Vergiss die traurigen Stunden - Patricia Vandenberg - E-Book

Vergiss die traurigen Stunden E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Im Sonnenwinkel ist eine Familienroman-Serie, bestehend aus 75 in sich abgeschlossenen Romanen. Schauplätze sind der am Sternsee gelegene Sonnenwinkel und die Felsenburg, eine beachtliche Ruine von geschichtlicher Bedeutung. Wundervolle, Familienromane die die Herzen aller höherschlagen lassen. »Es war dunkel, als die schlanke junge Frau die Bahnhofshalle verließ. Sie hatte gewartet, bis diese sich völlig geleert hatte, bevor sie ins Freie trat. Es kehrte schon wieder Stille ein auf dem Bahnhofsplatz von Hohenborn. Ein letztes Auto fuhr eben weg. Ein Taxi war weit und breit nicht zu sehen. Es war nicht viel anders als früher, vor zehn Jahren, als ein junges Mädchen die Reise in die weite Welt antrat. Wenigstens hier, in der Umgebung des Bahnhofs. Aber es hatte sich doch manches in Hohenborn verändert, wie sie, die sich als Fremde fühlte, feststellen konnte. Auf dem Marktplatz, den sie nach zehn Minuten erreichte, sah es ganz anders aus. Das Hotel »Zur Post« war nicht wiederzuerkennen. Die Fassade, einst verwittert und grau, wirkte direkt vornehm. Die neuen Geschäfte, die Lokale, dies alles war jener jungen Frau unbekannt, und sie hoffte, daß auch sie niemand erkennen würde. Sie betrat die Halle des Hotels »Zur Post.« Ein weicher Teppichboden, bequeme Sessel, schöne Vorhänge, alles sehr gediegen, nicht billig. Doch da, an der Rezeption, ein junges Mädchen, ein Gesicht, das sie kannte, oder das Ebenbild eines andern Gesichts, das jetzt viel älter sein mußte, zehn Jahre älter! Es kostete sie dennoch Überwindung, näher zu treten, und wäre sie nicht zu müde gewesen, wäre sie wieder umgekehrt. »Kann ich bitte ein Zimmer haben?« fragte sie mit wohlklingender Stimme. Zwei helle Augen musterten sie rasch und forschend.

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Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Im Sonnenwinkel – 22 –Vergiss die traurigen Stunden

… denn in Erlenried wird alles gut

Patricia Vandenberg

»Es war dunkel, als die schlanke junge Frau die Bahnhofshalle verließ. Sie hatte gewartet, bis diese sich völlig geleert hatte, bevor sie ins Freie trat.

Es kehrte schon wieder Stille ein auf dem Bahnhofsplatz von Hohenborn. Ein letztes Auto fuhr eben weg. Ein Taxi war weit und breit nicht zu sehen.

Es war nicht viel anders als früher, vor zehn Jahren, als ein junges Mädchen die Reise in die weite Welt antrat. Wenigstens hier, in der Umgebung des Bahnhofs.

Aber es hatte sich doch manches in Hohenborn verändert, wie sie, die sich als Fremde fühlte, feststellen konnte. Auf dem Marktplatz, den sie nach zehn Minuten erreichte, sah es ganz anders aus. Das Hotel »Zur Post« war nicht wiederzuerkennen. Die Fassade, einst verwittert und grau, wirkte direkt vornehm. Die neuen Geschäfte, die Lokale, dies alles war jener jungen Frau unbekannt, und sie hoffte, daß auch sie niemand erkennen würde.

Sie betrat die Halle des Hotels »Zur Post.« Ein weicher Teppichboden, bequeme Sessel, schöne Vorhänge, alles sehr gediegen, nicht billig. Doch da, an der Rezeption, ein junges Mädchen, ein Gesicht, das sie kannte, oder das Ebenbild eines andern Gesichts, das jetzt viel älter sein mußte, zehn Jahre älter!

