Unter Indianern - Edmund R. Baierlein - E-Book

Unter Indianern E-Book

Edmund R. Baierlein

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Beschreibung

Die meisten Menschen kennen Indianer nur aus Romanen und Wildwestfilmen – oft gezeichnet von Klischees und Legenden. Doch wie lebten sie wirklich? Welche Werte, Traditionen und Herausforderungen prägten ihren Alltag? Dieses eBook basiert auf den persönlichen Aufzeichnungen eines Missionars, der Mitte des 19. Jahrhunderts unter den Indianern im US-Bundesstaat Michigan lebte. Aus erster Hand schildert er seine Erlebnisse, Begegnungen und die oft überraschenden Facetten des indigenen Lebens, die weit über das gängige Bild hinausgehen. Sein Bericht gibt tiefe Einblicke in die Kultur, den Glauben und den Alltag der Indianer – aber auch in die Spannungen, die durch den Einfluss europäischer Siedler und Missionare entstanden. Dabei entsteht ein lebendiges, differenziertes Bild eines Volkes, das um seine Identität und sein Überleben kämpft. Wer diese Aufzeichnungen liest, wird Indianer mit völlig neuen Augen sehen – jenseits von Mythen und Stereotypen. Ein faszinierendes, historisches Zeitdokument, das zum Nachdenken anregt.

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Seitenzahl: 172

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Unter Indianern

Aufzeichnungen eines Missionars

Edmund R. Baierlein

Impressum

© 2018 ceBooks.de im Folgen Verlag, Langerwehe

Autor: Edmund R. Baierlein

Cover: Caspar Kaufmann

ISBN: 978-3-95893-185-5

Verlags-Seite und Shop: www.ceBooks.de

Kontakt: [email protected]

 

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Inhalt

Titelblatt

Impressum

Durch den Urwald

In der Ratsversammlung

Im Wigwam

Im Blockhaus

Unter den Bäumen

Umzug

Tod und Todesgedanken

In der Schule

In der Kirche

Der Abschied

Unsere Empfehlungen

Durch den Urwald

Fern im Westen, mitten unter den fünf großen Seen der Vereinigten Staaten von Nordamerika, befindet sich der Staat Michigan. Wie eine Halbinsel in die Seen hineingerückt, war einst der ganze Staat ein großer Urwald, von nur wenigen Prärien durchbrochen. Diese Prärien glichen, wenn der Wind blies, einem schönen, wogenden Meer. Und einem Meer gleich dehnten sie sich aus, bis sich im fernen Horizonte das wogende Grün mit dem Blau des Himmels vereinte. Nicht nur der Mann, auch der Reiter auf seinem Pferd verschwand in diesen grünen Gras wogen, wenn er, dem roten Mann folgend, ihn in seinem Wigwam besuchen wollte. Und dankbar froh war er, der weiße Fremdling, wenn er wieder glücklich aus diesen weichen, aber scharfen Grasfluten heraus in dem traulicheren Urwald angelangt war.

Vor sechzig Jahren glich Michigan einem großen Urwald, und nur hier und da war eine kleine Klärung vorhanden, welche Menschenkinder sich zur Wohnung erlesen hatten. Eine solche Klärung war auch Saginaw-City, fast in der Mitte des Staates. Die Straßen der werdenden Stadt waren an den Bäumen bezeichnet und sehr regelmäßig ausgelegt, aber nur hier und da war ein Haus vorhanden. Doch befanden sich schon zwei Kaufläden dort, die so ziemlich alles enthielten, was Menschen in dieser Gegend nötig hatten: Eisenwaren und Salzfleisch, Pflüge und Sensen, Büchsen mit Pulver und Blei, fertige Fensterflügel und allerlei Werkzeuge zum Hausbau, wollene und baumwollene Stoffe, Tee und Kaffee, Zucker und Honig, Weizenmehl und Mais, Stiefel, Mützen und Kleidung. Geld brauchte nicht, wer etwas kaufen wollte; denn ein jeder durfte seine Ware bringen und erhielt dafür, was er verlangte, der Farmer für seinen Weizen, der Indianer für seine Felle. Wer aber auch zurzeit nichts zu bringen hatte, konnte doch erhalten, was er eben bedurftem denn der Urwald ist ehrlich. Auch eine Poststation war dort, die letzte vom Süden hinauf.

