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Die Fortsetzung des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte ... Asunción, Paraguay, 1994: Ein reicher Geschäftsmann begeht Selbstmord. Der Journalist Rudi Hernandez untersucht den Fall und findet Ungereimtheiten. Gibt es einen Zusammenhang zu dem Mord an einem politischen Aktivisten in Berlin? Hernandez stößt bald auf eine Gruppe deutscher Immigranten, die einen perfiden Plan verfolgt. Verhindert er dieses Unternehmen nicht, verändert es die politische Landkarte Europas und wirft das wiedervereinigte Deutschland um sechzig Jahre zurück ... Ein spannender Verschwörungs-Roman um das südamerikanische Vermächtnis des Dritten Reichs, ein brillant recherchierter Politthriller! eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung.
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Seitenzahl: 982
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Weitere Titel des Autors
Über dieses Buch
Über den Autor
Titel
Impressum
Widmung
Danksagungen
Zitat
Prolog
ERSTER TEIL
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
ZWEITER TEIL
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
DRITTER TEIL
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
VIERTER TEIL
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
FÜNFTER TEIL
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
SECHSTER TEIL
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
58. Kapitel
Epilog
Nachsatz
Mission Sphinx
Operation Schneewolf
Der Jünger des Teufels
Die letzte Zeugin
Operation Babylon
Operation Romanow
Projekt Wintermond
Der letzte Messias
Die Achse des Bösen
Die Fortsetzung des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte …
Asunción, Paraguay, 1994: Ein reicher Geschäftsmann begeht Selbstmord. Der Journalist Rudi Hernandez untersucht den Fall und findet Ungereimtheiten. Gibt es einen Zusammenhang zu dem Mord an einem politischen Aktivisten in Berlin? Hernandez stößt bald auf eine Gruppe deutscher Immigranten, die einen perfiden Plan verfolgt. Verhindert er dieses Unternehmen nicht, verändert es die politische Landkarte Europas und wirft das wiedervereinigte Deutschland um sechzig Jahre zurück …
Ein spannender Verschwörungs-Roman um das südamerikanische Vermächtnis des Dritten Reichs, ein brillant recherchierter Politthriller!
Glenn Meade (*1957 in Dublin) arbeitete als Journalist und als hochspezialisierter Ausbilder am Flugsimulator für Aer Lingus, bevor er zu internationalem Bestsellerruhm gelangte. Seine Bücher wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Glenn Meade lebt in Irland und widmet sich ganz der Schriftstellerei.
GLENN MEADE
UNTERNEHMENBRANDENBURG
Thriller
Aus dem Englischen von Wolfgang Thon
beTHRILLED
Digitale Neuausgabe
»be« – Das eBook-Imprint der Bastei Lübbe AG
Für die Originalausgabe:
Copyright © 1994 by Glenn Meade
All rights reserved.
Titel der englischen Originalausgabe: »Brandenburg«
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover
Für diese Ausgabe:
Copyright © 1999/2021 by Bastei Lübbe AG, Köln
Covergestaltung: Massimo Peter-Bille unter Verwendung von Motiven von © Evannovostro/shutterstock; © katjen/shutterstock
eBook-Erstellung: Jilzov Digital Publishing, Düsseldorf
ISBN 978-3-7517-0622-3
be-ebooks.de
lesejury.de
Für meine Eltern,
Ich spreche allen Personen in Europa und Südamerika, die mir bei den Recherchen zu diesem Buch geholfen haben, meinen aufrichtigen Dank aus. Besonders hervorheben möchte ich:
In Berlin: die Angestellten des Berlin Document Center der U.S.-Botschaft, vor allem Direktor David Marwell und Dr. Richard Cambell für den Zugang zu Originaldokumenten; Axel Wiglinsky, Geschäftsführender Direktor im Sicherheitsdienst des Reichstags; Dr. Bose und Hans-Christoph Bonfert von der Berliner Senatsverwaltung des Inneren; das Berliner Landesamt für Verfassungsschutz und die Wehrmachtsauskunftstelle (WASt).
In Wien: die Verwaltungsangestellten des Wiener Zentralfriedhofes.
In Straßburg: Jean Paul Chauvet.
In Paraguay: Carlos Da Rosa.
Außerdem möchte ich Janet Donohue und Professor Jim Jackson vom Trinity College in Dublin danken.
Noch viele andere in Europa und Südamerika haben mir geholfen und möchten lieber anonym bleiben. Auch ihnen meinen herzlichen Dank.
George Lucas, meinem Lektor bei Hodder & Stoughton, möchte ich für seine Professionalität, seine grenzenlose Begeisterung und seine Hingabe für dieses Buch danken und Bill Massey für seine überaus kompetenten und unschätzbaren Ratschläge.
»So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu.«
F. Scott Fitzgerald,Der große Gatsby
Es war Sommer, und die Sonne brannte heiß auf das blaue Wasser, doch der Strand war menschenleer. Der junge Arzt hielt die Hand des Jungen, während sie vor dem Zaun des Strandhauses warteten. Der Junge zitterte vor Angst, aber er weinte nicht.
Als sie den kleinen grauen Austin den Sandweg entlangkommen sahen, hämmerte dem Kind das Herz in der Brust. Seine Mama trug ein hellblaues Baumwollkleid und sah wunderschön aus, doch als sie ausstieg und ihre Sonnenbrille abnahm, erkannte er an den dunklen Ringen um ihre Augen, dass sie geweint hatte.
Sie ging auf die beiden zu. Der Junge ließ die Hand des Arztes los und stürzte sich in die Arme seiner Mutter. Er roch ihr Parfum und spürte ihre Liebe. Beides beruhigte ihn, und er fühlte sich sofort besser. Er klammerte sich an ihrem Kleid fest, als sie sich zu ihm herunterbeugte und ihn küsste.
»Es ist schon gut, Joseph, Mama ist ja da. Es ist alles gut.«
Der junge Arzt trat vor und reichte ihr die Hand. »Mrs. Volkmann, ich bin Doktor Rhys. Können wir uns unterhalten?«
Der Junge bemerkte, wie seine Mutter zu dem kleinen weißen Cottage am Strand hochsah. Aus einem geöffneten Fenster flatterten hellgrüne Vorhänge in der kühlen Seeluft, aber die Fenster des Zimmers, in dem sein Vater schlief, waren geschlossen. In dem winzigen Garten blühten die Blumen, und hinter dem geblähten Vorhang sah der Junge den polierten Lack des Steinway-Flügels schimmern und die silbernen Bilderrahmen auf dem Kaminsims glänzen.
Seine Mutter musterte besorgt den Arzt. »Wie … wie geht es meinem Mann?«
»Ich habe ihm Tabletten gegeben. Sie sollten ihm für wenigstens acht Stunden ungestörten Schlaf schenken.«
Die Frau drückte die Hand des Jungen, als wollte sie ihn beruhigen. Gemeinsam gingen sie zum Ufer hinunter. Die Wellen brandeten gegen den Strand, Gischt sprühte auf die nassen Steine, und die feuchten Kiesel glänzten in der Sonne.
»Ich fürchte, es geht ihm ziemlich schlecht«, sagte der Arzt auf dem Weg dahin. »Deshalb habe ich Sie angerufen.« Er lächelte den Jungen an. »Der kleine Kerl hier hält sich sehr tapfer. Er ist den ganzen Weg zum Dorf zu Doktor Mansfield gelaufen, um mich zu holen.« Er strich dem Kind anerkennend über den Kopf und blickte dann wieder hoch.
»Erzählen Sie mir etwas über Ihren Gatten, Mrs. Volkmann. Hatte er dieses Problem schon immer?«
»Hat Doktor Mansfield es Ihnen denn nicht gesagt?«
Der Arzt schüttelte den Kopf. »Nein. Er ist in Urlaub gefahren. Ich bin nur seine Vertretung. Aber ich wäre gern vorbereitet, falls so etwas wieder auftritt.«
Sie hatten den Strand erreicht, und das Rauschen der großen Wellen, die sich an den Felsen und Steinen des Ufers brachen, dröhnte ihnen in den Ohren. Der Arzt hockte sich auf eine Düne.
Die Mutter setzte sich neben ihn. Sie kramte eine Packung Zigaretten aus der Handtasche und zündete sich nach mehreren vergeblichen Versuchen gegen den starken Wind eine an. Der Junge bemerkte, wie blass und erschöpft sie aussah.
»Er hat es schon lange. Es kommt und geht.«
»Wovon wird es ausgelöst?«
»Durch einen Zeitungsartikel. Etwas im Radio oder im Fernsehen. Manchmal einfach nur vom Wetter oder der Jahreszeit. Dann wird es ihm einfach zu viel, und er versinkt darin wie ein Stein.«
Der Arzt schien verwirrt. »Das verstehe ich nicht … Was ist der Grund dafür, Mrs. Volkmann?«
Die Wellen rauschten so laut, dass der Junge die Stimme seiner Mutter nicht hören konnte, weil sie im Dröhnen der Brandung und dem hellen Klappern des Strandkieses unterging. Aber er sah das entsetzte Gesicht des Arztes, als seine Mutter aufgehört hatte zu reden.
»Meine Güte … Ich hatte ja keine Ahnung. Wie entsetzlich, wirklich schrecklich.« Er schien lange um die passenden Worte zu ringen. »Ich nehme an, Ihr Mann wurde bereits von den entsprechenden Fachleuten untersucht?«, fragte er schließlich.
