Verliebt in Lady Wrong? - Celia Martin - E-Book

Verliebt in Lady Wrong? E-Book

Celia Martin

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Beschreibung

Was, wenn die Ex deiner Zukünftigen deine Hochzeit crashed? Louise ist im siebten Himmel - ihre Liebste macht Andeutungen, die unmissverständlich sind. Doch gerade, als Regina ihr den Antrag machen will, taucht deren Ex Sara auf. Mit weitreichenden Folgen ... Denn Louises Gefühle schlagen ab diesem Moment einen Looping nach dem anderen. Ein romantischer lesbischer Liebesroman mit Herzklopfengarantie.

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Celia Martin

Verliebt in Lady Wrong?

Lesbischer Liebesroman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Celia Martin - Verliebt in Lady Wrong? Lesbischer Liebesroman

 

 

 

 

 

 

Celia Martin

 

Verliebt in Lady Wrong?

 

 

Roman

 

 

 

 

 

 

 

Sämtliche Personen und Geschehnisse sind erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder verstorben, wären rein zufällig.

 

 

Copyright

Text: © 2021 Celia Martin

 

Bildrechte:

Cover unter Verwendung eines Motivs von

Shutterstock

Sowie zusätzlichen Motiven von: Pixabay

Motive im Buch: Pixabay

 

Korrektorat: sks-heinen.de

Das Werk unterliegt dem Urheberrecht.

Es darf, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der

Autorin wiedergegeben werden.

 

Inhalt

 

 

 

Über die Geschichte Buchhändlerin Louise träumt von einem Haus im Grünen, von Apfelbäumen im Garten und ländlicher Ruhe. Am liebsten zusammen mit ihrer Liebsten, die sich bisher so gar nicht für diese Idee begeistern kann. Als Regina sich dennoch anschickt, Lou einen Antrag zu machen, schwebt die daher im siebten Himmel. Doch ausgerechnet im romantischsten Moment taucht Reginas Ex Sara auf. Die Ex. Die Eine, die man nie vergessen kann. Und alles ändert sich. Denn Louises Gefühle schlagen ab diesem Moment einen Looping nach dem anderen. Schnell muss sie sich fragen – bin ich verliebt in die falsche Frau?

 

 

 

Kapitel 1

 

Das Passion war genau der richtige Ort für den heutigen Abend. Einen eleganteren Rahmen für das, was kommen sollte, konnte ich mir nicht vorstellen. Ein Restaurant hoch über den Dächern der Stadt mit exquisiter Küche und einer monatelangen Reservierungsliste. Es sei denn, man hieß Regina Bernstein und war bekannt wie ein bunter Hund, unter anderem dafür, die wirklich wichtigen Leute zu kennen.

 

Während ich mit dem Aufzug in den 50. Stock fuhr, prüfte ich in der verspiegelten Kabine mein Aussehen. Eine goldblonde Locke hatte sich aus dem betont lässig gedrehten Dutt gelöst. Ich schob sie hinters Ohr und tippte spielerisch an den sanft schaukelnden Turmalinohrring, der das klare Grün meiner Augen besaß. Ein Geschenk meiner Liebsten zu meinem dreißigsten Geburtstag letztes Jahr. Heute würde ich ein anderes Schmuckstück bekommen. Eines, dessen Bedeutung weitaus tiefer ging, dessen war ich sicher. Ich zog den dunkelblauen Blazer zurecht, schob die lässig aufgekrempelten Ärmel noch ein kleines Stück höher und strich das zartgrüne Seidenshirt glatt. Dem Rahmen entsprechend, aber nicht overdressed.

Die Aufregung hatte mir eine leichte Röte in die Wangen getrieben. Regina und ich waren heute auf den Tag genau drei Jahre zusammen. Dass sie mich hierher gebeten hatte, mit reichlich geheimnistuerischem Drumherum wie einer roten Rose vor meiner Tür und schriftlicher Einladung, konnte nur eines bedeuten: Sie würde mir einen Antrag machen. Wollte sesshaft werden. So, wie ich es mir schon lange gewünscht hatte. Zwar war meine Liebste nicht wirklich superromantisch eingestellt. Im Grunde wollte sie bisher noch nicht einmal zu einer festen Beziehung stehen, betrachtete sich lieber als unabhängig, aber in zärtlichen Händen, wie sie es nannte. Dennoch – innerhalb der letzten Monate war eine Veränderung spürbar gewesen.

Ganz kurz streifte mich der beunruhigende Gedanke, es könne vielleicht doch alles anders sein. Was, wenn ich mich irrte? Es vielleicht einen anderen Grund für die Einladung in dieses Nobelrestaurant gab?

Mir macht zu viel Nähe Angst, hörte ich ihre Stimme in meinem Kopf, gefolgt von: Mein Beruf und die vielen Reisen lassen sich einfach nicht mit gemeinsamen Zukunftsplänen verbinden.

Dann erinnerte ich mich an ihre glänzenden Augen, als sie mir erst wenige Tage zuvor eine Überraschung ankündigte. Und an die kleine Tüte vom besten Juwelier der Stadt, die ich vor drei Tagen zwischen einem Stapel ausgelesener Zeitungen gefunden hatte.

Nein, ich musste nichts befürchten. Es war klar – heute würde sie mir die Frage stellen, auf die es nur eine Antwort gab: JA!

Das leise Pling des Aufzugs holte mich aus meinen Betrachtungen. Die Türen glitten auseinander und ich betrat eine Welt aus grauem Marmor, apricotfarbenen Seidentapeten und schimmerndem Kristall. Kellner in langen weißen Schürzen eilten umher. Gedämpfte Unterhaltungen, Gläserklingen und leise Musik lagen in der Luft.

