Verdammt nah am Himmel - Linda Schipp - E-Book

Verdammt nah am Himmel E-Book

Linda Schipp

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Beschreibung

Das Ende seiner Tage muss für Jack perfekt sein. Denn als Jahrgangsbester an der medizinischen Fakultät weiß er genau: Sobald das Gehirn für mehr als zehn Minuten keinen Sauerstoff erhält, erlöschen mit hoher Wahrscheinlichkeit sämtliche Funktionen des Groß- und Kleinhirns sowie des Hirnstamms. Und damit ist alles vorbei. Für immer. Rose glaubt nicht nur von ganzem Herzen, dass nach dem Tod der Himmel wartet – sie weiß es. Genau so sicher weiß sie, dass es kein Zufall ist, als sie dem Jungen mit der Top-Ten-Todesliste begegnet. Als sie erfährt, dass er weder an die Liebe noch an das Leben glaubt, nein, dass er nichts glaubt, was sich nicht beweisen lässt, überredet sie ihn zu einem wissenschaftlichen Experiment …

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Verdammt nah am Himmel

Linda Schipp

Wir danken Arthur Aron herzlichst für die freundliche Genehmigung, die ›36 Fragen‹ in diesem Buch verwenden, abdrucken und anhängen zu dürfen. Copyright © der 36 Fragen: Arthur Aron, Edward Melinat, Elaine N. Aron, Robert Darrin Vallone, Renee J. Bator (1997): The Experimental Generation of Interpersonal Closeness: A Procedure and some Preliminary Findings. In: Personality & Social Psychology Bulletin, 23(4), 01.04.1997, 363-377. Sage Publication

Copyright © 2018 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Ava Reed

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Alexander Kopainski

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-290-7

Alle Rechte vorbehalten

Für Oma Anne, Oma Christel und Opa Eugen,

weil ihr schon immer an mich geglaubt habt.

Inhalt

Vorwort

1. Wussten Sie schon?

2. In deinem Himmel

3. Schutzengel

4. Kehlkopfkrebs

5. Wie man Leben rettet

6. Einfaltshörnchen

7. Was uns ›wow‹ denken lässt

8. Mythos der Lemminge

9. Kerngesund

10. 36 Fragen

11. Katz und Maus

12. Im Wandschrank

13. Blinde Passagiere

14. Die Glücksglas-Metapher

15. Definition von Wahnsinn

16. Memories To Do

17. Leben wollen

18. Brückensprünge enden tödlich

19. C5F

20. Mädchenhaare

21. Murphy

22. Morgen

23. Wenn wir zu Sternen werden

24. Puzzleteile

25. Du und Ich

26. Konnte das Zufall sein?

27. Wenn der Himmel hinabstürzt

28. Trigger

29. Ich bin immer da

30. Alte Freunde

31. 7 Sekunden

32. Träume

33. Tanzen

34. Wie oft man durchschnittlich am Tag floh, wenn man Jack Raider hiessß

35. Es könnte mein Leben sein

36. Abstrichröhrchen

37. Dort, wo nur Worte berühren können

38. Wahrheit

39. Die Besonderheit von Namen

40. Jonah

41. Und. Ich. Dich

42. Schuld

43. Wer ist Cara?

44. Selbsterhaltungstrieb

45. Deshalb

46. Ein Streit und zwei beschissene Stunden

47. Ebenen

48. Letztes Stück Sommer

49. Sterben

50. Marie

51. Rose

52. Was wirklich wichtig war

53. Hoffnung

Epilog

Nachwort

36 Fragen

Über die Autorin

Bücher von Linda Schipp

Vorwort

Dies ist eine Geschichte über das Leben.

Eine Geschichte über den Glauben, das Hoffen und Vertrauen.

Doch das Leben ist – ebenso wie zu glauben und zu hoffen – nicht immer leicht. Insbesondere nicht für Jack, den Hauptcharakter dieses Romans. Seine Gedanken kreisen um das Thema Suizid.

Ich möchte dich hiermit darauf aufmerksam machen, dass in diese Gedanken einzutauchen und zu fühlen, was Jack fühlt, für den einen oder anderen nicht geeignet sein könnte. Auch wenn Jack und Rose frei erfunden sind – ihre Gefühlswelt ist es nicht. Unter uns gibt es Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und diese nicht noch einmal erleben wollen.

Dies ist eine Geschichte über das Leben.

Ich möchte dich einladen auf eine Reise, die dir in besonderer Erinnerung bleiben soll. Ebenso möchte ich dich bitten, vorher in dich hineinzuhorchen, ob du für diese Reise und Jacks Gefühle bereit bist.

Sollte deine Antwort ›nein‹ lauten, bin ich sehr glücklich und froh, dass dieser Hinweis seinen Zweck erfüllt hat. Es ist gut, wenn du weißt, was für dich richtig ist.

Deine Antwort lautet ›ja‹? Mit nichts könntest du mir eine größere Freude bereiten. Mach es dir bequem, lehne dich zurück und folge mir in eine laue Sommernacht über dem Fluss von Hamborough …

1

Wussten Sie schon?

Noch 18 Stunden und 4 Minuten

Die Aussicht von hier oben hatte Potenzial, fand Jack.

Er lehnte sich an das Geländer hinter ihm und ließ den Blick über seine angezogenen Knie hinweggleiten, über die im Mondlicht funkelnde Wasseroberfläche unter ihm bis ans Flussufer zu den Hochhäusern der Stadt. Wie ungleichmäßige Stapel pechschwarzer Schuhkartons ragten sie in den tiefblauen Nachthimmel. An ihren Fassaden glitzerten winzige Lichtpunkte, als wären einige Sterne auf die Erde geregnet und an den Hauswänden kleben geblieben. Die Wasseroberfläche reflektierte das Licht der Fenster und malte ein verzerrtes Spiegelbild der Skyline auf den Fluss.

Gar nicht mal so hässlich.

Jack zerrte ein zerfleddertes Notizbuch aus seiner hinteren Hosentasche, zog den Kugelschreiber aus der Ringbindung und begann, darin zu blättern. Bei seiner Liste mit der Überschrift Top Ten Orte zum Sterben hielt er an. Er musste da etwas korrigieren. Das Panorama, das sich ihm hier auf der Pearly Gates Bridge von der falschen Seite des Schutzzaunes aus bot, hatte eindeutig eine bessere Platzierung verdient. Akkurat strich Jack die kleine Sechs durch, hielt einen Moment inne und setzte dann eine Zwei daneben. Silber.

»Tut mir leid, Pearly«, murmelte er. »Keine Goldmedaille für dich. Scheint so, als wird das nichts mit uns beiden.«

Wenn er sich recht erinnerte, toppte der Ausblick von der Klippe über den Hamborough Falls die Brücke nämlich um Längen. Sein persönlicher Platz eins. Erst gestern war Jack dort gewesen und den mühseligen Pfad bis zum Ursprung des Wasserfalls hinaufgekraxelt. Einer der Felsen ragte bis über den größten der drei Wasserfälle, sodass einem feine Tröpfchen der tosenden Wassermassen bis an die Waden spritzten, wenn man sich an den Rand setzte und die Beine hinunterbaumeln ließ.

Jack sah vom Notizbuch auf und prüfte noch einmal das Bild, das sich ihm bot. Nein, mit der Klippe über dem Wasserfall konnten es die erleuchteten Wolkenkratzer und ihre verschwommenen Konturen auf dem Fluss nicht aufnehmen. Außerdem fühlte sich der Stahlträger, auf dem er saß, unbequem und im wahrsten Sinne des Wortes arschkalt unter seinem Hintern an. Dennoch war die Pearly Gates Bridge ein würdiger Kandidat auf der Liste.

Jack quetschte das Notizbuch samt Stift zurück in die Tasche seiner Jeans und prägte sich diesen Ort ganz genau ein. Seine Vorgänger hatten Geschmack bewiesen. Die Brücke trug ihren Namen nicht umsonst: Pearly Gates, eine Metapher für Himmelspforte. Bei der feierlichen Eröffnungszeremonie vor ein paar Jahren hatte man sie eigentlich Hamborough Bridge getauft. Doch dieser Name setzte sich nicht durch. Schon in der ersten Woche nach Eröffnung hatten zahlreiche Brückenspringer die neue Gelegenheit dankend angenommen, ihrem Leben schnell und schmerzlos ein Ende zu setzen. Jack wunderte das nicht. Brücken boten den Vorteil, dass zum Schluss niemand die Sauerei wegwischen musste. Außerdem durfte man bei einem Aufprall mit über einhundertzwanzig Stundenkilometern mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Tod ausgehen, schon bevor ein Tröpfchen Wasser in die Lunge eindrang. Praktisch war außerdem, dass sich anspruchsvolle Springer kein Ticket mehr ans westliche Ende der USA zur Golden Gate Bridge leisten mussten. Einen todsicheren Absprung inklusive guter Aussicht bekam man dank der Pearly Gates Bridge, der größten Brücke Connecticuts, nun auch an der Ostküste.

Jack seufzte. Was für ein ausgemachter Blödsinn. In den vier Sekunden, die der Sturz dauerte, brauchte man genausowenig ein schickes Panorama wie Tote üppige Blumenkränze auf ihren Gräbern. Doch natürlich gestand sich niemand die unromantische Wahrheit ein. Ihr Leben lang lernten die Leute, dass man sich einen netten Ausblick gern etwas kosten ließ. Ein paar Dollar mehr für die Außenkabine auf dem Kreuzfahrtschiff. Zwölf Dollar für den Fahrstuhl zur zweiten Plattform des Eiffelturms, achtzehn bis zur dritten. Und wer sich traute, den ungesicherten Brückenvorsprung der Pearly Gates Bridge entlangzubalancieren, bekam die Skyline von Hamborough sogar gratis. Das ließ man sich doch nicht entgehen. Man hatte schließlich nichts zu verlieren!

