Valerie - Frederick Marryat - E-Book
SONDERANGEBOT

Valerie E-Book

Frederick Marryat

0,0
0,49 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 0,00 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

"Valerie" ist ein autobiografischer Roman des Autors. Geschrieben in Marryats letzten Tagen vor seinem Tod, ist Valerie die Geschichte einer attraktiven, temperamentvollen Heldin, die nach Wohlstand und Glück strebt. Aus dem Buch: "Nachdem ich meinen Zweck erreicht hatte, zog ich mich verstohlen wieder zurück und gelangte nach meinem Gemach. Die Gefühle, welche mich jetzt auf meinem Lager überwältigten, vermag ich nicht zu beschreiben. Sie waren schrecklich. Die ganze Nacht konnte ich kein Auge schließen, und als ich mich Morgens blicken ließ, war mein Aussehen bleich, hager, und alle meine Glieder zitterten. Es zeigte sich übrigens bald, daß mein Großvater nicht geschlafen, sondern schweigend den Diebstahl mit angesehen und die Großmutter davon in Kenntniß gesetzt hatte. Ehe ich den Weg nach der Schule antrat, rief mich letztere, da ich bisher ihren Anblick vermieden hatte, zu sich hinein."

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Frederick Marryat

Valerie

Übersetzer: Carl Kolb
e-artnow, 2023 Kontakt: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Eilftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.

Erstes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Ich habe vorliegende Blätter einfach mit meinem Taufnamen überschrieben; denn wenn der Leser hinreichendes Interesse daran nimmt, sie bis zum Ende zu lesen, so wird er finden, welche Stellung ich jetzt, nach einem ereignisreichen Leben, behaupte. Um seine Zeit nicht über Gebühr mit vielen Einleitungsbemerkungen in Anspruch zu nehmen, will ich unverweilt mit meiner Geburt, Herkunft und Erziehung beginnen. Ich finde dies für nöthig; denn obschon vielleicht die beiden ersten Punkte beziehungsweise von geringem Belang sind, gewinnt doch der letztere eine wesentliche Bedeutung, da er den Leser auf viele Ereignisse in meinem spätern Leben vorbereitet. Außerdem möchte ich mir noch die Bemerkung erlauben, daß von Geburt und Abstammung viel abhängt und sie jedenfalls zu Vervollständigung eines Bildes gehören. Beginnen wir also mit dem Anfang.

Ich wurde in Frankreich geboren. Mein Vater, der durch den jüngern Zweig einer Familie vom besten Blut zu der ancienne noblesse von Frankreich gehörte, war ein sehr schöner Mann, der Sohn eines alten Officiers und selbst Officier in Napoleons Armee. Bei der Eroberung Italiens hatte er in Reihe und Glied mitgefochten und allmälig sich zu dem Rang eines Rittmeisters aufgeschwungen, da er fortfuhr, den Napoleonischen Feldzügen zu folgen. Der Art, wie er sich bei verschiedenen Gelegenheiten auszeichnete, verdankte er die Gunst des Kaisers und das Kreutz der Ehrenlegion; mit einem Worte, er war auf dem schönsten Wege zu einer schnellen Beförderung, als er durch einen großen Fehler selbst seinem weiteren Fortkommen Hindernisse in den Weg legte. Während seine Schwadron eine kleine deutsche Stadt an dem Fluß Erbach, Zweibrücken genannt, besetzt hielt, sah er meine Mutter und verliebte sich in sie über Hals und Kopf. Ein Ehebündniß war die Folge davon. Zur Entschuldigung mag ihm dienen, daß ich nie eine schönere Frau sah, als meine Mutter; dabei war sie sehr talentvoll und namentlich in der Musik ungemein ausgebildet, von guter Familie und mit einer keineswegs verächtlichen Mitgift versehen.

Der Leser meint vielleicht, in einem derartigen Ehebunde könne er keinen so gar großen Fehler bemerken. Nun ja, der Fehler lag nicht gerade im Heirathen, wohl aber darin, daß er seiner Gattin einen Einfluß über sich gestattete, welcher seinem ferneren Aufschwung im Wege stand. Er wollte sie bis nach Beendigung des Feldzugs bei ihren Eltern lassen; aber sie erhob Einsprache gegen diese Trennung, und er fügte sich in ihre Wünsche. Napoleon hatte allerdings nichts gegen die Verheirathung seiner Officiere einzuwenden, konnte es aber nicht leiden, wenn sie ihre Frauen in dem Heere nachschleppten, und dies war der von meinem Vater begangene Fehler, welcher ihn die Gunst seines Generals kostete. Meine Mutter war eine zu schöne Frau, um unbeachtet zu bleiben; man erkundigte sich nach ihr, und sobald die Nachricht Napoleons Ohr erreichte, war es um die Aussichten meines Vaters auf Beförderung geschehen.

Während des ersten Jahres der Ehe wurde mein ältester Bruder, August, geboren, und bald darauf stellte meine Mutter eine weitere Vermehrung der Familie in Aussicht. Mein Vater war darüber sehr erfreut; denn da er jetzt schon mehr als ein Jahr verheirathet war, mochte sich ihm bei aller Schönheit seiner Lebensgefährtin doch hin und wieder die Frage aufdrängen, ob wohl ihr Besitz auch eine hinreichende Entschädigung sei für den Verlust der durch sie verscherzten Brigade.

Um meines Vaters Freude zu erklären, muß ich den Leser von Verhältnissen unterrichten, die weniger allgemein bekannt sind. Wie schon bemerkt wurde, machte sich Napoleon nichts daraus, wenn seine Officiere heiratheten. Er brauchte Leute für seine Heere; aber weil hiezu nur Männer taugten, so hatte er eine sehr geringe Meinung von einem Ehepaar, dessen Erzeugnisse in der Mehrzahl aus Mädchen bestanden. Wenn dagegen eine Officiersfrau ihren Gatten mit sechs oder sieben Knaben beschenkte, so durfte derselbe mit Zuverlässigkeit auf eine lebenslängliche Pension zählen. Da nun meine Mutter mit dem männlichen Geschlecht den Anfang gemacht hatte und man unter solchen Umständen allgemein annimmt, es sei Aussicht vorhanden, daß es in derselben Weise fortgehen werde, so wünschten ihr die Officiere zu einer so baldigen Kundgebung weiterer Familienvergrößerung Glück und prophezeiten ihr, sie werde durch ihre Fruchtbarkeit schon nach einigen Jahren für ihren Gatten eine Pension errungen haben. Mein Vater gab der nämlichen Hoffnung Raum und meinte, wenn er auch die Brigade verloren habe, sei doch ein lebenslänglicher Jahresgehalt keine üble Entschädigung. Meine Mutter war über alle Zweifel erhaben und erklärte zuversichtlich ihre Frucht für eine männliche.

Aber Prophezeien, Hoffen und Erklären erwies sich als eine schlimme Täuschung bei meinem unglückseligen Betreten des Schauplatzes. Mein Vater wurde sehr ärgerlich, trug aber sein Leid wie ein Mann, während der Verdruß meiner Mutter sich bis zur Entrüstung steigerte. Unmuth verzehrte ihr Herz, weil ich erschienen war, um alle ihre Versicherungen Lügen zu strafen. Sie besaß eine sehr heftige Gemüthsart – eine Entdeckung, die mein Vater leider zu spät gemacht hatte. Gegen mich, als die Ursache ihrer Demüthigung und ihrer getäuschten Erwartungen, faßte sie eine Abneigung, welche sich mit meinem Heranwachsen mehr und mehr steigerte und, wie man seiner Zeit sehen wird, die Hauptveranlassung zu all den Wechselfällen meines späteren Lebens bildete.

Es ist sicherlich ein Irrthum, wenn man behauptet, kein Gefühl sei so stark, als das der Mutterliebe. Wie oft treffen wir nicht auf Beispiele, dem meinigen ähnlich, in welchen getäuschte Eitelkeit, nicht befriedigter Ehrgeiz oder eine sonstige Art von Selbstsucht diese Liebe in tödtlichen Haß umwandelten!

