Verborgene Träume - Patricia Vandenberg - E-Book

Verborgene Träume E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. »So, und nun schlaf schön.« Terese Wolters beugte sich über ihre Enkeltochter Melanie und drückte der Zehnjährigen einen Kuss auf die Nasenspitze. »Ich kann aber nicht schlafen. Tini geht es gar nicht gut«, widersprach das Mädchen jedoch in weinerlichem Tonfall und warf einen traurigen Blick auf den Meerschweinchenkäfig. »Seit Tagen will sie nicht mehr fressen und läuft gar nicht mehr herum.« »Ich sage deinem Papa, dass er morgen mit Tini und dir zum Tierarzt geht. In Ordnung?« »Papa interessiert sich nicht für Tini. Die ist ihm egal. Wie überhaupt alles, seit Mama tot ist«, erklärte Melanie bedrückt. Terese erschrak. Gewöhnlich war ihre Enkeltochter trotz des Verlustes der Mutter vor einigen Jahren zu einem fröhlichen und unbeschwerten Kind herangewachsen und ließ sich nicht anmerken, was in ihr vorging. Dass sie die Veränderung ihres Vaters seit dem Unfalltod seiner Frau offenbar dennoch so sehr bewegte, stimmte die Großmutter zutiefst nachdenklich. »Mach dir mal keine Sorgen, Meli. Ich kümmere mich darum«, versicherte Terese noch einmal. Damit war das Kind endlich zufrieden und legte den müden Kopf in die Kissen. Als die Großmutter die Tür leise ins Schloss zog, war sie schon fast eingeschlafen.

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Seitenzahl: 121

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Dr. Norden Extra – 79 –Verborgene Träume

Ilka und ihr schmerzliches Erwachen

Patricia Vandenberg

»So, und nun schlaf schön.« Terese Wolters beugte sich über ihre Enkeltochter Melanie und drückte der Zehnjährigen einen Kuss auf die Nasenspitze.

»Ich kann aber nicht schlafen. Tini geht es gar nicht gut«, widersprach das Mädchen jedoch in weinerlichem Tonfall und warf einen traurigen Blick auf den Meerschweinchenkäfig. »Seit Tagen will sie nicht mehr fressen und läuft gar nicht mehr herum.«

»Ich sage deinem Papa, dass er morgen mit Tini und dir zum Tierarzt geht. In Ordnung?«

»Papa interessiert sich nicht für Tini. Die ist ihm egal. Wie überhaupt alles, seit Mama tot ist«, erklärte Melanie bedrückt. Terese erschrak. Gewöhnlich war ihre Enkeltochter trotz des Verlustes der Mutter vor einigen Jahren zu einem fröhlichen und unbeschwerten Kind herangewachsen und ließ sich nicht anmerken, was in ihr vorging. Dass sie die Veränderung ihres Vaters seit dem Unfalltod seiner Frau offenbar dennoch so sehr bewegte, stimmte die Großmutter zutiefst nachdenklich. »Mach dir mal keine Sorgen, Meli. Ich kümmere mich darum«, versicherte Terese noch einmal.

Damit war das Kind endlich zufrieden und legte den müden Kopf in die Kissen. Als die Großmutter die Tür leise ins Schloss zog, war sie schon fast eingeschlafen. Terese Wolters machte sich auf den Weg ins Büro ihres Sohnes, das im Erdgeschoss des großen Hauses lag. Leise klopfte sie an die Tür. Als sie keine Antwort bekam, klopfte sie erneut. Endlich ertönte Guidos ungeduldige Stimme.

»Ja, was ist denn?«

»Ich muss mit dir reden.« Unbeeindruckt trat Terese ein.

»Nicht jetzt. Ich habe eine wichtige Präsentation auszuarbeiten und muss noch den Abschlussbericht schreiben«, erklärte Guido, ohne von seinem Monitor aufzusehen.

»Es geht um deine Tochter. Dafür wirst du dir wohl ein paar Minuten Zeit nehmen können«, sprach sie mit resoluter Stimme.

Guido seufzte und stieß sich mit den Händen vom Schreibtisch ab, sodass sein Stuhl ein Stück nach hinten rollte. Er warf seiner Mutter einen ungeduldigen Blick zu.

