Unter Strom - Katja Müller - E-Book

Unter Strom E-Book

Katja Müller

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Beschreibung

Energie verbindet Individuen und Institutionen und trägt zum Funktionieren der Gesellschaft bei. Aus diesem Blickwinkel betrachtet Katja Müller Entstehung und Ausgestaltung des Stromsystems und zeigt seine Rolle für Politik, Identität und Alltag in (Ost-)Deutschland.

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Seitenzahl: 296

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Katja Müller

Unter Strom

Wie Energie Gesellschaft formt. Am Beispiel Ostdeutschland

Veröffentlicht mit Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gem. § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

© 2026 oekom verlag, Münchenoekom – Gesellschaft für ökologische Kommunikation mbHGoethestraße 28, 80336 München+49 89 544184 – [email protected]

Layout und Satz: oekom verlagKorrektorat: Maike SpechtUmschlaggestaltung: Sarah Schneider, oekom verlagUmschlagabbildung: © Adobe Stock: Biplob Creatives

Alle Rechte vorbehaltenISBN 978‑3‐98726-610-2DOI https://doi.org/10.14512/9783987266102

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Cover

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Inhaltsverzeichnis

Hauptteil

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Soziotechnische Systeme

Energie – eine totale soziale Tatsache

Energieethische Fragen

Methode

Formen und Materialisierungen – die Kapitel

Kapitel 1:

Strom

Geschichte und Eigentum von Stromnetz und Elektrizitätswerken

Kapitel 2:

Kohle

Identität, Heimat, Politik

Kapitel 3:

Wind

Raum und Geld

Kapitel 4:

Solar

Landnahme

Kapitel 5:

Gas

Protest und Geopolitik

Kapitel 6:

Digitalisierung

Zukunft und Technikethik

Abbildungsverzeichnis

Literatur

Über die Autorin

Anmerkungen

Für T. Und für C.

Einleitung

»Die Energiewende ist das Brennglas für allgemeine Probleme der Gesellschaft. Das Projekt Energiewende wird nicht mehr erklärt und ist auch nicht mehr erklärbar. Parteien und Regierung agieren hilflos, die Leute merken das. Und das politische Klima ändert sich entsprechend.« So formuliert es der Leiter einer Regionalplanungsstelle, die in Brandenburg versucht, den Bau von Windkraftanlagen in Einklang zu bringen mit öffentlichen Belangen, gesellschaftlicher Grundversorgung und regionalen wie partikularen Interessen. In der Praxis bedeutet das, dass sich der Leiter oft mit Interessenvertreter·innen aus der Windkraftbranche, mit Umweltverbänden, mit Vertreter·innen der Zivilgesellschaft, mit Politiker·innen trifft – und gelegentlich auch mit Forschenden. Es bedeutet, dass es öffentliche Sitzungen gibt, bei denen diese Menschen mit oder ohne Stimmrecht über regionalplanerische Vorschläge und Entwürfe diskutieren und entscheiden. Und dass am Ende der Leiter und sein Team einen kartographischen und schriftlichen Regionalplan vorlegen, auf dem unter anderem Windeignungsgebiete eingezeichnet sind, also jene Flächen, in denen die Energiewende sichtbar wird. Der Regionalplan ist damit die in Form gegossene Route für die Energiewende. Er gibt vor, wo sich der Ausbau erneuerbarer Energien konkretisiert und sich die Reduzierung von Treibhausgasemissionen in Energieinfrastruktur sichtbar manifestiert.

Der Regionalplan ist das gezeichnete Ergebnis gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse im Bereich Windanlagenbau, der nur einen Teil unseres Energiesystems und der Energiewende darstellt. Nicht nur die Aushandlungsprozesse, sondern auch die juristischen und bürokratischen Prozesse sind inzwischen so komplex, dass sie durch einen Blick auf den Plan nicht mehr nachvollziehbar sind. Der Plan zeigt nicht, wie sich kleinere Gemeinden zwischen 5.000 und 10.000 Einwohnern auch ein Stimmrecht in der Regionalplanungsversammlung erkämpft haben. Er zeigt nicht, dass Regionalpläne regelmäßig beklagt werden, entweder weil Interessengruppen – etwa Einwohner·innen oder Umweltschützer·innen – zu viele Windeignungsgebiete sehen oder weil andere – etwa Windkraftfirmen – zu wenig Windeignungsgebiete erkennen. Er zeigt nicht, wie gesetzliche Rahmenbedingungen und Verordnungen, aber auch individuelle Beziehungen zwischen Politiker·innen, Amtspersonen, Einwohner·innen und Bürgerinitiativen Grenzziehungen und Gebietsaufteilungen beeinflussen. Er zeigt nicht, wie sehr sich Windenergieanlagen von Visionen einer Energieautarkie zu großkapitalen Investitionsobjekten entwickelt haben. Er zeigt nicht, dass das Erneuerbare‐Energien‐Gesetz von ursprünglich 12 Paragraphen auf fünf Seiten zu einem Pamphlet von inzwischen 101 Paragraphen auf 145 Seiten angewachsen ist. Er zeigt ebenfalls nicht, wie die gewachsene Energieinfrastruktur an Leitungen, Anschlüssen, Trafostationen, Kraftwerken und Tagebauen die konkrete Form der Energiewende beeinflusst oder inwiefern die Entwicklung von Infrastruktur und Gesellschaft in Ostdeutschland von 40 Jahren sozialistischer Ideale und realsozialistischer Wirtschaft und Geopolitik geprägt ist.

Das Buch will dem etwas entgegensetzen. Es erklärt Grundzüge des Energiesystems – insbesondere des Stromsystems – in seiner Entstehung und aktuellen Ausgestaltung und setzt sie in Beziehung zu gesellschaftlichen Entwicklungen. Es nimmt sich konkret sechs Teilaspekten an, die immer noch dafür sorgen, dass der Strom aus der Steckdose kommt: Elektrizitätswerke und Stromnetze, Kohle, Wind‐ und Solarenergie, Gas und automatisierte Steuerung. Denn das, was wir alltäglich als gegeben annehmen – dass der Strom aus der Steckdose kommt – ist nur ein Teil der Wahrheit. Natürlich kommt Strom aus der Steckdose, aber er muss eben auch irgendwo herkommen, er muss ›erzeugt‹ und transportiert, umgewandelt und gesteuert werden. Das Buch setzt in seinen einzelnen Kapiteln Schwerpunkte auf die genannten Teilaspekte und beleuchtet nicht nur ihre Entstehung und Entwicklung, liefert anschauliche Beispiele und Erklärungen der technischen Prozesse, sondern beleuchtet auch die aktuellen gesellschaftlichen Probleme und Herausforderungen, die mit dem Energiesystem verknüpft sind.