Mein Vater fühlte, wie unbequem es war, wenn seine Gattin ihn auf allen Eilmärschen begleiten wollte, und da hiezu vielleicht noch das Fehlschlagen seiner Hoffnungen auf die Pension kam, so rechnete er bei sich, daß es doch möglich sein dürfte, die Geneigtheit des Kaisers wieder zu gewinnen. Er machte ihr deshalb den Vorschlag, sie solle mit den beiden Kindern zu ihren Eltern zurückkehren – ein Ansinnen, dem sie, welche stets die Oberhand zu behaupten wußte, mit Entschiedenheit entgegentrat, obschon sie sich dazu verstand, mich und meinen Bruder August der Sorgfalt ihrer Eltern zu überantworten. So kamen wir nach Zweibrücken, wo wir blieben, während mein Vater dem Glückssterne des Kaisers und meine Mutter dem ihres Gatten folgte. Ich kann mich meiner mütterlichen Großeltern wenig mehr erinnern und weiß nur noch so viel, daß ich mit meinem Bruder bei ihnen blieb, bis ich sieben Jahre alt war. Um diese Zeit erbot sich die Mutter meines Vaters, für uns und unsere Erziehung zu sorgen, ein Vorschlag, welcher bereitwillig angenommen wurde, und in dessen Folge wir unseren Wohnsitz nach dem ihrigen in Lunéville verlegen mußten.

Ich sagte, die Mutter meines Vaters habe sich erboten, uns aufzunehmen; der Antrag ging nicht zugleich auch von meinem väterlichen Großvater aus, obschon derselbe noch am Leben war. Die Sache verhielt sich nämlich so, daß wir, wenn es nach seinem Willen gegangen wäre, Luneville wohl nicht zu Gesicht bekommen hätten, da ihm Kinder ganz und gar zuwider waren. Meine Großmutter hatte jedoch eigenes Vermögen, das nicht unter der Verfügung ihres Gatten stand, und setzte ihren Plan, uns kommen zu lassen, durch. Nachdem wir längst in ihrem Hause Aufnahme gefunden hatten, hörten wir den Großvater oft Vorstellungen über den Aufwand unseres Unterhalts machen, worauf sie in der Regel zu erwiedern pflegte: » Eh bien, Monsieur Chatenœuf, c'est mon argent que je dépense.«

Ich muß jetzt von Monsieur Chatenœuf eine Schilderung geben. Er war, wie bereits oben bemerkt wurde, Officier in der französischen Armee gewesen, hatte sich den Orden der Ehrenlegion errungen und bezog als verabschiedeter Major einen Ruhegehalt. Um die Zeit, als ich ihn zum erstenmal sah, war er ein großer, eleganter alter Mann mit silberweißen Haaren, und ich hörte von ihm erzählen, in seiner Jugend sei er einer der tapfersten und schönsten Officiere im Heer gewesen. Er besaß ein sehr ruhiges Wesen, sprach wenig und schnupfte viel. Seine Bequemlichkeit liebte er über alles, und eben deshalb war ihm auch der Kinderlärm so sehr verhaßt. Wir sahen ihn selten und kümmerten uns noch weniger um ihn. Da er mir, wenn ich in der Einsamkeit seines Zimmers ihn störte, in der Regel eine Tracht Schläge anbot, so vermied ich ihn wo immer möglich, denn seine Drohungen klangen nichts weniger als angenehm in meiner Erinnerung nach.

Luneville ist eine schöne Stadt im Departement de Meurthe, und das Schloß, oder vielmehr der Palast ein sehr ansehnliches, geräumiges Gebäude, in welchen ehemals die Herzoge von Lothringen ihren Hof hielten. Später wohnte hier der König Stanislaus, welcher an seinem Wohnplatze eine Kriegsschule, eine Bibliothek und ein Hospital gründete. Der Palast war ein viereckiges Gebäude mit einer schönen Front gegen die Stadt und einem Springbrunnen an der Vorderseite. Im Innern befand sich ein großer viereckiger Hof und hintenhinaus ein weiter Garten, der unter sorgfältiger Pflege stand. In dem einen Flügel wohnten die Officiere der in Luneville einquartierten Regimenter, der andere diente als Kaserne und der übrige Raum war für die Aufnahme dienstunfähiger Officiere bestimmt. In diesem schönen Gebäude nun hatten meine Großeltern für den Rest ihrer Tage einen Ruheplatz gefunden – denn in der That, mit Ausnahme der Tuillerien, kenne ich keinen Palast in Frankreich, welcher mit dem von Luneville zu vergleichen wäre, und hier hatte ich meine Wohnstätte vom siebenten Lebensjahre an, eine Periode, von welcher ich erst mein Dasein zu rechnen anfange.

Nachdem ich von meinem Großvater und meiner Wohnung eine Beschreibung gegeben habe, muß ich dem Leser auch meine Großmutter vorstellen, eine liebe, treffliche Frau, deren Andenken ich stets verehren werde, nachdem der Tod die Bande irdischer Liebe getrennt hat. Sie war etwas klein, aber trotz ihrer sechszig Jahre merkwürdig hübsch und gerade wie ein Pfeil. Nie hatte das Alter weniger Spuren zurückgelassen auf der menschlichen Form, denn so auffallend es auch erscheinen mag, war doch ihr Haar noch rabenschwarz und fiel ihr bis zu den Kniekehlen hinunter. Man betrachtete dies als eine große Merkwürdigkeit, und sie that sich nicht wenig darauf zu gut, daß auch nicht ein einziges graues Haar an ihr zu sehen war. Obgleich sie schon viele ihrer Zähne verloren hatte, war ihre Haut doch nicht runzelig, sondern besaß eine für ein solches Alter wunderbare Frische. Ihr Geist wetteiferte mit der Jugendlichkeit ihres Körpers. Sie war sehr witzig und gefallsüchtig, und die Officiere, welche in dem gleichen Gebäude wohnten, füllten stets die Gemächer der Majorsfrau, deren Gesellschaft ihnen weit lieber war, als die von jüngeren Damen. Da sie eine große Zuneigung zu Kindern hatte, so machte sie in der Regel unsere Spiele mit und setzte sich nicht selten mit unseren jungen Gefährten zum Pantoffelsuchen auf den Boden. Aber bei all' ihrer Lebhaftigkeit war sie doch eine streng sittliche und religiöse Frau, die recht wohl Nachsicht haben konnte mit Unbedachtsamkeit und Leichtsinn, eine Abweichung von der Wahrheit und Ehrlichkeit jedoch an mir und meinem Bruder aufs strengste ahndete. Ihrer Ansicht nach konnte keine Tugend bestehen neben dem Trug, den sie als ein Treibhaus betrachtete, in welchem jedes Laster üppig aufwucherte. Wahrheitsliebe erschien ihr als die Grundlage alles Edeln und Guten und jeder andere Erziehungszweig beziehungsweise als unwichtig, ja sogar als werthlos, wenn der Sinn für das Wahre fehlte. Sie hatte Recht.

Wir beide, mein Bruder und ich, wurden in die Werktagschule geschickt. Das Dienstmädchen Catharine führte mich stets nach dem Frühstück in die Schule und holte mich Nachmittags vier Uhr wieder ab. Das waren glückliche Zeiten. Mit welcher Freude kehrte ich nicht nach dem Palaste zurück, sprang in das Parterrezimmer der Großmutter, ja, um sie zu erschrecken, bisweilen sogar durch das Fenster hinein, und die alte Frau pflegte dann zu gleicher Zeit über den jungen Unband zu schmälen und zu lachen. Wie ich schon bemerkte, war meine Großmutter religiös, aber keine Frömmlerin und hatte sich zur Hauptaufgabe gemacht, in der sie unermüdlich war, mir die Liebe zur Wahrheit einzuflößen. That ich etwas Unrechtes, so machte ihr nicht so fast das begangene Vergehen, sondern vielmehr die Furcht Sorge, ich möchte es abläugnen wollen. Um dies zu verhindern, ersann sie eine seltsame Methode – sie träumte zu meinem Besten. Hatte sie mich wegen einer Verfehlung im Verdacht, so beschuldigte sie mich nicht früher, bis sie durch Nachforschungen die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß ich wirklich die Verbrecherin sei, und dann konnte sie vielleicht am andern Tage, wenn ich an ihrer Seite stand, zu mir sagen: »Valerie, ich habe in der vergangenen Nacht einen Traum gehabt, der mir nicht aus dem Kopf will. Es träumte mir, mein kleines Mädchen habe das mir gegebene Versprechen vergessen und sei in die Speisekammer gegangen, um dort ein großes Stück Kuchen zu mausen.«

Während sie nun die Einzelnheiten ihres Traumes ausspann, verwandte sie kein Auge von mir; dabei übergoß das Roth des Schuldbewußtseins mein Gesicht und meine Blicke suchten verwirrt den Boden. Ich wagte es nicht, zu ihr aufzuschauen, und wenn sie zu Ende kam, lag ich auf meinen Knieen, das Antlitz in ihrem Schooß begraben. War die Verfehlung groß, so mußte ich mein Gebet sprechen und Gott um Verzeihung anflehen, worauf ich für einige Stunden in meinem Schlafzimmer eingesperrt wurde. Catharine, das Dienstmädchen, das schon viele Jahre in der Familie war und sich deshalb viele Vorrechte herausnahm, sprach, namentlich bei solchen Anlässen, die Befugniß aus, ihre eigene Meinung kund zu thun und nach Belieben zu murren, indem sie meinte: » Toujours en prison, cette pauvre petite. Es ist zu arg, Madame; Ihr müßt sie wieder herauslassen.« Aber die Großmutter pflegte dann ruhig zu entgegnen: »Catharine, Ihr seid eine gute Person; aber Ihr versteht nichts von der Kindererziehung.« Bisweilen gelang es ihr übrigens, ihrer Gebieterin den Schlüssel abzuschwatzen, und ich wurde früher erlöst, als ursprünglich beabsichtigt war.

