Verdrängte Erinnerungen - Laura Martens - E-Book

Verdrängte Erinnerungen E-Book

Laura Martens

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Beschreibung

Dr. Baumann ist ein echter Menschenfreund, rund um die Uhr im Einsatz, immer mit einem offenen Ohr für die Nöte und Sorgen seiner Patienten, ein Arzt und Lebensretter aus Berufung, wie ihn sich jeder an Leib und Seele Erkrankte wünscht. Seine Praxis befindet sich in Deutschlands beliebtestem Reiseland, in Bayern, wo die Herzen der Menschen für die Heimat schlagen. Der ideale Schauplatz für eine besondere, heimatliches Lokalkolorit vermittelnde Arztromanserie, die ebenso plastisch wie einfühlsam von der beliebten Schriftstellerin Laura Martens erzählt wird. Es geht nichts über ein paar gemütliche Stunden im Kreis von Freunden«, meinte Dr. Eric Baumann. Da es Mittwoch war, hatte er am Nachmittag keine Sprechstunden. Die Claß' waren mit ihrem Söhnchen Kevin und ihrer Nichte Ramona gekommen. Gemeinsam tranken sie auf der Terrasse Kaffee. Eric kannte Simone Claß noch aus Kenia, wo sie mit seinem Freund Roger Eytan verheiratet gewesen war. Roger war bei einem Bergrutsch ums Leben gekommen, einige Zeit, nachdem er selbst Kenia verlassen hatte, um in Tegernsee die Praxis seines verstorbenen Vaters zu übernehmen. Vor einigen Monaten hatte Simone zum zweiten Mal geheiratet. Alexander plante, den kleinen Kevin zu adoptieren. Simone schaute zum Gartenzaun hinüber, wo sich ihr kleiner Sohn und ihre Nichte mit Franzl balgten. Erics Hund ließ sich gutmütig alles gefallen, was die Kinder mit ihm anstellten. Er knurrte nicht einmal, als ihn Kevin am Schwanz zog. »Kevin, paß auf«, rief Simone. »So etwas tut dem Franzl weh!« »Ich wollte dir nicht weh tun, Franzl.« Kevin strich dem Hund liebevoll über den Rücken. »Ei, ei«, machte er.

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Seitenzahl: 118

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Der Arzt vom Tegernsee – 46 –Verdrängte Erinnerungen

Laura Martens

Es geht nichts über ein paar gemütliche Stunden im Kreis von Freunden«, meinte Dr. Eric Baumann. Da es Mittwoch war, hatte er am Nachmittag keine Sprechstunden. Die Claß’ waren mit ihrem Söhnchen Kevin und ihrer Nichte Ramona gekommen. Gemeinsam tranken sie auf der Terrasse Kaffee.

Eric kannte Simone Claß noch aus Kenia, wo sie mit seinem Freund Roger Eytan verheiratet gewesen war. Roger war bei einem Bergrutsch ums Leben gekommen, einige Zeit, nachdem er selbst Kenia verlassen hatte, um in Tegernsee die Praxis seines verstorbenen Vaters zu übernehmen. Vor einigen Monaten hatte Simone zum zweiten Mal geheiratet. Alexander plante, den kleinen Kevin zu adoptieren.

Simone schaute zum Gartenzaun hinüber, wo sich ihr kleiner Sohn und ihre Nichte mit Franzl balgten. Erics Hund ließ sich gutmütig alles gefallen, was die Kinder mit ihm anstellten. Er knurrte nicht einmal, als ihn Kevin am Schwanz zog.

»Kevin, paß auf«, rief Simone. »So etwas tut dem Franzl weh!«

»Ich wollte dir nicht weh tun, Franzl.« Kevin strich dem Hund liebevoll über den Rücken. »Ei, ei«, machte er.

»Franzl, fang!« Ramona hatte hinter einem Brombeergebüsch einen Ball gefunden. Schwungvoll warf sie ihn durch den Garten.

Franzl sprang auf, warf Kevin dabei fast um und jagte dem Ball nach. Vergnügt kläffte er auf, als er ihn zu fassen bekam.

Katharina Wittenberg, Erics Haushälterin, kam mit einer frischen Kanne Kaffee auf die Terrasse. »Darf ich gleich einschenken?« fragte sie.

