Beschreibung

Die moderne Kletterkunst begann auf den Britischen Inseln und im Elbsandsteingebirge; weiterentwickelt hat man sie vor allem im Kaisergebirge, in den Dolomiten und im Yosemite Valley; perfektioniert wird sie heute u.a. in Norwegen, Tschechien und Spanien. Reinhold und Simon Messner zeichnen den Bogen der Entwicklung nach – vom III. bis zum XI. Grad, von Albert F. Mummery am Grépon über Alexander Huber in der »Bellavista« an der Westlichen Zinne bis hin zu den heutigen Stars, die das Sportklettern prägen und bereichern: Athleten wie Adam Ondra, Chris Sharma und Hansjörg Auer, Tommy Caldwell und Alex Honnold. Eine faszinierende Zeitreise.

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ISBN 978-3-492-99180-3© Piper Verlag GmbH, München 2018Covergestaltung: Petra DorkenwaldCovermotiv: Bernardo Daniel Giménez HauscarriagueLitho: Lorenz & Zeller, Inning am AmmerseeDatenkonvertierung: Uhl + Massopust GmbH, Aalen

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Für alle, die vor und nach Alexander Huber die Kletterkunst in neue Dimensionen getragen haben.

REINHOLD MESSNER

Inhalt

170 Jahre Kletterkunst

Aussichten

METAMORPHOSEN DES UNMÖGLICHEN

Albert F. Mummery am Grépon

DIE ANFÄNGE bis 1881

Emil Zsigmondy an der Kleinen Zinne

FÜHRERLOS 1882–1898

Josef Enzensperger in der Trettach-Südwand

KLETTERN BEGINNT IM KOPF

Ampferer und Berger auf der Guglia di Brenta

GIPFEL-WAND 1899–1902

Guido Rey in der Marmolada-Südwand

FREIKLETTERN 1903–1914

Rudolf Fehrmann zwischen Elbsandstein und Dolomiten

MIT SEIL UND HAKEN

Gustav Haber und Otto Herzog in der »Ha-He-Verschneidung«

NORDWÄNDE 1919–1929

Emil Solleder in der Furchetta-Nordwand

SESTO GRADO 1930–1939

Emilio Comici in der Nordwand der Großen Zinne

JENSEITS DER VERTIKALEN

Mathias Rebitsch in der Nordwand der Lalidererspitze

HAKEN-KLETTERN 1945–1957

Guido Magnone in der Dru-Westwand

Joe Brown und Don Whillans in der Blaitière-Westwand

DIRETTISSIMA 1958–1963

Peter Siegert in der Superdirettissima der Großen Zinne

IMMER BIS ZUM LIMIT

Mit Konrad Renzler in der Marmolada-Südwand

SIEBTER GRAD 1964–1970

Helmut Kiene in den »Pumprissen« am Fleischbankpfeiler

TURM ZU BABEL 1971–1985

Jean-Marc Boivin in der Fou-Südwand und Dru-Westwand

FREIKLETTERN & FRIENDS

Heinz Mariachers »Moderne Zeiten« an der Marmolada

CLIFFHÄNGER 1986–1992

Peter Crofts Enchaînement in den Bugaboos

OTHER LIMITS 1993–2001

Alexander Huber in der »Bellavista« an der Westlichen Zinne

ZURÜCK ZU DEN URSPRÜNGEN

»Paradise now« – Hubert und Hanspeter Eisendle am Kirchdach/Gschnitzer Tribulaun

FREE SOLO 2002–2008

Alexander Hubers und Hansjörg Auers »Free-Solo-Kunst«

FELSNATUR

Alexander Huber im Dach der Westlichen Zinne

Gesteigertes Können und Verzicht auf alles 2008–2018

Chronik

Quellennachweis

Bildnachweis

Schlusswort des Autors

170 Jahre Kletterkunst

Der Verzicht auf Bohrhaken und die Rückkehr zu den Werten des Freikletterns kennzeichnen die Aktivitäten Reinhold Messners.

