Vera wartet auf ihre Eltern - Patricia Vandenberg - E-Book

Vera wartet auf ihre Eltern E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. »Wir hätten Fips mitnehmen sollen, Großi«, sagte Vera, die an der Hand ihrer Großtante Gertrud Lindner durch den Sophienluster Wald wanderte. »Es hätte ihm bestimmt Spaß gemacht, sich einmal richtig auszulaufen. Und mein Kasperl hätte auf ihm reiten können.« »Wenn wir die Huber-Mutter wieder einmal besuchen, Vera, dann kannst du Fips mitnehmen. Doch für den ersten Besuch in Sophienlust sieht es besser aus, wenn wir ohne deinen geliebten Esel kommen.« »Ist die Huber-Mutter schon sehr alt, Großi? Warum besuchst du sie überhaupt?« »Ich werde meinen Husten nicht los. Und nirgends bekomme ich dagegen einen so guten Kräutertee wie bei der Huber-Mutter. Sie sammelt die Kräuter nämlich selbst im Wald und trocknet sie auch.« »Dann ist sie also ein Apotheker?« Gertrud Lindner schüttelte lächelnd den Kopf. Doch sie kam nicht mehr dazu, Veras Frage zu beantworten, denn das Kind hatte jetzt das Herrenhaus von Sophienlust entdeckt. »Ui, Großi, das ist aber schön! Es sieht fast so aus wie ein Schloss! Und da wohnt die Huber-Mutter ganz allein?« »Nein, Vera. Sophienlust ist ein Kinderheim. Die Besitzerin, Frau Denise von Schoenecker, ist eine sehr liebe, gütige Dame.

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Seitenzahl: 155

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Sophienlust – 502 –Vera wartet auf ihre Eltern

Patricia Vandenberg

»Wir hätten Fips mitnehmen sollen, Großi«, sagte Vera, die an der Hand ihrer Großtante Gertrud Lindner durch den Sophienluster Wald wanderte. »Es hätte ihm bestimmt Spaß gemacht, sich einmal richtig auszulaufen. Und mein Kasperl hätte auf ihm reiten können.«

»Wenn wir die Huber-Mutter wieder einmal besuchen, Vera, dann kannst du Fips mitnehmen. Doch für den ersten Besuch in Sophienlust sieht es besser aus, wenn wir ohne deinen geliebten Esel kommen.«

»Ist die Huber-Mutter schon sehr alt, Großi? Warum besuchst du sie überhaupt?«

»Ich werde meinen Husten nicht los. Und nirgends bekomme ich dagegen einen so guten Kräutertee wie bei der Huber-Mutter. Sie sammelt die Kräuter nämlich selbst im Wald und trocknet sie auch.«

»Dann ist sie also ein Apotheker?«

Gertrud Lindner schüttelte lächelnd den Kopf. Doch sie kam nicht mehr dazu, Veras Frage zu beantworten, denn das Kind hatte jetzt das Herrenhaus von Sophienlust entdeckt.

»Ui, Großi, das ist aber schön! Es sieht fast so aus wie ein Schloss! Und da wohnt die Huber-Mutter ganz allein?«

»Nein, Vera. Sophienlust ist ein Kinderheim. Die Besitzerin, Frau Denise von Schoenecker, ist eine sehr liebe, gütige Dame. Sie und alle Kinder von Sophienlust haben die Huber-Mutter sehr gern, weißt du. Deshalb haben sie sie auch zu sich geholt.«

Die beiden betraten den Hof von Sophienlust. Als Frau Rennert erschien, bat Gertrud Lindner die Heimleiterin, sie zu der Huber-Mutter zu führen.

»Sofort«, sagte Frau Rennert freundlich. »Ich dache schon, Sie wollten zu Frau von Schoenecker und uns ein neues Kind bringen.«

Vera sah sich mit großen Augen in dem Herrenhaus um. Sie wagte es kaum, richtig aufzutreten, weil hier alles so fein und schön war.

Frau Rennert hatte inzwischen an einer Tür haltgemacht. Sie klopfte an. Als aus dem Zimmer ein »Herein!« erklang, öffnete sie die Tür und sagte: »Es ist Besuch für Sie da, Huber-Mutter.«

»Nur herein damit!«, antwortete die Huber-Mutter.

