Vati darf sich nicht scheiden lassen - Patricia Vandenberg - E-Book

Vati darf sich nicht scheiden lassen E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Der Sophienlust Bestseller darf als ein Höhepunkt dieser Erfolgsserie angesehen werden. Denise von Schoenecker ist eine Heldinnenfigur, die in diesen schönen Romanen so richtig zum Leben erwacht. Das Kinderheim Sophienlust erfreut sich einer großen Beliebtheit und weist in den verschiedenen Ausgaben der Serie auf einen langen Erfolgsweg zurück. Denise von Schoenecker verwaltet das Erbe ihres Sohnes Nick, dem später einmal, mit Erreichen seiner Volljährigkeit, das Kinderheim Sophienlust gehören wird. »Donnerwetter, das ist vielleicht ein Schlitten«, rief Dominik bewundernd, als ein amerikanischer Straßenkreuzer vor Sophienlust hielt. »Möchtest du nicht lieber etwas bessere Ausdrücke gebrauchen?«, ermahnte ihn seine Mutter. »Das war doch nicht so schlimm!«, verteidigte Dominik sich. »In der Schule sagen sie noch ganz andere Dinge. Was kommt denn da für ein feiner …« Den folgenden Ausdruck verschluckte er lieber, um seine Mutti nicht zu verärgern. »Du hast dir einen ziemlich rauen Ton angewöhnt, Nick«, tadelte Denise von Schoenecker. »Benimm dich anständig! Wir bekommen neue Gäste.« Die neuen Gäste, die Dominik voller Skepsis betrachtete, waren ein sehr elegant gekleideter, blendend aussehender Mann, ein bildhübsches, etwa siebenjähriges Mädchen und ein kleiner Junge, der aber mit seinen langen lockigen Haaren auch fast wie ein Mädchen aussah. Dominik war empört, dass er nicht besser informiert worden war und dass seine Mutter ihm nun obendrein auch keine Gelegenheit gab, bei der Begrüßung dabei zu sein. Nun musste er sich noch gedulden, denn die Kinder verschwanden mit seiner Mutti und dem Fremden im Haus. »Na, was haben wir diesmal für Zuwachs?«, erkundigte sich Sascha von Schoenecker mit unerwartetem Interesse bei Dominik. Der supermoderne Wagen schien auch ihm zu imponieren. Da Dominik nichts zu berichten wusste, widmeten sich die beiden einer eingehenden Inspektion des »tollen Schlittens«.

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Seitenzahl: 147

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Sophienlust Bestseller – 70 –Vati darf sich nicht scheiden lassen

Patricia Vandenberg

»Donnerwetter, das ist vielleicht ein Schlitten«, rief Dominik bewundernd, als ein amerikanischer Straßenkreuzer vor Sophienlust hielt.

»Möchtest du nicht lieber etwas bessere Ausdrücke gebrauchen?«, ermahnte ihn seine Mutter.

»Das war doch nicht so schlimm!«, verteidigte Dominik sich. »In der Schule sagen sie noch ganz andere Dinge. Was kommt denn da für ein feiner …« Den folgenden Ausdruck verschluckte er lieber, um seine Mutti nicht zu verärgern.

»Du hast dir einen ziemlich rauen Ton angewöhnt, Nick«, tadelte Denise von Schoenecker. »Benimm dich anständig! Wir bekommen neue Gäste.«

Die neuen Gäste, die Dominik voller Skepsis betrachtete, waren ein sehr elegant gekleideter, blendend aussehender Mann, ein bildhübsches, etwa siebenjähriges Mädchen und ein kleiner Junge, der aber mit seinen langen lockigen Haaren auch fast wie ein Mädchen aussah.

Dominik war empört, dass er nicht besser informiert worden war und dass seine Mutter ihm nun obendrein auch keine Gelegenheit gab, bei der Begrüßung dabei zu sein. Nun musste er sich noch gedulden, denn die Kinder verschwanden mit seiner Mutti und dem Fremden im Haus.

»Na, was haben wir diesmal für Zuwachs?«, erkundigte sich Sascha von Schoenecker mit unerwartetem Interesse bei Dominik. Der supermoderne Wagen schien auch ihm zu imponieren.

Da Dominik nichts zu berichten wusste, widmeten sich die beiden einer eingehenden Inspektion des »tollen Schlittens«.