Verließ man die Stadt und den Saginawfluss, der ihr den Namen gegeben hatte, und ritt in nordwestlicher Richtung, so kam man an den Titipiwassifluss. Hieran diesem Fluss lagen noch, weit voneinander entfernt, einzelne Blockhäuser etwa 20 englische Meilen entlang bis zur Mündung des Chippewayflusses in den Titipiwassi. Durchritt man letzteren, was im Sommer bei niedrigem Wasserstand auf einer Stromschnelle möglich war, so kam man zu einem einzelnen Blockhaus, dem letzten in dieser Gegend für Tagereisen weit. Hier fand man noch ein gastliches Obdach bei den freundlichen Bewohnern. Dann aber hörten auch alle Weg auf, und ganz ungebrochener Urwald folgte. Wandte man sich nach dem Westen, so hatte man bald auch den Chippewayfluss zu durchreiten, und weiter hin fand man den Pinefluss. Am linken Ufer desselben konnte ein geübtes Auge etwas von einem Pfad erkennen, der jedoch immer wieder verschwand, wo der Boden härter war, oder wo Bäume darüber hingefallen waren. Kein Fremdling hätte sich hier zurecht gefunden, aber auch keiner hätte es gewagt, diesem Pfad zu folgen. Doch der rote Mann des Waldes ist in seinen Wäldern bekannt und daheim, wie der Bürger in seiner Vaterstadt.

Eines Tages im Anfang des Frühjahres 1848 befanden sich bald nach Sonnenaufgang zwei Reiter auf diesem Weg. Der eine von ihnen, ein hoher Vierziger von gedrungener Gestalt und dunkelroter Gesichtsfarbe, war ein Halbindianer, gehörte also jener Rasse an, die dem Indianer wie der Schatten folgt, ihn mit dem nötigen Schießbedarf, aber auch mit dem verderblichen Ischkudäwabu (Feuertrank) versorgt. Dem Indianer zuweilen ein notwendiges Übel, ist er ihm sehr oft ein Übel ohne alle Not. Doch jetzt trug sein schwarzes Kanadierpferd keinerlei Waren, denn sein Reiter hatte aufgehört ein Händler zu sein und war als Dolmetscher in den Dienst der Mission getreten. Er sprach neben der Sprache jener Indianerstämme, Chippeway – auch Ojibwa genannt – ein leidliches Englisch, doch nicht ohne fehlerhafte Aussprache, und das kanadische Französisch. Sein Begleiter war ein ausgehender Zwanziger von hoher Gestalt und blasser Gesichtsfarbe. Er war ganz fremd in dieser wilden Gegend und gehörte den damals noch seltenen Menschen an, die Vaterland und Freundschaft verlassen, um den fernen armen Heiden das Heil in Christo zu verkündigen. Er war erst im vorigen Jahre zu diesem Zwecke über den Atlantischen Ozean hergekommen.

Sobald die Reisenden den Chippewayfluss durchritten hatten, wobei das Wasser bis über die Mitte des Sattels reichte, befanden sie sich in völlig ungebrochenem Urwalde. Wie fiel dem Fremdling diese feierliche Stille auf, die ihn hier umgab! Er hatte sich den Urwald so ganz anders gedacht. Er meinte, er müsste deutschen Wäldern ähnlich sein, nur viel, viel größer und von zahllosem Wild erfüllt. Wie so ganz anders fand er es hier! Von den traulichen Rehen, den vielen Hasen und stattlichen Hirschen seiner heimischen Wälder, mit welchen er als Knabe fast auf vertrautem Fuße stand, war auch keine Spur zu sehen. Zehn Stunden lang dauerte der Ritt, und auch nicht ein Wild ließ sich sehen, und auch nicht ein Vogel ließ sich hören. Nicht dass kein Wild vorhanden gewesen wäre, denn viel hundert Indianer leben ja von der Jagd dieses Wildes, aber es kam eben nicht zum Vorschein. Die Stille und Einsamkeit war auffällig. An ein schnelles Fortkommen war natürlich nicht zu denken. Denn wenn auch der Führer den Pfad kannte, so musste er doch immer wieder still stehen, weil Bäume verschiedenen Alters darüber hingefallen waren und es nun galt, einen Weg um sie herum zu finden, ohne doch die Richtung zu verlieren, was so sehr leicht geschehen konnte.

