Verhängnisvolle Provence - Sandra Åslund - E-Book

Verhängnisvolle Provence E-Book

Sandra Åslund

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4,99 €

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  • Herausgeber: Midnight
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2019
Beschreibung

Intrigen in der Provence

In einem Kölner Park wird ein Toter gefunden, erschossen aus nächster Nähe. Schnell stellt sich heraus, dass der Mann Franzose war und für ein provenzalisches Kosmetikunternehmen bei Vaison-la-Romaine gearbeitet hat. Kommissarin Hannah Richter, die sich dank eines früheren Austauschprogramms in Vaison bereits auskennt, macht sich sofort auf den Weg, um vor Ort zu ermitteln. Zum Glück ist auf dem Weingut ihrer Freundin Penelope immer ein Zimmer für sie frei. Gemeinsam mit den Kollegen aus der Region nimmt Hannah den Familienbetrieb für Naturkosmetik unter die Lupe, für den das Opfer tätig war. Dabei kommt sie bald dahinter, dass dort nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Als eine weitere Leiche auftaucht, gerät die örtliche Polizei unter Druck … 

Von Sandra Åslund sind bei Midnight by Ullstein erschienen:
Mord in der Provence (Hannah Richter 1)
Tödliche Provence (Hannah Richter 2)
Verhängnisvolle Provence (Hannah Richter 3)

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Verhängnisvolle Provence

Die Autorin

Sandra Åslund, geboren 1976, ist am Niederrhein nahe der holländischen Grenze aufgewachsen. Sie studierte zunächst Lehramt, bevor sie sich zur Maskenbildnerin an der Oper Köln ausbilden ließ. Aus Liebe zum Schreiben absolvierte sie zusätzlich ein Fernstudium in Kreativem Schreiben an der Textmanufaktur. Die Autorin veröffentlichte unter ihrem Mädchennamen Sandra Maus bereits diverse Kurzgeschichten und Erzählungen in Anthologien sowie den Erzählband »Vielleicht war es nur der Wind«. Sie ist Mitglied im Autorenkreis Würzburg und bei den Mörderischen Schwestern. Von 2007 bis 2011 moderierte und gestaltete sie das Kleinkunstformat LiteraturLounge. Mit ihrem Roman »Mord in der Provence« startete die Autorin ihre Krimireihe um die Kölner Kommissarin Hannah Richter. Sandra Åslund lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Berlin.

Das Buch

Intrigen in der ProvenceIn einem Kölner Park wird ein Toter gefunden, erschossen aus nächster Nähe. Schnell stellt sich heraus, dass der Mann Franzose war und für ein provenzalisches Kosmetikunternehmen bei Vaison-la-Romaine gearbeitet hat. Kommissarin Hannah Richter, die sich dank eines früheren Austauschprogramms in Vaison bereits auskennt, macht sich sofort auf den Weg, um vor Ort zu ermitteln. Zum Glück ist auf dem Weingut ihrer Freundin Penelope immer ein Zimmer für sie frei. Gemeinsam mit den Kollegen aus der Region nimmt Hannah den Familienbetrieb für Naturkosmetik unter die Lupe, für den das Opfer tätig war. Dabei kommt sie bald dahinter, dass dort nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Als eine weitere Leiche auftaucht, gerät die örtliche Polizei unter Druck …

Von Sandra Åslund sind bei Midnight by Ullstein erschienen:Mord in der Provence (Hannah Richter 1)Tödliche Provence (Hannah Richter 2)Verhängnisvolle Provence (Hannah Richter 3)

Sandra Åslund

Verhängnisvolle Provence

Kriminalroman

Midnight by Ullsteinmidnight.ullstein.de

Originalausgabe bei MidnightMidnight ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinNovember 2019

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2019Umschlaggestaltung:ZERO Werbeagentur, MünchenTitelabbildung: © FinePic®Autorenfoto: © Sascha NauE-Book powered by pepyrus.com

ISBN 978-3-95819-285-0

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Inhalt

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

Prolog 

1. Kapitel 

2. Kapitel 

3. Kapitel 

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel 

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel 

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel 

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel 

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel 

26. Kapitel

27. Kapitel

Epilog 

Danksagung

Glossar

Playlist

INCI—Liste

Rezept für Penelopes Zahnputz-Pulver

Leseprobe: Mord in der Provence

Empfehlungen

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Prolog

Oh! Cette pierre est lourde Elle est plus lourde que moi Elle est plus lourde que tout le monde.Elle est plus lourde que tout le monde.

Oh! Ist der Stein hier schwer Er ist noch schwerer als ich Er ist noch schwerer als alle Menschen.Er ist noch schwerer als die Welt.

Pelléas et Mélisande (Maurice Maeterlinck/Claude Debussy)

Prolog 

Freitag, 6. Mai 1994

Seidiges Haar, das mich an Feenzauber denken lässt. Sie sieht mich an, ohne eine Miene zu verziehen. Die Sekunden tröpfeln dahin, keine Reaktion. Hat sie mich nicht verstanden? Habe ich zu leise gesprochen? Oder zu undeutlich? Das wird mir ständig vorgehalten. Das Blut schießt mir in den Kopf. Wie ich das hasse! Ich würde sonst was dafür geben, wenn ich es kontrollieren könnte. So was von peinlich!

Seit Tagen habe ich darauf gelauert, sie allein anzutreffen. Andauernd ist sie mit ihren Freundinnen zusammen. Bis auf freitags, die letzten beiden Stunden. Da hat sie Informatik. Ohne die Freundinnen. Ich habe den Kurs nur wegen ihr belegt. Nach der Pause habe ich sie abgepasst.

Und nun stehe ich hier wie ein Idiot. Alles fühlt sich falsch an.

Endlich bewegt sie ihre Lippen. »Ob ich mit dir zum Frühlingsfest gehe?« Ihre Augen ruhen auf meinen flammenden Wangen, auf die ich am liebsten meine Hände pressen würde.

Ich schlucke. Nicke. Die Zunge klebt am Gaumen. Meine Kehle ist trocken wie die Sahara.

Statt einer Antwort hebt sie eine Augenbraue. Ich spüre die Ablehnung der ganzen Welt, gesammelt in dieser einen, minimalen Bewegung. Sie dreht sich um und läuft leichtfüßig den Flur entlang in Richtung Unterrichtsraum. Lässt mich einfach stehen! Kaum ist sie ein paar Schritte gegangen, da höre ich es.

Wie eine schallende Ohrfeige klatscht mir ihr Lachen ins Gesicht. Ich verharre wie einbetoniert, mitten auf dem Gang, und schaue ihr hinterher. Seidiges Haar, Feenzauber – trotzdem.

Ehe sie den Raum betritt, schaut sie noch einmal zu mir, lacht weiter. Dann ist sie verschwunden.

Ich kann mich nicht rühren. Meine Muskeln wollen mir nicht gehorchen.

Jemand rempelt mich von hinten an. »Na, haste ̕ne Abfuhr kassiert?« Ausgerechnet ER, der coolste Typ der Schule. Zwei Klassen über mir. Er stößt mit seiner Faust gegen meine linke Schulter. »Ganz schön mutig, dich an die Prinzessin ranzutrauen.« Er deutet mit dem Daumen in Richtung Tür. Dann noch ein Stoß gegen die Schulter. »Ganz schön dämlich.« Er grinst mich an aus seinem gutaussehenden Gesicht. In das ich jetzt am liebsten reinschlagen möchte. Wäre ich nicht so ein Feigling. So ein Schwächling.

Breitschultrig und muskulös steht er mir gegenüber. Siegertyp. Ich will nur weg. Senke den Blick. Starre auf seine Chucks. Auf meine ausgetretenen namenlosen Turnschuhe. Murmle irgendwas von wegen nicht zu spät kommen. Ziehe mich zurück. Schnecke, Schnecke, ab in dein Haus.

Gleich fängt die Stunde an. Nächste Woche ist die Prüfung. Aber ich kann einfach nicht zum Klassenraum gehen. Ihr Lachen hallt in meinem Kopf nach, hämmert von innen gegen meine Stirn. Stattdessen laufe ich zur Treppe und hinunter ins Erdgeschoss. Ich verlasse das Schulgebäude. Zum ersten Mal in meinem Leben schwänze ich.