»Das ist ’ne Wucht, der hat sogar ’nen Fernseher«, bemerkte Sascha bewundernd.

»Das ist doch Blödsinn«, meinte Nick. »Wenn man Auto fährt, kann man doch nicht fernsehen.«

»Ein Autotelefon hat er auch«, fuhr Sascha fort.

»Das wird ein Angeber sein«, brummte Nick. »Na, da können wir uns auf was gefasst machen. Verwöhnte Kröten mag ich gar nicht.«

»Kinder sind keine Kröten«, korrigierte ihn Sascha.

»Heute meckert aber auch jeder an mir herum. Wenn ich mich dauernd so vornehm ausdrücke, dann habe ich in der Schule einen schweren Stand. Dort gucken sie einen sowieso schräg an, wenn man ›von‹ heißt.«

»Das bildest du dir bloß ein, weil du das Gymnasium nicht magst«, erklärte Sascha nachsichtig. Es war Dominiks großer Kummer, dass er nun, seit einem Monat, nicht mehr in die Dorfschule gehen durfte, in der alle seine Freunde zurückgeblieben waren. Aber alles Sträuben hatte nichts genutzt. Diesmal hatte sogar Denise von Schoen­ecker ihrem Sohn eine gehörige Standpauke gehalten.

»Wirklich vornehme Leute geben nicht an«, fuhr Dominik brummend fort. »Du wirst schon noch sehen, dass diese hier doch wieder eine Extrawurst gebraten haben wollen.«

»Warten wir es ab«, erwiderte Sascha. »Du, der scheint vom Film zu sein. Da liegt ein Drehbuch.«

»Woher kennst du denn so was?«, fragte Dominik interessiert.

»Wir haben einen in der Klasse, der schon ein Drehbuch geschrieben hat.«

Dominik riss Mund und Augen auf. »Ein Junge? Wie kommt der denn dazu?«

»Er ist eben ein Genie«, meinte Sascha. »So was gibt’s auch.«

Dominiks Gedanken irrten wieder ab. »Na, wenn der vom Film ist oder vom Theater, dann werden die Kinder schön spinnen. Da wird Frau Rennert ihre Freude haben. Aber vielleicht weiß sie schon mehr. Ich werde sie fragen.«

*

Währenddessen widmete sich Denise von Schoenecker den Neuankömmlingen. Sie war leicht irritiert, denn Victor Vasanus, der bekannte Filmregisseur, sah tatsächlich wie ein Herzensbrecher aus. Ihre Schwiegermutter, Irene von Wellentin, die über alle gesellschaftlichen Ereignisse stets bestens informiert war, hatte neulich davon gesprochen, dass man ihm eine Affäre mit dem Filmstar Nina Morero andichtete. Denise hatte keine Vorurteile fassen wollen, nachdem er sie in einem sehr höflichen Schreiben darum gebeten hatte, seine beiden Kinder für einige Monate in Sophienlust aufzunehmen, da seine Frau sich in einem Sanatorium auskurieren müsse.

Was war nun Wahrheit? Was war Klatsch? Denise neigte zum ersten Mal dazu, dem Klatsch einige Wahrheit beizumessen.

Die Kinder waren allerdings reizend. Ganz brav saßen sie auf ihren Stühlen und lauschten der sonoren Stimme ihres Vaters. Daniela und Patrick hießen sie und waren sieben und drei Jahre alt. Der kleine Patrick warf Denise ab und zu einen schüchternen Blick zu, während Daniela ihren Blick trotzig zu Boden gesenkt hielt.

»Ich möchte lieber zu Mutti«, sagte sie in eine Pause hinein. »Wenn du schon so lange wegbleibst, Vati, verstehe ich nicht, warum wir nicht zusammen sein dürfen.«

»Weil Mutti krank ist«, erklärte Victor Vasanus sanft. »Sei vernünftig, Dani! Wir wollen doch, dass sie ganz gesund wird.«

»Sie wird nicht gesund, wenn du fort bist. Sie macht sich Sorgen«, beharrte Daniela. »Ich mag die Morero auch nicht«, fügte sie eingensinnig hinzu.

Ihrem Vater stieg die Röte in die Stirn. Denise aber horchte auf. Sogar die Kleine schien schon zu wissen, dass da etwas nicht in Ordnung war. Denises Voreingenommenheit gegen Victor Vasanus vertiefte sich.