»Danke, Katharina.« Alexander reichte ihr seine Tasse.

»Für die Kinder habe ich Eis in der Küche«, wandte sich Katharina an Simone. »Sie dürfen Eis bekommen, oder?«

»Sie würden es mir sehr übelnehmen, wenn ich nein sagte«, meinte die junge Frau lachend.

»Eric, darf ich mal telefonieren?« erkundigte sich Alexander. »Mir ist eingefallen, daß ich Herrn Seemüller versprochen habe, ihn anzurufen. Es geht um den Ausbau des Kellers im alten Häußermann-Anwesen.«

»Nur zu.« Eric wies ins Wohnzimmer.

Simone griff nach ihrer Kaffeetasse. »Soll ich dir etwas verraten?« fragte sie Eric.

»Ein Geheimnis?« Er hob die Augenbrauen.

Die junge Frau nickte. »Ich erwarte ein Kind. Gestern habe ich es erfahren. Ich bin im dritten Monat schwanger.«

»Weiß es Alexander schon?«

»Nein.« Simone schüttelte den Kopf. »Ich werde es ihm heute Abend sagen. Er wird außer sich vor Freude sein.«

Bevor Eric antworten konnte, kam Alexander bereits zurück. »Du wirst am Telefon verlangt«, sagte er. »Eine Frau Widmer vom Hotel Luisenhof ist am Apparat.«

Der Arzt stand auf und ging ins Wohnzimmer. Frau Widmer und ihre Mutter waren schon bei seinem Vater in Behandlung gewesen. Sie arbeitete als Sekretärin im »Luisenhof«. »Was gibt es denn, Frau Widmer?« erkundigte er sich, nachdem er mit der jungen Frau einen kurzen Gruß gewechselt hatte.

»Die fünfzehnjährige Tochter eines Gastehepaares klagt über heftige Leibschmerzen, Dr. Baumann«, antwortete sie. »Ihre Eltern befürchten, daß es sich um eine Salmonellenvergiftung handeln könnte. Ich tippe eher auf den Blinddarm.«

»Ich komme sofort, Frau Widmer«, versprach er. »Bis gleich.« Er legte auf und kehrte auf die Terrasse zurück.

»Du mußt nichts sagen, Eric«, meinte Simone bedauernd. »Die Pflicht ruft.«

»Ja, so leid es mir tut.«

»Warum mußt du immer fort, wenn wir zu Besuch sind, Onkel Eric?« fragte Ramona. »Ich finde das nicht schön. Einen Arzt werde ich bestimmt nie heiraten.«

»Sehr gescheit von dir«, erklärte Eric und strich ihr durch die Haare. »Ich werde mich beeilen.«

Der Arzt brauchte nur knapp eine Viertelstunde bis zu dem Luxus-Hotel, das am Anfang von Tegernsee in Richtung Gmund lag. Als er die imposante Hotelhalle betrat, eilte ihm bereits Carolin Widmer entgegen.

»Gut, daß Sie gleich gekommen sind«, sagte sie, als sie ihm die Hand reichte. »Julia Holland geht es schlechter. Ihre Eltern sind am Verzweifeln.«

Sie fuhren mit dem Aufzug in den dritten Stock hinauf. Carolin führte Eric zu einer Suite, die am Ende des Ganges lag. Sie hatte kaum geklopft, als ihnen auch schon von Ferdinand Holland die Tür geöffnet wurde. »Sind Sie der Arzt?« wandte er sich an Dr. Baumann. Es war dem Mann anzusehen, daß er sich große Sorgen machte.

»Ja, ich bin der Arzt«, erwiderte Eric und stellte sich vor. »Wo ist denn die Patientin?«

»In ihrem Zimmer«, erwiderte der Immobilienmakler.

Carolin Widmer nahm im Wohnzimmer der Suite Platz, während Dr. Baumann in den Nebenraum geführt wurde. Bei seinem Eintritt stand eine elegant gekleidete Frau vom Bett des Mädchens auf. »Ich vermute eine Salmonellenvergiftung«, sagte sie.