»Man kann Erinnerungen zwar rationalisieren, Herr Doktor, aber man kann sie nicht auslöschen. Lassen Sie sich das von jemandem sagen, der es genau weiß.«
»Aber Sie sind damit fertiggeworden. Ihre Erfahrungen müssen doch gewiss genauso traumatisch gewesen sein.«
Der Junge sah, wie seine Mutter den Kopf schüttelte. »Ich bin damit fertiggeworden, das stimmt schon. Aber meinem Ehemann haben sie damals Unaussprechliches angetan.«
»Es tut mir leid, bitte verzeihen Sie mir. Ich wünschte nur, ich könnte etwas tun.«
»Es gibt nichts, was Sie tun könnten, glauben Sie mir. Aber ich danke Ihnen für Ihr Mitgefühl.« Der Blick ihrer funkelnden braunen Augen richtete sich auf Joseph. »Der Junge hat viel geholfen.« Sie wandte sich wieder an den Arzt. »Dass wir ein Kind bekommen haben, hat uns beiden geholfen.«
Der Arzt erwachte aus seiner Versunkenheit und wirkte plötzlich sehr jung. Die Wellen schlugen wieder lärmend gegen das felsige Ufer, und alle drei schwiegen lange. Schließlich warf der Mann der Mutter des Jungen einen verlegenen Blick zu, als bereite es ihm Schwierigkeiten, die nächsten Worte auszusprechen.
»Als ich die Konzerthalle angerufen habe, meinte der Direktor, dass Sie vermutlich Ihren Auftritt heute Abend absagen müssten. Es muss fürchterlich schwierig sein. Mit Ihrem Ehemann, meine ich.«
»Eigentlich nicht. Wenn so etwas passiert, kommen Joseph und ich damit schon zurecht.«
»Ich habe Sie einmal in London spielen hören. Mir hat Ihre Darbietung außerordentlich gut gefallen, Mrs. Volkmann.«
»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Vielen Dank. Auch dafür, dass Sie sich um meinen Mann gekümmert haben.«
Der Arzt stand langsam auf und klopfte sich den Sand von der Hose. »Ich fahre nun wohl wieder. Sollte sich sein Zustand wieder verschlechtern, geben Sie ihm zwei von diesen Tabletten.« Er zog ein Fläschchen mit Pillen aus der Tasche und reichte es ihr. »Die sollten ihm mindestens acht Stunden helfen. Und rufen Sie mich bitte an, wenn Sie mich brauchen. Guten Tag, Mrs. Volkmann.«
Der Arzt schüttelte ihr die Hand, und der Junge schaute ihm nach, als er zu seinem Wagen ging. Er stieg ein und setzte über den ausgefahrenen Sandweg zurück.
Der Junge wandte sich seiner Mutter zu und sah, wie sie die Zigarette in die Wellen warf. Sie starrte traurig aufs Meer hinaus.
»Mama …«
»Was hast du, mein Schatz?«
»Was haben diese Männer Papa angetan?«
Seine Mutter blickte ihn an. Ihre braunen Augen füllten sich plötzlich mit Tränen, und sie zog ihn dichter an sich. »Etwas sehr Schlimmes, Joseph. Deinem Papa ist etwas sehr Schlimmes passiert. Deshalb müssen wir ihm immer helfen. Und deshalb braucht er unsere Liebe so sehr.«
Sie drückte ihn eng an sich. »Haben die Männer dir auch wehgetan, Mama?« fragte der Junge an ihrer Brust.
Sie sah ihm ins Gesicht, wandte den Blick ab und umschlang ihn noch fester. Er wusste, dass sie noch immer weinte, und hörte den Schmerz in ihrer Stimme.
»Ja, Joseph. Mir haben sie auch wehgetan.«
Der Junge löste sich etwas aus der Umarmung, schaute seine Mutter an und berührte ihr Gesicht.
»Die Männer, die dir und Papa wehgetan haben, werden euch nie mehr wehtun. Dafür werde ich sorgen, Mama.«
Josephs Mutter wischte sich die Tränen ab und lächelte. Dann klang ihre Stimme so wie immer, wenn sein Papa traurig war – so als könnte sie mit Lächeln und Fröhlichkeit das Schreckliche vertreiben, das ihr und seinem Vater zugefügt worden war.
»Natürlich wirst du das, mein Schatz.«
Sie strich ihm das Haar aus der Stirn, küsste ihn und wischte sich erneut die Tränen aus den Augen, dann stand sie auf.
»Jetzt komm, Joseph. Kümmern wir uns um Papa.«
Der kleine Junge reichte seiner Mutter die Hand. Sie packte sie, hielt sie fest und ließ sich von ihm zum Strandhaus hinaufführen.
Asunción, Hauptstadt von Paraguay
Als in der Privatklinik San Ignatio die Ärzte Nikolas Tscharkin mitteilten, wann er sterben müsse, nickte der alte Mann verdrossen, wartete, bis die Mediziner verschwunden waren, zog sich schweigend an und fuhr mit seinem Mercedes zur Ecke der drei Blocks entfernten Calle Palma.
Dort stellte er den Wagen ab und ging den letzten Häuserblock zu der kleinen Bank zu Fuß, betrat sie durch die Drehtür und erklärte dem Direktor, dass er den Inhalt seines Banksafes zu sehen wünsche.
Der Direktor befahl sofort einem höheren Angestellten, mit dem alten Mann ins Tresorgewölbe hinabzusteigen. Schließlich war Señor Tscharkin ein hochgeschätzter Kunde.
»Sagen Sie ihm, er kann dann gehen. Ich will ungestört sein«, befahl Tscharkin in seiner gewohnt barschen Art.
»Gewiss, Señor Tscharkin. Danke, Señor Tscharkin.« Der Direktor verbeugte sich noch einmal höflich. »Buenos dias, Señor Tscharkin.«
Der Direktor in seinem blauen Anzug ging Tscharkin auf die Nerven, wie üblich. Aber heute Morgen störte ihn das Schleimen und Katzbuckeln und das schmeichelnde, goldkronenfunkelnde Grinsen des Mannes besonders. Buenos dias – einen schönen Tag noch. Pah! Was sollte an diesem Tag denn schön sein?
Man hatte ihm gerade mitgeteilt, dass er noch höchstens achtundvierzig Stunden zu leben hatte. Der Schmerz in seinem Bauch brannte wie Feuer und war fast unerträglich. Tscharkin fühlte sich schwach, schrecklich schwach, trotz der Tabletten, mit denen er die Pein lindern sollte. Was hatte der Kerl noch zu grinsen? Und was sollte an diesem verdammten Morgen gut sein?
Es war der letzte Morgen seines Lebens, denn er wusste, was er jetzt zu tun hatte.
Dennoch verspürte Tscharkin ein merkwürdiges Gefühl der Erleichterung: Das Lügen hatte jetzt bald ein Ende.
Er betrachtete sein Spiegelbild in den kalten Edelstahlwänden, während der Angestellte ihn in die kühlen Gewölbe der Bank führte. Tscharkin war zweiundachtzig, und bis vor sechs Monaten hatte er zehn Jahre jünger ausgesehen. Damals war er jedoch noch gesund gewesen, hatte sich vernünftig ernährt, nicht geraucht und nur selten getrunken. Alle sagten, er würde sicher noch die hundert vollmachen.
Und alle hatten sich wohl geirrt.
Sein Spiegelbild zeigte ihn so, wie er war: dünn und ausgemergelt. Er sah schon jetzt aus wie ein Leichnam, und seine Magenblutung war so schlimm, dass er glaubte, fühlen zu können, wie der Lebenssaft aus ihm hinausrann. Aber er hatte noch etwas Wichtiges zu erledigen, ganz gleich, wie stark der Schmerz war, und egal, was die Ärzte ihm sagten. Sobald er das hinter sich hatte, konnte er endlich abtreten. Und für immer friedlich schlafen.
Es sei denn, es gäbe einen Gott und ein Leben nach dem Tode. In dem Fall würde er für seine Sünden büßen müssen. Aber das bezweifelte Tscharkin. Kein gerechter Gott hätte ihm ein so langes und erfülltes Leben gewährt, nach allem, was er getan hatte. Nein, man starb, und damit hatte es sich, der Körper zerfiel zu Staub, und man war für immer ausgelöscht … Es gab keine Schmerzen, keinen Himmel und keine Hölle. Einfach nur das Nichts.
Konnte er jedenfalls nur hoffen.
Der Angestellte schloss das Metallgitter auf und führte ihn in die unterirdische Kammer, einen kleinen, stillen Raum, sechs Meter im Quadrat, dessen Boden aus kühlem Marmor bestand. Drinnen war es totenstill. Der Angestellte warf einen prüfenden Blick auf die Nummer des Schlüssels in seiner Hand, fuhr mit dem Finger an der Reihe von glänzenden Stahlfächern an einer Wand entlang, fand Tscharkins Safe, öffnete ihn, nahm die Stahlbox heraus und stellte sie auf den polierten Holztisch in der Mitte des Raumes. Er reichte Tscharkin den Schlüssel und zog sich zurück.
Tscharkin kannte den Ablauf: Er musste den Knopf auf dem Tisch drücken, wenn er fertig war und wieder nach oben wollte. Er sah dem Angestellten zu, der das Gitter schloss und die Marmortreppe hinaufging. Dann war Tscharkin allein.
