Verbotene Gefühle - Patricia Vandenberg - E-Book

Verbotene Gefühle E-Book

Patricia Vandenberg

5,0

Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Müde schob Oliver von Liebig das Zeichenbrett von sich und rieb sich die schmerzenden Augen. Seit Stunden schon feilte er am Design eines neuen Lichtsystems, aber die einschneidende Idee wollte ihm nicht kommen. So erhob er sich endlich steifbeinig aus seinem Bürosessel und warf einen Blick aus dem Fenster seines Büros hinunter auf die Bostoner Straßen, die um diese Uhrzeit vom Feierabendverkehr belebt waren. Eine Weile stand er dort versunken und genoß den Anblick des regen Treibens, als ihn das Klingeln des Telefons aus seinen Gedanken riß. »Hello?« meldete er sich knapp, ganz wie es in seiner Wahlheimat üblich war. »Oliver, bist du das?« Eine deutlich aufgeregte helle Frauenstimme war am anderen Ende der Leitung. »Nancy, Liebes, natürlich bin ich es. Wer sollte sonst in meinem Büro an den Apparat gehen? Wie geht es dir?« »Sehr gut. Die Geschäftsreise hier in Österreich ist ein voller Erfolg. Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt, die ich für meine Arbeit begeistern konnte.« Hier machte sie eine kleine Pause. »Und nicht nur für meine Arbeit, Oliver.« »Was soll das denn schon wieder heißen?« Im Hörer blieb es stumm. »Nancy, bist du noch dran? Ich habe solche Sehnsucht nach dir, hörst du?

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Seitenzahl: 134

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Dr. Norden Extra – 151 –Verbotene Gefühle

Unveröffentlichter Roman

Patricia Vandenberg

Müde schob Oliver von Liebig das Zeichenbrett von sich und rieb sich die schmerzenden Augen. Seit Stunden schon feilte er am Design eines neuen Lichtsystems, aber die einschneidende Idee wollte ihm nicht kommen. So erhob er sich endlich steifbeinig aus seinem Bürosessel und warf einen Blick aus dem Fenster seines Büros hinunter auf die Bostoner Straßen, die um diese Uhrzeit vom Feierabendverkehr belebt waren. Eine Weile stand er dort versunken und genoß den Anblick des regen Treibens, als ihn das Klingeln des Telefons aus seinen Gedanken riß.

»Hello?« meldete er sich knapp, ganz wie es in seiner Wahlheimat üblich war.

»Oliver, bist du das?« Eine deutlich aufgeregte helle Frauenstimme war am anderen Ende der Leitung.

»Nancy, Liebes, natürlich bin ich es. Wer sollte sonst in meinem Büro an den Apparat gehen? Wie geht es dir?«

»Sehr gut. Die Geschäftsreise hier in Österreich ist ein voller Erfolg. Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt, die ich für meine Arbeit begeistern konnte.« Hier machte sie eine kleine Pause. »Und nicht nur für meine Arbeit, Oliver.«

»Was soll das denn schon wieder heißen?«

Im Hörer blieb es stumm.

»Nancy, bist du noch dran? Ich habe solche Sehnsucht nach dir, hörst du? Die drei Wochen ohne dich erscheinen mir wie eine Ewigkeit. Wann kommst du endlich zurück?«

»Ich werde nicht zurückkommen. Vorerst nicht.« Nancy schluckte, ehe sie weitersprechen konnte. »Wie gesagt, habe ich tolle Menschen kennengelernt. Und einen wunderbaren Mann. Ich habe mich verliebt, Oliver.« Sie schluckte wieder. »Es tut mir leid.«

»Wie meinst du das, du hast dich verliebt?« stammelte Oli verwirrt. Er kannte die Eskapaden seiner langjährigen Freundin inzwischen, doch so etwas war ihm mit ihr noch nicht passiert.