Den ganzen langen Weg nach Hause höre ich dieses Lachen. Sehe ihr regungsloses Gesicht vor mir. Die hochgezogene Augenbraue – eine Abfuhr ohne Worte. Wie es sich gehört für eine Prinzessin. Natürlich bin ich nicht gut genug für sie. Was habe ich mir bloß dabei gedacht?

Stück für Stück fällt das lähmende Entsetzen von mir ab. Mit jedem Schritt, den ich unserem Haus näher komme, werde ich wütender. Wütend auf mich selbst, dass ich mich so blamiert, mich zum Affen gemacht habe. Meine Gefühle auf dem Silbertablett serviert, zum ersten Mal, in den Staub getreten, zermalmt, zerquetscht. Wütend auf diese Hexe mit dem anmutigen Gesicht und dem perfekten Körper. Wütend auf den Supercoolen mit seinem breiten Grinsen, null Verstand, aber an jedem Finger drei Mädchen. Wütend auf meine Eltern, die mir nicht erlauben, so zu sein wie die anderen – »wir haben nicht so viel Geld«, »das können wir uns nicht leisten«, »ja, weißt du, die anderen haben halt …« Ich habe sie so satt, diese monotonen Standardsprüche, so satt, dass ich kotzen könnte! Bin wütend auf die Welt, die einfach scheiße ist!

Ich hole aus und trete gegen den nächstbesten Baum. Einmal, zweimal, dreimal, immer wieder. Stelle mir vor, es sei der Supercoole. Bis mein Fuß so wehtut, dass ich aufhören muss. Kann kaum mehr auftreten. Die Wut ist trotzdem noch da. Im Garten steht der Plastiklastwagen meines kleinen Bruders, das letzte Weihnachtsgeschenk. Ich greife danach und schlage mit dem Spielzeug so lange gegen die Hauswand, bis es in Stücken um mich herum verteilt liegt. Aber die Wut löst sich nicht auf. Sie ballt sich zu einem Knoten in meinem Magen zusammen, dunkelgrün und giftig. Mein Blick fällt auf den Kaninchenstall. Minouche, das weiße Kaninchen meiner großen Schwester, sieht mich aus sanftmütigen Augen an. Am liebsten würde ich dem Tier den Hals umdrehen, doch das wage ich nicht. Der Wutknoten wächst und wächst. Er schnürt mir die Luft ab.

Ich presse die Wut tief in mich hinein, so tief, wie es überhaupt möglich ist. Da sitzt er nun fest, der zusammengequetschte Wutknoten. Zwischen all den anderen, die ich schon weggedrückt habe. Wie ich es gelernt habe. Wenigstens kann ich nun wieder atmen.

Was heute passiert ist, werde ich nie vergessen. Irgendwann werde ich es ihr heimzahlen. Dann wird sie bereuen, was sie mir angetan hat. Irgendwann wird meine Stunde kommen. Dann werde ich es sein, der lacht.

1. Kapitel 

Montag, 2. Mai 2016

Der Tote lag bäuchlings mitten auf dem Weg. Ein Rinnsal Blut war aus seiner Stirn gesickert. Am Hinterkopf klaffte inmitten von dichtem schwarzem Haar eine sternförmige Wunde.

Michael Kleinschmidt, Kommissar bei der Kölner Kripo, schaute sich aufmerksam um. In diesem Teil des sogenannten Inneren Grüngürtels wanden sich schmale Pfade zwischen wild wachsenden Büschen und ausladenden Bäumen hindurch. Wenig erinnerte an den sonstigen Park, der sich übersichtlich und geordnet über rund sieben Kilometer halbkreisförmig zwischen der inneren Kanalstraße und den Bahnschienen entlangzog. Von Köln-Riehl im Norden bis hinunter zur Südstadt.

In den frühen Morgenstunden hatte ein junges Pärchen den Fund des Toten bei der Polizei gemeldet. Die beiden waren auf dem Heimweg von einer Studentenparty hier entlanggekommen. Völlig verstört waren sie gewesen, als die Polizeibeamten am Tatort eintrafen. Zunächst hatten sie gedacht, der Mann sei gestürzt, vielleicht in betrunkenem Zustand. In der Dunkelheit hatten sie die Schussverletzung erst bemerkt, als sie sich zu ihm hinuntergebeugt hatten.

Inzwischen war es hell geworden. Graue Wolken bedeckten den Himmel, doch wenigstens regnete es nicht. Die Kollegen hatten den Tatort abgesperrt, ein Arzt und die Fachleute von der Spurensicherung würden gewiss bald eintreffen.

Michael richtete seinen Blick wieder auf den Leichnam. Der Tote war circa eins achtzig groß und schlank. Er trug edle Jeans, ein schwarzes Sakko, dazu rahmengenähte Lederschuhe, die ziemlich neu aussahen. Die linke Gesichtshälfte konnte Michael sehen. Höchstens Mitte dreißig schätzte er das Opfer. Der Kommissar zog ein Paar Einweghandschuhe aus der Innentasche seiner Jacke und streifte sie über. Er hockte sich hin und betrachtete das Einschussloch am Hinterkopf genauer.

Ohne jeden Zweifel war der Schuss mit aufgesetzter Waffe abgegeben worden. Eine charakteristische Platzwunde um den Einschuss, dazu deutlich erkennbar der Abstreifring der Waffe. Außerdem entdeckte Michael die ebenfalls typische Schmauchhöhle, um die herum sich das Gewebe hellrot verfärbt hatte.

Er wandte sich dem Gesicht zu, beugte sich tief hinunter und begutachtete es aus nächster Nähe. An der Stelle, an der das Blut ausgetreten war, musste sich die Austrittsstelle des Projektils befinden. Auf der Haut hatten sich Totenflecken gebildet, die sich noch wegdrücken ließen. Demnach war der Mord erst vor wenigen Stunden geschehen. Was hatte den Mann mitten in der Nacht in diesen abgelegenen Teil des Parks getrieben? Oder besser: Wer?

Dass seine Kollegin Hannah ausgerechnet jetzt Urlaub hatte. Normalerweise besichtigten sie Tatorte gemeinsam und waren ein eingespieltes Team, wenn es darum ging, erste Eindrücke und sich aufdrängende Fragen zu sammeln. Wie Pingpongbälle spielten sie sich diese für gewöhnlich zu.

Diesmal musste Michael ohne seine Partnerin auskommen. Vorsichtig tastete er die Sakkotaschen des Toten ab. Auf der rechten Seite wurde er fündig. Ein schmales Lederportemonnaie kam zum Vorschein. Das Handy hatte der Täter wohl an sich genommen, so der junge Mann eines bei sich gehabt hatte.

Michael richtete sich wieder auf und untersuchte den Inhalt des Portemonnaies. Etwas Bargeld, Kreditkarte, einige Visitenkarten, Führerschein und ein Firmenausweis. Yannick Ramon hieß der Tote. Als der Kommissar Namen und Adresse der Firma las, entfuhr ihm ein überraschtes: »Sieh mal an!«

Eine Taube landete auf dem Rand des Brunnens und spazierte gemächlich hin und her. Hannah Richter lehnte sich auf ihrer Bank zurück und betrachtete das grau gefiederte Tier. Welch niederes Dasein es mit seinen Artgenossen im Stadtalltag heutzutage fristete. Wie anders war das in vergangenen Zeiten gewesen. Hannahs Gedanken wanderten in die römische Antike, seit ihrer Kindheit ihre große Leidenschaft. Die alten Römer hatten einst die Taubenhaltung in Mitteleuropa und Nordafrika verbreitet. Vor allem als Brieftauben im militärischen Bereich hatten sie sie eingesetzt. So arbeiteten im vierten Jahrhundert zeitweise bis zu fünftausend Tauben für die Staatspost des römischen Imperiums. Sie stellten einen wichtigen Teil der Vernetzung dar. Darüber hinaus galten die Tiere zu jener Zeit als Sinnbild für Sanftmut und Unschuld. Damals war man davon ausgegangen, Tauben besäßen keine Galle und seien deswegen frei von jeglichem Bösen und Bitteren. Wie radikal sich über die Jahrhunderte die Meinung geändert hatte. Als Überträger von Krankheiten wurden sie heutzutage angefeindet, vertrieben, im schlimmsten Fall vergiftet oder erschossen. Dabei hatte Homo sapiens einst durch Züchtungen dafür gesorgt, dass die Tiere nun statt zweimal pro Jahr bis zu sechsmal Nachwuchs zeugten.

