter?«, hakte Frank nach.
»Kurze Zeit später verschwand dieser Fabian Richter. Wir ahnten damals, dass er mehr wusste, als er zugab. Daher sind wir intern auch von einem Verbrechen ausgegangen, obwohl wir nie eine Leiche fanden. Trotz intensiver Suche.«
»Jetzt haben wir ihn gefunden, wobei Selbstmord schon mal ausscheidet«, stellte Frank nüchtern fest.
»Was bedeutet das für uns?«, erkundigte sich Manfred interessiert, obwohl er die Antwort bereits kannte.
»Einen Haufen Arbeit«, stöhnte Richard. »Wir müssen den Fall von damals wieder aufrollen. Alle relevanten Personen, insbesondere den Becker nochmal befragen und viele Akten wälzen, denn der Teil wurde noch nicht digitalisiert.«
»Den Part mit den Akten übernehme ich«, warf Manfred ein, der darauf bedacht schien, nicht mit an die Front zu müssen, wie er es immer nannte. Trotz seiner massigen Figur hatte er eine Schwäche. Er konnte kein Blut sehen. So war es bei ihnen üblich, dass er sich um das Durchsehen der Akten kümmerte und die lästigen Berichte für Müller-Huber verfasste. Das kam Frank entgegen, denn dieser Schreibkram rangierte auf seiner persönlichen Liste der unbeliebten Aufgaben direkt nach dem Zahnarztbesuch.
»Super. Ich schreib dir noch auf, wo die Akten liegen. Such alles raus, was geht. Wir müssen einen Anhaltspunkt finden.«
»Was ist mit mir?«, fragte Lisa beleidigt, dass man sie anscheinend gar nicht mit einbezogen hatte.
»Du hilfst uns bei den Außeneinsätzen«, grinste Frank schelmisch. »Schließlich musst du ja lernen, wie man Befragungen durchführt.«
»Junger Mann«, antwortete sie und stemmte dabei die Hände in die Hüften. »Ich bin seit über zwei Jahren Kommissarin. Wird langsam Zeit, mich ins kalte Wasser zu schmeißen.«
Richard zuckte mit den Schultern. »An mir soll´s nicht scheitern. Allerdings, zu dritt können wir bei den Leuten nicht aufkreuzen. Hier ist also Planung gefragt.«
Frank seufzte. In dieser Beziehung haderte er bisweilen mit seinem Kollegen, der stets darauf bedacht war, die Vorschriften einzuhalten, während er die Grauzonen voll
ausnutzte. Manchmal wahrscheinlich auch ein bisschen mehr. Letztlich heiligte aber der Zweck die Mittel.
»Für heute reicht´s«, konstatierte Manfred, der auf seine Uhr sah. »Meine Frau wartet auf mich. Ich brauch neue Hemden.«
Da die endgültigen Ergebnisse der Spurensicherung sowie der Obduktionsbericht noch nicht vorlagen, taten die anderen es Manfred gleich.
Richard und Frank konnten nicht ahnen, was für eine Lawine da auf sie zurollte. Jeder von beiden wurde nun von seiner eigenen Vergangenheit heimgesucht.
Raggal 1992
Der nächste Tag startete mit blauem Himmel. Alle Schüler und Schülerinnen versammelten sich in dem großen Raum und begannen sich wie eine Horde ausgehungerter Raubtiere auf das bereitgestellte Büffet zu stürzen. Dabei wurde bereits eifrig diskutiert, wer mit wem, wann und wo die Abfahrt runterwedeln sollte.
Über Nacht hatte frischer Schnee die Landschaft bedeckt. Die Sonne strahlte, und von den Dachrinnen des Hauses hingen lange Eiszapfen, aus denen gelegentlich einzelne Tropfen auf den Schnee fielen.
Er hatte wunderbar geschlafen und freute sich auf den Tag. Als sie die Treppe runtergingen, begegnete er Tanja. Sie lächelte ihm zu. Es war schwer seine Gefühle vor allen anderen zu unterdrücken. An ihrem Blick erkannte er, dass es ihr genauso ging.
Während des gemeinsamen Frühstücks ergriff ihr Klassenlehrer Waldemar Buchmann das Wort.
