Vati, komm doch zurück - Patricia Vandenberg - E-Book

Vati, komm doch zurück E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

IM SONNENWINKEL ist eine Familienroman-Serie, bestehend aus 75 in sich abgeschlossenen Romanen. Schauplatz ist der am Sternsee verträumt gelegene SONNENWINKEL. Als weitere Kulisse dient die FELSENBURG, eine beachtliche Ruine von geschichtlicher Bedeutung. Der Sonnenwinkel ist eine Zusammenfassung der kleinen Orte Erlenried und Hohenborn, in denen die Akteure der Serie beheimatet sind. Die einzelnen Folgen behandeln Familienschicksale, deren Personen wechseln, wenn eine Handlung abgeschlossen ist. Im Mittelpunkt, jedoch als Rahmenhandlung, stehen die immer wiederkehrenden Hauptpersonen, die sich langsam weiterentwickeln. So trennt den ersten und letzten Roman in etwa ein Jahrzehnt. »Hättest du ein paar Minuten Zeit für mich, Henrik?« fragte Annette Alden ihren Mann. »Muß das jetzt sein?« »Wann sonst? Du bist doch schon wieder unterwegs«, stellte sie mit herbem Spott fest. »Und ich möchte mit den Kindern auch wegfahren. Die Ferien haben nämlich begonnen, falls dir das entgangen sein sollte.« Er runzelte die Stirn. »Wohin wollt ihr denn fahren?« fragte er. Es ist ihm völlig gleichgültig, ging es ihr durch den Sinn. Warum sage ich ihm nicht gleich, daß es so nicht mehr weitergehen kann, daß ich nicht mehr so dahinleben will? »Nach Erlenried«, erwiderte sie lakonisch. »Erlenried? Wo liegt das denn?« »In der Nähe von Hohenborn. Dort gibt es einen Fohlenhof. Axel und Sissy könnten reiten, und das wird sie wohl davon ablenken, daß ihr Vater keine Zeit für sie hat.«

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Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Im Sonnenwinkel – Neue Edition – 14 –Vati, komm doch zurück

Patricia Vandenberg

»Hättest du ein paar Minuten Zeit für mich, Henrik?« fragte Annette Alden ihren Mann.

»Muß das jetzt sein?«

»Wann sonst? Du bist doch schon wieder unterwegs«, stellte sie mit herbem Spott fest. »Und ich möchte mit den Kindern auch wegfahren. Die Ferien haben nämlich begonnen, falls dir das entgangen sein sollte.«

Er runzelte die Stirn.

»Wohin wollt ihr denn fahren?« fragte er.

Es ist ihm völlig gleichgültig, ging es ihr durch den Sinn. Warum sage ich ihm nicht gleich, daß es so nicht mehr weitergehen kann, daß ich nicht mehr so dahinleben will?

»Nach Erlenried«, erwiderte sie lakonisch.

»Erlenried? Wo liegt das denn?«

»In der Nähe von Hohenborn. Dort gibt es einen Fohlenhof. Axel und Sissy könnten reiten, und das wird sie wohl davon ablenken, daß ihr Vater keine Zeit für sie hat.«

Das klang aggressiv. Nun blickte er seine Frau an.

»Warum dieser vorwurfsvolle Ton? Du weißt doch, daß mich die Arbeit an der Neuentwicklung beschäftigt. Man kann sich nicht verzetteln, wenn man dem Erfolg schon so nahe ist.«

Er war mit seinen Gedanken gar nicht richtig da. Er erwartete nur Verständnis. Aber das ging schon seit einem Jahr so, und Annette erwartete auch ein klein wenig Verständnis für sich und die Kinder.

Aber etwas war doch in sein Bewußtsein gedrungen.

»Hohenborn? Du sagtest doch Hohenborn?«

»Ja, ich sagte Hohenborn«, erwiderte sie ungeduldig.