»Was ist mit Melanie?«

»Das Meerschweinchen ist krank. Du musst morgen mit Meli und Tini zum Tierarzt gehen.«

»Und deshalb störst du mich bei der Arbeit?«

»Deine Tochter meinte, dass du dich seit Evas Tod für nichts mehr interessierst«, erklärte Terese in aller Seelenruhe und blickte ihrem Sohn fest in die Augen.

Guido wich ihr aus.

»Du weißt genau, dass das Unsinn ist. Ich interessiere mich sehr wohl für Meli. Allerdings scheint ihr zu übersehen, dass ich ein viel beschäftigter Mann bin.«

»Der sich hinter seiner Arbeit versteckt.«

»Also hör mal, ich muss schließlich Geld verdienen, um Melanies Zukunft zu sichern«, entrüstete sich Guido. Über diese Erklärung lachte Terese nur rau.

»Eure Zukunft ist mehr als gesichert, das weißt du genau. Immerhin erbst du das Haus und eine nicht unbeträchtliche Barschaft, wenn ich einmal nicht mehr bin.«

»Im Augenblick erfreust du dich noch bester Gesundheit«, gab Guido unbarmherzig und schärfer als notwendig zurück. Er wußte genau, wie recht seine Mutter hatte. Aber diese Schwäche konnte er sich nicht eingestehen. »Wann kehrst du endlich ins Leben zurück? Eva ist seit fast fünf Jahren tot. Melanie braucht endlich wieder Normalität im Leben. Und dir würde eine neue Liebe auch nicht schaden. Immerhin war die Ehe mit Eva nicht die beste. Kein Grund also, so lange Trauer zu tragen.«

»Melanie leidet noch heute unter dem Tod ihrer Mutter. Eine neue Frau an meiner Seite wäre eine Katastrophe für das Kind«, brauste Guido auf. »Es ist ein Unglück für sie, dass du stets mit einer Trauermiene herumläufst und nicht wirklich an unserem Leben teilhast. Früher warst du immer gut gelaunt und lustig. Ich möchte mal wissen, was mit dir los ist«, schimpfte Terese verständnislos und wandte sich ab. Mit energischen Schritten verließ sie das Zimmer und zog die Tür geräuschvoll hinter sich ins Schloss. Ratlos blickte Guido ihr nach. Schlagartig war sein Zorn verraucht und er lehnte sich nachdenklich in den tiefen Ledersessel zurück, ehe er sich nach einer Weile wieder an die Arbeit machte, nicht ohne einen Entschluss gefasst zu haben.

*

Zufrieden saß Dr. Daniel Norden an seinem Schreibtisch und gab die Untersuchungsergebnisse des Patienten Helmut König in seinen Computer ein. Kurz darauf trat der elegant gekleidete, ältere Herr zu ihm an den Schreibtisch und knotete sorgfältig das seidene Halstuch wieder zu, das er zur Untersuchung abgenommen hatte.

»Und, Herr Doktor, was meinen Sie?«

»Der Blutdruck ist vollkommen in Ordnung. Und die Werte der Blutuntersuchung, die wir das letzte Mal gemacht haben, sind auch unauffällig.«

»Können Sie mir dann mal erklären, was dieser Anruf von meiner Krankenkasse sollte? Was ist dieses ›Qualitätssicherungsprogramm‹ überhaupt?«

Mit dieser Frage hatte Daniel gerechnet. Helmut König hatte neulich vollkommen aufgelöst in der Praxis angerufen und von dem Telefonat mit der Krankenkasse berichtet.

»In letzter Zeit kommt es immer häufiger vor, dass ärztliche Daten von den Krankenkassen für besondere Programme genutzt werden. Angeblich, um die Qualität der Behandlung von chronischen Krankheiten zu sichern. Im Grunde genommen ist, dagegen nichts einzuwenden. Leider kommen dabei allerdings immer wieder Verwechslungen wie in Ihrem Fall vor, was eine große Verunsicherung der Patienten darstellt.«

Aber König schien weit davon entfernt zu sein, sich zu ärgern.