Bei diesen Gedanken konnte Jack nicht anders, als die Augen zu verdrehen. Den Tod – ebenso wie das Leben – sinnlos zu romantisieren, damit würde die Menschheit, einschließlich ihm selbst, wohl niemals aufhören. Deshalb sprangen sie von der Golden GateBridge oder der Pearly Gates Bridge und die Politiker ärgerten sich über das Image ihrer Brücken.

Jacks bescheidener Meinung nach hatten es diese Sesselfurzer allerdings nicht anders verdient.

Wer hatte denn abgesegnet, dass noch hinter dem Geländer ein Steg verlaufen sollte? Der stählerne Brückenvorsprung war wie dafür gemacht, am Abgrund entlangzuspazieren. Eine totale Fehlkonstruktion. Niemand sollte sich über Springer beschweren, solange keiner auf die Idee kam, den Brückenrand etwas besser zu sichern als mit diesem popeligen Eisenzaun. Die Brüstung reichte Jack kaum bis über den Scheitel. Sie zu überwinden, war ein Kinderspiel gewesen. Gut, fairerweise musste er zugeben, dass die physikalischen Gesetze es den Architekten schwer machten, höhere Geländer zu bauen, die den Winden oben auf der Brücke standhielten. Aber warum besaß der Zaun ausgerechnet Quersprossen? Quersprossen! Da fand selbst der ungeübteste Kletterer bequem Halt für seine Füße und konnte den Zaun erklimmen, ohne sein sorgfältig gewähltes Sterbe-Outfit zu beschmutzen.

Wer das alberne Ding bezwungen hatte, durfte ungehindert auf dem schmalen Stahlträger entlangbalancieren. Oder natürlich, wie Jack, darauf sitzen und die Aussicht genießen. Im Rücken die Brüstung, vor der Nase der verführerische Abgrund. Das glich doch einer Einladung an alle Suizidgefährdeten, oder etwa nicht? Und dann das lächerliche Blechschild am Anfang der Brücke. Die Stadt hatte es auf Empfehlung der San Francisco Suicide Prevention Stiftung am Brückenpfeiler angebracht:

Krisenberatung

Für jeden gibt es Hoffnung

Brückensprünge enden tödlich

Darunter eine Nummer und ein altmodischer Telefonhörer unter einer durchsichtigen Plastikhaube. Ob schon jemals ein Springer die Nummer gewählt oder sich durch dieses Schild von seinem Vorhaben hatte abbringen lassen?

Guten Tag, Jack Raider mein Name. Ich stehe hier am Rand der Pearly Gates Bridge und habe soeben über Ihre Infotafel erfahren, dass es für jeden Hoffnung gibt, was ja auch mich einschließt. Na, Gott sei Dank habe ich das rechtzeitig entdeckt. Gerade wollte ich in meinen Tod springen! Noch mal Schwein gehabt …

Mal ehrlich. Wer ernsthaftes Interesse daran hatte, Menschen von ihrem Todessturz abzubringen, der musste sich etwas Schlaueres einfallen lassen. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Auffangnetz unter der Brücke, wie es kürzlich für die Golden Gate Bridge beschlossen worden war? Gut, die Kosten würden sich auf knapp dreißig Millionen Dollar belaufen. Doch hieß es nicht immer, ein Menschenleben sei unbezahlbar? Die Strapazen, in ein Netz zu hüpfen und sich von dort aus bis zum Abgrund zu kämpfen, würde sicher niemand mehr freiwillig auf sich nehmen. Es nähme dem Ganzen seinen Charme.

Oder aber man schrieb etwas wirklich Relevantes auf das dumme Blechschild, wie:

Wussten Sie schon?

… dass die Wucht des Aufpralls Aorta, Leber, Milz und Herz zerfetzen kann?

… dass manche Suizidale durch gebrochene Rippen sterben, die sich in ihr Herz bohren?

… dass etwa zwei Prozent aller Brückenspringer den Sturz mit schweren körperlichen Beeinträchtigungen überleben?

… dass bis zum Eintritt des Todes Sekunden oder mehrere Minuten vergehen können?

… dass man Brückenleichen, die nicht beim Aufprall getötet worden, sondern ertrunken sind, an schaumigen Schleimblasen an den Nasenlöchern erkennen kann?

Sicherlich würde ein solches Informationsschild den ein oder anderen dazu bewegen, seine Entscheidung zu überdenken. Ihn selbst ausgenommen, versteht sich.

Jack stützte die Unterarme auf die Knie und wandte den Kopf in die andere Richtung. Auf der rechten Uferseite zeichnete sich die Kulisse der Grünen Insel schwarz vorm Horizont ab. Die Insel zählte zu den schönsten Stadtparks der USA. Tagsüber wurde sie von Spaziergängern, Joggern, Inlineskatern, Radfahrern und Touristen belagert, die sich am Strand der Hamborough Bay sonnten oder im Fluss badeten. Man konnte das fröhliche Lachen meist bis zur Brücke hören.

Eine dritte Suizid-Präventionsmaßnahme wäre wohl, die Idylle dieses Ortes zu zerstören, überlegte Jack. Man könnte an der Sicherheitsabsperrung Bilder von aufgedunsenen Wasserleichen anbringen. Wenn die Springer hinter dem Geländer balancierten, müssten sie daran vorbeilaufen. Klar, das wäre eklig. Aber nur dann würden sie den Zweck der Abschreckung erfüllen. Vielleicht konnte man die Aufnahmen mit ansprechenden Sprüchen versehen wie: Wer wird dich identifizieren? Deine Freundin? Deine Mutter?

Manche Menschen berührte so etwas. Sie wären geschockt von den Bildern und Gedanken an ihre Familie in einem Leichenschauhaus oder einer Pathologie. Bilder ihrer schluchzenden Geschwister auf ihrer Beerdigung.

Für Jack galt das nicht. Der Gedanke an Freunde und Angehörige, die seine Leiche anstarrten und mit zitternder Hand ihren Mund bedeckten, einen Klagelaut unterdrückend, bewegte ihn nicht. Es würde nicht passieren. Da war niemand, der seine sterblichen Überreste betrauern würde, denn …

Blinkendes Licht am Brückenbeginn riss Jack aus seinen Gedanken. Fuck. Ein herannahendes Auto. Bloß blinkten die Scheinwerfer normaler Autos für gewöhnlich nicht. Das tat lediglich das Warnsignal von Einsatzfahrzeugen – wie zum Beispiel von Polizeiautos. Scheiße, wer hatte die gerufen?

Sein Blick zuckte von links nach rechts auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit. Seitlich von ihm erstreckte sich nur der Stahlträger, auf dem er saß. Vor ihm der gähnende Abgrund, hinter ihm die Absperrung zur Straße. Keine Möglichkeit zu entkommen.

So eine Kacke.

Für einen Plausch mit dem Polizeipsychologen fehlte Jack die Geduld. Floskeln wie »Es gibt für alles eine Lösung« und »Sir, bitte bewahren Sie mich davor, Ihrer Mutter heute sagen zu müssen, dass der Körper ihres Sohnes am Grunde des Flusses liegt!« brachten seinen Puls schneller zum Rasen als Menschen, die behaupteten, alles im Leben hätte einen Sinn.

Er fragte sich jedes Mal, für wie dumm ihn diese Psychologen halten mussten, wenn sie glaubten, ihn beraten zu können, ohne seine Situation zu kennen. Schon der Versuch, ihn umzustimmen, kam für Jack einer Beleidigung verdammt nah. Indirekt warfen sie ihm damit vor, unüberlegt zu handeln. Als hätte er seinen Willen zu sterben nicht gründlich durchdacht. Selbstverständlich hatte er das. Jack Raider traf keine Entscheidungen, die er vorher nicht von allen Seiten analytisch betrachtet hatte. Denn er wusste, was passierte, wenn man es versäumte. Er spürte die Konsequenzen noch immer in jeder Zelle seines Körpers, sobald er an diese eine Nacht im Herbst dachte. Was bedeutete: in jeder Scheißsekunde seines Lebens.

Jack machte sich ganz klein, zog die Beine eng an seinen Körper und presste den Rücken ans Geländer. Er wagte es nicht, sich umzudrehen.

Vielleicht waren sie ja gar nicht auf dem Weg zu ihm, sondern zu einem Einsatz, der sie über die Brücke führte. Vielleicht hatte er Glück. Oder aber das hier war wie in diesem Artikel, den er mal gelesen hatte: Kurz bevor Menschen wie er ihr Leben beenden wollten, litten manche von ihnen unter Halluzinationen, die wie aus dem Nichts auftauchten. So glaubte beispielsweise ein Mann, der kurz davorstand, aus dem siebten Stock zu springen, seine verstorbene Mutter zu sehen, die in der Zimmertür stand und ihm beruhigend zuredete. Man nannte das teleologische Halluzinationen. Jacks Vermutung nach eine vom Selbsterhaltungstrieb ausgelöste Reaktion auf die Angst vor dem Tod.

Vielleicht passierte ja gerade etwas Ähnliches und das herannahende Auto existierte lediglich in seiner Fantasie.

Pff. Wer’s glaubte. Jack war suizidgefährdet, nicht durchgedreht. Und außerdem der rationalste Mensch auf diesem Erdball.

Jack hörte, wie das Auto auf seiner Straßenseite direkt hinter der Brüstung zum Stehen kam, und kniff die Augen zusammen. Die einzige Chance, einer nervtötenden »Tun Sie nichts Unüberlegtes«-Diskussion aus dem Weg zu gehen, war, tatsächlich zu springen. Das würde Jacks Planung allerdings zunichtemachen. Auf Platz eins der Top Ten Orte zum Sterben stand schließlich die Klippe über den Hamborough Falls, nicht diese Brücke. Jack hatte sich nicht umsonst die Mühe gemacht, jeden einzelnen Ort seiner Liste persönlich zu überprüfen.