»Es ist ernst. Ich werde eine Zeitlang bei Erwin in Österreich bleiben, um ihn in aller Ruhe kennenzulernen. Mit meiner Firma ist bereits alles geklärt. Jetzt liegt es nur noch an dir, ob du mich glücklich sehen möchtest.«

»Wie soll ich dich sehen, wenn du Tausende von Kilometern entfernt bist?« Oliver ballte die Faust, daß die Knöchel weiß durch die gebräunte Haut schimmerten. »Was ist mit uns, mit all den gemeinsamen Jahren, die wir verbracht haben?«

»Es war eine schöne Zeit, aber alles hat einmal ein Ende.«

»Ist das alles, was du dazu zu sagen hast? Wir wollten heiraten, erinnerst du dich?«

»Mach es mir doch nicht so schwer, Oliver«, bat Nancy mit deutlicher Ungeduld in der Stimme. Sie wollte das Telefonat zu Ende bringen. »Erwin wartet auf mich. Wir bleiben noch zwei Wochen in Salzburg, ehe wir uns auf den Weg zu seinem Weingut machen. Sei so lieb, und pack meine Sachen in der Wohnung in einen Karton. Viel ist es ohnehin nicht. Ich lasse sie bei Gelegenheit abholen. Und jetzt muß ich Schluß machen.« Mit diesen unternehmungslustigen Worten beendete Nancy Jordan ihre Beziehung zu Oliver von Liebig. Ein leises Klicken verriet ihm, daß sie aufgelegt hatte. Fassungslos starrte er auf den Hörer in seiner Hand, ehe er ihn auf die Gabel sinken ließ. Was war geschehen? Vor knapp drei Wochen, als er sie zum Flughafen gebracht hatte, hatte sie sich tränenreich von ihm verabschiedet und ihm ewige Liebe geschworen. Aus, vorbei. Sein ganzes Leben in Boston lag plötzlich in Scherben vor ihm. Die Frau, für die er seine Heimat verlassen hatte, wollte ihn nicht mehr. Er sank in seinen Sessel und gab sich ganz seinem Schmerz hin. Doch es nützte alles nichts. Oliver stutzte einen Augenblick. Konnte es möglich sein, daß Nancy auf einen Beweis seiner Liebe wartete? Sollte er nach Salzburg reisen, um sie zu suchen? Schließlich hatte sie sicher nicht umsonst die Details ihrer Reise genannt. Die erste Wut, die er über ihre Worte empfunden hatte, wich einem tiefen Gefühl der Rührung. Trotz aller Kapriolen war sie doch in schwachen Momenten sein kleines Mädchen gewesen, das sich vor der feindlichen Welt in seine starken Arme geflüchtet hatte. Sein Entschluß stand fest. Er würde den nächsten Flug nach München nehmen, wo sein Vater wohnte. Von dort aus konnte er seine Suche beginnen. Es blieben ihm vierzehn Tage, um zu retten, was zu retten war.

*

Die Boeing glitt ruhig durch die klare eisblaue Luft, die Flügel glänzten in der gleißenden Sonne. Daniel Norden streckte die müden Glieder, die vom langen Flug schon ganz steif waren. Er warf einen Blick auf die Uhr. Fast drei Stunden hatte er tief und fest geschlafen, doch ein Ende des Flugs war abzusehen, in wenigen Stunden würde er wieder bei seiner Familie sein und von seinen Erlebnissen auf dem Ärztekongreß berichten, den er auf Einladung eines alten Freundes und Kollegen eine Woche lang besucht hatte.

Daniel lächelte, als er an die Kinder und seine Frau Fee dachte, die sich bald auf den Weg zum Flughafen machen würden. Besonders für die Zwillinge Jan und Dési kamen solche Ausflüge einem Abenteuer gleich, und er freute sich schon jetzt auf ihre glänzenden Augen und die stürmische Begrüßung, die ihn zweifellos erwartete.

Einige Reihen hinter Daniel Norden saß eine junge Frau, die viel für die unbeschwerten Gedanken des Arztes gegeben hätte. Gequält von schlimmer Flugangst, schmiegte sich Valentina Bach tief in die Polster des Sessels und versuchte, nicht aus dem Fenster zu schauen. Krampfhaft klammerte sie sich mit den Händen an die Armstützen, den Blick starr geradeaus gerichtet. So bemerkte sie nicht, daß sie von ihrem Nachbarn Oliver von Liebig seit geraumer Zeit spöttisch beobachtet wurde. Beim Anblick des Häuflein Elends neben sich fiel ihm unwilkürlich seine souveräne Nancy ein, für die solche Dinge wie Angst oder gar Panik Fremdwörter waren.

»Fühlen Sie sich nicht wohl?« wandte er sich schließlich mit einem süffisanten Lächeln an Valentina. »Sie haben doch nicht etwa Flug-angst?«

»Und wenn es so wäre, ginge es Sie nichts an«, gab die gereizt zurück und streifte ihn mit einem Seitenblick. Gut sieht er aus, stellte sie irritiert fest, doch diese Tatsache allein rechtfertigte seinen beißenden Unterton noch lange nicht.

