Vater werden ist so schwer - Susanne Svanberg - E-Book

Vater werden ist so schwer E-Book

Susanne Svanberg

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Beschreibung

Die Familie ist ein Hort der Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit. Wir alle sehnen uns nach diesem Flucht- und Orientierungspunkt, der unsere persönliche Welt zusammenhält und schön macht. Das wichtigste Bindeglied der Familie ist Mami. In diesen herzenswarmen Romanen wird davon mit meisterhafter Einfühlung erzählt. Die Romanreihe Mami setzt einen unerschütterlichen Wert der Liebe, begeistert die Menschen und lässt sie in unruhigen Zeiten Mut und Hoffnung schöpfen. Kinderglück und Elternfreuden sind durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Genau davon kündet Mami. »Ich bin schwanger«, erklärte Julia bei ihrer Rückkehr ohne Umschweife. Etwas früher als sonst war sie von ihrem Job im Antiquitätenhandel ihrer Eltern nach Hause gekommen. Sie war neugierig auf die Reaktion ihres Mannes. Doch er überhörte die Äußerung, die für sie so wichtig war. Ihn beschäftigten ganz andere Dinge. Am Schreibtisch seines Arbeitszimmers beugte er sich über Aufzeichnungen, die für Außenstehende nur schwer verständlich gewesen wären. Es war ein Plan der antiken Stadt Ephesos an der ägäischen Küste. Die Erforschung solcher Stätten war die große Leidenschaft von Georg Kavelius. Er schrieb Bücher darüber und hielt als Professor der Archäologie entsprechende Vorträge an der Uni. Vor fünf Jahren leitete er die Ausgrabungen in Troja. Julia, damals noch Studentin, hatte ihm assistiert. Die Liebe zum Altertum führte sie zusammen. Seit vier Jahren waren sie verheiratet. Eigentlich glücklich, wenn man davon absah, daß der Professor Julia noch immer als seine Assistentin betrachtete. Für ihn war es selbstverständlich, daß sie seine Forschungsarbeit unterstützte. Sie tippte seine für jeden anderen unleserlichen Manuskripte in den Computer, half ihm, kleinste Tonscherben zu sortieren, katalogisieren und wenn möglich zu Gebrauchsgegenständen zusammenzufügen. von Kavelius geleiteten Museums, sorgfältig nach Fundorten geordnet. »Die Mittel sind genehmigt. Der Bescheid des Kultusministeriums kam heute.

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Seitenzahl: 126

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Mami – 1777 –Vater werden ist so schwer

Susanne Svanberg

»Ich bin schwanger«, erklärte Julia bei ihrer Rückkehr ohne Umschweife. Etwas früher als sonst war sie von ihrem Job im Antiquitätenhandel ihrer Eltern nach Hause gekommen. Sie war neugierig auf die Reaktion ihres Mannes.

Doch er überhörte die Äußerung, die für sie so wichtig war. Ihn beschäftigten ganz andere Dinge. Am Schreibtisch seines Arbeitszimmers beugte er sich über Aufzeichnungen, die für Außenstehende nur schwer verständlich gewesen wären. Es war ein Plan der antiken Stadt Ephesos an der ägäischen Küste. Die Erforschung solcher Stätten war die große Leidenschaft von Georg Kavelius. Er schrieb Bücher darüber und hielt als Professor der Archäologie entsprechende Vorträge an der Uni.

Vor fünf Jahren leitete er die Ausgrabungen in Troja. Julia, damals noch Studentin, hatte ihm assistiert. Die Liebe zum Altertum führte sie zusammen. Seit vier Jahren waren sie verheiratet. Eigentlich glücklich, wenn man davon absah, daß der Professor Julia noch immer als seine Assistentin betrachtete.

Für ihn war es selbstverständlich, daß sie seine Forschungsarbeit unterstützte. Sie tippte seine für jeden anderen unleserlichen Manuskripte in den Computer, half ihm, kleinste Tonscherben zu sortieren, katalogisieren und wenn möglich zu Gebrauchsgegenständen zusammenzufügen. Diese fanden dann ihren Platz in den Vitrinen des

von Kavelius geleiteten Museums, sorgfältig nach Fundorten geordnet.

