Verena – eine ungeliebte Waise - Laura Martens - E-Book

Verena – eine ungeliebte Waise E-Book

Laura Martens

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Beschreibung

Dr. Baumann ist ein echter Menschenfreund, rund um die Uhr im Einsatz, immer mit einem offenen Ohr für die Nöte und Sorgen seiner Patienten, ein Arzt und Lebensretter aus Berufung, wie ihn sich jeder an Leib und Seele Erkrankte wünscht. Seine Praxis befindet sich in Deutschlands beliebtestem Reiseland, in Bayern, wo die Herzen der Menschen für die Heimat schlagen. Der ideale Schauplatz für eine besondere, heimatliches Lokalkolorit vermittelnde Arztromanserie, die ebenso plastisch wie einfühlsam von der beliebten Schriftstellerin Laura Martens erzählt wird. Verena Müller öffnete das Küchenfenster und starrte in den großen Garten der Villa, die etwas außerhalb Tegernsees am Abhang des Leebergs liegt. Sie fühlte einen nagenden Schmerz in sich, der sie völlig ausfüllte und ihren Körper innerlich vibrieren ließ. Die abendlichen Lichter Tegernsees vertieften diesen Schmerz noch, trotzdem brachte sie es nicht über sich, das Fenster zu schließen und endlich mit dem Abwasch zu beginnen. Sie wollte aus dem Haus laufen, durch den Garten, hinunter in die Stadt. Wie wundervoll mußte es sein, um diese Zeit am Wasser entlangzugehen, den Wind auf der Haut zu spüren und die Menschen zu beobachten, die glücklich und unbeschwert all jenen Beschäftigungen nachgingen, die ihre Tante als schamlos, verworfen und lasterhaft bezeichnete. »Sei froh, daß du nichts mit ihnen zu tun hast«, sagte ihre Tante ständig. »Von denen kannst du nichts Gutes lernen. Gott sei Dank habe ich immer ein Auge auf dich gehabt und verhindert, daß du mit ihnen zusammenkommst. Mäd­chen wie du brauchen eine starke Hand, um sie davon abzuhalten, geradewegs in ihr Verderben zu laufen.« Verena holte tief Luft, schloß die Fenster und wandte sich dem Spülbecken zu. Sie griff gerade nach einem der schmutzigen Teller, als sich lautlos die Küchentür öffnete. »Weshalb bist du noch nicht fertig?« fragte hinter ihr Edith Häußermann. Die junge Frau ließ vor Schreck den Teller auf die Ablage des Spülbeckens fallen. Mit einem häßlichen Geräusch schlug er auf und zerbrach in drei Teile. Entsetzt griff sie sich an den Mund. »Du dummes Ding, du!« stieß ihre Tante erregt hervor. »Nicht einmal abwaschen kann man dich lassen, ohne, daß du etwas zerbrichst.

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Seitenzahl: 118

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Der Arzt vom Tegernsee – 26 –

Verena – eine ungeliebte Waise

Laura Martens

Verena Müller öffnete das Küchenfenster und starrte in den großen Garten der Villa, die etwas außerhalb Tegernsees am Abhang des Leebergs liegt. Sie fühlte einen nagenden Schmerz in sich, der sie völlig ausfüllte und ihren Körper innerlich vibrieren ließ. Die abendlichen Lichter Tegernsees vertieften diesen Schmerz noch, trotzdem brachte sie es nicht über sich, das Fenster zu schließen und endlich mit dem Abwasch zu beginnen. Sie wollte aus dem Haus laufen, durch den Garten, hinunter in die Stadt. Wie wundervoll mußte es sein, um diese Zeit am Wasser entlangzugehen, den Wind auf der Haut zu spüren und die Menschen zu beobachten, die glücklich und unbeschwert all jenen Beschäftigungen nachgingen, die ihre Tante als schamlos, verworfen und lasterhaft bezeichnete.

»Sei froh, daß du nichts mit ihnen zu tun hast«, sagte ihre Tante ständig. »Von denen kannst du nichts Gutes lernen. Gott sei Dank habe ich immer ein Auge auf dich gehabt und verhindert, daß du mit ihnen zusammenkommst. Mäd­chen wie du brauchen eine starke Hand, um sie davon abzuhalten, geradewegs in ihr Verderben zu laufen.«

Verena holte tief Luft, schloß die Fenster und wandte sich dem Spülbecken zu. Sie griff gerade nach einem der schmutzigen Teller, als sich lautlos die Küchentür öffnete.

