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Ein toter Winzer führt die beiden Kommissare Jonas und Bauer in das beschauliche Örtchen Uhlbach am Rande von Stuttgart. Der vermeintliche Täter ist schnell ausgemacht - zu schnell? Kommissar Frank Jonas ist trotz der erdrückenden Indizienlast von der Unschuld des Verdächtigen überzeugt. Er beginnt auf eigene Faust zu ermitteln und stößt auf Ungeheuerliches. Denn das Motiv für den Mord liegt weit zurück. Nach und nach nimmt der Fall eine Wendung, mit der keiner gerechnet hat.
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Seitenzahl: 369
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Hendrik Scheunert
Trollingermord
Kriminalroman
In Vino Veritas Eine kleine Gemeinde am Rand von Stuttgart, umgeben von Weinbergen. Ein idyllischer Ort könnte man meinen. Doch dann erschüttert der Mord an Gerd Bäuerle, einem angesehenen Winzer, das Städtchen. Schnell gerät Andre Kalter, ebenfalls ein Winzer, in den Fokus der Kriminalpolizei. Es stellt sich heraus, dass Kalter eine Affäre mit der Frau von Gerd Bäuerle hatte. Auch sonst zeigt sich jener wenig kooperativ. Die Kommissare Frank Jonas und Richard Bauer beginnen zu ermitteln. Und siehe da – Andre Kalter hat tatsächlich etwas zu verbergen. Immer enger zieht sich die Schlinge um den Verdächtigen zu, bis Frank Jonas auf ein Geheimnis stößt, das dem Mordfall eine völlig neue Wendung gibt. Denn das Motiv für den Mord liegt weit zurück und plötzlich nimmt der Fall eine Wendung, mit der keiner gerechnet hat.
Hendrik Scheunert wohnt zusammen mit seiner Familie in einem Haus am Rand von Stuttgart. Schon früh fiel den Lehrern seiner Schule auf, dass er viel und gerne schrieb und über eine rege Fantasie verfügte. Doch es dauerte einige Jahre bis er sich ein Herz fasste, um sein erstes Buch zu schreiben. Seither gehört das Schreiben als fester Bestandteil zu seinem Leben. Wann immer es möglich ist, sitzt er an seinem Schreibtisch und lässt seinen Gedanken freien Lauf. Neben dem Schreiben gehören auch Rad- und Laufmarathons zu seinen großen Leidenschaften. Im Sommer ist er deshalb öfter in den Alpen anzutreffen. www.spätzlekrimi.de
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © tzuky333 / shutterstock.com
ISBN 978-3-8392-6996-1
Uhlbach, die kleine Gemeinde am Rande von Stuttgart, die im Jahre 1247 erstmals urkundlich erwähnt und 1937 in die Landeshauptstadt eingemeindet wurde, lag friedlich zwischen den Weinreben des Rotenberges. Hoch über dem Ort thronte, vom Mond angestrahlt, die Grabkapelle, die König Wilhelm von Württemberg zu Beginn des 19. Jahrhunderts für seine verstorbene Gattin, Katharina Pawlowna, hatte erbauen lassen.
Ganz so friedlich ging es unten in der Wirtschaft des Weingärtners Andre Kalter nicht zu. Jener arbeitete früher für eine Automobilfirma im Stuttgarter Norden, bis er die Liebe zum Wein entdeckte und seinen bisherigen Beruf aufgab. Mit seinen 46 Jahren war er nun Vorsitzender des Weinkonvent Uhlbach, einer Weinbaugenossenschaft von Winzern aus den Orten Rotenberg und Uhlbach. Seither mühten sie sich redlich, aus ihren Reben den besten Ertrag herauszuholen. Mit Erfolg. Der Wein wurde über die Landesgrenzen hinaus geschätzt, doch, so die Meinung des Vorsitzenden Andre Kalter, wäre eine weitere Expansion erstrebenswert. Dies stand jetzt auf der Tagesordnung ihrer vierteljährlichen Sitzung.
»Wir müssen lokal denken, aber global handeln. Dann können wir noch mehr aus unseren Reben rausholen. Wir haben hier die besten Voraussetzungen. Mit den Badenern oder Pfälzern halten wir doch locker mit, was die Qualität angeht. Wenn wir nicht sogar besser sind. Think local and act global.«
»Der Spruch hert sich bled a. Think local and act global. Mir sen a Weingenossenschaft, ond des wellet m’r au bleibe. Da kannscht d’r dein Spruch sonscht wo no bebbe.«
Die Antwort von Gerd Bäuerle, einem der Wengerter aus Uhlbach, kam nicht überraschend.
»Weil i da grad was von global g’hört hab, wo isch dei Klo. De Viertele wellet raus.«
Hans Kupernick, Sohn schlesischer Einwanderer, mit fast 90 Jahren der Älteste der Runde, erhob sich schwerfällig von seinem Stuhl, was angesichts von vier Viertele kein Wunder war. Verwunderlich schien eher, dass seine Blase dem Druck solang standhalten konnte.
»Gang runter, dann links«, antwortete Kalter, der zweifelte, ob er die Toilette finden würde.
»Aber ned, dass du mir bei de Mädle nei goascht«, feixte einer der Winzer.
»Halt dei Gosch, du bleder Bachel«, kam es als prompte Antwort vom alten Hans, der sich im Watschelschritt seinem Ziel näherte.
»Mir hen nix davo, wenn dann so an Haufe Tourischte aus was weiß i woher kommet. D’r oinzige, wo sich freit, bisch du, weil dei Zimmer elle ausgebucht sen. Aber i han da koi Luscht druf. Sag i dir ganz ehrlich. Mir han jetzt scho kaum Parkplätz, weil die Seggel überall Radweg napflanze müsset. Mit mehr Tourischte wird’s no schlimmer. Noi, da beischt du bei mir uff Granit«, gab Wolfgang Sulzgrieser zu bedenken.
»Ond die viele Busse mit denne Asiate. Bloß ned«, jammerte der alte Hans, der, augenscheinlich erleichtert, wieder von der Toilette zurückkam.
Andre Kalter merkte, heute konnte er mit keinem der Wengerter einen Deal machen, geschweige denn vernünftig reden. Zum Glück, so dachte er nicht ohne Hintergedanken, waren die meisten von ihnen schon in einem Alter, wo sich die Erben die Hände rieben.
»Meinetwegen«, versuchte er, die Winzer zu beruhigen, »dann diskutieren wir eben ein anderes Mal darüber.«
Dafür erntete er ein zustimmendes Nicken.
»Dein Zwiebelrostbraten ist aller Ehren wert. Da musst du deinen Koch mal loben. Auch die Trollingersoße. Da könnt ich mich reinlegen«, meinte Holger Bühler. Er war etwas älter als Andre Kalter und stand kurz vor dem 50. Geburtstag. Jener unterstützte, als einer der wenigen, seinen Vorschlag nach einer Expansion des Weinkonvents Uhlbach.
»Ich werd’s ihm ausrichten«, tat Kalter das durchaus ernst gemeinte Lob an seinen Koch beiläufig ab.
Sie ließen den Abend gemeinsam ausklingen. Langsam, aber sicher näherte sich den angeheiterten Winzer die Sperrstunde. Daraufhin verschwand ein jeder wieder nach Hause zu seiner Gattin, über die eben noch gelästert worden war. Daheim sah die Welt dann freilich ganz anders aus.