»Oho, da habe ich die ganze Zeit neben einer kleinen Kratzbürste gesessen und es gar nicht bemerkt.«

»Ich sage Ihnen jetzt etwas«, brauste Valentina auf und vergaß für einen Moment ihre panische Angst. »Meine Probleme geben Ihnen noch lange nicht das Recht, Ihre schlechte Laune an mir auszulassen, verstanden? Und wenn Sie mich weiter belästigen, rufe ich die Stewardeß und lasse mir einen anderen Platz geben.«

»Das dürfte Ihnen im Augenblick schwerfallen. Die Maschine ist restlos ausgebucht.« Oliver musterte die aufgebrachte Frau neben sich belustigt. Sie hatte jetzt etwas mehr Farbe im Gesicht, und er stellte fest, daß sie eigentlich genau der Typ Frau war, den er bevorzugt hatte, ehe ihm die brünette, sehr weibliche Nancy den Kopf verdrehte.

»Machen Sie sich nur lustig über mich.« Valentinas Augen sprühten inzwischen Funken vor Zorn. »Dann verbringe ich eben die restliche Zeit auf der Toilette. Dort muß ich wenigstens nicht aus dem Fenster schauen.«

Seine kräftige Hand legte sich beruhigend auf ihre.

»Entschuldigen Sie meine Taktlosigkeit. Gewöhnlich bin ich nicht so garstig zu hübschen jungen Frauen.« Er warf ihr einen schmeichelnden Blick zu. »Aber meine Freundin hat mich gestern schmählich verlassen, und ich bin auf die Weiblichkeit im Moment nicht besonders gut zu sprechen.«

Einen Moment war Valentina wie verzaubert, doch schnell befreite sie sich aus dem Bann seiner Augen.

»Dann lassen Sie es doch einfach. Sie haben eh kein Glück.« Sie winkte der Stewardeß, die gerade durch die Reihen ging, um die Passagiere nach ihren Wünschen zu fragen, und bestellte sich eine kühlende Augenkompresse. Die legte sie mit einem vernichtenden Blick auf ihren Nachbarn an und drehte sich zur Sei-

te.

Oliver von Liebig seufzte tief. Diese Unterhaltung war nicht gerade glücklich verlaufen, und er konnte nur ahnen, welcher Teufel ihn geritten hatte. Gewöhnlich war er der Charme in Person. Doch nachdem sich Valentina so abrupt und auch noch zu Recht von ihm abgewandt hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich mit der Lektüre der aktuellen Tageszeitung zu befassen. Offenbar hatte er im Moment eine Pechsträhne, die er nicht unbedingt ausbauen wollte.

Sichtlich nervös wanderte Esther Bach auf dem Flughafen auf und ab. Sie erwartete die Maschine aus Boston, die ihre Tochter endlich wieder nach Hause bringen sollte. Valentina hatte sich einen Traum erfüllt und war zusammen mit einer Freundin mehrere Monate durch die ganze Welt gereist. Insgeheim beneidete Esther die modernen jungen Frauen von heute, die das Leben in vollen Zügen genossen. Die Emanzipation trug ihre Früchte, und im Grunde ihres Herzens begrüßte Esther diese Entwicklung, auch wenn sie ein paar Jahre zu spät für ihr eigenes Leben kam. Im Alter von Valentina hatte sie bereits als alleinerziehende Mutter für ein Kleinkind zu sorgen, und der Gedanke an eine Ferienreise war so fern gewesen wie die Sterne am Firmament.

Auch der Ritter, der sie Jahre später endlich aus ihrem Gefängnis befreite, hatte sich als Mogelpackung erwiesen. Martin Bach war ein Versager auf der ganzen Linie, log und betrog seine Frau, wo er nur konnte. Nur seine Arbeit als Autohändler trug gelegentlich Früchte, so daß nicht die ganze Last auf Esther und ihrem kleinen Blumenladen ruhte. Das alles waren gute Gründe, warum sie sich so sehr auf ihre Tochter freute, mit der sie eine große Liebe verband.

Endlich erschien auf dem Monitor, auf dem die aktuellen Flüge angezeigt wurden, daß die Maschine aus Boston gelandet war. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern, bis sie ihre geliebte Tochter endlich in die Arme schließen konnte.