»Die Mittel sind genehmigt. Der Bescheid des Kultusministeriums kam heute. Wir können im April mit den Ausgrabungen in Ephesos anfangen. Das Sommersemester an der Uni übernimmt Kollege Vogel. Das Wintersemester beginnt erst Ende Oktober, da sind wir längst wieder hier. Ich freue mich wahnsinnig.« Georgs schmales, etwas kantiges Gesicht strahlte. Mit diesem Forschungsauftrag erfüllte sich für ihn ein langgehegter Wunsch.

»Im September kommt unsere kleine Tochter zur Welt«, erklärte Julia, die im Moment an den Plänen ihres Mannes überhaupt kein Interesse hatte. Für sie war die Feststellung des Frauenarztes so überwältigend, daß sie an nichts anderes denken konnte. Fast drei Monate lang hatte sie gezögert, bis sie ihn aufgesucht hatte. Deshalb war es ihm auch möglich gewesen, schon bei der ersten Untersuchung das Geschlecht des Kindes zu bestimmen.

»Ephesos ist noch großartiger als Troja. Es ist nachweislich 3000 Jahre alt und wurde von den Ioniern, den Persern, den Römern, den Arabern und schließlich von den Osmanen beherrscht. Der Apostel Paulus hat verläßlichen Quellen nach zwei Jahre in Ephesos gelebt, ebenso die Mutter Maria und der Heilige Johannes. Bis jetzt ist nur ein geringer Teil von Ephesos, das zur Zeit des Römischen Reiches eine bedeutende Stadt war, ausgegraben. Wo wir mit unseren Arbeiten anfangen, werde ich an Ort und Stelle entscheiden. Wir werden wundervolle Dinge zu Tage fördern.« Georg war so begeistert, daß er auch Julias zweite Bemerkung überhört hatte. Voll Vorfreude schaute er zu ihr auf.

Sie schüttelte traurig den Kopf mit den dichten braunen Locken, die in ihrem Nacken von einer Spange zusammengehalten wurden. »Ich werde dich nicht begleiten können.«

Georg zog die hohe Stirn in Falten und kniff die Augen hinter der randlosen Brille zusammen. »Was sagst du da?«

»In meinem Zustand würde ich weder das Klima, noch das ständige Bücken ertragen«, antwortete sie sachlich.

»Zustand? In welchem Zustand?« Georg war daran gewöhnt, daß seine Frau ohne lange zu fragen auf alles einging, was er vorschlug. Bisher konnte er in jeder Situation auf sie zählen.

»Ich glaube, du hast gar nicht gehört, was ich gesagt habe.« Für Julia war diese Feststellung eine herbe Enttäuschung. Ihre großen braunen Augen schimmerten feucht.

»Entschuldige«, brummte Georg. »Du weißt doch, wie wichtig dieser Forschungsauftrag für mich ist. Jetzt ist alles perfekt, und ich bin so froh darüber, daß ich dir das sofort mitteilen mußte. Nun bist du dran. Erzähle mal, was ist los? Bist du krank? Nein, sicher wollen dich deine Eltern nicht gehen lassen, weil sie dich im Geschäft brauchen. Ich rede schon mit ihnen und regle das. Wenn wir deinem Vater versprechen, auf den Märkten von Izmir, Bursa und Istanbul nach besonders schönen Stücken für ihn Ausschau zu halten, hat er garantiert nichts mehr dagegen, daß du mich begleitest.«

Julia seufzte leise. Sie liebte ihren Mann und schätzte sein Wissen und seine Intelligenz. Doch manchmal verlor er über seinen ehrgeizigen Plänen den Blick für die Realität. Selbst die einfachsten Dinge waren für ihn hochkompliziert.

»Ich war heute beim Arzt. Er hat bestätigt, daß wir ein Baby bekommen.« Ein bißchen wehmütig dachte Julia daran, daß eine solche Feststellung für die meisten Ehepaare ein Grund zur Freude war. Die künftigen Väter nahmen ihre Frauen glücklich in die Arme. Sie konnte das nicht erwarten.

Im nächsten Moment bestätigte sich ihre Vermutung. »Was sagst du da?« fragte Georg und nahm die Brille ab, was er normalerweise nur im Zustand höchster Erregung tat.

»Wir bekommen ein Kind, ein kleines Mädchen«, wiederholte Julia achselzuckend. Es war eine Geste der demütigen Entschuldigung.