Gertrud Lindner und Vera betraten das große, freundlich eingerichtete Zimmer, durch dessen hohe Fenster das helle Sonnenlicht hereinfiel.

Die Huber-Mutter lächelte Gertrud Lindner freundlich zu. »Das ist ein netter Besuch, liebe Frau Lindner. Aber wen haben Sie denn da mitgebracht?«

»Das ist meine kleine Großnichte Vera. Sie ist für einige Tage mein Gast. Ihre Eltern sind auf Reisen, deshalb ist Vera bei mir.«

Vera machte einen artigen Knicks. Neugierig sah sie die Huber-Mutter eine Weile an. Ihre großen blauen Augen blickten fassungslos auf die vielen Runzeln und Falten, die das Gesicht der Huber-Mutter durchzogen.

»Bist du schon sehr alt, Huber-Mutter? Dein Gesicht sieht aus wie zerknittertes Pergamentpapier.«

»Aber, Vera«, rief Gertrud Lindner entsetzt. »So etwas sagt man doch nicht!«

»Ach, lassen Sie nur, Frau Lindner. Sie ist ja noch so klein. Und im Grunde genommen hat sie nur die Wahrheit gesagt. Möchtest du dich vielleicht ein wenig in Sophienlust umsehen, Vera? Pünktchen ist da, sie hat heute Morgen keine Schule. Und sie würde dir sicher gerne alles zeigen.«

Die Huber-Mutter erhob sich. Sie ging zu einem der Fenster und öffnete es. Dann rief sie nach Pünktchen.

Kurze Zeit später war das Mädchen zur Stelle.

»Bitte, Pünktchen, kümmere dich doch ein wenig um diese kleine Dame hier. Sie brennt darauf, sich Sophienlust anzusehen.«

Pünktchen begrüßte Vera und zog sie freundschaftlich mit sich fort.

»So, jetzt können wir uns in aller Ruhe unterhalten, liebe Frau Lindner. Ein reizendes kleines Mädchen ist Ihre Großnichte …«

Plötzlich sah die Huber-Mutter nachdenklich zu Gertrud Lindner hinüber.

Dabei war ein abwesender Ausdruck in ihren Augen. Sie hatte wieder einmal eine ihrer Visionen. Doch diesmal wollte sie nicht darüber sprechen.

»Ja, Vera ist sehr lieb«, bestätigte Gertrud Lindner. »Sie ist mir sehr ans Herz gewachsen. Ich bin richtig traurig, wenn ich daran denke, dass ich sie in ein paar Tagen wieder hergeben muss. Leider hatte ich ja selbst nie Kinder. Deshalb habe ich auch meine Nichten wie eigene Kinder in mein Herz geschlossen. Erika, Veras Mutter, und deren jüngste Schwester Marlies habe ich besonders lieb. Lisbeth und Maria, die beiden anderen, sind mir nicht so sehr ans Herz gewachsen.«

»Ja, ich kann mir vorstellen, dass es schön für Sie ist, das Kind bei sich zu haben. Denn Sie leben doch ziemlich einsam in dem hübschen Haus des Herrn Professors. Es war wirklich sehr nobel von ihm, Ihnen auf Lebenszeit das Wohnrecht in seiner Villa zu sichern und so die Dienste, die Sie ihm geleistet haben, anzuerkennen.«

Gertrud Lindner nickte bestätigend mit dem Kopf. Dann erzählte sie: »Ich bin hergekommen, Huber-Mutter, weil ich Sie bitten wollte, mir von Ihrem Kräutertee zu geben. Seit Wochen quält mich ein böser Husten, beim Atmen spüre ich ein schmerzhaftes Stechen. Doch wenn man mal die sechzig überschritten hat, wie ich, dann muss man sehr auf seine Gesundheit achten.«

Von draußen war das fröhliche Lachen der Kinder zu hören. Gertrud Lindner horchte auf, bevor sie fortfuhr: »Das hier ist wirklich ein Paradies für Kinder. Es tut mir immer leid, dass Vera keine Geschwister hat. Da sie beim Spielen meist allein ist, hängt ihr ganzes Herz an ihrem Zwergesel Fips, der sich wie ein Hund an der Leine führen lässt.«

»Da wird ihr Sophienlust sicher doppelt gut gefallen, denn wir haben hier auch eine Menge Tiere. Die Attraktion ist zweifellos Habakuk, unser Papagei, der alles nachplappert, was man ihm vorsagt.«

Die Huber-Mutter stand auf und ging zu dem Schrank in der Ecke. Sie öffnete eine der Türen und nahm ein Leinensäckchen heraus.