Diese Einsperrung war in der That für mich eine sehr schwere Strafe, da sie stets in die Abendstunden nach meiner Rückkehr aus der Schule fiel und ich dadurch um meine Spielzeit kam. In dem Schlosse wohnten viele Officiere mit ihren Gattinnen und es fehlte mir deshalb natürlich nicht an Spielgefährten. Die Mädchen pflegten sich in dem Garten hinter dem Schloße zu belustigen, wo sie Blumen sammelten und Guirlanden wanden, um dieselben an einem Seil über den Schloßhof zu ziehen. Wenn es nun dunkel wurde, so kamen die Kinder aus den verschiedenen Wohnungen mit Laternen, schufen den Hof zu einem beleuchteten Ballsaal um und tanzten bis zur Schlafengehenszeit die » ronde« oder unterhielten sich mit anderen Spielen. Das Fenster meines Schlafgemachs gieng nach dem Hofe hinaus, und wenn ich mich in Prison befand, so mußte ich zu meinem größten Herzeleid die Belustigungen mit ansehen, ohne mich dabei betheiligen zu dürfen.

Als Beispiel, welche Wirkung das Traumsystem meiner Großmutter auf mich übte, will ich einen Vorfall hier anführen. Mein Großvater besaß ungefähr anderthalb Stunden von Luneville ein Landgut, das theilweise an einen Meier verpachtet war, im Uebrigen aber für seine eigene Rechnung angebaut wurde und mit dem Ertrag unsere Hauswirthschaft versorgte. Von diesem Gut erhielten wir Milch, Butter, Käse, Früchte aller Art – kurz, jegliches Product der Landwirthschaft. Man hat in diesem Theile von Frankreich eine eigenthümliche Methode, statt des Einsalzens die Butter für den Wintergebrauch zu schmelzen und zu klären. Sie wird dadurch nicht nur erhalten, sondern viele Personen finden sie sogar schmackhafter als frische Butter; wenigstens gehörte ich unter diese, da ich eine sehr ungeordnete Vorliebe dafür besaß. In der Speisekammer befanden sich achtzehn damit angefüllte Töpfe, die der Reihe nach zur Verwendung kommen sollten. Ich wagte mich nicht an den bereits angegriffenen Topf, damit man meine Nascherei nicht merke, sondern befaßte mich mit dem letzten, welchen ich durch meinen wiederholten Zuspruch endlich fast ganz geleert hatte, als meine Großmutter hinter meine Schliche kam. Wie gewöhnlich hatte sie einen Traum. Sie begann mit Abzählung der verschiedenen Buttertöpfe, wie sie den einen öffnete und ihn voll fand, dann den andern, welcher gleichfalls gefüllt war; aber ehe sie ihren Traum bis zur Hälfte gebracht hatte, folglich noch viel im Hinterhalt lag, bis sie bei dem von mir bemauseten Topfe anlangte, lag ich vor ihr auf den Knieen und erzählte ihr aus eigenem Antrieb den Schluß ihres Traumes, da ich die Spannung bis zur beendigten Visitation aller Töpfe nicht ertragen konnte. Von dieser Zeit an legte ich in der Regel mein volles Bekenntniß ab, noch ehe die Traumerzählung zum Abschluß kam.

Als ich etwa neun Jahre zählte, ließ ich mir eine sehr schwere Vergehung zu Schulden kommen, die ich um der eigentümlichen Bestrafung willen und als eine Behandlung des Falls erzählen will, welche auch heutigen Tags noch unter ähnlichen Umständen mit Vortheil von Eltern angewendet werden könnte, denen zufällig diese Memoiren zu Gesicht kommen. Es war unter den Kindern der Officiere, welche in dem Schloß wohnten, üblich, daß die Mädchen gelegentlich zusammenstanden, um in dem Garten eine kleine fête zu veranstalten – eine Art Picnic, wozu jedes seinen Beitrag lieferte. Die Einen brachten Kuchen, die Andern Obst, und wieder andere steuerten Geld (einige Sous) bei, um damit Bonbons oder sonst etwas, worüber man sich vereinigt hatte, anzukaufen.

Für solche Anläße versah mich meine Großmutter regelmäßig mit Obst, indem sie den Aepfel- und Birnvorrath der Speisekammer in sehr freigebiger Weise zu meiner Verfügung stellte, da die Baumgärten des Guts einen reichen Ertrag abwarfen. Eines Tags erklärte mir jedoch eines der ältern Mädchen, daß sie bereits überflüssig Obst hätten und ich deshalb etwas Geld beisteuern müsse. Ich bat meine Großmutter darum, wurde aber von ihr abgewiesen, weshalb mir das erwähnte Mädchen das Ansinnen machte, das Erforderliche meinem Großvater zu entwenden. Ich erhob Einwendungen, wurde aber mit meinen Gegenvorstellungen von ihr verlacht, bis es endlich ihrem Drängen gelang, meine Zustimmung zu gewinnen. Nachdem ich sie jedoch verlassen hatte, versetzte mich die ihr gegebene Zusage in einen traurigen Zustand, da ich das Verbrecherische eines Diebstahls wohl erkannte, meine Spielgefährtin aber Sorge dafür getragen hatte, mir ans Herz zu legen, wie schlecht es sei, wenn man ein Versprechen nicht halte. Ich wußte nicht, was ich thun sollte, und verbrachte den ganzen Abend in einer so fieberischen Aufregung, daß meine Großmutter nicht wenig darüber erstaunte. Ich schämte mich, meine Zusage zu brechen, und zitterte doch vor der That, die ich begehen sollte. In dieser Unruhe zog ich mich bald nach meinem Schlafgemach zurück und legte mich zu Bette, ohne schlafen zu können. Um Mitternacht stand ich auf, schlich leise in das Zimmer meines Großvaters, machte mich an seine auf einem Stuhl liegenden Kleider und holte aus der Tasche – zwei Sous!

Nachdem ich meinen Zweck erreicht hatte, zog ich mich verstohlen wieder zurück und gelangte nach meinem Gemach. Die Gefühle, welche mich jetzt auf meinem Lager überwältigten, vermag ich nicht zu beschreiben. Sie waren schrecklich. Die ganze Nacht konnte ich kein Auge schließen, und als ich mich Morgens blicken ließ, war mein Aussehen bleich, hager, und alle meine Glieder zitterten. Es zeigte sich übrigens bald, daß mein Großvater nicht geschlafen, sondern schweigend den Diebstahl mit angesehen und die Großmutter davon in Kenntniß gesetzt hatte. Ehe ich den Weg nach der Schule antrat, rief mich letztere, da ich bisher ihren Anblick vermieden hatte, zu sich hinein.

»Komm her, Valerie,« sagte sie. »Ich habe einen Traum gehabt – einen schrecklichen Traum – von einem kleinen Mädchen, das mitten in der Nacht auf das Zimmer seines Großvaters schlich –«

Mehr konnte ich nicht ertragen. Ich warf mich auf den Boden und kreischte in der Bitterkeit meines Schmerzes –

»Ja, Großmutter, und zwei Sous stahl.«

Eine Fluth von Thränen folgte diesem Bekenntniß, und länger als eine Stunde blieb ich schluchzend und das Gesicht verhüllend auf dem Boden liegen. Meine Großmutter ließ mich liegen. Sie war sehr aufgebracht, da ich ein Verbrechen erster Größe begangen hatte, und meine Züchtigung sollte strenge sein. Ich wurde zehn Tage lang auf mein Zimmer gesperrt. Aber dies war der geringste Theil der Strafe; denn so oft ein Besuch kam, schickte man nach mir, und wenn ich eintrat, nahm die Großmutter mich bei der Hand und stellte mich förmlich den Gästen mit den Worten vor:

» Permettez, Madame (ou Monsieur), que je vous présente Mademoiselle Valerie, qui est enfermé dans sa chambre, pour avoir volé deux sous de son grand-père.«

Oh, welche Scham, welche bittere Zerknirschung fühlte ich nicht! Dies kam wenigstens zehnmal des Tages vor, und auf jede solche Vorstellung folgte ein Thränenguß, sobald ich wieder nach meinem Gemache zurückgebracht war. Diese strenge Züchtigung übte eine vortreffliche Wirkung. Nach dem was ich durchgemacht, würde ich mich lieber der Folter unterzogen als wieder etwas an mich gebracht haben, was nicht mir gehörte. Es war eine schmerzliche, zugleich aber auch eine weise und gründliche Kur.