Natürlich könnte er auch einfach klarstellen, dass er lediglich die Aussicht genossen hatte und nicht wirklich springen wollte. Letzteres entsprach sogar der Wahrheit. Allerdings würden sie ihn nach seinen Personalien fragen. Bei der Aussicht, seine Identität der Polizei preisgeben zu müssen, war es besser, es gleich durchzuziehen. Scheiß auf die Liste, scheiß auf seinen Plan.

Jack öffnete die Augen, robbte zum Rand des Vorsprungs und schwang die Beine über die Kante. Seine Füße baumelten im Nichts. Die Brücke war zu hoch, als dass er in der Dunkelheit die Wasseroberfläche erkennen konnte.

Von der Straße drang das Geräusch einer sich öffnenden Autotür zu ihm.

Das war’s also. Jack holte Schwung, um sich vom Rand abzustoßen, als ohrenbetäubender Lärm die Stille der Nacht durchschnitt und ihm um ein Haar das Trommelfell zerfetzte. Der Schreck ließ ihn zurückfahren, unsanft stieß er mit dem Hinterkopf gegen das Geländer. Kurz setzte sein Sehvermögen aus, sein Herz raste wie nie zuvor.

Er runzelte die Stirn. Der Krach, der aus dem Auto drang, klang verdächtig nach Britney Spears’ Baby One More Time. Polizisten im Einsatz hörten für gewöhnlich nicht Britney mit wummernden Boxen, das wusste Jack aus Erfahrung. Irgendetwas stimmte hier nicht.

Vorsichtig drehte Jack seinen pochenden Schädel und warf einen Blick zwischen den Gitterstäben hindurch auf die Straße. Der Wagen, der nicht mal zwei Meter hinter ihm unter dem schwachen Licht einer Laterne stand und die Fahrbahn blockierte, sah eher nach einem abgeranzten VW Polo aus als nach einem Streifenwagen. Außerdem war das rhythmische Blinken weder blau noch stammte es vom Autodach. Es war das Warnblinklicht. Kein Blaulicht.

Keine Polizei.

Jack atmete auf. Das bedeutete jedoch nicht, dass das Auto nicht trotzdem seinetwegen angehalten hatte. Auf der Pearly Gates Bridge gab es keinen Seitenstreifen. Es war gefährlich, mitten auf der Straße zu stoppen, selbst mit eingeschaltetem Warnblinklicht und obwohl die Brücke nachts wenig befahren wurde. Unwahrscheinlich, dass der VW Polo durch Zufall genau an der Stelle hielt, wo Jack auf dem Brückensims hockte.

Shit. Warum hatte eigentlich jeder das Gefühl, er müsste sich in anderer Leute Leben einmischen? Niemand würde an der Supermarktkasse seinem Vordermann auf die Schulter tippen und sagen: »Entschuldigen Sie, könnten Sie Ihre Gurke vielleicht gegen eine Zucchini eintauschen? Ich mag keine Gurken«.

Weder ging es die Menschen etwas an noch beeinflusste es ihr Leben, ob Jack eine Gurke oder eine Zucchini kaufte. Ebenso wenig hatte es die Leute zu kümmern, ob er seine Hirnfunktionen zum Erliegen bringen wollte oder nicht. Doch das verstanden sie nicht. Sobald er eine Entscheidung traf, die die Menschen nicht guthießen, rissen sie sämtliche Mauern der Privatsphäre ein, stürmten Jacks Privatgrundstück und entmündigten ihn. So war es schon immer gewesen. Sie zwängten ihm ihre Meinungen auf. Dabei hatte niemand eine Ahnung, was richtig war und was falsch. Ob er Gurken mochte oder Zucchini. Oder ob er auf beide allergisch reagieren und daran ersticken würde.

Ein dunkel glänzender Haarschopf tauchte aus der geöffneten Fahrertür auf und erhob sich über das Autodach. Lange Haare fielen über zwei nackte Schultern, ihre Besitzerin schüttelte sie zurück. Sie hatte eine auffällig aufrechte Haltung, locker und selbstbewusst zugleich.

Überrascht zog Jack die Augenbrauen hoch. Den Mut, einen Verrückten wie ihn vom Springen abzuhalten, hätte er einer jungen Frau wie ihr nicht zugetraut. Sie konnte nicht wissen, wer sie erwartete. Was, wenn er plante, sie mit in den Tod zu reißen? Jack beschloss, ihr Verhalten unverantwortlich zu finden. Unverantwortlich und dumm.

Versteckt hinter der Brüstung auf der anderen Seite beobachtete Jack, wie sie sich die Haare aus dem Gesicht strich, das im Schatten lag. In ihrer Aufregung hatte sie anscheinend vergessen, die Musik runterzudrehen. Ein Suizidaler, der sich vorher Mut angetrunken oder gespritzt hat, wäre nun mit Sicherheit in Panik verfallen und hätte sich bei Britneys Geplärre in die Fluten gestürzt. Glück gehabt, Kleine. Bislang hast du mit deiner Schusseligkeit niemanden umgebracht.

Durch die hinteren Scheiben sah Jack, wie sie hastig ihren Rock runterzog, der im Sitzen hochgerutscht war. Jeden Moment würde sie sich umdrehen, Jack aus schreckgeweiteten Augen anstarren und den Mund stumm wie ein Karpfen öffnen und schließen. Dann würde sie das obligatorische »Bitte spring nicht« hervorpressen und sich damit absolut lächerlich machen. Vielleicht sollte er einen dermaßen irren Gesichtsausdruck aufsetzen, dass sie ihren Hintern augenblicklich wieder in ihre Schrottkiste schwingen und mit quietschenden Reifen davonpreschen würde.

Jack konnte nicht anders, er musste sie anstarren, während sie unelegant ihre Kleidung zurechtzupfte. Warum zur Hölle ließ sie sich so viel Zeit? Hatte sie nicht ein Leben zu retten? Plötzlich … Jack traute seinen Augen nicht.

Ungeniert, als würde niemand zusehen, griff sie hinter sich und pfriemelte durch den Rock hindurch ihre Unterhose aus ihrer Poritze. Sie trug also einen String. Hat sie nicht getan. Jack konnte sich nicht entscheiden zwischen Fassungslosigkeit und Belustigung. Hätten seine Lippen gewusst, wie das funktionierte, hätte er vielleicht sogar gelächelt.

Noch immer machte sie sich keine Mühe, ihm ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Stattdessen wandte sie sich zum Kofferraum und tänzelte im Takt der Musik darauf zu. Als der Refrain einsetzte, schleuderte sie ihren Kopf hin und her, ihre Haare flogen um ihr Gesicht. Aus voller Kehle sang sie mit, eine helle Stimme, unfassbar schief. Als hätte sie alle Zeit der Welt, öffnete sie den Kofferraum, beugte sich vor, als müsste sie etwas in dem Gerümpel suchen. Dabei wackelte sie mit dem Hinterteil zum Beat. Baby One More Time. Das Warnblinklicht links und rechts von ihr war das Rampenlicht zu ihrer Showeinlage. Nach kurzer Zeit schnellte ihr Oberkörper zurück, aus dem Kofferraum heraus und sie hielt triumphierend ihr Smartphone in die Luft.

Für den Bruchteil einer Sekunde erhellte das Warnblinklicht ihre Gesichtszüge. Im Halbdunkel glaubte Jack große Augen zu erkennen und zu dichte, breite Brauen. Etwas zu volle Lippen und rosige Wangen. Waren das Grübchen auf beiden Seiten oder nur Schatten?

Sie erinnerte ihn an ein Mädchen, das er einmal gekannt hatte.

Genauso plötzlich, wie ihr Gesicht angeschienen worden war, kehrte sie ihm wieder den Rücken und hüpfte mit wirbelnder Mähne zum Fahrersitz. Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, verstummte die Musik, das Warnblinklicht erlosch. Der Motor startete knatternd, der Wagen setzte sich in Bewegung und verschwand mit ihr hinter der Wölbung der Brücke auf der Stadtseite von Hamborough.

Es war totenstill auf der Pearly Gates Bridge.

Augenblicklich stürzte sich die Dunkelheit über Jack. Sie umhüllte ihn, brachte ihn innerlich zum Zittern, obwohl sich die Sommerluft auf seiner Haut warm anfühlte. Jack war länger als eine Minute abgelenkt gewesen. Um ein Haar hatte er einen Hauch von Normalität verspürt. Er hatte weder an den Tod gedacht noch an den Grund, warum es nötig war zu sterben. Immer wenn er einen Moment lang nicht daran dachte, war es umso schmerzhafter, wenn die Erinnerungen zurückkehrten. Die Erinnerungen, wie …

Jack verjagte die aufkommenden Bilder des grauen Herbsttages, der alles verändert hatte.

Jedes einzelne Mal, sobald sich die Erinnerung in seine Gedanken drängte, überrollte ihn die Finsternis wie am allerersten Tag. Sie zwang ihn in die Knie. Verhöhnte ihn, wie er so dumm sein konnte zu glauben, er könnte sie jemals verdrängen. Das Erlebnis und die eiskalte Hand, die sein Herz seit diesem einen Tag fest umklammert hielt. Sie ließ ihn nicht los. Sie würde ihn niemals loslassen. Sie alle nicht.

Die Angst. Die Erinnerung. Die Schuld.

