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Ein neuer, brisanter Fall beschäftigt die Kommissare Frank Jonas und Richard Bauer von der Mordkommission Stuttgart. Kai-Uwe Metzinger, ein dubioser Finanzinvestor, wurde brutal ermordet. Alles deutet zunächst auf Bestechung und Geldwäsche im großen Stil in Verbindung mit dem umstrittenen Bahnprojekt Stuttgart 21 hin. Doch nach einem erneuten Mord nimmt der Fall eine überraschende Wendung und plötzlich geht es um Geld, viel Geld.
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Seitenzahl: 338
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Hendrik Scheunert
Wie gewonnen - so zerronnen
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
Epilog
Impressum neobooks
Warum nur hatte er sich bei der Tour diesen Berg ausgesucht, dachte Frank Jonas, Kriminalhauptkommissar bei der Kripo Stuttgart. Nebenbei war er leidenschaftlicher Radrennfahrer mit einem Faible für alpine Anstiege. Hatte die Website von quäldich.de nicht angegeben, dass es auf dieser Route nur so von Passagen jenseits der zehn Prozent Steigung wimmelte. Aber nein, jetzt befand er sich hier, circa fünf Kilometer hinter Ragall. Frank war von seinem Haus in Öhningen losgefahren. Bis Konstanz fuhr er mit dem Rad am Untersee des schwäbischen Meeres, wie man den Bodensee hier liebevoll nannte, entlang. Dort nahm er die Fähre, um gemütlich auf dem See in Richtung Voralberg zu schippern. Ab Bregenz fuhr er auf den in Österreich sehr gut ausgebauten Radwegen nach Feldkirch. Bis Ludesch verlief der Radweg entlang der B190 verhältnismäßig eben. Erst dort hinauf ins kleine, beschauliche Örtchen Ragall nahm die Steigung kontinuierlich zu. Was für ihn an sich kein Problem darstellte. Frank Jonas war mit seinen dreiundvierzig Jahren gut trainiert. Zu Rad als auch zu Fuß. Daher bereiteten ihm solche Radtouren auch keine größeren Probleme und machten auch Spaß. Nach Ragall ging es abwärts, sodass Frank die eben hart erkämpften Höhenmeter wieder verlor.
Ab Garsella wurde es jedoch steil, denn sein Tacho zeigte hier immer wieder zweistellige Prozente bei den Steigungen. Und nachdem, was er gelesen hatte, wurde es auch nicht besser. Aber ihn trieb die Aussicht auf die heiße Gulaschsuppe oben am Furkajoch, dem mit 1761 Metern höchsten Punkt seiner heutigen Tour. Bis dahin galt es jedoch noch zwanzig Kilometer mit dem Rad zu bewältigen, größtenteils davon bergauf. Er ließ seine Blicke über die Landschaft schweifen, wo jetzt, Mitte September, die Bäume in den Bergen des Bregenzer Waldes damit begannen, ihre volle Farbenpracht zu entfalten. Der Herbst hielt langsam Einzug. Die Temperaturen waren tagsüber noch angenehm warm, denn der diesjährige Sommer, der laut Meteorologen als einer der wärmsten überhaupt galt, wollte sich einfach nicht zurückdrängen lassen. Hier in den Bergen war es um diese Jahreszeit optimal zum Radeln, wenn da halt nicht diese steilen Passagen wären, dachte Frank bei sich.
Er hatte Fontanella durchquert, dort seine Trinkflaschen am Brunnen mit Wasser gefüllt. Wohlwissend, dass nun das steilste Stück seiner heutigen Tour kam. Nach dem kleinen, verschlafenen Örtchen am Fuße des Faschina verlief die Straße relativ flach, nur um dann auf den folgenden drei Kilometer umso steiler anzusteigen. Er ging mehrmals, widerwillig, aus dem Sattel als er Steigungsraten um die vierzehn Prozent auf seinem Tacho sah. Zu allem Überfluss wurde er nun von einem Mountainbike-Fahrer überholt, der ihn beim Vorbeifahren auch noch ziemlich frech angrinste, so zumindest die Deutung von Frank. Kunststück, dachte er sich, hatte der Radfahrer doch einen Elektroantrieb. Noch waren es zwei sehr steile Kilometer bis zur Skistation, wo es dann durch eine Galerie wieder abwärts ging. Nach einer Weile stoischen Tretens, sowie des Vor-sich-hin-Sinnierens, sah er besagten Mountainbiker plötzlich vor sich, wie dieser immer langsamer wurde. Frank triumphierte innerlich ob der Chance, die sich ihm da bot, vorher erlittenes Ungemach auszumerzen. Das verlieh ihm neue Kräfte. Er ging kurz, diesmal weniger widerwillig, aus dem Sattel, um den Abstand zum Mountainbiker zu verkürzen. Als dieser sich umdrehte und ihn herankommen sah, tat er, sehr zum Unmut von Frank, ebenfalls dasselbe. Es waren nun noch dreihundert Meter bis zum obligatorischen Passschild dennoch er war nicht gewillt, als zweiter dieses Schild zu passieren. Also mobilisierte er seine Reserven. Nach hundert Metern hatte der Mountainbiker nur noch fünfzig Meter Vorsprung, aber er kämpfte verbissen um seine Spitzenposition. Frank seinerseits, kam jedoch immer näher. Zwölf Stundenkilometer zeigte sein Tacho - bei elf Prozent Steigung! Der Puls war im hochroten Bereich, hatte die hundertneunzig längst überschritten. Der Mountainbiker blickte sich erneut um. Doch dieser Blick motivierte Frank nur noch mehr. Hundert Meter vor dem Schild mit der Passhöhe hatte er ihn eingeholt. Ein letztes Mal ging er erneut aus dem Sattel, setzte sich mit seinem Canyon Rennrad neben ihn, und blickte kurz zu ihm rüber.
„Schön blöd, wenn der Akku leer ist“, keuchte er.
Der Mountainbiker warf ihm einen bösen Blick zu. Doch dies störte Frank nicht mehr. Er trat die Pedale ein letztes Mal durch und zog mit einer Radlänge Vorsprung am Passschild vorbei. Faschinajoch 1486 Meter. Geschafft! Es bestätigte sich für ihn mal wieder, sämtliche Pässe, die er mit dem Rad erklommen und die auf Joch endeten, verlangten ihm alles ab. Eigentlich wollte er solche Wettkämpfe am Berg vermeiden, aber jedes Mal zwang ihn eine innere Stimme dazu, die Herausforderung anzunehmen. Er trank etwas, während der Mountainbiker kurz nach ihm jenes Passschild passierte, ebenfalls links an den Rand fuhr. Leider musste dieser dann feststellen, dass seine Wasserflasche leer war. Frank ging zu ihm hin und gab ihm seine Reserveflasche, die er unten in Fontanella aufgefüllt hatte.
