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Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Ohne zu ahnen, wie eng das Schicksal die Fäden zwischen manchen Leben spinnen würde, lauschten die Besucher dem Laudator der Eröffnungsfeier mit interessierten Gesichtern, manche wirklich aufmerksam, andere heimlich gelangweilt wie die Kinder, deren neues Schulgebäude mit diesem Festakt eingeweiht wurde. »Wie lange dauert das denn noch?« zischelte Linus seiner Mutter Leonie Ringwald zu. »Wenn du schon im Unterricht nicht still sitzen kannst, dann reiß dich wenigstens jetzt zusammen«, erhielt er statt dessen eine Antwort von rechts, die von seiner gleichaltrigen Schwester Lucy kam. Er versetzte ihr einen Knuff in die Seite und schnitt eine freche Grimasse. »Psst, könnt ihr nicht einmal friedlich sein?« unterband Leonie den geschwisterlichen Streit leise und mit mahnendem Blick. »Jetzt kommt der Bauunternehmer zu Wort, der auch unser Haus gekauft hat. Ich bin gespannt darauf, was das für ein Typ ist.« Höflicher Applaus empfing den stämmigen Mann, der in diesem Moment an das Rednerpult trat, mit breiten Schultern, das spärliche Haar streng zurückgekämmt. Das Lächeln auf seinen Lippen konnte nicht über den unbarmherzigen Ausdruck seiner Augen hinwegtäuschen, als er den Mund öffnete. Seine donnernde Stimme ließ die Anwesenden unwillkürlich zusammenzucken, und die kleineren unter den Kindern duckten sich erschrocken. »Warum reden die denn nur alle soviel?« maulte Jan Norden, als er sich von seinem Schreck erholt hatte. »Was ist denn so Besonderes an einer neuen Schule?« »Die Unternehmen wollen doch bekannt werden, um weitere Auftraggeber auf sich aufmerksam zu machen«, erklärte Felicitas Norden ihrem jüngsten Sohn geduldig. »Aber du hast recht, jetzt reicht es wirklich langsam.« »Und schau dir mal den Mann da oben an«
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Seitenzahl: 127
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Ohne zu ahnen, wie eng das Schicksal die Fäden zwischen manchen Leben spinnen würde, lauschten die Besucher dem Laudator der Eröffnungsfeier mit interessierten Gesichtern, manche wirklich aufmerksam, andere heimlich gelangweilt wie die Kinder, deren neues Schulgebäude mit diesem Festakt eingeweiht wurde.
»Wie lange dauert das denn noch?« zischelte Linus seiner Mutter Leonie Ringwald zu.
»Wenn du schon im Unterricht nicht still sitzen kannst, dann reiß dich wenigstens jetzt zusammen«, erhielt er statt dessen eine Antwort von rechts, die von seiner gleichaltrigen Schwester Lucy kam. Er versetzte ihr einen Knuff in die Seite und schnitt eine freche Grimasse.
»Psst, könnt ihr nicht einmal friedlich sein?« unterband Leonie den geschwisterlichen Streit leise und mit mahnendem Blick. »Jetzt kommt der Bauunternehmer zu Wort, der auch unser Haus gekauft hat. Ich bin gespannt darauf, was das für ein Typ ist.«
Höflicher Applaus empfing den stämmigen Mann, der in diesem Moment an das Rednerpult trat, mit breiten Schultern, das spärliche Haar streng zurückgekämmt. Das Lächeln auf seinen Lippen konnte nicht über den unbarmherzigen Ausdruck seiner Augen hinwegtäuschen, als er den Mund öffnete. Seine donnernde Stimme ließ die Anwesenden unwillkürlich zusammenzucken, und die kleineren unter den Kindern duckten sich erschrocken.