»Dann ist das nur eine Ausrede, das mit diesem Fohlenhof, meine ich. Du willst zu deinen Eltern!«

»Na und? Warum sollte ich sie nicht besuchen. Findest du nicht, daß es Zeit wird, daß sie ihre Enkelkinder kennenlernen?«

»Wer hat denn die Trennung vollzogen?« brauste er auf. »Doch nicht wir! Ihnen war ich doch nicht gut genug für ihre Tochter. Sie wollten doch höher hinaus. Aber mach doch, was du willst.«

Er wurde immer ungerecht, wenn sie ihre Eltem erwähnte, doch auf eine lange Debatte ließ er sich nicht ein.

Er war in Eile. Er wollte wegfahren, doch er hielt es nicht einmal für nötig, sie über das Ziel seiner Reise zu informieren.

»Du erfährst alles, wenn die Sache gelaufen ist.« Das war heute wie schon vorher seine Ausrede.

»Wo sind die Kinder?« fragte er.

»Im Garten.«

»Wollen sie sich nicht wenigstens von mir verabschieden?«

»Willst du dich nicht verabschieden? Du fährst doch weg«, konterte sie.

Nun war die gereizte Stimmung nicht mehr zu überbrücken.

Annette war wieder mutlos geworden, und es konnte sie auch nicht trösten, daß er sich zärtlich von Axel und Sissy verabschiedete.

Dann kam er doch noch einmal zurück und drückte ihr einen flüchtigen Kuß auf die Wange.

»Ich bin ja in drei Tagen wieder da. Dann könnt ihr fahren«, sagte er. »Ich lasse es mir noch einmal durch den Kopf gehen.«

Dazu ist es zu spät, dachte sie, als sie ihm nachblickte. Die Tränen saßen ihr in den Augen, und ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Langsam ging sie durch das Haus. Es war ein sehr schönes, modernes Haus mit allem Komfort.

Vor drei Jahren hatten sie es bezogen, als Henrik Alden die ersten Stufen zum Erfolg erklommen hatte. Sie waren stolz und glücklich gewesen.

Ja, sie waren wirklich noch glücklich gewesen bis vor einem Jahr, als er mit der Entwicklung eines neuen Heilserums begonnen hatte, und da hatte Annette auch noch kein Mißtrauen gehegt, daß Tamara Stevens, seine Mitarbeiterin, einmal zwischen ihnen stehen würde.

Natürlich stritt er das ab. Nur seine Arbeit sei ihm wichtig, und diese sollte ihr doch auch wichtig sein. Sein Erfolg würde sie schließlich reich machen. Er konnte seinen Schwiegereltern beweisen, daß sie ihn falsch eingeschätzt hatten.

Wie hatten sie ihn eigentlich eingeschätzt? Annette ließ ihre Gedanken in die Vergangenheit schweifen.

Vor vierzehn Jahren hatte sie Henrik Alden während eines Urlaubs im Gebirge kennengelernt.

Sie war achtzehn gewesen, er vierundzwanzig, gerade mit dem Studium fertig und mit seiner Doktorarbeit beschäftigt.

Er war ein zurückhaltender, höflicher junger Mann, und ihre Eltern hatten nichts dagegen eingewendet, daß sie sich mit ihm unterhielt und Wanderungen mit ihm unternahm.

Ihr Widerstand war erst erwacht, als mehr aus dieser Urlaubsbekanntschaft wurde und ein Jahr später die Rede davon war, daß sie heiraten wollten, sobald er eine aussichtsreiche Stellung in dem Chemie-Konzern angetreten hatte.

Sie nannten ihn einen Träumer, einen Phantasten und hatten schon eine weitaus lukrativere Partie für ihre einzige Tochter im Auge. Dieter von Bernberg, den reichen Erben eines angesehenen Adelsgeschlechtes!

Aber Annette setzte ihren Willen durch. Sie erzwang die Ehe mit Henrik durch ein Kind, durch Axel, der jetzt zwölf Jahre alt war.

Doch das verziehen ihr ihre Eltern nicht. Sie willigten in die Heirat nur ein, um sich die »Schande« zu ersparen.