Augenblicklich sprang Jack auf und klammerte sich an die Gitterstäbe. Er versuchte gar nicht erst, die stechende Kälte in seiner Brust niederzukämpfen. Das Mädchen, es hatte nicht seinetwegen am Straßenrand gehalten. Natürlich nicht. Warum auch? Sie hatte lediglich ihr Handy aus dem Kofferraum holen wollen. Vielleicht hatte sie gecheckt, was es Neues bei Instagram gab, oder sie wollte ein Foto der Aussicht von der Pearly Gates Bridge auf Snapchat posten. Irgendwas eben. Irgendwas, das wichtiger war als sein erbärmliches Leben. Er konnte es ihr nicht verübeln.

Wenigstens würde er nun sein ursprüngliches Vorhaben in die Tat umsetzen können.

Jack wandte sich in Richtung der mit Hochhäusern gesäumten Uferseite, zu der auch das Mädchen im Auto verschwunden war. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, darauf bedacht, auf dem schmalen Vorsprung das Gleichgewicht zu halten. Seine Knie zitterten leicht. Der Schreck der lauten Musik von eben saß ihm nach wie vor in den Knochen. Es wäre ärgerlich, wenn sein Plan, am perfekten Ort zu sterben, im wahrsten Sinne des Wortes den Bach runtergehen würde. Nur weil er zu blöd gewesen war, auf seinen zwei Füßen zu stehen.

Er hielt sich an den Gitterstäben der Sicherheitsabsperrung fest. Gut achthundert Meter musste er bis zum Ende der Brücke auf der Stadtseite von Hamborough zurücklegen. Dort würde er über das Brückengeländer auf die Straße klettern und seinen letzten Weg antreten. Bis zu den Wasserfällen waren es vielleicht zwei Stunden Fußmarsch.

Zwei Stunden noch.

Das bedeutete, er würde die Sonne nie wieder aufgehen sehen.

Gut.

Jack hatte keine drei Schritte in Richtung des Ufers gemacht, als zum zweiten Mal ein Geräusch die gespenstische Stille der Nacht durchbrach. Ein Knall, der charakteristische Lärm eines Autounfalls, gekommen aus der Richtung, in die Jack gerade lief. Der Lautstärke nach zu urteilen, ein paar Hundert Meter entfernt, wenn man mit einberechnete, wie das Flusswasser den Schall trug.

Jack hielt in der Bewegung inne und hoffte, es hatte nicht das Mädchen getroffen. Das wäre unfair. Sie war so … lebendig. Er hätte in dem Auto sitzen müssen, von dem mit Sicherheit nicht viel mehr übrig blieb als ein Haufen Schrott. Nicht sie … Ihr ganzes Leben hatte noch vor ihr gelegen.

Andererseits: Das Leben war scheiße.

Ein Glück, dass er sich damit nicht mehr allzu lange rumplagen musste.

Ob sie wohl dazu gekommen war, den Song zu Ende zu singen?

2

In deinem Himmel

Sie hatte immer geglaubt, wenn sie einmal sterben musste, würde ihr ganzes Leben an ihr vorbeiziehen. All die glücklichen Erinnerungen an ihre Kindheit. Die Wasserbahnfahrt im Freizeitpark und das eine Mal am Strand, als sie ihrer Cousine eine Meerjungfrauenflosse aus Sand gebaut hatte. Man konnte mit den Beinen hineinschlüpfen und sich wie eine echte Sirene fühlen. Ihr Abschlussball, zu dem Corban Reed sie ausgeführt hatte. Der Kuss danach. Das Weihnachtsfest, an dem sie den süßen VW Polo von ihrer Oma geschenkt bekommen hatte.

Jenen VW Polo, der jetzt einen Laternenmast umarmte. Mist.

Gerade noch hatte sie Britneys Neunziger-Hit geschmettert, dessen genauer Titel ihr nicht mehr einfiel – Hit me? –, an den Songtext erinnerte sie sich dafür umso besser. Dabei hatte sie das Gefühl genossen, die Pearly Gates Bridge hinunterzurollen, rein in die schönste Stadt der Welt. Sobald sie die Brücke überquerte, überkam sie jedes Mal dieses unbeschreibliche Gefühl von Heimat. Hamborough. Hier gehörte sie her. Auf die asphaltierten Straßen von Downtown, unter die Neonlichter der Werbetafeln. An den Sea Wall, wo es im Sommer unerträglich war zu joggen, weil die verglasten Hochhäuser des Bankenviertels das Sonnenlicht reflektierten und so den Asphalt erhitzten. Ins historische Viertel mit seinen urigen Cafés.

Fast hatte sie auch das letzte Stück der Brückenrampe hinter sich gelassen, da spürte sie dieses kurze Stechen in der Brust. Ehe sie sich fragen konnte, was das zu bedeuten hatte, saß sie nicht mehr im Auto, sondern schwebte irgendwo darüber. Es hatte nicht einen Wimpernschlag gedauert, um sie vom Steuer des Fahrzeuges in die Vogelperspektive zu befördern. Als hätte ein Schleudersitz sie raus aus ihrem Wagen in die Lüfte katapultiert. Sie flog! Sie schwebte meterhoch über der Straße. Was zum …? Ihr blieb keine Zeit, sich darüber zu wundern.

Alles ging ganz schnell.

Aus luftiger Höhe musste sie mit ansehen, wie ihr geliebtes Auto das letzte Stück der Brücke ohne sie hinunterrollte, die Brücke hinter sich ließ, auf der befestigten Straße weiterfuhr, jedoch der ersten Kurve hinter der Brückenrampe nicht folgte. Wie auch, ohne Fahrerin? Schließlich flog die Fahrzeugführerin über ihrem Auto, anstatt hinterm Steuer zu sitzen, wie es sich gehörte. Ungebremst ruckelte der Polo über die Bordsteinkante des Bürgersteiges und traf mit einem ohrenbetäubenden Knall auf eine Laterne. Die Motorhaube schob sich zusammen wie eine Ziehharmonika, die Windschutzscheibe zersprang in Abermillionen Teilchen. In Zeitlupe konnte sie verfolgen, wie sich die Laterne in den Motorraum bohrte, die Teile darin quollen zu allen Seiten heraus. Das Vorderrad auf der Beifahrerseite drehte sich unnatürlich nach außen, sprang ab und flog meterweit durch die Luft. Der Aufprall verzog die Karosserie des Wagens, sodass die Beifahrertür aufsprang und ebenfalls dem Laternenmast zum Opfer fiel. Rauch stieg auf.

Könnte teuer werden.

Fassungslos starrte sie die kümmerlichen Überreste ihres geliebten Autos an, da verschwanden die Konturen des Wagens in gleißendem Licht. Sie musste die Augen zusammenkneifen und sie mit ihrem Unterarm abschirmen, denn auf einmal war es taghell. Als würde sie eine Armlänge von der Sonne entfernt stehen.

Zögerlich öffnete sie die Augen. Blinzelte. Drehte den Kopf in alle Richtungen. Es war, als stünde sie im Zentrum einer hell erleuchteten Kugel. Einer großen Kugel.

Der Wagen war weg.

Bitte nicht.

Sie blinzelte noch ein paar Mal gegen die Helligkeit an, bis sich ihre Netzhaut endlich an die neue Umgebung gewöhnte.

Augenblicklich begann ihr Herz zu rasen. Nein, nein, nein. Wenn es das war, was sie glaubte, konnte sie es überhaupt nicht gebrauchen.

Sie befand sich in einer Halle. Der leuchtende Boden reichte bis zum Horizont, sie sah kein Ende. Die Wände in der Ferne, wenn sie denn existierten, waren konturlos, bestanden aus purem Licht. Die Stille in der Halle war so vollkommen und ungewohnt, dass sie sich unangenehm in ihrem Kopf anfühlte.Das durfte einfach nicht wahr sein. Wie auf Kommando wurden ihre Hände schweißnass. Sie träumte. Man hatte ihr etwas ins Glas gemischt. Bestimmt gab es eine vernünftige Erklärung dafür, warum dieser Ort hier verdammt doll nach dem Jenseits aussah.

Sie atmete tief durch. Ein und wieder aus. Ein und wieder aus. Okay. Sie musste ehrlich zu sich sein, besser früher als später. Sie befand sich eindeutig im Jenseits. Wo sonst könnte es schon leuchtende Böden und Wände aus Licht geben? Und wenn nicht die Kollision ihres ungebremsten Autos mit einer Laterne, die sie mit eigenen Augen aus der Vogelperspektive beobachtet hatte, dafür sprach, dass sie soeben gestorben war, was dann?Es bestanden keine Zweifel: Sie befand sich wirklich und leibhaftig im Himmel.

Sie runzelte die Stirn. Allerdings hatte sie mit etwas mehr gerechnet als dem Klischee, das Hollywood ihr schon Tausende Male vorgesetzt hatte. Eine unendliche Halle. Dies sollte der Ort sein, den die Weltreligionen verehrten? Das Haus Gottes? Wenn er wirklich hier wohnte, musste er ganz schön aus der Puste sein, wenn er mal das Zimmer wechseln wollte.

Sie drehte sich um die eigene Achse. Nichts als Leuchten und Weite in allen vier Himmelsrichtungen. Selbst wenn sie ein paar Schritte vorwärtsging, änderte sich nichts an ihrer Umgebung. Als würde sie auf der Stelle laufen. Frustrierend.

Sie kniff die Augen zusammen und starrte in die Endlosigkeit, bis es wehtat. Hieß es nicht immer, im Himmel gäbe es keinen Schmerz, nur unendliche Liebe und ein Gefühl der Befreiung? Fehlanzeige. Zwar fühlte es sich seltsam vertraut an, hier zu sein, nahezu selbstverständlich. Jedoch stach ihr das Licht in den Augen und sie wurde zunehmend nervöser.