»Guten Abend«, begrüßte mich eine Bedienstete, deren blonde Eleganz auch gut in die Vorstandsetage eines Konzerns gepasst hätte. Sie stand hinter einer Art Stehpult, eine kleine messingfarbene Lampe beleuchtete die Arbeitsfläche, die leicht schräg gestellt war, sodass man sie von vorne nicht einsehen konnte.

Die Gästeliste ist das Who’s who der Stadt.

»Ich werde von Frau Bernstein erwartet«, erklärte ich ihr. Die Empfangsdame nickte lächelnd und bat einen ihrer Kollegen, mich an unseren Tisch zu führen.

Meine Liebste saß in einer der kleinen, ledergepolsterten Nischen. Statt, wie üblich, auf ihr Handy, sah sie mit einem leichten Lächeln aus dem Fenster. Offensichtlich gefiel ihr der Anblick der bunten Lichter, die weit unter uns die Nacht beleuchteten, und der Skyline, die man von hier aus ebenfalls gut sehen konnte.

Sie bemerkte uns erst, als wir schon fast bei ihr angekommen waren.

»Liebling.« Sie erhob sich und küsste mich auf den Mund. Der Kellner blieb mit professionellem Lächeln stehen und wartete, bis ich mich gesetzt hatte. Nachdem Regina ihm konspirativ zugenickt hatte, verschwand er. Um gleich darauf zwei hohe Gläser mit prickelndem Inhalt vor uns abzusetzen.

»Champagner?«, fragte ich. Leicht irritiert, weil meine Freundin normalerweise keinen Alkohol trank.

»Besondere Anlässe erfordern besondere Getränke«, ließ sie mich wissen und wir stießen an. Der Schampus war köstlich, genau richtig temperiert, nicht zu trocken und mit einer feinen Perlage.

Ich musterte die Frau, die ich seit über drei Jahren so sehr liebte, dass ich keiner anderen mehr einen Blick geschenkt hatte. Das brünette, kurz geschnittene Haar schimmerte mit ihren dunkelbraunen Augen um die Wette. Wie üblich trug sie einen Anzug, wenngleich einen wesentlich lässigeren, als sie es im Beruf normalerweise tat. Die fliederfarbene Bluse musste neu sein, zumindest hatte ich sie an ihr bisher noch nie gesehen. Kein Schmuck. Lediglich eine Uhr, so teuer, dass man damit ohne Mühe einen Kleinwagen hätte finanzieren können. Ein Geschenk ihres Arbeitgebers zur 20-jährigen Betriebszugehörigkeit. Ich wette, dass es andere Mitarbeiter gab, die mit einer einfachen Anstecknadel nach Hause gehen mussten. Nicht meine Liebste. Sie war sofort nach dem Studium bei Worldwide Chances, einer NGO, eingestiegen und hatte schnell Karriere gemacht.

»Ich bin gar nicht mal in allen Dingen besser als andere. Aber durchsetzungsstärker, beharrlicher und fokussierter«, hatte sie mir einmal ganz am Anfang unserer gemeinsamen Geschichte erklärt. Ich bildete mir ein, diese Eigenschaften ebenfalls zu besitzen. Nur, dass ich sie in meine eigene kleine Buchhandlung steckte und meine Aufstiegschancen daher gering waren. »Ich bin meine eigene Chefin«, sagte ich dann gerne mal. Und das stimmte ja. Dass ich die einzige Angestellte war, mit Ausnahme meiner Jugendfreundin Julia, die bei mir als Halbtagskraft arbeitete, musste ja keiner wissen.

Der Kellner trat an unseren Tisch. Er lächelte und knetete erwartungsvoll seine Hände.

»Die Damen haben schon gewählt?«

»Aber ja«, trompetete Regina. »Das Love-Menü.« Jetzt zwinkerte sie vergnügt.

»Für meine Frau«, das war ich, »ein Glas von Ihrem Entre deux mers. Ich steige auf Wasser um.«

Aha! Sie hatte sich also schon vom Sommelier beraten lassen. Ich fühlte mich geschmeichelt von dieser Aufmerksamkeit, die mir zuteilwurde.

Der Kellner verbeugte sich doch tatsächlich ein klein wenig, was mich zum Kichern brachte. »Jetzt musst du mir aber mal sagen, was für eine Überraschung du für mich hast.«

»Aber, aber. Wer wird denn so unromantisch sein. Erst essen wir gemütlich, dabei halten wir ein bisschen Händchen. Du erzählst mir von deinen Plänen und dann …«, sie hob die Stimme, den Kopf und einen Finger, »… dann erzähle ich dir, worum es geht.«

Sie war schon immer so. Jemand, der andere gerne auf die Folter spannte.

 

Das Menü war wirklich lecker. Als Vorspeise servierte man uns Nordseekrabben mit Joghurt und Seegras, gefolgt von einer ingwergewürzten Kürbisschaumsuppe. Den Hauptgang bildete geröstetes Wagyu-Roastbeef mit Sesam, dazu gab es Kartoffelschaum und Salat von grünen Bohnen. Wie alles andere vorher war auch das Dessert, eine Quittenmousse mit Portweinsoße, ein Gedicht. Ich bestellte noch ein zweites Glas Wein und als wir alles verputzt hatten und der Mokka serviert wurde, zusammen mit selbst gemachten Pralinen aus der hauseigenen Patisserie, bekam meine Liebste wieder ihr superwichtiges Gesicht. Ich saß sowieso schon die ganze Zeit auf heißen Kohlen.