Da lagen denn die Bäume wie große, wohl über 30 Meter lange Leichen mit ausgebreiteten Armen, den Ästen, und hatten auch wohl mit ihren Wurzeln noch eine ziemliche Fläche des Bodens mit in die Höhe gezogen. Und unter diesen frisch gefallenen Riesen lagen nach allen Richtungen hin andere, die vor ihnen gefallen waren, manche noch nicht lange vorher, andere schon an Verwesung leidend, während noch andere fast schon wieder zur Erde geworden waren, von welcher sie in ihrer Jugend so mutig emporgeschossen. Welch ein Totenfeld nach allen Seiten hin! Ja, der ganze Boden des Urwaldes ist ein solches Leichenfeld, und unwillkürlich wird der Reiter still und ernst gestimmt wie der Urwald selbst. Aber zwischen den umherliegenden Größen der Vergangenheit sprosst munter und lebenslustig das zukünftige Geschlecht empor. Gar viele waren noch in zarter Kindheit und auch dem Kindertode geweiht, denn die größeren, die schon das Jünglingsalter oder auch die Manneskraft erreicht hatten, drängten die Kleinen und Schwachen zurück und erstickten sie. Alles war durcheinander und ineinander verschlungen. Da wäre auch für einen Fußgänger kein Fortkommen gewesen, geschweige denn für einen Reiter. Doch der Führer zog eine Axt aus seinem Gürtel und wusste flink eine Art Weg hindurch zu hauen, so dass die Pferde entweder darüber weg springen oder auch unten hindurch kriechen konnten. Denn manche der Bäume waren im Fallen mit ihren Ästen an anderen Bäumen hängen geblieben, so dass sie die Erde nicht hatten erreichen können. Während aber die Reiter so beschäftigt waren Bahn zu machen, suchten die Pferde von den frischen Zweigen schnell einen Imbiss zu erlangen; denn diese Tiere sind an Selbstbeköstigung gewöhnt.

Weiter und weiter ging es in dem schattendichten Urwald fort, wo von dem Himmel nur wenig und die Sonne nur, wenn sie hoch stand, gesehen wurde. Kein Mensch begegnete den einsamen Reitern, kein Wild fuhr erschreckt zur Seite, und kein Vogel ließ sich hören. Nur dass Bäume, deren Zweige, vom Winde bewegt, sich an den Zweigen anderer Bäume rieben, oder die aus Altersschwäche zu Boden fielen, seltene Töne abgaben. Ahorne und Buchen, Zedern und Eichen, Eschen, Fichten, Kiefern, Tannen, Birken, Eisenholz- und Walnussbäume standen durcheinander oder gruppenweise umher. Das Nadelholz hielt sich gern bei einander, und dort war der Wald weniger dicht und der Boden härter. Aber dann gab es auch wieder einen langen, anderthalb englische Meilen langen Sumpf zu durchreiten. Hier gab es natürlich keinerlei erkennbaren Pfad, aber an den Bäumen war hin und wieder ein Zeichen gemacht, welches hinreichend war, dem Halbindianer die Richtung des Weges anzuzeigen. Bis an die Sättel versanken die Pferde in den Morast und arbeiteten hart am Fortkommen, so dass es grausam gewesen wäre, auf ihnen sitzen zu bleiben, wenn es nur möglich gewesen wäre, neben ihnen herzugehen, ohne wie sie in den Morast zu sinken. Doch mussten die Reiter dann und wann auf einen hingefallenen Baum absteigen, so dass sich die armen Tiere ein wenig verschnaufen konnten. Die Langsamkeit des Fortkommens machten sich die Bewohner des Sumpfes, viel tausend Moskitos, zunutze und überfielen mit einer gewissen Wut namentlich den Neuling unter ihnen, den weißen Fremdling. Er musste es aufgeben, sein Angesicht vor ihnen zu schützen, nur die Augen suchte er zu retten. Ja, hier war mit einem Mal der Wald bevölkert! War dem Fremdling bisher die zu große Einsamkeit aufgefallen, so beklagte er nun die allzu große Gesellschaft. Und welch eine blutdürstige Gesellschaft war das! Auch die Pferde bluteten am Hals und konnten kaum zu den Augen heraussehen.