*

Ungeduldig trommelte Fee Norden mit den Fingern auf das Lenkrad. Auf dem Weg zum Flugha-

fen war sie in einen Stau geraten, und es ging nur noch schleppend voran. Die Zwillinge im Wagen quengelten bereits ungeduldig, ein Ende der Verzögerung war nicht in Sicht.

»Kommt, wir spielen Automarken raten«, schlug Anneka gutmütig vor, die es sich ebenfalls nicht hatte nehmen lassen, ihren geliebten Papi vom Flughafen abzuholen.

»Super Idee. Ich fang’ an!« stimmte der kleine Jan sofort begeistert zu, doch Dési verzog ihr hübsches Gesicht zu einer Schnute.

»Keine Lust. Der Janni gewinnt sowieso immer.«

»Na komm schon, Übung macht den Meister«, versuchte Anneka ihre kleine Schwester aufzumuntern.

»Ich mag lieber was singen«, schlug Désiree vor und stimmte ein neues Lied an, das sie in der Vorschule gelernt hatte.

»Hör auf, das ist ja schrecklich!« Jan hielt sich die Ohren zu und versuchte seine Zwillingsschwester zu übertönen.

»Jetzt seid doch mal bitte still, Kinder.« Fee ertrug die Streiterei im Fond des Wagens nicht länger, und ihre eigene Nervosität steigerte die Spannung zusätzlich. »Ich kann mich überhaupt nicht konzentrieren. Jetzt drängelt sich auch noch ein Kastenwagen in unsere Spur. Als ob es hier schneller ginge!« Gereizt drückte sie auf die Hupe, um ihren Vordermann auf sein rüpelhaftes Benehmen aufmerksam zu machen. Doch den schien das nicht weiter zu stören. Er grinste frech in den Rückspiegel, um dann betont langsam weiterzufahren.

»Mami, wann sind wir endlich da? Ich muß mal auf die Toilette«, ertönte Jans klägliche Stimme von der hinteren Sitzreihe.

»Das hältst du schon noch aus, Janni«, machte Anneka einen letzten Versuch, ihre Mutter zu entlasten.

»Ich will jetzt endlich zu Papi!« stieß Dési zornig hervor und versetzte ihrem Bruder einen Knuff in die Seite, der daraufhin herzzerreißend zu weinen anfing.

Fee verdrehte die Augen und beschloß, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit auf einen Rastplatz zu fahren. Daniels Flugzeug war ohnehin schon vor wenigen Minuten gelandet, sie würde versuchen, ihn per Handy über ihre Verspätung zu informieren. Erleichtert über diese Entscheidung wurde sie sofort ruhiger und beschwichtigte ihre Kinder mit wenigen Worten. Kurz darauf wurde der Verkehr flüssiger. Fee nutzte die Gelegenheit, um den sperrigen Kastenwagen, der ihr die Sicht nahm, zu überholen. Gleich darauf erschien am Straßenrand ein Hinweisschild auf einen Parkplatz.

»Gleich halten wir an und ruhen uns ein bißchen aus. Ich versuche Papi zu erreichen, daß wir uns verspäten«, versprach sie unterdessen den Kindern.

»Aber dann muß er ja warten«, wandte Anneka besorgt ein.

»Das macht nichts. Lieber kommen wir sicher an, als daß wir vor lauter Gereiztheit einen Unfall riskieren.«

Sie setzte den Blinker, drosselte das Tempo und wechselte erneut die Spur, um gleich darauf in die langgezogene Parkbucht einzuscheren. In diesem Augenblick passierte es. Der Fahrer des Kastenwagens, der Fee schon vorher bedrängt hatte, schien sich durch ihr Überholmanöver herausgefordert zu fühlen. In überhöhtem Tempo schoß er rechts an dem Wagen der Familie Norden vorbei, verlor die Kontrolle über sein Gefährt und streifte Fees vorderen Kotflügel.

Vor Schreck schrie Felicitas auf und stieg automatisch auf die Bremse. Mit aller Kraft klammerte sie sich ans Lenkrad, um den schlingernden Wagen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Im Fond ertönte das erschrockene Geschrei eines Kindes.

»Um Gottes willen, was ist passiert?« schrie Fee in ihrer Not, ohne sich umdrehen zu können.