»Liebling, ich möchte dir etwas sagen. Etwas, das du vielleicht schon weißt: Ich bin wahnsinnig glücklich mit dir. Dass du raus willst aus der Stadt, aufs Land, wo angeblich alles ein bisschen ruhiger ist, weiß ich ja schon lange. Aber wenn ich ehrlich bin, denke ich, es ist einfach etwas langweiliger, weil man ja nicht wirklich viel unternehmen kann, nicht wahr?«

An dieser Stelle des Vortrags wurde ich leicht unruhig. War das eine Abschiedsrede? Würde sie mir gleich verkünden, sie wolle sich von mir trennen? Weiterhin durch die Welt reisen, weitgehend ungebunden sein und nur, wie bislang auch, gelegentlich in ihren Heimathafen einlaufen? Zu mir, der einzigen Frau, die ihr Blut in Wallung brachte, wie sie versicherte?

»Aber«, fuhr sie fort, während meine Nerven sich sekündlich angespannter anfühlten und mein Herz ziemlich unruhig schlug, »ich bin wirklich in mich gegangen. Habe mich gründlich befragt.« Sie hielt inne und betrachtete mich so aufmerksam, dass ich spürte, wie ich rot anlief.

»Und das Ergebnis ist …«

Was auch immer sie sagen wollte, sie tat es nicht. Vielmehr glitt ihr Blick von meinem Gesicht weg, über meine Schulter und richtete sich auf etwas hinter mir. Noch bevor ich mich, zutiefst verwirrt, umdrehen konnte, hörte ich meine hoffentlich Demnächst-Ehefrau mit völlig verklärter Stimme einen Namen sagen. Nicht meinen Namen. Aber dennoch war dieser Name mir so vertraut, als sei es mein eigener.

»Sara!«, sagte Regina. Bevor sie sich erhob, völlig vergaß, was sie mir hatte erklären wollen, auf den Gang neben unserem Tisch trat und die Frau umarmte, die, unbemerkt von mir, näher gekommen war.

Mir stockte der Atem. Mein Magen hob sich. Sara! Das war so ungefähr der letzte Mensch, den ich hier und jetzt sehen wollte. Dennoch drehte ich mich um. So langsam, dass sich die beiden Frauen mittlerweile durchaus hätten voneinander lösen können, wenn sie denn gewollt hätten. Hatten sie aber nicht. Regina umschlang die schmale Gestalt ihrer Ex immer noch mit einer Inbrunst, die in mir sofort Mordgelüste auslöste. Langsam erhob ich mich von meinem Platz. Ganz einfach, weil es mir total blöd vorkam, angesichts dieser Begrüßungszeremonie, die jede Schamfrist schon längst überschritten hatte, sitzen zu bleiben. So zu tun, als würde ich nichts bemerken.

»Hallo«, sagte ich in einem möglichst neutralen Tonfall.

Jetzt endlich ließ die Frau, die mir eine Minute zuvor noch einen Heiratsantrag hatte machen wollen, von der anderen ab. Sara lächelte.

Biest!

Sie strich sich eine Strähne ihres kinnlangen dunkelblonden Haars zurück und sah zu mir. Ihre silbergrauen Augen durchbohrten mich regelrecht.

»Hallo. Ich bin Sara.«

Als ob ich das nicht wüsste!

Sie war die fleischgewordene Vergangenheit, von der Regina sich damals, vor scheinbar unendlich vielen Jahren, kaum hatte lösen können. Sie war die Frau, mit der Regina in der Blüte ihrer Jugend die tiefste emotionale Erfahrung ihres bisherigen Lebens erlebt hatte. Sie war pure Erotik, der sich Regina damals kaum entziehen konnte. Bis Sara gegangen war.

»Sie hat mich verlassen. Von einem Tag auf den anderen. Ich wollte sterben. Stattdessen habe ich mich für das beste aller Leben entschieden. Meines!«

Bla, bla, bla.

Wie oft hatte ich mir in den Anfängen unserer Beziehung all das anhören müssen. Sara hier, Sara dort. Bis diese fremde Frau in meiner Fantasie übermächtig wurde. Es war mir anfangs überhaupt nicht vorstellbar gewesen, dass Regina nach dieser tiefgreifenden Beziehung und ein paar lockeren Affären ausgerechnet mich als ihre Partnerin ausgewählt hatte.

Nun, da Sara vor mir stand, begriff ich noch etwas. Regina hatte mir niemals ein Foto von ihrer Ex gezeigt. Ich war also nicht vorbereitet darauf, wie schön Sara war. Wie sanft ihr Blick sein konnte, der sich jetzt auf meine Liebste legte. Wie schlank die Finger, die den Arm meiner Geliebten streichelten. Wie weich und schimmernd das Haar, das sie sich aus dem Gesicht strich.

Ich hasste sie vom ersten Moment an.

»Oh wie schade«, flötete Regina und durchbrach meine finsteren Gedanken. Hatte sie eben wirklich gefragt, ob sich ihre Ex zu uns an den Tisch setzen wollte?

»Ja, das finde ich auch.« Samtweicher Blick auf die Frau, die sie vor Jahren verlassen und schmerzgebeutelt zurückgelassen hatte. »Leider. Aber ich habe ein wichtiges Date.« Sie zwinkerte verständnisheischend und ihr Kinn bewegte sich in die Richtung der Tische weiter hinter uns. »Ein Herausgeber, wir wollen ein gemeinsames Projekt besprechen.«

Nach etlichen weiteren Bekundungen wie überraschend, wie nett und wie wundervoll doch dieses Wiedersehen sei, weiteren gegenseitigen Beteuerungen, wie gut die jeweils andere doch aussah und dass man sich doch bald einmal wieder treffen möge, die beiden versicherten sich, die Nummer der jeweils anderen noch zu besitzen, stolzierte Sara davon. Neidvoll folgte mein Blick ihrer hoch aufgeschossenen Gestalt, dreiviertel davon schien aus Beinen zu bestehen.