»Es wird euch hier bestimmt gefallen«, sagte sie zu den Kindern. »Mögt ihr Ponies und Hunde?«

»Ich mag Ponies und mag auch Hunde«, versicherte Patrick.

»Einen Papagei haben wir auch und viele andere Tiere«, fuhr Denise fort.

»Dann hätte ich Sissi doch mitnehmen können«, begehrte Daniela plötzlich auf.

»Wer ist Sissi?«, fragte Denise.

»Meine Schildkröte.«

»Natürlich hättest du sie mitbringen können«, erklärte Denise freundlich.

»Ich werde sie dir bringen lassen, wenn Frau von Schoenecker einverstanden ist«, sagte Victor Vasanus rasch.

»Mutti hätte nie zugelassen, dass ich mich von ihr trenne. Ich habe sie ja auch von ihr geschenkt bekommen. Vati sagt«, berichtete das kleine Mädchen, »dass man mit Tieren, die keinen Laut von sich geben, nicht reden könnte. Ich kann aber mit Sissi reden.«

Victor Vasanus warf Denise einen verzweifelten Blick zu, doch deren Sympathie galt Daniela.

»Man kann mit jedem Tier reden«, bemerkte Denise. »Aber mit Habakuk kannst du dich sogar richtig unterhalten. Das ist unser Papagei«, fügte sie erklärend hinzu.

»Darf ich ihn gleich kennenlernen?«, fragte Daniela.

»Ich auch Habakuk kennenlernen«, mischte sich Patrick wieder ein.

»Ich muss mich verabschieden«, sagte Victor Vasanus heiser. »Wir fliegen noch heute Abend nach Spanien.«

»Du wolltest mir Sissi schicken«, erinnerte ihn Daniela.

»Ja, das werde ich veranlassen«, versprach er. »Dani?« Er beugte sich zu dem Kind hinab, aber Daniela wich vor ihm zurück. Ihre tränenerfüllten Augen richteten sich zornig auf ihn.

»Wenn du Mutti Kummer machst, mag ich dich nicht mehr«, stieß sie hervor.

»Vati macht Mutti keinen Kummer«, behauptete Patrick und klammerte sich an seinen Vater.

»Dani ist sehr empfindsam«, erklärte Victor Vasanus leise Denise von Schoenecker. »Man hat ihr allerhand zugeflüstert.« Es sollte wohl eine Entschuldigung sein.

»Kinder haben manchmal einen Instinkt, der Dinge erahnt, von denen Erwachsene sich gar keine Vorstellung machen«, erwiderte Denise. Es klang wie eine Mahnung.

»Ich möchte jetzt Habakuk kennenlernen«, bat Daniela noch einmal. Als ihr Vater ihr einen Kuss geben wollte, wandte sie trotzig ihr Gesicht ab.

Es schien Denise, als wäre der Mann sehr betroffen. Seine dunklen Augen hatten einen schwermütigen und kummervollen Ausdruck. Aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein. Um ihre Vorurteile zu rechtfertigen, sagte sie sich, dass Filmleute ohnehin meist Theater spielen. Jedenfalls beschäftigte sie sich, als sie die beiden Kinder zum Wintergarten führte, sehr intensiv damit, was Anja Vasanus, die Frau des Regisseurs, wohl für ein Mensch war.

*

Endlich war für Dominik der große Augenblick gekommen. Da Frau Rennert ihm auch nichts hatte sagen können oder wollen, konnte er es kaum noch erwarten, dass seine Mutter die beiden Kinder einführte.

Dass sie zuerst den Weg in den Wintergarten einschlugen, war nichts Seltenes. Habakuk hatte schon manches Kind über den Abschiedsschmerz hinweggetröstet.

An diesem Tag schien er in Bestform zu sein, denn er krächzte sogleich ein Begrüßungslied.

»Trarirallala, Trarirallala, Kasper ist da«, sang er.

Patrick klatschte begeistert in die Hände. »Er ist süß«, meinte er.

»Papageien sind nicht süß«, belehrte ihn seine Schwester. »Sie übertragen sogar Krankheiten.«

»Der aber nicht«, mischte Dominik sich empört ein. »Er ist kerngesund.«

»Wer bist du denn?«, fragte Daniela.

»Das ist mein Sohn«, antwortete Denise rasch, da sie fürchtete, dass Dominik eine unfreundliche Antwort geben würde.