Als spürte er, dass sie ihn beobachtete, drehte der Vogel seinen Kopf in Hannahs Richtung. Mit halblautem Gurren erhob er sich in die Luft und segelte zum Nachbarbrunnen hinüber.

Die Place des Vosges war einer von Hannahs Lieblingsplätzen in Paris. Wann immer sie in der Stadt war und das Wetter es erlaubte, verbrachte sie einige Zeit dort und ließ die Atmosphäre des in vollkommener Symmetrie angelegten Platzes auf sich wirken. Vier identische Brunnen verteilten sich auf dem quadratischen Areal, das zu allen Seiten hin von imposanten Häusern aus rotem Backstein mit Arkaden im Erdgeschoss umgeben war. In den mit dunkelblaugrauem Schiefer gedeckten Gebäuden hatten seit ihrer Errichtung im siebzehnten Jahrhundert allzeit namhafte Persönlichkeiten gelebt, von Madame de Sévigné über Kardinal Richelieu bis zu Alphonse Daudet und Victor Hugo. In der heutigen Zeit waren es leider auch Skandalträger wie Dominique Strauss-Kahn, die die Franzosen mit diesem herrlichen Platz verbanden. Doch wenn man der Klatschpresse Glauben schenken durfte, hatte Anne Sinclair ihren untreuen Gatten inzwischen nach mehr als zwanzigjähriger Ehe verlassen und ihn aus der Wohnung an der Place des Vosges rausgeworfen.

Vor zwei Tagen war Hannah nach Paris gekommen. Sie freute sich auf eine ganze Woche mit ihrem Liebsten. Seit nunmehr knapp drei Jahren führten Serge und sie eine Fernbeziehung zwischen Paris und Köln. Kennengelernt hatten sie sich während Hannahs ersten Besuchs in dem provenzalischen Touristenstädtchen Vaison-la-Romaine. Gerade frisch getrennt, war ihr damals das Angebot, im Rahmen eines EU-Auslandsaustauschs drei Monate in der Provence zu arbeiten, als willkommene Ablenkung erschienen. An eine baldige neue Beziehung hatte sie keinen Gedanken verschwendet. Serge seinerseits war wenige Monate zuvor Witwer geworden.

Doch das Schicksal hatte es anders gewollt, und dank Schnellzügen wie dem TGV und dem Thalys sowie Serges größtenteils flexibler Arbeitszeiten gelang es ihnen, sich im Schnitt alle zwei Wochen für einige Tage zu sehen.

Praktischerweise lag die Wohnung ihres Lebensgefährten nur wenige Gehminuten von der Place des Vosges entfernt. Dass der Musikwissenschaftler Serge Laurent sich eine Vierzimmer-Altbauwohnung in dieser Umgebung leisten konnte, hatte er seiner verstorbenen Frau Yvette zu verdanken.

Ein Vibrieren in der Jackentasche riss Hannah aus ihren Gedanken. Sie zog ihr Handy hervor und sah auf das Display. Monsieur Schnauz leuchtete es ihr entgegen. So nannte Hannah ihren Vorgesetzten. Was nichts mit seinem Hundegesicht zu tun hatte. Vielmehr hatte sich Günther Hanke, wie der Hauptkommissar tatsächlich hieß, über die Jahrzehnte in seiner Wahlheimat Köln unbeirrt seine Berliner Schnauze bewahrt. Dass er Hannah in ihrem Urlaub anrief, ließ nichts Gutes ahnen.

»Hallo, Günther.«

»Tach, Hannah, wohlverdiente freie Tage, ick weeß.« Ihr Chef räusperte sich.

»Schieß los. Wo brennt’s denn?«

»Wir ham hier een Toten. Is jestern Nacht erschossen worden. Se ham ihn im Inneren Grüngürtel jefunden, inner Nähe vom Mediapark. Schuss direkt innen Hinterkopf. Sieht recht professionell aus. Dein Kolleje Michael is an dem Fall dran.«

»Und nun willst du mir mitteilen, dass ihr auf meine werte Anwesenheit nicht verzichten könnt und ich mich unverzüglich zum Bahnhof begeben soll.« Ohne über Los zu gehen, viertausend Euro einzuziehen oder ein köstliches Abendessen meines Liebsten zu genießen, ergänzte sie im Stillen.

»Also, um jenau zu sein …«

Hannah seufzte. »In Ordnung. Ich schaue gleich nach, wann der nächste Zug nach Köln geht.«

»Dit is dufte. Aba nich Köln. Südfrankreich. Und morjen reichtet ooch noch.«

»Und dann hat er mir erklärt, dass der Tote aus dem Park Franzose sei. Sein Name ist Yannick Ramon.« Hannah saß auf der breiten Fensterbank in Serges Küche, ein Glas mit weißem Dubonnet in der Hand. »Er war vierunddreißig und hat in einem Kosmetikunternehmen in der Nähe von – jetzt halt dich fest – Vaison-la-Romaine gearbeitet.«

»Ô ciel!« Serge stand am mittig platzierten Kochblock, dem Herzstück des Raumes, und war in rhythmisches Zwiebelhacken vertieft. Nun hielt er jäh in der Bewegung inne und sah Hannah an. »Diese Stadt lässt dich einfach nicht los, n’est-ce pas?«

»Ich konnte es auch kaum glauben. Also, genauer gesagt, liegt der Betrieb auf dem Weg zwischen Vaison und Séguret. Und dort soll ich mich nun umsehen. Mit den Kollegen des Ermordeten sprechen, sein Umfeld sondieren und so.« Hannah ließ die Eiswürfel in ihrem Glas klirren. »Das bedeutet leider das Aus für unsere gemeinsame Woche.« Sie schaute sich in der geräumigen Küche um. Im Backofen brutzelten ihre Lieblingscannelés mit getrockneten Tomaten und Ziegenkäse, der Salat lag im Abtropfsieb in der Spüle, und auf dem überdimensionalen Küchenbuffet, einem Erbstück seiner Urgroßmutter, hatte Serge eine Zitronencreme als Dessert vorbereitet.

Hannah liebte diesen Raum, in dem Serge mit sicherem Gespür alte Möbelstücke und moderne Kochtechnik zu einem harmonischen Ganzen vereint hatte. Sie liebte es, hier mit ihm zusammen zu kochen. Konkret bedeutete es, dass Serge das Regiment am Herd übernahm und sie ihn beobachtete und ihm zuarbeitete. Hannah war nie eine gute Köchin gewesen. Bei ihrer Mutter hatte es schnell gehen und praktisch sein müssen, und für viele Jahre hatte Hannah diese Haltung übernommen. Erst jetzt begriff sie, dass wahres Kochen Wissenschaft, Kunst und Leidenschaft zugleich war. Durch Serge hatte sie angefangen, in die geheimen Kenntnisse um Herd und Backofen, Rezepte und Zubereitungsarten der unterschiedlichsten Lebensmittel Einblick zu nehmen. Eine spannende neue Welt tat sich für sie auf, doch nach wie vor überließ sie gern dem maître de cuisine die Führung. So wie jetzt. Sie hatte überhaupt keine Lust, morgen abzureisen.

»Ist das so einfach möglich? Ich meine, dass du als deutsche Ermittlerin hier eingesetzt wirst?«

»Ohne Bürokratie läuft es natürlich nicht.« Hannah verzog das Gesicht. »Dafür muss ein Rechtshilfeersuchen gestellt werden. Wenn es um Tötungsdelikte geht, wird ein solches Dokument allerdings für gewöhnlich innerhalb weniger Tage ausgestellt.«

»Dein Monsieur Schnauz schickt dich also schon mal los, und bis du vor Ort bist, ist der Antrag bewilligt worden?«

»So ungefähr.«

»Es muss nicht zwangsläufig das Aus für unsere Woche bedeuten.« Serge hatte wieder begonnen, die Zwiebeln mit seinem favorisierten Sabatier-Messer zu bearbeiten. »Was hältst du davon, wenn ich dich begleite? Meine Unterlagen für die nächste Sendung nehme ich mit – das Programm vorbereiten kann ich ebenso gut von dort.«

»Deine Spontaneität ist einer der Gründe, warum ich mich in dich verliebt habe.« Hannah sprang vom Fensterbrett, ging zu ihm hinüber und küsste seinen Nacken.