»Ach, das war ja ein Ding.« Regina ließ sich prustend auf ihren Sitz fallen. »Sara. Sie ist wieder in der Stadt.«

Meine schlechte Laune schien sie überhaupt nicht zu bemerken. Daher musste ich nachhelfen. »Mein Gott, ihr habt euch umarmt, als wärt ihr immer noch zusammen. Bin ich überhaupt noch anwesend?«

Reginas Lächeln verschwand wie ausgeknipst. Sie runzelte die Stirn. »Was ist dir denn für eine Laus über die Leber gelaufen?«

»Eine Laus namens Sara, wenn du es genau wissen willst«, knurrte ich und leerte mein halb volles Glas auf einen Schluck. »Man musste ja den Eindruck gewinnen, es gäbe überhaupt gar nichts Schöneres, Interessanteres und Besseres auf der Welt als sie.«

»Sie ist eine tolle Frau«, entgegnete Regina mit einem verdächtigen Schimmer in den Augen.

»Ja, das hast du mich ja eben sehr stark spüren lassen.« Ich wurde immer wütender. Hätte dieser Abend nicht etwas anderes bringen sollen?

»Jetzt komm mal wieder runter!« Regina bekam ihr oberlehrerhaftes Gesicht, das ich auf den Tod nicht ausstehen konnte. »Wir haben uns ewig nicht gesehen. Da ist es doch normal, sich freundlich zu begrüßen. Hätte ich tun sollen, als ob ich sie nicht kenne?«

Jetzt gab ein Wort das andere. Jedes davon vergiftete die bis vor Kurzem so friedliche Atmosphäre. Bis wir, völlig zerstritten, unsere Servietten fast gleichzeitig auf den Tisch warfen, Regina lautstark die Rechnung verlangte und wir beide mit verkniffenen Gesichtern dokumentierten, dass dieser Abend im Eimer war. Keine Rede mehr von einem Antrag. Der Ring blieb, wo er war, und wir, vor wenigen Stunden ein glückliches Paar, gingen erbost unserer Wege. Verdammt. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Brooks kam mir ungeduldig miauend im Flur meiner kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung entgegen.

Wenigstens eine, die sich über mich heute freut!

Ich beugte mich zu meiner Katze hinunter und strich ihr übers schwarze glänzende Fell. Ihre Schwanzspitze zuckte und sie sah mich mit ihren hellblauen Augen so aufmerksam an, als könne sie auf meine gebeutelte Seele schauen. Vielleicht hatte sie aber auch einfach nur Hunger. Mir hingegen lag das verunglückte Liebesmenü im Magen. Ich ließ ein bisschen Trockenfutter in den Fressnapf rieseln, gab etwas mit Wasser verdünnte Milch in Brooks’ Trinkschälchen und riss mir danach die Kleider vom Leib. Eine heiße Dusche war und blieb für mich die beste Methode, den Kopf freizukriegen. Danach hockte ich mich in die Küche, trank einen halben Liter stilles Wasser und brütete über die Geschehnisse des Abends. Was war eigentlich geschehen? Hätte ich eine ehemalige Freundin nicht auch freundlich begrüßt?

Nicht, wenn sie mir das Herz gebrochen hätte. Nicht auf diese fast schon enthusiastische Weise. Nicht zu einem Zeitpunkt, an dem ich gewillt gewesen wäre, meiner aktuellen Lebenspartnerin einen Antrag zu machen.

Meine Laune verschlechterte sich mit jedem einzelnen Gedanken.

Ich schielte auf mein Handy. Keine Nachricht von Regina. Nicht, dass ich eine erwartet hätte. Nicht so schnell. Vermutlich wartete sie auf der anderen Seite der Stadt in ihrem schicken Appartement auf eine Entschuldigung von mir. Da konnte sie lange warten! Dann, plötzlich, schoss mir ein dunkler Gedanke durch den Kopf. Was, wenn Sara bei ihr war? Aber nein, versuchte ich mich zu beruhigen. Die hatte von dem Streit an unserem Tisch nichts mitbekommen, hatte zu weit weg gesessen. Und auch wenn sich unsere Wege schnell getrennt hatten, hatten Regina und ich das Lokal doch zu zweit verlassen.

Ich seufzte. Inzwischen war es schon mitten in der Nacht. Brooks lag auf meinem Bett und schnorchelte leise vor sich hin. Ich schob sie mitsamt dem schönen, italienischen Überwurf in Paisleymuster – ein Geschenk von Regina nach unserer ersten gemeinsamen Nacht in meiner Wohnung – beiseite und warf mich ins Bett. Augen zu und schlafen, befahl ich mir. Umsonst. Noch immer suchte mich das Bild von Sara heim und stachelte meine Eifersucht derartig an, dass das Adrenalin noch bis zu den frühen Morgenstunden in meinen Adern kreiste.

Kapitel 2

 

»Was ist denn mit dir los?« Julia musterte mich fragend. Wie üblich trug sie ihr dunkles Haar zu zwei Zöpfen geflochten, was bei einer Frau ihres Alters nur deshalb nicht merkwürdig aussah, weil meine ehemalige Schulkameradin und beste Freundin mit ihren großen blauen Augen und dem schmalen Gesicht viel jünger wirkte, als sie war. Die dunkel gerahmte Brille saß tief auf ihrer Nase, lediglich gehalten durch den kleinen Aufwärtsknick an der Spitze dort. Es gab ihr das Aussehen einer überaus neugierigen Person. Was sie nicht war. Eigentlich interessierte sie sich nur für Bücher, Kochrezepte und Fotobände. Die Arbeit bei mir im Buchladen war für sie ein bezahlter Aufenthalt im Paradies.