„Hier, hast du dir verdient.“
„Danke. Wenn mein Akku nicht schlappgemacht hätte, wäre die Sache anders ausgegangen“, lachte er.
„Da bin ich mir sicher. Ich heiße übrigens Frank.“
„Fred“, erwiderte der andere, als er ihm die Hand zur Begrüßung entgegenstreckte.
„Wohnst du hier?“, erkundigte sich Fred.
„Nein. Ich komme aus Öhningen. Ab Bregenz bin ich mit dem Rad bis hierhergefahren. Jetzt geht es runter nach Damüls, hoch aufs Furkajoch und von dort wieder zurück.
„Da hast du dir ja eine ziemliche Tour rausgesucht. Wie viele Kilometer sind das?“
„Alles in allem fast hundertvierzig Kilometer. Aber nach dem Furkajoch geht’s nur noch bergab, bis Bregenz ist dann alles flach.
„Na viel Spaß. Ich fahr hier wieder runter. Bis Bludenz. Da wohne ich. Vielleicht können wir uns ja mal treffen um zusammen auf die Bieler Höhe fahren.“
„Klar, gern.“
„Dann nehm ich mein Rennrad mit. Ich glaube, da bin ich ohne Akku besser dran.“
„Davon gehe ich aus“, lachte Frank.
Sie tauschten ihre Nummern aus, worauf er sah, dass Richard angerufen hatte. Da momentan sowieso Verschnaufen angesagt war, konnte er diesen auch gleich zurückrufen.
Richard Bauer war wie Frank Jonas Hauptkommissar bei der Kriminaldirektion eins in Stuttgart. Beide zusammen verband eine seit über zwanzig Jahren andauernde private, als auch berufliche Freundschaft. Richard Bauer war mit seinen fast siebenundfünfzig Jahren der älteste und erfahrenste Ermittler im Team. Außer ihnen beiden war Manfred Gühring, der ebenfalls schon knapp vor der fünfzig stand, mit an Bord. Nach ihrem letzten Fall stieß noch die frischgebackene Kommissarin Lisa Danninger mit ihren dreißig Jahren dazu. Dies hatte Frank bei seinem Vorgesetzten, Hans-Jürgen Engler durchgesetzt. Es war der Preis dafür, dass er bei dem letzten Fall, den sie gelöst hatten, Stillschweigen über die wahren Hintergründe des Selbstmordes von Polizeipräsident Walter Rudolph, bewahren sollte.
Vier Monate war es jetzt fast her, dachte er sich zurück, während er Richard zurückrief.
„Na endlich rufst du zurück“, bruddelte Richard.
„Na hör mal. Begrüßt man so seine Freunde?“, entgegnete Frank. „Was kann ich denn für dich tun?“
„Ich steh gerade vor deinem Haus und keiner ist daheim.“
„Wundert´s dich bei dem Wetter?“
„Eigentlich nicht. Wo bist du denn?“
„Auf dem Faschinajoch, in Österreich.“
„Wo ist das denn?“
„Bregenzer Wald.“
„Ach du meine Güte. Wann bist du wieder da?“
„Wenn alles gut läuft gegen sechs Uhr heute Abend. Ich sag dir, wo der Schlüssel ist, falls du rein willst. Andererseits kannst du wieder mal Konstanz fahren. Da kennst du dich ja aus“, feixte Frank. Er spielte damit auf Richards Hang zum weiblichen Geschlecht an. Jener übte, trotz oder vielleicht gerade wegen seines Alters, eine gewisse Anziehungskraft auf Frauen aus.
Es schien, als würde Richard mit jemanden reden.
„Also gut. Ich nehme an, du kommst in Konstanz am Hafen an. Oder fährst du mit dem Rad am See entlang?“
„Dann würde ich nicht heute Abend um sechs daheim sein. Ich fahr jetzt von Bregenz mit der Fähre nach Konstanz. Von dort dann zurück nach Öhningen. Also treffen wir uns in Konstanz?“
„So machen wir es.“
„Gut bis dann. Amüsiere dich gut“, lachte Frank und legte auf.
Er verabschiedete sich von Fred, um kurz darauf mit seinem Rennrad durch die Galerie nach Damüls zu düsen, um von dort links auf das Furkajoch abzubiegen, seiner Gulaschsuppe entgegen.
Diesen Freitag war erstaunlich wenig los hier oben, dachte Frank, als er sein Rad an der Hütte abstellte. Der Betreiber kannte ihn bereits, weil Frank bei seinen Touren des Öfteren Station machte.
„Da ist er ja wieder, unser Dauerradler“, sagte der Mann, dessen Name Franz war, in breitem österreichischem Dialekt.
„Hallo Franz. Wieder Gulaschsuppe mit einer Spezi.“
„Aber gern doch. Du siehst aus, als wärst übers Faschinajoch geradelt.“
Frank bejahte, während er ihm die Geschichte von Fred mit dem Mountainbike erzählte.
„Dieser Fred, ist fei a Rennfahrer. Und kein schlechter. Ich würde mir überlegen, mit dem auf die Bieler Höhe zu fahren. Mit einem leeren Akku am Mountainbike kommen die wenigsten auf dem Rad hoch. Da musst a mordsmäßige Kondition haben. Wenn du an dem vorbeigezogen bist, alle Achtung.“
Frank grinste frech, während beide noch ein wenig übers Radfahren fachsimpelten. Franz war aus seiner Hütte gekommen und hatte sich zu ihm an den Tisch gesetzt.
„Wenig los heute hier, obwohl Freitag ist.“
„Es ist halt noch so warm“, jammerte er. „Da gehen die Leute lieber unten am See baden oder flanieren. Außer ein paar Wanderern und einem Radfahrer war heute noch niemand hier.“
„Der eine Radfahrer bin ich, nehme ich an“, grinste Frank.
„Richtig. Kommst du dieses Jahr noch mal hoch? Die Saison ist ja jetzt bald vorbei.“
„Vielleicht im Oktober auf meiner Abschlussrunde.“
Es kündigte sich Besuch in Form von älteren, mit Stöcken bewaffneten, Wanderern an.
„Ich muss. Laufkundschaft.“
Er gab ihm zum Abschied die Hand und verschwand wieder in seiner Hütte.