»Bevor wir heute auf das Faschinajoch hinauffahren, noch ein paar Verhaltensregeln. Die Pisten werden auf keinen Fall verlassen, es herrscht abseits der zu befahrenden Strecken akute Lawinengefahr. So hat man es uns heute Morgen zumindest mitgeteilt. Überschätzt eure Kondition nicht. Macht ab und zu eine Pause, trinkt einen Kakao und esst was. Frau Wölfle und ich sind ebenfalls auf der Piste und wir werden so gut es geht nach euch schauen. Falls es Fragen gibt, jetzt ist noch Gelegenheit.«
Simon schaute ihn an.
»Machen wir es so?«, fragte er ihn mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
»Klar. Ich hoffe bloß, der Buchmann kommt nicht dahinter.« Ein bisschen mulmig war ihm schon. Doch sein Drang, sein Mut zum Risiko, und die Aussicht einen wunderbaren Tag mit Tanja zu verbringen, ließen die
Gefahr des Erwischtwerdens auf ein Minimum zusammenschrumpfen.
Für den Fall, dass der Buchmann und die Wölfle ihn ertappten, hatte er sich eine passende Geschichte zurechtgelegt. Zumal es ja nur für ein bis zwei Tage war. Danach konnten die Anfänger sich auch auf die regulären Pisten wagen.
Im Eck saßen, die Köpfe zusammengesteckt, Fabian, Johann und Timo. Sie schauten zu ihm und grinsten frech.
Hatten sie eine Ahnung? Wohl kaum. Von Intelligenz waren sie nicht gerade gesegnet. Besonders diesen Johann mochte er überhaupt nicht. Er war sich bewusst, dass dieser wie viele andere Jungs auch ein Auge auf seine Tanja geworfen hatte. Doch seine Chancen standen praktisch bei null. Sie hatte kein Interesse an solchen Proleten.
Am Ende des Frühstückes steckten er und Simon ihre Köpfe zusammen und gingen den Plan nochmals durch.
Der sah vor, dass sie nach der Ankunft in einer der dortigen Toiletten ihre Schneeanzüge tauschten und Simon für ihn auf der Anfängerpiste übte. Das Spielchen wollten sie ein bis zwei Tage treiben und dann würde er offiziell den Lehrern Bescheid geben, dass er sich zutraute, auf der Skipiste zu fahren.
Waldemar Buchmann und Christine Wölfe saßen an einem separaten Tisch und beobachteten das Treiben.
»Wann wollten wir starten?«, fragte sie ihn.
Er saß die Beine übereinandergeschlagen auf seinem Stuhl, die Kaffeetasse in der linken Hand und schaute auf seine Uhr.
»Ich denke, wir geben ihnen noch 30 Minuten.«
Er stand auf und klatschte zweimal kurz in die Hände. Sofort war es still. Christine Wölfle lächelte. Der General hatte seine Truppen im Griff.
»Wir fahren um 8:30 Uhr. Bis dahin hat jeder gefrühstückt und seine Sachen für den heutigen Ausflug
eingepackt. Ein Lunchpaket kriegt ihr am Ausgang. Wer nicht fertig ist, bleibt da und darf der Chefin in der Küche zur Hand gehen.«
Er setzte sich wieder hin.
»Wie du das immer machst, Waldemar. Die hören aufs Wort.«
Sie grinste.
»Reine Erziehungssache«, lachte er. »Auf dich hören sie ja auch. Zumindest die Jungs.«
Selbst wenn sie es natürlich niemals zugeben würde, aber einige von ihnen fand sie für ihr Alter ziemlich attraktiv. Besonders einer hatte es ihr angetan. Er hob sich von den anderen ab und schien in seiner Entwicklung und Reife weiter zu sein. Die Mädchen, insbesondere Tanja, hatten ein Auge auf den jungen, gutaussehenden Kerl geworfen. Ihn umgab die Aura des Unnahbaren. Etwas, was auch sie reizte.
Jener bemerkte, wie Christine Wölfle zu ihm herübersah. Er setzte seinen schüchternen Blick auf und erwiderte das Lächeln. Dann drehte er sich um und suchte wieder Blickkontakt zu Tanja. Sie sah ihn ebenfalls an und schien sich auf den Tag zu freuen.