In dem Gewölbe war es so kalt und still wie in einem Leichenschauhaus, und Tscharkin schüttelte sich unwillkürlich. Bald liege ich auch da, dachte er. Dann sind die Schmerzen vorbei. Er setzte sich an den Tisch, zog die kleine Metallbox zu sich, steckte den Schlüssel in den Schlitz, schloss auf und öffnete den Deckel. Dann griff er hinein und breitete den Inhalt des Safes auf der polierten Tischplatte aus.
Es war alles da. Die Besitzurkunden über seine Ländereien, die Schlüssel zu seiner Vergangenheit. Er überlegte es sich einen Augenblick anders, schob die Gedanken an das, was vor ihm lag, beiseite und stellte sich vor, noch einmal eine letzte Orgie zu feiern, doch eigentlich gab es nichts mehr, was er hätte auskosten wollen. Der Schmerz machte alles unerträglich, und außerdem hatte er alles ausgiebig genossen, was das Leben an Freuden bot.
Der todkranke alte Mann packte den Inhalt zu einem ordentlichen Haufen zusammen. Dann steckte er alles in einen der alten, großen Umschläge, in denen sich einige Papiere befunden hatten. Es gab ein recht dickes Bündel ab. Anschließend drückte er den Knopf, um den Angestellten zu rufen.
Bald, dachte Tscharkin, als er die Schritte des Mannes auf der Marmortreppe hörte. Bald ist alles vorbei.
Er hörte das Klicken des Metallgitters, als er den Deckel des leeren Safes zumachte, ohne ihn zu verschließen. Er ließ den Schlüssel auf dem Tisch liegen, nahm den Umschlag und ging zur Tür.
Das Haus stand an der Calle Iguazu, in den Randbezirken der Stadt, dem vornehmsten Teil von Asunción. Es war weiß und groß und von hohen Wänden umringt. Von der Straße aus war es kaum zu sehen. Tscharkin öffnete die schmiedeeisernen Tore mit der Fernbedienung, fuhr die geschwungene, asphaltierte Auffahrt hinauf und parkte den Mercedes auf dem kiesbestreuten Vorplatz.
Sein Butler, ein Mestize, öffnete ihm die Tür, und Tscharkin knurrte zur Begrüßung. Er ging geradewegs in sein getäfeltes Arbeitszimmer und schloss hinter sich die Tür ab. Es war warm. Sehr warm. Tscharkin öffnete die beiden obersten Knöpfe an seinem Hemd, während er den sattgrünen Rasen und den makellos gepflegten Garten betrachtete, die Pfefferbüsche und die Palmen. Er besaß mehrere Häuser in Asunción und drei Farmen im Hinterland, im Chaco, aber diese Villa hatte er immer bevorzugt.
Er setzte sich an den polierten Schreibtisch aus Apfelholz, verteilte den Inhalt des Umschlages auf der glänzenden Platte und musterte den Stapel.
Zuerst betrachtete er seinen Reisepass. Nikolas Tscharkin. Schön. Nur war er nicht Nikolas Tscharkin. Sein richtiger Name … Meine Güte, er hatte ihn beinahe vergessen. Als er ihn aussprach, klang er so fremd und unwirklich, dass er über sich selbst lächeln musste. Es war ein schwaches Lächeln. Zu lange hatte er mit der Lüge gelebt, fand er und legte den Reisepass zur Seite.
Man hatte ihn einmal in einem halben Dutzend Länder der Erde gesucht. Unter jenem alten, verdrängten Namen hatte er schreckliche Dinge begangen, hatte Menschen unsägliche Schmerzen und einen schrecklichen Tod gebracht. Und nun stellte sich heraus, dass er selbst keine Schmerzen ertragen konnte. Er tadelte sich: Zum Grübeln war jetzt keine Zeit. Tu’s einfach!
Er sortierte die Unterlagen. Alte, mürbe Papiere, Aufzeichnungen seiner Vergangenheit. Er las sie noch einmal durch. Wie in seinen Alpträumen tauchte alles jetzt wieder auf: das eiskalte Entsetzen auf den Gesichtern seiner Opfer, das Blut, das Gemetzel. Dennoch spürte er keinen Funken von Bedauern.
Er würde alles wieder tun. Keine Frage.
Er schob die Unterlagen zur Seite, nahm aus einer Schreibtischschublade einige unbeschriebene Blätter und einen Umschlag und fing an zu schreiben.
Eine Viertelstunde später war er fertig, klebte den Umschlag zu und steckte ihn sich in die Tasche. Dann nahm er den Stapel Papiere aus dem Bankschließfach, schritt zum Kamin und stapelte sie schön ordentlich auf dem Rost.
Er nahm ein Streichholz aus der Schachtel auf dem Kaminsims, strich es an und hielt es an die Papiere. Dann ging er zu dem Wandsafe hinter einem Ölgemälde, klappte das Bild in seinen Angeln vor und stellte die Kombination ein.
Er zog bestimmte Papiere heraus und vergewisserte sich, dass nichts mehr im Safe war, das jemand hätte belasten können, dann trat er wieder an den Kamin. Er sah zu, wie das Feuer das Papier verzehrte, und legte neue Nahrung für die Flammen nach, bis nur noch schwarze Asche übrig war, die er mit dem Schürhaken durchwühlte, um ganz sicherzugehen.
Die Flammen hatten ihr Werk vollbracht. Es war nichts übrig.
Nachdem er alles erledigt hatte, verließ er das Haus. Er fuhr zur Post, die vier Blocks entfernt lag, kaufte Briefmarken und gab den Brief per Express auf. Dann fuhr er ohne Umwege zum Haus zurück, parkte den Wagen diesmal in der Garage und ging wieder in sein Arbeitszimmer.
Bring es schnell hinter dich!, riet ihm eine innere Stimme.
Keine Zeit zum Nachdenken. Keinen Gedanken an den Schmerz verschwenden, der ihn erwartete. Aus der obersten Schublade des glänzenden Apfelholzschreibtisches nahm er einen langläufigen Colt Kaliber fünfundvierzig, kontrollierte, ob alle Kammern geladen waren, steckte den Lauf der Waffe in den Mund, gegen den Gaumen und formte mit den Lippen ein perfektes O um das kalte Metall.
Dann drückte er ab.
Es war in weniger als einer Sekunde vorbei. Tscharkin hörte nicht einmal den Knall des Schusses, der ihn hoch- und zurückschleuderte. Die Kugel zerstörte sein Gehirn, indem sie sich ihren Weg durch seinen Schädel bahnte und am Hinterkopf austrat. Knochensplitter und blutige Hirnmasse flogen durch das Zimmer und klatschten hinter ihm an die Wand. Die weiße Mauer war mit einem Mal von grauen und roten Tupfen gesprenkelt, während das abgestumpfte Blei des Projektils sich in das Holz dicht unter der Decke bohrte.
Weniger als eine Sekunde scharfen Schmerzes.
Alles in allem hätte sich Nikolas Tscharkin keinen schnelleren und schmerzloseren Tod wünschen können.
Asunción, ParaguayMittwoch, 23. November
Rudi Hernandez zog an seiner Zigarette und betrachtete wohlgefällig die Figur des Mädchens, das gerade am Schalter eincheckte. Es war Mittag, und auf dem Flughafen herrschte reges Treiben, aber Hernandez ließ die junge Frau nicht aus den Augen.
He, vergiss nicht, wer sie ist!, ermahnte er sich.
Aber er konnte einfach nicht anders: Er bewunderte ihre Kehrseite, den Anblick ihrer langen, seidenweichen, sonnengebräunten Beine und den perfekt gerundeten Po, der das rote, enge Sommerkleid vollendet ausfüllte.
Der Anblick war wundervoll, und Rudi musste unwillkürlich lächeln. Das war das spanische Blut in ihm. Er mochte Frauen. Und ganz besonders mochte er Erika.
Jetzt drehte sie sich um und lächelte ihn an. Sie hatte alles erledigt, nahm ihren Pass und ihre Tickets und hob ihr Handgepäck vom Tresen. Sie kam zu ihm herüber, und er trat seine Zigarette auf dem Marmorboden aus.
Rudi erwiderte ihr Lächeln. »Alles okay?«
Erika nickte. »Ich habe noch eine Viertelstunde, bevor ich an Bord gehen muss. Haben wir noch Zeit für einen Kaffee?«
»Klar.«
Er nahm ihr das Handgepäck ab und ging durch die Abflughalle voraus zu dem kleinen Café in der Ecke. Er fand einen freien Tisch und bestellte zwei Kaffee und zwei Brandy. Der Kellner brachte die Getränke. Hernandez betrachtete Erika, wie sie ihren Kaffee schlürfte, und überlegte, ob er es sagen sollte, ob er ihr verraten sollte, was er für sie empfand.
»Dir spukt doch etwas im Kopf herum, Rudi, hab ich recht? Ist es diese Geschichte?«
Rudi Hernandez wollte schon den Kopf schütteln, wollte ihr sagen: Nein, es ist nicht die Story, sondern du – das, was ich für dich empfinde. Das Mädchen war fünf Jahre jünger als er, fünfundzwanzig, und jedes Mal, wenn er sie nach einer längeren Abwesenheit wiedersah, kam sie ihm noch hübscher vor. Ihr blondes Haar hatte sie kurz geschnitten, und es passte wundervoll zu ihrem hübschen Gesicht mit den hohen Wangenknochen. Ihre Figur war auch etwas fülliger geworden, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte: Hüften und Brüste waren voller, weiblicher. Und sie trug Make-up: rosa Lippenstift, blaue Mascara.