Auf die Entstehung und die Komplexität des Energiesystems gehen Kritiker und Kritikerinnen desselben selten ein. Vielmehr werden scheinbar einfache Lösungen propagiert und dankbar aufgegriffen: dass es falsch laufe, dass das System versage und dass Windanlagen abgebaut werden müssten. Eine Lösung ist das bei Weitem nicht. Aber es spart für den Moment die Mühe der Erklärung. Das Buch verfolgt einen anderen Ansatz. Es erklärt das Energiesystem und Teile desselben als gewachsene Infrastruktur, die Auswirkungen auf die Sozialstruktur, unser alltägliches Leben, unsere Werte und Normen und auch politisches Verhalten hat. Es stellt (Teile des) Energiesystems verständlich und doch in seiner Komplexität dar und liefert Grundlagen für ein technisches wie soziopolitisches Verständnis desselben, besonders in seiner ostdeutschen Ausprägung. Es schafft eine Grundlage für eine informierte Auseinandersetzung über die Tücken und Probleme in der Energiewende auf einer Bandbreite von individuellen Präferenzen bis hin zu systemischen Fragen.

Ein Grundverständnis des deutschen Energiesystems herzustellen, scheint derzeit notwendiger denn je. Die Energieversorgung hat zuletzt die Gemüter und die Medien stark erhitzt und innen‐ und außenpolitisch an Relevanz und Aufmerksamkeit gewonnen. Sei es, dass das Gebäudeenergiegesetz 2023 nach hitzigen Debatten schließlich abgeschwächt und geändert wurde oder dass inzwischen die Abhängigkeit von russischem Erdgas durch Flüssiggas aus Katar, Norwegen und den Niederlanden reduziert worden ist, mit der Option auf die Erhöhung der Liefermengen von gefracktem US‑amerikanischem Gas. Gleichzeitig kündigten die USA unter Trump den Ausstieg aus dem Pariser Klimaschutzabkommen und das Ausrufen eines Energienotstandes zur Entfesselung der Förderung fossiler Energien an. 2024 ist erstmals die globale Erwärmung im Jahresdurchschnitt auf über 1,5 Grad Celsius angestiegen.1 Und die Kilowattstunde Strom kostet in Deutschland durchschnittlich mehr als 40 Cent (im Jahr 2000 waren es noch 14 Cent).2

Diese Aspekte des Energiesystems zu erklären, vermögen Politik und Co. kaum noch. Und das hilflose Agieren in Bezug auf die Energiewende ist kein Phänomen der jüngeren Vergangenheit, sondern zeigte sich parteiunabhängig bereits seit Längerem: Entscheidungen zum Atomausstieg wurden gefällt, dann rückgängig gemacht, dann doch wieder ein‐ und umgesetzt. Klimaabgaben wurden durch Kapazitätsreserven ersetzt. Auf ein 100.000‐Dächer‐Programm zum Ausbau von Solarstromerzeugung folgte der Crash der Solarindustrie. 2004 konstatierte der damalige Bundesumweltminister, dass die Energiewende jeden deutschen Haushalt so viel kosten werde wie eine Kugel Eis pro Monat. Knapp 20 Jahre später kostete allein der Heizkostenzuschuss den Bund so viel wie zehn Milliarden Kugeln Eis.3 Die EEG‐Umlage brachte 2022 so viel wie 8,9 Milliarden Kugeln Eis – pro Haushalt etwa 215 Euro.4 Im Vorjahr waren es noch 22,6 Milliarden.5 Parallel dazu wurde 2022 das letzte Atomkraftwerk vom Netz genommen, akzeptierten Kohlekumpel das 2020 verabschiedete Kohleverstromungsbeendigungsgesetz als gesellschaftlichen Konsens und verlor die Klimabewegung an Zulauf, die 2019 noch 1,4 Millionen Menschen auf die Straße gebracht hatte. All diese energiebezogenen gesellschaftlichen Entwicklungen sind Vorläufer und indirekte Mitbedingung des Wahlergebnisses von 2025, bei dem 43 Prozent der Bevölkerung zwei Parteien wählten, deren Spitzenkandidat·innen Windräder abbauen lassen wollen.6

Veränderungen im Energiesystem sind nicht geradlinig, sondern von Komplexität und Ambivalenz gekennzeichnet. Komplexität ist schwer zu durchdringen; Ambivalenz ist schwer auszuhalten. Wenn populistische Erklärungen verfangen, weil Energiewende und Energiesystem nicht mehr erklärt werden oder nicht mehr nachvollziehbar sind, braucht es dezidierte Gegenmaßnahmen und Erklärungsversuche. Wenn nur noch Energiefirmen oder täglich damit befasste Expert·innen aus Politik, Wirtschaft oder Verwaltung verstehen, wie die Energiewende vonstattengeht, auf welchen Grundlagen sie aufbaut und unter welchen Kriterien sie umgesetzt wird, lassen sich auch Fragen nach den Kosten und Nutzen des Energiesystems nicht mehr beantworten, geschweige denn diskutieren und zielführend verändern. Dabei ist insbesondere unser Stromsystem elementarer Bestandteil der Grundversorgung und Daseinsvorsorge und damit Grundlage für das Funktionieren von Alltag und Gesellschaft. In seiner Ausgestaltung bringt es immer wieder Probleme, Konflikte und Unverständnis hervor. Das Buch erklärt diese als Verflechtung technischer und gesellschaftlicher Aspekte.

Soziotechnische Systeme

Die Probleme und Lösungen im Energiesystem sind zum einen technischer Art. Rohstoffförderung und ‑verarbeitung, Leitungen oder Verteilsysteme verändern sich durch Innovationen, Anpassungen und neue Anforderungen. Instandhaltungen, Verschleißerscheinungen und neue Bauteile erfordern die Überarbeitung oder Erneuerung eingesetzter Technik. Und auch veränderte Ansprüche oder Bewertungen von Technikfolgen auf Gesellschaft, Umwelt oder Wirtschaft bedingen Innovationen und Veränderungen auf technischer Seite, die wiederum weitere technische Anpassungen oder Lösungen nach sich ziehen können. Damit werden Energiesysteme bereits dezidiert soziotechnische Systeme, was bedeutet, dass sie nur in einem Zusammenspiel von Technik, Akteuren und Regeln funktionieren.