Nachdem alle Wengerter gegangen waren, saß Gerd Bäuerle allein am Tisch und schlotzte seinen Lemberger vom Uhlbacher Götzenberg.
»Trink aus, ich muss gleich zu machen, sonst hab ich die Leute vom Ordnungsamt am Hals«, rief ihm Kalter zu, der hinter dem Tresen die leeren Gläser von Hand spülte.
»Ich denke, wir sollten uns mal unterhalten«, begann Bäuerle, während er sein Glas auf dem Tisch im Kreis drehte.
»Wir haben uns doch jetzt die ganze Zeit unterhalten. Was willst du noch besprechen?«
»Es geht um deinen Weinberg«, fuhr Bäuerle fort und ließ dann eine kurze Pause folgen. »Du weißt so gut wie ich, die Menge, die du verkaufst, lässt sich niemals mit dem Ertrag aus deinem Weinberg erreichen. So etwas ist unmöglich.«
Andre Kalter trocknete die Weingläser ab und stellte sie fein säuberlich ins Regal oberhalb des Tresens. Danach legte er sein Geschirrtuch beiseite.
»Was willst du mir damit sagen?«, fragte er lauernd.
»Tu nicht so blöd. Ich kann rechnen.« Bäuerle tippte sich mit dem Finger an seinen Kopf.
»Na, wenn du so gut rechnen kannst, dann weißt du ja, was du mir für den Rostbraten und die sechs Viertele schuldig bist«, gab der Wirt unbeeindruckt zurück.
»Du denkst, du kannst dich blöd stellen? Warts mal ab!«, drohte Bäuerle, stand auf und knallte ihm mit der Bemerkung: »Stimmt so«, 50 Euro auf den Tresen, um grußlos durch die Tür hinaus in die kalte Januarnacht zu verschwinden.
Im Türrahmen stehend drehte er sich noch einmal um.
»Du vergisst, wer dir damals den Arsch gerettet hat, als du kurz vor der Pleite warst.«
Er tippte sich mit dem Finger auf seine Brust.
»Ich habe dir deinen Daimler abgekauft, sonst hättest du die Schulden bei der Bank niemals tilgen können.«
Kalter zuckte mit den Schultern.
»Ich weiß nicht, was du willst«, gab er zurück. »Dafür hast du ja zu einem ziemlich fairen Preis, wie ich meine, den schicken Oldtimer bekommen. Es ist ja nicht so, dass du mir dieses Geld geschenkt hast. Immerhin warst du schon eine Weile scharf auf den Wagen.«
»Pah!« Bäuerle drehte sich um, dann verschwand er in der Dunkelheit.
»Maurizio, mach Feierabend«, rief Kalter in die Küche. »Kommt Raffael morgen?«
»Si, der kommt. Sicher. Was wollte der grad eben von Ihnen?«, erkundigte sich der Koch mit den schwarzgelockten Haaren.
Maurizio Carnevale war seit einigen Jahren bei Kalter angestellt. Beide hatten sich bei der Besichtigung eines Weingutes in Südtirol kennengelernt. Vom dortigen Winzer, einem nahen Verwandten, wurde er in den höchsten Tönen gelobt. Da Kalter für sein Restaurant einen neuen Koch benötigte – der alte hatte aufgrund von Meinungsverschiedenheiten, was die Speisekarte anging, hingeschmissen – einigte man sich recht schnell. Der kleine Italiener, Anfang 50, stellte sich derweil als Glücksgriff heraus.
Die Kochkünste des aus Sizilien stammenden Mannes machten sein Lokal weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und sorgten dafür, dass auch unter der Woche nie ein Mangel an Gästen herrschte. Einzig die Tatsache, am Wochenende nicht arbeiten zu wollen, nahm er widerwillig zur Kenntnis. Der Ersatz, ein Cousin von Carnevale, den er stattdessen schickte, stand dessen Kochkünsten aber in nichts nach.
»Nichts weiter«, gab Kalter auf die Frage seines Kochs zurück. »Nur etwas Belangloses. Aber dein Zwiebelrostbraten wurde über die Maßen gelobt.«
»So etwas freut mich«, lachte er mit seinem italienischen Dialekt, »dann kann ich ja jetzt Schluss machen.«
»Mach’s gut«, rief Kalter hinter ihm her, als der Koch wenig später durch die Tür in die Nacht verschwand. Er hörte noch, wie der Italiener seinen alten Fiat 500 nach einigen Versuchen zum Laufen brachte. Kurz darauf schaltete er dann selbst das Licht aus.
Montag
Tübingen lag an diesem kalten Januartag, es herrschten Temperaturen um die minus zehn Grad, ruhig am Ufer des Neckars, schien sich für jenes bevorstehende Ereignis, welches hier stattfinden würde, nicht sonderlich zu interessieren. Mit der 1477 gegründeten Eberhard Karls Universität gehörte sie zu den ältesten Universitätsstädten in Deutschland. Die Lehranstalt ruhte umgeben von sattem Grün mitten in der Stadt. Eine fast schon gespenstische Ruhe lag an diesem frühen Morgen auf dem Campus. Was sich bald ändern würde, wenn Heerscharen von Studenten sowie Dozenten hereinströmten.
Ähnlich sah die Sache bei Walter Riegelgraf, dem Rechtsmediziner aus Stuttgart, aus. Er sollte just an diesem Tag von der Universität Tübingen seine Ehrendoktorwürde erhalten. Davon hatte er insgeheim nicht nur geträumt, sondern auch darauf gehofft. Es war, so seine Meinung, nur eine Frage der Zeit gewesen, bis man ihm diesen Titel verlieh. Doch heute, am Ziel seiner Träume angelangt, überkam ihn ein mulmiges Gefühl.
Die Laudatio, die sein ehemaliger Professor auf ihn halten würde, war die angenehme Seite der Medaille. Doch er kam nicht umhin, selbst eine Rede vortragen. Dabei würden sich alle Augen, insbesondere die seiner geschätzten Kollegen von der Kripo Stuttgart, die sich dieses Ereignis auf keinen Fall entgehen lassen wollten, auf ihn richten. Allein die Vorstellung trieb ihm trotz des kalten Wetters Schweißperlen auf die Stirn.
Wochenlang feilte er an seiner Rede, schrieb diese mehrmals um, korrigierte sie, warf den Zettel weg, kramte ihn wieder hervor. Doch jetzt, wenige Stunden vor seinem Auftritt, hätte er am liebsten kehrtgemacht, um sich in seinem Büro im Untergeschoss des Katharinenhospitals zu verstecken. Aber alles Jammern half nichts, er musste da durch.
Aus der Ferne hörte er das bekannte sonore Brummen eines V8 Motors. Dabei konnte es sich nur um Frank Jonas’ Mercedes handeln. Wie er seinen Kollegen, Oberkommissar Richard Bauer, kannte, nutzte dieser die Gelegenheit, ganz die schwäbische Gewohnheit, sich chauffieren zu lassen.
Er selbst besaß einen alten blauen VW Käfer aus dem Jahre 1977 mit weißen Ledersitzen. Der Oldtimer durfte trotz des kürzlich verhängten Dieselfahrverbotes in die Stadt, da er über ein sogenanntes H-Kennzeichen verfügte, doch allein die Abgase aus diesem Auto hätten gereicht, die Grenzwerte am Neckartor für mindestens ein Jahr zu überschreiten.