HEINZ MARIACHER

Die moderne Kletterkunst – hervorgegangen aus dem naiven Klettern im Fels – wurde innerhalb eines Jahrhunderts ins fast Unglaubliche gesteigert. Das Klettern am Fels begann auf den Britischen Inseln und im Elbsandsteingebirge; im Kaisergebirge, in den Dolomiten und im Yosemite Valley in den USA wurde es weiterentwickelt, bis keine Felswand mehr unmöglich schien. Mit der Philosophie des »Clean Climbing«, die in Kalifornien entstanden ist, wuchs jene weltweite Bewegung von Freikletterern, die den Weg der Steigerung weitergehen werden: schwieriger, schneller, sicherer. Mit möglichst perfekter Absicherung wird Freiklettern endgültig zur Kunst in der vertikalen Arena. Heute ist das Klettern in der Halle eine neue Sportdisziplin und globale Freizeitbeschäftigung zugleich. Im Jahr 2020 wird »Sport Climbing« neben Baseball, Karate, Surfen und Skateboarding zur Olympische Disziplin werden.

Aber auch das Klettern im Fels wird immer weiter verfeinert. An künstlichen Strukturen wird trainiert, werden Weltmeisterschaften ausgetragen. In großen Felswänden wird dieses Klettern unter größtmöglicher Exposition zur Kunst, und überall, wo es Felsen gibt, wird geklettert, weltweit. Ist es Spiel? Sport? Kunst?

Ich selbst habe – vor mehr als sechzig Jahren – mit dem Felsklettern begonnen, den Umbruch vom Hakenklettern zum Freiklettern in den Alpen mitbestimmt. In diesem Buch nun zeichnen wir die Entwicklung des Felskletterns auf, vom III. über den VII. bis zum XII. Grad. Unser Interesse gilt aber weniger der Historie des Felskletterns als vielmehr der Steigerung der Kletterkunst im Gebirge – von den Anfängen als Spiel bis zum Klettern als Wettkampfsport, das heute die Szene beflügelt. Indem wir die Neuerer von ihren jeweiligen Grenzwerten erzählen lassen, nehmen wir die Leser mit zu einem aufregenden Stafettenlauf, der mit dem Klettern im Elbsandsteingebirge beginnt und heute in den großen Wänden der Welt fortgeführt wird.

Weil ich die Leistungen der heutigen Spitzenkletterer zwar bewundern, aber nicht mehr nachempfinden kann, überlasse ich meinem Sohn Simon das letzte Kapitel. Es gilt auch, ihre Ideen und Emotionen einzufangen. Geht es doch vor allem um das heutige Verhältnis der jungen Grenzgänger zu ihren Herausforderungen, Projekten, Wegen – beim Versuch, das Unmögliche von gestern möglich zu machen.

REINHOLD MESSNER

Lange vor seiner Karriere als Expeditionist hat Reinhold Messner als Alpenbergsteiger und -kletterer durch seine Unternehmungen ebenfalls entwicklungsbedeutsame Zeichen gesetzt: Und zwar dies sehr früh schon in einer Phase des kaum noch angekränkelt wirkenden technokratischen Alpinismus im Sinne einer Rückbesinnung auf klassische, ja mitunter hin zum archaischen tendierende Formen des Bergsteigens.

ELMAR LANDES

Aussichten

Jenseits der Vernunft

Die erste Ausgabe dieses Buchs habe ich Alexander Huber gewidmet, weil ich ihn zu seiner Zeit für den kreativsten Kletterer weltweit hielt. Er setzte mit seiner doppelten Erstbegehung von »Bellavista«, mit dem Zinnen-Dach und vor allem mit der Solo-Begehung der Zinnen-Direttissima Gefahr, Risiko und Wagemut neu in Beziehung zueinander. Durch die Tat. Alexander Huber ist damit und durch seine Aussagen zum Sprecher einer jungen Generation von Kletterern geworden. Er hat die Exposition der eigenen Person wieder in den Mittelpunkt des Geschehens gestellt, so wie es Paul Preuß 100 Jahre zuvor und Walter Bonatti vor 60 Jahren getan haben. Inzwischen gibt es zahlreiche Neuerer und sie kommen aus verschiedenen Schulen. Ihnen allen bleibt das Transzendieren der eigenen Grenze wichtig. Und die bleibt der Katalysator beim Klettern, denn mit dem Vertrauten glauben wir uns nicht auseinandersetzen zu müssen. Trenddesigner und Konsumideologen gehen einen anderen Weg. Aber nicht, was auf dem enger werdenden Markt Aufmerksamkeit verspricht, zählt beim Klettern, sondern Kreativität, Schnellkraft und Instinkt in kritischen Situationen. Ich war anderen Kletterern nie neidisch um ihren Ruhm oder das Geld, das höchstens dazu reicht, die nächste Tour zu finanzieren. Wenn schon, bin ich neidisch auf ihre Kunst, in mir unzugängliche Dimensionen zu klettern.