Fünf Jahre blieb ich unter der Obhut dieser vortrefflichen Frau, deren Leitung mich zu einem wahrheitliebenden, religiösen Mädchen machte. Ich darf mit gutem Gewissen beifügen, daß ich damals so unschuldig war wie ein Lamm – aber bald sollte ein Wechsel eintreten. Der Kaiser war von seinem Throne gestürzt und nach einem kahlen Felsen verwiesen worden, und auch in der französischen Armee fanden große Veränderungen statt. Das Husarenregiment meines Vaters wurde aufgelöst, er selbst aber einem Dragonerregiment zugetheilt, welches in Luneville garnisoniren sollte. Er traf mit meiner Mutter und einer zahlreichen Familie ein, da August und mir noch sieben weitere Kinder nachgefolgt waren. Ich muß hier bemerken, daß meine Mutter fortfuhr, jährlich den Hausstand zu vergrößern, bis der Nachwuchs aus vierzehn Köpfen bestand, unter welchen sich sieben Knaben befanden. Wäre also der Kaiser auf dem französischen Throne geblieben, so hätte meinem Vater die Pension nicht entgehen können.

Die Ankunft meiner Familie war für mich zugleich eine Quelle der Freude und des Schmerzes. Mit Begier hatte ich der Zeit entgegen gesehen, wann ich vereint sein würde mit allen meinen Brüdern und Schwestern, und mein Herz sehnte sich nach den Eltern, obschon ich mich derselben nicht mehr erinnern konnte. Dabei fürchtete ich aber, ich würde der Pflege meiner Großmutter entnommen werden, und sie wurde in gleicher Weise beunruhigt durch die Aussicht auf die Möglichkeit einer Trennung. Leider gieng es so, wie wir beide besorgt hatten. Meine Mutter benahm sich nichts weniger als kindlich gegen die Großmutter, obschon sie große Dankesverpflichtungen gegen dieselbe hatte, und fand sehr bald Gelegenheit, Streit mit ihr anzufangen. Der Anlaß dazu war sehr abgeschmackt und lieferte den Beweis, daß meine Mutter absichtlich einen Bruch hatte herbeiführen wollen. Meine liebevolle Erzieherin besaß einiges Möbelwerk von alter Schnitzarbeit, auf das meine Mutter ihr Auge gerichtet hatte, und sie verlangte, daß man es ihr abtrete. Die Großmutter wollte sich nicht davon trennen, und die Schwiegertochter nahm die Verweigerung empfindlich. Mein Bruder und ich, wir beide wurden sogleich zurückgefordert, und meine Mutter erklärte, daß wir sehr schlecht erzogen worden seien. Dies war der ganze Dank, welcher der gütigen Frau für einen fünfjährigen Erziehungsaufwand und für die viele Liebe, die sie uns geschenkt hatte, zu Theil wurde.

Ich hatte mich kaum eine Woche im elterlichen Hause befunden, als das Regiment meines Vaters einen Marschbefehl nach Nance erhielt, aber schon in dieser kurzen Zeit hatte ich die Ueberzeugung gewonnen, welch ein schlimmer Wechsel über mich gekommen war. Die früher berührte Abneigung meiner Mutter gegen mich hatte sich in entschiedenen Haß umgewandelt, und ich erlitt eine sehr üble Behandlung. Ich mußte das Amt einer Magd versehen, den übrigen Kindern abwarten, und es vergieng kaum ein Tag, ohne daß ich das Gewicht ihrer Hand zu fühlen bekam. Wir reisten nach Nance ab, und das Herz wollte mir brechen, als ich mich den Armen meiner Großmutter entriß, welche bitterlich über mein Scheiden weinte. Mein Vater hätte mich gerne bei ihr zurückgelassen, um so mehr, da sie versprach, ihre Habe auf mich zu vererben; aber dieses Erbieten zu meinen Gunsten brachte meine Mutter noch mehr auf. Sie erklärte, daß ich unter keinen Umständen zurückbleiben dürfe, und mein Vater, der längst daran gewöhnt war, sich in ihre herrschsüchtigen Launen zu fügen, mußte auch in diesem Falle ihrem Machtgebot nachgeben. Es war kläglich mit anzusehen, wie ein so schöner kriegerischer Mann sogar Scheu trug, vor seiner Frau nur zu sprechen; aber er stand vollkommen unter dem Pantoffel und wagte nie eine Gegenrede.

Sobald wir in der Kaserne von Nance unsere Wohnung bezogen hatten, begann meine Mutter ihr Verfolgungssystem in vollem Ernste. Ich mußte alle Betten machen, die Kinder waschen, den Säugling austragen und meinen Geschwistern gegenüber, die sich ungehindert bald das Recht des Befehlens herausnahmen, die geringsten Magddienste verrichten. Von der Großmutter her hatte ich noch sehr gute Kleider; sie wurden mir genommen und für meine jüngeren Schwestern zurecht gemacht. Was aber das Kränkendste war, alle meine Schwestern erhielten bei verschiedenen Lehrern Unterricht in der Musik, im Tanzen und in andern weiblichen Künsten, ohne daß ich daran theilnehmen durfte, obschon dadurch der Aufwand um nichts erhöht worden wäre.

»O mein Vater,« rief ich: »warum dies? – Was habe ich gethan? – Bin ich nicht Eure Tochter – Eure älteste Tochter?«

»Ich will mit deiner Mutter darüber sprechen,« lautete die Erwiederung.

Und er nahm sich ein Herz heraus, es zu thun, erregte aber dadurch ein solches Unwetter, daß er gerne davon abstand und wegen dieses Aktes der Gerechtigkeit sich sogar noch entschuldigte. Der arme Mann! er konnte nicht mehr thun, als mich bemitleiden.

Ich erinnere mich noch wohl meiner Empfindungen aus jener Zeit. Ich fühlte, daß ich meine Mutter lieben – zärtlich lieben konnte, wofern sie es mir nur gestattet hätte; aber wenn ich mir auch alle Mühe gab, ihre Geneigtheit zu erringen, so erhielt ich als Lohn nur Schläge, bis ich am Ende so verschüchtert wurde, daß ich in ihrer Gegenwart fast nicht mehr wußte, was ich that. Ich erhielt so viele Ohrfeigen, daß ich am Ende mich nicht mehr besinnen konnte, wo ich war, und die stete Angst machte mich halb blödsinnig. Mein einziges Dichten und Trachten gieng darauf hin, aus dem Zimmer zu kommen, in welchem sich meine Mutter befand. Schon ihre Stimme machte mich zittern, und bei ihrem Anblick vergieng mir der Athem. Mein Bruder August war ihr fast eben so zuwider, als ich, weil auch er von der Großmutter erzogen worden war; außerdem ärgerte sie's, daß er sich's herausnahm, gelegentlich meine Partei zu ergreifen.

Der Liebling meiner Mutter war mein zweiter Bruder Nicolas, der in der Musik gute Fortschritte machte, jedes Instrument zu behandeln wußte und sogar die schwierigsten Partieen vom Blatt weg spielen konnte. Dieses Talent machte ihn der Mutter besonders werth, da sie selbst in der Musik eine Künstlerin war. Er durfte mir befehlen, wie er nur wollte, und mich, wenn ich nicht nach seinem Wunsche that, aufs schonungsloseste mißhandeln, worin ihm die Mutter sogar noch Beistand leistete. Bei solchen Gelegenheiten schlug sich August auf meine Seite und bedachte wohl auch Nicolas mit einer scharfen Züchtigung; aber dies nützte mich nichts, denn wenn sich August zu meinen Gunsten ins Mittel legte, so fuhr die Mutter auf mich los und betäubte im eigentlichen Sinne des Worts mich mit ihren Schlägen. Mochte sich August dann auch an den Vater wenden, so blieben doch solche Berufungen fruchtlos, weil dieser sich nicht einzumengen wagte, ja, in seiner Furchtsamkeit oft mit aller Ruhe zusah, wie seine Tochter mißhandelt wurde. Mit einem Worte, ich war nahe daran, das zu werden, wofür mich meine Mutter erklärte – eine Blödsinnige.