»Weshalb bist du noch nicht fertig?« fragte hinter ihr Edith Häußermann.

Die junge Frau ließ vor Schreck den Teller auf die Ablage des Spülbeckens fallen. Mit einem häßlichen Geräusch schlug er auf und zerbrach in drei Teile. Entsetzt griff sie sich an den Mund.

»Du dummes Ding, du!« stieß ihre Tante erregt hervor. »Nicht einmal abwaschen kann man dich lassen, ohne, daß du etwas zerbrichst. Deine Eltern haben mir ein schönes Kuckucksei ins Nest gelegt. Ich hätte zulassen sollen, daß man dich nach ihrem Tod ins Waisenhaus steckt, statt dir ein schönes Zuhause zu geben.« Sie stemmte die Hände in die Seiten. »Dreh mir nicht den Rücken zu, wenn ich mit dir spreche.«

Verena wandte sich langsam um. »Es tut mir leid, Tante Edith«, flüsterte sie, ohne aufzublicken.

»Es tut mir leid… Es tut mir leid…« Edith Häußermann schüttelte den Kopf. »Und wie du wieder aussiehst? – Wie ein gerupftes Huhn. Kein Wunder, daß man mir geraten hat, dich möglichst im Haus zu lassen. Du bist wirklich kein schöner Anblick für andere Menschen, Verena.« Sie wies auf den kaputten Teller. »Los, wirf die Scherben in den Abfalleimer und bring ihn gleich nach draußen. Und dann erledige deine Arbeit. Die Küche sollte längst fertig sein.«

Verena beeilte sich, die Scherben einzusammeln. Ihre Hände zitterten, als sie den Abfalleimer öffnete. Sie war sich keiner Schuld bewußt, dennoch wagte sie nicht zu widersprechen. Ihre Tante würde ihr tagelang fast ununterbrochen Vorwürfe machen und ihr womöglich, wie erst vor wenigen Wochen, ihre Bücher fortnehmen, um sie damit zu strafen. Aber die Bücher waren doch das einzige, was ein Mädchen wie sie hatte, um der Wirklichkeit zu entfliehen und für kurze Zeit zu vergessen, wie wenig erfreulich sein eigener Anblick für andere Menschen war.

»Und wenn du fertig bist, gehst du auf dein Zimmer. Ich habe keine Lust, mich heute noch länger mit dir zu beschäftigen. Ohnehin fühle ich mich nicht besonders wohl.« Frau Häußermann griff sich ans Herz. Seit Stunden kam es ihr vor, als würde sich ein enger Reifen um ihre Brust immer enger und enger zusammenziehen. Sie kannte diese Anzeichen nur zu gut, deshalb hatte sie auch bereits ihr Nitro-Spray benutzt. Geholfen hatte es bisher allerdings nicht.

»Dein Herz?« fragte Verena leise.

»Ja, mein Herz!« stieß ihre Tante fast bellend hervor. »Und warum habe ich ständig Herzbeschwerden? – Ich kann es dir sagen, meine Liebe. Weil ich mich vierundzwanzig Stunden am Tag um dich sorgen muß. Wie froh wäre ich schon, wenn du mir wenigstens ein einziges Mal beweisen würdest, daß ich mich auf dich verlassen kann.« Sie drehte sich um und verließ die Küche. Schallend flog die Tür hinter ihr ins Schloß.

Verena hob den Kopf. Sie verfluchte sich selbst, weil sie so ungeschickt gewesen war, den Teller fallenzulassen. Vermutlich hatte ihre Tante sogar recht, wenn sie meinte, sich nicht auf sie verlassen zu können. Alles, was sie in die Hand nahm, ging schief. Nicht einmal das Haus konnte sie zur Zufriedenheit ihrer Tante putzen.

Nachdem die junge Frau abgewaschen und die Küche in Ordnung gebracht hatte, klopfte sie an die Wohnzimmertür, öffnete sie einen Spalt und wünschte ihrer Tante eine gute Nacht.