Lynn Hill, die großartige Amerikanerin, die im Wettkampf- und Freiklettern in die Domäne der Männer einbrach, erkennt die Leistungen der Männer trotzdem an, wenn sie auf Highlights der letzten Jahre verweist: »Die Huber-Brüder wiederholten 1996 in völlig freier Begehung die ›Salathé‹, auf die einige Jahre später eine fast perfekte Onsight-Begehung der Route von Yuji Hirajama folgte. 1998 durchstiegen sie ›El Niño‹ am El Capitan frei bis auf einen einzigen Abschnitt.« Eindrucksvoll auch der junge englische Kletterer Leo Houlding, dem fast ein Onsight-Durchstieg davon gelang, Todd Skinner und einige Freunde, die mehr als 60 Tage damit zubrachten, eine Route am Trango Tower frei zu klettern, Yuji Hirajama, der die erste Onsight-Besteigung im Grad 8c (5.14b) kletterte! Katie Brown gelang ihre erste 5.14a, der Spanierin Josune Bereciartu 8c (5.14b). Heute ist es die 13 Jahre junge US-Amerikanerin Ashima Shiraishi, der als erste Frau weltweit eine Felsroute mit der Bewertung 9a+ gelingt. Dem Tschechen Adam Ondra glückt schließlich sein »Project Hard« in Norwegen, welches er erstmals mit 9c bewertet und Alex Honnold wagt eine Free-Solo-Begehung des »Freerider« am El Capitan. Eine neue Dimension. Stefan Glowacz war es, der sich 2001 mit seiner Trilogie »Des Kaisers neue Kleider«, »Silbergeier« und »The End of Silence« – alle 1994 erstbegangen – in der Kletterszene zurückmeldete. Glowacz hat Erfahrung, Können und Talent. Er hat es aber nicht nötig, die Frage um Top-Erstbegehungen mit Moralfragen zu verbinden. Felswände sind keine Institutionen, in denen moralische Fragen dominieren, sie sind Teil der Natur und jenseits von Moral und Vernunft existent. Immer aber, wenn einige wenige den allgemein zugänglichen Weg verlassen, kommen andere mit ihrer Moral. Sie werden auch morgen versuchen, die Ausbrecher auf ihr Niveau herunterzuholen.

Ich lernte verstehen, dass die Berge, die wir bezwingen, nicht die am Horizont sind, sondern diejenigen in uns: Berge der Furcht, der Schwäche und der Unkenntnis. Und wenn es uns gelingt, ganz oben zu stehen, sind wir tatsächlich auf dem Gipfel der Welt.

ROYAL ROBBINS

Alexander Huber bei seiner Free-Solo-Begehung der Zinnen-Direttissima

Für Visionäre gibt es immer neue Wege, und diese sind nicht ident wiederholbar. Sie entstehen beim Klettern und sind weder mit Methoden der Naturwissenschaft noch mit Moral zu beschreiben. Messen kann man sie auch nicht. Niemand wird je eine Tour im Fels auf dieselbe Art wiederholen, wie sie Mummery, Preuß, Vinatzer, Rebitsch, Huber, Honnold erstbegangen haben. Es wird so vieles immerzu anders, vor allem unser Blickwinkel auf uns selbst.