»Du wirst es einmal bereuen«, hatte Rudolf Stein zu seiner Tochter gesagt.

Sollte er nun, im dreizehnten Jahr dieser Ehe, doch noch recht behalten?

»Wie ist es nun, Mami?« fragte Sissy, die leise ins Wohnzimmer getreten war. »Fahren wir jetzt auf den Fohlenhof, oder hat Papi es nicht erlaubt?«

Annette befand sich wieder in der Wirklichkeit, die eine Entscheidung von ihr forderte.

»Ja, wir fahren gleich morgen«, erwiderte sie.

»Kommt Papi nach?«

»Ach, er hat doch mit seinem Serum zu tun«, mischte sich Axel ein. »Das ist auch wichtig, wenn damit schlimme Krankheiten geheilt werden können.«

Axel hatte Verständnis für seinen Vater, hegte aber auch keinerlei Befürchtung, daß Henrik durch diese Arbeit für seine Familie verloren sein könnte.

»Und wenn auf dem Fohlenhof nun alles besetzt ist?« fragte Sissy.

»Das werden wir gleich erfahren«, stellte Annette Alden fest, alle Gewissensbisse von sich weisend.

Gottfried wird uns schon irgendwie unterbringen, dachte sie. Gottfried Großmann, der Besitzer des Fohlenhofes, war ihr Jugendgespiele gewesen, und ihr Vater, der Tierarzt Dr. Rudolf Stein, betreute auch heute noch die Vierbeiner des Großmannschen Besitzes.

Annette hatte Gottfried angerufen, als sie in der Zeitung von dem Fohlenhof gelesen hatte. Sie hatte ihn gebeten, ihren Eltern nichts davon zu erzählen, und er wußte recht gut, warum sie das nicht wollte.

Ihr heutiger Anruf zerstreute ihre letzten Bedenken. Sie waren auf dem Fohlenhof willkommen, und es wäre gut, daß sie käme, denn ihre Mutter kränkele seit einigen Wochen, hatte Gottfried Großmann verlauten lassen.

»Kleider nehme ich aber nicht mit«, sagte Sissy.

»Eins«, erwiderte Annette geistesabwesend.

Sissy zog einen Flunsch. Mit Kleidern hatte sie es gar nicht.

Als sie ihre Koffer packten, waren die Kinder völlig ahnungslos, daß ihre Mutter entschlossen war, dieses Haus nicht wieder zu betreten.

*

Henrik Alden fuhr nicht allein nach Norden. Neben ihm saß eine sehr attraktive Frau.

Er hatte Tamara Stevens von ihrer Wohnung abgeholt. Sehr schick sah sie aus in der schmalen grünen Hose und dem bunten ärmellosen Pulli.

Er hatte es jedoch nicht zur Kenntnis genommen. Sein Kopf war vollgestopft mit Formeln und Berechnungen.

»Ob wir es in zwei Tagen schaffen können, Tamara?« fragte er plötzlich.

»Das bezweifele ich. Unsere Verhandlungspartner sind sehr schwierig. Was ist denn?«

»Meine Frau will mit den Kindern verreisen«, erwiderte er mürrisch.

»Kommt es da auf einen Tag an?« fragte sie leichthin. »Sie können jetzt doch nicht weg, Henrik.«

»Will ich auch gar nicht!«

Tamara warf ihm einen verwunderten Blick zu.

»Gibt es Probleme mit Annette?«

»Von mir aus doch nicht. Sie hat kein Verständnis für meinen Beruf«, sagte er gereizt.

»Sie ist Hausfrau und Mutter. Das ist auch eine Aufgabe«, erklärte Tamara. Es klang nicht eine Spur ironisch, eher gedankenvoll. »Sie hatten ja wirklich nicht viel Zeit für Ihre Familie, Henrik. Aber das wird in ein paar Wochen anders sein.«

Er warf ihr einen raschen Blick zu.