Doch Rudi Hernandez nickte nur. »Ja, die Geschichte.«
Es war eine Lüge, aber warum sollte er die Wahrheit sagen? Die Geschichte, an der er arbeitete, die Geschichte, von der er ihr erzählt hatte, beschäftigte ihn zwar auch, aber im Augenblick nur am Rande. Jetzt dachte er an Erika; er wollte nicht, dass sie abreiste.
»Ich möchte, dass du mir versprichst, vorsichtig zu sein.« Die junge Frau klang plötzlich ganz ernst. »Versprichst du mir das?«
Er lächelte unbekümmert und sah ihr in die Augen. »Ich bin immer vorsichtig, Erika. Das weißt du doch. Manchmal sogar zu vorsichtig.«
Mit ihrem blonden Haar sah sie so anders aus als die dunkelhaarigen Südamerikanerinnen in den Barrios, den Vorstädten, und der Kontrast erregte allgemein Aufmerksamkeit. Die Indiofrau, die auf der Calle Estrella Blumen verkaufte, hatte Erika gebeten, ihr Haar anfassen zu dürfen, und gemeint, es würde ihr Glück bringen. »Sie ist wunderschön.« Die alte Frau hatte gelächelt, während sie Erikas Haar streichelte, und Rudi angesehen. »Sie wird uns beiden Glück bringen, glauben Sie mir.«
Er hatte gesehen, wie die Lateinamerikaner sie angestarrt hatten, und gewusst, was die Männer dachten. Er konnte es ihnen nicht verübeln. Ihm ging ja ständig dasselbe durch den Kopf. Dann fiel ihm wieder der Tag ein, als sie gemeinsam die Besichtigungstour in den Bergen gemacht hatten, im Regenwald nahe der brasilianischen Grenze. Wie nah er ihr da gewesen war! Doch jetzt bemerkte er ihren besorgten Gesichtsausdruck.
»Hast du schon mal daran gedacht, Mendoza zu bitten, dir bei der Story zu helfen?«
Rudi zuckte mit den Schultern. »Mit welcher Story sollte ich ihm kommen? Vielleicht ist es wirklich eine große Sache. Aber dafür habe ich keinen Beweis, Erika. Keinen echten Beweis. Nur das Wort von Rodriguez. Und die paar Fotos.«
Er wiederholte nicht, was er ihr bereits versichert hatte: dass sie keine Angst um ihn haben müsse. Stattdessen trat ihm der Anblick von Rodriguez’ Leichnam wieder vor Augen – wie er auf dem kalten Metalltisch in der Leichenhalle des städtischen Krankenhauses lag. Rudi spürte wieder das gleiche Ekelgefühl, das er empfunden hatte, als der Angestellte das weiße Laken zurückzog und den geschundenen, blutigen Körper des Mannes entblößte. Rudi unterdrückte die Angst, die in ihm aufkeimte, und beugte sich näher zu Erika. Der Duft ihres Parfums erregte ihn.
»Ich muss es langsam angehen lassen, Erika. Behutsam. Und kann nur hoffen, dass irgendetwas dabei rauskommt.« Er klopfte ihr kumpelhaft auf die Hand, und dabei hätte er sie viel lieber ergriffen und liebkost. »Aber ich verspreche dir, ich bin vorsichtig.«
Sie lächelte ihn an, und sein Körper reagierte unwillkürlich auf ihr Lächeln. Wäre er jetzt allein mit ihr in einem Schlafzimmer gewesen, hätte er wahrscheinlich den Mut aufgebracht, sie zu küssen, sie an sich zu ziehen, sie zu lieben. Er fragte sich, wie sie wohl reagieren würde, diese kühle, blonde Gringa. Würde sie sich darauf einlassen oder ihn mit verdutzter, fassungsloser Miene ansehen und sagen: ›Aber Rudi … hör bitte auf mit dem Unsinn!‹
Er nahm in sich auf, wie sie an ihrem Brandy nippte und dabei das Glas in beiden Händen hielt. »Was ist mit den Männern, die deiner Meinung nach Rodriguez getötet haben?«
»Was soll mit ihnen sein?«
»Werden sie dich nicht suchen? Werden sie nicht befürchten, dass du es der Polizei meldest?«
Hernandez lächelte, als er ihre Angst bemerkte, und versuchte, furchtlos zu klingen, um sie zu beruhigen. »Unmöglich. Erstens kennen die Leute, die Rodriguez umgebracht haben, mich nicht und haben mich noch nie gesehen. Und zweitens wissen sie nicht einmal, dass ich existiere. Davon bin ich überzeugt.«
»Aber was wird geschehen, sobald deine Geschichte erschienen ist?«
Hernandez trank einen Schluck Kaffee. Er schmeckte bitter, und er schob mit angewidertem Gesicht die Tasse fort. »Falls die Geschichte erscheint, kann ich die Zeitung bitten, meinen Namen nicht abzudrucken. Das ist kein Problem. Und ich habe auch den einen oder anderen Freund – Polizisten, die mir Schutz bieten würden, wenn es hart auf hart kommt.«
Die junge Frau sah, wie er in die Tasche griff, einen Schlüsselbund herausholte und damit spielte. Rudi Hernandez war ein attraktiver Mann. Er lächelte gern, als wäre das Leben ein einziger Witz. Sein braunes Haar trug er fransenartig in die Stirn gekämmt, und dieser Pony ließ ihn jünger aussehen. Selbst die deutlich sichtbare, gezackte Narbe auf seiner rechten Wange stand ihm nicht schlecht und verlieh ihm etwas Draufgängerisches. Erika beobachtete, wie er mit den Schlüsseln spielte und sie durch die Finger gleiten ließ.
Er bemerkte ihren Blick und lächelte. »Wie ich dir schon gestern Abend sagte: Alles, was ich über diese Leute gesammelt habe, befindet sich in Sicherheit an einer Stelle, wo niemand suchen würde. Also mach dir keine Sorgen, Erika. Ich bin vorsichtig.«
Als sie sein Lächeln erwiderte, sprach aus ihrem Blick ihre Besorgnis. Sie berührte seine Hand.
Mit der freien Hand schob er die Schlüssel in seine Tasche zurück. So nah … er fühlte sich ihr so nah.
»Erika …«
»Ja?«
Er wollte weitersprechen, ihr sagen, was er wirklich empfand, doch genau in diesem Augenblick rief die metallisch quäkende Frauenstimme aus den Lautsprechern ihren Flug auf. Erika ließ zögernd seine Hand los und ergriff ihr Handgepäck.
»Was ist denn, Rudi?«
Als sie sich ansahen, schüttelte er den Kopf und stand auf. »Nichts. Komm, du solltest jetzt besser an Bord gehen.«
Er begleitete sie zum Flugsteig und trug ihr Handgepäck. Vor dem Kontrolltresen blieben sie stehen, und er reichte es ihr. »Bestell allen meine Grüße.«
Sie hob die blauen Augen zu seinem Gesicht. »Bestimmt.«
Dann wollte sie ihn auf die Wange küssen, doch Rudi drehte im letzten Moment den Kopf und küsste sie stattdessen sanft auf die Lippen. Sie waren weich und warm, und er roch wieder ihr Parfum, ihren Körper, hätte sie gern umarmt, doch im gleichen Moment bog sie sich zurück.
»Auf Wiedersehen, Rudi.«
»Auf Wiedersehen, Erika. Hab einen angenehmen Flug.«
Er blickte ihr nach, während sie die Sicherheitskontrolle passierte. Am Durchgang drehte sie sich noch einmal um und winkte. Rudi hob ebenfalls grüßend die Hand, bevor Erika sich im Gedränge der anderen Fluggäste verlor.
Hernandez schüttelte den Kopf und seufzte. Er hätte ihr sagen sollen, was er eigentlich auf dem Herzen hatte. Dass er sie liebte.
In dem Augenblick erwachte die blecherne Frauenstimme in den Lautsprechern wieder zum Leben.
»Señor Rudi Hernandez, bitte kommen Sie zur Information. Señor Rudi Hernandez, zur Information bitte.«
Das Mädchen am Informationsstand reichte ihm einen Zettel mit der Nummer von Mendoza, seinem Redakteur. Er ging zu einem Telefon und rief an. Mendoza hob selbst ab.
»Si?«
»Ich bin’s, Rudi. Ich bin am Flughafen.«
»Buenas tardes, mein Freund. Einige haben’s echt gut. Andere schwitzen sich in einem heißen Büro zu Tode, um sich ihre Brötchen zu verdienen.«
Rudi grinste. »Man sagte mir, ich solle dich anrufen. Worum geht’s?« Er suchte in seinen Taschen nach dem Zigarettenpäckchen, schüttelte eine heraus und zündete sie sich an.
»Hast du den Job mit der sexy Gringa erledigt?«, wollte Mendoza wissen.
»He, ein bisschen Respekt gefälligst. Vergiss nicht, über wen du redest.« Rudi musste über sich selbst grinsen. »Also, was hast du für mich? Irgendeinen Knaller?«
»Einen Raubüberfall mit Körperverletzung auf der Calle Enrico und einen alten Knacker, der sich umgebracht hat. Welchen davon willst du? Victor Estrel übernimmt den anderen Fall. Mir ist es gleich, aber da wir Freunde sind, darfst du dir einen aussuchen.«
»Na, vielen Dank«, sagte Rudi. »Wieso darf ich mir dann nie aussuchen, ob ich zum Schönheitswettbewerb oder der politischen Veranstaltung gehe?«
Er konnte sich Mendozas Grinsen am anderen Ende der Leitung genau ausmalen.