Frank Jonas stellte seinen weißen E-Klasse Kombi auf dem Parkplatz vor den Vorlesungsräumen der Universität in der Nauklerstraße neben dem blauen VW Käfer ab.
Er stieg aus und umarmte Walter Riegelgraf.
»Na, schon aufgeregt Herr Doktor honoris causa?«, grinste er schelmisch.
Kommissarin Lisa Danninger, die ebenfalls mitgekommen war, nahm ihn zur Begrüßung in den Arm, was der offenkundig genoss.
»Wir sind ja da«, fügte sie aufmunternd hinzu.
»Das ist es, was mich nervös macht«, seufzte er.
Richard Bauer kam auf ihn zu und drückte ihm die Hand. »Sei froh, wenn’s Pult etwas höher ist, dann sieht man deine Plauze nicht«, lachte er, als er Riegelgraf begrüßte. »Die könnte sonst zu sehr von deiner Rede ablenken.«
»Der Tag wird kommen, an dem du bei mir auf dem Tisch liegst. Wenn du so weitermachst, dann kommt er sehr bald«, drohte ihm Walter Riegelgraf mit einem Augenzwinkern.
Inzwischen traf auch Adelbert Herzog mit ihrem neuen Chef Horst Müller-Huber ein.
Nachdem ihr früherer Kriminaldirektor, Hans-Jürgen Engler, beim letzten Fall versucht hatte, etwas von dem sichergestellten Geld für sich abzuzweigen, nutzten Frank und Richard die Gunst der Stunde, den allseits ungeliebten Vorgesetzten loszuwerden. Jener ließ sich daraufhin in seine Heimatstadt Hamburg zurückversetzen. Auf eigenen Wunsch natürlich.
Ihr neuer Chef war ein umgänglicher Mittfünfziger, der bis jetzt einen positiven Eindruck hinterließ. Ruhig und unaufgeregt ging er die Sachen an. Einzig die Tatsache, jedes Mal aufs Klingeln seines Telefons mit einem lang gezogenen »Och neee« zu reagieren, erschien allen etwas befremdlich. Ansonsten schien er ein leutseliger Mensch zu sein, im Gegensatz zu ihrem früheren Chef.
Als Letzter trudelte wenig später Manfred Gühring ein, der von Richard aufgrund seiner Figur sowie dessen nicht so üppigen Haarwuchses die Bezeichnung »Schwaben-Tyson« verpasst bekam.
»Habt ihr alle auf mich gewartet?«, fragte er mit unschuldiger Miene in die Runde.
»Selbstverständlich«, meinte Walter Riegelgraf. »Wir würden doch nie ohne dich anfangen.«
Es kamen noch ein paar alte Weggefährten des allseits beliebten Rechtsmediziners dazu, unter ihnen seine flippige Assistentin Yvonne, sodass sich die Anzahl der Personen letztlich auf 20 belief.
Im Gebhard-Müller-Saal waren für die Veranstaltung extra vier Stuhlreihen mit je fünf Sitzplätzen zurechtgestellt worden.
Nachdem alle Platz genommen hatten, begab sich Professor Hugo Brackmayer, sein früherer Lehrmeister und heutiger Dekan der Universität Tübingen, ans Rednerpult.
»Mein lieber Walter«, begann er, »vor etwas mehr als 30 Jahren hast du diese Räume hier zum ersten Mal betreten. Lang ist es her. Wer von uns konnte damals ahnen, dass wir uns heute wieder treffen, um dir die Ehrendoktorwürde unserer Universität zu verleihen. Aber ich denke, in Anbetracht der Leistungen, die du in den letzten Jahren vollbracht hast, ist dies nur allzu gerecht. Ich wünsche dir noch viele weitere erfolgreiche Jahre im Kreis deiner Kolleginnen und Kollegen.«
Es folgte tosender Applaus, als ein offenkundig bewegter Walter Riegelgraf mit einer Träne der Rührung im Auge sich erhob, um von Professor Brackmayer seine langersehnte Ehrendoktorwürde in Empfang zu nehmen.
Dann stellte er sich vors Rednerpult, um den Zettel mit seiner Rede hervorzuholen.
»Vielen Dank erst mal, Professor Brackmayer, für diese Ehre. Aber ohne mein Team sowie die hier anwesenden Kollegen wäre ich nie imstande gewesen, mich so weit zu entwickeln. Auch euch gebührt mein Dank.«
Erneut brandete Applaus auf, dann fuhr Walter Riegelgraf fort.
»Man muss allerdings dazusagen, denn dies ist die dunkle Seite an meinem Beruf, täglich werden wir mit dem Leid anderer Menschen konfrontiert. Den Schmerz über den Verlust können wir ihnen nicht abnehmen, aber lindern, indem wir alles versuchen, die Tat aufzuklären. Dazu trage ich, tragen meine Kollegen der Kripo Stuttgart ihren Teil bei. Obwohl wir manchmal glücklicher wären, wenn wir nicht so viel zu tun hätten.«
Er schloss seine Rede und begab sich wieder an seinen Platz.
Die Universität hatte aus ihrem Budget für den neuen Ehrendoktor in der Mensa einen kleinen Umtrunk bereitgestellt. Diesen, zusammen mit ein paar Häppchen, ließen sie sich kurz darauf schmecken. Horst Müller-Huber war derweil damit beschäftigt, alle Köstlichkeiten durchzuprobieren, während die anderen Small Talk betrieben.
»Ist das jetzt unser Mittagessen?«, erkundigte sich Frank bei Richard, der an einem Glas Sekt nippte.
»Nein, keine Angst. Walter hat uns zum Abendessen eingeladen. Wir sollen es aber nicht so groß rumerzählen, weil er sonst alle mitnehmen müsste. Er wollte nur die engsten Kollegen dabei haben.«
»Versteh ich«, erwiderte Frank, »schließlich versorgen wir ihn ja mit Arbeit. Wohin geht’s denn heute Abend?«
»Ein sehr gutes Lokal in Uhlbach. Kalter Besen heißt es. Ich bin noch nie dort gewesen, aber Walter schwärmt davon, dort gibt’s den besten Zwiebelrostbraten der Region. Mit einem italienischen Koch.«
»Ein italienischer Koch, der Zwiebelrostbraten machen kann? Da bin ich gespannt.«
Frank bewegte sich aufs Buffet mit den Häppchen zu.
»Na, Herr Jonas, noch hungrig? Man weiß ja nie, wann wieder was kommt«, lachte Horst Müller-Huber. Auch ihn hatte Walter Riegelgraf heute Abend mit eingeladen.
»Da gebe ich Ihnen uneingeschränkt recht, Chef«, grinste Frank. Er fand ihn bis jetzt konziliant, war er doch das genaue Gegenteil seines früheren Vorgesetzten. Statistiken interessierten ihn nicht im Geringsten. Anfragen nach solchen bügelte er mit der Begründung »Dafür gibt es ein Statistisches Landesamt« ab. Einzig die Tatsache, dass er aufs Klingeln seines Telefons mit erhöhter Nervosität reagierte, konnte man ihm als Schwäche auslegen. Ansonsten aber fand Frank bis jetzt kein Haar in der Suppe, was für seine Verhältnisse bemerkenswert war.