»Warum reden die denn nur alle soviel?« maulte Jan Norden, als er sich von seinem Schreck erholt hatte. »Was ist denn so Besonderes an einer neuen Schule?«
»Die Unternehmen wollen doch bekannt werden, um weitere Auftraggeber auf sich aufmerksam zu machen«, erklärte Felicitas Norden ihrem jüngsten Sohn geduldig. »Aber du hast recht, jetzt reicht es wirklich langsam.«
»Und schau dir mal den Mann da oben an«, mischte sich Désiree flüsternd in das Gespräch zwischen Mutter und Bruder. »Seine Augenbrauen schauen aus wie dicke Raupen.«
Fee warf ihren Kindern einen mahnenden Blick zu, und Jan unterdrückte mühsam einen Heiterkeitsausbruch. Mit zusammengekniffenen Lippen und blitzenden Augen warteten er und seine Zwillingsschwester ungeduldig auf das Ende der langweiligen Rede. Schließlich konnten sie sich nicht länger zurückhalten, aber ihr Gelächter ging glücklicherweise im Applaus für Kilian Quest unter, der seine Ansprache endlich beendet hatte und sich von den Gästen verabschiedete. Damit war der offizielle Teil der Veranstaltung vorbei. Leises Gemurmel erhob sich, unter-malt von scharrenden Füßen und dem schleifenden Geräusch von Stühlen, die nach hinten geschoben wurden. Linus und Lucy stoben davon wie die Irrwische, und auch Leonie erhob sich schweren Herzens. Ihre Miene war bekümmert. Das, was sie zu hören bekommen hatte, war nicht dazu geeignet, sie positiv in die Zukunft blicken zu lassen.
»Nanu, Frau Ringwald, warum so traurig?« Die freundliche Stimme von Fee Norden riß sie allerdings aus ihren düsteren Betrachtungen.
»Frau Dr. Norden, was für eine nette Überraschung. Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie? Wir haben uns ja schon lange nicht mehr gesehen.«
»Das muß kurz vor Weihnachten gewesen sein, als Sie mir freundlicherweise mein neues Kleid gekürzt haben. Wie doch die Zeit vergeht.« Fee schüttelte nachdenklich den Kopf. Manchmal machte sie sich Sorgen, wie ihr die Tage zwischen den Fingern verrannen.
»Danke der Nachfrage. Alle sind wohlauf. Danny studiert in München fleißig Medizin, ihn bekommen wir kaum noch zu Gesicht, und Felix schlägt sich recht tapfer im Gymnasium. Zu guter Letzt ist doch noch sein Ehrgeiz zum Vorschein gekommen, von Anneka ganz zu schweigen. Und die Zwillinge, nun Sie sehen ja, wie unbeschwert und glücklich sie sind. Aber Sie machen keinen sehr glücklichen Eindruck. Haben Sie Sorgen?«
»Ich fürchte schon. Dieser Bauunternehmer, der gerade seine Rede gehalten hat, Quest heißt er, hat vor einigen Wochen das Mietshaus gekauft, in dem ich mit den Kindern wohne.«
»Ein Altbau, wenn ich nicht irre.«
»Ja, es sind sehr hübsche Wohnungen mit hohen Decken, Stuckverzierungen, Parkett, Flügeltüren. Ein Hauch von verblühter Eleganz schwebt durch die Räume, das macht sie sehr charmant. Aber nicht mehr lange, fürchte ich. Dieser Quest macht mir nicht den Eindruck, als habe er viel übrig für alte Werte.«
»Sie denken, er will renovieren?«
Leonie nickte langsam.
»In unserem Viertel ist das rundherum schon geschehen. Bisher schätzte ich mich sehr glücklich, daß wir verschont geblieben sind. Aber irgendwann mußte es ja mal passieren.«
»Vielleicht irren Sie sich ja, Frau Ringwald«, versuchte Felicitas, die alleinerziehende Mutter gegen besseres Wissen zu trösten. »Und selbst wenn Herr Quest das Haus renovieren läßt, können Sie die Wohnung ja sicher behalten.«
»Natürlich. Aber nur, wenn ich die saftige Mieterhöhung aufbringen kann, die eine Modernisierung mit sich bringt. Ganz abgesehen von dem Dreck und Staub, der auf uns zukommt. Wo soll ich dann meine Schneiderarbeiten durchführen?« Leonie zuckte hoffnungslos mit den Schultern. »Wir werden ja sehen.«
Ohrenbetäubendes Kindergeschrei unterbrach das Gespräch der beiden Frauen, und Leonie sah sich erschrocken um. Die Stimme gehörte eindeutig ihrem Sohn.
»Du liebe Zeit, Linus, was ist denn nun schon wieder passiert?«
Flankiert von seiner aufgeregten Schwester auf der einen, und dem bleichen Jan auf der anderen Seite, kam Linus auf seine Mutter zu. Auf seiner Stirn prangte eine Beule, die in Sekundenschnelle zu wachsen schien. Désiree folgte den dreien auf den Fersen.
»Ein Brett ist umgefallen«, rief sie schon von weitem aufgeregt.
