Vereint in ihrer Sorge - Laura Martens - E-Book

Vereint in ihrer Sorge E-Book

Laura Martens

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Beschreibung

Dr. Baumann ist ein echter Menschenfreund, rund um die Uhr im Einsatz, immer mit einem offenen Ohr für die Nöte und Sorgen seiner Patienten, ein Arzt und Lebensretter aus Berufung, wie ihn sich jeder an Leib und Seele Erkrankte wünscht. Seine Praxis befindet sich in Deutschlands beliebtestem Reiseland, in Bayern, wo die Herzen der Menschen für die Heimat schlagen. Der ideale Schauplatz für eine besondere, heimatliches Lokalkolorit vermittelnde Arztromanserie, die ebenso plastisch wie einfühlsam von der beliebten Schriftstellerin Laura Martens erzählt wird. Dr. Marcus Freud fuhr seinen Wagen auf den Parkplatz des Tegernseer Friedhofes und stieg aus. Trotz des strahlend schönen Wintertages spürte er in seinem Herzen einen so tiefen Schmerz, daß er am liebsten aufgeschrien hätte. Es war jetzt ein Jahr her, seit Sabine nicht mehr an seiner Seite lebte. Ein Jahr, in dem kein Tag, keine Stunde vergangen war, in der er sich nicht Vorwürfe wegen ihres Todes gemacht hätte. Der junge Chirurg konnte sehr gut verstehen, daß ihn ihre Eltern für den Mörder ihrer Tochter hielten. Immerhin hatte er den Wagen gefahren, mit dem sie beide verunglückt waren. Gut, er trug an dem Unfall keine Schuld. Der Fahrer eines Lkws hatte auf der eisglatten Straße falsch überholt. Es war eine Sache von Sekunden gewesen. Marcus nahm einen wunderschönen Rosenstrauß vom Beifahrersitz und schloß hinter sich den Wagen ab. Langsam ging er auf das schmiedeeiserne Tor zu und öffnete es. Der Friedhof lag fast verlassen vor ihm. Ohne nach rechts oder links zu sehen, folgte er dem Weg, der zum Grab seiner Verlobten führte. »Es tut mir so leid«, sagte er, als er es erreicht hatte. »Ich wünschte, du wärst noch bei mir.« Er dachte daran, daß sie im vergangenen Dezember hatten heiraten wollen. Sie hatten sich Kinder gewünscht, wollten reisen… Sie hatten so viele gemeinsame Träume gehabt, und dann war alles innerhalb weniger Augenblicke vorbei gewesen. »Ich werde dich niemals vergessen, Sabine.«

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Seitenzahl: 112

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Der Arzt vom Tegernsee – 58 –Vereint in ihrer Sorge

Laura Martens

Dr. Marcus Freud fuhr seinen Wagen auf den Parkplatz des Tegernseer Friedhofes und stieg aus. Trotz des strahlend schönen Wintertages spürte er in seinem Herzen einen so tiefen Schmerz, daß er am liebsten aufgeschrien hätte. Es war jetzt ein Jahr her, seit Sabine nicht mehr an seiner Seite lebte. Ein Jahr, in dem kein Tag, keine Stunde vergangen war, in der er sich nicht Vorwürfe wegen ihres Todes gemacht hätte. Der junge Chirurg konnte sehr gut verstehen, daß ihn ihre Eltern für den Mörder ihrer Tochter hielten. Immerhin hatte er den Wagen gefahren, mit dem sie beide verunglückt waren. Gut, er trug an dem Unfall keine Schuld. Der Fahrer eines Lkws hatte auf der eisglatten Straße falsch überholt. Es war eine Sache von Sekunden gewesen. Vielleicht hätte er schneller reagieren müssen, noch im letzten Moment das Steuer herumreißen…

Marcus nahm einen wunderschönen Rosenstrauß vom Beifahrersitz und schloß hinter sich den Wagen ab. Langsam ging er auf das schmiedeeiserne Tor zu und öffnete es. Der Friedhof lag fast verlassen vor ihm. Ohne nach rechts oder links zu sehen, folgte er dem Weg, der zum Grab seiner Verlobten führte.