Frank hatte fertig gegessen. Es war jetzt kurz nach zwölf Uhr am Mittag. Zeit für die Rückfahrt. Denn die Fähre nach Konstanz ging um halb drei und es waren noch knapp fünfzig Kilometer bis zum Hafen in Bregenz. Er freute sich schon auf Richard. Frank war seit einer Woche im wohlverdienten Urlaub. Er plante noch die eine oder andere Tour am Bodensee oder in der Schweiz im Appenzeller Land. Die Wetteraussichten für die kommenden Tage waren recht gut.
Dass er am nächsten Wochenende nicht zum Radfahren kommen würde, konnte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.
Um kurz nach zwei Uhr am Nachmittag erreichte Frank den Bregenzer Hafen.
Er genoss die knapp vierstündige Fahrt die ihn am Ostrand des Bodensees an Städtchen wie Lindau, Langenargen, vorbei an der Blumeninsel Mainau rüber nach Konstanz führte.
An Bord genehmigte er sich einen schwarzen Kaffee, den er auf Deck zu sich nahm. Frank genoss die warmen Strahlen der Septembersonne. Nach dem letzten Fall wollte er sein ursprünglich geplantes Sabbatical weiterführen, doch Richard bat ihn zu bleiben, um die neue Kommissarin, Lisa Danninger einzulernen. So etwas konnte man natürlich nicht ausschlagen. Bei diesen Gedanken musste er grinsen.
Mit einem sanften Ruck legte die Fähre in Konstanz an, nachdem sie von Immenstaad den Bodensee überquert hatte. Er schnappte sich sein Rad und verließ die Fähre.
Richard wartete in einem Café an der Hafenhalle. Frank war nicht zu übersehen. Augenscheinlich hielt er nach ihm Ausschau. Daraufhin nahm er sein Smartphone um ihn in besagtes Café zu lotsen.
Frank sah Richard von Weitem. Als er näher kam, stellte er fest, sein Kollege war nicht allein gekommen. Er war in Begleitung von Lisa Danninger, ihrer beider neuen Kollegin. Franks Puls schlug in etwa auf der Frequenz, die er vor ein paar Stunden die letzten Meter auf die Passhöhe des Faschinajochs hinaufgeradelt war. Lisa stand auf, kam auf ihn zu um ihn zu umarmen.
„Vorsicht, ich bin etwas verschwitzt und stinke wie ein alter Ziegenbock“, sagte Frank entschuldigend.
„Sowas macht mir gar nichts aus“, meinte sie, während sie ihm einen Kuss auf die linke Wange drückte.
Lisa Danninger hatte ihre blonden, schulterlangen Haare heute zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.
Frank ging zu Richard und beide umarmten sich freundschaftlich.
„Was führt euch beide hierher?“, fragte Frank.
„Das weißt du nicht?“, erwiderte er erstaunt.
„Nö, ehrlich gesagt nicht.“
„Denk mal scharf nach, was heute vor zwanzig Jahren war“, gab ihm Richard als Denkanstoß.
Frank nahm seinen Helm ab, kratzte sich am Kopf.
Langsam dämmerte es ihm. Heute vor zwanzig Jahren hatte er zum ersten Mal mit Richard Bauer ermittelt. Lange war es her. Er konnte sich nicht mal mehr genau an den Fall erinnern, den sie zuerst gemeinsam hatten.
„Ah, mein Dienstjubiläum“, stellte er daraufhin fest.
„Richtig. Du hast wohl gedacht, wenn du dir in der Zeit Urlaub nimmst, kommst du drum rum.“
Richard tadelte ihn mit dem Zeigefinger und lachte.
„Zwanzig Jahre ermittelt ihr schon zusammen?“, staunte Lisa, „Damals war ich gerade mal elf Jahre. Wie die Zeit vergeht.“
Sie erzählten Lisa noch ein paar Anekdoten aus ihrer gemeinsamen Dienstzeit, während Frank sich einen Kaffee bestellt hatte. Als Richard auf die Uhr sah, war es bereits halb sieben.
„Zeit zu fahren. Du hast doch nichts dagegen, wenn wir es uns bei dir gemütlich machen.“
„Eigentlich nicht. Aber vorher gehen wir was Essen. Ich habe Hunger“, sagte Frank, der erst jetzt bemerkte, wie sein Magen grummelte, augenscheinlich und hörbar nach Essen verlangte.
„Wie kommst du nach Hause? Sollen wir dein Rad bei mir hinten rein laden?“
„Passt nicht. Mach dir keine Sorgen. Ich schaff die fünfundzwanzig Kilometer in weniger als einer Stunde“, lachte er.
„Also treffen wir uns bei dir?“
„So machen wir es“, erwiderte Frank.
Er war tatsächlich in rekordverdächtigen fünfundvierzig Minuten an seinem Haus in Öhningen angekommen.
Er wäre wahrscheinlich noch schneller gewesen, hätte ihn nicht unverschämterweise eine schwarze Mercedes-Limousine mit Stuttgarter Kennzeichen zu einer Vollbremsung gezwungen, als dessen Fahrer meinte, drei Autos auf einmal überholen zu müssen, und Frank auf der Gegenfahrbahn dabei fast von der Straße drängte. Dass er diese Limousine bald in einem anderen Zusammenhang wiedersehen würde, konnte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.
Sein Haus lag an einem leicht abfallenden Hang am Untersee des Bodensees und verfügte über zwei Stockwerke. Im oberen Stockwerk wohnte ein älteres Ehepaar. Die Frau kümmerte sich, wenn er mal wieder nicht da war, um sein Haus. Frank wohnte im Erdgeschoss, seine Wohnung verfügte über eine große Terrasse, die einen wunderbaren Blick über den See hinüber auf die Schweizer Seite offenbarte. Zu seinem Haus führte eine kleine Zufahrtsstraße, die allerdings schwer einzusehen war. Richard war bereits mehrere Male vorbeigefahren. Neben seinem Haus hatte sich Frank noch eine geräumige Garage bauen lassen, die zudem über eine kleine Werkstatt verfügte, wo er sein Fahrrad parkte und gegebenenfalls auch reparieren konnte.
In der eigentlichen Garage stand Franks Prunkstück. Ein E-Klasse Kombi von AMG, der über stattliche sechshundert Pferdestärken verfügte.
„Alle Achtung“, sagte Richard, „du bist schon da. War wohl doch nicht so anstrengend heute.“
„Ich wäre noch schneller gewesen, wenn mich nicht so ein Idiot fast von der Straße abgedrängt hätte“, schimpfte Frank.