»Ich sehe, ihr zwei sorgt dafür, dass nichts übrigbleibt«, gesellte sich ein erkennbar erleichterter Walter Riegelgraf zu ihnen.
»Wenn nicht wir, wer dann?«, gab Müller-Huber zurück.
»Habe ich vorher Tränen der Rührung in deinen Augen gesehen?«, zog Frank ihn auf.
»Nein, da täuschst du dich. Lag wahrscheinlich an der trockenen Luft«, redete sich Riegelgraf raus, um dann hinzufügen: »Ihr wisst, wie man nach Uhlbach in den Kalten Besen kommt?«
»Mach dir keine Sorgen, wenn’s ums Essen geht, brauch ich kein Navi, dann verlass ich mich auf meinen Magen«, grinste Frank, um sich zur Bestätigung über den Selbigen zu reiben.
In der letzten Zeit ging es etwas geruhsamer zu. Seit dem schwierigen Fall im September war es, bis auf den Personalwechsel, zu keinem größeren Ereignis gekommen.
Doch dies sollte sich bald ändern.
*
Walter Riegelgraf hatte in dem Restaurant Kalter Besen einen Tisch etwas abseits des normalen Publikumsverkehrs reserviert. Das Lokal lag inmitten des kleinen am Rande von Stuttgart von Weinbergen umgebenen Örtchens Uhlbach, gleich neben der Alten Kelter, die schon im Jahre 1366 erstmals amtlich erwähnt wurde. Für einen Montagabend war das Restaurant sehr gut besucht, somit machte es durchaus Sinn zu reservieren.
Frank, Richard sowie Lisa kamen etwas später an, weil dieser partout nicht auf seinen Kollegen hören wollte, der ihn vor dem Stau auf der B27 warnte und empfahl, über die Straße am Flughafen auszuweichen. Allen Unkenrufen zum Trotz standen sie dann eine gefühlte Ewigkeit auf der B27 im Feierabendverkehr.
»Habt ihr’s doch noch geschafft«, erkundigte sich Walter Riegelgraf, und Manfred Gühring fügte frech hinzu: »So groß kann der Hunger von Frank nicht gewesen sein, sonst wärt ihr mindestens eine Stunde vor uns dagewesen.«
Der murmelte was in seinen nicht vorhandenen Bart, dann setzte er sich mit den beiden an den runden Tisch in der Ecke des Restaurants.
Andre Kalter, der Inhaber des seinen Namen tragenden Lokals, begrüßte sie freundlich und erkundigte sich nach den Getränkewünschen der Anwesenden.
Anschließend ließ er seine Gäste mit der Auswahl der Speisen allein.
»Du sagst, der Rostbraten hier wäre gut?«, fragte Richard.
»Nicht nur gut, sondern ausgezeichnet«, korrigierte ihn Walter Riegelgraf.
Mit Blick auf dessen Bauch fragte der: »Welchen Salat isst du?«
Frank konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, stieß Richard aber trotzdem in die Seite. »Schon vergessen, er zahlt heute. Also gönn ihm den Spaß.«
»Von mir aus gern«, hob dieser frech grinsend seine Stimme an. »Meine Plauze ist es ja nicht.«
Bis auf Manfred Gühring, der sich für die geschmälzten Maultaschen in einer Bratensoße entschied, folgten alle anderen Gäste der Empfehlung von Walter Riegelgraf und nahmen den Rostbraten mit Spätzle, beziehungsweise im Fall von Frank mit Bratkartoffeln.
Die Stimmung in der Runde war gelöst. Horst Müller-Huber gab einen kleinen Einblick in seine bisherige kriminalistische Laufbahn. Für einen Lacher sorgte dieser, nachdem er erzählte, wie er einst aus Versehen mit dem Traktor durchs Rosenbeet seiner Frau fuhr. Jenes daraus resultierende blaue Auge, so berichtete er es seinen Kollegen, hätte er sich bei der Verhaftung eines Verdächtigen zugezogen.
Kurz darauf kündigte sich der von allen mit Spannung erwartete Zwiebelrostbraten an. Frank nahm mit seiner Nase zuerst Witterung auf, daraufhin setzte er die anderen vom herannahenden Essen in Kenntnis.
Tatsächlich landete der Rostbraten in Kombination mit den Bratkartoffeln sowie der obligatorischen Trollingersoße, auf seiner internen Hitliste sehr weit oben. Frank, ein Kenner auf dem Gebiet, musste es wissen.
»Puh, jetzt bin ich aber pappsatt«, stöhnte ein rundum zufriedener Walter Riegelgraf.
»Ich auch«, antwortete Richard, »bis Mittwoch brauch ich nichts mehr.«
Man trank einen Obstler lokaler Herkunft zur besseren Verdauung des Essens, dann erzählte man sich einige Anekdoten aus den gemeinsamen Dienstjahren. Lisa Danninger lehnte sich zufrieden an die Schulter von Frank Jonas.
Als sie kurz darauf aufbrachen, die Zeiger der Uhr zeigten 22 Uhr abends, und bis auf ein paar Stammgäste hatten die meisten Gäste das Lokal bereits verlassen, ertönte aus heiterem Himmel ein heftiger Wortstreit aus der Küche.
»Du biste blöd in deinem Kopf«, schimpfte eine italienische Stimme. »Kannste nix mal eine Soße umrühren, du bleder Grieche.«
»Halt dein Maul, du Meterfünfzwerg, sonst häng ich dich am Kleiderhaken auf. Dann sollst du dort versauern, bis die Ratten dich fressen«, kam die ebenso freundliche Antwort.
Man hörte etwas fliegen, was stark an Geschirr erinnerte, dann herrschte Ruhe.
Die Gäste am Stammtisch grinsten, während sich die Runde um Walter Riegelgraf fragend anschaute.
»Was war das denn?«, erkundigte sich Adelbert Herzog, der an diesem Abend noch nicht groß durch Wortbeiträge auf sich aufmerksam gemacht hatte. Aber der Experte auf dem Gebiet der Spurensicherung galt sowieso nicht als ausgewiesenes Redetalent. Sein Wissen jedoch reichte weit über die Grenzen der Landeshauptstadt hinaus, auch sein fachlicher Rat wurde allseits geschätzt und geachtet.
»Hat man doch gehört«, erwiderte Frank lakonisch, »die Soße war nicht gut. Anscheinend hat das Geschirr sein Ziel erreicht, sonst wär jetzt keine Ruhe.«
»Vielleicht kriegt der Walter demnächst wieder Arbeit«, feixte Richard. Alle anderen grinsten.
»Lieber nicht, nicht heute«, antwortete der mit einem tiefen Seufzen in der Stimme.
Als Andre Kalter die Gäste verabschiedete, erkundigten sie sich nach dem Vorfall in der Küche.
»Ach, nichts weiter. Mein Koch und unser Kellner, die sind wie ein altes Ehepaar. Das kennen wir hier schon. Manchmal ist es ganz amüsant. Aber heute hat’s der Grieche wieder mal übertrieben. Morgen ist die Sache wieder vergessen.«
»Der Zwiebelrostbraten hat wirklich sehr gut geschmeckt«, sagte Frank. »Loben Sie den Koch, er hat es sich verdient.«
»Ich werd’s ihm ausrichten. Er freut sich immer, wenn die Gäste zufrieden sind«, antwortete Andre Kalter.