»Janni hat sich den Kopf angestoßen. Er blutet am Auge«, rief Anneka entsetzt. »Halt an, Mami! Ich hab’ solche Angst.«

»Ich versuche es ja. Gleich haben wir es geschafft.« Tatsächlich kam das Auto kurz darauf in der Parkbucht zum Stehen. Einen Augenblick schloß Fee die Augen, ehe sie sich zu ihren Kindern umdrehte. Jans Geschrei war nur noch ein leises Wimmern, und Anneka hielt ihn umklammert. »Was ist mit ihm?«

»Es ging alles so schnell. Ich weiß nicht, was passiert ist.«

»Ich kümmere mich sofort um ihn.« Mit weichen Knien stieg Fee aus. Dem Fahrer des Kastenwagens, der ebenfalls angehalten hatte und nun leichenblaß auf sie zukam, schenkte sie keinerlei Beachtung. Die Gesundheit ihres Kindes hatte jetzt erste Priorität.

»Laß’ mal sehen, Jan.« Mit zitternden Fingern untersuchte sie die Wunde. »Ich verstehe gar nicht, wie das passieren konnte. Du warst doch angeschnallt.«

Schuldbewußt schaute der Bub zu Boden, und Fees Blick fiel auf seinen lockeren Sicherheitsgurt.

»Christian Norden«, sagte sie streng, und eine steile Falte erschien auf ihrem Gesicht. »Hast du dich etwa während der Fahrt ausgeschnallt?«

»Bitte nicht schimpfen, Mami«, jammerte Jan betreten. »Du hast doch gesagt, wir halten gleich an. Und du bist doch so langsam gefahren. Da dachte ich...«

»Wie oft habe ich gesagt, ihr sollt euch erst abschnallen, wenn der Motor abgestellt ist«, zürnte Felicitas mit funkelnden Augen. »Das hast du jetzt davon. Die Wunde muß genäht werden, und ich hoffe, das wird dir eine Lehre sein.«

Inzwischen stand der Unfallverursacher neben Fees Auto und wußte nicht, wie er sich verhalten sollte.

»Es tut mir so leid. Ist etwas passiert?« stammelte er, als Fees Kopf aus dem Innern des Wagens wieder auftauchte.

»Mein Sohn hat eine Platzwunde am Auge, die ärztlich versorgt werden muß«, blitzte sie ihn zornig an. »Sie können von Glück sagen, daß nicht mehr passiert ist. Und nun rufen wir die Polizei, damit der Unfall aufgenommen wird. So leicht kommen Sie mir nicht davon. Fahrer wie Sie müssen aus dem Verkehr gezogen werden.«

»Wissen Sie, ich hatte vorhin Streit mit meinem Chef, da hab’ ich mich halt drüber geärgert. Und als Sie mich überholt haben, ist der Gaul mit mir durchgegangen«, versuchte er sich zerknirscht zu rechtfertigen.

»Das gibt Ihnen noch lange nicht das Recht, die Gesundheit einer ganzen Familie leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Ich hoffe, das wird Ihnen eine Lehre sein. Und jetzt rufe ich die Polizei. Sie bleiben inzwischen hier.« Felicitas hatte sich von ihrem Schreck so weit erholt, daß sie ruhig ums Auto herumging und ihre Handtasche vom Beifahrersitz holte. Einen Moment suchte sie darin herum und machte dann ein ratloses Gesicht. »Merkwürdig, ich könnte schwören, daß ich mein Handy eingesteckt habe, bevor wir losfuhren.«

»Sie können gern meines benutzen.« Beflissen reichte der kleinlaute junge Mann Fee sein Mobiltelefon, das sie nach einigem Zögern annahm und die Nummer des Notrufs wählte. Mit knappen Worten schilderte sie den Unfallhergang und beschrieb ihren Aufenthaltsort.

Nachdem sie auch von der Verletzung ihres Sohnes berichtet hatte, versprachen die Beamten, sich zu beeilen. Tatsächlich dauerte es nur wenige Minuten, bis ein Martinshorn das Eintreffen der Autobahnpolizei ankündigte.

*

Die meisten Passagiere aus Boston hatten ihre Gepäckstücke inzwischen in Empfang genommen und begrüßten freudig Verwandte und Freunde, die sich die Mühe gemacht hatten, die Ankommenden ab­zuholen. Auch Esther Bach konnte ihre Tochter nach der langen Zeit endlich wieder in die Arme schließen und betrachtete sie glücklich.

»Gut schaust du aus, mein Herzchen. Die Auszeit scheint dir gut bekommen zu sein.«