Nachdem der Sumpf endlich durchritten war, befreite ein für eine kurze Strecke ermöglichter Trab beide, Reiter und Pferd, von dem Übermaße der Feinde, während eine anständige Zahl ihnen immer noch das unerbetene Geleit gab. Nun kamen sie aber auf eine freie Stelle, und der Fremdling sah sich fragend um. „Hier“, antwortete sein Begleiter, „hausten einst Indianer.“ Wie traurig sah durch diese Kunde die waldfreie Stätte nun aus, die sonst so angenehm gewesen wäre! Ja, dort lagen sie, die Gräber der roten Söhne des Waldes, die einst hier gehaust hatten. Und wie wahr ist ihre wehmütige Klage:

„Unsrer Väter Gräber tragen keine Zeichen, keine Schriften.

Wer drin ruht, wir wissen’s nimmer, wissen nur, ’s sind unsre Väter –

Welcher Abkunft und Verwandtschaft, welchem alten Stammesschilde sie entsprossen, ist Geheimnis; wissen nur, ’s sind unsre Väter!“

Der Staub ihrer Leiber mischt sich mit dem Staub gefallener Bäume, und ihre Geister gehen zu den Geistern ihrer Väter. Wohin? – Ja, ist denn Gott nicht auch der Heiden Gott? Ja freilich, auch der Heiden Gott.

Jetzt trat auch der Pinefluss durch eine starke Biegung hart an den Pfad heran, und plötzlich sprang der Halbindianer vom Pferd und eilte zum Ufer hin. Dort standen drei etwa ein halbes Meter hohe Steine von seltsamer Gestalt, fast wie Büsten geformt, doch ohne Händearbeit. Auf dem oberen Teil, welcher den Kopf vorzustellen hatte, lagen Stücke fest gepressten Tabaks, wie man ihn in Amerika zum Kauen bereitet. Diesen hatten Indianer ihren Manitus, von welchen sie diese Steine bewohnt dachten, geopfert, und der kluge Halbindianer steckte ihn in die Tasche, indem er sagte: „Der kommt mir gerade recht, da der meine mir ausgegangen ist.“

Die Sonne war längst nicht mehr zu sehen, obgleich sie noch nicht untergegangen war, denn die Dichtigkeit des Waldes ließ sie nur erscheinen, wenn sie hoch stand. Für die Reiter war sie also auch nicht mehr vorhanden, und das Dunkel des Waldes nahm zu. Da kamen sie plötzlich zu einer großen, unregelmäßigen Klärung, in welcher jedoch auch viele Bäume noch umherstanden und andere umherlagen. Zwischendrein aber erblickten sie den Rauch zerstreut liegender Rindenhütten, welche die Niederlassung der Horde des Häuptlings Bemassikeh ausmachten. Wildes Hundegebell meldete sie überall an, bis sie vor der Wohnung des Häuptlings hielten. So waren sie denn am Ziele ihrer langen Reise. Welch ein armer, wilder, hoffnungsloser Ort war doch das! Ja, hier und so konnten nur Wilde hausen.

Der greise Häuptling trat vor die Tür seiner Hütte, die Gäste zu empfangen. Ruhig, fest, würdevoll trat er auf. Mit Wohlgefallen blickte er auf den weißen Fremdling, den er schon kannte, und ließ sich von ihm tief in sein Auge schauen. Nur mit dem eines Hirsches konnte jener das schwarze Auge des Indianers vergleichen. Es war tief wie der Urwald selbst und ohne Hintergrund wie dieser. Keine Leidenschaft, keine Falschheit lag in dem Auge, aber auch keine Hoffnung, keine Lebensfreudigkeit. Ruhig und fest schüttelte der Häuptling dem Fremdling die Hand und lud ihn in seine Wohnung ein. Diese bestand aus einer Rindenhütte, nur größer als die übrigen, und in der Mitte brannte das Feuer, an welchem das Abendessen bereitet wurde. An beiden Seiten, die ganze Länge der Hütte durch, waren Pritschen angebracht. Sie ruhten auf in die Erde gestoßenen Stangen und waren mit Baumrinde bedeckt wie die Hütte selbst.