»Hier habe ich einen besonders guten Tee, der Ihnen ganz bestimmt helfen wird, Frau Lindner. Besuchen Sie mich doch wieder einmal. Meine Beine wollen ja nicht mehr so recht, sodass ich ziemlich auf das Zimmer angewiesen bin. Deshalb bin ich auch dankbar für jede Abwechslung, die von draußen kommt.«

Gertrud Lindner verabschiedete sich nach kurzer Zeit. Sie ging den Kinderstimmen nach und fand ihre Großnichte mit Pünktchen vor Habakuks Käfig im Wintergarten.

»Großi, Großi«, rief Vera aufgeregt. »Dieser große Vogel mit seinen bunten Federn kann richtig sprechen, genau wie ein Mensch.«

»Mensch«, schnarrte Habakuk und plusterte die Federn auf.

»Hörst du es, Großi?« Veras Stimme überschlug sich fast vor Vergnügen. »Wie schade, dass Fips nicht auch so was kann.«

Auf dem Heimweg stand Veras kleiner Mund keine Sekunde still. Immer wieder fiel ihr etwas ein, was sie auf Sophienlust gesehen hatte und worüber sie ihrer Großi unbedingt berichten musste.

Die hübsche kleine Villa, die Gertrud Lindner durch das großzügige Vermächtnis des Professors bewohnen durfte, lag mitten in einem großen, sorgsam gepflegten Garten. Riesige Rhododendronbüsche flankierten die hölzerne Eingangspforte. Ein mit Platten belegter Weg, an dessen Rändern bunte Frühlungsblumen blühten, führte zum Haus.

Gertrud Lindner schloss das Gartentor auf.

Vera rief: »Ich muss sofort zu Fips laufen und ihm erzählen, was ich alles gesehen habe, Großi.«

Das kleine Mädchen ließ seinen Worten sofort die Tat folgen. Wie der Blitz verschwand es um die Ecke des Hauses.

Fips, der Zwergesel, kam mit lautem Ia-Rufen auf seine kleine Herrin zugelaufen. Seine langen grauen Ohren spielten nervös, als Vera ihm nun die Arme um den Hals legte.

»Armer Fips, hast dich sicher sehr gelangweilt, weil du allein warst. Dabei hättest du sehr gut mit uns gehen können. Denn in Sophienlust gibt es zwei Ponys, die nicht viel größer sind als du. Ich bin sicher, dass du dich mit ihnen sehr gut verstanden hättest. Warte, ich will schnell mein feines Kleidchen ausziehen, dann komme ich wieder zu dir, dann können wir zusammen spielen.«

*

Marlies Reinhardt bedankte sich bei dem freundlichen Autofahrer, der sie von der Bahnstation mitgenommen hatte. Sie stieg aus und ging auf das Haus zu, in dem ihre Tante wohnte. Es wirkte wie ein Ort des Friedens und der Ruhe. Und doch wusste Marlies, dass die Nachricht, die sie mit sich herumtrug, großen Kummer über die beiden Menschen, die es bewohnten, bringen würde.

Je näher Marlies der Villa kam, desto zögernder wurde ihr Schritt. Sie zog das Taschentuch aus der Tasche ihres hellen Sommermantels und tupfte sich die verräterischen Tränenspuren aus den Augen. Ein paarmal atmete sie tief durch, dann trat sie entschlossen an das Gartentor heran und drückte auf die Klingel. Es dauerte nicht lange, bis die Haustür geöffnet wurde und Frau Lindner auf der Schwelle stand. Sie lächelte, als sie Marlies erkannte, und beeilte sich, zum Gartentor zu kommen.

»Das ist aber eine Überraschung, Marlies. Welcher Wind treibt dich denn hierher zu uns?«

Vera, die inzwischen ihr Kleid mit praktischen Bluejeans vertauscht hatte, hatte zugehört, mit wem ihre Großi sprach. Sie lief mit ausgebreiteten Armen auf ihre Lieblingstante Marlies zu.