»Sie sind die verständnisvollste Frau, die ich kenne, Tam.«

»Kennen Sie denn so viele?« fragte sie ironisch.

»Sie wissen doch genau, wie ich bin. Für mich gibt es nur meine Arbeit und meine Familie.«

Was ist ihm nun eigentlich wichtiger, fragte sich Tamara, der große Durchbruch mit der Selbstbestätigung oder seine Frau und seine Familie?

Sie kannte ihn sehr genau. In den anderthalb Jahren enger Zusammenarbeit war sie manchmal selbst erschrocken gewesen über den Fanatismus, mit dem er sich seiner Forschungsarbeit widmete, alles vergessend, was um ihn herum war. Aber war sie ihm nicht sehr ähnlich?

Nun, sie war ungebunden, sie hatte keine privaten Verpflichtungen. Doch ganz plötzlich kam ihr der Gedanke, daß Annette ihre Beziehungen zu Henrik anders auslegen könnte.

»Ist Annette böse, weil wir zusammen fahren?« fragte sie.

»Wieso? Sie weiß es doch gar nicht«, entgegnete er leichthin. »Sie interessiert sich auch nicht dafür.«

Dessen war Tamara Stevens nicht sicher.

*

Bevor Annette mit den Kindern startete, rief sie im Labor an.

Es war eine Eingebung, aus der bohrenden Eifersucht geboren, die sie bis in ihre Träume verfolgte. Und sie hatte heute nacht von Henrik und Tamara geträumt.

»Kann ich bitte Frau Dr. Stevens sprechen?« fragte sie. Sie spürte förmlich, wie die Sekretärin die Luft anhielt.

»Frau Dr. Stevens ist verreist«, kam die zögernde Erwiderung.

Annette ließ den Hörer auf die Gabel fallen. Ihr Herz schlug dumpf.

Sie sind zusammen, dachte sie. Wahrscheinlich ist es eine rein private Reise.

Ihr Zorn schlug hohe Wellen. Kein Wort hatte Henrik darüber verloren, und wenn er keine Gewissensbisse haben müßte, hätte er es doch sagen können!

Sie dachte nicht daran, wie gekränkt sie gewesen war, als er vor ein paar Monaten zwei Tage mit Tamara Stevens auf einem Kongreß gewesen war. Sie dachte jetzt nur daran, daß er viel mehr Zeit mit seiner Mitarbeiterin verbrachte als mit seiner Familie.

»Fahren wir jetzt endlich, Mami?« drängte Axel. »Es wird ja so heiß.«

»Wie lange fahren wir eigentlich?« fragte Sissy.

»Es kommt auf den Verkehr an. In spätestens acht Stunden werden wir dort sein«, erwiderte sie geistesabwesend.

»Dann ist es ja schon Abend«, murrte Axel. »Wir können gar nicht mehr reiten.«

»Ihr werdet viele Tage reiten können«, sagte sie.

»Bleiben wir denn die ganzen Ferien?« fragte der Junge verwundert.

»Das wird Papi aber nicht so recht gefallen«, stellte auch Sissy fest. »Er will doch seine Ordnung haben.«

Ja, das will er, aber sonst nichts, dachte Annette wieder. Aber ich bin seine Frau und nicht seine Haushälterin. Wie sollte sie den Kindern nur ihren Entschluß klarmachen? Sie hingen sehr an ihrem Vater.

*

Auf dem Fohlenhof bereitete man sich in größter Eile auf die Ankunft der neuen Gäste vor.

Fränzi, Gottfried Großmanns treue Hilfe, war reichlich konsterniert gewesen, als er angeordnet hatte, daß die drei Räume im Anbau, die gerade erst fertiggestellt worden waren, besonders hübsch hergerichtet werden sollten.

Er hatte sogar Möbel aus dem Gutshaus herüberbringen lassen.

»Frau Alden ist eine Freundin von mir. Sie und ihre Kinder sollen sich wohl fühlen. Sie werden wahrscheinlich lange bleiben«, hatte er erklärt.