Serge legte das Messer beiseite, drehte sich um und zog sie an sich. »Und die anderen?«

»Die erzähle ich dir später.« Sie gab ihm einen Kuss auf die Lippen, die warm und weich waren und nach Thymian und Honig schmeckten. »Ich frage gleich mal Penelope, ob wir wieder in ihrem Häuschen unterkommen können.« Hannah wand sich aus seinen Armen, lief in den Flur und kam mit ihrem Handy zurück.

Serge stellte eine gusseiserne Pfanne auf den Induktionsherd und gab einen ordentlichen Klecks Butter hinein. »Wie weit ist sie inzwischen eigentlich?«

»Hm, das letzte Mal, als ich mit ihr gesprochen habe, war sie Ende sechster Monat. Das ist aber auch schon wieder ein paar Wochen her. Ich glaube, der Geburtstermin liegt irgendwann Anfang Juni.«

Während ihres ersten Aufenthalts in Vaison hatte Hannah sich mit der quirligen Halbspanierin Penelope Oliva angefreundet. Bei ihrem zweiten Besuch in der Provence hatte sie in deren kleinem Natursteinhaus gewohnt. Penelope war in dieser Zeit probehalber auf das Weingut ihres neuen Lebensgefährten Anatole Gaillard gezogen. Dieser wiederum war Serges Freund aus Kindheitstagen. Damals hatte Hannah sich noch gewundert, dass sich die impulsive Penelope für den leicht verschrobenen Weinbauern entschieden hatte, dessen Hobby es war, in der Touristenzeit Plastiknippes auf dem Markt zu verkaufen. Doch offenbar wirkte bei den beiden der Faktor Ergänzung, und inzwischen führten sie gemeinsam seit mehr als einem Jahr Vaisons erstes Biorestaurant. Und bald würde ein Kind aus dem Paar eine kleine Familie machen.

Hannah konnte sich genau an jenes Telefonat erinnern, das sie Anfang Dezember geführt hatten. Schon bei der Begrüßung hatte sie gespürt, dass sich etwas verändert hatte. Penelope klang anders. Ihre Stimme war weicher. Und gleichzeitig reifer. Wenige Minuten später teilte die Freundin ihr mit, dass sie schwanger sei. Hannah hatte sich mit ihr gefreut. Als sie aufgelegt hatte, war da jedoch ein seltsames Gefühl von Leere und Verlust gewesen. Sie selbst hatte keine Kinder. Es hatte irgendwie nie gepasst. Justus, ihr ehemaliger langjähriger Lebensgefährte, ein ambitionierter Rechtsanwalt, hatte bereits zwei Kinder aus erster Ehe gehabt und keine weiteren gewollt. Für Hannah war dies lange Zeit kein Problem gewesen. Ihr Kommissarinnenalltag war hektisch und stressig, und sie konnte sich nicht vorstellen, wo da überhaupt Platz für ein Kind sein sollte. Bis zu ihrer Trennung. Bis Justus sie mit einer fünf Jahre jüngeren Frau betrogen und diese sogleich geschwängert hatte. Der Klassiker. Aber das war ihre Geschichte, und die konnte und wollte sie nicht mit ihrer Freundschaft zu der wundervollen Penelope vermischen.

Daran dachte sie auch jetzt, als sie Penelopes Nummer wählte.

»Allô?«

»Penelope, Hannah hier.«

»Hannah – quelle surprise! Ich hab heute Nachmittag erst an dich gedacht! Ça va, toi?«

»Danke, gut so weit. Die viel wichtigere Frage: Wie geht es dir und deinem Bauch?«

»Merci. Mir geht’s blendend. Ich sehe aus wie ein Medizinball auf Stelzen.« Penelopes Lachen perlte durch den Hörer.

»Pardon, ich hab’s nicht mehr genau parat … Wie lange hast du noch?« Hannah lief ins Wohnzimmer hinüber und ließ sich in das Sofa sinken.

»Fünfunddreißig Wochen von vierzig sind schon rum. Wahnsinn, wie schnell so eine Schwangerschaft an einem vorbeirast. Bald geht’s in den Endspurt. Wo bist du gerade? Köln oder Paris?«

»In Paris.« Hannah erzählte der Freundin vom Anruf ihres Chefs und der gescheiterten Urlaubswoche.

»Na klar könnt ihr herkommen! Tut mir leid um deinen Urlaub, Hannah. Aber ich find’s total schön, dass wir uns noch mal sehen, ehe das Baby da ist. Anatole wird sich riesig freuen. Das mit dem Häuschen klappt allerdings nicht, wir haben es für zwei Jahre untervermietet.«

»Was denn, du gibst deine Unabhängigkeit auf?«

»Ach, weißt du, mit Kind und so, da dachten wir, ein gemeinsamer Wohnsitz ist praktischer. Und wenn mir Anatole irgendwann auf die Nerven geht, schmeiß ich die Untermieter einfach raus und zieh wieder dort ein.« Penelope lachte erneut. »Ihr seid natürlich bei uns herzlich willkommen. Platz genug haben wir hier auf dem Weingut ja. Wir haben inzwischen zwei Gästezimmer hergerichtet, und ein eigenes Bad gibt’s auch.«

»Das klingt toll. Da wiegt der Arbeitsauftrag nur noch halb so schwer. Aber sag mal, wird dir das nicht zu viel, in deinem Zustand?«

»Ich bin doch nicht krank! Anatole behandelt mich schon die ganze Zeit wie ein rohes Ei. Wenn es nach ihm ginge, bräucht ich im Restaurant gar nicht mehr aufzutauchen. Also, ein paar liebe Freunde empfangen, das werd ich wohl noch schaffen.«

»Na, dann bin ich beruhigt.«

»Im Ernst, Hannah, ich freu mich total darauf, dich zu sehen.«

»Und ich erst.« Hannah sah zu Serge hinüber, lächelte ihn an und hob den Daumen. »Alles klar, wir werden gleich nach dem Frühstück losfahren.«

»Bon. Dann werdet ihr im Laufe des Nachmittags hier sein. Da können wir uns einen gemütlichen Abend machen.«

Hannah verabschiedete sich von Penelope und ging zurück in die Küche, wo Serge die Forellenfilets anbriet. Während sie Salatblätter in eine getöpferte Schüssel legte und mit Sonnenblumenkernen bestreute, dachte sie darüber nach, was das Zusammensein mit ihrer hochschwangeren Freundin in ihr auslösen würde. Hannah hasste es, über die biologische Uhr nachzudenken, aber sie musste sich eingestehen, dass ihr Körper in letzter Zeit deutlich signalisierte: Bald läuft deine Zeit ab!

Wie immer in solchen Situationen schob Hannah den Gedanken beiseite. Erst mal galt es nun, einen Fall zu lösen.

2. Kapitel 

Dienstag, 3. Mai 2016

Fabienne Aureliens Hände zitterten, als sie die Tür ihres Peugeot öffnete. Sie setzte sich in den Wagen und schloss die Augen. Die Vorstellung, wie jeden Morgen zur Arbeit zu fahren, Proben zu untersuchen, Testergebnisse zu dokumentieren, Rezepturen zu überarbeiten, als wäre nichts vorgefallen, war unerträglich. Am liebsten hätte sie sich krankgemeldet. Doch das hätte Verdacht erregen können. Auf keinen Fall durfte jemand erfahren, was Yannick und sie … Yannick – pour l’amour de Dieu – was war nur während seines Aufenthalts in Köln geschehen?

Gestern Abend hatte Joëlle Descalis kurz vor Dienstschluss das Labor betreten, mit einem Gesichtsausdruck, den Fabienne noch nie an ihrer jungen Chefin gesehen hatte. Verständnislos, verstört, versteinert. Die Tochter der Firmengründer und Leiterin der Abteilung für Produktentwicklung und Forschung hatte alle gebeten, in die obere Etage zu kommen. Sie hatte sich in die Mitte des Raumes gestellt, sich geräuspert und mit ungewohnt brüchiger Stimme gesagt: »Messieurs dames, wenn ich für einen Moment um Ihre, um eure Aufmerksamkeit bitten darf. Ich habe – es ist etwas Furchtbares passiert.« In knappen Sätzen schilderte sie, was mit ihrem Kollegen Yannick Ramon in Köln geschehen war.