Sie verabschiedeten sich alle voneinander, was nochmals eine gefühlte Ewigkeit in Anspruch nahm, und fuhren dann ein jeder in sein Domizil.
Dienstag
Der Rebschnitt war für Gerd Bäuerle und alle anderen Winzer eine besonders zeitintensive Arbeit. Jeder einzelne Stock musste begutachtet sowie individuell bearbeitet werden – dies konnte, bei allem technischen Fortschritt, keine Maschine der Welt für ihn erledigen. Allerdings durfte man den Schnitt nicht allzu früh angehen, da der Weinstock womöglich noch arbeitete. Doch jetzt, im Januar, schien die Rückverlagerung der Reservestoffe abgeschlossen, der ganze Saft hatte sich in die Wurzeln zurückgezogen, weshalb Gerd Bäuerle an diesem kalten Morgen beruhigt mit dem Beschneiden beginnen konnte.
An Tagen wie diesen, wenn er allein im Weinberg unterwegs war, wo nur die rotbraunen Triebe der Reben einen Akzent in der trostlosen Landschaft setzten, bereitete ihm seine Arbeit Freude.
Getrübt wurde diese jedoch dadurch, dass ihm Andre Kalter stets eine Nasenlänge bei Qualität und Ertrag voraus schien, was streng genommen gar nicht möglich sein durfte. Trotz alledem wurde er von ihm bei der letzten Blindverkostung des Weinkonvents Uhlbach erneut, wenn auch knapp, auf den undankbaren zweiten Platz verwiesen.
Dieses Jahr, so viel war sicher, würde sein Plan Früchte tragen oder – dabei konnte er sich ein Lächeln nicht verkneifen – eben nicht.
Nach getaner Arbeit wollte er sich auf den Heimweg begeben, der ihn durch die Weinberge des Uhlbacher Götzenberges führte. An der Weggabelung, von der es linker Hand zu einem wegen seiner guten Lage bekannten Ausflugslokal ging, hielt er inne. Verfolgte ihn da etwa jemand? Oder handelte es sich nur um einen dieser verrückten Jogger, die um diese frühe Stunde ihr Unwesen in den Weinbergen Uhlbachs trieben?
Gerd Bäuerle ließ sich nicht weiter beirren. Er setzte seinen Weg durch die Reben nach unten ins Dorf fort, da stand bei dem großen Stein wie aus dem Nichts jemand vor ihm und fing an, wie wild auf ihn einzureden.
Er kannte die Person nur zu gut, hätte jedoch nicht erwartet, ihn heute Morgen hier anzutreffen. Es entwickelte sich ein hitziger Wortstreit, an dessen Ende sein Gegenüber eine Flasche Wein in der Hand hielt, die er Bäuerle auf den Kopf schlug. Daraufhin drehte der Angreifer sich um und ging davon, als wenn nichts gewesen wäre.
Bevor er gewahr wurde, wie stark er blutete, stand erneut jemand in einem dunklen Jogginganzug und mit einer Mütze, die er sich tief ins Gesicht gezogen hatte, vor ihm.
»Na, erinnerst du dich an mich, du mieses Schwein?«
Bäuerle hielt inne. Kannte er dieses Gesicht? Doch im Augenblick konnte er keinen klaren Gedanken fassen. Alle seine Instinkte schienen auf Überleben gepolt. Er wollte weglaufen, doch die Beine versagten ihren Dienst, sodass er sich an den großen Stein lehnen musste.
»Heute wirst du dafür bezahlen.«
Bäuerles letzter Blick fiel abermals auf die Weinflasche. Dann traf ihn diese erneut mit voller Wucht im Gesicht. Ein heftiger Schmerz durchfuhr ihn, als er mit dem Kopf auf den Boden knallte. Langsam wurde alles unscharf. So sieht der Tod aus, dachte er, während es um ihn herum für immer dunkel wurde.
*
Nein, der Wecker von Frank Jonas würde in absehbarer Zeit, zumindest aber bis zu seinem Ruhestand, kein Freund mehr werden. Die Versuche, jenes nervtötende Klingeln an dem Gerät zu eliminieren, waren nicht von Erfolg gekrönt. Erst eine Weile später stellte er fest, nicht der Wecker, sondern sein Telefon war die Ursache der morgendlichen Störung. Denn ginge es nach der Uhr, so hätte er noch über eine Stunde liegen bleiben können.
»Wer ist denn da?«, murmelte er.
»Weißhaar Gerhard, Polizeiobermeister von der Polizeidirektion Untertürkheim. Sind Sie von der Kripo Stuttgart?«, erkundigte er sich.
»Kommt drauf an, um was es geht. Bei Diebstahl oder Schlägereien nicht«, gab Frank zurück, der hoffte, der Beamte würde sagen, er hätte sich verwählt. Doch Gegenteiliges war der Fall.
»Na, dann bin ich ja bei Ihnen richtig. Wir haben eine Leiche in Uhlbach im Weinberg, genauer gesagt im Götzenberg, gefunden. Könnte ein Tötungsdelikt sein.«
»Könnte?«, fragte Frank.
»Na ja, ich glaub kaum, dass er sich die Flasche Wein, die neben ihm liegt, selbst über den Kopf geschlagen hat.«
Da mochte er recht haben, was bedeutete, es gab zwangsläufig wieder Arbeit für ihn sowie seine Kollegen.
»Götzenberg? Kenn ich nicht. Wie komm ich dahin? Ist die Spurensicherung schon informiert?«, wollte er wissen.
Weißhaar gab ihm eine derart ausführliche und detaillierte Wegbeschreibung durch, dass Frank bereits nach dem zweiten Satz den Faden verlor.
»Die sind schon auf dem Weg. Der eine Kollege, Herzog heißt er, glaube ich, wohnt ja gleich ums Eck«, beendete der Beamte letztendlich seinen Redeschwall.
Frank erinnerte sich dunkel daran, Adelbert Herzog erwähnte einmal, in Uhlbach ein Haus zu haben. Dann hatte er wahrhaftig einen kurzen Weg. Mord vor der Haustür quasi.
Er zog sich an, während die Kaffeemaschine in der Küche blubberte, um jenes dunkle Gebräu mit dem anregenden, würzigen Duft durch den Filter laufen zu lassen.
Wenig später saß er am Tisch in der Küche und schlürfte seinen ersten Kaffee. Ohne diesen wurde Arbeit gar nicht in Erwägung gezogen, geschweige denn eine Konversation bestehend aus mehr als einem Satz. Die meisten seiner Kollegen respektierten diesen Spleen. Derjenige, der trotzdem versuchte, mit Frank ein Gespräch aufzubauen, merkte schnell, welch hoffnungsloses Unterfangen dies war. Richard hatte es in den Anfangsjahren ihres gemeinsamen Dienstes ein paar Mal probiert, jedoch bald die Segel gestrichen.
Richard Bauer war Oberkommissar bei der Kripo Stuttgart, so die offizielle Bezeichnung seines Dienstgrades. Auf diese legte er allerdings keinen großen Wert. Mit seinen über 30 Jahren Erfahrung galt er im wahrsten Sinne des Wortes als graue Eminenz der Kriminaldirektion eins. Kurze Zeit später klingelte es bei ihm.