»Das ist das Privileg meiner Stellung, mein Freund. Außerdem lenken hübsche Mädchen dich nur von der Arbeit ab, das weißt du doch. Also, welchen der beiden Fälle willst du?«
»Was ist mit dem Raubüberfall?«
»Ein paar Kinder haben einen Gringo mit dem Messer bedroht und ihm die Brieftasche geklaut. Die Polizei hat die Kinder erwischt, und der Gringo liegt im Krankenhaus. Er hat einen Kratzer an der Hand.«
»Und der Selbstmord?«
Am anderen Ende der Leitung herrschte eine kurze Pause. »Ich habe vor zwanzig Minuten einen Anruf von unserem Freund Casado bei der Polizei bekommen. Irgendein alter Knabe hat sich das Hirn weggepustet, in der Nähe vom Trinidad-Viertel.«
Rudi Hernandez nahm die Zigarette aus dem Mund, griff nach Stift und Notizbuch und überlegte, für welche der beiden Storys er sich entscheiden sollte. Nach zehn Jahren bei der Zeitung machte es keinen großen Unterschied mehr. Er kannte schon alle Geschichten, hatte sämtliche Verbrechen gesehen. Verrückte Indios und Mestizen in den Elendsvierteln, die sich gegenseitig abstachen, wenn sie zu viel Schnaps getrunken hatten, korrupte Polizisten auf Raubzug, die Straßenkinder, die auf der Calle Palma den Touristen die Brieftaschen stahlen. Für ihn waren das alles nur noch Wiederholungen im Fernsehen. Deshalb war ihm die Geschichte, an der er eigentlich saß, so wichtig.
»Bist du noch dran?« Mendoza klang gereizt. »Rudi, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit.«
»Der Alte, hast du noch was über ihn?«
»Nur Namen und Adresse … Momentchen, ich hab’s hier irgendwo in diesem Chaos …«
Hernandez zog an der Zigarette. Welchen sollte er nehmen? Raubüberfall oder Selbstmord? Welche Rolle spielte das schon? Nimm dir den Fall, der am dichtesten am Flughafen ist, dachte er.
»Der Name des Alten ist … Jesus Maria, was ist das bloß für ein Name? Tscharkin, Nikolas Tscharkin. Sein Haus liegt in der Calle Iguazu. Nummer dreiundzwanzig.«
Hernandez schwieg. Der Schock elektrisierte ihn am ganzen Körper, und seine Haut kribbelte. »Nikolas Tscharkin? Bist du sicher?«
»Sicher bin ich sicher. So steht es hier jedenfalls. Wie viele Nikolas Tscharkins laufen wohl in Asunción herum, hm?«
Hernandez klopfte das Herz bis zum Hals. Er erinnerte sich sehr genau an den Namen und auch an das Gesicht. Vielleicht hatte sich Mendoza ja geirrt?
»Gib mir noch mal die Adresse.«
»Calle Iguazu 23. Was hast du? Schon mal von dem Kerl gehört?«
»Nein«, log Rudi. »Was ist mit der Polizei?« Er spürte, wie sein Hals und die Handflächen schweißnass wurden. Draußen, außerhalb des klimatisierten Terminals, herrschten beinahe vierzig Grad, drinnen angenehme zwanzig, und trotzdem schwitzte er am ganzen Körper.
»Was soll damit sein?«, erkundigte sich Mendoza.
»Sind Polizeibeamte im Haus?«
»Vermutlich, aber genau weiß ich das nicht.« Der Redakteur wartete ungeduldig und fragte schließlich. »Also, welchen willst du?«
Hernandez überlegte. Es war dieselbe Adresse. Er war da gewesen, hatte gegenüber auf der Straße geparkt und das Haus beobachtet, weil Rodriguez ihn darum gebeten hatte. Er erinnerte sich daran, als wäre es gestern gewesen. Der Tag, an dem er die Fotos gemacht hatte. Das große Haus mit den weißen Wänden, wo der alte Mann lebte, der Alte, den er auf Rodriguez’ Anweisungen hin beobachten sollte.
Und jetzt war der alte Mann tot. Der Alte und Rodriguez ebenfalls.
Mendozas Stimme klang jetzt eindeutig verärgert. »Mensch, Rudi … Was zum Teufel ist mit dir los? Welchen Fall willst du? Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit.«
»Ich nehme Tscharkin«, erklärte Hernandez. »Ich melde mich bald wieder bei dir.«
Straßburg23. November
Heute war Sally Thorntons letzter Abend in Straßburg, und sie wusste ganz genau, was sie wollte: Sie wollte mit ihm ins Bett.
Es regnete in Strömen, als sie aus dem Restaurant in der Nähe der Oper kamen. Joe Volkmann hielt ein Taxi an und nannte dem Fahrer die Adresse seiner Wohnung. In dem Moment war Sally klar, dass sie die Nacht dort verbringen würde. Männer luden Frauen in einer regennassen Nacht nicht zu einem Drink ein und schickten sie dann mit dem Taxi nach Hause. Jedenfalls nicht die Männer, die sie kannte.
Sie trug eine smaragdgrüne Bluse, die sich eng an ihre schlanke Figur schmiegte und gut zu ihren Augen passte. Ihre langen Beine steckten in glatten, schwarzen Nylons, und Sally war klar, dass sie von vielen Frauen glühend um ihre Figur beneidet wurde. Sie hatte große, feste Brüste und schmale Hüften. Aber sie war nicht leicht herumzukriegen, und sie ging auch nicht verschwenderisch mit ihren erotischen Reizen um. Außerdem wollte sie im Augenblick keine feste Beziehung. Sex war für sie ein Ausdruck der gegenseitigen Anziehung.
Eine Menge Jungs im DSE-Hauptquartier klopften an ihre Bürotür, um mit ihr zu plaudern. Sie erkannte an ihren Blicken und den Beulen in ihren Hosen, dass sich ihre Absichten keineswegs nur auf die Arbeit bezogen und alles andere als ehrenhaft waren. Joe Volkmann war da ganz anders. Vielleicht wollte sie ihn genau deshalb.
Sally hatte vor fünf Jahren in Oxford Examen gemacht und arbeitete seitdem für den Geheimdienst. An diesem Abend ging ihr sechswöchiges Praktikum bei der DSE zu Ende – der Direction de Sécurité Européene oder Büro für Innereuropäische Sicherheitspolitische Zusammenarbeit, das vor anderthalb Jahren von der Europäischen Union gegründet worden war. Mit der DSE sollte ein europäisches Gegenstück zum FBI der Vereinigten Staaten oder dem MI5 Großbritanniens geschaffen werden, eine Ermittlungsbehörde, die das Recht besaß, Staatsgrenzen zu überschreiten. In der Praxis hatte sich leider gezeigt, dass die DSE hinter diesen hochgesteckten Erwartungen ein wenig zurückblieb. Die Gründung der EU hatte den Nationalismus nicht über Nacht verschwinden lassen, und darüber hinaus stellten sich noch andere, vordringlichere Probleme. Immerhin hatte Sally Straßburg großartig gefunden, aber nun war es Zeit, wieder nach Hause zurückzukehren und eine Woche Urlaub in London zu verbringen, dann ging es für sie weiter zu ihrem neuen Posten nach New York.
Als Volkmann anbot, ihr beim Packen zu helfen, hatte sie gewusst, dass er ihr wirklich helfen wollte und nicht nur nach einem Vorwand suchte, sich an sie heranzumachen.
Den ganzen Nachmittag lang hatte er ihr in ihrer Wohnung in Petite France geholfen, ihre Stereoanlage und die kleineren, antiken Möbelstücke, die sie im Laufe der Zeit gekauft hatte, in hölzerne Überseekisten zu packen. Als sie ihn dafür zum Essen einladen wollte, hatte er zwei Opernkarten hervorgezaubert und ihr offenbart, dass er bereits einen Tisch für das Dinner reserviert habe.
Sie beobachtete ihn während der Vorstellung. Anscheinend hörte er der Musik sehr konzentriert zu. Obwohl er sie häufig anlächelte und der Abend eindeutig ein romantisches Flair aufwies, hatte Volkmann jeden plumpen Annäherungsversuch unterlassen. Weder hatte sich seine Hand unter ihren Rock verirrt, noch hatte er sich »zufällig« an ihr gerieben. Letzteres zeigte sich immer wieder als Spezialität der Italiener, wenn man sich unvorsichtigerweise ihren Büros im vierten Stock näherte.
Er war weder kühl noch distanziert, aber sie hatte das Gefühl, dass er auch nichts erzwingen wollte. Genau das forderte sie heraus und war ein weiterer Grund, warum sie ihn wollte.
Seine Wohnung am Quai Ernest lag im ersten Stock, und von seinem Balkon sah man auf einen kleinen, gepflasterten Innenhof. Es war eine Dreizimmerwohnung, und für eine Junggesellenbude wirkte sie recht aufgeräumt. In der Ecke standen eine Stereoanlage von Pioneer, einige gebundene Bücher, Taschenbücher, viele Kassetten und CDs. Dabei handelte es sich vorwiegend um klassische Musik, aber einige zeitgenössische Komponisten waren auch darunter. Zu der E-Musik kamen einige moderne Alben, auffällig aber war die umfangreiche Dvorak-Kollektion und einige Platten junger russischer Komponisten, von denen Sally noch nie etwas gehört hatte. Auf einem Regal standen neben einigen Büchern auch gerahmte Fotografien.