Leo Houlding hat, damals gerade volljährig geworden, am Beispiel El Cap ausgedrückt, wie die Entwicklung der Kletterkunst von der Einstellung in unseren Köpfen abhängt: »Zu Zeiten Warren Hardings war der El Cap ein unbestiegener Felsen. Er markierte eine Grenze, die Vorstellung des Kletterbaren. Harding erkannte, dass es nicht unmöglich war, ihn zu besteigen, wie viele glaubten. Er wagte sich ins unkartierte Gelände. Er hielt es für notwendig, die Expeditionstechnik anzuwenden. Im Verlauf eines halben Jahres verbrachte er 45 Tage damit, die dem Aussehen nach leichteste Route am Fels zu finden. Sein Führer war sein durch lange Erfahrung geschulter Blick. Er fixierte eine 1000 Meter lange ›Rettungsleine‹ von unten nach oben, und so entstand eine der berühmtesten Felsrouten der Welt: ›The Nose‹. Harding tat damit den ersten Schritt auf der Bigwall-Leiter.

In Großbritannien erlebt das Risikoklettern eine Wiedergeburt. Ich weiß, dass es in Norwegen, Schweden und Teilen der USA talentierte, begeisterte Trad-Kletterer gibt, aber sie sind in der Minderzahl. In meiner Zeit als Kletterer würde ich gern das Trad-Klettern propagieren. Einige von uns haben vergessen, dass Klettern nicht nur eine physische und geistige Übung ist; sie ist auch eine spirituelle.

LEO HOULDING

Kathleen Brown

Als Royal Robbins 1962 zum El Cap hinaufschaute, sah er genau das Gleiche wie Harding. Doch er sah es völlig anders. Mit Tom Frost, Yvon Chouinard und Chuck Pratt zeigte er den Weiterweg, indem er mit Hilfsmitteln die Salathé-Wand binnen sechs Tagen in einem Zug kletterte, und zwar als geschlossene, unabhängige Einheit und ohne eine fixierte Rettungsleine. Er machte den nächsten Schritt. 1975 stand Jim Bridwell an der gleichen Stelle und schaute sich das Gleiche an. Er sah eine Felswand, die er mit Hilfsmitteln in einem Tag ersteigen konnte. 1988 sah Todd Skinner eine Felswand, die man frei klettern konnte, wenn man eine ähnliche Belagerungstaktik anwandte wie Harding 30 Jahre zuvor bei seiner Besteigung mit Hilfsmitteln. 1993 sah Lynn Hill eine Felswand, die sie 1994 an einem Tag frei klettern konnte. 1998 schließlich, als Patch und ich dort standen und zum El Cap hinaufschauten, sahen wir eine Felswand, die wir auf einer schweren Route onsight frei klettern konnten, ohne die geringste Erfahrung im Bigwall-Klettern zu haben. Wir verwendeten fünf Tage und vier Nächte darauf, die zweite Begehung einer freien Route zu machen, die von den weltweit geschätzten Huber-Brüdern kurz zuvor am East Buttress eröffnet worden war … Abgesehen von zwei kleinen Stürzen kletterte ich die 30 Seillängen lange freie Version mit dem Schwierigkeitsgrad 5.13c auf Anhieb: also onsight.«

Der Fortschritt beim Felsklettern liegt zuallererst in der Veränderung der Art, in der wir Felswände sehen. Was wir zu klettern gewillt sind und der Stil, in dem wir zu klettern fähig sind, hängt davon ab, wie wir beides sehen: uns selbst und die Wand. Diese Wahrnehmung ist der Schlüssel zur Weiterentwicklung im Felsklettern. Ich will mich dabei auf das Klettern im Fels konzentrieren. Das Klettern an häuslichen Wänden – mit Griffen und Tritten versehen – ist etwas anderes. Es ist ein großartiger Sport, kann das Training unterstützen, als Wettkampf herhalten, mehr nicht. Ich hoffe trotzdem, mit diesem Buch nicht gegen den Wortlaut gelesen zu werden und die Kletterkunst damit zu bereichern. Vielleicht gelingt es auch, das Trad-Klettern, das im Schrumpfen ist, zu erzählen. Es darf nicht untergehen und damit vergessen werden.