Lisa musste lachen. Irgendwie musste sie immer an Walldorf und Statler, die ewig bruddelnden Herren in der Loge von der Muppet-Show denken, wenn die beiden schimpften. Trotzdem mochte sie die beiden, Frank besonders, und war froh darüber, nun in diesem Team zu sein.
Er schob sein Rad durch das Tor in die Garage.
Richard wartete mit Lisa derweil draußen auf Franks Terrasse, während dieser sich unter der Dusche frischmachte. Sie hatte es sich in der übergroßen Hollywoodschaukel bequem gemacht, während jener im Liegestuhl vor sich hindöste.
„So, ich bin hungrig. Wie sieht es bei euch aus?“, fragte Frank, nachdem er eine viertel Stunde später ebenfalls auf der Terrasse erschien.
„Hungrig aber fertig“, gähnte Richard „Hier auf deiner Terrasse kann man es aushalten.“
Frank lachte, stimmte ihm zu und sie gingen gemeinsam den einen Kilometer hinunter in sein Stammlokal, der Traube.
Wie üblich saß Herr Häberle, der Mieter, an diesem Freitag wieder mit seinen Altersgenossen am Stammtisch um über seine Gattin, sowie deren gefürchtetes Mundwerk zu lästern. Frank ging zu ihm, klopfte zur Begrüßung auf den Tisch. Nach einem kleinen Small Talk setzte er sich zu Richard und Lisa.
„Gibt’s was Neues in der Landeshauptstadt?“, erkundigte sich Frank, während die Kellnerin der Traube ihnen das kühle Gerstengold servierte.
„Alles ruhig. Ist aber auch nicht verwunderlich. Sind ja alle im Urlaub. Manfred ist mit seiner Familie nach Frankreich gefahren und kommt auch erst am Montag wieder. Unser Chef, der Rothaarige, na ja, der ist die ganze Zeit im Büro, weil er sonst mit seiner Alten immer einkaufen muss.“
Der Rothaarige war Kriminaldirektor Hans-Jürgen Engler. Beide verband nur die gegenseitige Abneigung. Frank konnte Engler nicht leiden, weil dieser seiner Meinung nach immer auf der Suche danach war, wo er die meisten Lorbeeren für sich einheimsen konnte. Dafür buckelte er nicht selten bei seinem nächsthöheren Vorgesetzten, dem Polizeipräsidenten. Doch seid Walter Rudolph, mehr oder weniger freiwillig, aus dem Leben geschieden und ein neuer Polizeipräsident ernannt worden war, gestaltete sich dieses Buckeln als etwas schwieriger. Denn dieser hielt von dieser Art Speichelleckerei nicht viel.
Engler wiederum konnte Frank nicht leiden, weil dieser allseits sehr beliebt war, sowie über einen messerscharfen Verstand verfügte. Zudem nahm der auch kein Blatt mehr vor dem Mund, um ihm zu sagen, wenn er falsch lag. Außerdem verfügte Frank über die seltene Gabe, sich am Tatort in die Situation des Opfers, als auch des Täters hineinzuversetzen. Er hatte den Blick für noch so kleine Details, die anderen erst später auffielen.
Nach dem letzten Fall hatten sich beide zwar ausgesprochen, es herrschte seitdem auch so etwas wie Waffenstillstand, doch wie lange dieser halten würde, war fraglich.
Als sie mit dem Essen fertig waren, war es bereits dunkel geworden und so mussten sie den Weg im Finsteren zurücklegen. Am Haus angekommen, ging plötzlich das Licht an. Kurz darauf rief eine schrille Stimme in die Nacht: „Hermann, bist du´s? Wann hab´ ich dir gesagt, solltest du daheim sein? Guck mal auf die Uhr. Es geht auf zehn Uhr zu. Sieh zu, dass du hochkommst.“
„Hier ist nicht Hermann, Frau Häberle. Ihr Mann sitzt noch unten in der Traube. Wird wohl noch eine Weile dauern“, lachte er.
„Na, der soll mir heimkommen“, schimpfte sie und schloss das Fenster wieder.
„Da bekommt jemand Ärger heute Abend“, stellte Lisa amüsiert fest.
„Davon geh ich aus. Aber in der Regel schlägt sie ihn nicht, wenn er zu spät kommt“, erwiderte Frank lakonisch.
Sie setzten sich noch eine Weile auf die Terrasse. Frank öffnete zur Feier des Tages eine Flasche Rotwein.
„Auf die nächsten zwanzig Jahre.“
Er hob sein Glas um gemeinsam anzustoßen.
„Zwanzig Jahre werden es bei mir nicht mehr. Höchstens zehn“, lachte Richard.
„Aber mit mir wirst du es ja dann auch noch ein paar Jahre aushalten“, feixte Lisa.
„Da sehe ich keine Probleme, Frau Kommissarin.“
„Ich lege mich hin“, sagte Richard, nachdem sie die dritte Flasche Wein gemeinsam geleert hatten. „Macht euch noch einen schönen Abend ihr zwei.“
Er gähnte und schlurfte gemächlich ins Gästezimmer, welches sich im hinteren Teil der Wohnung befand.
„Ich denke, ich werde es ihm gleichtun“, sagte Frank, „Morgen früh hole ich frische Brötchen für uns.“
Lisa sah ihn mit ihren rehbraunen Augen an.
„Wo schläfst du?“, fragte sie ihn.
„Auf der Couch natürlich. Du kannst mein Bett haben“, erwiderte er und war im Begriff ins Haus zu gehen. Sie hielt ihn sanft am Arm fest.
„Ich möchte nicht, dass du auf der Couch schläfst“, flüsterte Lisa ihm ins Ohr, als sie hinter ihm stand.
„Außerdem wollte ich mich schon lange bei dir bedanken, wegen der Aktion. Du weißt schon.“
Dann nahm sie ihn an der Hand und zog ihn ins Schlafzimmer.
Der Sonntagmorgen zeichnete sich durch ein graues Regenband, welches über Öhningen hing, aus. Es goss in Strömen und sah auch in absehbarer Zeit nicht danach aus, dass es wieder aufhörte.
„Na prächtig“, brummte Frank, als er am Fenster seines Schlafzimmers stand um über die Terrasse auf den See zu schauen. Die gegenüberliegende Seite war durch die tief hängenden Wolken bereits nicht mehr zu sehen.
Lisa schaute ihm vom Bett aus an.
„Brötchen musst du trotzdem holen.“
Frank drehte sich lachend um.
„Ja, dann halt mit dem Auto.“ Er zog sich an und fuhr mit dem Auto, sehr zum Unmut der umweltbewussten Nachbarn, die kurze Strecke zum Bäcker.