»Was möchten Sie trinken, Sally?«
Sie setzte sich auf die Couch und schlug ihre langen Beine übereinander. Sie bemerkte, dass er kurz daraufblickte und lächelte. »Haben Sie Scotch?«
»Na klar.«
»Dann hätte ich gern einen großen. Mit Eis und Cola.«
Er nickte, und sie sah ihm nach, wie er in die Küche ging. Er war im konventionellen Sinn nicht gutaussehend, aber er war attraktiv. Groß, dunkelhaarig, gut gebaut, und er wirkte eher französisch als britisch. Er war siebenunddreißig, sah aber erheblich jünger aus. Und er hatte das gewisse Etwas, fand Sally Thornton, ohne dass sie es genauer hätte bestimmen können. Vielleicht der Ausdruck seiner einfühlsamen braunen Augen; deren Ausdruck erinnerte an die Augen der Frau auf dem Foto im Regal.
Er sah aus wie ein Mann, der eine Frau beschützen konnte, aber das taten alle Männer, mit denen sie arbeitete. Es waren Soldaten, Geheimdienstoffiziere und knallharte Drogenexperten, die als Polizisten posierten. Ganz abgesehen davon wusste Sally sehr wohl auf sich selbst aufzupassen.
Unvermittelt glaubte sie zu wissen, was ›es‹ war: Er gehörte zu den Männern, die einer Frau Vertrauen einflößten. Weder kehrte er den harten Burschen hervor, noch setzte er seine Körperkraft ein wie eine Waffe. Und sein Lächeln verriet ihn, so als versteckte sich unter dem professionellen, reservierten Äußeren eine verletzliche Seele.
Er kam mit ihrem Glas in der Hand wieder zurück und reichte es ihr. Seine Krawatte war gelockert und der oberste Knopf seines Hemdes geöffnet. Er selbst trank Bier aus der Flasche und wirkte auf Sally so entspannt, wie sie ihn noch nie gesehen hatte.
Während er trank, sah er sie an. Wenn sie ihre langen Beine übereinanderschlug, sahen sie in den hochhackigen Pumps noch besser aus. Ihr enger Rock war ein kleines bisschen hochgerutscht, sodass er ihre Schenkel sehen konnte. Sie merkte sehr wohl, dass er häufig dahin blickte. In der Ecke stand ein Radio, und als sie es anschaltete, drang Edith Piafs Stimme aus dem Lautsprecher: Je ne regrette rien. Der Regen klopfte gegen die Scheibe, und Sally sah Volkmann an.
»Werden Sie mich vermissen, Joe?«
»Na, und ob.«
»Warum lächeln Sie dann?«
»Weil man in New York von Ihnen begeistert sein wird.«
»Wer? Die Leute von der Botschaft?«
»Die auch. Aber ich meinte die Amerikaner. Die Männer werden Ihnen die Bude einrennen, Sally.«
»Danke für die Blumen. Besuchen Sie mich mal?«
»Wenn Sie wollen.«
Sie lächelte, schwenkte das Glas und sah ihm in die Augen. »Erzählen Sie mir etwas von sich, Joe.«
»Was wollen Sie denn wissen?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Alles. Ich habe fast ein Jahr mit Ihnen zusammengearbeitet und weiß so gut wie nichts von Ihnen. Wie lange sind Sie schon bei der DSE?«
»Anderthalb Jahre.«
»Arbeiten Sie gern hier auf dem Festland?«
»Klar.«
»Und was haben Sie davor gemacht?«
»Ich war beim SIS.«
Das hatte sie geahnt – Volkmann machte ganz den Eindruck eines Nachrichtendienstlers. Sie nahm die Beine voneinander und streckte sie aus, damit er sie noch besser sehen konnte. »Waren Sie jemals verheiratet, Joe?«
Er nickte und nahm noch einen Schluck Bier. »Einmal. Geschieden, keine Kinder.«
»Und Ihre Familie? Leben Ihre Eltern noch?«
Sie warf einen Blick auf die gerahmten Fotografien. Zwei davon zeigten ein Pärchen und einen Jungen. Eins war vor einem Cottage aufgenommen und ein anderes an einem Strand. Der Junge sah wie Volkmann aus, und das Paar waren offensichtlich seine Eltern. Es gab noch ein Foto nur von der Frau. Sie war ausgesprochen hübsch und saß an einem Klavier. Eine Vase mit Blumen stand auf dem polierten Holz, und die Frau lächelte. Sally vermutete, dass Volkmann sein Lächeln und auch seine Augen von ihr hatte.
»Mein Vater ist vor einem halben Jahr gestorben. Meine alte Dame hält sich noch wacker.«
»Ist sie das da auf dem Foto? Wo wurde es aufgenommen?«
»Vor langer Zeit in der Albert Hall. Sie war Pianistin. Zu ihrer Zeit ziemlich gut.«
»Wollten Sie nicht in ihre Fußstapfen treten?«
Er nippte von seinem Bier. »Nein, dazu habe ich kein Talent.« Er sah sie an und wechselte das Thema. »Sind Sie froh, dass Sie uns verlassen, Sally?«
»Ich freue mich auf New York. Wir haben im Grunde vor den Amerikanern keine Geheimnisse und sie auch nicht vor uns, das wissen wir ja genau, Joe. Aber es ist eine Verbesserung, und die Spesen sind sehr großzügig. Trotzdem ist es gewissermaßen Verschwendung, dass ich dort hingehe. Der Botschafter erfährt in einer Woche mehr beim Mittagessen, als unsere Leute in einem ganzen Jahr herausbekommen.«
»Neulich hat mich Dick Wolsley angerufen. Er sagt, dass die Deutschen und die Franzosen bereits versuchen, sich aus der Zusammenarbeit zurückzuziehen.«
»Sie meinen von der DSE?«
Er nickte und leerte seine Bierflasche. »Haben Sie die Gerüchte gehört?«
Sally Thornton zuckte mit den Schultern und spielte mit dem obersten Knopf ihrer Bluse. »Ich habe gehört, dass beide gehörig Lärm geschlagen haben, aber das ist auch alles. Wenn das stimmt, wird der ganze Laden eingehen, und zack: Aus ist’s mit der Zusammenarbeit.« Sie zögerte. »Im Grunde ist die DSE sowieso Verschwendung von Steuergeldern, finden Sie nicht, Joe? Wie’s im Moment aussieht, bin ich geneigt, Wolsley zu glauben.«
»Warum?«
»Weil alle in finanziellen Schwierigkeiten stecken. Die Deutschen, die Franzosen, wir. So bald wie im Augenblick die Aktienmärkte zum Teufel gehen, kriegen alle das große Muffensausen. Und wenn eine Nation Schiss bekommt, dann heißt es, aufgepasst: Jeder ist sich selbst der Nächste.«
»Wissen Sie, ob Ferguson von irgendwelchen Gerüchten gehört hat?«, fragte Joe. Ferguson war der Chef der Britischen Sektion, sein Vorgesetzter.
Sally Thornton lächelte. »Mit dem Kerl rede ich kaum. Er ist so schrecklich spießig.«
Volkmann lachte. »Und Peters?«
»Peters hat mir nur gesagt, dass ich schöne Beine habe und dass er mich gern ins Bett kriegen würde.« Sie hielt inne und beobachtete, wie Volkmann unwillkürlich auf ihre Schenkel blickte. »Und dass Sie ein guter Geheimdienstmann sind.« Sie sah ihn an. »Müssen wir über die Arbeit reden? Wann geht Ihre Maschine?«
»Morgen Mittag. Und Ihre?«
»Am Nachmittag. Vermissen Sie London, Joe?«
»Manchmal, aber nicht sehr.«
Sally Thornton lehnte sich auf dem Sofa zurück. »Ich vermisse es nicht. Kein bisschen. Wenn Sie mich fragen, dann ist es schon längst den Bach runtergegangen.« Sie ertappte ihn dabei, wie er erneut ihre Beine betrachtete. »Darf ich Ihnen eine sehr persönliche Frage stellen, Joe?«
»Wie persönlich?«
»Würden Sie gern mit mir schlafen?«
Als Volkmann lächelte, strahlte Sally ihn an und stellte das Glas zur Seite. »Ich muss um acht aufstehen.«
Sally schlief neben ihm, eng an ihn geschmiegt, aber Volkmann war noch wach und von Erinnerungen aufgewühlt.
Sie saßen zusammen auf der Bank, und die Herbstblätter lagen in hohen Haufen in dem kleinen Park.
Es war November, und er war übers Wochenende von Schottland angereist, wo er an einem Waffenlehrgang teilnahm. Die Sonne schien, und der Himmel war blassblau, einer jener wunderbaren Tage im Herbst, an denen die Luft frisch und klar ist, sodass man sich einfach wohl fühlt. Sein Vater trug seinen verschlissenen alten Tweedmantel, der aussah, als wäre er eine Nummer zu groß für ihn. Sie saßen auf der Bank, und der alte Mann sah ihn mit wässrigen braunen Augen an.