»Ich habe gewusst, dass ich kerngesund bin und nicht, wie diese Dame behauptete, unter Bluthochdruck leide. So leicht läßt sich ein alter Hase wie ich nicht verschrecken.«

»Trotzdem bin ich froh, die Untersuchung durchgeführt zu haben. Fakten sind doch immer besser als Ahnungen«, erklärte Daniel Norden schlicht und erhob sich, um Herzog zur Tür zu bringen. Doch der winkte vergnügt lächelnd ab.

»Kümmern Sie sich lieber um die wirklich Bedürftigen, die Ihre Hilfe suchen. Ich finde den Weg hinaus schon alleine.« Damit verließ er das Behandlungszimmer mit betont elastischen Schritten und kehrte zur Garderobe im Wartezimmer zurück, um sein leichtes Sommersakko zu holen. Dabei fiel Helmut Königs Blick wacher, stets suchender Blick auf Terese Wolters, die mit zwei weiteren Patienten geduldig auf ihren Termin wartete. Sein Kennerblick erforschte rasch ihre gepflegte Erscheinung. Nichts entging ihm, weder ihre geschmackvolle Kleidung, noch die Handtasche eines namhaften Herstellers oder die teuren Lederschuhe, die sie trug. Im Bruchteil eines Augenblicks hatte er seinen Entschluss gefasst.

»Entschuldigen Sie, meine sehr verehrte Dame«, sprach er Terese leise an und machte eine galante Verbeugung. Die blickte irritiert von ihrer Zeitschrift auf.

»Ja, bitte?« »Meine Dreistigkeit muss Ihnen aufdringlich erscheinen. Aber seien Sie versichert, dass ich noch nie zuvor eine fremde Dame angesprochen habe.«

»Was soll das? Was wollen Sie von mir?« fragte Terese ungehalten und misstrauisch angesichts dieser hochtrabenden Rede. So leicht ließ sich der Kavalier alter Schule jedoch nicht zurückweisen.

»Ich suche eine Partnerin für den Tanztee und dachte mir, Sie hätten vielleicht Lust dazu, jung und dynamisch wie Sie wirken.«

»Wenn ich nicht irre, gibt es bei solchen Veranstaltungen immer genug Damen, die nur auf einen Kavalier wie Sie warten«, gab Terese schlagfertig aber mit einem Anflug von Amüsement zurück. »Aber keine ist so wie Sie.«

»Sie kennen mich doch gar nicht.«

»Es genügt, Sie gesehen zu haben.« In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zum Wartezimmer und Wendy, die treue Helferin von Dr. Norden, erschien.

»Frau Wolters, bitte.«

Terese legte die Zeitschrift beiseite und erhob sich mit einem Blick auf König.

»Entschuldigen Sie mich bitte. Sie haben ja gehört, dass noch andere Männer an meinem Typ interessiert sind«, gab sie keck zurück. König lächelte dennoch siegessicher. Die Frau, die ihm tatsächlich auf Dauer widerstehen konnte, musste erst noch geboren werden. Und die Ablehnung von Terese Wolters schreckte ihn nicht ab. Ganz im Gegenteil weckte sie seinen Jagdinstinkt. »Hier ist meine Karte. Ich bitte Sie inständig um einen Anruf.« Mit seinem charmantesten Lächeln reichte er Terese seine auf feinem Bütten gedruckte Visitenkarte. Irritiert nahm sie sie entgegen und steckte sie wortlos ein. Ohne einen Gruß ging sie an Huber vorbei und folgte Wendy, die die Patientin zu Dr. Norden ins Behandlungszimmer brachte, wo sie schon ungeduldig erwartet wurde.