Es kostete sie dennoch Überwindung, näher zu treten, und wäre sie nicht zu müde gewesen, wäre sie wieder umgekehrt.

»Kann ich bitte ein Zimmer haben?« fragte sie mit wohlklingender Stimme.

Zwei helle Augen musterten sie rasch und forschend.

»Zufällig ist eins frei geworden«, erwiderte die helle Mädchenstimme. »Es hat aber nur eine Dusche.«

»Das ist mir recht.«

»Würden Sie sich dann bitte eintragen, gnädige Frau?«

Das Mädchen schob ihr einen Block hin.

Mit steifen Fingern, die ihr nicht gehorchen wollten, schrieb sie den Namen »Ria Burg«.

»Meine Koffer sind noch auf dem Bahnhof«, bemerkte sie leise. »Es war kein Taxi aufzutreiben.«

»Ja, sie sind bei uns rar«, sagte das Mädchen. »Kurt kann die Koffer holen, wenn es Ihnen recht ist. Kurt ist mein Bruder.«

»Heli, komm doch mal!« rief eine weibliche Stimme, bei deren Klang Ria Burg zusammenzuckte.

»Da ist gerade ein Gast gekommen, Mama«, entgegnete das Mädchen.

Eine Frau in mittleren Jahren erschien, das ältere Ebenbild des Mädchens, das Gesicht, das Ria Burg vorhin zu sehen meinte, weil sie für einen Augenblick die zehn Jahre zwischen damals und heute vergessen hatte.

Wieder fühlte sie sich gemustert, und diesmal stockte ihr Herzschlag.

Aber nicht ein einziges Zeichen des Erkennens war in den Augen der anderen zu lesen.

»Ich hoffe, Sie werden sich bei uns wohl fühlen, gnädige Frau«, sagte Maria Dosch, die Besitzerin des Hotels »Zur Post«, in ihrem breiten Dialekt.

»Danke, das werde ich«, erwiderte Ria Burg erleichtert.

»Kurt kann doch gleich mal die Koffer der gnädigen Frau holen, Mama«, meinte Heli Dosch.

»Ja, sofort.«

Ria Burg reichte ihr den Aufbewahrungsschein. Maria Dosch nahm ihn mit einem Lächeln entgegen.

»Mein Sohn muß sich beeilen, sonst machen sie den Bahnhof zu«, äußerte sie. »Bei uns geht es geruhsam zu, aber das werden Sie noch merken, wenn Sie länger bleiben.«

»Doch, ich denke, daß ich einige Tage bleiben werde«, sagte Ria Burg. Wenn mich niemand erkennt, dachte sie weiter.

*

Das Zimmer war sehr hübsch und geräumig. Das Hotel mußte erst kürzlich renoviert worden sein. Alles sah noch sehr neu aus. Und damals vor zehn Jahre, als Josef Dosch gerade gestorben war, hatte man davon gerade gesprochen, daß seine Frau Maria den Gasthof – damals war es noch einer – kaum würde halten können.

Ja, es mußte sich schon manches in Hohenborn verändert haben. Heli war zu jener Zeit elf Jahre gewesen. Und Kurt? Der war fünfzehn und ein richtiger Lausbub, der mit seinen Streichen die Stadt in Atem hielt.

Jetzt war er ein erwachsener Mann, breitschultrig, aber schlank. Er sah recht gut aus und war mit städtischem Schick gekleidet. Er gab sich ganz als junger Hotelier, der sich jedoch nicht scheute, den Gästen in jeder Form gefällig zu sein.

»Wird sofort erledigt, gnädige Frau«, erklärte er höflich. »Ich bin in ein paar Minuten zurück. Und falls Sie Wünsche haben, sagen Sie es nur der Heli. Sie macht das dann schon.«

Die gute Maria scheint wenigstens mit ihren Kindern Glück gehabt zu haben, dachte Ria Burg, die unter richtigem Namen als Viktoria Lindberg in Hohenborn aufgewachsen war und deren bitteres Schicksal, das mit einer glanzvollen Karriere begonnen hatte, wohl jeder hier noch in Erinnerung hatte, denn daß es durch die Zeitungen gegangen war, hatte Viktoria Lindberg, die sich nun Ria Burg nannte, nicht verhindern konnte.