Veränderungen in technischen Systemen und der Erfolg neuer Technologien hängen dementsprechend auch von sozialen Faktoren ab. Kooperationen, Interaktionen und der Wettbewerb zwischen Akteuren, Regularien und Anreize, Akzeptanz und Folgenabschätzung sowie Einstellungen und Nutzungsroutinen im Alltag bedingen, ob neue Artefakte oder Produktionsverfahren (wie die Glühbirne, das Fahrrad oder die Dampfmaschine)7 sich zu einer hauptsächlich eingesetzten Technik entwickeln. Es sind nicht oder nicht ausschließlich Preis und Qualität einer Technik.

Hinzu kommt, dass je größer die technischen Systeme und je umfangreicher die Transformation durch eine technische Innovation ist, desto komplexer und schwieriger ist es, Veränderungen herbeizuführen und technische Innovationen aus ihrem Nischendasein herauszuführen. Denken wir an die Energiewende und das Stromnetz als großes technisches System, kann man von einer Schwelle von etwa 25 Prozent als grobe Zahl für den Erfolg einer technischen Innovation ausgehen. Das heißt, dass sich eine Technik vom Nischenprodukt in Richtung Markt‐ oder Sektorendurchdringung bewegt und etablierter Teil des technischen Systems wird. Historische Beispiele hierfür ist die Umstellung von Wasserkraft auf Dampfmaschinen und damit Kohle in England zur Zeit der Industrialisierung oder die Umstellung auf Erdöl als Hauptquelle der Energieerzeugung in den USA ab Mitte des 20. Jahrhunderts.8 Als aktuelles Beispiel können Windräder dienen, die sich zunächst als technische Innovation in einer Nische entwickelt haben und in den 1990er Jahren kaum über Einzelkonstruktionen einiger begeisterter Entwickler hinausgingen, inzwischen aber 29 Prozent der deutschen Bruttostromerzeugung ausmachen (siehe Kapitel 3).

Diese Entwicklung im Stromsystem brauchte nicht nur die technische Weiterentwicklung von Windkraftanlagen, sondern in Deutschland auch das Energieeinspeisungsgesetz, das strategische Handeln von Unternehmer·innen und politischen Entscheidungsträgern und die Überzeugung, dass Energieerzeugung nachhaltig erfolgen soll. Transformationen durch und mit technischen Innovationen funktionieren nur als Zusammenspiel von Technik und Gesellschaft. Die Entwicklung einer Technik aus der Nische heraus bedarf bestimmter Faktoren oder Umstände, wie zum Beispiel veränderter Nutzerpräferenzen und internen oder externen Drucks auf das bisher etablierte soziotechnische System. Negative externe Effekte, interne technische Probleme oder strategisches und wettbewerbsorientiertes Handeln erzeugen einen solchen Druck und verbessern die Chancen, dass sich eine Technik durchsetzt. In ähnlicher Weise wirken gesetzliche Rahmenbedingungen oder Förderinstrumente.9

Gleichzeitig ist zu beachten, dass etablierte soziotechnische Systeme, besonders wenn es sich um große technische Systeme wie das Stromsystem handelt, vergleichsweise stabil sind. Kohle brauchte zum Beispiel mehrere Jahrhunderte, um die 25 Prozent‐Schwelle zu überschreiten, bei Öl dauerte es etwa 80 Jahre. Diese vergleichsweise langsamen Prozesse der Systemdurchdringung zeigen, dass soziotechnische Systeme – einmal etabliert – vergleichsweise träge sind. Sie lassen Transformationen zu, aber sie beruhen zum einen auf einer über Jahrzehnte hinweg ausgebauten Infrastruktur und verfügen in ihrer Materialität ganz faktisch über eine ›Festigkeit‹. Verlegte Leitungen, Kraftwerke oder Umspannwerke wechselt man nicht grundlos gegen eine andere Technik aus. Zum anderen bestehen durch Investitionen und Gewohnheiten auch Pfadabhängigkeiten und Lock‐in‐Effekte. Kognitive, normative und formale Regeln sowie die Einbettung und Abhängigkeit des etablierten Energiesystems machen es zu einer stabilen Entität, dessen Transformation mehr als nur eine technische Innovation braucht. In anderen Worten: Ein Energiesystem umfasst nicht nur Kabel, Maste, Drähte, zentrale und dezentrale Kraftwerke, Umspannwerke und Steckdosen, sondern auch Elektriker·innen, Händler·innen und Vertriebler, Kraftwerksingenieur·innen, Netzbetreiber, Solarparkprojektierer·innen, Regionalplanende, Anwohner·innen, Anwaltskanzleien, Industrie‐ und Haushaltskund·innen, deren Verhalten und Einstellungen mitbedingen, ob, wie schnell und in welcher Form sich neue Techniken durchsetzen. Energiesysteme beziehen Ressourcen wie Kohle, Wasser, Wind, Kupfer, Silizium, Stahl oder Gas mit ein, aber auch Wissen und Wissenstransfer, Arbeitsabläufe und Routinen, Erfahrungswerte, Handlungspraktiken, Überzeugungen und Einstellungen. Das Stromsystem funktioniert als Zusammenspiel von Arbeit und Kapital, von Organisationen und menschlichen Akteuren, materieller Infrastruktur und Technik, Wissen und Rechtsrahmen sowie dem Primat der Versorgungssicherheit. Zudem sind kulturelle Bedeutungen, politische und soziokulturelle Ziele und Überzeugungen relevant.10

Während viele dieser Aspekte bewusst beeinflusst werden können, um Veränderungen auch an großen technischen Systemen anzuschieben, entziehen sich die letztgenannten Aspekte – Werte und Grundeinstellungen, gemeinsame kulturelle Überzeugungen und Symbole – zumeist dem direkten Einfluss der an technischen Innovationen beteiligten Akteuren und Akteurinnen.11 Ändern sich Einstellungen und Werte, können sie jedoch ausschlaggebend sein: Ist die Versorgungssicherheit oberstes Gebot, wirkt sich das auf die Technik aus. Wird Klimaschutz zur Prämisse, so unterstützt dies die Einführung erneuerbarer Energien.