 

»Schlecht geschlafen«, murmelte ich und versuchte, meine verkrampfte Kiefermuskulatur zu entspannen. Zu meiner Freude hatte Julia bereits Kaffee aufgesetzt. Sie gab immer eine Prise Zimt dazu, was zu einem besonders leckeren Duft und Geschmack führte. Als ich aus unserem kleinen Büro mit einem gefüllten Becher zurück in den Verkaufsraum kam, fiel mir das betrübte Gesicht meiner Freundin auf. »Was ist los?«, fragte ich, zwischen zwei Schlürfern.

»Nichts. Das ist es ja«, antwortete sie mit der ihr eigenen direkten Art. »Keine Kundschaft bisher. Und gestern und vorgestern war es nicht besser.«

Ich ließ mich auf einen der antiquarisch wirkenden Ledersessel plumpsen, in denen unsere Kundinnen und Kunden, so sie denn kamen, in aller Ruhe in die Bücher reinschmökern konnten. Wer regelmäßig bei uns kaufte, durfte darüber hinaus auf einen Kaffee hoffen. Ein Schwätzchen über angesagte Titel gab es sowieso immer gratis dazu. Ich gehöre nicht zu den Buchhändlerinnen, die ihre Kundschaft ausschließlich mit den Titeln der Bestsellerlisten zuwerfen. Ich liebe kleine und unabhängige Verlage genauso gern wie die großen. Wer »eben mal schnell ein angesagtes Buch als Geschenk« benötigte, wurde bei uns ebenso fündig wie diejenigen, die nicht nur gut beworbenen Mainstream lesen wollten. Nur, dass letztere Kategorie langsam auszusterben drohte.

Seufzend drehte ich den Becher in Händen. Beste Chefin der Welt stand darauf. Ein Mitbringsel, das mir Julia mal auf einer Buchmesse geschenkt hatte.

»Wir müssen unbedingt was tun«, durchbrach die meine düsteren Gedanken.

»Woran denkst du?«, fragte ich matt. Die Vorstellung, etwas tun zu müssen, stresste mich gerade.

»Lesungen veranstalten. Lokale Autorinnen und Autoren einladen. Ein bisschen mehr Werbung machen.«

Oh weia. Julia hatte keine Ahnung davon, dass ich schon seit einiger Zeit darüber nachdachte, den Laden aufzugeben. Wenn ich mit Regina erst in die Pampa gezogen war, würde ich dort etwas Neues eröffnen. Vor Ort. Wo auch immer das sein mochte, so genau hatten wir bisher ja noch gar nicht darüber gesprochen.

Vielleicht ist es jetzt ja gar nicht mehr notwendig!

Mir wurde kalt am ganzen Körper und dazu flau im Magen. Was, wenn Regina mit mir Schluss machte?

Nein, das glaubte ich nicht. Sie gehört nicht zu den Frauen, die überreagierten. Vielmehr würde sie mich zappeln lassen und erwartete womöglich, dass ich mich als Erste meldete. Doch davon hielt mein Stolz mich nachhaltig ab.

Während ich so dasaß und versuchte, meine Gefühle zu sortieren, bimmelte die Ladenglocke. Wir hatten so eine altmodische, die beim Öffnen und Schließen der Ladentür angestoßen wurde.

»Guten Morgen!«, rief Julia so enthusiastisch, dass es fast peinlich war. Ich rollte innerlich mit den Augen und verzog mich ins Büro. Die Buchhaltung machte sich schließlich nicht von alleine und die Frage der Kundin nach einem schönen Wohlfühlbuch für den Urlaub konnte Julia lässig beantworten. Mit halbem Ohr hörte ich, wie sie mit der Kundin sogleich in ein intensives Gespräch über Urlaubsziele im Allgemeinen und im Besonderen vertieft war. Dann starrte ich auf die deprimierenden Zahlen auf meinem Schreibtisch. Julia hatte recht. Ich musste etwas tun, sonst wäre ich schon lange vor einem möglichen Umzug pleite.

 

Bis zum Abend hatte sich mein Handy nicht gerührt. Dann, ich war gerade dabei, das Geschäft abzuschließen, kam eine Nachricht von Regina. »Wieder abgeregt?« Kein Emoji. Nur die nackten Worte. Am liebsten wäre ich gleich wieder auf 180 gewesen. Dann überwog die Erleichterung darüber, dass meine Liebste den ersten Schritt gemacht hatte.

Was sollte ich antworten? Bin noch immer sauer, weil du deine Ex so schamlos angehimmelt hast in meiner Gegenwart? Bin dummerweise tierisch eifersüchtig? »Schade, dass der gestrige Abend im Streit geendet hat«, textete ich endlich.

»Finde ich auch«, kam zurück.

Und nun? Sollte ich sie auf einen Wein einladen? In meine Wohnung? In der Hoffnung auf Versöhnungssex?

»Leider muss ich morgen früh überraschend weg«, schrieb sie. Wenigstens dieses Mal mit einem Emoji garniert, das eine Träne verdrückte.

»Wieso das denn?«, murmelte ich und drückte die Verbindungstaste. So etwas textete man nicht, man besprach es.

»Mein Arbeitgeber will eine Expertise zu einem geplanten Projekt im Norden Sri Lankas«, klang gleich darauf Reginas Stimme an mein Ohr. »Die Kollegin, die das eigentlich hätte übernehmen sollen, steckt irgendwo am Himalaya fest.«

»Ich dachte, du bist mal eine Zeit lang hier«, murrte ich.

»Dachte ich auch. Aber …«, sie legte eine kleine Pause ein, die mich nervös machte, »… es wird ja nicht mehr so häufig der Fall sein.« Die Zeichen standen also eindeutig auf Versöhnung. Ich seufzte. Verlangend, wie ich fand. »Sehen wir uns denn vorher wenigstens noch?«

Damit ich dir sehr deutlich zeigen kann, wie prickelnd unsere Beziehung immer noch ist.