»Es tut mir so leid«, sagte er, als er es erreicht hatte. »Ich wünschte, du wärst noch bei mir.« Er dachte daran, daß sie im vergangenen Dezember hatten heiraten wollen. Sie hatten sich Kinder gewünscht, wollten reisen… Sie hatten so viele gemeinsame Träume gehabt, und dann war alles innerhalb weniger Augenblicke vorbei gewesen.

»Ich werde dich niemals vergessen, Sabine.« Marcus legte die Blumen auf ihrem Grab nieder. »Du wirst immer in meinem Herzen sein.« Es war kein leeres Versprechen. Er wußte, selbst wenn er sich jemals erneut verlieben sollte, Sabine würde ein Teil seiner selbst bleiben.

Plötzlich hörte der junge Chirurg Schritte. Bereits im nächsten Moment fragte eine harte Stimme: »Was suchst du an ihrem Grab, Marcus? Hast du meiner Tochter nicht genug angetan? Mußt du jetzt auch noch ihre Ruhe stören?«

Marcus drehte sich um. Sabines Eltern standen hinter ihm. »Ihr wißt, wie sehr ich Sabine geliebt habe«, erwiderte er. »Wie…«

»So geliebt, daß du zu ihrem Mörder geworden bist«, fiel ihm Karsten Meinhardt ins Wort. »Du…«

»Karsten, bitte.« Karin Meinhardt legte beschwichtigend eine Hand auf den Arm ihres Mannes. »Wir wissen, daß Marcus Sabine geliebt hat.«

»Und deshalb liegt sie jetzt hier.« Der Geschäftsmann wies auf das Grab seiner Tochter. »Ich kann mich noch genau an ihren Todestag erinnern. Die Straßen sind so glatt gewesen, daß jeder vernünftige Mensch zu Hause geblieben wäre, trotzdem mußtest du mit ihr ja unbedingt nach München fahren. Als ob das nicht Zeit gehabt hätte. Ich hatte gleich ein schlechtes Gefühl, als du sie abgeholt hast. Warum habt ihr nicht auf mich gehört? Warum…«

»Es ist ein Unfall gewesen, Herr Meinhardt«, sagte Marcus. »Ich konnte nicht voraussehen, daß wir von einem Lkw gerammt werden würden.«

»Nein, voraussehen konntest du das nicht, dennoch ist diese Fahrt Leichtsinn gewesen, bodenloser Leichtsinn. Wie ich meine Tochter kenne, ist sie nur mitgefahren, um dir einen Gefallen zu tun.« Das bleiche Gesicht des Mannes verzerrte sich vor Haß. »Verschwinde, Marcus! Wenn du nicht endlich gehst, weiß ich nicht, was geschieht.«

»Bitte, Marcus, geh«, bat Karin Meinhardt. »Laß uns wenigstens in Ruhe unserer Tochter gedenken.«

Der junge Chirurg bemerkte, wie Karsten Meinhardt die Hände ballte. Sabines Vater war kein gewalttätiger Mann, er hatte nur seine Tochter über alles geliebt, und die Trauer um sie ließ ihn jede Vernunft vergessen. »Sie wissen, wie leid mir das alles tut«, sagte er. »Wenn ich könnte, würde ich jenen Tag ungeschehen machen.«

»Verschwinde endlich!« stieß Karsten Meinhardt hervor.

Marcus warf einen letzten Blick auf das Grab, dann ging er in die entgegengesetzte Richtung davon. Er drehte sich nicht um. Er wollte später noch einmal zurückkehren, um noch ein paar Minuten in Gedanken mit seiner verstorbenen Verlobten zu sprechen. Der Haß ihrer Eltern tat ihm weh. Er hätte viel darum gegeben, mit ihnen zusammen um sie trauern zu können. Niedergeschlagen verließ er den Friedhof.