Ungeduldig verschränkte sie die Arme vor der Brust. Es wurde Zeit, dass jemand auftauchte, dem sie erklären konnte, weshalb hierzubleiben absolut keine Option darstellte. Sie wurde schließlich gebraucht auf Erden! Dafür musste sie sich eine Strategie zurechtlegen. Eine verdammt gute noch dazu. Wer auch immer hier gleich auftauchen würde, mit Sicherheit hatte er oder sie Erfahrung mit diskussionsfreudigen Jung-Verstorbenen, die glaubten, ihr Verhandlungsgeschick reiche aus, um mit dem Tod um ihr Leben zu feilschen …

»Ah, Rosalie! Da bist du ja.«

Sie fuhr herum und stolperte vor Schreck einen Schritt zurück. Dort, wo vor einer Sekunde lichte Leere geherrscht hatte, grenzte nun ein Büro an die Halle. Auf weißem Holzboden protzte ein schwerer weißer Schreibtisch. Auf der einen Seite begrenzte ein Bücherregal das Zimmer, auf der anderen Seite … nichts. Wo eine Wand stehen müsste, ging das Büro nahtlos über in eine endlose Wiesenlandschaft.

Ein junger Mann fläzte sich in einem Sessel am Schreibtisch, offenbar hatte er gelesen. Nun, da er Rosalie entdeckt hatte, pfefferte er das Magazin in eine Ecke des Raumes – hatte sie da gerade das Logo des Playboy gesehen? – erhob sich schwungvoll und lief um den Tisch herum. Seine langen Beine steckten in beigefarbenen Chinos, ein weißes T-Shirt spannte sich um seinen schlanken Oberkörper. Rosalie konnte die Situationen, in denen sie sprachlos war, an einer Hand abzählen. Diese hier zählte dazu.

Ein gutes Stück von ihr entfernt blieb er stehen. Seine Gestalt in voller Größe wirkte einschüchternd auf sie, fast schon Furcht einflößend. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals, ihre Hände schwitzten. Ihm zu erklären, dass sie auf die Erde zurückkehren musste, dürfte nicht leicht werden. Nachdem er ihr einen Moment ruhig in die Augen geblickt hatte, nickte er würdevoll.

»Sei gegrüßt.«

In Ermangelung einer besseren Reaktion nickte sie ebenfalls und hoffte, ausreichend respektvoll zu wirken. Wieso brachte einem niemand bei, wie man sich im Himmel zu verhalten hatte?

»Äh … Sie ebenso.«

Der junge Mann brach in schallendes Gelächter aus, überwand die letzten paar Meter zwischen ihnen und klopfte ihr freundschaftlich auf den Rücken.

»Warum zur Hölle glauben eigentlich alle, dass wir hier oben sprechen wie versnobte römische Kaiser? Hi.« Er legte ihr einen Arm um die Schulter und geleitete sie zu einem weißen Stuhl, den sie vorher gar nicht gesehen hatte. Und von dem sie sicher war, dass er vorher auch nicht dort gestanden hatte. »Setz dich, setz dich.«

Sie tat wie ihr geheißen und knetete ihre Finger im Schoß. Der junge Mann lief um den Tisch herum, schmiss sich wieder in den Sessel und verschränkte die Füße auf der Tischplatte.

»So. Rosalie ist doch in Ordnung?«

»Rose«, antwortete sie, bevor sie darüber nachdenken konnte, ob es Konsequenzen hatte, im Himmel zu widersprechen.

Der Mann schien unbeeindruckt. »Ah. Siehst auch nicht aus wie eine Rosalie.«

Überrascht blickte sie auf. Genau das fand sie auch, allerdings konnten das die wenigsten nachvollziehen. In ihrer Vorstellung waren Rosalies goldblond, trugen rosa Kleidchen, hinterließen Eindruck bei den Schwiegereltern und antworteten stets diplomatisch. Zu dieser Kategorie zählte sie eindeutig nicht. Dafür machte ihr loses Mundwerk ihr zu oft einen Strich durch die Rechnung. Ach, mehr noch, es zerriss die Rechnung in tausend Teile und verbrannte sie.

Da er keine Anstalten machte, weiterzusprechen, ergriff Rose die Initiative.

»Und … wer sind Sie?«

»Was glaubst du denn?«, schoss er zurück und ließ sie nicht aus den Augen.

»Wenn ich dort bin, wo ich denke …«

»Bist du.«

»Tja, ich kenne nur eine Person im Himmel. Und das ist Gott.«

Kaum hatte sie es ausgesprochen, schoss ihr das Blut ins Gesicht. Vielleicht war es keine gute Idee, gleich am Anfang hinauszuposaunen, was für eine schlechte Gläubige sie war. Die Bibel hatte sie nur im Religionsunterricht gelesen, die Kirche nur an Heiligabend besucht. Sie hatte keinen blassen Schimmer, wer und wie viele Personen nach christlichem Glauben im Äther residierten. Nur Gott? Oder auch Jesus? Seine Jünger? Moment, einer hatte ihn verraten, nicht wahr? Der würde bestimmt nicht in der Himmels-WG wohnen. Oh Mann, wenn es so etwas wie die Hölle gab, hatte sie gerade den Freifahrtschein dorthin gewonnen.

»Keine Sorge. Du schlägst dich gar nicht schlecht«, beruhigte der Kerl sie und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Rose fiel die Kinnlade herunter, seine blauen Augen funkelten belustigt.

»Jep, ich kann deine Gedanken lesen.«

Sie schloss den Mund wieder. Ihr Hirn ratterte förmlich. Herr im Himmel, es fiel ihr schon schwer, ihre Zunge im Zaum zu halten. Wie sollte ihr das mit ihren Gedanken gelingen? Unruhig rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her. Der Typ im Sessel musterte sie abwartend. Anscheinend war sie am Zug.

»Also bist du es? Gott, meine ich?«

»Wenn das der Name ist, den du der übergeordneten Instanz, an die du glaubst, geben möchtest, dann ja«, antwortete er. »Du kannst mich nennen, wie du willst. Allah, Brahma, Adonai, Jahwe, Herr, Vater oder Gott. Auch Liam wäre okay.« Er grinste. »Nicht mein Name bestimmt, wer ich bin. Dass du hier bist, zeigt, dass du an eine höhere Macht glaubst – das ist alles, worauf es ankommt. Wie du mich ansprichst, ist nicht bedeutsam.«

Sie musterte erneut seine freundlichen Augen und den Dreitagebart. Er wirkte so jung, spontan. Hatte den Schalk im Nacken sitzen. Er sah eher nach einem Liam aus als nach Gott.

Gott gluckste. »Wie ein Liam sehe ich aus, soso. Das ist in Ordnung. Es ist schließlich dein Himmel.«

Überrascht sah Rose auf, erinnerte sich aber wieder daran, was er ihr soeben offenbart hatte. Er las ihre Gedanken. Na großartig.

»Was genau bedeutet das? Mein Himmel?«

»Schön, dass wir gleich zum Punkt kommen. Es ist allerdings nicht leicht zu erklären, wie das Jenseits funktioniert, Rose.« Er seufzte, schwang die Beine vom Tisch und erhob sich. »Bitte werd nicht wieder ungeduldig, solltest du etwas nicht sofort verstehen. Wie gesagt, es ist kompliziert. Pass auf: Meine Mittel sind übermächtig und sie werden es immer sein. Dieser Ort hier ist eine Möglichkeit, mich für den menschlichen Verstand greifbar zu machen.« Er machte eine Sprechpause und gab Rose damit einen Augenblick, um die Informationen zu verdauen. »Lass mich dir ein Beispiel geben: Du denkst, du hörst meine Worte. Doch Hören ist nur der Vorgang, den du aus deinem Leben als Mensch kennst. Im Himmel brauchst du keine Ohren, keine feinen Härchen, die den Schall in deinem Gehörgang formen. Nicht mal ein Gedächtnis benötigst du, um zu verarbeiten, was du wahrnimmst. Im Himmel brauchst du nichts davon. Aber das geht über deinen menschlichen Verstand hinaus. Deshalb sagst du: Ich höre. Deshalb siehst du, was du siehst. Deshalb hast du meine Instanz in einen menschlichen Körper gesteckt, der«, er schmunzelte, »Liam Hemsworth nicht unähnlich sieht. Nebenbei bemerkt.«

Oh, wow. Rose riss die Augen auf, musterte ihn von oben bis unten. Er sah wirklich aus wie Liam Hemsworth. Darum hatte er diesen Namen vorgeschlagen.

»Tja, da bekommt die Beschreibung göttlich gleich eine ganz neue Bedeutung, was?«

Ihr Herz pochte schneller. Mein Gott, war das peinlich. Was hatte es zu bedeuten, dass sich ihr Gehirn Gott vorstellte wie einen ziemlich heißen Schauspieler? War das nicht ein wenig … krank? Sie schob den Gedanken beiseite. Darum musste sie sich später kümmern. Es war kompliziert genug, die Erklärungen des Mannes im Körper von Liam Hemsworth nachzuvollziehen.

»Das bedeutet«, setzte Rose an, »alles, was ich sehe, höre, fühle – die Halle, das Büro, die Blumenwiese hinter dir, du selbst –, nichts davon ist real?«

»Exakt. Es ist lediglich eine Projektion des Göttlichen in deiner menschlichen Vorstellungskraft. Das Göttliche selbst wäre zu groß, um es mit deinen eingeschränkten menschlichen Möglichkeiten zu erfassen. Deshalb formt es dein Verstand um in eine für dich begreifbare Wahrnehmung.«

Rose zog die Stirn kraus. »Mein Himmel entspringt meinen eigenen Gedanken. Er ist so, wie ich ihn mir vorstelle.«

»Ganz genau«, freute sich die Gestalt namens Gott, namens Allah, namens Liam und ließ sich wieder in den Sessel fallen.