»Ach so«, meinte Daniela, während Patrick andächtig zu dem großen Jungen emporblickte. »Dann gehört der Papagei ihm.«

»Nick, du Schlingel, kommst du wohl? Wirst du lieb sein!«, kreischte Habakuk.

»Ich bin ja lieb, mein Guter«, versicherte Dominik. »Aber das Mädchen mag dich nicht.«

»Mag dich nicht. Hinaus!«, krächzte Habakuk.

»Ich will ja gar nicht hierbleiben«, antwortete Daniela trotzig. »Außerdem kann ich mich mit meiner Sissi viel besser unterhalten. Die ist nicht so laut.«

Dominik war viel zu neugierig, als dass er nun den Beleidigten gespielt hätte. »Wer ist Sissi?«, fragte er.

»Danielas Schildkröte«, antwortete Denise.

»Eine Schildkröte?«, wunderte sich Dominik. »Was redet man denn mit einer Schildkröte?«

»Du kannst das vielleicht nicht«, spottete Daniela herablassend, wobei ihre dunklen Augen Blitze sprühten, »aber ich kann es!«

»Dani kann es«, echote Patrick. »Dani ist klug.«

Dominik warf seiner Mutter einen Blick zu, der Bände sprach. Als Daniela näher an das Vogelbauer heranging, um Habakuk eingehend zu betrachten, raunte er seiner Mutter zu: »Die ist mir unheimlich.«

Daniela wandte den Kopf um und sah ihn durchdringend an. »Meinst du mich?«, fragte sie.

»Kannst du das Gras wachsen hören?«, fragte Nick wütend zurück.

»Nein, aber sehen«, erwiderte Daniela schlagfertig.

*

»Wo bleiben deine guten Manieren, Nick?«, fragte Denise, als sie mit ihrem Sohn allein war.

»So was von einem Mädchen ist mir noch nicht begegnet«, knurrte er. »Dabei ist sie doch bloß ’ne halbe Portion.«

»Sie ist überaus gescheit und entzückend«, entgegnete Denise.

»Wenn du so guckst, kann man mit dir gar nichts anfangen«, meinte Dominik. »Das sagt Vati immer.«

»Sei doch bitte mal ein vernünftiger Junge«, bat sie. »Die beiden Kleinen brauchen sehr viel Liebe, Nick.«

»Die brauchen alle Kinder. Ich mache keine Ausnahmen!« Er schob seine Unterlippe vor, was seine Entschlossenheit beweisen sollte.

»So, du machst keine Ausnahmen?«, fragte sie. »Und Susi?«

Sein Gesicht überschattete sich. »Erinnere mich doch nicht immer an Susi, Mutti«, stieß er hervor. »Ich vermisse sie so sehr.«

In solchen Augenblicken war er ganz ihr kleiner Nick, der unter einer rauen Schale ein warmes Herz verbergen wollte. Er sträubte sich auch gar nicht, als sie ihn an sich zog und sein dichtes widerspenstiges Haar streichelte.

»Was ist mit ihnen, Muttilein?«, fragte er leise. »Warum kommen sie nach Sophienlust, wenn sie sich solch ein tolles Auto mit allen Schikanen leisten können?«

»Weil ihre Mutti krank ist, und ihr Vati nach Spanien zu Filmaufnahmen fliegen muss«, erwiderte sie.

»Das verstehe ich nicht«, sagte Dominik ernst. »Unser Vati würde niemals wegfahren, wenn du krank bist. Wie er sich schon anstellt, wenn du nur mal einen Schnupfen hast! Aber die Väter sind wohl nicht alle gleich.«

Denise sah ihrem Sohn tief in die Augen. »Vielleicht hat dieser Vati noch nicht begriffen, dass die Familie wichtiger ist als die Karriere«, überlegte sie laut. »Aber Daniela scheint es schon begriffen zu haben, so jung sie auch ist. Sie macht sich viele Gedanken, Nick. Ich erinnere dich nicht gern an die Vergangenheit, aber vielleicht weißt du noch, wie viel Gedanken du dir einst gemacht hast?«

Er brauchte nicht lange zu überlegen. »Ich weiß nur noch, dass ich Sascha und Andrea als Geschwister haben wollte und dass ihr Vati auch mein Vati ist.«

»Hat er dich jemals enttäuscht?«, fragte sie leise.