»Ich dachte schon, Sie wollten sich Ihre Untersuchungsergebnisse gar nicht mehr abholen«, begrüßte Daniel Norden Terese Wolters lächelnd. »Ihrem Gesicht entnehme ich, dass alles in Ordnung ist?« fragte die und wie immer, wenn sie die Ergebnisse der Nachuntersuchung abholte, fiel ihr ein Stein vom Herzen. Obwohl ihre Krebserkrankung nun schon sechs Jahre zurücklag, unterzog sie sich den Nachuntersuchungen immer mit einer gewissen Angst im Herzen. Daniel nickte zufrieden, während seine Finger durch den seitenlangen Bericht blätterten, den er zuvor schon eingehend studiert hatte. »Es könnte nicht besser sein. Langsam aber sicher bewegen wir uns auf der sicheren Seite.«

»Das ist nur recht und billig. Immerhin habe ich auf Anraten der Ärzte eine Brust für meine Gesundheit geopfert«, stellte Terese mit einem lakonischen Blick auf ihre Bluse fest. Nur der engste Familienkreis und Dr. Norden wussten, dass eine Seite ihrer weiblichen Rundungen durch eine Prothese ersetzt worden war.

»Haben Sie Probleme damit?« erkundigte sich Daniel, der sich nicht nur um die körperlichen Gebrechen seiner Patienten kümmerte, sondern auch niemals die seelische Seite außer acht ließ. Er warf Terese einen aufmerksamen Blick zu, als sie nicht sofort antwortete. Angesichts dieser Frage stellte Terese irritiert fest, dass sie zum ersten Mal seit Langem an ihre fehlende Brust dachte. Lag es an dem smarten Herrn, der ihr so galant den Hof gemacht hatte, dass sich ihr körperliches Gebrechen wieder in den Vordergrund schob?

»Ehrlich gesagt weiß ich es nicht so genau. Im Grunde genommen dachte ich, mich daran gewöhnt zu haben. Hin und wieder beschleichen mich aber Zweifel, ob ich nicht doch einen Brustaufbau wagen sollte. Immerhin habe ich nicht vor, mir in nächster Zeit das Gras von unten anzusehen. Ein paar gute Jahre liegen sicher noch vor mir. Und wer weiß, vielleicht finde ich noch einmal einen Partner, den mein Gebrechen stören oder gar abstoßen würde.«

»Sie denken ernsthaft daran, ein solches Unterfangen zu wagen?« fragte Daniel sichtlich überrascht. Terese Wolters hatte auf ihn immer einen sehr stabilen, selbstsicheren Eindruck gemacht, den sie auch jetzt wieder bestätigte, denn angesichts seiner Frage brach sie in ihr typisches, raues Gelächter aus. »Ach, wissen Sie, das sind so die Gedanken einer verrückten, alten Frau. Manchmal fühle ich mich so jung, dass ich mir alles zutraue.«

»Diesen Eingriff sollten Sie sich reiflich überlegen. Immerhin sind bis zu drei Operationen nötig, um ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erhalten. Andererseits kann ich es verstehen, wenn Sie unter dem Verlust Ihrer Brust leiden.«

»Vergessen Sie es am besten«, winkte Terese auf einmal gut gelaunt ab. Plötzlich verstand sie selbst nicht mehr, warum sie diesen Gedanken vor dem Arzt überhaupt laut ausgesprochen hatte. »Ich sollte heilfroh sein, dass die tückische Krankheit offenbar eingesehen hat, dass sie bei mir an der falschen Adresse ist. Das ist viel mehr, als ich je zu hoffen gewagt hatte.«

»Dennoch möchte ich Sie bitten, nicht leichtsinnig zu werden und weiterhin zu den Nachsorgeuntersuchungen zu gehen«, legte Daniel Norden ihr ans Herz, als er sie zur Tür begleitete. »Und wenn Sie eine Beratung bezüglich Ihres Anliegens brauchen, scheuen Sie sich bitte nicht, sich an mich zu wenden. Ich habe gute Kontakte.«

»Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Doktor«, zwinkerte Terese ihm fröhlich zu und verließ leichten Herzens die Praxis. Die Sonne schien hell von einem mit zarten Wolken beflockten Himmel. Ein lauer Wind strich über ihre weiche Haut und Terese seufzte zufrieden auf. Sie bemerkte den gut gekleideten, älteren Herrn nicht, der auf einer Parkbank in der Nähe saß und die Praxistür nicht aus den Augen gelassen hatte. Als Terese in die entgegengesetzte Richtung davonging, erhob er sich, um ihr zu folgen.