In diesem Sinne ist das vorliegende Buch ein soziotechnisches Buch. Es wirft einen dezidierten Blick auf das deutsche Energiesystem und beleuchtet seine Entstehung, seine Fortschreibung und Entwicklung. Dabei erklärt es technische Grundzüge insbesondere unseres Stromsystems, der Förderung von Energierohstoffen und der Produktion von erneuerbaren Energien, aber es zeigt ganz deutlich die damit verbundenen gesellschaftlichen und kulturellen Aspekte auf. Die einzelnen Kapitel wenden sich Fragen von Identität und Heimat, von Geopolitik und Protestkultur, von Geld und Macht, von Landnahme und Raumgestaltung zu. Denn wie gesagt, sind weder das etablierte Energiesystem noch die Energiewende ein rein technisches System. Sie sind soziotechnische Konstellationen und Prozesse, bei denen es verschiedene technische Optionen und Lösungen gibt, die immer gesellschaftliche Konsequenzen haben, in zwischenmenschliche Interaktionen und Beziehungen zwischen Techniksystemen und Mensch eingebunden sind und aus ihnen heraus entstehen. Technik agiert nicht allein oder für sich, sie ist keine eigenständige Entität, die losgelöst von menschlichen Handlungen geschieht. Sie folgt bestimmten Regeln, die als physikalische Gesetze oder chemische Reaktionen auch ohne menschliches Zutun gelten. Und gleichzeitig geschehen ihre Anwendung und Weiterentwicklung in der Interaktion mit Menschen12 und idealerweise zum Wohle der Menschen. Technik ist nicht Selbstzweck, sondern wird für bestimmte Interessen oder Ideale eingesetzt – sei es zur Effizienzsteigerung, zur Gewinnmaximierung, zur Prozessoptimierung oder für die Verbesserung von Lebensbedingungen.

Energie – eine totale soziale Tatsache

Unter diesen Prämissen setzt sich das vorliegende Buch nicht mit irgendeiner Technik auseinander, sondern untersucht Energiesysteme, mit einem Schwerpunkt auf elektrischer Energie. Das geschieht zum einen vor dem Hintergrund der aktuellen Relevanz, die Energie gerade in Zeiten multipler Krisen – von Klimawandel bis zur Kriegsführung – erfährt. Zum anderen ist Energie das Thema dieses Buches, weil sie essentiell für unser alltägliches wie auch das Leben überhaupt ist. Energie ist Voraussetzung allen Lebens auf der Erde; wir alle sind von Energie abhängig. Die Sonne liefert sie für die Photosynthese, die Energie in Pflanzen ermöglicht Ernährung von Mensch und Tier. Die Energiezufuhr wiederum bestimmt, gemessen in Joule oder Kalorien, wie viel Arbeit verrichtet und wie viel produziert werden kann. Sonnenenergie ist zudem in fossilen Rohstoffen gespeichert und bedingt Wind und Wasserfluss. Physikalisch betrachtet ist Energie, die in angewandte Kraft umgewandelt wird, gleichbedeutend mit Arbeit. Energie kann weder erzeugt noch zerstört, sondern nur von einer Form in eine andere umgewandelt werden.

Im Alltag – wie auch in der Wirtschaft und den Sozialwissenschaften – verwenden wir den Begriff jedoch anders. Energie ist für uns durchaus etwas, das genutzt und verbraucht werden kann. Wir kennen leere Batterien und Stromausfälle, Benzinpreiserhöhungen, leere Tanks, kalte Heizungen oder Ölkriege. Eine gelebte Realität von Energie, also die Erfahrungen und Beziehungen zu Energie, die wir bewusst oder unbewusst machen und herstellen, zeigen, dass Energie sowohl persönlich als auch kollektiv ist. Sie ist politisch, real und eine totale soziale Tatsache.13

Das bedeutet, dass wir Energie individuell erfahren; wir nutzen sie jeden Tag in verschiedenen Formen. Wir schalten das Licht an, laden Handy oder Laptop auf, tanken, heizen, waschen, kochen. Wir nehmen Energie als gegeben hin und gehen davon aus, dass Strom aus der Steckdose kommt. Dabei bleibt im Allgemeinen die Energieinfrastruktur im Alltag unsichtbar. Infrastruktur ist ein System von Kabeln und Rohren, Schaltkästen, Steckdosen und kleineren wie größeren Kraftwerken. Sie bleibt im Hintergrund und wird als gegeben angenommen.14 Sie hängt zwar von den Sehgewohnheiten und Aufmerksamkeiten des Einzelnen ab,15 aber zumeist nehmen wir Energieinfrastruktur nur wahr, wenn sie nicht funktioniert. Wenn der Wasserkocher nicht kocht oder die Heizung nicht warm wird, wird uns Infrastruktur bewusst: Sind es die Kontakte, die Sicherungen, die Leitungen im Haus, ein Problem der Stadtwerke? Wie lange dauert die Reparatur, wie aufwändig ist sie?

Dabei wird Energie auch kollektiv, denn Energiesysteme binden eine Vielzahl an Akteur·innen ein. Stromnetze verbinden und vernetzen nicht nur im physischen Sinne Erzeuger·innen und Verbraucher·innen miteinander durch Kabel und Leitungen, sondern sorgen auch im übertragenen Sinne für Verbindungen: für Vertragsbeziehungen zwischen Stromanbietern und Verbraucher·innen oder zwischen Stadtwerken und Netzbetreibern. Sie ermöglichen kollektive Erfahrungen wie gemeinsames Lernen, Leben oder Arbeiten – in beheizten, beleuchteten Räumen, an Maschinen oder in Zügen.

Damit wird Energie auch politisch. Entscheidungen für ein Energiesystem, die Nutzung oder Förderung eines Rohstoffes, einer Produktionsweise, einer Energietechnik wohnt immer auch eine gewisse Macht inne. Der Zugang zu und die Nutzung von bestimmten Formen von Energie bestimmen mit, wie Menschen leben – zum Beispiel ob und wann Heizung oder Strom abgestellt werden, ob umgesiedelt wird oder Energieanlagen in unmittelbarer Nähe errichtet werden. Der Anthropologe Dominic Boyer spricht hier von energopower.16 Ähnlich wie Foucault es in Bezug auf Kontrolle durch den Souverän beschreibt, der Kontrolle über Körper (biopouvoir) einerseits durch Disziplinierung des einzelnen Körpers und andererseits durch die Regulierung der Bevölkerung erreicht, ist Energie politisch. Das Abstellen von Strom zum Beispiel vermag nicht nur einzelne Personen zu disziplinieren – Rechnungen in Zukunft zu bezahlen oder bei abgestelltem Strom anders für Licht zu sorgen –, sondern trägt in seiner Androhung in der breiten Masse der Bevölkerung dazu bei, dass der Stromhandel und Stromverträge funktionieren und eingehalten werden.