»Meine Frau Christina«, stellte Herr Holland vor, »und das ist Julia.« Er wies auf seine Tochter, die mit schweißverklebten Haaren und wachsbleichem Gesicht im Bett lag. Leise wimmerte sie vor sich hin.

Eric beugte sich über das Mädchen. Du hast sicher nichts dagegen, daß ich dich untersuche«, meinte er. »Ich möchte dir nur helfen.« Er berührte sanft ihr Gesicht.

Julia antwortete nicht.

Dr. Baumann hob die Bettdecke an. Die Fünfzehnjährige hatte ihr rechtes Bein angezogen. Als er ihren Puls fühlte, stellte er fest, daß er deutlich höher als normal war. Und sie hatte Fieber, das erkannte er auf den ersten Blick. Behutsam tastete er unter den ängstlichen Blicken der Eltern den Leib des Mädchens ab. »Seit wann hat Julia solche Schmerzen?« fragte er, als er sich aufrichtete.

»Sie hat schon gestern über Leibschmerzen geklagt«, gestand Herr Holland. »Wir haben es nicht sonderlich ernst genommen, weil Julia ohnehin zu Leibschmerzen neigt.«

»Ich habe ihr ein Schmerzzäpfchen gegeben«, fügte seine Frau hinzu. »In den letzten Monaten ist Julia schon zweimal wegen Leibschmerzen untersucht worden. Es ist nie etwas festgestellt worden.«

»Ich glaube auch nicht, daß Julias frühere Leibschmerzen mit ihren jetzigen zusammenhängen«, meinte ihr Mann. »Ich halte das Ganze für eine Salmonellenvergiftung. Julia hat uns gestanden, daß sie an einem Straßenstand Softeis gekauft hat.«

»Heute morgen ist sie ohne Leibschmerzen aufgewacht und hat ganz normal gefrühstückt. Danach mußte sie sich allerdings mehrmals übergeben«, sagte Christina Holland. »Ich dachte, sie hätte nur einen verdorbenen Magen und habe ihr geraten, sich wieder ins Bett zu legen.« Sie machte ein schuldbewußtes Gesicht. »Mein Mann und ich sind in die Stadt gefahren. Als wir zurückkamen…« Sie seufzte auf.

Dr. Baumann tastete erneut Julias Leib ab, dann deckte er sie zu. Mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit handelt es sich um eine fortgeschrittene Blinddarmentzündung«, sagte er. »Ihre Tochter muß unverzüglich ins Krankenhaus.«

»Blinddarmentzündung?« Ferdinand Holland sah seine Frau bestürzt an. »Julia ist noch nie im Krankenhaus gewesen.«

»Leider ist es notwendig«, erklärte der Arzt. Er ging in den Wohnraum der Suite, um von dort das Krankenhaus anzurufen.

»Wird meine Tochter noch heute operiert?« erkundigte sich Herr Holland, als der Arzt zurückkehrte.

»Vermutlich«, antwortete Eric. Er wandte sich an Julias Mutter: »Bitte packen Sie ein paar Sachen für Ihre Tochter zusammen. Der Krankenwagen wird in wenigen Minuten hier sein.«

Julia schlug die Augen auf. Sie glänzten vor Fieber. »Ich habe Angst«, flüsterte sie. »Ich will nicht operiert werden.«

»Es wird notwendig sein.« Der Arzt setzte sich zu ihr aufs Bett. »Du mußt keine Angst haben. Du wirst eine Vollnarkose bekommen und wenn du aufwachst, geht es dir schon wieder besser.«

»Versprochen?«

»Versprochen«, versicherte er und drückte ihre Hand.

Nachdem der Krankenwagen Julia und ihre Eltern abgeholt hatte, ging Dr. Baumann mit Carolin Widmer in den Bürotrakt des Hotels. Sie setzten sich an ihren Schreibtisch und tranken gemeinsam Kaffee. Er erkundigte sich nach ihrer Mutter, deren schwaches Herz und psychische Verfassung ihm schon seit Jahren Sorgen machten.