»Nein! Nie! Er ist genauso, wie ich mir meinen Vati immer vorgestellt habe.«

»Und deswegen bin ich sehr, sehr glücklich, Nick. Aber vielleicht möchte Daniela ihren Vati noch ein wenig anders haben, als er ist. Betimmt hat sie ihn lieb, aber ihre Mutti hat sie noch lieber.«

»Kein Wunder, wenn er fortfährt, obwohl ihre Mutti krank ist«, meinte Nick. »Das würde mich auch verdammt stören.«

»Musst du gleich wieder einen solchen Ausdruck gebrauchen?«, fragte Denise vorwurfsvoll.

»Ich meine es aber so, da kann ich es nicht anders sagen«, widersprach er. »Sie kann ja nichts dafür. Ich verstehe schon, dass sie enttäuscht ist. Ich werde ganz nett zu ihr sein, Muttilein. Bist du jetzt zufrieden?«

»Sehr«, nickte Denise und gab ihm einen Kuss.

*

»Besuch für Sie, Frau Vasanus«, sagte die freundliche Schwester Gerda, die die schwierigsten Patienten des Sanatoriums Eschenloh betreute. »Aber Sie haben ja wieder nichts gegessen«, fügte sie kopfschüttelnd hinzu. »So geht es doch nicht. Was soll denn Ihre Schwester dazu sagen!«

»Iris ist da?«, fragte Anja Vasanus. Ihre starren Gesichtszüge lockerten sich.

Schwester Gerda verließ das komfortabel eingerichtete Zimmer, und Iris Tann trat ein. Sie konnte nur schlecht ihr Erschrecken verbergen, als sie in das müde, eingefallene Gesicht ihrer um zwei Jahre älteren Schwester blickte.

Der Chefarzt hatte sie angerufen und gebeten, nicht erst am Wochenende zu kommen, da Anja Vasanus’ Zustand Anlass zur größten Besorgnis gebe.

Iris, eine sehr begabte und vielbeschäftigte Modezeichnerin, konnte es sich eigentlich nicht leisten, während der Wochentage wegzufahren, aber Dr. Güttler hatte sie so eindringlich gebeten, dass sie es doch ermöglichte. Nun sah sie selbst, wie berechtigt die Sorge des Arztes war.

»Anja, Liebes, was ist denn mit dir?«, fragte sie besorgt. »Du bist ja noch dünner geworden.«

Sofort kam ein misstrauischer Ausdruck in Anjas Augen. »Hat man dich extra gerufen?«, fragte sie.

»Nein, nein, ich bin zufällig hier in der Gegend«, widersprach Iris rasch, »und dann kann ich doch nicht vorbeifahren. Dein Kuchen steht auch wieder da, und dabei sieht er so lecker aus.«

»Iss ihn doch«, meinte Anja gleichmütig.

»Du sollst ihn essen«, widersprach Iris. »Ich muss leider immer auf mein Gewicht achten, aber du musst endlich wieder zu Kräften kommen.«

Das, was sie eben behauptete, war zwar übertrieben, aber im Gegensatz zu Anja sah sie blühend aus. Sie war ein bildhübsches, sportliches Mädchen, mit einem rassigen Gesicht, wunderschönen rehbraunen Augen und Haaren, die wie reife Kastanien schimmerten. Man sah kaum noch, dass Anja und Iris einander einmal unwahrscheinlich ähnlich gewesen waren. Iris war erschüttert, wie sehr ihre Schwester seit ihrem letzten Besuch zusammengefallen war.

»Ich mag nicht mehr«, flüsterte Anja. »Ein Leben ohne Vic bedeutet mir nichts.«

»Red’ doch keinen Unsinn!«, verlangte Iris forsch, um ihre eigene Besorgnis zu verbergen. »Du hast deine Kinder, und Vic wird nicht ewig in Spanien bleiben.«

»Er wird nicht mehr zurückkommen. Da, lies doch! Oder hast du es schon gelesen und willst mich nur schonen? Das wollen sie hier auch. Sie geben mir nur ganz bestimmte Zeitungen, aber ich habe jemanden, der mir Zeitungen besorgt, in denen das steht, was mir niemand sagen will.«

Iris brauchte die Zeitung nicht zu lesen. Sie hatte die Notiz schon vor zwei Tagen mit größtem Unwillen zur Kenntnis genommen, ihr aber nicht dieselbe Bedeutung beigemessen wie Anja. In Filmkreisen wird viel geklatscht, und Nina Morero verstand sich ganz besonders auf werbewirksame Skandale.