»Tante Marlies, Tante Marlies, fein, dass du hier bist! Aber es ist schade, dass du jetzt erst kommst. Ich war vorhin mit Großi in Sophienlust. Da ist es wunderschön. Sicher hätte es dir dort auch gefallen.«

»Sophienlust? Das ist doch das Gut, das hier in der Nähe liegt! Wenn Großi nicht zu müde ist, dann können wir ja noch einmal dorthin wandern. Und du kannst mir dann zeigen, was dir alles so gut gefallen hat, Vera.«

Gertrud Lindner, die ihre Nichte genau kannte, hatte längst bemerkt, dass die junge Frau etwas auf dem Herzen hatte.

Aber sie spürte auch, dass Marlies es vermeiden wollte, vor dem Kind darüber zu sprechen. Deshalb stimmte sie dem Spaziergang nach Sophienlust zu, der Vera so müde machen würde, dass sie am Abend bald einschlafen würde. Dann endlich würde Marlies sprechen können.

So kam es, dass Frau Lindner und Vera, diesmal in Begleitung von Marlies, an diesem Tag noch einmal nach Sophienlust gingen. Veras Mund stand die ganze Zeit nicht still. Immer wieder hatte sie etwas Neues entdeckt, auf das sie Marlies aufmerksam machte. Es fiel ihr gar nicht auf, dass Marlies im Gegensatz zu sonst recht einsilbig und still blieb.

»Man wird uns doch nicht für aufdringlich halten, Großi?«, erkundigte sich Marlies, als sie Sophienlust fast erreicht hatten.

»Aber nein, Marlies, das sind liebe und gütige Menschen, denen ein Besuch jederzeit willkommen ist. Frau von Schoenecker hat sich damals, als der Professor und seine Frau so rasch hintereinander starben sehr lieb um mich gekümmert. Wir kennen uns schon seit vielen Jahren. Immer haben wir gute Nachbarschaft gehalten.«

Denise von Schoenecker war heute wegen des schönen Wetters zu Fuß von Schoeneich nach Sophienlust gegangen.

Sie hatte die Stimmen schon eine Weile vernommen und erkannte jetzt, als sie aus dem Waldweg heraustrat, zu ihrer Freude Frau Lindner. Sie begrüßte sie herzlich.

»Darf ich Ihnen meine Nichte Marlies vorstellen, Frau von Schoenecker«, sagte Frau Lindner. »Und dies ist die kleine Vera, meine Großnichte.«

Marlies ergriff die Hand, die Denise von Schoenecker ihr reichte. Sie lächelte, doch ihre Augen blieben dabei ernst. Sie hielt dem forschenden Blick der Gutsherrin stand und wünschte verzweifelt, dass sie ihre Fassung nicht verlieren möge.

»Wir waren heute früh schon einmal hier, Frau von Schoenecker. Ich habe mir bei der Huber-Mutter Tee geholt. Und Vera ist so entzückt von Sophienlust, dass sie es ihrer Tante Marlies unbedingt zeigen wollte. Deshalb sind wir noch einmal hierhergekommen.«

»Eine gute Idee«, lächelte Denise. »Ich schlage vor, dass Sie, liebe Frau Lindner, und auch Sie, Frau Reinhardt, jetzt zuerst einmal eine Tasse Tee bei mir trinken. Die kleine Vera wird sich gewiss in der Gesellschaft der anderen Kinder wohlerfühlen als bei uns Erwachsenen.«

»Mutti, Mutti, wieso bist du zu Fuß gekommen? Oh, Verzeihung.« Nick stoppte mitten im Lauf, als er sah, dass seine Mutter nicht allein war.

»Wer bist du? Dich habe ich ja heute Morgen gar nicht gesehen«, rief Vera und baute sich vor Nick auf. Sie sah den hochaufgeschossenen hübschen Jungen von Kopf bis Fuß prüfend an. »Du bist aber groß«, staunte sie.

»Und du bist klein«, lachte Nick vergnügt. »Wie heißt du denn? Willst du immer bei uns bleiben?«

»Ich heiße Vera Hartegg«, antwortete das Kind. »Es würde mir schon hier gefallen in Sophienlust. Doch ich muss ja wieder zu meinen Eltern zurückkehren. Sie sind verreist, und deshalb durfte ich für ein paar Tage zu Großi fahren. Wo ist das Mädchen, das ich heute früh kennengelernt habe? Es hatte einen ulkigen Namen. Es hieß Pünktchen.«

Denise hatte Nick einen Wink mit den Augen gegeben.