Alle Anwesenden standen unter Schock. An Arbeit war an diesem Abend nicht mehr zu denken gewesen. Mechanisch hatte Fabienne ihren Platz aufgeräumt und das ehemalige Weingut, auf dem seit zwanzig Jahren unter dem Label »COSVINECO Beauté« hochwertige Naturkosmetik hergestellt wurde, verlassen.

Seither war es ihr nicht gelungen, sich auf irgendetwas zu konzentrieren. Wieder und wieder spulte sie ab, was Yannick vor seiner Abreise zu ihr gesagt hatte: »Bei mir laufen die Fäden zusammen. Ich werde sehen, was ich in Köln erreichen kann. Pass auf dich auf, und vertraue niemandem.«

Das waren seine letzten persönlichen Worte an sie gewesen, ehe er sich verabschiedet hatte. Eine Dienstreise, bloß ein paar Tage. Und überhaupt die Gelegenheit schlechthin, mehr herauszufinden über diese Sache. Diese ungeheuerliche Sache. Deren Dimensionen Fabienne erst jetzt zu begreifen begann.

Mit kaltem, hartem Griff umklammerte die Angst ihr Herz. Wo würde das alles enden, nach dem, was Yannick widerfahren war? Fabienne fühlte sich ungewohnt schutzlos, sie verspürte den Drang, ins Haus zurückzukehren, sich ins Bett zu legen und die Decke über den Kopf zu ziehen. Aber das durfte sie nicht. Sie musste den Schein wahren.

Ein Blick auf die Uhr signalisierte ihr, dass sie allmählich losfahren musste, falls sie nicht zu spät kommen wollte. Wenn sie nur wüsste, wen Yannick gemeint hatte, als er zu ihr gesagt hatte: »Ich darf den Namen nicht nennen, es ist zu eurer Sicherheit – nur so viel: Außer uns beiden gibt es eine dritte Person, die Bescheid weiß.«

Nachdem sie die Forêt de Fontainebleau und zwei weitere Wälder durchquert hatten, steuerte Serge seine Red Lady von der Autoroute du Soleil genannten A6 auf die A77, die Autoroute de l’ Arbre. Wann immer es möglich war, wählte er diese Strecke, denn das vom ehemaligen Finanzminister Pierre Bérégovoy initiierte Projekt stellte eine ökologische wie ästhetische Ausnahme im Straßenverkehr dar. Ursprünglich sollte die Autobahn lediglich die schnellstmögliche Verbindung zwischen Paris und Lyon bieten. In der Entwicklungsphase stießen die Ingenieure jedoch auf eine Landschaft mit einer enormen Artenvielfalt an Bäumen. Von diesem Reichtum der Natur inspiriert, trafen sie eine kühne Entscheidung: Die gesamte geplante Strecke entlang wurden Bäume gepflanzt. Das Resultat hatte alle überzeugt – ein entspannteres Reisen, da die negativen Aspekte wie Lärm, Luftverschmutzung und so manche Landschaftsverschandelung von den Bäumen geschluckt wurden. Wie bei jeder Fahrt fragte sich Serge auch dieses Mal, warum man den positiven Effekt nicht längst auf andere Routen übertragen hatte.

Wattewölkchen und Sonnenschein verbreiteten eine heitere Stimmung, und zu den Klängen von Matia Bazars Nell’era delle automobili summte er leise vor sich hin. Endlich mal wieder eine richtige Tour mit seinem geliebten granadaroten VW 1600 TL. Noch dazu in die Gegend seiner Kindheit. Es war lange her, dass er im Frühling dort gewesen war. Er freute sich auf die nach dem Winter erwachte Natur, die blühenden Obst- und Mandelbäume und das satte Grün der Felder und Wiesen. Für ihn war es die schönste Jahreszeit in der Provence, denn da zeigte sie sich von ihrer urtümlichen Seite, ehe mit Beginn der Sommermonate alles von Touristen überschwemmt wurde.

Ebenso sehr freute sich Serge auf ein Wiedersehen mit Penelope und seinem alten Freund Anatole. Dass dieser eigenbrötlerische Kerl Vater werden würde, hatte ihn überrascht. Wenn er daran zurückdachte, wie Anatole bis vor wenigen Jahren auf dem einst florierenden Weingut seiner Eltern in den Tag hinein gelebt hatte – den Weinbau hatte er lediglich zur eigenen Verköstigung und der seiner Nachbarn und Freunde betrieben, und auch sonst hatte er Verpflichtungen auf das unbedingt Notwendige begrenzt. Inzwischen war das Weingut zu neuem Leben erwacht, Anatole führte ein Restaurant und würde bald Familienvater sein. Und das alles dank Penelope? Oder hatten diese Dinge schon von vornherein in seinem Freund geschlummert und nur darauf gewartet, aufgeweckt zu werden? Wie Samenkörner, die über Jahre, Jahrzehnte in der Erde ruhten, um dann eines Tages, wenn die Umstände günstig waren, zu keimen.

Erwartete ihn ebenfalls eine Veränderung? Und war Hannah diejenige welche? Konnte er sich eine Familie mit ihr vorstellen? Ihr Job spielte für sie eine wichtige Rolle, das wusste er. Ob sie da zurückstecken könnte, und sei es bloß für eine gewisse Zeit?

An Störungen, wie sie gerade ihre gemeinsamen Pariser Tage durchkreuzt hatten, war Serge mittlerweile gewöhnt. Hannahs Arbeitsalltag bei der Kölner Kripo unterschied sich nun einmal eklatant von seinem. Besonders nachdem er den Sprung in die Freiberuflichkeit gewagt hatte.

Serge hatte den Schritt, seine Stelle als Professor für Musikwissenschaft an der Sorbonne aufzugeben, nie bereut. Durch Yvettes Tod waren die Stützpfeiler seiner Existenz ins Wanken geraten, und während seines Aufenthalts in Vaison, bei dem er Hannah begegnet war, hatte er vieles in seinem Leben hinterfragt. Nach seiner Rückkehr nach Paris hatte er die Konsequenzen aus dieser Auszeit gezogen. Seine Festanstellung hatte er in eine Gastprofessur umgewandelt. Inzwischen hielt er regelmäßig Vorträge bei seinem ehemaligen Arbeitgeber, und seine Wochenend-Seminare waren bei den Studenten derart beliebt, dass er das Angebot ständig erweitern musste. Daneben schrieb Serge Artikel für verschiedene Musikmagazine und hatte eine monatliche Radiosendung bei France Culture, die bei Liebhabern klassischer Musik mittlerweile Kultstatus erreicht hatte. Seine Freiberuflichkeit hatte sich auf einem auskömmlichen Niveau eingependelt.

Aber würden Hannah und er ihre derzeitige Beziehungsform in ein funktionierendes Familienleben umwandeln können? Bisher hatten sie das Thema Kinder lediglich hier und da gestreift, unverfänglich und unkonkret. Er kannte ihre Vorgeschichte, sie wusste umgekehrt, dass es damals bei Yvette und ihm mit dem Kinderwunsch nicht geklappt hatte. Was gewiss besser so war, denn er hatte sich seine ehemalige Frau im Grunde nie als Mutter vorstellen können. Wieder einmal fragte er sich, warum er Yvette geheiratet hatte. Warum entschied man sich für einen bestimmten Menschen und damit gegen so viele andere? Was waren die auslösenden Faktoren?

Serge warf einen Blick auf die hochgewachsene blonde Frau neben sich auf dem Beifahrersitz. Seit sie Paris verlassen hatten, telefonierte Hannah fast ununterbrochen. Erst mit ihrem Chef, anschließend mit ihrem Kollegen Michael.

»Alles klar, Michael, danke fürs Update«, sagte sie gerade. »Ich melde mich dann aus der Provence. Falls sich vorher nichts Gravierendes bei euch ergibt.« Sie legte das Handy in ihren Schoß und strich sich die Haare zurück.

»Irgendwelche neuen Informationen zum Mordfall?«

»Yannick Ramon ist am vergangenen Donnerstag nach Köln gekommen. Gestern wollte er wieder abreisen. Er hat im Art’otel am Rheinauhafen gewohnt. Das Personal dort hat ihn als ruhigen und unauffälligen Gast beschrieben.« Hannah kramte in der Tasche zwischen ihren Beinen und zog eine Wasserflasche hervor. »Auch einen Schluck?«

»Gern.« Serge nahm die geöffnete Flasche entgegen.