Fränzi war darüber tief betrübt, obgleich sie das nicht wahrhaben wollte.

Gerade in letzter Zeit hatte sich zwischen ihr und Gottfried Großmann so etwas wie eine Freundschaft angebahnt, und ganz leise war in ihrem Herzen die Hoffnung gekeimt, daß er die Gefühle, die sie ihm entgegenbrachte, erwidern würde.

Doch nun sah alles anders aus. Er war nicht wiederzuerkennen. Er kümmerte sich selbst um alles.

Das ließ doch nur den einen Schluß zu, daß er diese Fremde sehnsüchtig erwartete.

Aber Fränzi, die in ihrem Leben schon so viel herumgestoßen und enttäuscht worden war, betäubte ihren Kummer damit, daß sie wie eine Wilde arbeitete und sich nebenbei dafür schalt, daß sie überhaupt Hoffnungen gehegt hatte.

Sie sagte sich, daß es sowieso vermessen von ihr gewesen wäre, sich solche Hoffnungen auf Gottfried Großmann zu machen, denn schließlich war sie nur eine bescheidene Angestellte.

»Sehr hübsch ist das«, tönte Gottfried Großmanns Stimme an ihr Ohr, als sie ein Blumenarrangement auf den Tisch stellte. »Wie Sie das nur machen, Fränzi.«

»Man tut, was man kann«, erwiderte sie leise. »Ich hoffe, daß die Dame sich wohl fühlt.«

»Eigentlich sollte ich ja nichts sagen«, begann er stockend, und wieder schien ihr Herzschlag auszusetzen, da sie nun entscheidende Worte erwartete. »Aber auf Ihre Verschwiegenheit kann ich doch zählen, Fränzi. Ich bin nämlich ein bißchen unsicher, wie es weitergehen wird.«

Hoffentlich erwartet er jetzt nicht, daß ich ihm auch noch Verhaltungsmaßregeln gebe, dachte sie.

Doch da fuhr er fort: »Frau Alden ist die Tochter von unserem Tierarzt, Dr. Stein. Wir haben als Kinder zusammen gespielt, und als sie geheiratet hat, gab es Krach zwischen ihr und den Eltern. Die Steins wissen nicht, daß sie mit ihren Kindern kommt. Wir müssen sehr diplomatisch sein, und das liegt mir nun gar nicht. Es kam alles ein bißchen plötzlich, und wenn Frau Stein nicht gerade so krank wäre, hätte ich wohl doch einen Rückzieher gemacht. Ja, Fränzi, wie verhält man sich da wohl am besten? Verderben will ich es mit den Steins ja auch nicht, und andererseits ist es mir auch ein bißchen unbehaglich, daß es in Annettes Ehe zu kriseln scheint.«

Es war ihm unbehaglich! Fränzis Lebensgeister erwachten wieder, in ihre Augen kehrte der fröhliche Ausdruck zurück.

»Warten Sie doch erst mal ab, bis sie da ist, Herr Großmann«, sagte sie. »Dann wird sich alles ergeben.«

»Und wenn Dr. Stein dann auch gerade kommt, weil doch die Liese kalbt?« brummte er.

Wie ein Bär war er, tapsig und schwerfällig, und doch so schrecklich nett, daß man ihm nicht böse sein konnte.

»Ich kann doch nichts machen«, entgegnete sie. »Ich würde Ihnen ja gern helfen, aber bestimmt mache ich dann auch was verkehrt.«

»Sie machen überhaupt nichts verkehrt«, erklärte er. »Wenn ich Sie nicht hätte, würde ich den ganzen Kram hinschmeißen. Ich bin nun mal kein Hotelier. Ich bin ein ganz schlichter Bauer.«

»Reden Sie sich doch so was nicht ein. Das ist kein Hotel, das ist ganz einfach der Fohlenhof, und was haben die Leute hier für Freude! Denken Sie doch auch daran.«

»Aber so kompliziert habe ich es mir doch nicht vorgestellt. Ich habe nur an die Pferde gedacht, nicht an die Menschen. Wenn Sie mich mal im Stich lassen, bin ich aufgeschmissen.«

»Ich lasse Sie doch nicht im Stich«, erwiderte sie eifrig.