Da kein Rauchfang vorhanden war, so füllte der Rauch nicht nur die Hütte, sondern auch die Augen der Eintretenden. Zum Stehen war des Feuers wegen kein Platz, so setzte man sich alsbald und gern auf die Pritschen, die dann auch zum Nachtlager dienten, für die Gäste wie für den Häuptling selbst und seine Familie. Der seltene Gast wurde mit Hirschfleisch und Mais traktiert, welches in einem großen Kessel, der über dem Feuer hing, zusammen gekocht wurde, für die Hausgenossen wie für die Gäste. Als besondere Ausnahme wusste die Frau des Häuptlings auch etwas Mehl zu finden, welches sie zum Teige machte und zum Backen in die Asche des Feuers legte. Mit einem ziemlichen Selbstbewusstsein reichte sie dann das halb verdorrte und halb verbrannte Gebäck dem Gast hin. Aber „Hunger ist der beste Koch“, sagt ein altes Sprichwort, und ein zehnstündiger Ritt durch weglosen Urwald ist ganz geeignet, den Hunger zu wecken. So ging denn auch dieses Gebäck mit den halbgekochten Maiskörnern hinunter.

Das Gespräch des Abends drehte sich um das Vorhaben des nächsten Morgens, denn da sollte eine große Ratsversammlung stattfinden. Diese Ratsversammlung aber sollte eine sehr wichtige Sache entscheiden, wichtig für die ganze Horde, wichtig für den Missionar, wichtig für diese Zeit, wichtig für die Ewigkeit. Der Häuptling rief seinen Adjutanten, zeigte mit der Hand nach einer Himmelsgegend und sagte: „Morgen, wenn die Sonne dort stehen wird, erwarte ich die Männer hier!“ Jener eilte, seine Botschaft auszurichten. Nach längeren Gesprächen kam die Müdigkeit ungerufen. Der Sattel des Pferds wurde zum Kopfkissen zurecht gelegt, und die harte Rindenpritsche diente zum Lager, bis der Morgen graute.

In der Ratsversammlung

Gegen neun Uhr kamen die Männer herbei. Sie hatten sich in den besten Staat geworfen, der freilich seltsam genug aussah. Die meisten hatten Beinkleider an, welche jedoch nur von den Füßen bis zur Hälfte der Lenden reichten und oben angebunden waren. An den Seiten waren sie mit bunten Perlen gestickt. Schuhe trugen sie von weichem Hirschleder, mit Perlen und den buntgefärbten Stacheln der Stacheltiere besetzt. Ein buntes Hemd bedeckte den Oberkörper und flatterte an den Lenden umher. Eine wollene Decke hatten sie wie eine Toga geschickt über das ganze geworfen. Das rabenschwarze Haar hing in langen Zöpfen den Rücken herab, und Adlerfedern schmückten das bloße Haupt. Manche hatten ihr kupferrotes Angesicht noch mit hellroten Streifen verziert, um ihre Feststimmung anzuzeigen; ein grämlicher Alter aber, der einen bösen Traum gehabt haben wollte, hatte sich die eine Seite seines Angesichtes ganz schwarz gefärbt.

Auch die Frauen kamen herbei. Sie hatten ganz ähnliche Schuhe an den Füßen und Beinkleider an, darüber aber einen tuchenen oder hirschledernen Rock, mit Perlen und Bändern reich gestickt, der bis an die Hälfte der Waden reichte. Der Oberkörper war mit einer kurzen Jacke bekleidet und die Brust mit großen Zierraten behängen. Nackte Kinder liefen umher, und andere, die noch nicht laufen konnten, wurden von ihren Müttern in einer wollenen Decke auf dem Rücken herbeigetragen.

Nachdem sich die Männer auf umherliegende Baumstämme gesetzt und die Frauen sich in Gruppen hingehockt hatten, trat der Häuptling vor die Tür seiner Hütte. Auch er hatte sich in den besten Staat geworfen. Mit der linken Hand raffte er seine Toga auf der Brust zusammen, die entblößte Rechte streckte er nach seinem Volk aus und hielt eine etwa 20 Minuten lange Rede, die sehr beifällig aufgenommen wurde, wie das viele zustimmende Grunzen bezeugte. Er schloss mit dem üblichen „Nindikit!“ d. h. „Ich habe geredet“, worauf ein langes und überlautes „Aouh!“ folgte. Der Dolmetscher gab den Hauptinhalt der Rede kurz wieder. Der Häuptling hatte auf das immer weitere Herabkommen seines Stammes hingewiesen und dann gesagt, er habe gehört, dass sein Bruder, dieser weiße Fremdling, in dieses Land gekommen sei, dem roten Mann zu helfen und ihm einen guten Weg zu zeigen. Deshalb habe er ihn eingeladen, bei ihm Wohnung zu machen. Sei doch auch Raum genug für ihn vorhanden. Der Fremdling habe aber erst alle seine Männer sehen und mit ihnen reden wollen. Von ihrer Aussprache würde dann sein Kommen oder Nichtkommen abhängen. Deshalb habe er sie versammelt und stelle ihnen nun seinen Bruder, den Mekadäkonjeh (Schwarzrock), vor, der auch selbst zu ihnen sprechen werde.