Ich hoffe, mein eigenes Geschlecht wird mich nicht für eine Verrätherin halten, wenn ich sage, der trifftigste Beweis für die Absicht Gottes, daß das Weib dem Manne unterworfen sein solle, liege darin, daß unter hundert Frauen, falls in ihre Hände Macht gelegt ist, nicht eine sich befindet, welche sie nicht mißbrauchen würde. Wir hören so viel von den Rechten des Weibes und dem Unrecht, das ihm geschieht; aber so viel ist richtig, daß in der Familie eben so wenig, als im Staate ein getheiltes Regiment, eine Gleichheit bestehen kann. Der eine Theil muß herrschen, und kein Haushalt wird so schlimm geleitet, keine Familie so schlecht erzogen, als wo das Gesetz der Natur sich verkehrt, wie denn auch unter allen Naturspielen uns nichts so verächtlich erscheint, als der Pantoffelheld.

Fahren wir fort. Die Behandlung meiner Mutter hatte die Folge, alle die guten Lehren meiner würdigen Großmutter zu untergraben. Ich war eine Sklavin, und der Sklave, welcher unter dem steten Einfluß der Furcht lebt, kann nicht ehrlich sein. Die Furcht vor der Züchtigung hat in ihrem Gefolge den Trug, durch welchen man einer Strafe zu entgehen hofft. Sogar mein Bruder August verfiel aus Liebe und Mitleid für mich in denselben Irrthum. »Valerie,« konnte er sagen, wenn ich, den kleinen Bruder in den Armen, von einem Spaziergang zurückkehrte und er mir entgegeneilte, »die Mutter will dich schlagen, sobald du nach Hause kömmst. Du mußt so und so dich ausreden.« Dieses So und so war natürlich eine Unwahrheit, und in Folge davon wurden meine Vorwände so linkisch und mit so viel Stocken und Erröthen vorgebracht, daß die Lüge stets an's Licht kam und ich dann für das bestraft wurde, was ich so ganz gegen meinen Willen gethan hatte. War es nun meiner Mutter gelungen, einen so triumphirenden Beweis gegen mich zu gewinnen, so machte sie ein gewaltiges Wesen davon gegen meinen Vater, der dadurch allmählig für die Ansicht gewonnen wurde, daß ich ein schlimmes, hinterlistiges Kind sei und die mir widerfahrene Behandlung vollkommen verdiene.

Am glücklichsten fühlte ich mich, wenn ich ferne vom Antlitz der Mutter mich im Freien ergehen konnte, obschon mir diese Wohlthat nur dann zu Theil wurde, wenn ich nach abgefertigtem Haushaltungsgeschäft Befehl erhielt, meinen kleinen Bruder Pierre spazieren zu tragen. Dies geschah in der Regel, wenn Pierre widerspenstisch war, denn dann mußte ich augenblicklich mit ihm aus dem Hause. Da ich dies wußte, so pflegte ich das arme Kind zu kneipen, bis es schrie, um dadurch zu meinem Zwecke zu kommen. Zu der Doppelzüngigkeit kam also noch die Grausamkeit. Hätte mir Jemand sechs Monate früher gesagt, daß ich mir ein solches Benehmen zu Schulden kommen lassen könnte, so würde ich die Behauptung mit Entrüstung zurückgewiesen haben.

Obgleich meine Mutter sich einredete, ihr unnatürliches Benehmen gegen mich sei nur in ihrem häuslichen Kreise bekannt, so war dies doch keineswegs der Fall, und die Art, wie sie mich behandelte, gewann mir das Mitleid sämmtlicher Officiere und ihrer Frauen, die in der Kaserne wohnten. Einige wagten es sogar, meinem Vater einen Vorhalt darüber zu machen, daß er es dulde; aber obgleich er sich von einem Weibe einschüchtern ließ, so hatte er doch keine Furcht vor den Männern, und er erklärte den ungebetenen Rathgebern unverholen, daß er jede weitere Einmengung in seine häuslichen Angelegenheiten mit dem Degen beantworten werde. So wurde denn nichts mehr über den Gegenstand gesprochen. Seltsam, daß ein Mann lieber mit solcher Gleichgültigkeit sein Leben aufs Spiel setzen, als einem Uebelstand abhelfen mochte – und noch dazu unter der Knechtschaft einer solchen Frau; daß ein Krieger, der im Schlachtgetümmel stets der Vorderste gewesen, als zitternder Feigling dastehen konnte einem gewaltthätigen Weibe gegenüber! Doch die Welt ist voll trauriger Widersprüche.

In der Kaserne wohnte eine Dame, die Gattin eines höheren Officiers, die mir sehr zugethan war. Sie hatte eine Tochter, ein sehr liebenswürdiges Mädchen, das gleichfalls Valerie hieß. So oft ich von Haus entwischen konnte, suchte ich diese Familie auf, und wenn ich dann auf meinem Schemel sitzend Zeuge war, wie meine Namensschwester von ihrer Mutter gehätschelt und geliebkost wurde, rannen mir oft die Thränen über die Wangen bei dem Gedanken, daß mir ein solches Glück versagt war.

»Warum weinst du, Valerie?«

»Ach, Madame, warum habe ich nicht auch eine solche Mutter, wie Eure Valerie? Warum treffen mich statt Liebkosungen immer nur Schläge und Mißhandlungen? Was habe ich gethan? – Aber sie ist nicht meine Mutter – gewiß, es ist nicht möglich – ich kann es nicht glauben!«

Und dies war denn wirklich meine volle Ueberzeugung geworden, so daß ich sie nicht mehr mit dem Titel »Mutter« anreden mochte. Sie bemerkte dies und wurde mir nur um so abgeneigter. Laßt bloß einem einzigen Gefühl, einer einzigen Leidenschaft den Zügel – gestattet ihr, ungehemmt zu wachsen, und es ist schrecklich, zu welchem Uebermaß sie euch führen wird. Meine Mutter bewies mir um diese Zeit die Wahrheit der vorstehenden Bemerkung, indem sie, nachdem sie mich zu Boden geschlagen hatte, in voller Wuth mir zurief:

»Ich schlage dich noch todt.« Dann verschnaubte sie sich und fügte in verhaltenem, entschiedenem Tone bei: »Oh, ich wollte nur, daß ich dürfte!«

Zweites Kapitel

Inhaltsverzeichnis

Eines Tages, kurz nach dem am Schlusse des vorigen Kapitels berührten Vorfälle, gieng ich wie gewöhnlich mit meinem kleinen Bruder Pierre aus. Ich war in tiefen Gedanken, und meine Einbildungskraft hatte mich nach Luneville zu meiner theuren Großmutter versetzt, als mein Fuß ausglitt und ich zu Boden stürzte. In dem Versuche, meinen Bruder zu schützen, hatte ich selbst bedeutenden Schaden genommen, während unglücklicher Weise der arme Kleine eben so verletzt wurde, wie ich. Er schrie aufs kläglichste, und ich bot allem auf, ihn zu beschwichtigen; aber seine Beschädigung schmerzte ihn zu sehr, als daß er von mir Trost angenommen hätte. Ich blieb einige Stunden aus, da ich es nicht wagte, nach Hause zu gehen; aber als es Abend wurde, mußte ich endlich doch zurück. Das Kind, welches noch nicht sprechen konnte, machte in seinem Schreien und Stöhnen fort, und ich erzählte den ganzen Hergang der Sache. Meine Mutter fuhr nun auf mich los wie ein Drache und züchtigte mich so schwer, daß ich es nimmer geduldig ertragen konnte. Ich schob sie zurück, sie aber versetzte mir einen Schlag, daß ich blutend am Boden liegen blieb.

Nach einer Weile raffte ich mich auf und kroch in mein Bette. Dort stellte ich Betrachtungen an über alles, was ich erlitten hatte, und faßte den festen Entschluß, nicht länger unter dem Dache meines Vaters zu bleiben. Mit Tagesanbruch kleidete ich mich an, eilte aus der Kaserne und machte mich auf den Weg nach dem sechs Stunden entlegenen Luneville. Nachdem ich etwa die Hälfte meiner Reise zurückgelegt hatte, traf ich einen Soldaten von dem Regiment meines Vaters, der in unserem Hause Bedienter gewesen war. Ich versuchte, ihn zu vermeiden; aber er erkannte mich. Ich bat ihn nun, daß er mich nicht hindern solle, und erzählte ihm, wie ich von Hause weggelaufen sei, um zu meiner Großmutter zu gehen. Jacques – denn dies war sein Name – billigte mein Vorhaben und versprach mir, davon zu schweigen.