»Sie schläft in letzter Zeit sehr schlecht«, antwortete Carolin. »Außerdem hat sie Alpträume.« Die junge Frau nippte an ihrem Kaffee. »Ich wünschte nur, ich könnte ihr helfen, aber Sie wissen ja selbst, daß sich meine Mutter nicht helfen läßt. Ein guter Therapeut könnte wahrscheinlich einiges tun. Sie träumt fast jede Nacht von Markus.«

»Ich habe Ihrer Mutter schon mehrmals eine Therapie vorgeschlagen.« Dr. Baumann sah Carolin an. »Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, ich glaube, daß sich Ihre Mutter sogar regelrecht an ihre schlimmen Erinnerungen klammert.«

»Wieso sollte ich Ihnen das übelnehmen, Dr. Baumann? Ich bin ja auch davon überzeugt. Statt sich an die schöne Zeit mit Markus zu erinnern, kreisen ihre Gedanken nur um jenen letzten furchtbaren Tag.« Carolin stellte ihre Tasse auf den Tisch. »Als mein Bruder starb, war ich erst drei Jahre alt. Ich habe an Markus nur eine dunkle Erinnerung, trotzdem weiß ich noch, wie entsetzlich die ersten Jahre nach seinem Tod gewesen sind. Ich zählte plötzlich für meine Mutter nicht mehr. Wenn damals nicht mein Vater gewesen wäre… Ich bin ihr deswegen nicht böse. Ich kann sie verstehen, nur seit dem Tod meines Bruders sind zweiundzwanzig Jahre vergangen, und sie sollte endlich aufhören, nur in der Vergangenheit zu leben.«

»Ja, es würde Zeit«, meinte Eric. »Nur weder Sie noch ich sind in der Lage, ihr aus dem Teufelskreis zu helfen, in dem sie gefangen ist.«

»Nächsten Mittwoch kommt meine Tante. Sie wird ein paar Wochen bei uns bleiben. Ich…« Carolin schaute zur Tür.

Herr Thomson, der Besitzer des Luisenhofes, trat in ihr Büro. »Ich habe schon gehört, was passiert ist, Dr. Baumann«, sagte er und reichte ihm die Hand. »Danke, daß Sie gleich gekommen sind.« Er wandte sich an Carolin: »Bitte sorgen Sie dafür, daß die Hollands, wenn sie ins Hotel zurückkehren, besonders nett betreut werden. Kaufen Sie etwas Hübsches für Julia.«

Eric stand auf. »Es wird Zeit für mich zu gehen. Ich habe Gäste.«

»Da darf ich Sie natürlich nicht aufhalten«, meinte Gerhard Thomson und begleitete Eric, nachdem sich dieser von Carolin verabschiedet hatte, zum Wagen.

*

Das Tagungszentrum der Berliner Firma Laeser & Sohn lag hoch über der Stadt am Abhang des Großtegernseer Berges. Norbert Hoffer, der die Leitung des Tagungszentrums vor vierzehn Tagen übernommen hatte, stand an einem der bodenlangen Fenster seines Büros und schaute auf den See hinunter. Es gefiel ihm ausgesprochen gut in Tegernsee. Er hatte schon immer die Berge geliebt und fast jeden Urlaub in Bayern verbracht. Am Tegernsee war er jedoch zum ersten Mal.

Der junge Mann wandte sich halb um und schaute zu der Uhr, die an der gegenüberliegenden Wand hing. Er konnte es kaum fassen, daß er fast fünfzehn Minuten am Fenster gestanden hatte. Dabei wurde er in der Kurverwaltung erwartet und er wollte auch noch nach Bad Wiessee fahren, um dort Karten für eine Veranstaltung im »Seeschlößchen« abzuholen.

Er meldete sich telefonisch bei seiner Schreibkraft ab, griff nach seinem Jackett und trat in den Gang hinaus.

Der junge Mann genoß die Fahrt in die Stadt hinunter in vollen Zügen. Obwohl er gern in Berlin gelebt hatte, vermißte er die Großstadt doch nicht. Es war wundervoll, frühmorgens aufzuwachen und nicht den Straßenlärm zu hören. Seine Arbeit erschien ihm wie ein immerwährender Urlaub. Er war froh, das Angebot seines Chefs angenommen zu haben, und er wußte, wie sehr ihn seine Kollegen darum beneidet hatten.

Norbert parkte in der Nähe der Kurverwaltung. Ein erneuter Blick auf die Uhr sagte ihm, daß er bis zu seiner Verabredung sogar noch Zeit hatte.