»Schlaf gut«, kam es von Edith Häußermann. »Und denk darüber nach, wie du mir das Leben erleichtern könntest.«

Verena huschte die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, ging sie zu dem kleinen Radio, das am Fenster stand, schaltete es ein und suchte so lange, bis sie einen Sender gefunden hatte, der Musik brachte. Sie liebte Musik über alles. Stundenlang konnte sie mit geschlossenen Augen auf dem Bett liegen und sich ihr völlig hingeben. Musik gehörte zu den wenigen Dingen, gegen die ihre Tante nichts einzuwenden hatte.

Es war mitten in der Nacht, als Verena plötzlich erwachte. Irgend etwas stimmte nicht, das fühlte sie. Ohne das Licht einzuschalten, richtete sie sich auf.

»Verena!«

Ihre Tante!

Verena schlug die Beine über den Bettrand und eilte barfuß zum Zimmer ihrer Tante, das auf der anderen Seite der Treppe lag. Ohne anzuklopfen trat sie ein. Erschrocken blieb sie stehen, als sie im Licht der Nachttischlampe das schmerzverzerrte, schweißüberströmte Gesicht ihrer Tante sah.

»Gaff nicht, als könntest du nicht bis drei zählen«, stieß Edith Häußermann mühsam zwischen den Zähnen hervor. »Ruf Doktor Weißhaupt an. Er soll sofort kommen. Sag ihm, daß ich einen schweren Angina-pectoris-Anfall habe.«

»Kann ich sonst noch was für dich tun?« fragte Verena. »Dein Spray liegt auf dem Boden.« Sie bückte sich.

»Habe ich bereits benutzt.« Ihre Tante griff nach dem Spray. »Beeil dich. Diese Schmerzen…,< ich…« Sie preßte eine Hand auf den Brust­ansatz.

Die junge Frau stellte keine weiteren Fragen. Sie rannte ins Erdgeschoß hinunter und wählte die Nummer von Dr. Weißhaupt, dem Arzt, bei dem ihre Tante und sie schon seit Jahren in Behandlung waren. Nur eine Tonbandstimme meldete sich. Dr. Weißhaupt befand sich in Urlaub. Seine Vertretung hatte Dr. Eric Baumann übernommen.

Verena legte auf und wählte erneut. Bereits nach dem dritten Klingelton nahm Dr. Baumann ab. »Meine Tante hat wieder einen ganz schweren Angina-pectoris-Anfall«, sagte sie atemlos. »Unser Hausarzt ist Doktor Weißhaupt.«

»Ich komme sofort«, versprach Eric. »Wo wohnen Sie?«

Die junge Frau nannte ihm die Adresse. »Ich werde das Gartenlicht einschalten«, versprach sie. »Bitte, beeilen Sie sich.«

»Ich bin schon unterwegs«, antwortete er und legte auf.

Verena behielt noch einen Augenblick den Hörer in der Hand. Die Stimme des Arztes hatte nett geklungen, nicht so brummig wie die von Dr. Weißhaupt, den sie seit ihrer Kindheit fürchtete. Sie hatte kaum gewagt, etwas zu ihm zu sagen, selbst, wenn er sich, was selten genug vorkam, direkt an sie wandte. Gewöhnlich sprach er über ihren Kopf hinweg mit ihrer Tante, so, als wäre sie überhaupt nicht vorhanden.

Die junge Frau kehrte ins Schlafzimmer zurück. Edith Häußermann lehnte erschöpft in ihren Kissen. Sie hatte Angst, sich zu rühren, weil dann die Schmerzen noch stärker wurden. »Ich mußte Doktor Baumann anrufen«, sagte Verena. »Doktor Weißhaupt ist in Urlaub.«

»Auch das noch«, stöhnte die Kranke. »Lauf hinunter und warte dort auf ihn. Ich kann dich doch hier nicht gebrauchen. Und zieh dir etwas über, oder willst du den Arzt im Nachthemd empfangen?«

Verena kehrte in ihr Zimmer zurück, schlüpfte in ihre Pantoffeln und zog sich einen Morgenrock an. Während sie erneut die Treppe hinunterstieg, band sie ihn zu. Sie fühlte eine seltsame Erregung in sich. Es lag eine Ewigkeit zurück, seit sie zuletzt in der Stadt gewesen war und mit fremden Menschen gesprochen hatte. Deshalb fürchtete sie die Begegnung mit Dr. Baumann und sehnte sie gleichzeitig herbei.