Sie zögerte ein bisschen zu lange und wieder lief es mir kalt den Rücken hinunter. »Schatz, ich habe vorher so viel zu tun. Packen. Mich in das Projekt einlesen. Die Schreibtischarbeit, für die ich eingeteilt war, an jemand anderen übergeben. Sorry!« Das letzte Wort wurde mit dem von mir so gefürchteten Nachdruck gesprochen. Keine Widerrede, hieß das. Jetzt war Regina wieder die toughe und erfolgsverwöhnte Businesslady. Im Hintergrund hörte ich ihre Türklingel. »Du bekommst Besuch«, stellte ich mit düsterer Stimme fest.

»Ja, es ist der Pizzabote«, gab sie zurück. Ein bisschen belustigt klang sie.

»Schade«, murmelte ich.

»Was? Dass ich Pizza esse?«

»Dass du sie ohne mich isst.«

Und mit keinem Wort erwähnst, dass wir gestern zum eigentlichen Zweck unseres Essens gar nicht mehr gekommen sind.

»Hör mal. Ich werde nicht lange weg sein. Eine Woche, vielleicht zehn Tage. Sobald ich zurück bin, holen wir diesen vergurkten Abend nach. Richtig schön. Ja?«

»Ja«, entgegnete ich. Als wir aufgelegt hatten, fühlte ich mich einsam und allein. Mehr als sonst. Ich war es ja gewohnt, dass meine Liebste durch die Welt jettete, um ebendiese zu retten. Oder ein bisschen besser zu machen. Was man eben so tat in einem Non-Profit-Unternehmen, das sich dem Guten verschrieben hatte. Was hieß, Schulen für Mädchen aufzubauen, Umschulungen für Frauen zu organisieren, in entlegenen Gegenden dieser Welt über Geburtenkontrolle aufzuklären und derlei mehr. Das alles in Ländern, die meistens auf dem afrikanischen Kontinent oder in Krisenregionen lagen. Verbunden mit alldem, was ständige Trennungen so mit sich brachten, musste ich dazu noch Ängste unterdrücken, Regina könnte etwas passieren. Jetzt fiel mir auf, dass ich sie gar nicht gefragt hatte, wohin genau es denn im Norden Sri Lankas ging. Ich schickte eine Textnachricht ab, aber sie antwortete nicht mehr. Vielleicht war sie zu sehr mit ihrer Pizza beschäftigt.

 

Brooks heißt so, wie sie heißt, weil ich ein großer Fan der Schauspielerin bin. Und ich ja schon Louise heiße. Die andere Louise hatte mich schon immer sehr beeindruckt mit ihrer eigenen selbstbewussten Art, ihrem Aussehen mit der prägnanten Frisur und der Kompromisslosigkeit, die man ihr zeit ihres Lebens nachgesagt hatte. Auf jeden Fall ließ sie sich wohl nicht die Butter vom Brot nehmen. Manchmal sah ich mir alte Stummfilme mit ihr an, das hob meistens zuverlässig meine Stimmung. An diesem Abend wirkte meine Medizin aber nicht. Neben der Tatsache, dass Regina schon wieder unterwegs war, sie war ja doch eben kürzlich erst aus Indien zurückgekommen, schlug mir das schlechte Betriebsergebnis meiner Buchhandlung gewaltig aufs Gemüt. Nicht, dass ich das nicht schon seit längerer Zeit beobachtet hätte. Doch auf nicht so gute Tage waren bisher zuverlässig auch immer bessere gefolgt. Dann wurden die Durststrecken immer länger. Meine Verweigerungshaltung allem gegenüber, was zu sehr nach Business aussah, hatte mich diese Entwicklung zunächst mit einem Achselzucken abtun, dann ignorieren lassen. Jetzt ging das bald nicht mehr. Immerhin musste ich die Miete aufbringen, Julias Gehalt bezahlen und selbst leben wollte ich auch noch. Ich sah mich um. Meine Altbauwohnung in einem beliebten Stadtviertel unweit des Zentrums und in Laufnähe zum Buchladen war nur deshalb bezahlbar, weil es im Haus keinen Aufzug gab und ich schon lange hier wohnte. Es war also unabdingbar, dass ich meine Miete pünktlich überwies. Jedenfalls, solange ich bleiben wollte. Aber wenn es so weiterging, würde ich mir am Ende des Monats entweder kein Gehalt auszahlen können oder mit der Miete in Rückstand geraten.

»Das Weihnachtsgeschäft wird es rausreißen. Warte es ab, ab nächsten Monat geht es rund, das war bisher immer ab Oktober so«, hatte Julia optimistisch erklärt, nachdem sie der urlaubsfreudigen Kundin drei Taschenbücher verkauft hatte. Die beiden hatten sich am Ende so herzlich voneinander verabschiedet, als wären sie enge Freundinnen. Julia konnte das. Eine Verbindung zu Wildfremden herstellen, ihre Wünsche erkennen und ihnen genau die richtigen Bücher verkaufen. Vielleicht sollte ich sie fragen, ob sie den Laden übernehmen wollte?

Als Alleinerziehende? Ohne jede Rücklage? Bist du verrückt?, hörte ich sie sogleich in meiner Fantasie sagen. Warum eigentlich nicht?, antwortete ich ihr stumm. Du kannst deinen Sohn nach dem Kindergarten doch mit ins Geschäft nehmen. Immerhin gab es neben dem Büroraum noch einen zweiten, kleinen, in dem ein paar Putzutensilien und ein riesiger Kopierer standen. Erstere hätten wir schnell woanders untergebracht oder in einem Schrank verstaut. Der Kopierer war ein Relikt aus der Zeit, bevor ich unseren neuen Multifunktionsdrucker angeschafft hatte. Nun stand er nur noch da, weil wir den Platz nicht wirklich brauchten. Während ich in Gedanken bereits den Laden umräumte und kindgerecht einrichtete, verspeiste ich meine Pizza. Ich hatte mir nämlich auch eine bestellt. Wenn schon nicht gemeinsam mit Regina, dann wenigstens annähernd dasselbe Menü. Ich ignorierte Brooks, die verlangend maunzend um meine Beine strich. Danach spülte ich das über den Tag angefallene Geschirr und räumte ein bisschen auf. Dabei fiel mein Blick auf die Tageszeitung.