Deshalb schlenderte er ein Stückchen durch den Park und beobachtete zwei Kinder, die auf der Wiese Ball spielten. Es war wundervolles Wetter, wie geschaffen, um am See spazierenzugehen, wie…

Der junge Mann riß sich zusammen. Er durfte nicht vergessen, daß er hier eine Aufgabe zu erfüllen hatte und nicht zu einem Dauerurlaub nach Tegernsee geschickt worden war. Eilig wandte er sich dem Eingang der Kurverwaltung zu und beschloß, wenigstens momentan an nichts anderes als seine Arbeit zu denken.

Als Norbert eine Stunde später das Haus verließ, war er mit dem Ergebnis seiner Besprechung äußerst zufrieden. Jetzt wollte er noch nach Bad Wiessee fahren, sich später eine Kleinigkeit zum Mittagessen kaufen und ein bißchen ans Wasser setzen.

Gedankenverloren beobachtete er einige Spatzen, die sich um den besten Platz an einer Vogeltränke balgten, und wäre fast mit einer jungen Frau zusammengestoßen, die aus der anderen Richtung kam.

»Vorsicht.« Carolin Widmer wich zur Seite aus.

Norbert schreckte auf. »Entschuldigung. Ich bin mit meinen Gedanken woanders gewesen. Ich…«

»Warum starren Sie mich so an?« fragte Carolin. »Habe ich einen Fleck auf der Nase?«

Norbert riß sich zusammen und entschuldigte sich erneut. »Kennen wir uns?« Er war sich ganz sicher, die junge Frau zu kennen, wenngleich er sich genauso sicher war, sie nie zuvor gesehen zu haben.

Carolins Lippen umspielte ein amüsiertes Lächeln. »Etwas Originelleres fällt Ihnen wohl nicht ein?« erkundigte sie sich spöttisch. »Nein, wir kennen uns nicht.«

»Ich habe das nicht nur so daher gesagt«, verteidigte er sich. »Ich bin wirklich überzeugt, daß wir uns kennen.«

»Wenn Sie es sagen.« Sie nickte ihm zu und ging einfach weiter.

Norbert starrte ihr nach. Wahrscheinlich hält sie mich für einen Idioten, dachte er, und genauso hatte er sich ja auch benommen. Kein Wunder, daß die junge Frau geglaubt hatte, er wollte mit ihr anbändeln. Vermutlich hatte sie so etwas schon hundertmal erlebt.

Der junge Mann wandte sich seinem Wagen zu, doch mit den Gedanken war er noch bei dieser Frau. Nach wie vor war er davon überzeugt, sie zu kennen. Sie hatte so etwas Vertrautes, so etwas… Vielleicht bin ich schizophren, überlegte er. Vielleicht kenne ich sie aus einem anderen Leben. Er mußte über sich selbst lachen.

Erst am Abend, als er zu Bett ging, kam Norbert wieder dazu an die junge Frau zu denken, mit der er vor der Kurverwaltung fast zusammengestoßen wäre. Nach wie vor war er davon überzeugt, sie von irgendwoher zu kennen. Mit dem Gedanken an sie schlief er schließlich ein.

Im Schlaf sah sich der junge Mann auf einer Treppe stehen. Es war eine ziemlich düstere Treppe, und sie führte in einen dunklen Keller hinunter. Er hatte Angst, durch diesen Keller zu gehen, ganz entsetzliche Angst. Mit den Händen klammerte er sich an das Geländer. Erst nach und nach wurde ihm bewußt, daß er sich in einen kleinen Jungen verwandelt hatte, der kurze Hosen und ein buntes Hemd trug.

Schritt für Schritt stieg er die Stufen hinunter, verharrte an der hohen Kellertür und spähte in den düsteren Raum, der dahinter lag. Es gab nur wenig Licht. Es kam durch ein kleines schmales Fenster, das hoch oben fast unter der Decke lag. Rechts und links des Buben befanden sich kleine abgeteilte Kellerräume, die voller Gerümpel standen. Direkt vor ihnen standen hohe, altmodische Kühlschränke. Ihre angelehnten Türen bewegten sich.