Auch auf geopolitischer Ebene ist Energie wesentlicher Bestandteil oder gar Voraussetzung für Kontrolle und Macht. Energiesysteme sind historisch gewachsen, sowohl in ihrer materiellen Infrastruktur als auch in ihren innen‐ wie außenpolitischen Beziehungen, Förderungs‐ und Lieferbedingungen (siehe Kapitel 5). Energie ist eng verbunden mit Konflikt, Krieg und Gewalt,17 und Energiepolitik erfährt insbesondere dann Aufmerksamkeit, wenn Energieversorgung oder Energiepreise in Aufruhr sind. Die globalen Ölpreiskrisen in den 1970er Jahren, die nukleare Aufrüstung in den 1980ern oder der US‑Krieg um Öl im Irak waren solche Momente der Repolitisierung von Energie. Der russische Krieg gegen die Ukraine und der anschließende Anstieg der europäischen Energiepreise im Jahr 2022 zeigen als aktuelleres Beispiel, dass Energie in höchstem Maße (geo‑)politisch ist.

Energie durchdringt alle anderen Aspekte gesellschaftlichen Lebens und ist essentieller Bestandteil von Wirtschaft, Gesetzgebung oder Kultur. Energie verbindet Individuen, Gruppen und Institutionen miteinander und hält auf diese Weise die Gesellschaft als Ganzes zusammen. Sie ist nicht nur Brennglas der Gesellschaft, sondern eine totale soziale Tatsache.18

Energieethische Fragen

Wenn Energie soziopolitisch ist, dann stellen sich auch grundlegende ethische Fragen. Welche sozialen und kulturellen Auswirkungen haben Veränderungen und Innovationen in der Energiebranche? Was bewirkt der Kohleausstieg? Welche Folgen hat die Energiewende für den Einzelnen, für Gemeinschaften und für die Gesellschaft insgesamt einschließlich ihrer politischen Systeme und finanziellen Abhängigkeiten? Entstehen hier neue Energiekonflikte zwischen denen, die finanziell profitieren, und jenen, die vor Ort negativ beeinflusst werden? Das Aufwerfen ethischer Fragen erlaubt es, vor allem Energiekonflikte besser zu verstehen.19 Energiekonflikte können von grundsätzlichen Fragen über die Nutzung oder Ablehnung bestimmter Energiequellen angetrieben werden; sie können aber auch Verteilungskonflikte, zum Beispiel von Land und Geld, oder Konflikte über Beteiligungen und Prozesse umfassen.

Die grundlegende ethische Frage bei Energiekonflikten ist die nach Gerechtigkeit. Ist die Art und Weise, wie Strom oder fossile Kraftstoffe zur Verfügung gestellt werden, gerecht? Zu den Grundsätzen von Energiegerechtigkeit gehören die Verfügbarkeit, die Bezahlbarkeit und die Beteiligung an Entscheidungen. Ist überhaupt für alle Zugang zu Energie gewährleistet? Was kostet der Strom für wen? Sind betroffene Interessengruppen an energiepolitischen Entscheidungen beteiligt worden? Haben sie die Möglichkeit gehabt, gut informiert ihre Zustimmung zu geben?20 Ob ein Energiesystem gerecht und ausgewogen ist, kann nicht nach einem vorbestimmten Baukastenprinzip bestimmt werden, sondern ist immer auch abhängig von den Sichtweisen der Beteiligten.21 Dabei spielt es eine entscheidende Rolle, was die Beteiligten unter einer guten Energieversorgung verstehen und wie sie einzelne Aspekte des Energiesystems bewerten – wobei nicht immer die gleichen Standpunkte vertreten werden. Energiekonflikte entstehen dann, wenn Gerechtigkeitsaspekte nicht zum Tragen kommen, wenn die Vorstellungen von dem, was richtig und gut ist, auseinandergehen und es in irgendeiner Art und Weise an Grundprinzipien der Gerechtigkeit mangelt.22 Konkret bedeutet das, dass es sehr verschiedene Verständnisse von Energie und seinen Teilaspekten geben kann und die Frage nach Gerechtigkeit nicht selten ein Streitthema ist. Erneuerbare Energien zum Beispiel haben das Potential, eine dezentrale, individuelle und nachhaltige Energieversorgung sicherzustellen und Energie als öffentliches Gut zu begreifen und entsprechend zu nutzen.23 In der Praxis führen Windräder, Wasserkraftwerke und Solarparks aber auch zu Verdrängung, Entmündigung und Ausbeutung, was Menschen auch dazu veranlasst, erneuerbare Energien komplett oder in konkreten Projekten abzulehnen und zu bekämpfen. Als Resultat führt das zur weiteren Verbrennung fossiler Rohstoffe – und wirft damit weitere Fragen von Gerechtigkeit auf, zum Beispiel gegenüber kommenden Generationen, der Natur und ihren Lebewesen. Energieethische Fragen zu stellen bedeutet dementsprechend, sich mit den unterschiedlichen Werten und Erwartungen an Energie und mit den Folgen von Energiesystemen auseinanderzusetzen.24

Im Idealfall werden Fragen der Energiegerechtigkeit vor der Schaffung oder Veränderung von Energieinfrastrukturen gestellt. In der Realität decken sich selbst im Falle energieethischer Vorüberlegungen die Realitäten von Technik im Allgemeinen und Energiesystemen im Speziellen selten mit den Ansprüchen und Vorstellungen aller Beteiligten. Es gibt immer Bruchstellen und Konfliktfelder, die kleiner oder größer ausfallen: Tagebaue bringen einheimische Energieträger, aber verlangen die Umsiedlung von Häusern und Gehöften; Windräder produzieren grünen Strom, aber führen zu Umzingelungen; LNG‐Terminals machen unabhängiger von Gasleitungen, aber bringen Lärmbelästigungen und gefracktes Gas. Dementsprechend verbindet das hier vorliegende Buch in seiner soziotechnischen Ausrichtung, also in der Kombination von Energie und Gesellschaft, auch moralische Ideale und Wertvorstellungen mit gesellschaftlichen Prozessen und gelebten Realitäten. Es betrachtet das Energiesystem und die Infrastruktur, die uns umgibt, und zeigt deren spürbare Auswirkungen ebenso wie die zugrunde liegenden Überlegungen und moralischen Werte. Das Buch erklärt, warum Energiesysteme in ihrer jetzigen Form bestehen. Wie sind Infrastrukturen und Verträge zustande gekommen, wie gesellschaftliche Einstellungen dazu, und welche Auswirkungen hat das? Warum heizen wir mit Gas, und was bedeutet das für die Beziehungen zu Russland und den USA? Wieso gibt es einen Run auf große Flächen für Solarparks, und was bedeutet das für die landwirtschaftliche Produktion? Wieso ist Kohle dem Gefühl von Heimat zuträglich und abträglich zugleich, und was hat das mit Wahlverhalten zu tun? Warum braucht es neue Stromtrassen, und wieso sind viel mehr Stadtwerke in Ostdeutschland in kommunaler Hand als in Westdeutschland?