»Na, und wenn dann mal einer kommt und Sie einfach mitnimmt? Blind sind die Männer doch auch nicht, und so eine Perle bekommt man nicht alle Tage.«

Sie war nicht eitel, aber sie dachte doch, daß er zumindest wenn auch nicht blind, dann jedoch nicht gerade sehend war, sonst hätte er schon längst merken müssen, was er ihr bedeutete.

Aber Fränzi hatte Geduld. Sie forderte nichts heraus. Sie lächelte jetzt nur, und dieses Lächeln machte sie so hübsch, daß er ganz irritiert war.

»Na, Sie machen das schon«, brummte er. »Ich kümmere mich um die Pferde.«

*

Dr. Rudolf Stein kam am frühen Nachmittag, um nach Liese zu sehen, aber bei ihr war es noch nicht soweit.

»Heute nacht vielleicht«, sagte er. »Sie rufen mich rechtzeitig an.«

Gottfried Großmann nickte.

»Wie geht es Ihrer Frau?« fragte er.

Dr. Stein zuckte die Schultern.

»Einmal besser, einmal schlechter. Es sind halt die Jahre. Sie hat zuviel Zeit zum Grübeln. Sie denkt zuviel an Annette.«

Gottfried Großmann stieg das Blut in die Stirn. Das war das Stichwort.

Aber konnte er einhaken? Wenn er doch nur nicht so unbeholfen wäre!

»Wir sind schon ein komischer Menschenschlag, Gottfried«, fuhr Dr. Stein gedankenvoll fort. »Stolz kann man das schon gar nicht mehr nennen. Bockig sind wir, wie unsere Kälber, wie die Schafe und die Fohlen.«

»Aber wenn Annette nun kommen würde«, begann Gottfried Großmann stockend, »dann wären Sie wohl nicht mehr bockig?«

Dr. Stein warf ihm einen melancholischen Blick zu.

»Sie kommt nicht. Ja, nach ein, zwei Jahren, da wäre es was anderes gewesen, aber wenn mal ein Dutzend verstrichen ist, da gibt man nicht mehr klein bei. Ihr Mann würde es nie erlauben, und wenn ich es recht bedenke, hätten wohl wir den ersten Schritt tun sollen.« Er fuhr sich mit dem Taschentuch über das Gesicht.

»Schreiben könnte sie mal wieder«, murmelte er. »Arg ist es schon, wenn man die Kinder gar nicht sieht. So groß sind sie nun schon, und wir haben uns selbst darum gebracht.«

»Ich bin eben kein Diplomat, und drumrumreden kann ich auch nicht«, stieß Gottfried Großmann hervor. »Aber verraten dürfen Sie mich nicht, Dr. Stein! Annette kommt mit ihren Kindern auf den Fohlenhof. Sie wollen hier Urlaub machen.«

Der Ältere starrte ihn blicklos an.

»Annette kommt?« staunte er. »Gottfried, Junge, ist das wahr?«

Junge, sagte er, obgleich der andere ihn um einen ganzen Kopf überragte und bald noch mal so breit war.

»Heute nachmittag kommt sie«, bestätigte Gottfried Großmann, »aber gesagt habe ich nichts. Ich dachte bloß, daß es doch besser ist, wenn Sie vorbereitet sind. Und weil die Liese doch kalbt, werden Sie ja öfter hier sein.«

»Mit den Kindern kommt sie«, bemerkte Dr. Stein mehr zu sich selbst.

»Und ihr Mann?«

»Der kommt nicht mit. Er ist zu beschäftigt.«

»Danke, Gottfried, daß Sie es gesagt haben. Eine plötzliche Begegnung hätte ich wohl doch nicht verkraftet.«