»Michael meinte, auf den ersten Blick würde sich unter den Sachen aus seinem Zimmer nichts Ungewöhnliches befinden. Allerdings haben sie vergeblich nach einem Laptop Ausschau gehalten. Fraglich ist also, ob er den bei sich getragen hat, als er getötet wurde.«

»Was irgendwie seltsam wäre, mitten in der Nacht, n’est-ce pas?« Er reichte ihr die Wasserflasche zurück.

Hannah trank ebenfalls, dann verstaute sie die Flasche wieder. »Irgendwelche Gründe gäbe es sicher auch dafür.« Möglicherweise hat ihn sogar der Täter mitgenommen.«

»Was hatte dieser Yannick eigentlich in Köln zu tun?«

»Das Kosmetikunternehmen bei Vaison, für das er arbeitete, ist vor einiger Zeit von einem großen Pharmakonzern mit Sitz bei Köln aufgekauft worden. Dort hatte er verschiedene Meetings.«

»Dieu m’en garde – die Welt der Großkonzerne, na, das kann ja was werden.« Serge verdrehte die Augen. »Wenn ich daran denke, was mir Yvette für Geschichten erzählt hat …«

»Sie hat bei L’Oréal gearbeitet, richtig?«

»Genau. Eine Zeit lang habe ich versucht, deren Produkte zu boykottieren, aber das ist ja fast unmöglich, wenn man recherchiert, welche Firmen inzwischen alle von denen übernommen worden sind.«

»Ich weiß, ich habe auch erst nach Jahren mitgekriegt, dass sie The Body Shop geschluckt haben.«

»In den Siebzigern hat L’Oréal übrigens den französischen Pharmakonzern Synthélabo aufgekauft. Umgekehrt funktioniert’s also ebenfalls.« Er beschleunigte und überholte einen LKW. »Von welchem Pharmariesen sprechen wir denn hier?«

»ECAIS AG. Sie gehören zu den Top Ten der Pharmakonzerne weltweit.« Hannah tippte erneut auf ihrem Handy herum. »Jetzt noch Claude-Jean.«

»Dein ehemaliger Chef in Vaison?«

»Ich möchte ihn bitten, dass er mir Emma zur Seite stellt.«

Lieutenant Emmanuelle Moreau, von allen kurz Emma genannt, schlenderte die Rue Trogue Pompée entlang in Richtung Marktplatz. Auch in der Nebensaison fand dienstags der bekannte Wochenmarkt in Vaison statt. Seit Emma vor anderthalb Jahren von Nîmes in das Städtchen an der Ouvèze gezogen war, hatte sie es sich angewöhnt, jeden Dienstagmorgen vor Arbeitsbeginn ihre Einkäufe an den Marktständen zu erledigen. In der Hauptsaison stellte sie dafür ihren Wecker extra eine Stunde früher. Sie hasste das Gedränge und Geschiebe in den engen Gassen. Ein eindeutiger Vorteil der touristen-ruhigen Zeit wie jetzt, im Frühling.

Zwar blieben einige der Standplätze zu dieser Jahreszeit leer – für die Verkäufer von Taschen, Schmuck und ähnlich zierendem Beiwerk lohnte sich das Geschäft mit den Einheimischen allein nicht –, doch das Gros der Händler war das ganze Jahr über in Vaison vertreten.

Emma mochte das Leben in der Kleinstadt im Vaucluse. Selbst wenn die Arbeit in der örtlichen Gendarmerie weniger aufregend war als in Nîmes, so stimmte hier einfach die Lebensqualität. Aus diesem Grund hatte sie nicht lange gezögert, als ihr Chef Claude-Jean Bernard, mit dem sie gemeinsam die Offiziersschule in Melun besucht hatte, ihr nach drei Monaten Aushilfstätigkeit angeboten hatte, sie dauerhaft in sein Team aufzunehmen.

Wie gewohnt steuerte Emma zuerst den Kaffeestand an. Sie hatte ihn im vergangenen Sommer entdeckt und sich inzwischen mit der Verkäuferin angefreundet, einer Deutschen, die vor vielen Jahren mit ihrem Mann in die Provence gezogen war. Bei Angela trank sie den ersten Espresso des Tages, schwarz und ungeheuer belebend. Auf deren Empfehlung hin seit Neuestem ohne Zucker. Nach anfänglichem Überwinden hatte Emma beeindruckt festgestellt, welch breite Palette an Geschmacksnuancen in so einem Espressotässchen steckte, die sonst vom Zuckergeschmack gänzlich überdeckt wurde. Allerdings musste dazu die Bohnenqualität stimmen. Bei Angela war dies der Fall.

Nachdem sie mit der Marktfrau den aktuellen Tratsch des Vaucluse ausgetauscht hatte, schlenderte Emma zum Gewürzstand am Markt. Auf dem Weg dorthin kam sie am Une Soirée d’été vorbei, dem Biorestaurant, das Penelope und Anatole im vergangenen Jahr eröffnet hatten. Emma war keine Verfechterin des ökologisch-korrekten Lebensstils, doch da sie die Besitzer kannte, hatte sie natürlich als eine der Ersten ihr Restaurant getestet und war von der Küche zutiefst beeindruckt. Die beiden schafften es, die bekannten provenzalischen Lebensmittel auf neue Weise zuzubereiten und zu kombinieren, sodass jedes Menü ein eigenes Geschmackserlebnis war. Wählen konnte man lediglich zwischen fünf Gerichten, die jedoch wöchentlich wechselten.

Die Tür des Restaurants stand offen, und Emma entdeckte Anatoles Rotschopf hinter dem Tresen.

»Bonjour, Anatole. Ça va?«

»Bien, merci. Et toi? Magst du einen Kaffee trinken?«

»Ich komme zwar gerade von Angela, aber – warum nicht, auf einem Bein kann man schließlich nicht stehen.«

»Oh là là, da muss ich mich ja ins Zeug legen.« Anatole rieb sich vergnügt die Hände und nahm die Kaffeedose aus dem Regal. »Ihr Stand ist eine echte Bereicherung für unseren gemüselastigen Markt. Penelope liebt ihren weißen Tee.«

»Wie geht es deiner besseren Hälfte denn?«

»Schwer im Nestbaufieber.« Anatole raufte sich gespielt die Haare. »Aber ich will mich nicht beklagen. Ich habe immer gehört, schwangere Frauen seien so anstrengend, ständig wechselnde Launen, Wehwehchen, dauernde Übelkeit. Ein Freund von mir hat sich in den beiden Schwangerschaften seiner Frau jedes Mal fast von ihr getrennt, weil er’s kaum ertragen hat. Penelope dagegen ist einfach cool. Gut gelaunt, blendende Gesundheit – ich muss sie oft bremsen, damit sie sich ein bisschen ausruht. Sie isst nicht nur für zwei, sie hat auch die doppelte Menge an Energie. Und du weißt, was das bedeutet.«

»Ah, oui!« Emma lachte. »Grüße sie bitte von mir.« Sie schielte auf das Speisenangebot, das Anatole gerade auf eine Tafel geschrieben hatte. »Ich denke, ich schaue später auf ein, zwei Gläser Côtes du Rhône bei dir vorbei und teste dieses Zucchini-Apfel-Gratin.«

»Sehr gern. Allerdings übergebe ich heute Abend die Verantwortung an unseren neuen Aushilfskoch. Meine Anwesenheit daheim ist erwünscht – wir bekommen nämlich spontan Besuch.« Anatole zwinkerte vielsagend. »Vielleicht hast du Lust, stattdessen bei uns vorbeizukommen? Es gibt zwar kein Gratin, dafür aber eine Quiche mit Ziegenkäse und carré d’agneau en croûte d’herbes.«

»Hm – das klingt verlockend. Wen erwartet ihr denn, dass du ein solches Festmahl planst?«

»Illustre Gäste aus Paris beziehungsweise Köln.«

In diesem Moment klingelte Emmas Mobiltelefon.

Ein paar Stunden und zwei lästige Staus bei Lyon und Valence später rollten Hannah und Serge am frühen Abend den Kiesweg zum Gaillardschen Weingut entlang. Die tief stehende Sonne tauchte das zweigeschossige Natursteinhaus vor ihnen in goldenes Licht.