»Du bist ja schon wach«, wurde Frank von ihm begrüßt. »Wie kommt’s?«
»Komm rein, trink einen Kaffee und hör zu«, bekam er von einem unausgeschlafenen Frank Jonas zu hören. »Wir haben einen Mord im Uhlbacher Götzenberg.«
So leicht ihm dieser Satz nach mehr als 20 Jahren bei der Kripo Stuttgart über die Lippen zu kommen schien, für die Angehörigen des Opfers brach mit diesem Ereignis immer eine, wenn auch manchmal nicht so heile, Welt zusammen.
»Uhlbacher Götzenberg«, sinnierte Richard, »sagt mir was.«
»Der Kollege von der Polizeidirektion in Untertürkheim hat mir den Weg äußerst ausführlich beschrieben. So ausführlich, dass ich am Ende gar nichts verstanden habe. Aber Uhlbach werden wir schon finden, von dort ist es wahrscheinlich auch nicht mehr weit«, sprach er zu sich selbst.
Richard schien angestrengt zu überlegen, woher ihm der Name bekannt vorkam.
»Ah, jetzt weiß ich!«, rief er, sodass Frank vor Schreck fast die Tasse mit dem Kaffee aus der Hand gefallen wäre.
»Mann, schrei doch nicht so!«, schimpfte dieser.
Richard erzählte etwas von einer Judith Langer, die er vor einem Jahr kennengelernt hatte. Mit jener ging’s dann, so seine vage Erinnerung, auf eines der zahlreichen Weinfeste, die im Herbst rund um die Grabkapelle am Württemberg stattfanden und Heerscharen von Besuchern aus Stuttgart sowie der nahen Umgebung anzogen.
»Na, dann weißt du ja, wo sich der Tatort befindet. Lass uns losfahren«, erwiderte Frank. Derweil begann Richard, immer blumiger, respektive detaillierter über jene Judith zu erzählen. Er schien schon geneigt zu fragen, was denn dann einer Hochzeit im Wege gestanden habe.
Aber dies war bei seinem Kollegen ein heikles Thema. Schnitt man es zu einem ungünstigen Zeitpunkt an, so musste man darauf gefasst sein, sich den Weg seiner Scheidung sowie jenes damit verbundene Drama in mehreren Akten anzuhören. Frank war an diesem kalten, aber trockenen Januarmorgen nicht wirklich auf ausführliche Konversation aus.
Ausnahmsweise fuhren sie heute mit Richards Auto. Seine »alte Mühle«, wie Frank den blauen Opel stets spöttisch nannte, hatte zum Glück den Geist aufgegeben. Der Oberkommissar sah sich daher gezwungen, seine schwäbische Tugend der Sparsamkeit zu unterdrücken, um ein Autohaus aufzusuchen. Nach zähem Ringen sowie einem den Tränen nahem Autoverkäufer, der ob der Verhandlung mit Richard schon an einen Berufswechsel dachte, kaufte er sich ein SUV einer bekannten Marke aus Niedersachsen. Seine Versuche, ihn für ein schwäbisches Fabrikat entweder aus Sindelfingen oder Zuffenhausen zu begeistern, wurden mit der Begründung, dies sprenge seinen finanziellen Rahmen, abgeschmettert. So saß Frank Jonas heute Morgen neben einem glücklich dreinblickenden Kollegen in dessen SUV.
Das digitale Thermometer zeigte eine Außentemperatur unter dem Gefrierpunkt. Je weiter sie sich den Außenbezirken der Stadt näherten, desto tiefer fiel die Temperatur. In Uhlbach angekommen, wurden gar zweistellige Grade unter null angezeigt.
»Wohin jetzt?«, fragte Frank seinen ratlos dreinblickenden Kollegen, der an der Bushaltestelle rechts ranfuhr, um sich zu orientieren. In diesem Moment hörten sie ein sich von hinten näherndes Geräusch, welches ihm bekannt vorkam. Nachdem es immer lauter wurde, sahen sie, in eine weiße Nebelwolke eingehüllt, einen blauen VW Käfer, der augenscheinlich dem seit Kurzem mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichneten Walter Riegelgraf gehörte. Jener hatte neuerdings auch eine Visitenkarte, auf der in vergoldeten Lettern »Dr. h.c. Walter Riegelgraf, Rechtsmediziner« stand.
»Ich glaube, wir folgen der Wolke«, meinte Frank süffisant, »die sollte uns ans Ziel bringen.«
»Meinst du?«, erkundigte sich Richard skeptisch.
»Hat beim Moses damals auch geklappt. Also warum nicht auch bei uns?«
Sie folgten dem blauen VW Käfer, der in einem atemberaubenden Tempo bei der Kirche rechts abbog. Das Gefährt raste durch die engen Gassen des Örtchens in Richtung der Weinberge, als gäbe es kein Morgen. Dabei wurden die noch friedlich schlafenden Bewohner durch das Röhren des Vierzylinders unsanft aus dem Schlaf geholt.
»Der fährt wie eine gesengte Sau«, murmelte Richard. Er hatte trotz seines gut motorisierten SUV Mühe, bei diesem Tempo mitzuhalten. Kurz nach dem Ortsausgang bog Walter Riegelgraf links auf eine Weinbergstraße ab, der er zielsicher folgte. Etwas oberhalb der Weinberge sahen sie schon die Blaulichter sowie die rot-weißen Absperrbänder, welche den vermeintlichen Tatort kennzeichneten.
»Hier ist also der Uhlbacher Götzenberg«, stellte Frank nüchtern fest.
»Schaut so aus«, antwortete Richard, der mittlerweile die Umluft einschalten musste, um dem Gestank aus dem Vierzylinder des vor ihm fahrenden Walter Riegelgraf zu entgehen.
Der unweit der ehemaligen Stammburg der Württemberger gelegene Götzenberg lag in einem vor Nord- und Ostwind geschützten, sich zum kleinen Kessel öffnenden Seitental des Neckars oberhalb des Stuttgarter Ortsteil Uhlbach. Der Name ging auf einen Fund einer antiken Kultstätte aus der Hallstattzeit im Jahr 1820 zurück.
Der leicht erwärmbare Schilfsandsteinboden des mittleren Keupers prägte diese Lage ebenso wie die gute Durchlüftung, die durch ein sich bei Sonneneinstrahlung einstellendes thermisches Aufwindsystem bedingt wurde. Dadurch waren an dieser Seite des Tales besonders lange Reifezeiten der Reben möglich.
Mit quietschenden Reifen kam das vor ihnen fahrende Vehikel ruckartig zum Stillstand. Kurz darauf, so sah es zumindest aus, schälte sich ein bis zur Unkenntlichkeit vermummter Walter Riegelgraf aus dem blauen VW Käfer.
»Einen wunderschönen guten Morgen, die Herren von der Kripo. Ich hoffe, Sie konnten mir einigermaßen folgen«, rief er unbekümmert.
Eigentlich war der Rechtsmediziner stets eine Frohnatur. Frank musste lange nachdenken, um sich daran zu erinnern, wann er ihn einmal schlecht gelaunt bei der Arbeit gesehen hatte.
»Trägst du jetzt neuerdings Bart, oder ist dir Rasieren zu teuer geworden?«, frotzelte Richard, als er aus dem Auto stieg. Mit größter Überwindung entschloss sich Frank, ebenfalls den Wagen zu verlassen, um die anwesenden Kollegen zu begrüßen.