Fast eine Stunde wanderte der junge Arzt durch Tegernsee. Es war Samstag, und er hatte keinen Dienst im Krankenhaus. Während des vergangenen Jahres hatte er versucht, seinen Kummer mit Arbeit zu betäuben. Wann immer Not am Mann gewesen war, man hatte ihn nur anrufen müssen und er war gekommen. Manchmal hatte er deswegen seinem kranken Vater gegenüber ein schlechtes Gewissen gehabt. Es wäre besser gewesen, so viel Zeit wie möglich mit ihm zu verbringen. Doch zu Hause fiel ihm die Decke auf den Kopf, mußte er mehr an Sabine denken, als ihm guttat.

Als Dr. Freud auf den Friedhof zurückkehrte, fand er Sabines Grab verlassen vor. Ihre Eltern waren bereits gegangen. Ihre Blumen lagen vor dem weißen Stein, der einen Engel mit Blütenzweigen in der Hand zeigte. Sein Strauß fehlte.

Marcus wandte sich um und ging zu einem der Abfallbehälter. Wie er es sich gedacht hatte, hatten sie seine Blumen ganz einfach weggeworfen. Es versetzte ihm einen heftigen Stich. Entschlossen griff er nach den Rosen, schüttelte sie etwas und legte sie auf Sabines Grab zurück

»Deine Eltern meinen es nicht böse«, sagte er niedergeschlagen. »Sie können mir nur nicht verzeihen.«

Dr. Eric Baumann, der an diesem Nachmittag die Gräber seiner Eltern besucht hatte, begegnete Marcus, als dieser den Friedhof verlassen wollte. Ihm fiel sofort auf, wie bedrückt der junge Arzt schien. »Wir haben uns ja schon lange nicht mehr gesehen«, meinte er und reichte ihm die Hand. »Wie geht es Ihnen?«

»Nicht sonderlich«, antwortete Marcus. »Heute vor einem Jahr ist meine Verlobte ums Leben gekommen.«

»Ja, so ein Tag reißt immer wieder Wunden auf«, sagte Eric. »Ich kenne das.« Er sah Marcus an. »Wenn Sie etwas Zeit hätten, könnten wir im Café Marquard eine Tasse Kaffee miteinander trinken.«

Marcus zögerte nur einen flüchtigen Moment, bevor er nickte. »Gern, Herr Baumann«, erwiderte er. »Mein Vater erwartet mich erst um halb sieben.«

Die beidem Ärzte verließen den Friedhof und stiegen in ihre Wagen. Eric bog als erster in die Straße ein. Im Rückspiegel sah er, daß ihm Marcus folgte. Sein Kollege tat ihm von Herzen leid. Er wußte, wie glücklich Sabine Meinhardt und er miteinander gewesen waren und wie stolz und froh die Meinhardts, daß ihre Tochter einen Chirurgen heiraten würde. Sie gehörten zu seinen Patienten. Während der vergangenen Monate hatte er mehrmals versucht, Karsten Meinhardt zur Vernunft zu bringen. Der Tod seiner Tochter hatte ihm so zugesetzt, daß er alles andere darüber vergaß und Marcus aus tiefstem Herzen haßte.

Erst als sie das »Marquard« betraten, wurde sich Marcus bewußt, daß er seit über einem Jahr nicht mehr hier Kaffee getrunken hatte. Früher waren er und Sabine oft hiergewesen. Seine Verlobte hatte die Blätterteigteilchen geliebt, die Hannes Reichelt, der Mann der Besitzerin, so hervorragend herstellte. Am liebsten wäre er umgekehrt, davongelaufen, nur wohin? Sabine war wie er in Tegernsee aufgewachsen. Es gab hier keinen Ort, an dem er nicht an sie erinnert wurde.