METAMORPHOSEN DES UNMÖGLICHEN

Das Elbsandsteingebirge von der Bastei aus gesehen

Mit den Idealen von Paul Preuß sympathisiere ich seit Jahren. Doch hätte ich mich gewaltig einschränken müssen, wenn ich all seinen Thesen nachgekommen wäre. So wie der Sportkletterer seinen Bohrhaken benötigt, war meine Krücke oftmals der Normalhaken. Bei meiner ersten Erstbegehung (1969) setzte ich sogar zwölf Bohrhaken ein. Gott sei Dank erkannte ich sogleich den Unsinn, der derartigen Unternehmungen innewohnt.

ALBERT PRECHT

Albert F. Mummery am Grépon

Im Sommer 1880 fällt Mummery hoch über dem Mer de Glace bei Chamonix der Grépon auf: ein paar wilde Zinnen und Felstürme, der Gipfel aus glattwandigen Obelisken gebaut.

Zusammen mit dem berühmten Bergführer Burgener studiert er die Ostwand des Berges und entdeckt »herrliche Risse, Felsbänder und Übergänge, die den unteren Teil mit dem oberen in Verbindung bringen«.

Ein Jahr später, am 1. August 1881, Aufbruch im Salon des Montenvers-Hotels. Es ist ein Uhr früh. Burgener geht es »schlecht« und er wird mit Branntwein behandelt. Nach mühevollem Herumstolpern zwischen Steinen und mit Moränenschutt gefüllten Gletscherspalten verlassen sie das Mer de Glace und steigen über Grasbänder aufwärts. Sie halten sich links und nehmen das mittlere Couloir, das zum Berg führt. Der Bergschrund an seinem Fuß ist nicht übersteigbar, und sie queren weiter nach links, zur nächsten Rinne. Durch einen steilen Kamin, der sich über dem Eis als knapp mannsbreiter Spalt im Fels als Schwachstelle anbietet, glaubt Burgener einen Weg zu finden. Also wird Venetz, der Helfer, in den Bergschrund hinabgelassen. Er soll den Kamin zu erklettern versuchen, bleibt aber hoffnungslos stecken. Burgener, der geniale Kletterer, rettet die Situation, und zu dritt steigen sie über guten Fels weiter aufwärts.

Nach acht Stunden und einigen schwierigen Kletterstellen erreichen sie die Spitze eines großen roten Turms, der vom Mer de Glace aus deutlich zu sehen ist, aber nicht den Gipfel bildet. Es ist zu spät zum Weiterklettern, also Abstieg.

Am 3. August folgt der zweite Versuch, den schwierigsten Weg der Zeit zu Ende zu gehen. Nach dem guten Ratschlag eines Oberländer Bergführers, den Plan aufzugeben, ist Burgener wütend und so gekränkt, dass er bereit ist, sein Leben zu riskieren, um seinen Berufskollegen zu widerlegen. Kletterer waren also immer schon empfindlich, wenn es um ihre Ehre ging.

Albert Frederick Mummery

Wir erklären tugendhaft, dass der Fels nur auf ehrliche Art zu bekriegen war.

A.F. MUMMERY

Mummery: »Aus der Flut seines unverständlichen Dialekts entnahm ich, dass unser Schicksal besiegelt war. Wenn wir auch unser ganzes Leben da oben verbringen oder sogar oben lassen müssten, so wäre das seiner Meinung nach noch immer besser, als unverrichteter Dinge zurückzukehren und sich dem Hohn und Spott dieses Ungläubigen auszusetzen.«

Ja, so ist es bis heute geblieben. Wir Kletterer wachsen am Widerstand der senkrechten Felsen und jenem der Zweifler, die unsere Vorhaben für unmöglich erklären. Trotzdem, die Seilschaft scheitert ein zweites Mal. Erst beim dritten Anlauf erreichen die drei den Fuß des Gipfelturms.