»Das heißt«, Rose hatte das Gefühl, ihre Synapsen klappern zu hören, »jeder hat recht und unrecht zugleich. Die Muslime, die Christen. Sie haben recht mit dem, was sie glauben, in Bezug auf ihren eigenen Himmel. Sie haben unrecht in Bezug auf den Himmel der anderen. Weil jeder den Himmel bekommt, den er sich vorgestellt hat.«

»Rosalie, Rosalie.« Gott schnalzte bewundernd mit der Zunge. »Du kluges Geschöpf. Na ja, vielleicht hattest du auch nur einen guten Schöpfer und Lehrmeister.« Er klopfte sich selbst auf die Schulter. Sein Lächeln war ansteckend. »Vielen Dank übrigens, dass ich in deinem Jenseits ein humorvoller Gott sein darf. Und gut aussehend noch dazu. Die Rolle wird mir selten zuteil.«

Rose lächelte verunsichert. »Wie stellen sich die Leute dich normalerweise vor?«

Er zuckte mit den Schultern und ließ sich etwas tiefer in den Sessel sinken.

»Das hängt von ihren Erfahrungen auf der Erde ab. Von der Art, wie sie aufwachsen, von den Geschichten, die sie als Kinder hören. Von der Kultur und ihrer Religion. Manche Elemente überdauern schon seit Jahrhunderten in den Vorstellungen der Menschen. Meist sind es Elemente mit symbolischem Charakter. Vor eurem geistigen Auge bin ich alt, mit langem Bart und tiefen Falten, weil ihr in meine Weisheit und Erfahrung vertraut. Sieh dir die Bücherwand an.« Er ließ den Blick durch den Raum schweifen, das Bücherregal hoch, dessen oberes Ende im Licht verschwand. Rose folgte seinem Blick.

»Die Bücherwand ist deine Art, einen Glauben an einen allwissenden Gott auszudrücken. Wir sitzen in einem Büro – deine verbildlichte Vorstellung eines Gottes, der den Menschen ihren Weg weist. Der sie managt, um es moderner zu formulieren. Nur leider«, er lachte freudlos auf, »lassen sich die Menschen von Bildmedien gleichermaßen inspirieren wie von Geschichten. Mir waren die Zeiten lieber, in denen die Menschen noch ihre eigene Fantasie bemühten. Heute sitze ich tagtäglich unzählige Male in der gleichen Halle wie Bruce Allmächtig oder stehe an King’s Cross wie Harry Potter und Dumbledore. Ich sehe auch häufig aus wie Dumbledore.«

Gott blickte so finster drein, dass Rose grinsen musste.

»Manchmal wünschte ich, jene Leute, denen die zehn Gebote geläufig sind, würden sich das dritte mehr zu Herzen nehmen: Du sollst Dir kein Gottesbildnis machen.« Er zwinkerte ihr zu. »Allerdings ist diese Bitte, wenn man sie wörtlich nimmt, eine Krux. Vergleichbar mit dem Auftrag: Denken Sie jetzt auf gar keinen Fall an eine lilafarbene Kuh.«

Rose musste lachen, gleichzeitig dröhnte ihr Schädel. Die Situation forderte ihr dermaßen viel Konzentration und Energie ab, dass ihr Gehirn für sämtliche Denkprozesse länger zu brauchen schien als gewöhnlich. Sie kam kaum hinterher, die vielen Eindrücke zu verarbeiten. Als würde sie mit dem Denkapparat einer Raupe die Erdkrümmung berechnen müssen.

Eigenartig. Die meisten Menschen, die berichteten, schon einmal tot gewesen zu sein, sprachen von grenzenlosem Wissen, das sich ihnen in dem Moment offenbarte, in dem sie starben. Sie erhielten Antworten, bevor sie Fragen stellten. Davon hatte Rose schon oft gelesen. Wie konnte sie an einem Ort namens Himmel auf die Fähigkeiten ihres menschlichen Körpers beschränkt sein? Müsste sie nicht irgendwie … körperlos sein?

»Genau genommen befindest du dich noch nicht im Himmel«, antwortete Gott auf ihre unausgesprochenen Gedanken. »Und du bist auch nicht tot. Deshalb hast du einen Körper, empfindest Schmerzen. Empfängst und verarbeitest Eindrücke mit dem Gehirn und nicht mit dem Herzen. Nennen wir diesen Ort eine Art Vorzimmer des Himmels. Hierher kommen all jene, die ihre Aufgabe noch nicht erfüllt haben.«

Sie horchte auf. Es gab die berühmt-berüchtigte große Aufgabe also wirklich.

»In deinem Himmel, ja.« Gott zog die Augenbrauen hoch. »Denk immer daran, deine Überzeugungen gelten nur für dich. In deinem Himmel gibt es einen Sinn, warum du lebst. Sieh dir die Natur an: Jedes einzelne Teil hat eine Aufgabe, macht den Organismus zu dem, was er ist. Kannst du dir vorstellen, dass Milliarden unterschiedlicher Menschen auf der Erde leben, ganz ohne Grund? Ohne eine Funktion?«

Sie schüttelte entschieden den Kopf.

»Ganz recht. Du hast seit jeher daran geglaubt, dass ihr Menschen eine Mission zu erfüllen habt. Drum ist es wahr. Jeder von euch verfolgt eine Aufgabe. In deinem Himmel. In deinem Universum.«

»Wie kann das sein?«, platzte Rose dazwischen. Eine Frage drängte sich ihr auf, die sie sich ihr Leben lang schon gestellt hatte. »Wenn der Himmel für jeden so funktioniert, wie man ihn sich ausmalt, was ist mit Atheisten? Was ist mit jenen ohne Vorstellungskraft aufgrund mangelnder Fantasie? Oder jenen mit gänzlich wirren Vorstellungen aufgrund einer Krankheit wie Demenz? Es würde bedeuten, für diese Leute gäbe es keinen Himmel. Was ist mit, Rose schluckte schwer, »mit Menschen, die sich ihr Leben lang nicht wie Menschen, sondern wie Monster verhalten haben? Massenmörder. Triebtäter. Kinderschänder. Was passiert mit ihnen? Kommen auch sie in einen Himmel, wenn sie nur daran glauben? Das wäre unfair.«

Gott beugte sich ein Stück über den Schreibtisch, sodass Rose ihn berühren konnte, wenn sie gewollt hätte. Er lächelte. »Es kommt nicht darauf an, was objektiv mit ihnen geschieht, Rose. Das Göttliche kennt keine Objektivität. Du als Mensch kannst nur wissen, was in deinem Himmel mit ihnen passiert. Nur bei dir funktioniert der Himmel so, wie man ihn sich vorstellt. Bei anderen Menschen funktioniert er anders. Es gibt keine objektive Wahrheit. Nichts ist allgemeingültig richtig. Und nichts kann jemals falsch sein.«

Rose schwirrte der Kopf. Hatte er damit ihre Frage beantwortet? Sie versuchte, seine Worte zu begreifen. Immer wenn sie das Gefühl der Erleuchtung überkam und sie glaubte verstanden zu haben, entglitt ihr die Erkenntnis wieder. Ein Raupenhirn. Oh ja, Rose fühlte sich ganz eindeutig so, als denke sie mit einem Raupenhirn. Wie früher im Chemieunterricht.

Frustriert warf Rose die Hände in die Luft und ließ sie danach wieder in den Schoß fallen. All die unbeantworteten Fragen machten sie fast wütend.

»Ganz ehrlich? Ich verstehe kein Wort. Ich bin noch nicht bereit für all den Kram hier.«

Aber Gott nahm sie nicht ernst, er lachte nur. Ein breites Lachen, bei dem seine weißen Zähne im Licht strahlten. »Es wäre auch vermessen zu glauben, du könntest das Göttliche verstehen, Rose. Zumindest nicht mit deinem menschlichen Denkapparat. Es reicht, wenn du aus unserem Gespräch mitnimmst, was du für deine Aufgabe benötigst.«

Oh. Ihr Blick erhellte sich. Hieß das etwa …

»Ja, du wirst auf die Erde zurückkehren. Ich habe dir doch gesagt, dass Besucher des Vorzimmers keinen Zutritt zum Himmel haben, ehe sie ihre Aufgabe nicht erledigen.«

Ein Stein fiel Rose vom Herzen, nein, vielmehr ein Felsen. Ein Felsen, von dem sie nicht gewusst hatte, wie schwer er war, bis er ihr Herz erleichterte. Erst jetzt spürte sie, wie groß die Angst gewesen war, hierbleiben zu müssen. Die Angst, Marie auf Erden zurückzulassen. Ganz allein.

Marie.

Nun, da Rose sicher war zurückzukehren, kam ihr eine Idee.

»Du … Gott?«

»Jep.«

»Könnte ich den Himmel wenigstens schon mal sehen?«

Der Mann mit dem Wuschelhaar grinste und sprang auf.

»Ich dachte schon, du fragst nie.« Er schwang seinen Arm nach hinten und schloss mit dieser Geste alles mit ein, was sich hinter ihm befand. »Du siehst ihn doch die ganze Zeit.«

Ihr Blick glitt über seine Schulter, folgte seiner Hand und verlor sich in der grasgrünen Weite der Blumenwiese, die vom Fuße des Schreibtischsessels bis in die Unendlichkeit reichte. Kaum richtete Rose ihre Aufmerksamkeit auf die Tallandschaft, drangen die Geräusche des Himmels zu ihr durch. So pur, so rein, so wunderbar, wie man sie selbst am friedlichsten Fleck Erde nicht hören könnte. Wie eine Flut überrollten die himmlischen Eindrücke sie und zwangen Rose in die Knie. Wie hatte sie das bislang überhören können?