Sie wollte jetzt nicht daran denken. Nicht, bevor sie eine Nacht richtig geschlafen hatte. Die Erinnerungen kamen dann schon von selbst, und sie hatte es mit ihrer Rückkehr nach Hohenborn herausgefordert.

Kurt Dosch brachte schon die Koffer. Ria bedankte sich.

»Wenn Sie speisen wollen, gnädige Frau, wir können heute mit einem ganz delikaten Hasenrücken dienen.«

Nun hatte sie plötzlich Appetit. Hasenrücken – guter Gott, wie lange hatte sie den nicht mehr gegessen, weil er sie immer an die Heimat erinnert hatte. Aber nun war sie ja hier.

»Das ist wunderbar«, sagte sie. »Ich mache mich nur ein wenig frisch. Dann komme ich herunter.«

Maria Dosch hatte sie nicht erkannt, also würde auch niemand anders sie erkennen. Das machte ihr Mut.

Sie betrachtete sich eingehend im Spiegel, nachdem sie geduscht hatte.

Wer sollte denn dieses Gesicht noch erkennen, das acht Operationen hinter sich hatte. Es war nichts mehr von Viktoria Lindberg übriggeblieben. Nur zwei kleine Narben verrieten, wie schrecklich entstellt sie vor einem Jahr gewesen war.

Ihre Augenlider waren noch immer ein wenig geschwollen. Deswegen trug sie eine Brille mit dunkelgetönten Gläsern, mit der sie wie eine Gouvernante wirkte. Aber das wollte sie auch.

Nur das Haar war das gleiche geblieben, wundervolles aschblondes Haar, das sie in einem Nackenknoten trug.

Natürlich hatte man auch nicht die Augenfarbe verändern können, aber die konnte man hinter den getönten Gläsern ohnehin nicht richtig definieren.

Nein, sie war nicht mehr die berühmte Pianistin Viktoria Lindberg, die auf der Höhe des Triumphes in einen Abgrund gestoßen worden war, wobei sie alles verloren hatte, was ihr Leben ausgemacht hatte: ihr Gesicht, die Beweglichkeit ihrer Finger, ihr Vermögen, ihre Freunde und den Mann, den sie zu lieben glaubte.

Ihre Mundwinkel bogen sich abwärts. Liebe, Freunde – oh, wie sehr konnte man sich täuschen.

Aber weg mit diesen Gedanken. Ein delikater Hasenrücken wartete auf sie.

*

Die Spezialität des Hauses wurde von vielen geschätzt. Der Speisesaal war dicht gefüllt. Aber Kurt Dosch war zur Stelle und geleitete Ria Burg in einen kleinen Nebenraum, der für die Hotelgäste reserviert war, und die schienen alle schon gegessen zu haben. Nur ein älteres Paar saß noch an einem Ecktisch.

Kurt Dosch hatte nicht zuviel versprochen. Der Hasenrücken war nicht nur köstlich, die Beilagen machten einem Luxushotel Ehre, die Portion war überaus reichlich. Aber es schmeckte Ria so gut, daß sie nichts auf der Platte ließ. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt mit solchem Appetit gegessen hatte.

Aber schlafen konnte sie jetzt keinesfalls. Sie mußte sich noch ein wenig Bewegung verschaffen und bummelte durch die stillen Straßen der Stadt.

Sie fühlte sich im Innern schon wieder als die junge Viktoria, die es so sehr geliebt hatte, durch diese stillen abendlichen Straßen zu gehen, bis der Ehrgeiz sie gepackt hatte und die Welt lockte. Ihr Musiklehrer hatte ihr den Floh ins Ohr gesetzt.