»Ein Kind?« vergewisserte sich Georg aufgebracht. »Das kann ja gar nicht sein. Dieser Arzt muß sich getäuscht haben.«

»Hat er nicht«, widersprach Julia ungeduldig. »Ich habe es schon seit Wochen vermutet.«

»Und du hast mir nichts davon gesagt?« Georgs helle Augen richteten sich so streng auf Julia, als habe er eine Studentin vor sich, die es versäumt hatte, zum Examen zu kommen.

»Ich hatte nicht den Mut dazu, weil ich ja weiß, wie sehr du dich auf die Ausgrabungsarbeiten in der Türkei freust.«

»Ich bin trotzdem der Ansicht, daß alles ein Irrtum ist. Du nimmst doch regelmäßig die Pille, da kann doch gar nichts passieren.«

»Erinnerst du dich daran, wie kräftig mich im Dezember die Darmgrippe erwischt hat? Ich mußte mich ständig übergeben. Unter solchen Umständen ist die Pille nicht mehr sicher, und daran haben wir nicht gedacht.«

»Wir? Das ist doch wohl mehr dein Problem.« Georg Kavelius hatte es von Anfang an abgelehnt, sich mit Dingen zu beschäftigen, die nicht zu seinem Beruf gehörten. Julia hatte das stillschweigend akzeptiert, und so war eine Gewohnheit daraus geworden.

Jetzt aber widersprach die junge Frau mit einer Heftigkeit, die Kavelius überraschte.

»Nein, es ist unser Kind, das da zur Welt kommt, und du bist genauso dafür verantwortlich wie ich.«

Sekundenlang saß Georg starr und steif auf seinem hohen Hocker, von dem er behauptete, daß er rückenfreundlich sei. Es hatte ihm die Sprache verschlagen, denn zum ersten Mal war Julia, seine kleine, anpassungsfähige Julia, nicht seiner Meinung. Georg hatte nicht damit gerechnet, daß dies jemals vorkommen würde, denn seine Frau war vierzehn Jahre jünger als er und ließ sich von ihm gerne beraten wie von einem Vater.

»Ich tue es nicht gerne, Julia«, konterte er streng, »aber ich muß dich an unsere Abmachung erinnern. Sie ist Grundlage unserer Ehe.« Belehrend hob Georg den Zeigefinger.

»Genau damit habe ich gerechnet«, antwortete Julia mit blitzenden Augen.

»Damit gibst du zu, daß du leichtsinnig gehandelt hast.« Sie hatten sich in diesen vier Ehejahren noch kaum ernsthaft gestritten. Um so erstaunter war Georg, daß es tatsächlich passieren konnte. Julia war plötzlich nicht mehr das nachgiebige junge Mädchen, das er geheiratet hatte, sondern eine selbstbewußte Frau. So verblüfft Kavelius darüber war, so bemerkte er doch, daß dies der hübschen Julia einen ganz neuen Reiz verlieh. Seinen Ärger konnte das allerdings nicht dämpfen.

»Nicht nur ich war leichtsinnig. Du hast genausogut gewußt, daß es mir damals schlechtging. Aber für dich zählen ja nur Tonscherben und Knochenfunde, die mindestens tausend Jahre alt sind.«

Julia lief davon, denn sie konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. Sie hatte ja nicht erwartet, daß sich Georg über das zu erwartende Baby freute, aber daß er jetzt von Schuld sprach, war doch zu bitter.

*

Eine halbe Stunde später kam Georg zu seiner Frau in die Küche. Versöhnlich nahm er Julia in die Arme. »Tut mir leid, das eben«, murmelte er und sah mit väterlicher Güte auf sie herab. Gut einen Kopf größer war er als die zierliche Julia, die sich ihre mädchenhafte Figur bewahrt hatte.

Etwas widerstrebend stemmte sie sich ab, sah trotzig hoch.

Georg kannte wie kaum ein anderer die geschichtlichen Zusammenhänge der antiken Welt. Er vermochte mit einer erstaunlichen Genauigkeit das Alter und die kulturelle Zugehörigkeit verschiedenster Fundstücke zu bestimmen, aber in Psychologie war er eine absolute Niete. Er merkte nicht, daß Julia darauf wartete, daß er das Baby akzeptierte, obwohl es nicht geplant war. Daß er sich vielleicht sogar ein wenig mit ihr freute.

Aber Georgs Gedanken gingen in eine ganz andere Richtung.