»Komm mit, Vera. Ich bringe dich zu den anderen Kindern. Du kannst sie jetzt gleich alle kennenlernen.«

Vertrauensvoll legte Vera ihre kleine Hand in die große von Nick. Die beiden Kinder entfernten sich.

»Bitte, darf ich Sie jetzt ins Haus bitten«, forderte Denise von Schoenecker ihren Besuch auf. Mit ihrem feinen Gespür hatte sie längst begriffen, dass Marlies von irgendetwas gequält wurde. Und es war schon immer ihr Wahlspruch gewesen, freiwillig zu helfen, wenn Hilfe Not tat, und nicht zu warten, bis man sie darum bat. Sie hoffte, dass die sympathische Marlies Reinhardt sprechen würde, sobald sie im Haus waren.

Denise ging voran und öffnete die Tür zu dem hübschen Biedermeiersalon. Sie hatte dieses Zimmer unverändert gelassen, sodass es noch immer so aussah wie zu der Zeit, als Sophie von Wellentin, Nicks Urgroßmutter, es bewohnt hatte. Und oftmals hatte sie mit dem lebensgroßen Gemälde Sophie von Wellentins, das in dem angrenzenden Zimmer hing, eine stille Zwiesprache gehalten.

»Bitte, machen Sie es sich gemütlich. Der Tee wird jeden Augenblick serviert werden.«

Denise wartete, bis ihre Gäste Platz genommen hatten, und ließ sich dann ihnen gegenüber nieder. Sekunden später war Lena mit dem Tee und einer Platte mit Sandwiches zur Stelle.

Denise goss den Tee in die hauchdünnen Schalen und reichte die Platte herum.

»Danke, gnädige Frau, aber ich bringe keinen Bissen hinunter«, stieß Marlies hervor. Sie schämte sich entsetzlich, dass sie die Beherrschung verlor, doch es gelang ihr nicht, die Tränen hinunterzuschlucken. Wie ein Sturzbach flossen sie jetzt aus ihren Augen.

»Bitte, liebes Kind, sprechen Sie nur. Reden Sie sich das vom Herzen, was darauf lastet. Ich habe Ihnen schon längst angemerkt, dass Sie bekümmert sind.«

Es dauerte eine Weile, bis Marlies sich so weit beruhigt hatte, dass sie sprechen konnte. Immer noch von Schluchzen geschüttelt stieß sie hervor: »Ach, es ist furchtbar, und ich kann es noch gar nicht glauben. Ich hatte mir so fest vorgenommen, es dir schonend beizubringen, liebe Großi, doch es ist ganz einfach zu viel für mich. Erika und Werner sind tot.«

Wieder begann Marlies trostlos vor sich hin zu weinen. Erst nach einer Weile fuhr sie fort: »In dem Hotel, in dem sie wohnten, ist ein Brand ausgebrochen. Das Feuer hat sich mit rasender Geschwindigkeit ausgebreitet. Von den Gästen, die die beiden oberen Stockwerke des Hotels bewohnten, konnte keiner gerettet werden. Sie …, sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Und das, was von ihnen übrig geblieben ist, wird in einem Sammelgrab beigesetzt werden.«

Frau Lindner hatte einen Laut ausgestoßen, der wie ein Schluchzen klang. Doch sie saß unbewegt auf ihrem Platz und sah mit tränenlosen Augen starr vor sich hin.

»Das ist ja grauenhaft«, murmelte sie leise. »Und was wird nun aus meinem armen kleinen Schätzchen? Ich habe Vera sehr lieb, doch ich bin zu alt, um sie erziehen zu können. Ganz abgesehen davon, dass es mit meiner Gesundheit nicht zum Besten steht. Für Vera wäre es auch nicht das Richtige, den lieben langen Tag mit einer alten Frau allein zu sein.«

»Ich würde sie sofort zu mir nehmen, Großi. Doch du weißt ja, dass ich den ganzen Tag nicht zu Hause bin. Wer sollte sich in dieser Zeit um Vera kümmern? Ich bin sicher, dass sich Lisbeth oder Maria, die ja beide kinderlos sind, Veras annehmen werden.«

Gertrud Lindner hatte da ihre Zweifel, doch sie ließ sie nicht laut werden.