Mummery: »Er war von einer Unnahbarkeit, wie ich sie selten gesehen habe. Ganz anders wie die anderen Teile des Berges war sein Gestein glatt und grifflos. Von der Spitze bis an seinen Fuß lief zwar ein Riss, vier bis fünf Zoll breit, dessen Kanten aber so glatt waren, wie sie nur der beste Steinmetz aushauen könnte, und der auch in seiner Tiefe nicht die geringste Unebenheit aufwies. Kein eingeklemmter Stein, nichts war zwischen den scharfen Kanten als Halt zu erspähen. Zu all dem hing am Ausstieg, wenn man gerade noch mit letzter Kraft oben angelangt war, ein Felsblock über, den man überwinden musste, um auf der Spitze zu landen.«

Erst nachdem es Mummery und Burgener nicht gelingt, ein Seil über die Spitze zu werfen, um den Gipfel mittels Seilzug zu erreichen, gehen sie den Gipfelturm »by fair means« an.

Was nun folgt, ist Freikletterei auf hohem Niveau. Wieder steigt Venetz voraus und eröffnet in der Felsarena der Nadeln von Chamonix 1881 (!) einen Weg, der senkrecht in den Himmel führt und schwieriger ist als alles, was bis dahin in den Alpen geklettert wurde.

Es ist natürlich völlig unlogisch, jemandem die Bezeichnung »Bergsteiger« zu verweigern, der es versteht, in schwierigerem Gelände seinen Weg zu finden. Wenn man sagt, dass Menschen, die aus Liebe zum Bergsteigertum klettern, keine Bergsteiger sind, während andere, die dasselbe aus irgendeinem wissenschaftlichen Zweck tun, der ihnen gerade am Herzen liegt, diese Bezeichnung verdienen, so widerspricht das doch allen Gesetzen der Logik.

A.F. MUMMERY

Mummery: »Das Seilwerfen hatten wir vom oberen Rand einer schmalen Mauer aus betrieben, die ungefähr zwei Fuß breit und sechs Fuß über der Scharte gelegen war. Dort hatte sich Burgener aufgestellt, um Venetz, sobald er in seine Nähe kam, mit dem Pickel weiterhelfen zu können, während meine Wenigkeit, in der Scharte stehend, ihm den ersten Teil seiner Kletterei erleichtern sollte. Sobald Venetz aus dem Bereich meiner Hilfe gelangte, lehnte sich Burgener über die Scharte, rammte die Spitze so gut es ging gegen die gegenüberliegende Felswand, wodurch etliche Tritte von recht zweifelhafter Sicherheit geschaffen wurden, auf denen Venetz ausrasten und für jeden weiteren Schritt Kraft schöpfen konnte. Bald war aber auch diese künstliche Hilfeleistung unmöglich und er einzig und allein auf seine fabelhafte Geschicklichkeit angewiesen. Schritt für Schritt erzwang er sich keuchend seinen Weg, seine Hände fingerten über den glatten Fels in der vergeblichen Suche nach nicht vorhandenen Griffen, dass es einem förmlich wehtat zuzusehen. Mit unleugbarer Aufregung folgten Burgener und ich seinen Bewegungen, und mit nicht geringer Erleichterung sahen wir endlich die Finger seiner einen Hand auf der scharf abgehauenen Spitze suchen. Noch einige Sekunden Rast, dann schwang er sich über den vorstehenden Block, während Burgener und ich uns herunten heiser schrien. Als das Seil für mich herunterkam, wollte ich erst hochmütig ohne Hilfe aufsteigen. Zuerst gelang dies auch, dann kam ein Moment etwas zweifelhaften Hängens, dem ein scharfer Ruck folgte, und wie eine Spinne mit den Gliedern aushauend wurde ich auf die Spitze gezerrt, wo ich mit ungestörter Gemütsruhe den verschiedenen höhnischen Bemerkungen meiner Genossen standhielt, die mir vorhielten, dass man sich nicht nur auf Kletterschuhe verlassen dürfe, sondern auch das liebe Seil recht notwendig hätte.« Erst im August 1892 wird Mummerys Weg wiederholt, wobei am Gipfelturm ein anderer Riss als 1881 genommen wird. Einige Tage später brechen Hastings, Collie, Pasteur und Mummery auf, um den Grépon-Gipfel »führerlos« zu erreichen, wobei Mummery die schwierigsten Passagen führt.