Sie waren noch nicht ganz ausgestiegen, da kam Penelope schon zu ihnen herübergelaufen. »Salut, ihr zwei! C’est super de vous voir!«

»Penelope, salut!« Hannah eilte der Freundin entgegen und umarmte sie lange. »Du siehst fantastisch aus!« Mit ehrlicher Bewunderung betrachtete sie die trotz Schwangerschaftsbauchs zierlich wirkende Frau.

Penelope trug ein schwarzes, schmal geschnittenes und zugleich weich fallendes Kleid mit V-Ausschnitt und kurzen Ärmeln. Ihre dunkle Lockenmähne war länger als früher und reichte ihr nun fast bis zur Taille.

»Wahnsinn – von deinem wunderschönen Bauch abgesehen, siehst du aus wie immer. Ich meine Arme, Beine, Gesicht …«

»Von hinten erkennt man nicht mal, dass du schwanger bist.« Serge umarmte Penelope ebenfalls.

»Ich hab wirklich Glück – keinerlei Wassereinlagerungen, meine Schuhe passen noch. Nur diese Kugel hier.« Penelope streichelte zärtlich über ihren Bauch. »Ich kann euch sagen, das geht nicht allen so, wenn ich da an einige Frauen in meinem Yoga-Kurs für Schwangere denke.« Sie lachte Hannah und Serge an. »Wollen wir in den Hof gehen? Ihr seid bestimmt hungrig und durstig, n’est-ce pas? Anatole ist in der Küche und kümmert sich um das Essen.«

»Ach, wäre doch jeder Fall mit so angenehmen Umständen verbunden.« Hannah blickte sich um. Sie war überrascht, wie schnell sie sich zu Hause fühlte, unter dem tiefblauen Himmel, umgeben von Weinfeldern, die den kargen Winter bereits abgeschüttelt hatten.

»Geht ihr schon mal vor, ich hole rasch das Gepäck.« Serge wandte sich um und lief zum Wagen zurück.

»Nicht zu fassen, dass du wieder in eine Mordgeschichte verwickelt bist, die mit Vaison zu tun hat!« Penelope hakte sich bei Hannah ein.

»Na, warten wir mal ab. Bisher wissen wir kaum etwas über das Opfer, von den Hintergründen ganz zu schweigen. Erst mal soll ich mir lediglich seinen Arbeitsplatz ansehen, mit seinen Kollegen sprechen und so was.« Hannahs Blick wanderte erneut zu Penelopes Bauch hinunter. »Was gerade viel wichtiger ist: Wie steht’s mit dem kleinen Wesen in dir?«

»Es wird von Tag zu Tag wilder. Obwohl es inzwischen ziemlich eng da drin sein dürfte.« Penelope stieß einen Ruf des Entzückens aus. »Hast du das gesehen? Das war ein Füßchen!« Mit strahlenden Augen sah sie Hannah an. »Magst du mal anfassen?«

»Wenn ich darf.« Vorsichtig legte Hannah ihre Hand auf Penelopes Bauch. Die Haut unter dem Kleiderstoff fühlte sich straff gespannt an. Penelope schob Hannahs Hand etwas weiter nach unten. Und plötzlich spürte sie es. Ein kurzer, fester Stoß gegen ihre Handfläche. Der erste Kontakt zu diesem winzigen Menschlein. Hannah sah in Penelopes entspanntes Gesicht. Eine tiefe Verbundenheit mit der Freundin überkam sie.

»Ach, Hannah, ich hätte nie gedacht, dass es so wundervoll ist, schwanger zu sein! Das Gefühl ist unbeschreiblich! Ihr müsst das auch machen, Serge und du, unbedingt!«

»Hm.« Hannah betrachtete ihren Lebensgefährten, der gerade zwei Koffer an ihnen vorbei ins Haus schleppte. »Wisst ihr mittlerweile, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist?«

Sie liefen weiter und folgten dem von Blumenkübeln gesäumten Weg ums Haus herum in den rückwärtigen Hof.

»Wir wollen uns überraschen lassen.«

»Puh, ich weiß nicht, ob ich das aushalten würde.«

»Ach, so viele Jahrhunderte lang war das ganz normal, dass man sich für beide Varianten einen Namen überlegen musste. Wir sind total verwöhnt von der modernen Technik.« Penelope runzelte die Stirn. »Überhaupt will ich das Kleine, soweit es geht, in Ruhe lassen. Hast du gewusst, dass Ultraschall für die Babys im Bauch so laut klingt wie eine einfahrende U-Bahn?«

»Hannah, wie schön, dass ihr da seid! Ist ja eine Ewigkeit her, dass wir uns gesehen haben!« Anatole hatte sie durchs Küchenfenster erspäht und kam heraus.

»Bonsoir,Anatole, das kann man wohl sagen.« Hannah deutete auf Penelopes Bauch. »Ich gratuliere dem werdenden Vater!«

»Merci. Ich bin schon ganz gespannt, was da für ein Zwerglein rauskommt.«

»Da müssen wir drauf anstoßen! Salut, mon vieux.« Serge trat aus dem Haus, umarmte seinen Freund und drückte ihm eine Tüte in die Hand.

»Oh là là – ein Duval Leroy. Na komm, dann lass uns mal die Gläser füllen.« Anatole wandte sich an Hannah und Penelope. »Heute Abend übernehmen wir den Service, und ihr lasst es euch gut gehen.« Gemeinsam verschwanden die beiden Männer in der Küche.

Hannah sah ihnen nach. Äußerlich hatte sich der Weinbauer in den vergangenen anderthalb Jahren kein bisschen verändert. Seine gute Laune war ansteckend, die roten Haare standen wie immer auf Sturm. Höchstens die Lachfältchen um die Augen hatten sich vermehrt.

»Emma wird auch bald eintrudeln.« Penelope hatte sich in einem Korbstuhl niedergelassen. »Anatole meinte, ihr arbeitet zusammen an der Geschichte?«

Wie auf ein Stichwort ertönte von der Straßenseite her ein Motorengeräusch. Wenige Minuten später bog Emma um die Ecke des Hauses, wie gewohnt leger gekleidet. Doch ansonsten hatte sie eine Metamorphose durchlaufen, wie Hannah überrascht feststellte. Der praktische Kurzhaarschnitt war einer kinnlangen Frisur gewichen, bei der Emmas naturgewellte Haare zur Geltung kamen. Außerdem wirkte die eher kräftig gebaute Kollegin durchtrainierter als früher.

Sie begrüßten einander mit großem Hallo.

»Dass wir wieder mal ein Team sind, Hannah – formidable! Endlich etwas Abwechslung im Gendarmerie-Alltag!«

»Ich bin echt froh, dass Claude-Jean dich mir zur Seite stellt.«

»Du hast ihm ja nun schon zweimal bewiesen, was du draufhast. Für den Prinderre-Fall vor anderthalb Jahren hat er ordentlich Lorbeeren kassiert, das vergisst er nicht so schnell. Er hofft vermutlich, dass sich eine Kooperation mit der Kripo in Köln positiv auf seine Karriere auswirkt.«

»Ganz der Alte. Du dagegen – ein neuer Look? Steckt etwa ein Mann dahinter?«

»Nö, eher zwei Frauen.«

»Ach so?«

»Na ja, die Friseurin meines Vertrauens hat eine Babypause eingelegt, und jemand anderen lass ich nicht an meinen Kopf. Als sie wieder anfing, sah ich verboten zottelig aus. Und da kam sie auf die Idee mit diesem Schnitt. Erst war ich nicht sicher, doch dann dachte ich: Warum nicht mal was Neues wagen?«

»Steht dir echt gut! Und die zweite Frau?«

Emma grinste vielsagend. »Tja, das bist du.«

Hannah sah sie verständnislos an.

»Erinnerst du dich noch an unser Gespräch über Verfolgungsjagden und regelmäßiges Training? Wir haben uns bei der Ruine oberhalb von Vaison getroffen, am Anfang der Ermittlungen im Prinderre-Fall. Ich war völlig außer Atem, und du hast mich gerügt. Ich … alors, ich habe mir deine Worte zu Herzen genommen.«

Anatole erschien mit den Champagnergläsern und einem Fruchtcocktail für Penelope. Dazu servierte Serge schwarze Oliven, frisches Baguette mit beurre salé, eingelegte Tomaten und eine quiche au chèvre. Sie stießen auf die werdenden Eltern an, auf ihr Wiedersehen und den gemeinsamen Abend. Nach kurzer Zeit zogen sich die beiden Männer wieder in die Küche zurück. Hannah, Penelope und Emma unterhielten sich über Penelopes Schwangerschaft, über den Frühling in Köln und Paris und die neuesten Ereignisse in Vaison.