Dr. Baumann ließ nicht lange auf sich warten. Verena hatte sich eine Tasse Kaffee aufbrühen wollen, als sie seinen Wagen durch die Einfahrt kommen hörte. Eilig öffnete sie die Haustür.

Eric stieg aus, nahm seinen Arztkoffer vom Rücksitz und eilte der jungen Frau entgegen.

»Meine Tante ist ganz oben.« Sie richtete ihren Blick auf den Apfelbaum, der unweit des Hauses stand. »Es geht ihr sehr schlecht.«

»Bitte, gehen Sie voraus«, bat Dr. Baumann.

Verena trat beiseite, um ihn ins Haus zu lassen, dann stieg sie ihm voraus die Treppe hinauf und öffnete die Tür zum Zimmer ihrer Tante. »Doktor Baumann ist jetzt hier, Tante Edith«, sagte sie. »Soll ich dableiben?«

»Das ist nicht nötig«, antwortete Edith Häußermann. »Gut, daß Sie da sind, Herr Doktor. Ich halte diese Schmerzen bald nicht mehr aus.« Hilfesuchend streckte sie dem Arzt die Hand entgegen. »Das Nitro-Spray nützt überhaupt nichts.«

Verena schloß die Tür hinter sich. Sie überlegte, wo sie auf Dr. Baumann warten sollte, schließlich holte sie sich einen Stuhl und setzte sich neben die Treppe. Ihr fiel ein, daß sie dem Arzt nicht einmal für sein schnelles Kommen gedankt hatte. Was mußte er jetzt von ihr denken?

Es dauerte eine ganze Weile, bis Dr. Baumann aus dem Zimmer der Kranken kam. Sein Blick fiel sofort auf die junge Frau, die mit im Schoß gefalteten Händen neben der Treppe saß und wie ein Häufchen Unglück wirkte. Irgend etwas stimmte nicht mit ihr, das hatte er sofort bemerkt. Sie wirkte unbeholfen und linkisch, nur glaubte er nicht, daß sie es in Wirklichkeit auch war.

»Ich habe Ihrer Tante eine Spritze gegeben. Sie hat jetzt keine Schmerzen mehr«, sagte er.

Verena hob den Kopf. Sie sprang so schnell auf, daß sie dabei fast den Stuhl umgeworfen hätte. »Soll… muß ich heute nacht bei ihr am Bett wachen?«

»Nein, das ist nicht nötig.« Eric lächelte ihr zu.

»Begleiten Sie mich nach unten«, schlug er vor. »Sie sind also die Nichte von Frau Häußermann. Wie heißen Sie?«

Verena antwortete ihm so leise, daß er sie kaum verstehen konnte. Mit einer Hand umklammerte sie das Treppengeländer. Sie war so nervös, daß sie befürchtete, eine Stufe zu verfehlen und hinzustürzen.

»Leben Sie schon lange bei Ihrer Tante?«

Verena nickte. Sie hatte Angst, etwas Falsches zu sagen.

»Wohnt außer Ihnen noch jemand im Haus?« Dr. Baumann wurde sich plötzlich bewußt, daß er dabei war, die junge Frau einem regelrechten Verhör zu unterziehen. »Verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht ausfragen«, sagte er.

»Tante Edith und ich wohnen allein.« Verena wandte ihm das Gesicht zu. Für den Bruchteil einer Sekunde verzogen sich ihre Mundwinkel zu einem Lächeln. »Werden Sie wiederkommen?« fragte sie und hoffte es von ganzem Herzen.

»Ja, ich schaue morgen nachmittag nach Ihrer Tante. Sollte es ihr allerdings wieder schlechtergehen, rufen Sie mich an.« Eric blieb stehen. »Ich habe Ihrer Tante für die nächsten Tage Bettruhe verordnet. Vor allen Dingen darf sie sich nicht aufregen.«

»Muß Tante Edith in ihrem Schlafzimmer bleiben?«

»Nein, das ist nicht nötig. Sie darf durchaus ins Wohnzimmer hinuntergehen und etwas fernsehen.«

»Wir haben keinen Fernseher.« Verena holte tief Luft. »Meine Tante meint, das Fernsehen würde nur die Leute konfus machen und auf dumme Gedanken bringen. Es wäre ohnehin alles verlogen, was man so zeigen würde.«