Erstaunt blickten Guido Wolters und seine Tochter Melanie auf, als sich die Tür zum Behandlungszimmer in der Tierarztpraxis öffnete und eine unbekannte Frau herauskam. »Der Nächste bitte«, sprach sie mit einem freundlichen Lächeln in die Runde der Wartenden.

»Das sind wir, Papa«, erklärte Melanie und versetzte ihrem Vater einen Knuff in die Rippen.

»Schon gut. Ich komme ja schon. Hier, nimm den Korb mit Tini.« Irritiert über den unerwarteten Aufruf einer Frau folgte Guido seiner vorwitzigen Tochter ins Behandlungszimmer.

»Guten Tag. Mein Name ist Ilka Salmberg. Wer bist du denn?« beugte sich die Tierärztin zu Melanie, nachdem Guido die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Melanie maß sie mit einem prüfenden Blick und beschloss sofort, dass sie dieser hübschen Frau mit dem offenen Gesicht vertrauen konnte.

»Ich bin Melanie Wolters, und das ist Tini. Und da drüben, das ist mein Papa. Sie müssen keine Angst vor ihm haben. Seit Mama tot ist, schaut er immer ein bisschen griesgrämig. Eigentlich ist er aber ganz in Ordnung«, erklärte Melanie gar nicht schüchtern. Trotz der schockierenden Tatsache kam Ilka nicht umhin zu lachen. »Dann bin ich ja erleichtert. Mein herzliches Beileid.« Sie reichte Guido die Hand.

»Schon gut, dieses Ereignis liegt schon fast fünf Jahre zurück. Ich weiß gar nicht, warum Meli das überhaupt erwähnt.«

»Weil es stimmt.«

Guido überlegte kurz, ob er seine vorlaute Tochter maßregeln sollte, verzichtete aber darauf, um vor dieser aparten Frau einen Streit zu vermeiden.

»Entschuldigen Sie meine Verwunderung. Aber ich hatte hier Dr. Petersen erwartet«, erklärte er statt dessen seine Überraschung, eine Frau in der Praxis des alten Tierarztes vorzufinden.

Ilka lächelte herzlich.

»Arnold Petersen ist mein Onkel. Er hat die Praxis schon vor einiger Zeit aus Altersgründen aufgegeben und ich habe nicht lange nachgedacht und sein Angebot zur Übernahme angenommen.«

»Eine weise Entscheidung. Den zahlreichen Besuchern draußen im Wartezimmer nach zu schließen läuft das Geschäft gut.«

»Ich kann nicht klagen. Es ist erfreulich zu sehen, wie gerne sich die Menschen immer noch mit Haustieren umgeben«, erklärte Ilka bereitwillig, während sie das Meerschweinchen Tini aus dem Korb hob und auf den silbern glänzenden Behandlungstisch setzte. »Allerdings habe ich viel Geld in die Modernisierung der Praxis gesteckt. Jetzt bin ich auch auf einen entsprechenden Umsatz angewiesen.«

»Was ist das, ein Umsatz?« mischte sich Melanie in das Gespräch ein. Sie fühlte sich übergangen und darüber hinaus war ihr Vater mit einem Mal so gesprächig und sichtlich gut gelaunt, wie sie ihn lange nicht erlebt hatte. »Das erkläre ich dir später«, gab Guido unwirsch zurück. »Schließlich sind wir ja hier, um dein Meerschweinchen untersuchen zu lassen, nicht wahr?«

»Dann wollen wir mal sehen«, wandte sich Ilka sofort ihrer Aufgabe zu. Unter Melanies wachsamen Augen tastete sie das ängstlich quiekende Tier ab, maß die Temperatur und hörte es schließlich ab.

»Muss Tini sterben?« fragte Melanie nach einer Weile des gespannten Wartens nervös.

Ilka lächelte beruhigend.

»Nein, meine Süße, ganz bestimmt nicht. Deine Tini ist vollkommen gesund. Ich glaube nur, dass sie einsam ist. Ihr fehlt ein Kamerad, mit dem sie sich unterhalten kann.«

Guido verdrehte die Augen angesichts dieser Neuigkeiten.