»Ist dir diese Kosmetikfirma, die wir morgen besuchen, eigentlich ein Begriff?« Emma bestrich sich ein Stück Baguette dick mit der gesalzenen Butter und sah Penelope interessiert an.

»COSVINECO Beauté? Na klar.« Penelope nahm sich großzügig von Oliven und Tomaten. »Eine Zeit lang hab ich deren Produkte verwendet – bevor ich angefangen hab, meine Kosmetik selbst herzustellen. Tolle Qualität, keine Frage. Ihre Wunderwaffe sind Wirkstoffe aus Weintrauben kombiniert mit Lavendel. Und alles vor Ort produziert. Dazu setzen sie extrem auf Nachhaltigkeit. Also ausschließlich Glastiegel, kaum Verpackungsmüll und die Möglichkeit zum Nachfüllen.«

»Klingt nicht schlecht. Weißt du noch mehr über das Unternehmen?« Emma biss in ihr Brot.

»Nee, da muss ich passen.«

»Ich habe heute Nachmittag auf der Fahrt ein bisschen darüber recherchiert.« Hannah strich sich die Haare aus der Stirn und band sie im Nacken zusammen.

»Na, dann schieß mal los.« Emma schob sich das Kissen im Rücken zurecht.

»Die Naturkosmetikmarke COSVINECO Beauté ist 1986 von Pierre und Laure Descalis gegründet worden. Bis dahin haben sie auf ihrem Gut ganz traditionell Wein angebaut. Vor fünf Jahren haben die beiden Kinder Sébastien und Joëlle die Leitung des Unternehmens übernommen. Seither drängt COSVINECO auch immer stärker auf den ausländischen Markt. Vor zwei Jahren haben sie sich entschieden, mit ECAIS zu fusionieren.«

»Was ist das, ECAIS?«, fragte Penelope.

»Ein großer Pharmakonzern, der seinen Hauptsitz bei Köln hat.«

»Uah, ist ja grauenvoll.« Penelope schüttelte sich. »Das hab ich noch gar nicht gewusst. Und wieder ein kleiner Familienbetrieb weniger – quel dommage!«

Hannah trank einen Schluck Champagner. »Ein namhafter Kosmetikkonzern aus Paris ist wohl ebenfalls interessiert gewesen, doch offenbar schwebt den Descalis’ eine bestimmte Ausrichtung vor.«

»Wie meinst du das?« Emma nahm sich ein weiteres Stück Baguette und garnierte es mit den eingelegten Tomatenstücken.

»Da müssen wir genauer nachfragen. Soweit ich verstanden habe, setzt COSVINECO auf Wirkstoffe, die hochkonzentriert sind. Quasi eine Grauzone zwischen Kosmetik und Medizin. Auch muss man verschiedene Produkte miteinander kombinieren, um die optimale Wirkung zu erzielen. Solche Sets sind dementsprechend teuer und scheinen gerade in zu sein.«

»Stimmt, davon hab ich gelesen.« Penelope nippte an ihrem Fruchtcocktail.

»Oha, ich bin echt nicht mehr auf dem Laufenden. Ich benutze eine Feuchtigkeitscreme und sonst nix. Und das schon seit Jahren.« Emma zog die Augenbrauen hoch. »Sollte ich womöglich mal umstellen?«

»Ich bin keinen Deut besser als du.« Hannah lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. »Wer weiß, was wir in dem Fall noch alles für uns privat lernen.«

Penelope grinste sie an. »Und am Ende seid ihr richtige Beauty-Junkies.«

Die drei Frauen prosteten sich zu.

»Jedenfalls hat sich seit der Fusion vieles in dem Familienbetrieb verändert«, nahm Hannah den Faden wieder auf. »Die Mitarbeiterzahl ist von ehemals hundertvierzig auf zweihundertsiebzig angestiegen. Dabei hat ein Teil der neuen Angestellten zuvor bereits für ECAIS gearbeitet.«

Emma leerte ihr Champagnerglas und stellte es auf den Tisch. »Welche Position hatte unser Toter in dem Unternehmen?«

»Er war in der Abteilung für Produktentwicklung und Forschung. Sechs Jahre ist er dort tätig gewesen.«

»Also schon vor der Fusion.« Emma schwieg einen Moment, ehe sie fortfuhr: »Ich fasse mal kurz zusammen: Yannick Ramon reist nach Köln, zu irgendwelchen Meetings bei ECAIS. In der Nacht vor seiner Rückkehr wird er im Park erschossen. Aus nächster Nähe, was darauf schließen lässt, dass er den Täter gekannt hat.«

»Vielleicht war er betrunken und hat deswegen nicht gemerkt, wie sich ihm jemand genähert hat?« Penelope schnitt sich ein Stück von der Quiche ab.

»Auch eine Variante.« Hannah füllte Wasser in ihr Glas. »Ich hoffe, wir bekommen bald die Ergebnisse der Obduktion.«

»Was genau hat er in Köln gemacht? Worum ging es bei diesen Meetings?«, wollte Emma wissen.

»Das werden uns hoffentlich die Descalis’ morgen beantworten können. Ich habe uns telefonisch angemeldet. Wir treffen sie morgen Vormittag um zehn Uhr. Bis auf den Sohn – Sébastien Descalis ist gerade verreist.« Hannah spürte mit einem Mal die lange Fahrt in ihren Gliedern. »Was meinst du, Emma, wollen wir es für heute mit der Arbeit gut sein lassen und den restlichen Abend einfach genießen?«

»Ich bin beeindruckt, Hannah Richter.« Emma hob ihr Glas. »Das hätte es früher bei dir nicht gegeben.«

Hannah prostete ihr zu. »Wie du siehst, hinterlassen die Zusammenarbeit mit dir und meine regelmäßige Anwesenheit in Frankreich ihre Spuren.«

Wenig später traten Anatole und Serge mit zwei schwer beladenen Tabletts aus der Küche und stellten sie auf dem rustikalen Holztisch ab. »Voilà, Mesdames!«

Penelope wollte ihnen zu Hilfe eilen, doch Hannah schnitt ihr den Weg ab. »Kommt gar nicht infrage.« Sanft, aber bestimmt schob sie die Freundin auf ihren Stuhl zurück. Dann griff sie nach der Weinkaraffe auf einem der Tabletts und begann rundum die Gläser zu füllen.

Alle ließen sich Anatoles Lammkarree schmecken, das herrlich zart und aromatisch war und perfekt mit dem Rotwein harmonierte, den der Koch für sie ausgewählt hatte. Dazu gab es würzigen Couscous und Ofengemüse. Im geschützt liegenden Hof waren die Temperaturen nach wie vor angenehm. Die Leuchter, die Anatole ringsum angezündet hatte, verbreiteten ein warmes Licht. Über ihnen präsentierte der Abendhimmel einen Farbverlauf von blassem Türkis bis zu tiefdunklem Indigo.

Hannah genoss jede Sekunde dieses Beisammenseins mit den Freunden. Welch unerwartete Sternstunde ihr da durch den Job zugefallen war. Sie blickte in die Runde, in lauter frohe und zufriedene Gesichter. Ein Freundeskreis war eine selbst gewählte Familie, und das hier war ihre, auch wenn sie sie nur selten alle gemeinsam treffen konnte. Am liebsten hätte sie die nächsten Tage mit ihnen zusammen verbracht. Doch die Schonfrist würde bald enden.

Während Serge und Anatole Kaffee und Digestif, eine Käseplatte und ein verlockend aussehendes Lavendelsorbet auf dem Tisch anrichteten, schweiften Hannahs Gedanken zu dem Fall ab, der sie ab morgen vollständig in Beschlag nehmen würde. Was würde sie in dem Kosmetikbetrieb erwarten? Und war es bloß ein Zufall, dass Sébastien Descalis zur gleichen Zeit verreist war, zu der Yannick Ramon ermordet wurde?