»Wir müssen eine Lösung finden«, meinte er und strich nervös über Julias Haare, die sich im Bereich der Stirn und der Schläfen widerspenstig ringelten. »Hast du den Arzt schon danach gefragt?«

»An was denkst du?« forschte Julia, obwohl sie Georgs Andeutung sofort verstanden hatte.

»Das Kind kommt ungelegen. Zum einen haben wir diesen Forschungsauftrag zu erfüllen, zum anderen bin ich mit vierundvierzig Jahren über das Alter, in dem man Vater wird, längst hinaus.« In Georgs Stimme war keinerlei Bedauern. Er hatte nie Kinder gewollt und auch gar nicht damit gerechnet, sich mit dieser Frage je befassen zu müssen.

»Wenn du an eine Abtreibung denkst, dafür ist es längst zu spät.« Fast triumphierend sah Julia ihren Mann an. Tatsächlich war sie froh über diese Tatsache, denn sie ersparte sich jede unerfreuliche Diskussion über dieses Thema.

»Ehrlich?« fragte Kavelius enttäuscht. Irgendwie hatte er sich an diese Hoffnung geklammert wie an einen Strohhalm. Jetzt nahm ihm Julia auch die letzte Hoffnung, sein Projekt wie geplant durchziehen zu können. »Weißt du eigentlich, was wir in unserem Ehevertrag vereinbart haben?« Georg ließ so mutlos die Schultern hängen, als habe er an einem schweren Schicksalsschlag zu tragen.

»Natürlich weiß ich es. Keine Kinder, keine Haustiere, weil sich beides nicht mit deinem Beruf und deinen Plänen vereinbaren läßt.«

»Du hast diesen Vertrag unterschrieben, damals, als wir geheiratet haben.« Georg ließ seine Frau los und trat einen Schritt zurück.

»Du hast ihn ebenfalls unterschrieben, diesen Vertrag«, warf Julia ihrem Mann vor.

»Ja, aber ich bin nicht vertragsbrüchig geworden«, gab er ihr barsch zur Antwort.

»Das ist eine Streitfrage, die du vielleicht von einem Juristen klären lassen solltest.«

Georg winkte ab. »Was bringt das?«

»Vielleicht die Annullierung unserer Ehe.« Julia lehnte sich gegen die Arbeitsplatte vor dem Fenster und klammerte sich haltsuchend daran fest. Bis jetzt hatte sie sich keine Gedanken darüber gemacht, ob sie das Ungeborene liebte. In diesem Moment wußte sie es. Sie würde für ihr Kind kämpfen, würde es nie und nimmer im Stich lassen.

»Darum geht es doch gar nicht.« Auf seine Art war Georg eng mit Julia verbunden. Dabei stand für ihn nicht die Ehe, sondern der Beruf im Vordergrund. Julia war der Mensch, mit dem er über alles reden konnte. Sie kannte jeden Satz aus seinen Büchern, noch bevor sie erschienen waren. Sie besaß ein besonderes Geschick, zerbrechliche Tonteile wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen. Auch bei den Ausgrabungen arbeitete sie besonders vorsichtig und gewissenhaft. Nur ihr konnte er wichtige und besonders schwierige Arbeiten anvertrauen. Das hatte ein tiefes Vertrauensverhältnis zwischen ihnen geschaffen. Auf keinen Fall wollte er Julia verlieren.

»Tatsache ist«, meinte er nach kurzer Pause, »daß ich ohne deine Mithilfe die Ausgrabungsarbeiten nicht durchführen kann. Du bist bei diesem Projekt fest eingeplant, und es ist völlig unmöglich, so kurzfristig Ersatz zu finden.«

»Dann mußt du die Ausgrabungen verschieben.«

»Wie stellst du dir das vor? In neun Monaten haben wir wieder Winter. Da wird es auch an der ägäischen Küste recht kühl und regnerisch.«

»Ich sechs Monaten«, verbesserte Julia mit finsterem Gesicht. Georg schaute sie so verständnislos an, als überlegte er, ob seine Kenntnisse über die menschliche Fortpflanzung derart mangelhaft waren.