Methode

Um diese Fragen zu beantworten, stützt sich das Buch auf ethnologische Forschung. Das bedeutet, dass ihm mehrere Jahre wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema zugrunde liegen; im konkreten Fall in Form von drei aufeinanderfolgenden Energieforschungsprojekten seit 2014. Ethnologische Forschung beschäftigt sich mit dem Menschen in seiner Lebenswirklichkeit. Sie erklärt und interpretiert menschliches Handeln und Denken. Um die conditio humana zu verstehen, so ein Grundgedanke der Ethnologie, muss man sich mit dieser auseinandersetzen und sie empirisch erforschen. Dafür braucht es teilnehmende Beobachtungen, ein Miterleben sozialer Welten und menschlicher Erfahrungen. Es braucht eine intensive Auseinandersetzung mit der gelebten Wirklichkeit von Energiewenden und Stromsystemen, ein Beobachten der Interaktion zwischen Menschen und Energieinfrastruktur sowie zwischen den verschiedenen involvierten Organisationen und Institutionen.

Die ethnologische Betrachtung von Energie ist nicht neu, vielmehr basiert sie auf der Überzeugung, dass Energie als soziales und kulturelles Phänomen zentraler Bestandteil menschlichen Zusammenlebens ist. Bereits in den 1940er Jahren hat der Ethnologe Leslie White formuliert:

»Everything in the universe may be described in terms of energy. Galaxies, stars, molecules and atoms may be regarded as organizations of energy. Living organisms may be looked upon as engines which operate by means of energy derived directly or indirectly from the sun. The civilizations, or cultures of mankind, also, may be regarded as a form or organization of energy. […] Cultural anthropology is that branch of natural science which deals with matter‐and‐motion, i. e., energy, phenomena in cultural form, as biology deals with them in cellular, and physics in atomic, form.«25

Dementsprechend befasst sich dieses Buch mit der soziokulturellen Dimension von Energie. Es untersucht Energie im Zusammenhang mit Gesellschaften und Kultur, Normen und Werten, Veränderungen und Übergängen. Es betrachtet, wie oben ausgeführt, Energiesysteme als soziotechnische Verflechtungen von Ressourcengewinnung, Elektrizität und Brennstoffen, Infrastrukturen, Institutionen sowie Ethik, politischer Macht und Überzeugungen. Es setzt sich mit der gelebten Realität von Energie auseinander.

Dafür habe ich, allein und mit Kolleg·innen, zwischen 2014 und 2025 mehr als 80 formale Interviews geführt und zudem unzählige informelle Gespräche mit Projektierer·innen, Kumpeln, Ingenieur·innen, Aktivist·innen, Bürgermeister·innen, Landwirt·innen, Techniker·innen, Pressesprecher·innen, Verwaltungspersonal, Planer·innen, Bürgerinitiativen und Politiker·innen geführt. Die Interviews wurden aufgenommen und teilweise für Radioreportagen genutzt,26 was dem Interview und dem gesprochenen Wort noch einmal eine besondere Rahmung gibt. Gleichzeitig entspricht das, was Menschen in einem Interview sagen, nicht immer der gelebten Realität,27 so dass, ganz im Sinne der ethnologischen Forschung, zentraler Aspekt meiner Arbeit die Feldforschung ist. Das bedeutet die teilnehmende Beobachtung in ostdeutschen Energieregionen, an Gemeinderatssitzungen und Erörterungsterminen, an Protestaktionen und Führungen, an Dorffesten und Informationsveranstaltungen und schlicht am alltäglichen Leben. Es bedeutet, über einen längeren Zeitraum hinweg mit Bewohner·innen und Involvierten eine Vertrauensbasis zu schaffen sowie ein Verständnis sozialer wie soziopolitischer und sozioökonomischer Dynamiken zu erlangen.

Dabei arbeiten Ethnolog·innen induktiv, das heißt, nicht auf der Basis vorgefertigter Thesen und Theorien, die geprüft werden sollen, sondern mit offenen Augen und Ohren für die Sichtweisen der involvierten Personen. Es sind emische Perspektiven, die hier im Buch zum Tragen kommen, Meinungen und Ansichten von Personen, die mit den jeweiligen Energieaspekten zu tun haben. Meine Aufgabe als Wissenschaftlerin ist es, diese Wahrnehmungen und geäußerten Ansichten zu analysieren, sie in Verbindung zu historischen Fakten und sozialen Theorien zu bringen und somit zu einem Verständnis beizutragen, warum Energiesysteme als soziotechnische Konstrukte so funktionieren, wie sie funktionieren. Meine individuelle Rolle kann ich dabei reflektieren, aber nicht negieren. Das Buch und seine Inhalte sind von meinen Interaktionen mit Menschen, meiner Auswahl der Forschungsregionen, meiner Expertise, meinem Schreiben und meinen Interpretationen geprägt. Wäre ich nicht Leipzigerin, Ethnologin, Professorin und vieles andere mehr, würde dieses Buch ein anderes sein. Hätte ich keine Förderung für meine Forschung erhalten, würde das Buch ein anderes sein. Hätte ich andere Gesprächspartner·innen getroffen – deren Rückmeldungen zu den einzelnen Kapiteln wiederum das Buch mitprägen – würde das Buch ein anderes sein.

An dieser Stelle sei explizit dem Australian Research Council für die Förderung der Forschungsprojekte The Coal Rush and Beyond und Decarbonising Electricity gedankt, der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die Heisenberg‐Förderung von EnergieDigital sowie der Hochschule Merseburg. Großer Dank gilt auch den folgenden Menschen, die durch Gespräche und Unterstützung direkt oder indirekt zu diesem Buch beigetragen haben und ohne die es dieses Buch so nicht geben würde: Antje Kirchner, Anton Abele, Asta Vonderau, Bastian Pfarrherr, Burkhard Schnepel, Chima Anyadike‐Danes, Christian Schulze, Devleena Gosh, Dirk Hünlich, Dirk Manthey, Frank Deutschmann, Gareth Bryant, Guido Schulze Niehoff, Hans‐Georg Nerlich, Hanne Schönig, Hans‐Joachim Röhl, Hardy Feldmann, Helga Kruska, Holger Hänchen, Ingmar Reichert, James Goodman, Julia Albinus, Jette Aurig, Joachim Stugk, Jonathan Everts, Jörg Niendorf, Karsten Klug, Kathrin Faltermeier, Lars Katzmarek, Linda Connor, Lutz Klauber, Lutz Schneider, Madita Tegtmeyer, Marco Bedrich, Mareike Pampus, Martin Dotzauer, Martin Möhring, Michael Kraft, Michael Müller, Monika Schulz‐Höpfner, Nina Temann, Niels Ehlers, Ortwin Renn, Philipp Völklein, Priya Pillay, Rene Wolfsteller, Roland Hayeß, Roland Lehmann, Roswitha Koch, Sabine Nitzschke, Sascha Hilpert, Siddharth Sareen, Stefan Them, Stuart Rosewarne, Susanne Boy, Thomas Ludow, Tom Morton, Torsten Nonnemann, Ulli Schulz, Uwe Gottwald, meinen Freunden, Freundinnen und meiner Familie.