Darauf trat denn der „Schwarzrock“ auf und redete die Männer an. Er bediente sich der englischen Sprache und redete in einfachen kurzen Sätzen, so dass der Dolmetscher sie sofort Satz für Satz und so wörtlich wie möglich wiedergeben konnte. Damit diese weite Reise nicht umsonst sein möchte, auch wenn die Männer nicht wünschen sollten, dass der „Schwarzrock“ unter ihnen Wohnung mache, trug ihnen der Missionar zunächst den Ratschluss Gottes zu unserer Seligkeit kurz vor und zeigte ihnen den Weg zum Frieden hier und dort. Darauf sagte er ihnen, dass er unter Umständen nicht abgeneigt sei, der Einladung des Häuptlings zu folgen und in ihrer Mitte zu wohnen. Dann aber müsste er zwei Dinge von ihnen fordern, wie er auch zwei Dinge ihnen tun wolle. Was er für sie tun wolle, sei dies: Erstens wolle er ihnen allen den Weg zum ewigen Leben weisen, damit, wenn der Tod sie von hier abfordere, sie zu einem seligen Leben gelangten, wo kein Schmerz und kein Leid, kein Hunger und kein Durst und kein Tod mehr sein werde. – Das zweite, was er tun wolle, sei dies: Er wolle ihre Kinder im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichten, damit ihre eignen Kinder ihnen das gute Wort Gottes vorlesen könnten und auch in den Stand gesetzt würden, ihre Rechnungen zu führen, damit sie nicht immer im Zweifel sein müssten, ob und um wieviel sie von den Händlern betrogen würden. Dagegen müsse er nun auch zwei Dinge von ihnen verlangen. Erstens, dass sie ihm alle Tage ihre Kinder zum Unterricht zusendeten, und zweitens, dass sie selbst sich jeden Sonntag bei ihm einfänden, damit er sie den guten Weg Gottes lehren könne. Nun bitte er sie, sich darüber zu beraten und ihm eine bestimmte Antwort zu geben.

Darauf folgte wieder ein langes Schweigen. Die Männer hingen die Köpfe herab, wie in tiefes Nachdenken versunken. Dann fragte der Häuptling: „Nun, was sagt ihr?“ Darauf antwortete der älteste von ihnen, derselbe, der sich die eine Seite seines Angesichtes ganz schwarz gefärbt hatte: „Wir haben gar nichts zu sagen. Wir warten, was du sagen wirst.“

 

 

Häuptling Bemassikeh redet zu seinen Männern

 

„Was mich betrifft“, sagte der Häuptling, so will ich gern meine Kinder zum Unterricht schicken und will auch selbst mit meiner Familie mich des Sonntags einstellen, um zu hören, was der Schwarzrock uns von dem Großen Geist zu sagen hat.“ Wieder eine Pause. Dann redeten der Männer mehrere, einer nach dem anderen, und jeder stand auf, wenn er reden wollte, und jeder schloss seine Rede mit dem Nindikit, worauf immer ein mehr oder weniger lautes Aouh! folgte. Der Inhalt ihrer Rede war im ganzen derselbe: dass es gewiss gut wäre, wenn ihre Kinder unterrichtet würden, denn eigentlich wisse doch keiner von ihnen, wie seine Rechnung mit den Händlern stehe, weil keiner das Papier lesen könne, auf welchem sie sagen, dass ihre Schulden verzeichnet seien. Sie selbst wollten auch wohl des Sonntags zusammen kommen, wenn sie nicht gerade zu weit weg in den Wäldern wären usw. Dagegen sprach keiner.