»Das Baby kommt im September zur Welt, weil ich bereits im dritten Monat bin«, erläuterte Julia voll Genugtuung. Diesmal war sie diejenige, die alles besser wußte. »Das habe ich dir aber bereits gesagt.«

Georg schnaubte so ungeduldig wie ein am Start zurückgehaltenes Rennpferd. »Das ändert kaum etwas an dieser verfahrenen Situation. Schließlich kann ich schlecht von dir erwarten, daß du mich mit einem Säugling zu Ausgrabungsarbeiten begleitest. Wie hast du dir das überhaupt alles gedacht? Wo soll ich arbeiten, wenn hier ein Baby schreit? Wie soll ich meinen Kollegen erklären, daß ich Vater werde? Ein Mann in meinem Alter. Das ist doch lächerlich!«

»Findest du? Du kannst dich ja von uns trennen.« Es war die Verbitterung, die Julia diesen Vorschlag machen ließ. Natürlich wollte sie es nicht. Nichts erschien ihr schlimmer als eine Trennung von ihrem Mann. Sie liebte ihn doch und konnte sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen.

»Von uns?« wiederholte Georg mit merkwürdig klingender Stimme. »Das Baby hat also bereits einen festen Platz in deiner Vorstellung.« Bissige Ironie sprach aus diesem Satz.

»Findest du das nicht richtig?« Julia schaute ihren Mann groß an. Sie hatte gewußt, daß er so und nicht anders reagieren würde und trotzdem war sie enttäuscht.

»Irgendwie fühle ich mich hintergangen und von einem Komplott verhöhnt.«

»Ist das nicht reichlich übertrieben?«

»Immerhin werden meine Pläne durchkreuzt und meine Arbeit ignoriert. Was das für mich bedeutet, scheint dich nicht zu interessieren.« Georg schubste ärgerlich den Einkaufskorb weg, den Julia bei ihrer Rückkehr auf dem Boden abgestellt hatte.

»Ich fühle mit dir, aber ändern kann ich an unserem Problem nichts. Die Schwangerschaft hat mich ebenso überrascht wie dich. Allerdings sehe ich kein Unglück darin, sondern eine Situation, die wir meistern werden. Vielleicht sind wir irgendwann sehr glücklich darüber, daß alles so gekommen ist.«

»Du erwartest doch sicher nicht, daß ich dir beipflichte. Ich habe dich geheiratet, weil ich dich mag, und weil wir ein gutes Team sind. Aber ich habe nie daran gedacht, weitere Personen an unserer Gemeinschaft zu beteiligen.«

»Personen?« wiederholte Julia ärgerlich. »Du scheinst zu übersehen, daß es sich um unser gemeinsames Kind handelt, nicht um irgendwelche Leute.«

»Freilich ist es zunächst ein Kind. Doch schon in 15 Jahren wird daraus ein aufsässiger Jugendlicher geworden sein, der einen Ring durch die Nase trägt und uns das Leben schwermacht. Er wird ständig Geld fordern, lautstark Urwaldmusik abspielen und maulen, wenn er morgens zur Schule muß.«

»Wir bekommen ein Mädchen«, erinnerte Julia nachsichtig.

»Noch schlimmer. Sie wird nabelfreie Blusen tragen und uns ständig neue Freunde ins Haus schleppen. Irgendwann macht sie uns zu Großeltern, und dann geht alles von vorne los. Nein, danke, ohne mich!« Georg ging mit ausgebreiteten Armen auf Julia zu und sah sie dabei beschwörend an. »Ich will mit dir allein bleiben, verstehst du das nicht?«

Da Julia mit dem Rücken zum Arbeitstisch stand, konnte sie nicht ausweichen, obwohl sie es gern getan hätte. »Laß mich, du bist ein Egoist.« Mit diesen Worten versuchte sie, der Umarmung zu entkommen.

Doch Georg zog sie nur noch fester an sich und küßte sie auf die Stirn. »Ich mag dich. Dich ganz allein«, raunte er.

*

In den nachfolgenden Wochen kämpfte sich Georg zu dem Entschluß durch, den Beginn der Ausgrabungsarbeiten auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Er wollte nicht ohne seine Frau in die Türkei reisen und vertrat diese Entscheidung auch gegenüber den Stellen, die für die Genehmigung der Gelder zuständig waren.

Zufrieden war er mit dieser Lösung allerdings nicht, und deshalb konnte er sich auch nicht auf das Kind freuen, das seine Pläne vereitelt hatte. Er wurde nicht gern an das Baby erinnert und schob deshalb nach Möglichkeit jeden Gedanken daran weit von sich.