»Ein Brett? Was für ein Brett denn?« erkundigte sich Leonie aufgeregt, während sie ihren Sohn zu sich heranzog. »Nun höre schon auf zu schreien. Wenn du immer Unfug machst, mußt du damit rechnen, daß so was passiert. Lucy, lauf schnell und hole einen Eisbeutel, bevor die Wunde platzt.«
»Ich hab’ doch gar nichts gemacht«, jammerte Linus und wiegte den schmerzenden Kopf, während seine Schwester davonstob.
»Diesmal kann er wirklich nichts dafür«, beteuerte Janni ernsthaft und betrachtete seinen Freund mitfühlend. »Wir sind da hinten beim Eingang von der Turnhalle gestanden, und da ist einfach dieses große Brett umgefallen.« Er deutete nach hinten und tatsächlich, selbst von weitem konnte man eine große Holzplatte am Boden liegen sehen.
»So ganz von selbst wird es wohl nicht passiert sein«, mutmaßte Leonie, die ihren kleinen Wirbelwind zu gut kannte.
»Trotzdem dürfte hier nicht einfach eine große Platte herumstehen«, erklärte Felicitas aufgebracht. »Sie sollten schnellstens einen Arzt aufsuchen. Womöglich hat Linus eine Gehirnerschütterung. Dafür können Sie ohne weiteres die Baufirma zur Rechenschaft ziehen.«
»Das paßt mir gut.« Leonie warf einen wütenden Blick Richtung Kilian Quest, der, umringt von Bürgermeister, Schulrektor und einigen anderen Gästen, huldvoll Lobeshymnen entgegennahm. Das Malheur hatte noch niemand bemerkt.
Atemlos kehrte Lucy mit einem Eisbeutel zurück, den sie sorgsam auf die Stirn ihres Bruders drückte, der inzwischen aufgehört hatte zu weinen.
»Nicht so fest, das tut weh«, jammerte er schniefend, genoß aber sichtlich die Aufmerksamkeit, die ihm durch seine Verletzung Teil wurde. Immer mehr Gäste, Schüler wie Eltern wurden auf ihn aufmerksam. Als Leonie das Gefühl hatte, ihn einen Augenblick seinen Freunden überlassen zu können, hastete sie in Richtung Quest davon. Wütend drängelte sie sich durch die Umstehenden, bis sie den großen, stämmigen Mann erreicht hatte.
»Da stehen Sie und trinken Champagner, und nebenher richten Sie einen schönen Schaden an, Sie und Ihre feine Baufirma. Wollen Sie die Kinder hier unterrichten lassen oder lieber gleich umbringen?«
»Gute Frau, so beruhigen Sie sich doch.« Quest warf einen irritierten Blick auf die empörte Mutter. »Um was geht es denn überhaupt?«
»Ihre Leute haben ein riesiges Brett hier stehengelassen, das meinen Sohn um ein Haar erschlagen hätte. Wir fahren jetzt zum Arzt, und Sie können nur hoffen, daß Linus nichts weiter passiert ist.«
Einen derart respektlosen Ton, noch dazu Kritik in aller Öffentlichkeit, war der Bauunternehmer Kilian Quest nicht gewohnt. Er holte einen Moment Luft, sah empört auf die Umstehenden, die die aufgebrachte Mutter teils bestätigend nickend, teils kopfschüttelnd betrachteten.
»Jetzt hören Sie mir mal zu, gute Frau. Wer sagt denn, daß meine Leute dieses Brett dort stehengelassen haben? Das müssen Sie mir erst mal beweisen. Und vor jemanden wie Ihnen habe ich gar keine Angst. Da bin ich schon mit ganz anderen fertig geworden. Schließlich habe ich gute Anwälte.«
Lässig, arrogant und beifallheischend stand er vor ihr, daß Leonie die Luft wegblieb. Von den Umstehenden sagte keiner ein Wort. Manche warfen ihr belustigte Blicke zu, andere erboste, und wieder andere blickten nur betreten zu Boden. Aber keiner dachte daran, der erschrockenen Mutter zu Hilfe zu kommen.
Leonie starrte ihr Gegenüber fassungslos an. »Ihre Visitenkarte bitte.« Ihre Stimme war dünn und heiser, und kalt lächelnd zog Quest seine Brieftasche aus dem Sakko.
»Sie glauben mir wohl nicht? Na schön, wer nicht hören will, muß fühlen. So heißt es doch, nicht wahr?« Er lachte ein tiefes, donnerndes Lachen, in das nicht alle einstimmten. Die ausgelassene Stimmung war durch diesen unliebsamen Zwischenfall gestört, und Leonie hinterließ betretene Gesichter, als sie sich wortlos umdrehte und zu ihrem Sohn, Felicitas Norden und den anderen Kindern zurückkehrte, die die Szene fassungslos beobachtet hatten. Kilian Quest sah ihr wutentbrannt nach. Noch niemand hatte ihm ungestraft die Laune verdorben.