»Nun, es gibt auch vieles im Fernsehen, was durchaus sehenswert ist«, sagte Dr. Baumann. Er reichte der jungen Frau die Hand. »Es ist spät. Wir sollten dafür sorgen, noch etwas Schlaf zu bekommen. – Ich habe Ihrer Tante ein Rezept dagelassen. Bitte, holen Sie gleich morgen früh die Medikamente.«

»Meine Tante wird in der Apotheke anrufen, damit man uns die Sachen heraufschickt.«

»Und warum telefonieren Sie nicht?«

»Das würde ihr bestimmt nicht gefallen.«

Nein, da stimmte ganz entschieden etwas nicht! Eric überlegte, ob er sich noch etwas mit der jungen Frau zusammensetzen sollte, doch statt dessen verabschiedete er sich von Verena und ging zu seinem Wagen. Als er sich umdrehte, sah er, daß sie noch immer in der offenen Haustür stand. Er winkte ihr flüchtig zu.

Ganz langsam hob Verena die Hand und winkte zurück, dann schaute sie zum nachtdunklen Himmel hinauf. Schon immer hatte sie die Sterne geliebt. Nicht zum ersten Mal wünschte sie sich, zu ihnen hinauffliegen zu können.

*

An diesem Morgen hatte Lina Becker mit Harvard einen langen Waldspaziergang unternommen. Als sie jetzt in den Narzissenweg zurückkehrte, sah sie sofort den Möbelwagen, der vor dem Nachbargrundstück parkte. »Sieht aus, als würden die Seitters einziehen, Harvard«, meinte sie. »Ich bin schon schrecklich gespannt auf sie. Immerhin soll Herr Seitter Finanzbeamter sein, da kann man ja nie wissen…« Sie beugte sich zu ihrem Hund hinunter und tätschelte seinen Rücken. »Paß nur auf, daß du ihn nie anbellst oder anknurrst, sonst sorgt er womöglich dafür, daß die Hundesteuer erhöht wird.«

Aber Harvard dachte nicht daran, die neuen Nachbarn anzubellen oder anzuknurren, denn plötzlich tauchte aus der Einfahrt des Hauses eine hellbraune Hündin auf. Sie war zwar ein ganzes Stück größer als er, doch kaum hatte sie ihn gesehen, rannte sie schwanzwedelnd auf ihn zu. Harvard war nicht mehr zu halten. Er zerrte so heftig an der Leine, daß Lina Becker nichts anderes übrigblieb, als ihn loszumachen. Keine Sekunde später schlossen die Hunde Freundschaft miteinander.

Ein dunkelhaariger Mann um die Fünfzig kam aus dem Haus. Er wirkte keineswegs erfreut, als er sah, wie sich die Hunde im Gras balgten. »Ida, was soll das?« fragte er barsch. »Los, ins Haus!« Er wies in Richtung Haustür.

»Bitte, lassen Sie die beiden, sie tun sich ja nichts«, meinte Lina Becker. »Auch Hunde brauchen ihresgleichen.« Sie schenkte dem Mann ein entwaffnendes Lächeln und stellte sich vor.

»Seitter.« Heinz Seitter ergriff flüchtig ihre Hand. »Sie sind die Dame vom Nachbarhaus, nicht wahr?«

Lina nickte. »Stimmt es, daß Sie Finanzbeamter sind?«

»Steuerinspektor im Ruhestand.«

»Mein Mann ist auch im Ruhestand«, erwiderte Frau Becker. »Er war Abteilungsleiter bei einer Verpackungsfirma. Jetzt schreibt er unsere Familiengeschichte auf.« Sie wollte gerade damit beginnen, weit auszuholen, als Heinz Seitter sagte:

»Sie müssen mich entschuldigen. Ich habe jede Menge zu tun.« Er wies auf die beiden Möbelpacker, die gerade eine Vitrine ins Haus trugen.

»Das kann man sehen. So ein Umzug ist kein Kinderspiel. Als wir von München nach Tegernsee gezogen sind, da…« Lina lachte. »Jetzt halte ich Sie schon wieder auf. Ein Glück, daß wir wenigstens noch nie Ärger mit dem Finanzamt gehabt haben. Wie heißt es so schön? Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.«