Richard musste durch das Starten des V8 geweckt worden sein, denn als Frank zurückkam, saßen beide bereits im Esszimmer an dem großen Eichentisch, der von Lisa mit allerlei Leckereien aus Franks großem Kühlschrank, von denen er gar nichts wusste, gedeckt war.
„Nur Duschen ist schöner“, grummelte er genervt, war er doch tatsächlich trotz der wenigen Meter bis auf die Haut durchnässt.
Sie diskutierten während des Frühstücks und waren sich einig, dass es in der Landeshauptstadt wahrscheinlich nicht regnen würde.
Es war Sonntag und somit Franks letzter freier Tag, bevor er morgen wieder nach seinem Urlaub an seinem Schreibtisch in der Kriminaldirektion eins in der Eberhardt Straße Platz nahm.
„Willst du bei diesem Wetter wirklich mit deinem Motorrad nach Stuttgart fahren? Oder sollte ich schwimmen sagen?“, fragte Frank besorgt.
Lisa zögerte einen Moment und dachte nach.
„Vielleicht ist es besser, ihr nehmt mich mit. Mein Motorrad kann ich bei dir der Garage lassen. Daheim steht ja noch eins.“
„Habe ich hier was verpasst?“, fragte Richard ahnungslos während er in sein Marmeladenbrötchen biss.
„Nichts Wichtiges“, beeilte Frank, sich zu sagen. Beide kamen überein, die Kollegen noch nicht einzuweihen. Richard schien nichts zu ahnen, selbst wenn ließ er es sich nicht anmerken. Doch er gehörte nicht zu denen, die alles herumerzählten, wenn sie Neuigkeiten wussten.
Als Richard seinen Opel vor Franks Garage wegfahren wollte, tat sich an dessen Auto erst mal nichts. Beim Starten machte es nur kurz Blubb. Dabei blieb es dann auch.
„Scheint nicht wasserdicht zu sein“, stellte Frank trocken fest.
„Alte Scheißkarre!“, schimpfte Richard im Auto.
Lisa und Frank standen unter dem Balkon vom Obergeschoß, wo jenes Ehepaar Häberle noch schlief. Dort wurden sie weitestgehend vom heftigen Regen verschont.
„Es sieht so aus, als ob wir noch einen Passagier mit an Bord haben. Ich habe ihm schon tausend Mal gesagt, kauf dir ein gescheites Auto. Aber Walter hat recht, das ist der Altersstarrsinn“, bruddelte Frank vor sich hin.
Einige Zeit später hatten sie Richards alten Bock auf die Seite gestellt und waren nun zu dritt weißen E-Klasse Kombi nach Stuttgart unterwegs.
In der Landeshauptstadt, die sie mittags erreichten, war es tatsächlich trocken. Es wehte lediglich ein leichter Wind und die Sonne schien.
Frank hatte sich nach dem letzten Fall erst überlegt, eine Wohnung in Stuttgart zu kaufen. Nachdem er einige angeschaut hatte, um feststellen wie unerschwinglich diese waren, bot sich ihm die Möglichkeit, zu Richard ins Haus einzuziehen, da die ältere Dame im ersten Stock ins Altersheim musste. Die Hauseigentümerin war froh darüber, waren nun drei Wohnungen an Polizeibeamte vermietet. Sie selbst wohnte im Haus nebenan, fühlte sich somit sicher wie in Abrahams Schoss.
Frank nutzte das schöne Wetter aus, um eine Runde im Wald laufen zu gehen, während Richard seinen Mittagschlaf machte und Lisa zu Besuch bei einer Freundin war.
Abends war für die Kommissare wieder Ermittlungsarbeit angesagt. Diese bestand aus einem Hefeweizen, der Fernbedienung und dem Tatort im Ersten. Beide machten es sich jedes Mal zur Aufgabe, Ermittlungsfehler herauszufinden, was ihnen auch immer gelang.
Der Wecker klingelte unbarmherzig und ließ sich nicht beruhigen. Frank fand den Knopf, der die nervige Stimme des Radiomoderators mit seinen platten Witzen verstummen ließ, nicht gleich und schlug im Dunkeln planlos auf den armen Radiowecker ein. Endlich war Ruhe. Er setzte sich auf die Bettkante, machte nach kurzem Zögern Licht.
Die Orientierung langsam wiederfindend, stellte er fest, dass er sich nicht mehr am Bodensee, sondern wieder in seiner Zweitwohnung in Stuttgart befand. Nachdem sich diese Tatsache bei ihm manifestiert hatte, stand er auf, schlurfte unter die Dusche, in der Hoffnung, sich vielleicht doch geirrt zu haben.
Wenig später in der Küche trank er seinen ersten Kaffee, der für ihn überaus wichtig war, da ansonsten keine Kommunikation mit ihm stattfinden konnte. Frank war prinzipiell erst nach dieser einen, alles entscheidenden Tasse überhaupt zu einer Unterhaltung, die aus mehr als zwei zusammenhängenden Wörtern bestand, fähig. Konnte er diese Tasse des schwarzen Gebräus am Morgen nicht in Ruhe trinken, zog sich seine schlechte Laune durch den ganzen Tag. Seine Kollegen wussten dies und so war es Usus, dass der, welcher morgens als erstes ins Büro kam, auch die Kaffeemaschine zum Laufen brachte. Meistens war es Manfred, obwohl dieser, aus Ludwigsburg kommend, die längste Anreise hatte.
Es klingelte. Frank überlegte einige Sekunden, ob er überhaupt die Tür öffnen sollte um sich der Tatsache eines montagmorgens zustellen.
„Bist du noch nicht fertig“, stöhnte Richard und verdrehte die Augen.
„Guten Morgen“, erwiderte Frank um festzustellen, er hatte tatsächlich noch seinen Schlafanzug an. Wie ihm das passiert war, konnte er sich nicht erklären, jedoch stand er fünf Minuten später fertig angezogen vor Richard. Angesichts der frühen Uhrzeit eine beachtliche Leistung.
„Du musst fahren“, sagte jener und sah in mit einem treuherzigen Blick an.
„Schon klar, deine Karre steht ja unten am Bodensee.“
„Was steht heute eigentlich an?“, wollte Frank wissen, als der V8 zu brummen begann. Ein Geräusch bei dem er immer wieder eine wohlige Gänsehaut bekam.