»Mama hat mir gesagt, dass sie dich nach Berlin schicken.«
Er sah den Ausdruck auf dem Gesicht seines Vaters, als er nickte. »Das ist ein guter Posten, Papa. Und mit etwas Glück komme ich einmal im Monat nach Hause. Also wird es nicht so schlimm werden.«
»Ist es gefährlich?«
Er lächelte. »Nein, Papa. Gefährlich ist es nicht. Hauptsächlich muss ich Informationen sammeln. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Sie werden mich nicht mit einer Pistole über die Mauer schicken. Und die Geschichten, die man üblicherweise über Berlin liest, sind genau das: Geschichten. Die gehören in Romane. So ist es im wirklichen Leben nicht. Nicht mehr.«
»Mama hat gesagt, dass du schon letzten Monat dort gewesen bist.«
»Man hat mich für drei Tage hingeschickt, damit ich mir alles einmal ansehe. Ich glaube, sie wollten rausfinden, ob ich die Versetzung wirklich wollte.«
»Und willst du das?«
Er zuckte mit den Schultern. »Es ist jedenfalls eine Abwechslung zum Century House.«
»Und Anna?«
»Sie kommt in ein paar Monaten nach.«
»Wie ist es da jetzt?«
»In Berlin? Ein bisschen New York im Kleinformat. Es gibt gute Restaurants, und man findet ein reges Nachtleben, wenn man darauf aus ist. Die Anwesenheit der Amerikaner, der Briten und der Franzosen hat dem Ganzen eine seltsame Atmosphäre verliehen. Es ist nicht mehr so wie früher.«
Er sah, dass der alte Mann geistesabwesend auf die Bäume starrte, als wäre er in Erinnerungen versunken, aber Joseph Volkmann kannte den Ausdruck auf dem Gesicht seines Vaters. Der Mann stand auf, sah auf die Uhr und unterdrückte den Schmerz, bevor er ihn völlig überwältigen konnte.
»Deine Mutter wartet bestimmt schon mit dem Essen auf uns. Wir sollten ihre Geduld nicht überstrapazieren.«
»Papa.«
Sein Vater sah ihn an. Joseph Volkmann bemerkte den rosa Flecken aus nacktem Fleisch an seiner Schläfe. Die Wunde war noch genauso prägnant wie die Verletzungen in seinem Kopf, die niemals heilen würden.
»Es ist jetzt alles Vergangenheit, Papa«, sagte er ruhig. »Es ist schon lange her. Aber manchmal hätte ich gern, dass du darüber redest. Vielleicht würde es helfen.«
Sein Vater schüttelte den Kopf. »Glaub mir, Joseph, es hilft nicht, darüber zu sprechen. Ich habe es zwanzig Jahre versucht und feststellen müssen, dass es besser ist, zu vergessen.« Der Blick der braunen Augen richtete sich auf den Sohn. »Du wirst das ebenfalls erfahren, wenn du älter wirst, Joseph. Begrabe die Gespenster der Vergangenheit, wenn du kannst, und versuche nicht, sie wieder aufleben zu lassen. Und jetzt komm. Wir wollen Mama nicht länger warten lassen.«
Er sah dem alten Mann nach, dessen knochiger, gebeugter Körper in dem schweren Tweedmantel beinahe versank.
Dann stand er auf und folgte seinem Vater.
Asunción, Paraguay23. November
Eine hohe Mauer lief schützend rings um den Besitz, aber Hernandez konnte die ausgedehnten, sonnenüberfluteten Rasenflächen sehen, als er zum Haus hinauffuhr. Das Anwesen selbst war hinter den Pfeffersträuchern und Palmen, die die lange Auffahrt säumten, kaum zu erkennen.
Haus war nicht das richtige Wort: Eher handelte es sich um eine Villa. Sie stand auf einem Hügel, überblickte die ganze Stadt, war groß und hatte zwei Stockwerke. Das neutrale, grau gestrichene Bauwerk wirkte zwar großartig, erweckte jedoch einen wenig einladenden Eindruck.
Der Tag war schwül und wolkenlos. Nach der Fahrt zur Villa war Rudi schweißgebadet, was sowohl an der Hitze lag als auch an der Nervosität, die in seiner Magengrube rumorte.
Die schmiedeeisernen Tore standen weit offen, und Hernandez wollte mit seinem roten, rostigen Buick schon hindurchfahren. Da versperrte ihm ein junger Polizist den Weg, der sich hinter einer Mauer verborgen hatte. Die Daumen hatte der Mann in das breite Lederkoppel gehakt, an dem die Pistole baumelte.
Der Beamte war noch sehr jung, Anfang zwanzig, hatte ein frisches Gesicht und trug eine etwas zu weite Uniform. Er hob die Hand und bedeutete Hernandez anzuhalten. Rudi trat auf die Bremse und beugte sich aus dem Fenster. Er hielt dem Mann seinen Presseausweis unter die Nase, lächelte und versuchte, freundlich zu bleiben.
Der junge Polizist musterte Hernandez’ Ausweis mit unbewegter Miene. »Nikolas Tscharkin«, sagte Hernandez. »Ein alter Mann. Selbstmord. Stimmt’s? Ich soll über die Geschichte für die La Tarda berichten.«
Der junge Beamte musterte ihn. »Keiner darf rein.«
»Wer sagt das?«
»Der Capitán. Capitán Sanchez.«
»Vellares Sanchez?«
Der Polizist nickte und wirkte plötzlich verunsichert. Hernandez betrachtete ihn. Der Junge hatte seine rechte Hand nervös auf den Knauf seiner Waffe gelegt, aber es hatte ihn offenbar überrascht, dass Hernandez den Capitáno beim Vornamen kannte. Der Journalist sah seine Chance und nutzte sie.
Er sah zur Villa hinauf. »Ist Vellares jetzt oben?«
»Si.«
»Haben Sie ein Funkgerät?« Hernandez hatte das Walkie-Talkie am Koppel des Polizisten gesehen.
Der Mann nickte. »Si.«
Hernandez ließ den Motor aufheulen. »Gut. Rufen Sie Vellares an. Sagen Sie ihm, dass Rudi Hernandez zu ihm unterwegs ist.«
»Aber der Capitán hat angeordnet, dass niemand …«
Hernandez legte rasch den Gang ein und ignorierte den Protest des jungen Mannes einfach.
»Vergessen Sie den Namen nicht … Rudi Hernandez.«
Der rote Buick schoss vorwärts durch das offene Tor. Hernandez sah im Rückspiegel, wie der Polizist hektisch nach dem Funkgerät griff.
Er lächelte. Die erste Hürde hätten wir geschafft, dachte er. Aber eine liegt noch vor uns.
Der alte Knabe muss Zaster gehabt haben. Und zwar eine ganze Menge, dachte Hernandez.
Die gepflegte Rasenfläche vor dem Haus erstreckte sich über fast hundert Meter. Dahinter leuchteten die roten Dachziegel der Villa. Während Hernandez die Auffahrt hochfuhr, blickte er sich um. Hinter den Pfefferbüschen blühte gelber und rosa Hibiskus.
Der Garten war wirklich etwas Besonderes. Es gab Mango- und Pfirsichbäume sowie Kokospalmen, deren breite Blätter schlaff in der bewegungslosen Gluthitze hingen. Die Gärtner mussten wirklich schuften, um den Garten derartig in Schuss zu halten. Hernandez hatte in Asunción noch keinen gepflegteren gesehen.
Langsam näherte er sich mit seinem alten Buick dem Haus und nahm den Anblick in sich auf. Beim ersten Mal hatte er sich gefragt, wie es wohl jenseits der weißen Mauern aussehen würde. Etwas sagte ihm, dass er in diesem Haus weit mehr erfahren würde, als Rodriguez ihm verraten hatte.
Auf halbem Weg zur Villa fing der Motor des Wagens plötzlich derartig heftig an zu stottern, dass sich das alte verrostete Chassis schüttelte.
Scheiße!
Der große, alte amerikanische Straßenkreuzer war reif für den Schrottplatz. Er war zwölf Jahre alt und hatte mit der zweiten Maschine schon hundertfünfzigtausend Kilometer abgerissen. Lange Zeit war der Buick ein zuverlässiger Gefährte gewesen, aber mittlerweile brauchte Hernandez dringend einen neuen Wagen. Woran es lag, wusste Rudi: Es war der Choke. Er war gebrochen, mit Klebeband notdürftig repariert worden und hätte schon längst ausgetauscht werden sollen. Aber Rudi fehlte die Zeit dazu. Er nahm etwas Druck vom Gaspedal. Der Wagen hörte auf zu husten, aber nach zwanzig Metern fing es wieder an. Jetzt bog er um eine Kurve und sah das Haus zum ersten Mal deutlich und ohne Hindernisse. Es war groß und sah teuer aus.
Dreißig Meter von der Stelle entfernt, wo der Asphalt von Kies abgelöst wurde, gab der große, alte rote Buick endgültig den Geist auf. Obwohl Rudi hart aufs Gaspedal trat, reagierte der Motor nicht mehr. Das Fahrzeug rollte einfach mit dem Schwung weiter. Die Straße stieg immer noch etwas an. Hernandez schlug das Steuerrad hart nach links ein, lenkte den Wagen auf die Grasnarbe und hämmerte wütend mit der Faust aufs Lenkrad.
»Scheiße!«
Rudi stellte die Zündung ab und sah zum Eingang. Ein ernst dreinblickender Polizist stand neben einem Streifenwagen auf dem Kies. Im nächsten Augenblick öffnete sich die Haustür, und die vertraute, massige Gestalt von Vellares Sanchez erschien auf der Veranda, ohne ganz in die Sonne zu treten. Sein fleischiges Gesicht wirkte grimmig.