»Gabor Hartmann – große Ausstellungseröffnung«, lautete eine Schlagzeile. Ich hob das Blatt und las den Artikel. Gabor Hartmann war ein bekannter Tier- und Landschaftsfotograf. Julia schwärmte regelrecht für ihn und seine Werke. Ob sie wusste, dass er in der Stadt war? Vermutlich nicht, sonst hätte sie etwas gesagt! Ich holte mein Handy raus und textete ihr eine Nachricht. »Morgen Abend. Ausstellungseröffnung Gabor Hartmann. Gehen wir zusammen hin?« Und dann, trotz meiner Misere überall, schob ich noch nach: »Ich lade dich ein!«

Es dauerte eine Weile, bis sie sich meldete. »Gerne! Freue mich!«

Nun ja, es gab eben auch noch schöne Dinge im Leben.

 

 

Kapitel 3

 

Das Gedrängel vor der Ausstellungshalle der Galerie war selbst für einen bekannten Fotografen ziemlich groß. Julia und ich wurden regelrecht in Richtung des Eingangs geschubst. Als wir endlich dort angekommen waren, war die Enttäuschung groß.

»Tut mir leid, nur mit Einladung heute Abend«, erklärte uns ein blasiert dreinschauender Schönling mit reichlich Metall im Gesicht. Verdammt, das hatte ich übersehen! »Kann man denn keine Karten kaufen?«, wollte ich wissen. Mein Gegenüber zog die dunklen Brauen hoch und fuhr sich über die stoppelkurzen Haare, bevor er sich zu einer Antwort herabließ. »Heute nur geladene Gäste. Sektempfang.« Ah, daher wehte der Wind. Der Kerl dachte, wir kämen nur wegen der Häppchen und des Schampus.

»Wir haben schon gegessen«, erwiderte ich im lahmen Versuch eines Scherzes. Der Kerl lachte nicht mal, er schob uns einfach beiseite, um einem Paar, das reich und schön aussah, die Einladungskarten abzunehmen und sie ins Innere zu bitten. Betrübt standen wir vor der großen Glasscheibe der Galerie, von wo aus man das fröhliche Treiben innen betrachten konnte. »Verdammt Julia, das tut mir so leid!« Meine Freundin hatte einen Babysitter für ihren Fünfjährigen organisiert. Sich total auf die Ausstellung gefreut.

»Ob es was nützt, wenn ich dem Kerl am Eingang verklickere, dass wir sämtliche lieferbaren Bildbände von Gabor Hartmann im Laden stehen haben?« Ihre Stimme klang ein wenig mutlos, was bei ihr selten der Fall war. Da standen wir, sahen den bunten und gut gelaunten Tross an uns vorüber ins Allerheiligste des Abends ziehen und ich überlegte schon krampfhaft, ob ich etwas tun könnte, um Julias Enttäuschung ein bisschen abzumildern. »Was, wenn wir morgen wiederkommen?« Nein, da konnte sie nicht, weil sie neben dem Job bei mir gelegentlich kellnerte und überhaupt …

»Hi!«, ertönte eine helle, angenehm weiche Stimme an meinem Ohr. Ich gefror sofort zu Eis.

»Hi!«, erwiderte Julia arglos. Sie sah die Frau freundlich an, die da so plötzlich neben mir aufgetaucht war.

»Geht ihr auch rein?« Sara trug ein viel zu kurzes Kleid, hohe Stiefel, für die es im September noch keinen Grund gab, und lächelte mit himbeerfarben angemalten Lippen. Wie grässlich!

»Nein, ist uns zu voll«, knurrte ich.

Julias Blick war nicht zu missinterpretieren. Sie schnappte überdies hörbar nach Luft. Sara lachte auf. »Ja, voll wird es schon.« Sie betrachtete mich. Vermutlich so, wie ein Schmetterlingssammler ein frisch gefangenes Exemplar studiert, bevor er es zu Tode narkotisiert. »Ich habe eine Einladung. Mit Begleitperson.« Ihr Blick wanderte zwischen Julia und mir hin und her. »Also – wenn eine von euch möchte, kann ich sie mitnehmen.« Sie blinzelte mir verschwörerisch zu.

»Julia. Geh du«, sagte ich, mühsam beherrscht.

»Ach was«, entgegnete die. »Ihr beide kennt euch ja.«

»Nicht wirklich«, brummte ich und warf der immer noch abwartend dastehenden Sara einen möglichst vernichtenden Blick zu.

»Komm du halt mit, wenn Louise nicht will«, meinte Sara zu meiner Begleiterin. Die Temperatur hatte sich merklich abgekühlt. Oder was hatte die Gänsehaut an meinen Armen zu bedeuten?

»Louise? Wäre das okay für dich?« Julias Blick war so bittend, dass ich wie ein Monster gewirkt hätte, wäre jetzt ein Nein aus meinem Mund gekommen.

»Natürlich. Geh du nur.«

Lass dich von meiner ärgsten Feindin einladen, nachdem ich es vergurkt habe.