Die verbalen Dialoge des Kripobeamten und des Rechtsmediziners konnten so manche Bibliothek füllen. Dies trug zur allgemeinen Erheiterung bei, vor allem, wenn die Sprache auf die zahlreichen, jedoch meist erfolglosen Diätversuche des stets mit seinem Gewicht kämpfenden Walter Riegelgraf kam.
Doch dem exzellenten Essen seiner Frau daheim konnte er nicht widerstehen. Und wenn es in der Polizeikantine Zwiebelrostbraten mit Spätzle oder eine Rinderroulade gab, schienen die guten Vorsätzen schlagartig vergessen.
»Was haben wir denn hier?«, fragte er den Polizisten, der für die drei das Absperrband in die Höhe lupfte.
»Einen Toten«, war die kurze, knappe Antwort des Beamten. Der scheint noch keinen Kaffee gehabt zu haben, dachte Frank bei sich.
»Ah, die Herren von der Mordkommission sind auch schon zugegen. Schön, dass Sie es einrichten konnten, hierher in die Kälte zu kommen«, wurden sie von einem offenkundig schlecht gelaunten Adelbert Herzog empfangen, der gerade damit beschäftigt war, seine Sachen aus dem Auto zu holen. Wobei schlecht gelaunt auf den Chef der Spurensicherung fast immer zutraf. Dennoch – seine fachlichen Kenntnisse auf diesem Gebiet waren unbestritten. Deutschlandweit kannte man ihn als einen der fähigsten Köpfe. Warum er nicht beim BKA in Wiesbaden arbeitete, konnte man sich nur mit seiner Heimatverbundenheit erklären. Fragen diesbezüglich blockte er jedoch immer ab. »Schwäbisches Understatement«, fügte er dann hinzu.
»Für einen, der hier wohnt, bis du aber auch recht spät dran«, konterte Richard.
»Ich hab noch meinen Kaffee getrunken. So viel Zeit muss sein«, erwiderte Herzog leicht angesäuert. Frank seinerseits verstand sehr gut, konnte man bei diesen sibirischen Temperaturen seine Wohnung doch nicht ohne einen den Körper von innen wärmenden Kaffee verlassen, denn sonst drohten höchstwahrscheinlich Erfrierungen der äußeren Extremitäten.
Er stand mit seiner dicken Jacke, die Hände in den Taschen vergraben, eine Wollmütze auf dem Kopf am Wegrand und wartete, dass man ihn zu der Leiche führte. Eilig schien es an diesem Morgen hier keiner zu haben. Wieso auch. Der oder die Tote konnte nicht mehr weglaufen. Dazu kamen die gefühlten arktischen Temperaturen, die den Verwesungsprozess in erträglichen Grenzen hielten.
»Dort oben liegt die Leich. Schaut grausig aus.« Der Polizeiobermeister Gerhard Weißhaar zeigte mit seiner Hand auf den vor ihnen liegenden Weinberg.
Adelbert Herzog brummte etwas vor sich hin. Offensichtlich störte es ihn, dass wieder jemand vor ihm den Tatort betreten hatte, was meist ein mehr an Arbeit für ihn bedeutete, da etwaige wichtige Spuren unkenntlich gemacht worden waren.
Ein Positives schien die Steigung im Weinberg für alle Anwesenden zu haben: Es wurde ihnen warm, und sie vergaßen für ein paar Minuten die Kälte.
Walter Riegelgraf war schon am Ort angekommen, wo die, wie sich beim Sichtkontakt herausstellte, männliche Leiche eines älteren Mannes zwischen den Weinreben des Götzenbergs lag.
»Tod durch einen Schlag auf den Kopf«, konstatierte Richard beim Anblick des Toten.
Walter Riegelgraf, der sich über die Leiche bückte, blickte nach oben.
»Sieht zumindest so aus. Liegt noch nicht lange hier. Höchstens zwei bis drei Stunden. Eher weniger. Eine genaue Uhrzeit gibt’s erst nach der Obduktion. Vielleicht hat er zu viel getrunken. Wahrscheinlich ist er dann gestürzt.«
Frank stand zwischen den beiden, die Hände in den Taschen, die Mütze tief ins Gesicht gezogen, um der Kälte so wenig nackte Haut wie möglich auszusetzen.
»Ich tippe eher auf Tod durch eine Schusswaffe«, meinte er, wobei er mit dem Finger nach oben zeigte.
Richard und Walter Riegelgraf folgten seinem Blick, sahen unweit der Leiche etwas im Gras zwischen den Reben liegen, was von der Sonne reflektiert wurde.
»Eine Patronenhülse«, rief Adelbert Herzog, der mit seinem Alukoffer mittlerweile ebenfalls den Fundort der Leiche erreicht hatte.
»Streber«, gab er zurück, machte sich aber gleich daran, das Projektil in einer Tüte zu sichern.
Richard war erstaunt über den scharfen Blick seines Kollegen.
»Alle Achtung. Aus der Entfernung eine Patronenhülse zu erkennen, noch dazu, wenn sie im Gras liegt.«
»Der ist halt nicht so ein Blindfisch wie du«, frotzelte Riegelgraf, während er sich die Leiche genauer ansah.
»Vorläufige Todesursache«, stellte er nach einer ersten Begutachtung fest, »der Mann hat mindestens einen ziemlich heftigen Schlag mit der Flasche hier auf den Kopf bekommen. Da wollte jemand auf Nummer sicher gehen.«
»Schlag? Was ist mit der Patronenhülse?«, fragte Frank, der oberhalb am Weg stand, um so besser auf den Tatort herunterschauen zu können. »Sieht mir nach einer Tat im Affekt aus.«
»Wahrscheinlich hat ihm da oben am Weg einer die Flasche auf den Kopf geschlagen. Er ist dann hier runtergefallen, aber einen Einschuss kann ich auf den ersten Blick keinen erkennen. Wer weiß, vielleicht ist die Patrone auch noch von der Silvesterballerei.«
Richard deutete auf den Weg weiter oben, grinste Frank an, machte dabei mit Daumen sowie Zeigefinger eine Pistole. Dieser quittierte seine Grimasse mit dem ausgestreckten Mittelfinger.
»Schade um den guten Tropfen«, seufzte Walter Riegelgraf, als er auf das Etikett der Flasche sah. »Ein Lemberger vom Uhlbacher Götzenberg. Sehr guter Jahrgang. Entfaltet auf dem Gaumen ein Aroma von Kirsche, Cassis und schwarzem Pfeffer.«
»Jetzt lasst mich mal hier meine Arbeit machen, ihr Weinexperten«, maulte Adelbert Herzog. »Man könnte ja meinen, ihr hättet sonst nix zu tun.«
»Wer hat ihn eigentlich gefunden?«, schaltete sich Richard ins Gespräch ein.
»Der Jogger da oben. Heute Morgen bei seiner Runde«, erwiderte der Polizeibeamte. »Wie kann man nur bei den Temperaturen durch die Weinberge rennen?« Er schüttelte verständnislos den Kopf.
Als Adelbert Herzog Richard beiseitegeschoben hatte, blieb er abrupt stehen.
»Das ist ja der Gerd Bäuerle!«, rief er völlig konsterniert. »Wie, um Himmels willen, konnte so was passieren?«
»Du kennst den Toten?«, erkundigte sich Richard erstaunt.