Sie bestellten Kaffee und Mohnkuchen. Dr. Freud erzählte Eric von seinem Zusammentreffen mit den Meinhardts und daß sie seine Blumen einfach vom Grab genommen und fortgeworfen hatten. »Ist das nicht widersinnig?« fragte er. »Sie wissen, wie sehr ich Sabine geliebt habe. Ich kann ja verstehen, daß sie sich fragen, weshalb ausgerechnet Sabine sterben mußte und nicht ich. Sie dürfen mir glauben, Herr Baumann, in den ersten Monaten nach Sabines Tod habe ich mir sehr oft dieselbe Frage gestellt. Wie gern wäre ich ihr gefolgt.«

»Das kann ich sehr gut verstehen«, antwortete Eric mitfühlend. »Aber es steht einwandfrei fest, daß Sie keine Schuld am Tod Ihrer Verlobten tragen. Der Fahrer des Lastwagens hat verantwortungslos gehandelt. Natürlich kann man ihn nicht mehr belangen. Immerhin ist er wenige Tage nach dem Unfall an seinen eigenen Verletzungen gestorben. Vermutlich konzentriert sich deshalb der Haß der Meinhardts auf Sie.«

»Wir sind Freunde gewesen, gute Freunde sogar«, sagte Marcus. »Mit Sabines ältestem Bruder bin ich zur Schule gegangen, durch ihn habe ich sie kennengelernt. Als Bub habe ich einen großen Teil meiner Freizeit bei den Meinhardts verbracht.«

»Haben Sie mal wieder etwas von Adrian Meinhardt gehört?«

Marcus schüttelte den Kopf. »Nein, weder von ihm noch von seinem Bruder. Für sie existiere ich ganz einfach nicht mehr.« Er schaute in seine Tasse. »Während des letzten Jahres habe ich oft darüber nachgedacht, ob es nicht besser wäre, Tegernsee zu verlassen, nur müßte ich in diesem Fall auch meinen Vater verlassen, und das kann ich ihm nicht antun.«

»Es würde ihm das Herz brechen«, stimmte Dr. Baumann zu. Marcus’ Vater, Wolfgang Freud, war nach einer schweren Infektion nierenkrank geworden und hatte schließlich sein Optikergeschäft verkaufen müssen. Seit zwei Jahren mußte er alle drei Tage zur Dialyse, trotzdem hatte ihn sein Lebensmut nicht verlassen, doch da er in Tegernsee aufgewachsen war und diese Stadt liebte, wäre es ein großer Fehler gewesen, ihm einen Umzug zuzumuten.

Marcus straffte die Schultern. »Ich werde es schon schaffen«, sagte er. »Ich muß es schaffen. Auch wenn ich Sabine sehr geliebt habe, ich darf nicht im Schatten ihres Todes leben.«

»Das sollen Sie auch nicht«, antwortete Eric. »Sabine Meinhardt ist tot. Jeder, der sie kannte, hat sie gern gehabt. Sie ist ein sehr lebensfroher Mensch gewesen. Schon aus diesem Grund bin ich mir ganz sicher, sie hätte es nicht gewollt, daß Sie über ihren Tod das eigene Leben vergessen.«

Marcus starrte aus dem Fenster. Sein Blick fiel auf den Schnee, der im Garten lag, und die Bäume, die wie in Puder getaucht wirkten. »Vergessen werde ich sie nie.«

»Das verlangt auch niemand von Ihnen. Wenn wir die Toten vergessen würden, wäre es, als hätten sie niemals gelebt. Dennoch sollte uns die Trauer um sie nicht blind dafür machen, daß das Leben weitergeht.«

Der junge Chirurg holte tief Luft. »Ich bin froh, daß ich Sie getroffen habe, Herr Baumann«, sagte er. »Vorhin…« Er schüttelte den Kopf. »Ja, das Leben geht weiter, und das ist auch gut so.« Marcus holte tief Luft. »Wie geht es Frau La Marca?« fragte er das Thema wechselnd. Inzwischen wußte ganz Tegernsee, daß am Heiligen Abend eine obdachlose Frau in der Praxis von Dr. Baumann einem kleinen Mädchen das Leben geschenkt hatte. »Ich habe sie neulich mit Paul Walkhofer in der Stadt gesehen. Sie scheinen ziemlich verliebt ineinander zu sein.«

»Ja, das glaube ich auch«, antwortete Eric. »Maria und Natalie haben auf dem Löblhof ein Zuhause gefunden. Es geht ihnen gut. Meine Haushälterin und ich freuen uns schon darauf, im März Natalies Paten zu werden. Wir können es kaum noch erwarten. Die kleine Natalie ist für uns wie ein Geschenk des Himmels.«

»Ihr ganz persönliches Christkindl«, scherzte Marcus.