»Du mußt lernen, Viktoria«, hatte er immer gesagt. »Du hast großes Talent, aber ohne Fleiß keinen Preis.«

Und sie hatte gelernt. Sie hatte geübt und alles darüber vergessen. Die Freundinnen, Onkel Korbinian und auch den Jugendfreund Till, mit dem sie sich einstmals doch so gut verstanden hatte.

Nun kamen die Erinnerungen schon ganz deutlich, und sie wehrte sich nicht dagegen.

War sie nicht gekommen, weil sie Heimweh gehabt hatte, Sehnsucht nach diesen Menschen, die sie einstmals so enttäuscht hatte, als ihr der Ruhm wichtiger gewesen war als ihre menschlichen Beziehungen?

Jetzt gab es keinen Ruhm mehr, keinen Applaus, keine enthusiastischen Bewunderer, die sich darum rissen, einen Blick von der berühmten Vik­toria Lindberg zu erhaschen. So schnell konnte alles vorbei sein, so schnell war man vergessen. Man mußte es erlebt haben, um es begreifen zu können.

Aber wo passierte es auch schon, daß auf einer Bühne ein Scheinwerfer zersprang und ausgerechnet den Star des Abends schwer verletzte? Das mußte man schon als ein Zeichen der Vorsehung hinnehmen, die es nun plötzlich doch nicht mehr gut mit dem Glückskind Viktoria meinte.

Viktoria sah vertraute Häuser. Da war das, in dem Dr. Rückert, der Notar, wohnte.

Ja, sein Name befand sich noch immer dort, obgleich auch dieses Haus modernisiert worden war.

Was wohl aus seinen Kindern geworden sein mochte? Aus dem gescheiten, netten Fabian, der vor zehn Jahren gerade sein Abitur mit Glanz bestanden hatte, als Jüngster seiner Klasse und als Bester? Und der kleinen Stella, diesem bezaubernden, temperamentvollen Kind, die ihr zum Abschied noch eine Rose aus dem Garten brachte?

»Du wirst bestimmt mal eine ganz große Künstlerin, Viktoria«, hatte sie bewundernd gesagt. »Ich möchte auch mal die weite Welt sehen.«

Die Haustür tat sich auf. Schnell wich Viktoria in den Schatten der großen Eiche zurück, hinter der sie früher Versteck gespielt hatte. Sie war noch gewaltiger geworden.

Aus dem Haus traten zwei Herren. Der eine war Dr. Rückert. Viktoria erkannte ihn. Der andere war ihr fremd. Ihnen folgten zwei Damen. Rosemarie Rückert und eine andere. Und dann kamen ein Junge und ein kleines Mädchen. Es hängte sich an Rosemarie Rückerts Hals.

»Komm doch öfter mal, Bambi«, meinte Rosemarie Rückers. »Bei uns ist es doch so still, seit Stella fort ist.«

Viktoria hörte alles, auch den herzlichen Abschied.

»Wiederschaun, Inge! Arbeite nicht zuviel, Werner! Wenn du nachmittags Schule hast, kannst du doch bei uns essen, Hannes!« Das galt dem hochaufgeschossenen Jungen. »Grüßt Fabian und Ricky, und gebt dem Kleinen ein Bussi«, sagte Rosemarie Rückert zum Schluß.

Dr. Heinz Rückert lachte.

»Sie tut gerade so, als wären wir aus der Welt und nicht schon übermorgen bei euch. Aber es ist nett, wenn ihr auch mal bei uns seid. Kommt gut nach Hause allesamt, und du, Bambischatz, schlaf gut!«

Bambi – Viktoria sah das Kind, da das Licht der Straßenlaterne voll auf sein Gesicht fiel – lachte und winkte, und dann sprang sie auf der Straße herum, dicht an ihr und der Eiche vorbei.

»Los, Bambi, sonst kommen wir heute nicht mehr nach Hause!« rief der Junge, den Frau Rückert Hannes genannt hatte.

Bambi lief aber doch noch um die Eiche herum. Und nun sah sie Viktoria.