„Soweit ich am Freitag noch mitbekommen habe gibt es noch ein paar Cold Cases. Du weißt ja diese ungeklärten Mordfälle die von Zeit zu Zeit wieder bearbeitet werden müssen. Der Rothaarige meinte wohl es wäre eine gute Gelegenheit sich beim neuen Polizeipräsidenten beliebt zu machen.“
Akten wälzen am ersten Arbeitstag, nun es hätte schlimmer kommen können, dachte Frank während er sich durch den alltäglichen Verkehrswahnsinn in Stuttgart kämpfte.
Im Büro stieg ihm bereits der frische Duft von Kaffee, dem Geruch nach seine Lieblingsorte Guatemala Grande, die er wegen der Stärke besonders schätzte, in die Nase. Das konnte nur bedeuten, Manfred war schon da. Manfred Gühring war ein muskulöser Kripobeamter mit wenig bis gar keinen Haaren auf dem Kopf. Er hielt sich mit Laufen und Boxtraining fit. Entsprechend waren auch sein Bizeps, der es seiner Frau schwer machte, die passenden Oberhemden dafür zu finden. Richard hatte ihm in Anlehnung an den Boxer den Spitznamen Schwaben Tyson gegeben. Aber im Gegensatz zum echten Boxer war Manfred Gühring eher von der ruhigen, bedächtigen Sorte, was aber nicht hieß, dass er nicht laut werden konnte. Doch so etwas war selten der Fall. In ihrem Team war er eher der Ruhepol, der meist als Vermittler auftrat falls sich andere die Köpfe heißredeten, was im Besonderen für Frank und Kriminaldirektor Hans-Jürgen Engler galt, die vor ihrem brüchigen Waffenstillstand öfter mal verbal aneinandergerieten.
„Einen wunderschönen guten Morgen, mein Bruder“, empfing ihn Manfred, wobei er Frank ziemlich fest an sich drückte.
„Uff! Du hast den Klammergriff einer Python, die seit Jahren nichts gegessen hat. Aber ich bin auch froh, dich zu sehen mein Bruder“, ächzte Frank, der Mühe hatte frei zu atmen.
Richard lachte nur, zog sich aber vorsichtshalber an die Kaffeemaschine zurück, um einer eventuellen Umarmung zu entgehen. Dass sie sich beide Brüder nannten, ging auf eine Anekdote aus früheren Zeiten zurück. Richard meinte seinerzeit, die beiden würden wie Winnetou und Old Shatterhand zusammenpassen. Wie er darauf kam, war nicht verbrieft, nur dass zu diesem Zeitpunkt eine nicht unbeträchtliche Menge an Alkohol, von dem Richard wenig bis gar nichts vertrug, im Spiel war. Da Old Shatterhand nun bekanntlich übersetzt Schmetterhand bedeutete, wurde daraus schnell die Begrüßung aus den legendären und allseits beliebten Karl May Filmen.
„Guten Morgen die Herren. Ich hoffe sie hatten beide einen schönen Urlaub.“
In der Tür zu ihrem Büro stand Hans-Jürgen Engler, Kriminaldirektor der Kriminaldirektion eins mit Schwerpunkt Kapitalverbrechen, und somit ihr Vorgesetzter. Frank hatte ihm den Spitznamen Rothaariger gegeben, wobei diese Titulierung noch freundlich war, denn er hatte für ihn weitaus schlimmere Bezeichnungen. Zwar verschwanden die roten Haare immer mehr und wurden durch graue ersetzt, doch der Name war recht passend.
„Morgen“, war die betont knappe Antwort von Frank.
Engler ging nicht weiter drauf ein, sondern gab Richard die Akten in die Hand.
„Hier sind die kalten Fälle. Schauen sie mal, ob sie da Neuigkeiten rausbekommen.“ Engler vermied bewusst die englische Aussprache, zum einen, weil er damit so seine Probleme hatte, das Beispiel Günther Öttinger sei an dieser Stelle erwähnt, zum anderen, um Frank Jonas keinen Grund zum Spott zu geben.
„Ist gut. Wir kümmern uns drum“, meinte Richard.
„Ich bin übrigens bis Ende nächster Woche auf einem Seminar in Hamburg. Falls etwas Dringendes anliegt, bin ich natürlich erreichbar“, sagte er und wandte sich um.
Halleluja! Frank jubilierte innerlich. Er hatte jetzt zwei weitere Wochen ohne diesen Quälgeist. Besser konnte der Tag gar nicht anfangen. Motiviert ließ er sich von Richard die Akten mit den Cold Cases geben. Der Kaffee schmeckte ihm nun gleich viel besser.
Frank hatte sich gerade in einen der Fälle eingearbeitet, war bei seiner zweiten Tasse, als sein Telefon klingelte.
Am anderen Ende der Leitung war, so schlussfolgerte er, ein Streifenbeamter.
„Bin ich richtig bei der KD eins?“, erkundigte er sich.
„Ja da sind sie richtig. Hier ist Hauptkommissar Frank Jonas. Was gibt’s?“
„Wir haben einen Toten.“
Dann war kurz Stille in der Leitung. Frank hörte nur, wie sich der Beamte zu übergeben schien.
„Alles in Ordnung?“, erkundigte er sich nach dem Befinden des Mannes.
„Ja, geht schon wieder. Ist kein schöner Anblick. Sieht aus wie auf dem Schlachthof.“
Frank rümpfte die Nase. Entweder war der nichts gewohnt, oder es sah tatsächlich so schlimm aus. Er notierte alles Wichtige, was der Beamte ihm durchgab, und legte wieder auf.
„Jungs, wir haben Arbeit. Lasst die Akten liegen.“
So etwas musste man Richard, der Akten sichten so sehr liebte wie Frank Zahnarztbesuche, nicht zweimal sagen.
„Was ist passiert?“, wollte Manfred wissen.
„Ein Toter, in Sillenbuch. In der Buowaldstraße. Allem Anschein nach ziemlich übel zugerichtet. Der Beamte hat sich ausgekotzt. Im wahrsten Sinne.“
„Noble Gegend“, meinte Richard.
„Das nützt dem jetzt auch nichts mehr“, konstatierte Frank als er sich seine Jacke anzog. „Hoffentlich kein Selbstmord.“
Er spielte auf den vermeintlichen Selbstmord bei ihrem letzten Fall an. Nur dank Richards Spürnase und seinem berühmten Bauchgefühl stellte sich letztendlich heraus, dass die Frau von der Aichtalbrücke gestoßen wurde.
„Willst du mitkommen, Manfred?“, erkundigte sich Richard, wohlwissend, dass Manfred beim Thema Blut am Tatort ähnlich reagiert hätte wie der Beamte am Telefon.