»Sicher. Der wohnt unten im Ort, ist Mitglied des Weinkonvents Uhlbach. Ein Zusammenschluss der örtlichen Winzer. Ein feiner Kerl. Zumindest, was ich über ihn gehört habe.«
Er brauchte eine Weile, um sich wieder zu sammeln, bevor er seine Arbeit aufnahm. Walter Riegelgraf zog sich die Handschuhe aus, wandte sich dann an die beiden Kommissare: »Alles Weitere nach der Obduktion. Aber die Todesursache scheint eindeutig zu sein.«
Frank stand am oberen Wegrand und blickte sich um. Sein Blick wanderte über ein kleines Häuschen im Weinberg, welches den Arbeitern zum Schutz vor Wind und Wetter diente, hinüber zu dem auf der Höhe liegenden Ausflugslokal Sieben Eichen, dem Bergkamm Richtung Rüdern, dann wieder zum im Tal gelegenen Örtchen Uhlbach. Auf der Bank vor dem großen, unbehauenen Stein saß, etwas abseits vom Fundort des Toten, völlig abwesend der Jogger, der die Leiche gefunden hatte.
»Mein Name ist Frank Jonas von der Mordkommission. Wir untersuchen den Todesfall hier. Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?«, begann er.
»Was wollen Sie wissen?« Der Mann, Anfang 30, dick vermummt, dazu eine Wollmütze auf dem Kopf, schaute ihn an.
»Ist Ihnen heute Morgen bei Ihrer Runde irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen?«, erkundigte sich Frank.
Der junge Mann schob seine Mütze etwas nach oben und schien nachzudenken.
»Nein, alles ruhig, nichts Ungewöhnliches«, antwortete er schließlich.
Frank bat um die Personalien des Mannes, dann gab er ihm seine Visitenkarte, mit der Bitte, ihn anzurufen, falls ihm noch etwas einfiel. Die meisten Menschen, die eine Leiche gefunden hatten, standen anfangs unter Schock. Die Erinnerungen an Details kamen erst zu einem späteren Zeitpunkt wieder hervor, wenn das Erlebte einigermaßen verarbeitet worden war.
Deswegen machte es momentan für Frank keinen großen Sinn, ihn mit Fragen zu löchern. Zufriedenstellende Antwort würde er im Moment sowieso nicht erhalten.
Er verabschiedete sich von dem jungen Mann, der daraufhin im Laufschritt von dannen lief. Danach begab Frank sich wieder zum Tatort.
»Mit dem Todeszeitpunkt bist du dir in etwa sicher? Ich meine nur, falls wir jemand nach einem Alibi fragen sollten.« Er wandte sich an Walter Riegelgraf.
»Na ja, angesichts der Temperaturen ein schwieriges Unterfangen. Aber grob, wirklich ganz grob geschätzt, heute Morgen gegen 6 Uhr, vielleicht auch eine Stunde früher oder später.«
»Danke.«
Frank lief wieder ein paar Schritte den Weg nach oben. Weshalb, wusste er nicht so genau, aber es half ihm beim Nachdenken. Was wollte der Mann um diese Zeit hier draußen? Kein Auto stand in der Nähe. Auch Reifenspuren waren in der unmittelbaren Umgebung nicht auszumachen. Ziemlich rätselhaft, fand er. Einen Schuss, so er denn heute Morgen gefallen war, müsste jemand gehört haben. Er nahm sein Notizbuch hervor, für welches Frank von vielen belächelt wurde, und schrieb sich seine Fragen, die ihm durch den Kopf schwirrten, auf.
Er griff zum Telefon, rief seinen Kollegen Manfred Gühring an, der mit Sicherheit schon im Büro weilte. Lisa Danninger, die sie liebevoll »Küken« nannten, befand sich auf einer Fortbildung in Villingen-Schwenningen. Somit stand sie zurzeit nicht zur Verfügung. Ihr Vorgesetzter, Kriminaldirektor Horst Müller-Huber, erklärte sich zum Leidwesen der ermittelnden Kommissare spontan bereit, bei etwaigen Ermittlungen mit Rat und Tat zur Verfügung zu stehen. Man zweifelte zwar nicht am Sachverstand Müller-Hubers, nein, es war eher sein Mundwerk, für welches er, so Richard, einen Waffenschein benötigte. Auch seine Abneigung gegen jedwede drahtlose Kommunikationsmittel ging ihm langsam auf die Nerven.
»Gühring, Mordkommission Stuttgart«, meldete er sich. »Was kann ich für Sie tun?«
»Eine ganze Menge, lieber Kollege«, begrüßte ihn Frank. »Für den Anfang bräuchte ich die Meldeadresse eines gewissen Gerd Bäuerle.«
»Ah, die Herren Kriminalkommissare. Ich wünsche ebenfalls einen guten Morgen. Wo seid ihr gerade?«, fragte Manfred. Gleichzeitig suchte er im Melderegister nach dem genannten Namen, den er kurz darauf auch fand.
Frank brachte ihn derweil auf den Stand der Ermittlungen.
»Na dann werden wir mal wieder zum unangenehmen Teil unseres Berufes übergehen«, seufzte er.
»Hat unser Beruf eigentlich auch angenehme Seiten?«, frotzelte Manfred. »Abgesehen davon, dass wir jede Menge Überstunden machen, kein Wochenende haben, uns beschimpfen lassen müssen und uns um den Abschaum der Menschheit kümmern sollen.«
»Na ja, wir dürfen ungestraft mit Blaulicht durch die Gegend fahren. Ist doch auch was«, erwiderte Frank lakonisch, um sich gleich darauf zu verabschieden.
»Ich hab die Adresse«, rief er Richard zu, der sich mit dem Spurensicherer unterhielt.
Er stieg die schmale Treppe zwischen den Weinreben hinunter, wo sich sein Kollege derweil mit dem Spurensicherer unterhielt.
»Hast du was rausgefunden?«
»Manfred hat mir die Adresse des Toten rausgesucht. Ich denke, wir fahren da gleich mal vorbei, bevor es die Angehörigen von jemand anders erfahren. In so einem kleinen Dorf verbreiten sich derartige Nachrichten schneller als mit DSL.«
In dieser Hinsicht kam er nicht umhin, Frank recht zu geben.
»Hast du den Jogger befragt?«, erkundigte er sich, weil er bemerkte, dass der Sportler sich gerade im Laufschritt vom Tatort entfernte.
»Ja, aber der konnte auch nicht viel beitragen. Ich habe mir seine Adresse notiert. Mehr ist momentan nicht drin.«
»Was habt ihr eigentlich die ganze Zeit diskutiert?«, wollte Frank wissen.
»Ach, der Adelbert hat mir erklärt, wem welcher Weinberg hier in der Gegend gehört. Mit den Namen konnte ich freilich, außer von Gerd Bäuerle, nichts anfangen.«
»Aha«, gab der etwas lustlos zurück.
»Der Weinberg gegenüber gehört übrigens auch dem Gerd Bäuerle«, fuhr Richard fort, der zu merken schien, wie sich Franks Interesse dem Gefrierpunkt näherte. »Da frage ich mich schon, was er ausgerechnet hier gemacht hat. Noch dazu um diese Uhrzeit.«
»Ich kann’s dir nicht sagen«, antwortete Frank mit zuckenden Schultern. »Ein Spaziergang vielleicht?«
»So etwas glaubst du doch nicht wirklich«, meinte Richard. »Frühmorgens, bei den Temperaturen?«