Sie sah das Gras in einer leichten Brise wehen und augenblicklich spürte sie seine seidigen Halme auf ihrer Haut, obwohl sie es gar nicht berührte. Rose roch die würzige Frische der Wiese, sie schmeckte den sanften Tau auf der Zunge, ohne den Mund geöffnet zu haben. Woran auch immer Rose dachte, sogleich hörte, roch und fühlte sie es in seiner ganzen Herrlichkeit. Nicht nur metaphorisch, sondern buchstäblich. Sie hörte das Gras rascheln, laut wie ein kleiner Käfer, der durch die Wiese wanderte, leise wie ein Schmetterling, der in den Lüften darüber hinwegflog. Egal, aus welcher Perspektive sie die Dinge wahrnehmen wollte, ob intensiv oder nur am Rande ihres Empfindens, sie konnte darüber entscheiden, ohne sich anzustrengen. Ihr Bewusstsein war da, wo sie es haben wollte.

Ihre Gedanken zogen weiter und sie schenkte ihre Aufmerksamkeit einem Bachlauf, der hinter dem Bücherregal entsprang und sich zwischen den Blumen hindurch zum Horizont schlängelte. Sein Plätschern klang wie ein Musikstück, komponiert von Mutter Natur höchstpersönlich. Wenn Rose sich darauf einließ, hörte sie jeden einzelnen Tropfen, der von den Kieselsteinen perlte. Jede einzelne Welle, wie sie sich erhob und brach, hob und brach.

Das Wasser war angenehm kühl und es schmeckte sauber, so sauberes Wasser hatte sie sich nie zuvor auf der Zunge zergehen lassen.

All das wusste Rose, ohne es zu probieren, ohne dass sie das Wasser berührt hatte. Er war einfach da, der Geschmack, das Geräusch, der Geruch, der Anblick, das Gefühl. Ihre neuen Sinne zeigten ihr, was immer sie zu empfinden wünschte. Nacheinander, gleichzeitig, wie sie es wollte. Was es auch war, es war gut, es füllte ihr Herz mit Glück und Freiheit, bis es überlief.

Sie war im Himmel.

Rose schickte ihren Geist auf die Suche nach seinesgleichen. Ihre Seele sehnte sich nach menschlicher Nähe. Gab es andere Menschen in ihrem Himmel? Prompt erschienen zwei Personen auf der Wiesenfläche. An ihren Kleidern erkannte Rose schon aus der Ferne eine Frau und einen Mann. Sie rannten auf sie zu, die Röcke der Frau flatterten im Wind. Der Mann stolperte wieder und wieder, so überschwänglich rannte er. Doch es hielt ihn nicht auf, er näherte sich, sie beide näherten sich Rose.

Cara und Fynn. Das waren ihre Namen. Die Erkenntnis kam Rose, noch während sie die Frage danach in ihren Gedanken formulierte.

»Zeit, zurückzukehren, Rose.«

Die Personen rannten schneller. Caras Röcke schwangen heftiger hin und her. Fynn lief unruhiger, seine Arme schleuderten in alle Himmelsrichtungen. Aber sie kamen nicht näher. Cara und Fynn. Hatte Rose sie schon einmal gesehen? In ihren irdischen Gestalten? Rose kniff die Augen zusammen. Sie waren zu weit weg, um ihre Gesichter zu identifizieren. So klein, dass sie hinter ihrer ausgestreckten Hand verschwinden würden.

»Rose.«

Dort, wo das Büro soeben an das Tal angegrenzt hatte, erschien eine weiße Wand direkt vor Rose’ Nase. Sie erschrak und rutschte auf den Knien ein Stück zurück. Nein. Wann war sie von ihrem Stuhl aufgestanden? Wann vom Schreibtisch an die magische Grenze gelaufen? Und wann davor zu Boden gesunken? Es spielte keine Rolle.

Rose wirbelte herum, weiterhin auf den Knien, und starrte Gott fassungslos in die Augen. Er blickte zurück, beruhigend, liebevoll, aber sie war zu aufgewühlt, um sich von seinen Blicken trösten zu lassen. Ihr Herz fühlte sich an wie schockgefrostet, es schmerzte regelrecht in ihrer Brust. Sie hatte ein Stück Himmel in all seiner Pracht und Glorie kennengelernt. Nicht nur das, ihr war, als wäre der Himmel ein Teil von ihr geworden. Als wäre sie ein Teil von ihm geworden. Und dann hatte man ihn ihr wieder entrissen. Gott hatte sie ausgesperrt.

Erst durch den Verlust wurde Rose klar, was man ihr soeben genommen hatte. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl verspürt, angekommen zu sein. Dort zu sein, wo sie hingehörte. Heimzukommen nach einer langen Reise. Gefunden zu haben, wonach sie suchte. Sich fallen zu lassen nach einem Akt der Balance. Sie fühlte sich wie ein Kind, das man vor den Stadtmauern ausgesetzt hatte, kalt, nackt, schutzlos, allein. Ein Kind, das seine Wurzeln nie mehr erreichen konnte. Erschöpft vom bloßen Gedanken daran, ein ganzes Leben meistern zu müssen, ohne je wieder aus seiner ursprünglichsten Energiequelle schöpfen zu dürfen: der Heimat. Dem Familienzusammenhalt. Dem eigenen Himmel.

Rose öffnete den Mund und schloss ihn. Sie fand keine Worte, die groß genug waren für das, was sie soeben gesehen, gehört, gefühlt hatte. Zorn wütete in ihr, weil sie nicht hatte dableiben dürfen. Gleichzeitig trauerte sie über das, was sie verloren hatte.

»Ich bringe dich jetzt zurück.«

Wohin zurück? In den Himmel? Ein Hoffnungsschimmer wärmte Rose bei dem Gedanken, dorthin zurückzukehren. Doch ihre Hoffnung verwandelte sich sogleich in einen spitzen Eiszapfen, der sich in ihre Eingeweide bohrte, als ihr einfiel, wohin Gott sie wirklich bringen wollte: auf die Erde. Ins Leben. Zu Marie.

Letzteres war gut. Allerdings kostete es Rose alle Kraft, nicht dem Egoismus zu erliegen und Gott zu bitten, bleiben zu dürfen. Immer wieder wiederholte Rose die Worte im Kopf, um sich selbst zu erinnern: Marie wäre ohne sie verloren. Sie brauchte sie.

Gott legte ihr eine kräftige Hand auf die Schulter. »Bist du bereit?«

Nein! Um Himmels willen, nein, sie war alles andere als das. Ihr blieben so viele Fragen. Warum war sie hergekommen? Wie war das passiert? Wie sah ihre Aufgabe aus? Wie viel Zeit blieb ihr dafür?

Gott lächelte milde. »Hab keine Angst, Rose. Merk dir einfach: Es kann Minuten dauern, Tage oder Jahrzehnte – egal, wie lange es dauert, du wirst deine Aufgabe rechtzeitig erkennen.«

»Bitte«, flehte Rose, ohne zu wissen, was sie damit bezweckte. Vor Überforderung rann eine Träne ihre Wange hinunter. Rose wäre gern aufgestanden und auf Gott zugegangen, sie hätte sich gern an ihm festgehalten. Aber ihre Knie zitterten unaufhörlich, sie versagten ihr den Dienst.

»Sei kein Frosch, Rose«, tadelte Gott spielerisch und zwinkerte ihr zu. »Du musst das nicht allein schaffen. Ich bin in jeder Sekunde bei dir. Wie schon die letzten neunzehn Jahre.« Er tätschelte ihre Schulter. »Hab ein bisschen Vertrauen. Nur diese eine Aufgabe. Das wirst du doch wohl hinkriegen?«

Und wie eine versiegende Glühlampe, die einem Raum all sein Licht nahm, knipste Gott Rosalies Licht aus.

3

Schutzengel

Noch 17 Stunden und 28 Minuten

Ihre Lider flatterten. Zögerlich öffnete Rose die Augen. Etwas Hartes, Kantiges bohrte sich in ihre rechte Seite, was das Einatmen unmöglich machte. Zu fest klemmte ihr Oberkörper zwischen der verbogenen Mittelkonsole ihres Polos, dem erschlafften Airbag und der sich nach innen wölbenden Fahrertür. Außerdem fesselte der Autogurt sie an den Fahrersitz und das Gurtschloss war irgendwo in den Trümmern der rechten Autohälfte verschollen. Es roch nach Benzin. Verdammter Mist. Was immer gerade geschehen war – darüber würde sie später nachdenken –, sie musste hier raus.

Rose mahnte sich zur Ruhe, musste sich Platz verschaffen, um richtig atmen zu können, und lehnte sich deshalb so weit wie möglich von der Mittelkonsole weg. Sie versuchte es, holte vorsichtig Luft.

Okay, das hatte schon mal geklappt.

Die silbernen Sternchen verschwanden aus ihrem Blickfeld. Dank des Sauerstoffs in ihren Lungen beruhigte sich ihr Herzschlag auf gefühlte einhundertachtzig Schläge pro Minute. Nicht gut, aber besser. Nun galt es, die Fahrertür zu öffnen, sich aus dem Gurt zu winden und sich dabei keine Glassplitter in irgendwelche Körperteile zu bohren. Ein Kinderspiel.

Rose schluckte die aufkommende Panikattacke herunter und konzentrierte sich darauf, ihren Arm zu befreien, der seitlich zwischen dem Lenkrad und der Fahrertür klemmte. Auch das gelang nach nur wenigen Drehungen und Windungen ihres Handgelenkes. Großartig. Sie musste jetzt einfach nur Ruhe bewahren, dann würde alles gut gehen. Sie wagte einen zweiten zaghaften Atemzug, suchte nach dem verbogenen Türgriff und schloss die Augen. Bitte, lieber Gott, lass diese Tür aufgehen, schickte sie ein Stoßgebet an den Himmel und zog an dem Griff.