»Aber, Madmoiselle,« fügte er bei, »Ihr werdet müde werden, ehe ihr nach Luneville kommt, und trefft vielleicht auf eine Fahrgelegenheit, wenn Ihr Geld habt, dafür zu zahlen.«

Mit diesen Worten drückte er mir ein Fünffrankenstück in die Hand und ließ mich meines Weges ziehen. Ich setzte meine Reise fort und erreichte endlich das Gut, welches meinem Großvater gehörte und, wie bereits bemerkt wurde, anderthalb Stunden von der Stadt ablag. Wegen meines Großvaters scheute ich mich, sogleich nach Luneville zu gehen, da ich wußte, er werde mich aus Rücksichten der Sparsamkeit nur ungerne aufnehmen. Nachdem ich der Pächtersfrau meine Geschichte mitgetheilt und ihr mein mit Beulen und Schrammen bedecktes Gesicht gezeigt hatte, bat ich sie, zu meiner Großmutter zu gehen und ihr zu sagen, wo ich sei. Sie besorgte für mich ein Bett und brach am andern Tag nach Luneville auf, wo sie meine Großmutter von dem Stand der Dinge unterrichtete. Die alte Dame ließ sogleich ihre char-à-banc vorfahren, um mich abzuholen. Es lag jetzt für die Grausamkeit meiner Mutter ein entschiedener Beweis vor, und die treffliche alte Frau vergoß Thränen, als sie mir das schlechte blaue Kattunkleidchen, das ich trug, auszog, um meine Wunden und Quetschungen zu untersuchen. Zu Luneville angelangt, erfuhren wir viel Widerspruch von Seiten des Großvaters; aber meine Großmutter blieb entschlossen.

»Wenn Du sie nicht ins Haus aufgenommen wissen willst,« sagte sie, »so kannst Du mich jedenfalls nicht hindern, daß ich meine Pflicht gegen sie erfülle und nach Belieben über mein eigenes Geld verfüge. Ich will ihr daher für ein Unterkommen in einer Pension besorgt sein und den Aufwand dafür aus meinen Mitteln bestreiten.«

Sobald für mich neue Kleider angefertigt waren, wurde ich in der besten Pension von Luneville untergebracht. Kurze Zeit nachher langte mein Vater an. Seine Gattin hatte ihn abgeschickt, mich zurückzufordern und mich wieder nach Nance zu bringen; aber er fand kräftigen Widerspruch, und meine Großmutter drohte, ihn durch eine Berufung an die Behörden bloßzustellen. Er wußte, daß eine solche Behandlung der Sache kein ehrenvolles Ende für ihn nehmen konnte, und fügte sich deshalb in die Nothwendigkeit, ohne mich zurückzukehren. Ich blieb anderthalb Jahre in der Pension, verlebte daselbst eine glückliche Zeit und machte gute Fortschritte in den Schulkenntnissen, während sich zugleich mein Aeußeres vortheilhaft entwickelte.

Dieses Glück sollte jedoch nicht allzulang währen. Zwar hatten sich im Laufe dieser anderthalb Jahre die Gefühle, welche durch die Mißhandlungen meiner Mutter hervorgerufen worden waren, gemildert, und ich hegte keinen Haß mehr gegen meine frühere Quälerin; aber gleichwohl fühlte ich mich zu behaglich, als daß ich dem Wunsche einer Rückkehr hätte Raum geben können. Nach Verfluß dieser Zeit der Ruhe erhielt das Regiment meines Vaters wieder Befehl, seine Garnison zu wechseln, und wurde nach einer kleinen Stadt beordert, deren Namen ich vergessen habe. Der Weg dahin führte über Luneville. Meine Mutter hatte schon geraume Zeit aufgehört, meinen Vater wegen meiner Rückkehr zu quälen, da die übrigen Frauen von Nance sie wegen ihres Benehmens gegen mich sehr kalt behandelten und ihr deshalb mein Fernebleiben räthlicher schien. Bei Gelegenheit dieses Umzuges aber bestand sie darauf, daß mein Vater mich mitnehmen müsse, indem sie ihm versprach, mich gut zu behandeln und ebenso unterrichten zu lassen, wie meine Schwestern. Mit einem Worte, sie versprach alles Gute, gab gegen meine Großmutter zu, daß sie sich gegen mich übereilt habe und drückte ihre Reue darüber aus. Sogar mein Bruder August war der Ansicht, daß sie es jetzt ehrlich meine, und so gelang es endlich den Zureden meines Vaters und meines Bruders, denen sich auch die Großmutter anschloß, mich zu bewegen, daß ich einwilligte. Die Mutter benahm sich sehr freundlich und liebevoll gegen mich, und da ich wirklich danach verlangte, sie zu lieben, so verließ ich die Pension, um meine Familie nach ihrem neuen Wohnplatz zu begleiten.

Das Verhalten meiner Mutter war jedoch eitel Heuchelei gewesen. Ohne Rücksicht auf mein Wohl, wie sie sich bei jeder Gelegenheit benommen, hatte sie nur eine Rolle gespielt, um mich in eine Lage zu bringen, in welcher sie für die Geringschätzung, die sie um meinetwillen von anderen erfahren, in reichlichem Maße an mir Rache nehmen konnte. Kaum waren wir an unserem neuen Wohnplatz angelangt, als ihr Gift mit einem Ungestüm gegen mich losbrach, das alle ihre frühere Grausamkeit noch überbot. Freilich war ich jetzt nicht mehr das scheue Kind, das sich alles gefallen ließ, und ich beschwerte mich gegen meinen Vater, von dem ich Gerechtigkeit forderte; aber vergeblich. Bruder August trat, meinem Vater zum Trotz, auf meine Seite, und es folgten nun in steter Wiederholung bittere Auftritte von Familienzwietracht. Ich hatte mir viele Freundinnen gewonnen und blieb oft den ganzen Tag über bei ihnen. Namentlich sträubte ich mich, trotz aller Schläge, mit Entschiedenheit dagegen, fernere Magddienste zu verrichten. Eines Morgens hatte mir meine Mutter eben eine schwere Züchtigung zu Theil werden lassen, als Bruder August, der in seine Husarenuniform gekleidet war, eintrat und mir zu Hilfe eilte. Die Wuth meiner Mutter kannte jetzt keine Gränzen mehr.

»Elender,« rief sie; »willst Du die Hand erheben gegen Deine Mutter?«

»Nein,« versetzte er, »wohl aber meine Schwester schützen. Unmenschliches Weib! Warum schlagt Ihr sie nicht lieber auf einmal todt? Es wäre ein Werk der Barmherzigkeit!«

Nach diesem Auftritt beschloß ich, wieder nach Luneville zurück zu kehren, ein Vorhaben, welches ich in aller Heimlichkeit ausführen wollte, so daß ich nicht einmal meinen Bruder August davon in Kenntniß setzte. Es hielt schwer, unbemerkt durch die Vorderthüre hinaus zu kommen, und jedenfalls würde mein Bündel Verdacht erregt haben. Auf der Hinterseite war der Ausgang nur durch ein vergittertes Fenster möglich. Ich zahlte damals vierzehn Jahre und war sehr schmächtig; so versuchte ich es denn, meinen Kopf durch das Gitter zu stecken, und nachdem ich hierin kein Hinderniß gefunden, gelang es mir auch, den Körper nach zu bringen. Nun griff ich mein Bündel auf und eilte aus Leibeskräften nach dem Bureau der Landkutsche. Diese war eben im Begriff, nach Luneville abzufahren, das etwa eine halbe Tagreise entfernt lag. Ich stieg hurtig ein; der Conducteur, welcher mich kannte, meinte, es sei alles in Ordnung, und die Diligence fuhr ab.

In dem Coupé saßen mit mir zwei Personen, ein Officier und seine Gattin. Wir waren noch nicht weit gekommen, als sie mich fragten, wohin ich reise, und ich antwortete ihnen: »nach Luneville zu meiner Großmutter.« Da ihnen meine schutzlose Wanderung befremdlich vorkam, so erkundigten sie sich weiter, bis sie die ganze Geschichte von mir heraus hatten. Die Frau wünschte, daß ich sie auf einige Zeit besuche; aber der klügere Gatte war der Ansicht, ich sei bei meiner Großmutter am besten aufgehoben.