»Wir sehn uns heute?«, fragte sie ihn erwartungsvoll beim Hinausgehen. Er beugte sich an ihr Ohr.
»Auf jeden Fall. Ich freue mich auf dich«, hauchte er. Sie bekam Gänsehaut und errötete leicht.
Das Gedrängel im Bus hielt sich in erträglichen Grenzen. Die Sitzordnung hatte man weitestgehend auf der Hinfahrt ausgefochten.
Buchmann ging durch den Mittelgang und zählte durch.
»Sind alle da?«, rief er. Danach nahm er vorne Platz, gab dem Fahrer das Ok und der Bus setzte sich in Bewegung.
Eng und steil mit zweistelligen Steigungsprozenten wand sich die Straße von Raggal über Fontanella hinauf zum auf 1486 Meter hochgelegen Faschinajoch. Auf dem Parkplatz gegenüber des Skiliftes spuckte der Bus die wilde Meute aus.
Waldemar Buchmann zählte durch und teilte die Gruppen ein. Dass er und Simon sich für eine Weile abgeseilt hatten, war nicht weiter aufgefallen.
Während er auf dem Lift nach oben saß, überlegte er kurz, ob der Plan eine so gute Idee war. Doch die Aussicht auf ein paar schöne Stunden mit Tanja unten im Wäldchen was sich auf halber Höhe, abseits der Piste befand, wischten alle Zweifel wieder beiseite.
Er stieg aus und ließ sich auf seinen Skiern langsam ins Tal gleiten. Die ersten Meter gestalteten sich holprig, es setzte ihn ein paar Mal auf die Pobacken, doch je mehr er sich der eigentlichen Abfahrt näherte, desto sicherer wurde er. Es galt das Gleichgewicht zu halten. Hatte man den Dreh raus, dann war es kein Problem.
Er stand an der Abfahrt und beobachtete die Skifahrer, die sich wagemutig ins Tal stürzten. Noch war die Piste nicht allzu voll. Er scannte mit seinem Blick die Strecke zum kleinen Wäldchen. Legte sich den Weg zurecht. Dann zählte er von drei abwärts und gab Gas. Schnell bekam er Tempo und je länger er die Abfahrt runterfuhr, umso sicherer fühlte er sich. Das Bremsen funktionierte einwandfrei. Einfach die Skier zu ein V formen und schon verringerte sich die Geschwindigkeit. Auch die entsprechende Körperhaltung fand er schnell.
Langsam näherte er sich dem Wäldchen. Noch ein zwei Kurven auf der Abfahrt dann war er da. Von weitem konnte er Tanja erkennen. Sie schien bereits auf ihn zu warten.
Sein Herz sprang vor Aufregung fast aus der Brust. So lange hatte er sich auf diesen Moment gefreut, ihm entgegengefiebert. Nun waren es nur noch wenige Minuten. Tanja winkte. Sie wusste, dass er sich Simons Sachen ausgeliehen hatte.
Als hätte er nie etwas anderes gemacht, driftete er um die Kurve und bremste. Er schnallte seine Skier ab und stapfte zu Tanja in den Wald. Sie hatte ihre ebenfalls ausgezogen und lehnte an einer Tanne.
»Das sah ja schon recht professionell aus«, lachte sie. »Und du bist sicher, dass du so was zum ersten Mal gemacht hast?«
Er nickte nur verlegen. Immer und immer wieder hatte er diesen Moment geprobt, war ihn in Gedanken Dutzende Male durchgegangen. Doch jetzt stand er da und schaute sie nur an. Diese braunen Augen, die ihn ansahen, die rotblonden Haare, die sie zu einem Zopf zusammengebunden hatte. Eine kleine Strähne hing ihr ins Gesicht.
»Am Anfang hatte ich schon noch Schiss. Aber dann ging´s. Und die Aussicht, dich zu sehen, war die Abfahrt allemal wert.«
Sie grinste und kam einen Schritt auf ihn zu.
»Schön, dass es geklappt hat«, sagte sie.
Dann umarmte sie ihn und gab ihm einen Kuss.
Es war, als zog es ihm den Boden unter den Füßen weg. Als würde man schweben. Ihre warmen