»Entschuldigung«, sagte sie, nachdem sie kurz Luft geholt hatte. Zwei große dunkle Augen blickten Viktoria verwundert an, und sie hastete, sich ertappt fühlend, weiter.

*

Viktoria kam spät zurück. Kurt Dosch sah sie ganz verwundert an. Heli war anscheinend schon zu Bett gegangen. Schon…? Erschrocken sah sie auf die Uhr. Es war elf Uhr vorbei.

»Hatten Sie sich verlaufen?« fragte Kurt.

»Nein, das nicht. Es ist ein so schöner Abend. Ich hatte völlig die Zeit vergessen«, erwiderte sie. »Hoffentlich mußten Sie nicht meinetwegen aufbleiben.«

»Ach, das ist doch nicht schlimm. Ich habe noch Abrechnungen gemacht. Wissen Sie, wir sind ein Familienbetrieb. Aber das wird Sie kaum interessieren.«

»Doch, es interessiert mich«, sagte Viktoria. »Ich bin viel in der Welt herumgekommen. So richtige Familienbetriebe findet man nur noch in Deutschland und in der Schweiz. Die Luft hier bekommt mir gut. Ich werde gar nicht müde.«

»Möchten Sie noch ein Gläschen Wein trinken?« fragte Kurt.

Und ihm stand der Sinn noch nach Unterhaltung. Viel in der Welt herumgekommen war diese Frau Burg, und das interessierte ihn. Er konnte gar nicht genug davon erfahren, wie es dort in den Hotels zuging, denn Kurt Dosch hatte seinen Ehrgeiz. Er wollte einmal das beste Hotel weit und breit haben.

Und diese noch junge Frau – er hatte schnell einen Blick auf den Anmeldeschein geworfen und festgestellt, daß sie gerade erst einunddreißig war – hatte etwas ganz Besonderes an sich, auch wenn sie kein hübsches junges Mädchen mehr war. Sie war eine Dame, und arrogant war sie doch nicht. Man konnte gut mit ihr reden.

Irgendwie war sie ihm direkt ein wenig vertraut, wenigstens ihre Stimme, dieser leichte Dialekt, der hin und wieder ein wenig durchkam.

Sie forderte ihn sogar auf, sich zu ihr zu setzen. Sie begann über Hohenborn zu sprechen.

»Es ist ein hübsches Städtchen, aber doch recht groß geworden«, sagte Viktoria gedankenvoll.

»Kennen Sie es denn?« fragte er.

»Von ganz früher«, entgegnete sie rasch. »Als Kind war ich hier. Es ist lange her.«

»Gar so lange bestimmt nicht«, meinte er galant.

Wie anders er doch war als sein Vater, dieser ungehobelte Klotz, der fast immer betrunken gewesen war und seine Frau schikaniert hatte.

Leicht hatte es die Maria nicht gehabt, aber an ihren Kindern hatte sie nun bestimmt Freude.

»Schon eine ganze Zeit«, äußerte sie leichthin. »An Ihr Hotel kann ich mich aber nicht erinnern.«

»Es sah ganz anders aus«, erwiderte er. »Mein Vater hatte keinen Unternehmungsgeist, und rentieren tut es sich erst, seit die Münster-Werke so gewachsen sind und Erlenried entstanden ist.«

»Erlenried?« fragte sie.

»Die neue Siedlung beim Sonnenwinkel. Die müssen Sie sich mal anschauen, und das Gestüt vom Großmann-Walter, falls Sie den Namen noch kennen. Einen Fohlenhof hat er gegründet und macht auch sein Geschäft. Man kann schon einen schönen Urlaub hier verbringen. Die Felsenburg ist renoviert worden, und am Süd­ufer gibt es jetzt eine Kinderklinik.«

»Und wie bewirtschaften Sie Ihr Hotel mit der Familie?« erkundigte sich Viktoria. »Einen phantastischen Koch müssen Sie haben.«

Er lachte auf. »Das ist die Tante Leni, die Schwester von Mama. Sie hat in der Schweiz gelernt und war in einem feinen Hotel. Sie ist unsere Perle.«

Die Leni! Als Hausmädchen hatte sie bei Viktorias Eltern angefangen. Du lieber Gott, was da alles auf sie einstürmte. Es war ein wenig zuviel. Und der Wein tat das seine, daß Viktoria müde wurde.