Hernandez kletterte aus dem Wagen und winkte. Sanchez rührte sich nicht. Rudi schlug die Wagentür zu und ging zum Haus.
Vellares Sanchez war etwa vierzig und übergewichtig. Mit seinen dunklen, halb geschlossenen Lidern sah er aus, als müsste er sich einmal richtig ausschlafen. Die Haut hing in schlaffen Hamsterbacken von seinem fetten Gesicht, und sein spärliches schwarzes Haar klebte in dünnen Strähnen auf seinem Schädel. Der weiße Leinenanzug des Kriminalbeamten war zerknittert und saß schlecht. Alles an ihm wirkte irgendwie unordentlich, aber Hernandez hütete sich, auf diese Äußerlichkeiten hereinzufallen. Die Maske trog. Hinter den halb geschlossenen, verschlafen blickenden Augen verbarg sich ein rasiermesserscharfer Verstand.
Hernandez wusste auch, dass sich Sanchez normalerweise wortkarg gab, ohne dabei ausgesprochen unfreundlich zu sein. Jetzt jedoch wirkte sein Verhalten kühl und distanziert. Er reichte dem Journalisten eine schlaffe Hand, ein untrügliches Zeichen dafür, dass er wütend war, und deutete mit einem Nicken auf den Buick.
»Was hat denn der Schrotthaufen?«, wollte Sanchez wissen und tupfte sich mit einem Stofftaschentuch den Schweiß von der Stirn.
Hernandez lächelte und versuchte, den Ärger des fetten Mannes zu lindern. »Der Choke macht so seine Mucken. Der Motor säuft ab. Sobald die Sonne ihn ausgetrocknet hat, läuft er wieder.«
»Ich habe dem Mann am Tor befohlen, niemanden hereinzulassen«, erklärte Sanchez streng.
»Du kennst mich doch, Vellares – wo immer eine Geschichte lauert …«
Der Dicke wurde noch barscher. »Das war ein Befehl!«
»Vellares, komm schon … Schließlich lebe ich davon. Wenn ich nicht schreibe, kann ich nicht essen.« Hernandez zuckte mit den Schultern. »Hör mal, es tut mir leid. Mendoza will, dass ich die Geschichte übernehme. Ich entschuldige mich.«
Sanchez betrachtete den jungen Mann, der da vor ihm stand. Er war groß, braunhaarig und hatte einen verhältnismäßig blassen Teint. Sein Pony war ordentlich geschnitten, vielleicht ein bisschen lang, aber ansonsten war er glatt rasiert und sah gut aus. Seine Kleidung war lässig, wie die eines Dozenten an der Universität, als der er hätte durchgehen können, wäre da nicht diese gezackte Narbe auf seiner rechten Wange gewesen. Sie verlieh Hernandez etwas Kühnes, das Aussehen eines Mannes, der sich vor einer Kneipenschlägerei nicht fürchtete, aber Sanchez wusste es besser.
Sie kannten sich mittlerweile zehn Jahre. Hernandez war ein guter Journalist, konnte mit Worten umgehen, und in seinen Augen zeigte sich Gutherzigkeit, obwohl er sicherlich genauso viel gesehen hatte wie Sanchez.
»Also … was gibt es, Vellares?«
Hernandez sah ihn jetzt mit diesen funkelnden Augen an, hatte den barschen Empfang abgeschüttelt, als wäre alles nur ein guter Witz. Hernandez lächelte, aber Sanchez bemerkte noch etwas in seinem Gesicht, er witterte es. Aufregung? Furcht? Der Capitán zog ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche und bot dem Journalisten eine an, der das Friedensangebot dankbar annahm. Sanchez gab ihnen beiden Feuer und sah dann den jüngeren Mann an.
»Sag mir, was du weißt«, begann Sanchez.
Hernandez blies den Rauch in die heiße, schwüle Luft. »Ein alter Knabe namens Tscharkin hat sich umgebracht.« Er ließ seinen Blick über den üppigen, tropischen Garten hinter sich gleiten und sah wieder auf das Haus. »Und da sagt man, dass Geld allein nicht glücklich macht …«
»Mit Geld kannst du alles kaufen, mein Freund, nur keine Gesundheit.« Sanchez nahm einen Zug und hustete.
»Hat sich der Alte deshalb umgebracht? Weil er krank war?«
»Vielleicht. Vielleicht auch nicht.«
Hernandez holte aus der Gesäßtasche seiner Cordhose einen Spiralblock und suchte dann weiter nach etwas zu schreiben. »Ist es okay, wenn ich ein paar Notizen mache?«
Sanchez nickte. »Sicher. Aber die Gerichtsmediziner sind noch nicht so weit. Deshalb wollte ich nicht, dass jemand durch das Tor kommt.«
»Klar. Wie lange brauchen sie noch?«
»Sie sind fast fertig.«
»Kannst du mir einen Stift borgen?«
»Leihst du dir immer noch Stifte aus? Reporter sollten eigentlich welche dabeihaben, weißt du.«
»Ich verliere sie immer. Muss an den Löchern in den Taschen liegen.« Hernandez lächelte ein wenig verlegen.
Sanchez nahm einen Stift aus der Tasche und reichte ihn dem Journalisten. »Das war schon vor zehn Jahren so, als du noch Gerichtsreporter warst. Wie viele Kulis schuldest du mir inzwischen wohl? Die Löcher, die hast du in deinem Kopf, mein Freund.«
Sanchez drehte sich um. »Komm rein. Wenn die Männer fertig sind, kannst du dich umsehen.« Sanchez’ Stimme hatte einen ungewohnten, begeisterten Unterton, als er die Zigarette mit dem Absatz ausdrückte. »Du solltest dir das Haus ansehen. Dieser alte Knabe muss im Geld geschwommen haben.«
»Was du nicht sagst …«, meinte Hernandez und folgte Sanchez ins Innere.
Hernandez sah sich staunend und verblüfft im Haus um, heuchelte allerdings mehr Überraschung, als er tatsächlich empfand. Genau so sollte ein reicher Mann wie Tscharkin leben – genau so hatte Rudi es sich immer vorgestellt.
Im Flur ein Kristallleuchter und eine geschwungene Freitreppe, im Esszimmer silberne Kerzenständer und handgeschnitzte Stühle aus massiver Eiche. Die Küche war größer als Hernandez’ ganze Wohnung. Im Bad gab es einen Whirlpool und vergoldete Armaturen. Auf dem Rasen hinter dem Haus befand sich ein Tennisplatz.
Die Unterkünfte der Dienerschaft lagen neben dem Swimmingpool. Es gab vier Diener, laut Sanchez, und drei Gärtner. Sie waren alle gegangen, nachdem Sanchez’ Männer sie verhört hatten. Der Tod ihres Brötchengebers hatte sie aus der Fassung gebracht, und der alte Indio-Koch stand derartig unter Schock, dass er nicht einmal sprechen konnte.
Sanchez sparte sich das Arbeitszimmer im Erdgeschoss bis zum Schluss auf. Die Gerichtsmediziner packten gerade ihre Sachen zusammen, als er mit Hernandez im Schlepptau aus der Küche dorthin kam. Der Capitán nahm einen seiner Leute beiseite, um ungestört mit ihm zu reden. Danach kehrte er wieder zu Hernandez zurück, der ein Ölgemälde betrachtete, einen schlanken Jaguar im Dschungel. Das Gemälde trug keine Signatur, aber schlecht war es nicht. Von einem begabten Amateur, dachte Sanchez.
»Also?«, fragte Hernandez.
»Selbstmord«, erklärte Sanchez. »Zweifelsfrei. Ein Problem weniger, um das ich mich kümmern muss. Der Leichnam wird gleich davongeschafft. Willst du Tscharkin vorher sehen?«
Hernandez nickte, und Sanchez ging voraus.
Die Tür zum Arbeitszimmer stand offen. Es war ein großer Raum, wie die anderen auch. Hernandez fiel zuerst ein Gemälde in einem vergoldeten Rahmen auf, das an Scharnieren zur Seite geschwungen wurde und einen Wandsafe verdeckt hatte. Dessen graue Stahltür stand offen. Auf den Regalen an drei Wänden waren Bücher aufgereiht, und das Fenster wies auf die kiesbestreute Auffahrt hinaus. Außerdem standen noch ein großer polierter Schreibtisch und ein brauner, teurer Ledersessel in dem Zimmer. Hernandez sah sich um, konnte den Leichnam jedoch nicht entdecken. Sein Blick glitt wieder zum Safe, als Sanchez zum Fenster deutete.
»Dort liegt er, hinter dem Schreibtisch.«
Hernandez trat an den großen Schreibtisch und reckte sich ein bisschen. Zuerst entdeckte er die Beine des Mannes und dann die geronnenen Blutflecken auf dem grauen Teppich. Graugelbe Hirnmasse klebte an den Wänden und Vorhängen und sprenkelte den Boden. Der Kopf des Mannes war mit einem blutigen weißen Taschentuch zugedeckt. Hernandez unterdrückte das Ekelgefühl und kniete sich hin, um den Toten genauer zu untersuchen.
»He!«
Er drehte sich um. Sanchez stand neben ihm und zündete sich eine weitere Zigarette an.
»Darf ich ihn mir ansehen?«, fragte Hernandez.
»Kein angenehmer Anblick. Er hat sich durch den Mund geschossen.«