Der regionale Fokus des Buches liegt auf Ostdeutschland. Was zunächst ganz forschungspraktisch durch meine Feldforschung vor allem in Brandenburg, Sachsen und Sachsen‐Anhalt bedingt war, hat sich im Zuge der intensiven Beschäftigung mit dem Osten des Landes zu einer logischen und notwendigen regionalen Fokussierung entwickelt. Das soll heißen, dass auf der einen Seite bei der Analyse des Energiesystems – in seiner technischen wie sozialen Ausgestaltung – immer wieder die Besonderheiten zutage treten, die sich aus der Region, ihrer Geschichte und ihren Menschen ergeben. Sei das die große Anzahl an Stromnetzen in kommunaler Hand, eine vergleichsweise ausgeprägte Gemeinwohlorientierung oder geringe Durchschnittseinkommen. Diese Merkmale und Besonderheiten ostdeutscher Energie sichtbar zu machen, ist auch Intention des Buches. Dabei geht es nicht um eine Bewertung oder das Beklagen von Unterschieden, sondern darum, Tatsachen und Sichtweisen darzulegen und zu erklären.

Auf der anderen Seite reiht sich das Buch damit auch in einen breiteren Diskurs ein, der in den letzten Jahren verstärkt ostdeutsche Perspektiven beinhaltet. Noch nicht ganz Zeitgeschichte, aber auch nicht mehr Gegenwart, setzen sich Historiker·innen und Soziolog·innen vermehrt mit der Wende vor 35 Jahren auseinander und legen den Finger auch auf kritische Aspekte der Transformation. Dabei kommt es zu differenzierten Betrachtungen und sachlichen Argumentationen28 und im Ton auch zu polemischeren Auseinandersetzungen.29 Deutlich wird, nicht zuletzt im Feuilleton, bei Podiumsgesprächen und Lesungen, dass die Meinungen, inwiefern die Benennung bestehender Ungleichheiten zwischen Ost und West notwendig und relevant ist, auseinanderdriften. Meine Sicht auf die Dinge ergibt sich 1) aus der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Energiesystemen, 2) der Interaktion im In‐ und Ausland und 3) meiner eigenen Sozialisation. Zum ersten Punkt lässt sich klar feststellen, dass sich in der aktuellen wissenschaftlichen Literatur immer wieder Darstellungen eines sogenannten deutschen Energiesystems oder Teile desselben finden, die sich ausschließlich auf Entwicklungen in der BRD beziehen. Es finden sich bis auf wenige Ausnahmen30 kaum wissenschaftliche Untersuchungen, die sich explizit auf ostdeutsche Energiesysteme beziehen oder die DDR als räumlichen wie zeitlichen Rahmen explizit in Betrachtung ziehen. Dementsprechend versucht das Buch, auch in dieser Hinsicht eine Lücke zu füllen.

Gleichzeitig ist mir über die Jahre hinweg – und zuletzt im Nachgang der Bundestagswahl 2025 – immer wieder aufgefallen, dass es ein verstärktes Interesse gibt, speziell ostdeutsches Verhalten zu verstehen und erklärt zu bekommen. Gesellschaftliche Realitäten sprechen dafür, dass es Unterschiede zwischen West‐ und Ostdeutschland gibt, quantifizierbare wie Einkommen und Anteile in leitenden Positionen und weniger quantifizierbare wie Mentalität oder Identität.31 Dementsprechend leuchtet es nicht ein, wieso man Besonderheiten unter ein gängiges, westdeutsch dominiertes Narrativ subsumieren soll. Vielmehr ist es sinnvoll, genau hinzuschauen, um zu verstehen, auch wenn es Fehler und Ungenügsamkeiten (erneut) zur Sprache bringt. Dabei geht es nicht um ein Relativieren aktueller Verhaltensweisen oder Fingerzeige auf Verfehlungen anderer, sondern darum, zu erklären und zu verstehen, wo eventuell systemische Schieflagen bestehen. Es geht darum, die Energiewende als Brennglas der Gesellschaft zu verstehen und dabei dezidiert einen Blick auf ihre Spezifika in Ostdeutschland zu werfen, wo sich aufgrund historischer Entwicklungen andere Einstellungen und Voraussetzungen für den Umgang mit Rohstoffen, Energieversorgung, Land, Eigentum und Kapital herausgebildet haben.

Damit sei als letzter Aspekt des ostdeutschen Fokus eine kurze selbstkritische Reflexion gestattet. Ich sehe mich selbst als Teil einer Generation, die durch die Wiedervereinigung geprägt ist, ohne sie allzu bewusst miterlebt zu haben. Das gestattet mir Nähe und Distanz zum Thema gleichermaßen. Mein Buch möchte in diesem Verhältnis von Nähe und Distanz zeigen, dass eine differenzierte und fundierte Darstellung des Ostens möglich ist. Es möchte zu mehr Sichtbarkeit Ostdeutschlands beitragen, und das aus einer dezidiert konstruktiven Haltung heraus. Es geht nicht darum, Missstände zu beklagen, sondern problematische Aspekte zu benennen. Mitdiskutieren und Mitgestalten sollten auf Grundlage eines fundierten Wissens und des Verständnisses komplexer Sachverhalte geschehen. Wenn es der Regionalplan nicht vermag, die Komplexität und Ambivalenz von Energiewende oder Energiesystemen zu vermitteln, so versucht dieses Buch zumindest einige Aspekte des deutschen Stromsystems und seiner ostdeutschen Spezifika zu erklären.