Gegen Mittag wurde eine Viertelstunde von Luneville zum Zweck des Pferdewechsels vor einem Wirthshaus, der Louis d'Or genannt, Halt gemacht. Hier stieg ich aus, ohne dem Conducteur eine weitere Aufklärung zu geben, obschon dieser nichts Verfängliches darin fand, da er mich und meine Großmutter gut kannte. Der Grund meines Aussteigens lag darin, daß die Diligence mich gerade vor der Front des Schlosses abgesetzt haben würde, und ich hätte da meinem Großvater begegnen müssen, der den größeren Theil des Tages vor dem Palaste in der Sonne zu sitzen pflegte. Ein solches Zusammentreffen wünschte ich zu vermeiden, eh' ich mich mit meiner Großmutter benommen hatte. In derselben Stadt wohnte ein Bruder meines Vaters, mit dessen Tochter Marie, einem hübschen gutherzigen Mädchen, ich auf sehr vertrautem Fuße gestanden hatte. Diese wollte ich zuerst aufsuchen und sie bitten, daß sie zu meiner Großmutter gehe und sie von meiner Anwesenheit unterrichte. Nun hatte es aber seine Schwierigkeit, nach ihrer Wohnung zu gelangen, ohne daß ich an der Vorderseite des Schlosses vorüber oder auch nur über die Brücke kam. Endlich entschied ich mich dafür, am Flusse hinunter zu gehen, bis ich eine Stelle des Ufers erreicht hatte, welcher gegenüber ein an den Schloßgarten stoßendes Gebüsch lag. Dort wollte ich den niedrigen Wasserstand abwarten und hinüber waten, wie ich oft andere hatte thun sehen.

Nachdem ich den Punkt diesseits des Gebüsches erreicht hatte, setzte ich mich auf mein Bündel nieder und blieb in dieser Haltung zwei bis drei Stunden, wobei ich stets die langen federartigen Kräuter auf dem Boden beobachtete, welche sich in der Strömung bald dahin, bald dorthin drehten. Sobald der Tiefwasserstand eingetreten war, zog ich Schuhe und Strümpfe aus, steckte sie in mein Bündel, hob meine Kleider in die Höhe und erreichte so ohne Schwierigkeit das andere Ufer. Dann zog ich Schuhe und Strümpfe wieder an, gieng durch das Gebüsch und gelangte nach der Wohnung meines Onkels. Letzterer war nicht zu Hause, weshalb ich Marie meine Geschichte erzählte und ihr meine Striemen zeigte. Das gute Mädchen griff sogleich nach ihrem Hut und begab sich zu meiner Großmutter. Noch am nämlichen Abend wurde ich wieder in mein kleines Schlafstübchen eingeführt, wo ich mich unter Gebeten des Dankes zur Ruhe niederlegte.

Diesmal schlug meine Großmutter entschiedene Schritte ein. Sie begab sich zu dem Commandanten der Stadt, nahm mich mit, zeigte ihm die Spuren der von mir erlittenen Behandlung und nahm seinen Schutz in Anspruch, indem sie ihm mittheilte, daß sie ein Recht auf mich besitze, weil sie mich erzogen habe. Meiner Mutter herzloses Benehmen war nachgerade so allgemein bekannt geworden, daß der Commandant meiner Großmutter sogleich die Befugniß zusprach, mich bei sich zu behalten, und als mein Vater ein Paar Tage später kam, um mich zu holen, wurde er von dem gedachten Officier mit einem derben Verweis und mit der Erklärung wieder zurückgeschickt, daß ich nicht nöthig habe, einem Vater zu folgen, der eine so grausame und ungerechte Behandlung nicht zu hindern wisse.

Ich fühlte mich aufs Neue glücklich; aber da ich jetzt im Hause blieb, gab es unter meinen Großeltern stets Anlaß zu Mißhelligkeiten um meinetwillen. Gleichwohl durfte ich mehr als ein Jahr bleiben, während welcher Zeit ich sehr viel lernte und namentlich im Sticken und sonstigen weiblichen Arbeiten eine große Geschicklichkeit erlangte. Nun erhob sich aber auch von einer andern Seite her Einspruch, indem sich mein Onkel mit meinem Großvater verband, um die alte Dame zu quälen. So lang ich nämlich von Luneville fern war, hatte sich meine Großmutter sehr liebevoll und freigebig gegen mein Bäschen Marie benommen, während jetzt alle Geschenke und jeder Aufwand mir zu gute kam und die arme Marie bei all' ihrer Verdienstlichkeit hintangesetzt wurde.

Dies wollte meinem Onkel gar nicht gefallen. Er machte mit meinem Großvater gemeinschaftliche Sache, und sie vereinigten sich dahin, meiner Großmutter vorzustellen, ich sei jetzt mehr als fünfzehn Jahre, so daß meine Mutter es nicht mehr wagen könne mich zu schlagen, und da mein Vater fortwährend meine Rückkehr verlange, so sei es ihre Pflicht, endlich nachzugeben. Zwischen diesen beiden Drängern gerieth meine arme Großmutter in so viel Verlegenheit und Verdruß, daß sie nicht wußte, was sie thun sollte. Sie fühlte sich ganz unglücklich und ließ sich am Ende durch die ewigen Plackereien ihre Zustimmung abzwingen, daß ich zu meiner Familie zurückkehren sollte, welche sich jetzt in Colmar aufhielt. Von alle dem erfuhr ich nichts bis zu dem Geburtstag meiner Großmutter. Ich brachte ihr als Festgeschenk einen von mir selbst gestickten und mit Spitzen ausgenähten Arbeitsbeutel nebst einem großen Blumenstrauß. Die alte Frau schlang mich in ihre Arme und brach in Thränen aus. Dann theilte sie mir mit, daß uns eine Trennung bevorstehe und ich zu meinem Vater zurückkehren müsse. Wäre mir ein Dolch ins Herz gestoßen worden, er hätte mich nicht schmerzlicher treffen können, als diese Nachricht.

»Ja, meine liebe Valerie.« fuhr sie fort, »du mußt mich morgen verlassen. Ich kann es nicht länger hindern. Ich bin nicht mehr so gesund und rüstig, wie früher. Ich werde alt – sehr alt.«

Ich machte keine Gegenvorstellungen und versuchte es nicht, ihren Entschluß zu ändern. Wußte ich ja doch, wie viel sie schon um meinetwillen gelitten hatte, und ich fühlte, daß ich alles würde ertragen können, wenn es galt, ihr ein ruhigeres Alter zu verschaffen. Freilich vergoß ich bitterliche Thränen bei dem Hinblick auf den Abschied. Am andern Morgen langte mein Vater an und umarmte mich mit großer Zärtlichkeit. Mein Aeußeres gefiel ihm wohl, denn ich reifte jetzt zur Jungfrau heran, obschon ich der Gesinnung nach noch ein bloßes Kind war. Ich sagte meiner Großmutter Lebewohl und nahm auch von dem Großvater Abschied, den ich nie wieder sah, da er drei Monate nach meiner Abreise von Luneville das Zeitliche segnete.

Ich hoffe, der Leser wird es mir nicht mißdeuten, daß ich so lange bei diesem Abschnitt meines Lebens verweile. Es geschieht deshalb, weil ich es für nöthig halte, ihn über die Art, wie ich erzogen wurde, ins Klare zu setzen, da hierin der Grund liegt, warum ich später meine Familie verließ. Hätte ich bloß angegeben, daß ich mich mit meiner Mutter, die mich grausam behandelte, nicht vertragen konnte, so dürfte sich wohl die Ansicht geltend machen, ich sei durchaus nicht berechtigt gewesen, in einem Augenblick der Aufregung einen so entschiedenen Schritt zu thun; wenn man aber weiß, daß die Verfolgungen in dem nämlichen Moment, welcher mich abermals in die Gewalt meiner Mutter brachte, wieder ihren Anfang nahmen, und daß weder Zeit noch Abwesenheit, weder Unterwerfung von meiner Seite noch Vorstellungen von anderen, ja, nicht einmal die Achtung vor ihrem eigenen Ruf und der Verlust aller ihrer Freunde und Bekannten im Stande waren, ihren eingefleischten Haß gegen mich zu beschwichtigen, so wird man zugeben müssen, daß ich nicht anders handeln konnte, wofern ich nicht täglich mein Leben in Gefahr setzen wollte. Als ich in Colmar anlangte, nahm mich meine Mutter sehr gnädig auf: aber ihre Huld war von kurzer Dauer. Es gab nun einen neuen Grund des Anstoßes – einen, welchen eine Frau, die stolz auf ihre Schönheit ist und nicht gerne sich an das Hinschwinden derselben erinnern läßt, nicht leicht vergibt. Die jungen Officiere zollten mir Aufmerksamkeit, weit mehr Aufmerksamkeit sogar, als ihr selbst zu Theil wurde.