Nichts geschah.

»Scheiße!« Sie ruckelte ein paar Mal vergeblich am Griff, lehnte sich sogar mit der Schulter dagegen. Die Autotür gab keinen Millimeter nach.

Okay, bloß nicht die Nerven verlieren.

Rose schloss die Augen und ließ sich die möglichen Einstiege ihres Wagens Stück für Stück durch den Kopf gehen. Da waren die zwei Türen – hinten gab es keine. Wieso zur Hölle besaß sie keinen Fünftürer? Der Kofferraum, den man nicht von innen öffnen konnte. Die Fenster, so zersplittert, dass sie nicht hindurchsehen konnte. Das wäre eine Möglichkeit. Oder aber … das Faltdach.

Rose legte so weit es ging den Kopf in den Nacken. Ja! Der Aufprall hatte auch den Rahmen des Faltdachs verzogen. Über der Fahrerseite war es aus seinen Schienen gesprungen und eine Stoffecke hing schlaff ins Fahrzeuginnere. Es hatte sein Gutes, ein bald zwanzig Jahre altes, etwas marodes Auto zu fahren. Sie klappte das Dach zur Seite und blickte durch die dreieckige Öffnung in den Sternenhimmel.

Rose spürte Freudentränen aufsteigen. Schnell blinzelte sie sie weg, um den Moment auszunutzen, in dem ihr Körper zu beschäftigt war, um Schmerz zu empfinden. Sie drückte sich von dem Sitz nach oben, schlüpfte mit der Hüfte unter dem Gurt hindurch und stellte ihren Schuh auf das Polster, erst einen, dann den zweiten. Auf wackligen Beinen richtete sie sich auf und tauchte durch das Dreieck. Gierig sog sie die Nachtluft ein. Mit zusammengebissenen Zähnen brachte Rose all ihre Kraft auf, um sich auf dem Rahmen abzustützen und ihren Hintern auf den Dachbogen zu hieven. Sie zog die Beine durch das Loch, schwang sie über den Rahmen und glitt an der Fahrerseite vom Auto hinunter. Mit einem dumpfen Aufprall schlug ihr Körper auf dem Boden auf und mit letzter Kraft kroch Rose über den Grünstreifen auf den Bürgersteig, weg vom Fahrzeug.

Sie hatte es geschafft. Sie hatte sich aus dem Wrack ihres Wagens befreit.

Blitzartig schien Rose’ Puls herunterzufahren, dafür überzog ein kalter Schweißfilm ihre Haut. Ein unkontrolliertes Zittern überkam sie. Es schüttelte sie heftig, sodass sie kaum geradeaus schauen konnte. Hemmungslos schluchzend lag sie in der Stille der Nacht. Horchte in sich hinein, überprüfte in Gedanken jedes Körperteil auf Unversehrtheit. Einmal, zweimal.

Doch sosehr sie sich auch konzentrierte, sie fand keinen Schmerz. Kein dumpfes Pochen, kein brennendes Stechen. Vielleicht befand sie sich in diesem Schockstadium, das Menschen nach schweren Unfällen oder in Notsituationen überkam. Die übermäßige Ausschüttung von Cortisol ermöglichte Unfallopfern, auf zwei gebrochenen Beinen zu laufen oder mit einem zertrümmerten Schädel den Notruf zu wählen. Eine uralte Überlebensstrategie des Körpers. Falls sich Rose gerade in dieser Situation befand, musste sie ihre Superkräfte unbedingt ausnutzen.

Oder sollte sie wirklich einen so tüchtigen Schutzengel gehabt haben, dass der Unfall ihr kein Haar gekrümmt hatte?

Rose drückte sich hoch. Sie gab sich zwei Versuche – erfolglos. Schließlich rollte sie sich auf den Rücken und versuchte es erneut. Sie schaffte es, sich langsam auf dem Asphalt aufzurichten und hinzusetzen, die Straße im Rücken. Ihr Blick fuhr über den Blechsalat, der sich gut zwei Meter von ihr entfernt auftürmte. Die Windschutzscheibe war nicht zu sehen, so hoch bäumte sich der zerfetzte Motorraum davor auf. Der Laternenmast hatte sich bis zu den Scheibenwischern in die Frontpartie gebohrt, als wollte er das Fahrzeug entzwei teilen. Von der Beifahrerseite war nichts mehr zu erkennen. Lediglich auf der Fahrerseite konnte man erahnen, wo der Fahrzeugführer ursprünglich Platz gefunden hatte. Unmöglich, dass dies mal ein funktionierendes Auto gewesen war. Unmöglich, dass sie diesen Aufprall überlebt haben sollte.

Rose musste die Überreste ihres Wagens ein weiteres und auch ein drittes Mal ansehen, bevor sie aus ihrem Gedankenstrudel ausbrach und in die Gegenwart zurückkehrte.

Ihr Körper hörte auf zu zittern. Weiterhin spürte sie keinen Schmerz, dafür aber einen Druck hinter ihren Schläfen. Dankbar lachte sie auf, ein krächzender Laut im Schweigen der Nacht. Das war der Beweis. Es gab sie noch. Sie hatte den Horror-Crash wirklich und leibhaftig überlebt! Ein hysterisches Kichern brach aus ihr hervor, verstummte aber im selben Moment, als die Erinnerungen auf sie einprasselten. Mit einem Mal wurde sie ganz ruhig.

Eine Halle aus Licht. Ein Schauspieler namens Gott. Eine Aufgabe. Ein Himmel gemacht aus purem Gefühl.

Rose schluckte und strich sich eine braune Haarsträhne aus der Stirn. Innerlich wappnete sie sich für die Emotionswelle, die sie jeden Augenblick erneut umwerfen, mit sich reißen und unter sich begraben würde. Das alles war zu viel – viel zu viel. Doch obwohl Kleinigkeiten Rose normalerweise zum Schluchzen brachten und obwohl ihre Augen brannten, floss diesmal keine Träne.

Sie schloss die Lider und rief ihre Erinnerungen wach. Selbst die kleinsten Details waren ihr so gegenwärtig, als würde sie nach wie vor dort stehen. Sie sah das Leuchten der Fliesen. Die Buchrücken in dem unendlichen Regal. Die Farbe des Grases, das Murmeln des Bachs. Schon bei dem Gedanken daran breitete sich ein Lächeln auf Rose’ Lippen aus. All diese Bilder vor ihrem geistigen Auge, sie waren mehr als nur Erinnerungen. Sie hatten Rose etwas mitgegeben.

Sie hatte das Jenseits gesehen.

Und sie hatte nicht dortbleiben dürfen. Niemals würde jemand verstehen, was ihr widerfahren war.

Die Menschen würden die merkwürdigsten Erklärungen für Rose’ Erlebnis finden. Hatte sie vielleicht geträumt? Hatte ihr Gehirn in der Extremsituation des Unfalls halluziniert? Litt sie unter Wahnvorstellungen, ausgelöst durch eine Kopfverletzung?

Zwei Sekunden lang zog auch Rose diese Begründungen in Betracht. Dann schüttelte sie lächelnd den Kopf. Nein, die Erfahrung war zu klar, zu schwerwiegend für eine Einbildung. Schon jetzt fühlte Rose, dass sich ihr Bild von der Welt, vom Leben und vom Sterben für immer verändert hatte. Sie spürte es in ihrem Inneren, war so sicher wie nie zuvor: Das hier war echt.

Rose richtete sich kerzengerade auf, während die Erkenntnis über sie hinwegschwappte. Es war echt!

Rose wusste plötzlich genau, was für eine Erfahrung sie da gemacht hatte. Unzählige Stunden hatte sie sich bereits mit diesem Thema beschäftigt. Kaum zu glauben, dass sie es erst jetzt verstand. Rose kannte jedes Buch, jede Erzählung, jeden Onlineartikel über Erlebnisse wie diese. Allerdings war ihr nie die Idee gekommen, dass es ihr einmal selbst widerfahren könnte. Bis jetzt.

Vor Aufregung wurde ihr die Luft knapp und Rose merkte, dass sie japste. Okay. Ruhe bewahren, das war jetzt wichtig. Sie zwang sich, gleichmäßig zu atmen und einen klaren Kopf zu fassen. Später würde genug Zeit sein, um ihre Gedanken zu sortieren, alles zu verarbeiten – und um Marie davon zu erzählen.

Als Rose wieder das Blut in ihren Ohren rauschen hörte, maßregelte sie sich selbst. Schluss jetzt! Niemand hatte etwas davon, wenn sie wieder ohnmächtig wurde. Erst mal galt es, das Chaos hier zu bewältigen.

Sie betrachtete die Schrottteile, die vereinzelt um sie herumlagen, und rutschte ein paar Meter auf dem Hosenboden nach hinten weiter zur Straße. Kieselsteinchen bohrten sich in ihre Handflächen. Aus der Entfernung sah der zertrümmerte Polo noch furchteinflößender aus. An ihrem kratzenden Hals spürte Rose, dass sie kurz davorstand, ein paar Tränen um ihr geliebtes Auto zu vergießen. Es war ein Geschenk gewesen! Sie schluckte die Tränen tapfer herunter, atmete tief durch und fasste einen Plan.

Als Erstes musste sie die Polizei und die Feuerwehr kontaktieren. Vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn diese gleich einen Krankenwagen mitbrachten. Zwar ging es ihr den Umständen entsprechend hervorragend, jedoch durfte sie nicht ausschließen, dass sie innere Verletzungen davongetragen hatte, die behandelt werden mussten.