Formen und Materialisierungen – die Kapitel

Mit seinem soziotechnischen Blick deckt das Buch gesellschaftliche und energietechnische Themen ab, die bewusst gewählt sind und kapitelweise analysiert werden. Sie ergeben sich aus der intensiven wissenschaftlichen Betrachtung des Energiesystems über mehr als ein Jahrzehnt und können doch gleichzeitig nur eine Auswahl darstellen. Behandelt werden in den einzelnen Kapiteln die Energieaspekte Kohle, Erdgas, Stromnetz, Windenergie, Solarenergie und Digitalisierung. Diese erlauben es, gesellschaftspolitische Fragen von Identitätspolitik, Eigentum, Macht, Heimat, Geopolitik, Geld und Raum zu behandeln.

Das erste Kapitel »Strom« setzt sich mit der Geschichte des Stromnetzes und der Elektrizitätswerke in Ostdeutschland auseinander. Ausgangspunkt ist der aktuelle Netzausbau: Die Umstellung auf regenerative Energien erfordert unter anderem, dass neue Stromtrassen von Nord nach Süd verlegt werden. Um die Logik hinter diesem Ausbau zu klären, widmet sich das Kapitel der Netzinfrastruktur und erklärt, wie das Stromnetz entstanden und gewachsen ist. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Wendezeit, in der sich Fragen nach dem Eigentum des Netzes – ein natürliches Monopol und essentieller Bestandteil der Versorgungssicherheit – in einem Streit zwischen westdeutschen Firmen und ostdeutschen Gemeinden Bahn brachen. In Kapitel eins werden grundlegende technische Fragen beantwortet, wie zum Beispiel, weshalb wir Gleichstrom einsetzen und wieso Strom über weite Distanzen transportiert wird. Gleichzeitig wird die Entwicklung des deutschen Stromnetzes insbesondere im östlichen Teil des Landes mit ihren Einschnitten und Zäsuren behandelt, um nicht zuletzt die grundlegende Frage zu klären, wem das Stromnetz gehört, wer es reguliert und wer von ihm profitiert.

Kapitel zwei setzt sich mit Fragen von Identitätspolitik und Heimat anhand der Braunkohleförderung und ‑verstromung auseinander. Ein regionaler Fokus liegt dabei auf der Lausitz, wo Wende und Kohleausstieg gravierende Auswirkungen nicht nur auf Beschäftigungsstruktur und Anzahl der Kohlekumpel haben, sondern wo Kohle über anderthalb Jahrhunderte hinweg Gesellschaft und Landschaft geprägt hat. Vor dem Hintergrund aktueller Wahlerfolge beantwortet das Kapitel die Fragen, welche Rolle Braunkohle in der Region spielt, wie sie das Werte‐ und Selbstverständnis vor Ort prägt und inwiefern der Ausstieg aus der Kohle nicht nur eine wirtschaftliche Veränderung, sondern einen »Strukturwandel« bedeutet.

Das dritte Kapitel zeigt, wie erneuerbare Energien Stück für Stück ihren Rückhalt in der Bevölkerung verlieren und sich damit Legitimationsfragen der Energiewende eröffnen. Am Beispiel von Windenergie wird deutlich, dass die aktuellen Entwicklungen in eine problematische Richtung laufen. Basierend auf technischen und regionalplanerischen Entwicklungen zeigt sich hier – vor allem in Brandenburg, Sachsen‐Anhalt und Mecklenburg‐Vorpommern – eine Konzentration von immer höheren Windkraftanlagen. Diese Verdichtung im Raum geht einher mit einer Konzentration von Kapital, so dass die Frage gestellt werden muss, inwiefern Raumplanung und Kapital‐ und Eigentumskonzentration zu einer Sozialisierung der Kosten bei gleichzeitiger Privatisierung von Gewinnen beitragen.

Das vierte Kapitel vertieft die Auseinandersetzung mit der Kritik an der Energiewende, indem es Freiflächensolaranlagen in den Blick nimmt. Dabei interessieren vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen die Tendenz zur Landnahme, die Umnutzung landwirtschaftlicher Flächen für Energieerzeugung und deren Konsequenzen. Der Run auf Ackerflächen setzt nicht nur die Landwirtschaft als Lebensmittelproduktion unter Druck, sondern verstärkt eine ohnehin problematische Regionalentwicklung im ländlichen Raum. Kapitel vier zeigt, wieso man in Ostdeutschland durchaus von einer Grünen Landnahme sprechen kann, welche Rolle dabei moralische Argumentationen von Klima‐ und Umweltschutz spielen und dass Grüne Landnahme über weite Strecken wenig sichtbar und reguliert abgelaufen ist.

Im Zentrum des fünften Kapitels stehen Erdgas und Geopolitik. Auch dieses Kapitel zeichnet die historischen Entwicklungen nach, um die aktuelle Energieinfrastruktur in und jenseits Ostdeutschlands und die derzeitigen Entwicklungen zu erklären. Als Importenergierohstoff ist Erdgas in die Außen‐ und Geopolitik eingebunden und wird durch Leitungs‐ beziehungsweise Containerschiff‐ und Terminalsysteme in das deutsche Gasnetz eingespeist. An historischen wie aktuellen Entwicklungen der Erdgasinfrastruktur lässt sich nachvollziehen, wie sehr Energie die Außenpolitik bestimmt. Kapitel fünf zeigt, dass trotz Kalten Kriegs und US‑amerikanischen Vetos die BRD auf Gasimporte und den Bau von Gasinfrastruktur aus der Sowjetunion setzte. Diese finanziellen, energiepolitischen, geopolitischen und ökologischen Prioritäten bezüglich Gaslieferungen haben sich spätestens seit 2022 massiv zugunsten einer schiffs‐ und LNG‐basierten Gasinfrastruktur aus den USA und anderen Ländern verschoben. Gleichzeitig ruft Erdgas auch anhand seiner aktuellen Materialisierung in LNG‐Terminals Proteste gegen fossile Energieträger hervor, die Kapitel fünf ebenfalls in den Blick nimmt.

Das sechste und letzte Kapitel untersucht postfossile Zukünfte mit Blick auf die Digitalisierung von Energiesystemen. Dabei stellen sich vor dem Hintergrund des intensivierten Ausbaus dezentraler Erzeugungseinheiten wie Balkonkraftwerken und Solaraufdachanlagen, erhöhten Stromverbrauchs durch Elektrifizierung von Wärme und Verkehr und erforderlicher Automatisierung von Netzkontrolle und Stromflüssen Fragen nach den ethischen Grenzen dessen, was landläufig als Smart Grid bezeichnet wird. Welche Anforderungen stellen wir an ein Energiesystem der Zukunft, was ist technisch denkbar und ökonomisch darstellbar? Zusammengedacht werden diese Aspekte in der Frage, ob wir das, was denk‐ und machbar ist, auch umsetzen sollten.