»So eine Unverschämtheit«, schimpfte Fee, als sich Leonie vor Linus auf den Boden kniete und ihm liebevoll durchs Haar strich. »Aber keine Sorge, ich bin Ihr Zeuge, Frau Ringwald. Sie können sich auf mich verlassen.«
»Und ich hab’s auch ganz genau gesehen«, mischte sich Dési ein. »Linus hat gar keine Schuld.«
»Hier geht es gar nicht um Schuld. Eine solche Platte hat in einem Schulhaus nichts verloren. Das ist grob fahrlässig. Und jetzt fahren wir zu Dr. Norden in die Praxis.«
»Das muß nicht sein, Mami. Mir geht’s schon wieder ganz gut«, erklärte Linus widerstrebend. Er liebte Arztbesuche nicht besonders. Aber Leonie blieb fest.
»Nichts da. Herr Dr. Norden muß zumindest einen Blick auf die Beule werfen, sonst ist mir nicht wohl. Und mit diesem Kerl da drüben setze mich später auseinander.« Leonie warf noch einen letzten, zornigen Blick in Richtung Quest, der die Stimmung mit schlecht erzählten Witzen wieder anzuheizen versuchte. Es mochte ihm nicht recht gelingen.
Die Praxis war gut gefüllt, als die beiden Frauen in Begleitung der vier Kinder durch die Tür traten. Linus war schon wieder bester Laune, der harte Schlag auf den Kopf schien seinem Temperament nicht geschadet zu haben, er balgte sich mit Janni, daß Fee entschieden eingreifen mußte.
»Schluß jetzt, ihr beiden Räuber. Sonst verpaßt Daniel euch noch eine Beruhigungsspritze.« Sie zwinkerte belustigt ob der schlagartig eintretenden Ruhe.
»Keine Spritze, bitte, bitte«, jammerte Linus, aber Janni lachte nur.
»Keine Sorge, Mami macht nur Spaß.«
»Bist du sicher?« Fee traf ein skeptischer Blick.
»Klar. Komm, wir gehen ins Wartezimmer, bis wir dran sind. Papi hat tolle neue Comic-Hefte.« Das ließ sich Linus nicht zweimal sagen und verschwand mit Jan hinter einer Tür. Leonie sah den beiden zweifelnd nach.
»Ob das gutgeht?«
»Keine Bange, Janni weiß, daß hier Ruhe und Ordnung herrscht. Sonst gibt’s Praxisverbot.« Lä-chelnd trat sie zu Wendy an den Schreibtisch. »Hallo, Wendy. Wie geht es Ihnen heute?«
»Frau Dr. Norden, das ist ja eine Überraschung.« Strahlend begrüßte die treue Arzthelferin die Arztfrau. »Mir geht es gut, danke. Aber es ist mächtig viel Betrieb heute. Weiß Ihr Mann, daß Sie kommen?«
»Nein, nein, er hat keine Ahnung. Wir kommen direkt von der Eröffnung des neuen Schulgebäudes. Dort ist ein Unfall passiert. Linus hat eine dicke Beule am Kopf, die zumindest angeschaut werden muß.«
Wendy warf einen Blick in den Terminkalender. Sie kannte die Patienten gut genug, um schnell einschätzen zu können, wieviel Wartezeit sie ihnen zumuten konnte.
»Sie haben Glück, kein dringender Termin. Am besten, Sie gehen gleich rein, wenn Herr Mitusch fertig ist. Das dauert nicht mehr lange.«
*
Wendy hielt ihr Versprechen. Schon fünf Minuten später saß Linus neben seiner Mutter, zappelnd und nervös auf einem Stuhl gegenüber von Daniel Nordens Schreibtisch.
»Na, welchen Unsinn hast du denn nun schon wieder angestellt?« lächelte er und stand auf, um die dicke Beule auf der Stirn des Buben in Augenschein zu nehmen. Der kleine Wirbelwind war des öfteren zu Besuch in der Arztpraxis, was nichts an seiner Angst vor pieksenden Nadeln und scharfen Skalpellen änderte.