»Madame Chatenœuf,« pflegten die Officiere zu sagen, »Ihr habt die Welt mit einer Tochter beschenkt, die es Euch noch an Schönheit zuvorthut.«

Drittes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

In Colmar wohnte eine ältere Schwester meiner Mutter, bei welcher ich während unseres dortigen Aufenthalts den größten Theil meiner Zeit verbrachte. Als das Regiment meines Vaters einen Marschbefehl nach Paris erhielt, wünschte diese Dame, daß man mich bei ihr lassen möchte; aber meine Mutter wollte nicht darauf eingehen und bemerkte gegen ihre Schwester, keine zeitlichen Vortheile dürften eine gewissenhafte Mutter bewegen, eine Tochter aus ihrer Obhut zu entlassen. Der Leser kann sich denken, daß dies blos Heuchelei war, und ich gewann dafür schon einige Stunden später den maßgebendsten Beweis, denn meine Mutter erklärte gegen meinen Vater, wenn ihre Schwester sich erboten hätte, Clara, die zweite Tochter, zu sich zu nehmen, so würde sie gerne eingewilligt haben. Die alte Dame, welche sehr reich war, hatte nämlich versprochen, mir eine schöne Morgengabe zu Theil werden zu lassen, und meine Mutter konnte es nicht ertragen, wenn mir eine Wohlthat zugehen sollte.

Auf unserem Wege nach Paris kamen wir durch Luneville, und ich sah bei dieser Gelegenheit meine liebe Großmutter zum letztenmal. Sie bat, man möchte mich bei ihr lassen, und erbot sich wie früher, mich zur Erbin ihres Vermögens einzusetzen; aber meine Mutter schenkte ihrem Drängen kein Gehör. Da ihre Nachkommenschaft jetzt aus vierzehn Köpfen bestand, so hätte sie mich sicherlich für einen der beiden erwähnten Fälle entbehren und dadurch meinem Vater eine große Erleichterung verschaffen können; wie dem übrigens sein mochte, so viel war gewiß, daß sie mich nicht von sich lassen wollte, obschon sie ihre Abneigung gegen mich nie verbarg und mich auch, wenn sie es hätte wagen dürfen, wie früher behandelt haben würde. Ich hatte aus ganzer Seele gewünscht, bei der Großmutter zu bleiben, da sie sich seit dem Tode ihres Gatten sehr verändert hatte und ihre Kräfte zusehens dahin schwanden; aber meine Mutter zeigte sich unerbittlich. Wir setzten unsere Reise fort und gelangten nach Paris, wo wir unser Quartier in der Kaserne bei den Boulevards bezogen.

Meine Mutter war so hart als je und begann nun wieder ihre Maulschellenpraxis, zu welcher sie während unseres Aufenthalts in Colmar selten ihre Zuflucht genommen hatte. Bei all' meiner Noth war ich nie ohne Freunde, und ich machte jetzt Bekanntschaft mit der Gattin des Regimentsobristen, welcher sich gleichfalls in Paris befand. Sie hatten keine Kinder. Ich theilte ihr meine Lage mit, und sie pflegte mich in meinem Herzeleid zu trösten. Sie war eine sehr religiöse Frau, und da mich meine Großmutter in derselben Weise erzogen hatte, so machte es ihr viele Freude, bei einer so jungen Person einen frommen Sinn zu finden. Mit einem Worte, sie wurde mir sehr zugethan. Madame Allarde (denn dies war ihr Name) hatte eine Schwester, eine Wittwe von großem Vermögen, welche in der Rue St. Honoré wohnte und eine sehr angenehme lebhafte Frau war, obschon sie mitunter auch recht sarcastisch sein konnte und in ihren Launen selten ihre Worte abwog. Ich traf im Hause des Obristen oft mit ihr zusammen, und sie lud mich ein, sie in ihrer eigenen Wohnung zu besuchen; da ich aber wußte, meine Mutter würde mir die Erlaubniß dazu verweigern, so mochte ich nicht einmal darum bitten. Da der Obrist der Vorgesetzte meines Vaters war, so blieben alle Versuche, meinen traulichen Verkehr mit der Familie desselben zu unterbrechen, fruchtlos, und ich verbrachte wie gewöhnlich meine Zeit größtentheils außer Haus.

Ich habe nur noch zweier körperlicher Mißhandlungen Erwähnung zu thun. Der Leser wird meinen, ich habe deren schon genug berichtet; da sie aber die beiden letzten sind und unter eigenthümlichen Verhältnissen stattfanden, so muß ich mir schon seine Nachsicht erbitten. Das erstemal gieng es folgender Weise zu. Ein sehr anständiger junger Officier des Regiments zeichnete mich besonders durch seine Aufmerksamkeiten aus, und seine Gesellschaft gefiel mir, obschon ich noch zu kindisch und unschuldig war, um an eine Heirath zu denken. Es scheint nun, daß er eines Morgens meinem Vater einen Antrag machte und dieser sogleich sein Jawort gab, vorausgesetzt, daß ich nichts dagegen einzuwenden hätte. Dieser Schritt von seiner Seite war ohne Vorwissen und Zustimmung meiner Mutter geschehen, vielleicht weil er darin eine gute Gelegenheit sah, mich ihren Verfolgungen zu entziehen. Jedenfalls war sie, als er sie von der Sache unterrichtete und das Ansinnen an sie stellte, mich darüber auszuholen, nicht in der geneigtesten Stimmung. Der Freier war ein hübscher junger Mann, aber von sehr dunkler Gesichtsfarbe, und als sie der Aufforderung meines Vaters entsprach, antwortete ich:

»Non, maman, je ne veux pas. II est trop noir.«

Zu meinem größten Erstaunen stürzte jetzt die Mutter auf mich los und traktirte mich für meine Erwiederung mit einer solchen Lawine von Ohrfeigen, daß ich so schnell als möglich davon zu kommen suchte und mich in meinem Zimmer einschloß. Ich glaube wahrhaftig, daß ich fast das einzige Beispiel von einer jungen Dame bin, die Maulschellen erhielt, weil sie sich weigerte, einen Mann zu heirathen, um den sie sich nicht kümmerte; aber so wollte es einmal mein Schicksal.

Die Behandlung, welche mir bei diesem Anlaß widerfuhr, wurde in der Kaserne ruchbar, und Jedermann ergriff mit Wärme für mich Partei. Da ich mich so unterstützt sah, so unterstand ich mich eines Tages, die Verrichtung eines sehr unangenehmen Magddienstes zu verweigern, und dieser Widerspruch brachte mir die zweite Tracht Schläge ein. Sie war allerdings die letzte, aber auch die grausamste, denn meine Mutter hatte nach einem Kehrwisch gelangt und mit demselben mehrere Minuten lang auf mich hineingeschlagen, daß man in Folge der Entstellung mein Gesicht kaum mehr erkannte. Mein Kopf hatte an verschiedenen Stellen Wunden, und das Blut schoß in allen Richtungen an mir nieder. Endlich ließ sie mich für todt auf dem Boden liegen. Nach einiger Zeit kam ich wieder zur Besinnung. Ich entriß mich nun den Händen der mich umgebenden Dienstboten und eilte mit fliegenden Haaren, während das Blut mir noch immer über das Gesicht und auf die Kleider herab floß, über den Kasernenhof nach dem Hause des Obristen. Als ich in das Zimmer trat, in welchem Madame Allarde mit ihrer Schwester saß, sank ich zu ihren Füßen nieder, ohne Worte finden zu können, da das meinem Mund entströmende Blut meine Stimme erstickte.

»Wer ist dies?« rief Madame Allarde, indem sie mit staunendem Entsetzen von ihrem Stuhle aufsprang.

»Valerie – pauvre Valerie,« stöhnte ich, ohne mein Antlitz von dem Boden zu erheben.

Sie richteten mich auf, riefen das Gesinde herbei, brachten mich zu Bette und schickten nach dem Regimentschirurgen, der in der Kaserne wohnte. Sobald ich mich einigermaßen erholt hatte, erzählte ich ihnen, wie ich von meiner Mutter behandelt worden war und gerieth dabei in solche Aufregung, daß ich, nachdem der Wundarzt das Haus verlassen, ausrief:

»Nie, Madame, werde ich das Haus meines Vaters wieder betreten – in meinem Leben nie wieder! – Wenn Ihr mich nicht beschützt – oder wenn Niemand anders sich meiner annimmt – wenn Ihr mich wieder zurückschickt, so stürze ich mich in die Seine! Dies schwöre ich auf meinen Knieen!«

»Was ist da anzufangen, Schwester?« sagte die Gattin des Obristen. »Laßt mich sehen. Jedenfalls müßt Ihr ein Paar Tage hier bleiben, Valerie, bis weitere Schritte eingeleitet werden können. Es ist bereits dunkel. Bleibt auf diesem Zimmer und bedient Euch dieses Bettes.«