Sie schlief in dieser Nacht wunderbar, tief und traumlos, und hatte vieles von dem abgeschüttelt, was sie während der letzten Monate so gequält hatte.

*

Dr. Till Jaleck stand früh am Morgen auf. Noch nicht ganz sechs Uhr war es, aber er mußte sich dennoch schicken, um alles zu schaffen, bis er nach Hohenborn ins Gymnasium fahren mußte.

Die Kinder mußten gefüttert werden, die kleine Corri gewaschen und angekleidet.

Christoph half sich jetzt schon selbst, aber so ganz wollte das auch nicht klappen.

Es war nur gut, daß es in Erlenried den Kindergarten gab, wo er sie unterbringen konnte, aber auf die Dauer ging das auch nicht.

Vor vierzehn Tagen war seine letzte Haushaltshilfe davongelaufen. »Hier ist ja nichts los, da versauert man ja«, war ihr Argument gewesen. Sie wollte lieber in die Großstadt, wie so viele junge Mädchen.

Christoph kam auf Zehenspitzen in die Küche.

»Corri hat heute nacht gehustet, Papi«, erzählte er.

Guter Gott, nein, laß sie bloß nicht krank werden, dachte Till Jaleck verzweifelt. Was sollte er dann machen?

Corri hustete auch, als er sie aus ihrem Bettchen nahm. Aber sie war ein liebes, geduldiges Kind, wie auch Christoph, der schon brav seinen Kakao trank.

Er konnte die Kinder doch nicht in ein Heim geben. Nein, das brachte er nicht übers Herz. Sie hatten dieses schöne Haus. Gerda hatte es gar nicht mal fertig gesehen.

Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn er es wieder verkauft hätte. Interessenten hätten sich bestimmt genug gefunden, aber er hatte sich so gewünscht, in Erlenried zu leben. Er hatte es sich nur nicht so schwer vorgestellt, ohne eine Frau im Haus fertig zu werden.

Anfangs war Tante Helene eingesprungen, aber dann hatte das Ischias sie so geplagt, daß sie ins Krankenhaus mußte und anschließend zur Kur. Ganz gesund würde sie niemals mehr werden, und zwei lebhafte Kinder waren ihr einfach zuviel.

Drei Haushaltshilfen hatte er während dieser verhältnismäßig kurzen Zeit gehabt. Keine war geblieben. Zwei waren gegangen, weil sie sich mehr von dem jungen Witwer erhofft hatten, als er zu geben bereit war, und die dritte wollte, wie schon gesagt, nicht versauern.

»Werd mir bloß nicht krank, Corri«, sagte er zu der Kleinen.

»Nicht krank, Papi, nur Snupfi«, erwiderte sie.

Christoph zog sich schon die Stiefel an.

»Weißt du, Papi«, seufzte er, »so ganz ohne Frau geht’s doch nicht. Warum haben wir bloß keine Mutti.«

Er konnte sich an seine auch nicht mehr erinnern. Er war auch eineinhalb gewesen, so wie Corri jetzt, als Gerda starb. Eine gute Frau war sie gewesen, und bestimmt wäre sie auch eine fürsorgliche Mutter geblieben. Es hatte nicht sein sollen.

Ich habe kein Glück mit den Frauen, dachte Till Jaleck an diesem Morgen wieder. Aber die Kinder brauchen jemanden.

*

Viktoria erwachte frisch gestärkt. Alles war jetzt nur halb so schlimm. Sie konnte unerkannt hier herumwandern. Sie würde innerlich endlich zur Ruhe kommen.