Denise von Schoenecker hatte sich bisher damit begnügt, teilnahmsvoll zuzuhören und zu schweigen. Doch jetzt schaltete sie sich ein.

»Für die erste Zeit wäre es vielleicht ganz gut, wenn Vera hierher zu uns nach Sophienlust käme. Hier ist sie unter Kindern. Da sie noch sehr klein ist, wird sie nur noch eine Weile nach ihren Eltern fragen und sie schließlich vergessen. Es klingt bitter, wenn ich das ausspreche, doch es ist so. Wir haben es schon oft erlebt.«

»Das ist sehr lieb von Ihnen, Frau von Schoenecker«, antwortete Gertrud Lindner. »Und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie Vera zunächst so lange hier behalten würden, bis wir geklärt haben, wo sie künftig leben wird. Du hast doch gewiss schon mit Maria und Lisbeth gesprochen, Marlies?«

Marlies schüttelte den Kopf. »Nein, Großi. Sie waren beide nicht zu Hause. Ich wollte und konnte nicht warten, weil ich sonst den Zug nicht bekommen hätte. Ich wollte dich bitten, mit mir nach Köln zu fahren, damit wir dann alles gemeinsam besprechen können. Der Gedanke an Vera quälte mich bisher. Doch jetzt ist dieses Problem wohl durch die Güte von Frau von Schoenecker gelöst.«

»Was sagen wir Vera, wenn sie so Knall auf Fall in Sophienlust bleiben soll?«, überlegte Gertrud Lindner laut.

»Das lassen Sie bitte meine Sorge sein, liebe Frau Lindner«, mischte sich Denise ein. »Für Kinder ist es etwas Herrliches, wenn sie unerwartet woanders übernachten dürfen.«

»Und wer kümmert sich um Fips? Außerdem muss Vera ja auch etwas zum Anziehen haben.«

»Wer ist Fips?«, erkundigte sich Denise.

Gertrud Lindner erzählte von Veras Zwergesel.

»Auch Fips wird hier ein warmes Plätzchen finden. So lange jedenfalls, bis Sie wissen, wie sich Veras Zukunft gestalten wird, Frau Lindner. Wenn es Ihnen recht ist, dann werde ich Sie begleiten. Wir könnten ein paar Sachen für Vera einpacken und Fips einladen. Und wenn Sie heute noch reisen wollen, würde ich Sie zur Bahnstation bringen.«

»Sie sind wirklich außerordentlich liebenswürdig, Frau von Schoenecker. Ich bin Ihnen für Ihren Vorschlag sehr dankbar. Denn die Nachricht hat mich sehr aufgeregt und erschüttert. Wäre Marlies nicht hier, ich glaube, ich könnte allein die Reise gar nicht wagen.«

Auf Denises Rat hin hatten Marlies und Frau Lindner darauf verzichtet, sich von Vera zu verabschieden. Denise hatte versprochen, der Kleinen zu erklären, dass die beiden Tanten plötzlich verreisen mussten, und sie selbst für einige Zeit auf Sophienlust bleiben dürfe.

*

Es war schon Abend, als der Zug im Kölner Hauptbahnhof einlief. Entgegen ihrer sonstigen Sparsamkeit winkte Gertrud Lindner ein Taxi heran. Sie fühlte sich am Ende ihrer Kräfte. Die hinter ihr liegenden Stunden, die eilige Abreise und all das, was dazu geführt hatte, kamen ihr wie ein Spuk vor.

Marlies bewohnte eine winzige Wohnung in einem Hochhaus. Während der Reise und auch während der Taxifahrt hatten die beiden Frauen kein Wort miteinander gesprochen. Sie waren beide vollauf mit ihren Gedanken beschäftigt, die sich immerzu um die traurigen Ereignisse drehten.

»Du solltest dich gleich niederlegen, Großi«, schlug Marlies liebevoll vor, als sie die kleine Wohnung betreten hatten. »Heute ist es sowieso zu spät, um noch irgendetwas mit Maria und Lisbeth zu besprechen.«

»Ich kann noch immer nicht fassen, dass Erika und Werner nie wieder zurückkommen.«