„Geht ihr nur. Ich brauch am ersten Tag keinen Mord. Schon gar nicht nachdem was ich gehört habe.“ Manfred hatte, wie Richard treffend vermutete, besagtes Telefongespräch äußerst aufmerksam verfolgt, und war zu dem Schluss gekommen, Akten wälzen schien das geringere Übel zu sein.
Lisa Danninger war für ein paar Tage zu ihren Eltern gefahren, was Frank gar nicht unrecht war, da erst einmal etwas Zeit verstrich um nun in Ruhe über Lisa und sich nachzudenken. Mit den Liebesangelegenheiten war es bei ihm immer so eine Sache. Einerseits war es ganz schön sich zu verlieben, aber andererseits hatte Frank Angst davor, seine Freiheit zu verlieren. Er verdrängte die psychologische Komponente, konzentrierte sich wieder auf das Wesentliche, den Verkehr in der chronisch überlasteten Landeshauptstadt, der seit Beginn des Bahnprojektes fast jeden Tag zum Erliegen kam. Meist war man zu Fuß, mit dem Rad aber mit Sicherheit, in der Innenstadt schneller unterwegs. Da nützte ihm auch der V8 nichts.
Der Verkehr hatte sich nach der ersten morgendlichen Welle zum Glück beruhigt. Oben angekommen lotste sie sein Navigationssystem auf die Straße durch den Wald, bevor sie am Ortseingang links abbiegen mussten. Vorbei an einem zwischen den Häusern eingebetteten kleinen Freibad, in dem trotz der Temperaturen noch einige wagemutige Rentner ihre Bahnen zogen, fuhren sie immer weiter hinunter nach Sillenbuch. Die Adresse als solches, die ihnen der Polizeibeamte gegeben hatte, war etwas schwer zu finden, da sich das Haus nicht direkt an der Straße befand, sondern etwas versteckt an einem Weg, der in den Wald führte.
Am Weg, der zum Haus führte, stand bereits ein Polizeiauto und zwei Beamte hielten sich vor dem Eingang des Hauses auf. Die Spurensicherung mit ihrem Chef Adelbert Herzog war noch nicht da, auch Walter Riegelgraf von der Rechtsmedizin war nicht zu sehen.
„Dass wir noch mal vor dem Walter an den Tatort kommen, hätte ich nicht gedacht“, meinte Frank.
„Ja, sowas kannst du dir fett im Kalender anstreichen“, meinte Richard süffisant, „Kommt nicht allzu oft vor.“
Jenes Haus lag von einer hohen Hecke verdeckt, zwischen ein paar Sträuchern versteckt an einem Hang. Es bot dem Eigentümer einen freien Blick ins Tal nach Rohracker und auf die gegenüberliegende Seite, wo die Schönen zusammen mit den Reichen von Stuttgart selbigen Ausblick genossen. Die große Hecke sorgte für die nötige Privatsphäre.
„Sind sie von der Kripo oder von der Presse?“, fragte der Polizeibeamte, als sich die zwei näherten.
„Ja“, erwiderte Frank und zeigte ihm seinen Ausweis. Komische Frage, dachte er sich dabei. Glaubt der, wir kommen vom Einkaufen.
„Wer hat den Toten gefunden?“, erkundigte sich Richard, während Frank sich an dem Beamten, der neben dem Gartentor stand, vorbeischmuggelte.
„Halt! Wer sind sie?“, rief der Beamte, welcher augenscheinlich Franks Ausweis noch nicht gesehen hatte, ihm nach.
Er hielt seinen Ausweis erneut nach oben und schaute sich das Haus von außen an.
„Der gehört zu uns“, beschwichtigte Richard den finster dreinschauenden Beamten.
„Die Haushälterin hat ihn heute Morgen gefunden. Sie sitzt vorm Haus“, antwortete dieser.
Dies war auch der Grund, warum Frank so zielstrebig an dem Beamten vorbei auf das Grundstück des Hauses ging. Er sah die Frau auf einer Bank vor dem Haus sitzend.
„Ich bin Hauptkommissar Frank Jonas von der Kriminaldirektion eins in Stuttgart. Sind sie in der Lage, mir ein paar Fragen zu beantworten?“
„I werd's versucha. Abr viel han i ned gseha.I ben au glei wiedr raus“, antwortete sie, wobei Frank Mühe hatte, ihr beim Reden zu folgen. Jenes Albschwäbisch zu verstehen, stellte ihn vor eine große Herausforderung.
„Sie haben also nichts gesehen, außer dem Toten“, übersetzte Frank mehr für sich als für die Frau.
„Noi. Nur an haufa Blud. Schrecklich.“
„Haben sie was angefasst? Ich frage nur wegen der Spurensicherung, die nachher kommt. Die müssen dann ihre Fingerabdrücke von den anderen unterscheiden können.“
Sie sah ihn entgeistert an, als hätte sie ihn nicht verstanden.
„Was woiß i. Wahrscheinlich nedda.“
Frank sah ein, es brachte jetzt nicht viel, sich mit der Frau zu unterhalten. Es lag nicht nur an ihrem Dialekt, sondern eher am Schock unter dem sie zu stehen schien. Die Beamten hatten vorsorglich schon einen Arzt gerufen.
Währenddessen traf auch Walter Riegelgraf von der Rechtsmedizin ein. Er war jünger als Richard und bis auf seinen kleinen, kugelrunden Bauch von schlanker Figur. Dieser war des Öfteren Gesprächsthema von beiden während des Mittagessens. Trotz zahlreicher Diätversuche schaffte er es nicht, jene lästige Kugel zu neutralisieren.
„Sag nichts. Ich war am Wochenende grillen“, sagte er zu Richard, der belustigt auf seinen Bauch schielte.
„Guten Morgen Walter. Ich habe doch noch gar nichts gesagt“, erwiderte Richard entschuldigend, konnte aber sein Grinsen im Gesicht schwerlich unterdrücken.
„Kaum ist das Wochenende vorbei, schon habt ihr wieder eine Leiche. Ich finde, ihr solltet öfter Urlaub machen, dann ist es hier viel ruhiger“, bruddelte er.
„Wenn du zahlst, kein Problem“, meinte Frank, als er Walter die Hand gab.
„Soweit kommts noch. Dann lieber Leichen. Apropos Leiche. Wo ist der Tote?“
„Im Haus“, erwiderte der Polizeibeamte, welcher teilnahmslos die Konversation verfolgt hatte und immer noch recht blass wirkte.