»Diesmal kann ich gar nichts dafür«, erklärte der mit unschuldigem Augenaufschlag, als könnte er kein Wässerchen trüben. »Ehrlich nicht.«
Während Daniel Norden seinen kleinen Patienten untersuchte, mit einem Lämpchen die Reaktion seiner Pupillen prüfte und eine abschwellende Salbe auftrug, erzählte Leonie von ihrer unliebsamen Begegnung mit dem Bauunternehmer Kilian Quest.
»So eine Unverschämtheit«, entfuhr es auch ihm, als sie am Ende ihres Berichts angelangt war. »Dagegen müssen Sie unbedingt vorgehen. Stellen Sie sich vor, was alles hätte passieren können.«
»Das tue ich lieber nicht. Allerdings kann ich mich auch nicht auf einen Rechtsstreit mit diesem Menschen einlassen. Ich kann mir keine Rechtschutzversicherung leisten, und er sitzt einfach am längeren Hebel. Geld regiert die Welt, so heißt es doch so schön.«
»Ihre Krankenkasse wird die Kosten für den Unfall aber sicher nicht übernehmen.«
»Vermutlich kommt die Unfallversicherung der Schule zum Tragen. Da muß ich mich noch erkundigen.«
»Wollen Sie es nicht zumindest mal versuchen? Soll ich meine Rechnung nicht doch probehalber mal an Herrn Quest schicken? Vielleicht hat er nur den brüllenden Löwen gespielt. Immerhin handelt es sich ja nicht um eine Riesensumme.«
Leonie dachte einen Augenblick nach.
»Ich weiß nicht recht. Immerhin ist er der neue Besitzer des Mietshauses, in dem unsere Wohnung liegt. Vielleicht sollte ich mich gut-stellen mit ihm.«
»Es gibt aber wirklich dumme Zufälle, das muß ich schon sagen.« Daniel schüttelte den Kopf. »Ich überlasse Ihnen die Entscheidung, Frau Ringwald. Aber Sie können sicher sein, daß Sie meine und die volle Unterstützung meiner Frau haben.«
»Sie sind sehr nett zu mir.« Leonie lächelte schmerzlich. »Es tut unglaublich gut zu wissen, daß es solche Menschen wie Sie auch noch gibt auf der Welt.«
*
»Gut, daß es nicht viele Menschen auf der Welt gibt wie diese Schnepfe.« Aufgebracht warf Kilian Quest die Tür seiner Limousine zu und strebte seinem Büro entgegen, während der Fahrer den Wagen in die Garage fuhr. Begleitet wurde Quest von seiner Sekretärin Cilly Riedl, die, so schnell es ihre hohen Schuhe erlaubten, hinter ihrem Chef hertrippelte.
»Kennen Sie diese Frau?« erkundigte sie sich atemlos.
»Nein, und ich will sie auch gar nicht kennenlernen. Was steht als nächster Punkt an?«
Im Laufschritt blätterte Cilly in dem umfangreichen Terminplaner, der ihr ständiger Begleiter war. Der Wind riß ihr in stürmischer Ungeduld die Seiten aus der Hand.
»Na wird’s bald? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.«
»Einen Augenblick«, entschuldigte sie sich hastig, ohne ihre Bemühungen zu unterbrechen. »Ah, hier haben wir’s ja. In zehn Minuten haben Sie eine Besprechung mit Ihrem Sohn. Eingeplant ist eine halbe Stunde. Danach werden Sie von Ihrer Frau abgeholt. Nach einem Abendessen im Mangostin gehen Sie ins Residenztheater, es wird Wagner gegeben, Rheingold steht auf dem Programm.«
»Sehr schön, genau die richtige Ablenkung nach so einem Tag.« Kilian lächelte zufrieden. Schon gehörte die aufgebrachte Mutter einer unerfreulichen Vergangenheit an, an die er sich nicht länger erinnern wollte. Er war ein Meister darin, unangenehme Dinge aus seinem Leben auszuklammern, sein Personal kümmerte sich darum, Probleme zu seiner Zufriedenheit zu lösen. »Bringen Sie Kaffee und Wasser in mein Büro, Cilly. Wenn mein Sohn kommt, schicken Sie ihn zu mir. Wir möchten nicht gestört werden.«
»Sehr wohl, Herr Quest.« Sie hatten das moderne Bürogebäude erreicht, ein rücksichtsloser Betonkomplex inmitten einer altehrwürdigen Häuserzeile, genehmigt durch gute Kontakte, die durch entsprechende Summen noch besser wurden.
Cilly Riedl stürzte hinter ihrem Chef durch die nüchterne Eingangshalle. Sie mußte sich beeilen, wollte sie sich nicht seinem cholerischen Zorn aussetzen.
*