»Ja, unser ganz persönliches Christkindl«, bestätigte Eric und dachte daran, wie Maria La Marca am Weihnachtsabend auf sie zugetaumelt war. Er wünschte sich von ganzem Herzen, daß sie und Paul glücklich miteinander werden würden. Und nicht nur er wünschte sich das, auch Anton Löbl, Pauls Stiefonkel, und dessen Schwester.

»Manchmal glaube ich wirklich, unser Schicksal ist vorbestimmt«, sagte Marcus Freud. »Wenn alles so kommen muß, wie es kommt, warum…« Er winkte ab. »Wahrscheinlich ist es ganz gut, daß es immer noch Dinge gibt, die den Menschen verborgen bleiben.«

»Es wäre durchaus nicht gut, in die Zukunft schauen zu können«, pflichtete ihm sein Kollege bei. »Vieles von dem, was getan werden muß, würde dann sicher nicht mehr getan.«

*

Valerie Rohrbach schloß die Haustür auf und stieg die drei Treppen zu ihrer Wohnung hinauf. Von einer nahen Kirche schlug die Uhr halb zwölf. Müde suchte sie in ihrer Handtasche nach dem Wohnungsschlüssel, bis ihr einfiel, daß sie ihn in die Tasche ihres Mantels gesteckt hatte. Sie fühlte sich wie zerschlagen. Am gestrigen Abend war sie nach der Vorstellung noch mit einigen Freunden ausgegangen und am Vormittag hatte sie keine Zeit gehabt, sich auszuschlafen, weil sie einiges erledigen mußte. Es wurde also allerhöchste Zeit, daß sie ins Bett kam.

Die junge Frau arbeitete als Maskenbildnerin an einem der Berliner Theater. Sie liebte ihren Beruf. Schon als kleines Mädchen hatte sie einen Großteil ihrer Zeit damit verbracht, ihre Puppen und Freundinnen durch Schminke, Perücken und Kostüme in völlig andere Wesen zu verwandeln. Sie brachte so viel Geschick für ihren Beruf mit, daß sich die Theater geradezu um sie rissen.

Als die junge Frau ihre leere Wohnung betrat, mußte sie an den Mann denken, von dem sie sich vor einem Jahr getrennt hatte. Volker Bartz wäre ihr fast zum Schicksal geworden, wenn sie es nicht unter Aufbietung ihrer ganzen Kräfte geschafft hätte, einen Schlußstrich zu ziehen. Obwohl es in ihrer Beziehung schon lange nicht mehr gestimmt hatte, war es ihm immer wieder gelungen, sie zum Einlenken zu bringen. Er war Schauspieler, ein sehr guter Schauspieler sogar, leider wußte er das auch. Deshalb verlangte er von den Menschen in seiner näheren Umgebung völlige Hingabe.

Die junge Frau beschloß, noch eine Tasse Tee zu trinken und erst danach ins Bett zu gehen. Aus Erfahrung wußte sie, daß sie trotz ihrer Müdigkeit einige Zeit brauchen würde, um einzuschlafen. Tief in Gedanken, schaltete sie das Radio ein. Emilia sang »Big big World«. Das Lied paßte zu Valeries Stimmung. Auch wenn sie sich nicht Volker zurückwünschte, manchmal fühlte sie sich sehr, sehr einsam.

Während sie sich auszog, trank sie ihren Tee. Sie überlegte, ob sie noch ein Bad nehmen sollte, sagte sich jedoch, daß es dazu einfach schon zu spät war. Am besten würde es sein, im Bett zu lesen, bis ihr die Augen von allein zufielen.