Julia drückte mich heftig. Sara nickte mir zu, der Blick ihrer grauen Augen war nicht zu deuten. Dann verschwanden sie. Ich sah ihnen hinterher. Sara war immer noch groß und ihre Beine schienen zwischenzeitlich weiter gewachsen zu sein. Modelbeine, eindeutig. Julia neben ihr, fast einen Kopf kleiner und in Jeans und ihrem besten Blazer, war die Freude, doch in die Ausstellung zu kommen, auch von hinten anzusehen. Die beiden waren noch nicht durch die Tür, da plapperten und lachten sie schon wie alte Freundinnen. Als Sara sich zu mir umdrehte, wandte ich mich ab und ging, zwei geballte Fäuste in die Taschen meiner Lederjacke gedrückt, davon.

Scheißspiel.

 

 

Was machte man an einem solchen Abend? Ich betrat die nächste Kneipe, die auf meinem Weg lag. Nicht, dass ich mich hätte betrinken wollen. Mir war einfach nicht danach, grübelnd zu Hause auf dem Sofa zu sitzen. Das Lokal sah gemütlich aus. Dunkles Holz, eine lange Theke, tief gezogene Fenster, eines davon aufgeschoben und mit Blick auf den winzigen Hinterhof, in dem zwischen wenigen runden Tischen und vielen üppigen Pflanzen ein paar Solarleuchten ihr apricotfarbenes Licht verbreiteten. Ich hievte mich auf den letzten freien Barhocker und betrachtete die Getränkekarte, die mit weißer Kreide auf eine Tafel geschrieben war.

»Yogitee?«, murmelte ich. »Was ist das denn?«

»Sehr zu empfehlen.« Der Typ neben mir wandte sich halb um. Zerzaustes Haar, Dreitagebart, wettergegerbt. In seinen hellen Augen lag eine leichte Melancholie.

»Echt jetzt? Na, dann probiere ich den mal. Regt mich hoffentlich nicht an. Oder auf.«

Der Barkeeper nahm meine Bestellung gelassen auf. Der Typ neben mir gluckste. »Aufregen? Nein. Bestimmt nicht. Kannste hinterher schlafen wie ein Baby.«

Das konnte ich gut gebrauchen. Der Tee kam und mir stieg der Duft nach orientalischen Gewürzen in die Nase.

»Ist natürlich nicht so wie am Himalaya«, fuhr der Fremde fort. Er blickte dabei vor sich hin, schob sein Teeglas auf der Theke herum und schien mehr mit sich selbst zu reden.

»Kennst du dich da aus?«, wollte ich wissen. Eine Sanduhr stand neben meinem Glas, gemächlich rieselte die Zeit hindurch.

»Komme gerade von dort zurück.«

»Wandern oder Wellness?«

»Beruflich. Habe dort fotografiert.«

»Fotografiert? Und dann bist du nicht in der Aus…« Mir blieb das Wort im Hals stecken. Wie unter Blitzlichtgewitter tauchten vor meinem inneren Auge verschiedene Bilder auf und ordneten sich zu einem Ganzen. Die Bildbände in meinem Laden. Das Autorenfoto. Der Presseartikel.

»Herrje!«, entfuhr es mir. »Sie sind Gabor Hartmann!«

»Waren wir nicht schon beim Du?«, brummte er. Seufzte. Drehte sich auf seinem Hocker in meine Richtung. »Stimmt. Der bin ich. Und wie heißt du?«

»Louise Habert«, antwortete ich. »Ich bin Buchhändlerin. Deine Bücher stehen bei uns im Laden. Alle. Leider hat man mich nicht in die Ausstellung gelassen ohne Einladung.«

»Da kann ich dir nicht helfen«, sagte er zu meiner Überraschung. »Hat die Galeristin organisiert. Ich selbst habe auch keine Einladung.«

Ich riss die Augen auf. »Hat man dich nicht reingelassen?«

»Doch, gelassen hat man mich schon. Bin gleich wieder ausgebüxt.« Er grinste schief. »Ist nichts für mich, diese Menschenmassen. War noch nie mein Fall. Wenn ich direkt davor in menschenleeren Gegenden unterwegs war, fällt es mir schwer, mich da einzuordnen.«

Ich nahm das Sieb aus meinem Tee, stellte es auf dem Unterteller ab und blies über das heiße Getränk, bevor ich einen kleinen Schluck versuchte. »Schmeckt gut«, murmelte ich. Wärmend. Tröstend. So, wie der Orient. Vermutlich jedenfalls, ich war nie dort gewesen. Alles, was weiter weg als Griechenland, Irland oder Portugal war, erschien mir fremd und unheimlich. Ganz im Gegenteil zu Regina, die ja ständig in allen möglichen Gegenden dieser Welt unterwegs war und sich selbst in den entlegensten Winkeln sofort wohlfühlte.

»Das heißt, niemand dort bekommt dich heute zu Gesicht? In deiner eigenen Ausstellung?«

Er schüttelte den Kopf. »Die Galeristin wird sauer sein. Aber wenn sie genügend Fotos verkauft, auch wieder nicht.« Alle seine Werke, groß aufgezogene Unikate, waren handsigniert. Und entsprechend teuer. Aber wenn jemand Schneelandschaften oder Wüsten so fotografieren konnte, dass sich die Betrachter wahlweise sofort einen zweiten Pullover überziehen oder sich mit Eiswürfeln die Schläfen kühlen wollten, war das sicherlich gerechtfertigt.

»Schade, dass ich nichts von deinem Gastspiel in unserer Stadt wusste«, sagte ich. »Denn wenn, dann hätte ich alle deine Bücher ins Schaufenster gestellt.«

»Ah«, sagte er wenig interessiert.

»Mein Laden läuft nämlich in letzter Zeit nicht so besonders gut«, schob ich erklärend hinterher.

»Die Leute lesen nicht mehr. Oder anders«, erklärte er mir das, was ich schon lange wusste.