Iris wusste genau, dass Nina Morero Victor Vasanus, den berühmten Regisseur, für sich gewinnen wollte. Das versuchte sie schon seit einiger Zeit. Iris hatte trotzdem immer zu ihrem Schwager gehalten, aber jetzt glomm doch Zorn in ihr auf. Warum drehte Vic den Film mit Nina in Spanien, und das gerade jetzt, wo es Anja so schlecht ging? War es tatsächlich schon soweit, dass er sich von seiner kränkelnden Frau trennen wollte? Das allerdings konnte Anjas Lebensmut vollends brechen.

»Nun sagst du nichts mehr«, meinte Anja müde. »Du weißt auch, wie es steht. Er hat die Kinder in ein Heim gegeben, ohne mich vorher zu fragen. Er hat mich einfach vor die vollendete Tatsache gestellt. Aber jetzt ist mir schon alles gleich, auch was aus den Kinder wird«, schluchzte sie. »Oh, wie ich diese Frau hasse. Systematisch hat sie unsere Ehe zerstört!« Ihre Hände ballten sich, ihre Augen brannten.

Iris hatte aufgehorcht. Das war ja echte Leidenschaft, keine Resignation! Wenn man noch so hassen kann, dann ist der Wille zum Leben längst noch nicht erloschen.

»Anja«, begann sie eindringlich auf ihre Schwester einzusprechen, »selbst wenn die Morero etwas bei Vic erreicht hat, darfst du nicht nachgeben. Du musst um ihn kämpfen! Er hat dich geliebt, und ich bin überzeugt, dass er dich noch immer liebt. Du musst nur wieder die alte Anja werden. Eben hast du aufbegehrt. Tu das doch auch ihm und ihr gegenüber! Denk’ an Dani, an Pat und auch an dich. Es ist schon unzähligen anderen Frauen gelungen, ihren Mann zurückzugewinnen, warum sollte es nicht auch dir gelingen? Wenn du aber hungerst und dich grämst, wirst du es kaum erreichen. Außerdem glaube ich nicht, dass Vic sich von dieser Schlange einwickeln lässt. Er hängt zu sehr an seiner Familie. Dass er die Kinder in Sophienlust untergebracht hat, ist doch nur gut. Er wollte eben, dass du deine Kur nicht unterbrechen musst.«

»Die Kinder sollten mir langsam, aber sicher entfremdet werden«, flüsterte Anja, »das war der Grund. Nicht einmal die Kinder will er mir lassen.«

Iris seufzte. »Dann nimm doch den Kampf um sie auf. Ich sage es dir noch einmal eindringlich, Anja: Ganz schuldlos bist du auch nicht, dass es soweit gekommen ist.«

Vielleicht war das hart ausgedrückt, aber sie musste ihre Schwester aufrütteln. Es konnte zu keinem guten Ende führen, wenn Anja sich treiben ließ. Patricks Geburt war schwer gewesen, zu schwer für die zarte junge Frau, die durch das hektische Leben ohnehin schon genügend strapaziert worden war.

Iris wusste das alles, aber sie wusste auch, mit welcher tiefen Liebe Anjas und Victors Ehe begonnen hatte, und wie unglücklich ihr Schwager über Anjas Zusammenbruch gewesen war.

»Ich werde nach Sophienlust fahren und schauen, wie es den Kindern geht«, schlug Iris vor. »Vielleicht dürfen sie dich einmal besuchen. Aber tu mir jetzt den Gefallen und reiß’ dich zusammen, Anja!«

Waren ihre Worte auf fruchtbaren Boden gefallen? Sie wusste es nicht, als sie das Sanatorium Eschenlohe verließ, nachdem sie noch einmal mit Dr. Güttler gesprochen hatte. Plötzlich war ihr eingefallen, dass Anja gesagt hatte, sie bekäme Zeitungen. Befand sich hier etwa jemand, der noch dazu beitrug, Anja vollends zu zermürben? Dr. Güttler hatte ihr versprochen, wachsam zu sein.

*

Sophienlust war nicht weit von dem Sanatorium entfernt, nur eine knappe Stunde mit dem Wagen.