„War jemand von euch schon drin?“
„Wir nicht. Soweit ich es beurteilen kann, nur die Haushälterin und der Polizeibeamte“, meinte Frank, „Aber die ist durch den Wind. Warten wir ab, bis der Arzt kommt.“
„Dann kann er den gleich mitnehmen.“ Walter deutete mit seinem Daumen auf Richard, „Ich zähle die Tage, bis du bei mir auf dem Tisch landest. Das, nur das gibt mir Motivation.“
„Da wirst du noch eine Weile warten müssen“, lachte Richard. „Jetzt schau dir erst mal die Leiche an. Wir kommen gleich nach.“
„Aber nur mit Schutzausrüstung. Ihr macht mir sonst meinen ganzen Tatort kaputt und ich habe dann wieder die Arbeit“, schimpfte eine Stimme aus dem Hintergrund.
Die Stimme gehörte Adelbert Herzog, seines Zeichens Chef der Spurensicherung. Er galt in Stuttgart als einer der besten seines Faches, dozierte regelmäßig an verschiedenen Universitäten. Sein einziges Manko war, er verfiel bei Vorträgen sehr schnell in eine monotone, einschläfernde Stimmlage, was dazu führte, dass seine Zuhörer meist einschliefen. Deshalb verpasste ihn Frank den Spitznamen Valium Berti.
Nachdem sie den Anweisungen von Herzog Folge geleistet hatten, gingen sie gemeinsam hinein. Wie es auf den ersten Blick aussah, musste der Besitzer über einen beträchtlichen Reichtum verfügen. Die Tür am Eingang bestand aus massiver Eiche, kein billiges Furnier wie bei den meisten Türen stellte Frank fest. Im großen, ausladenden Flur war der Boden mit Marmorplatten gefliest, die Wände mit einem edlen Putz überzogen. Ein älteres Bild mit einer nackten Frau, die aus einer Muschel emporzusteigen schien und von mehreren engelsgleichen Wesen umgeben war, hing an der Wand.
„Die Geburt der Venus“, sagte Walter Riegelgraf.
„Ich weiß, das Original wurde 1486 von Botticelli gemalt und hängt in den Uffizien in Florenz. Wert: Unbezahlbar“, antwortete Frank.
„Ein Kunstkenner“, erwiderte Richard.
„Wenn hier ein Original hängen würde, hättest du ausgesorgt“, fügte sein Kollege hinzu.
Vom Flur führte ein ausladender Gang ins Wohnzimmer, dessen Boden ebenfalls durch einen teuren Marmor bestach. Die edle Ledercouch vor dem Panoramafenster rundete das teure Ambiente, welches der Raum ausstrahlte, ab. An der gegenüberliegenden Wand hing zudem ein großer Fernseher.
„Also so ein großes Fenster ist ja schön und gut, aber da kann ja jeder reinschauen“, brummte Richard.
„Wo liegt denn jetzt die Leiche? Oder ist die wieder gegangen?“, schimpfte Walter Riegelgraf.
„Die liegt, die Treppe hoch, oben links in dem Büro.“ Der Beamte der in der Tür stand deutete mit dem Finger nach oben.
Im Flur führte eine Treppe in den ersten Stock. Auf der rechten Seite befanden sich ein großes Bad sowie eine separate Toilette.
Linkerhand schien besagtes Büro zu sein. Die Tür stand halb offen.
Walter Riegelgraf und Adelbert Herzog betraten den Raum als erstes.
„Donderlattich“, rief Walter, „Da hat aber jemand ganze Arbeit geleistet. Da kann ich zwei Dinge auf den ersten Blick sagen: Definitiv tot und kein Selbstmord.“
Frank schaute vorsichtig durch die Tür.
Der Anblick ließ ihn erschaudern. Vor ihnen lag ein Mann, wahrscheinlich im Alter von Richard, in einer riesigen, fast schon getrockneten Blutlache. Überall am Schreibtisch, als auch auf dem Boden war Blut zu sehen, teilweise waren die Blutspritzer bis an die gegenüberliegende Wand verteilt. Frank spürte beim Anblick des Mannes, mit welch einem großen Hass der Täter seine Tat ausgeführt hatte. Ihm fröstelte bei dem Gedanken, wozu Menschen in der Lage waren.
„Du meine Güte. Da hat aber jemand eine Wut gehabt.“
Trotz seiner langjährigen Ermittlungsarbeit bei der Mordkommission war Richard, den so leicht nichts schocken konnte, beim Anblick des Toten sichtlich schockiert, ob der Barbarei zu der Menschen fähig waren.
„Jemand, der so etwas macht, muss eine rasende Wut gehabt haben. Der hat bestimmt mehr als einmal auf den Kopf geschlagen. Wenn ich mir so auf den ersten Blick die Hände anschaue, sieht es mir auch nach einem Kampf aus. Aber das ist nur eine erste Einschätzung. Den Rest bekommt ihr von mir wie üblich nach der Obduktion.“
Walter Riegelgraf war ein sehr gewissenhafter Rechtsmediziner, der nur weitergab, von dem er sich absolut sicher war. Er hielt nicht viel von den sogenannten Rechtsmedizinern im Fernsehen, die bei Opernmusik die Leichen sezierten. Bei ihm und seiner Kollegin Yvonne lief vorzugsweise Hardrock.
„Weiß man denn schon um, wen es sich bei dem Toten handelt. Auf dem Namensschild stehen nur die Initialen K.U.M.“, fragte der Polizeibeamte, der auf der Treppe stand, es aber augenscheinlich nicht vorzog, den Tatort noch einmal zu begutachten.
Kurze Zeit später gab Adelbert Herzog von der Spurensicherung seine erste Einschätzung an Frank und Richard ab: „Der Korrespondenz nach zu urteilen heißt der Tote Kai-Uwe Metzinger. Zumindest sind die ganzen Briefe hier alle an ihn adressiert.“
„Ein Ausweis wäre nicht schlecht, zur eindeutigen Identifikation“, maulte Richard, der anscheinend mit der ersten Einschätzung von Herzog nicht ganz konform ging.
„Wir sind erst fünf Minuten hier und du willst schon wieder alles wissen. Gib mir doch mal etwas Zeit. Je mehr du drängelst, desto länger brauche ich. Schaut euch im Haus um. Vielleicht findet ihr was. Aber bringt mir um Himmels willen nichts durcheinander.“
Richard wusste, dass es nach seiner vorigen Aussage, nun besser war Adelbert Herzog in Ruhe arbeiten zu lassen. Zudem hatte er recht. Vielleicht konnten sie im Haus brauchbare Hinweise finden.