M. Dunod hörte in Chamonix, dass ich drei Leitern von je 10 Fuß Länge bei diesem Aufstieg mithatte; ich glaube, es ist nicht nötig zu betonen, dass das nur ein Märchen ist! Jedenfalls war es aber der Grund, dass er selber sich mit drei Leitern von je 12 Fuß Länge beschwerte.

A. F. MUMMERY

Der Mummeryriss an der Aiguille du Grépon

Was mich betrifft, der ich in den Bergen keine Zwecke irgendwelch anderer Art als mich zu erfreuen verfolge, kann ich den großen Grépon-Grat jedem anempfehlen, denn nirgends kann man kühnere Türme, wildere Klüfte oder schreckhaftere Abgründe finden; nirgends eine herrlichere Aussicht auf Berge und Seen, auf nebeldurchwogte Täler und geborstenes Eis.

A.F. MUMMERY

Mummery: »Ich weiß nicht, war es nur das Bewusstsein, dass ich heute führen sollte, jedenfalls erschrak ich über diese ungeheure Steilheit. Mit Ausnahme von zwei Stufen, wo die Felsen leicht zurücktreten, ist die ganze Wand senkrecht, ausgenommen der allererste Teil von sieben oder acht Fuß, der herausgewölbt ist und überhängt. Andererseits erschien mir der Fels viel gefurchter, als ich ihn in Erinnerung hatte, und je länger wir ihn betrachteten, desto mehr Hoffnung auf Erfolg erwachte in uns. Ich kletterte an den Fuß des Risses hinunter, und von dort begann ich über Hastings Schultern das mühsamste Stück Kletterei, das mir je untergekommen ist. Die ersten zwanzig Fuß hat man noch einige Hilfe am Seil, das um einen großen Felszacken in der Nähe des Sattels festgemacht werden kann; weiterhin dient es nur mehr als Zierde, obwohl es den Genossen eine gewisse Genugtuung bereiten mag, einen plötzlichen Sturz vielleicht doch damit aufhalten zu können. Ungefähr in der Hälfte des Weges ist ein ausgezeichneter Tritt, auf dem man verschnaufen kann. Wenn ich ausgezeichnet sage, so ist das wohl nur relativ gemeint im Verhältnis zu den anderen Abschnitten des Risses, nicht vielleicht, dass man dort mittagessen könnte oder auch nur stehen, ohne sich festzuhalten. Vor Jahren war ich an ebendieser Stelle rau aus meinen Betrachtungen aufgestört worden, da mein Fuß von dem Felsvorsprung abglitt und ich frei in der Luft baumelnd hinaufgezogen wurde. Eingedenk dieser Tatsache bemühte ich mich, mit meinen Fingern an allen Unebenheiten, die da oder vielmehr nicht da waren, hängen zu bleiben, bis ich halbwegs wieder Luft hatte, dann ging es weiter. Einstimmig war dieser zweite Teil von allen als der böseste bezeichnet worden. Griffe sind fast keine zu finden, und Tritte für die Füße fehlen vollkommen, man konnte nur auf die gütige Vorsehung vertrauen, die hie und da durch kleine, in den Riss eingeklemmte Steintrümmer von höchst fraglicher Vertrauenswürdigkeit nachhalf. Etwas weiter oben kann man auf die Vorsehung schon eher verzichten, da rechts wirklich ausgezeichnete Griffe sind, obwohl man keuchend und erschöpft noch genug Mühe hat, sein Gewicht nach aufwärts zu treiben. Dann wurden die Stützpunkte zahlreicher, bis man endlich mit Armen und Kopf auf der Grépon-Seite hängt, während die Beine noch mit den letzten Schwierigkeiten der andern Seite kämpfen. Als ich so weit war, brachen meine Freunde unten in ein Triumphgeschrei aus.«

Jeder Berg scheint drei Stadien durchzumachen – ein unmöglicher Gipfel, der schwierigste Berg der Alpen, an easy day for a lady.

A. F. MUMMERY

Der Grépon

Ein Jahr später steigt Mummery noch einmal auf den Grépon. Dieses Mal ist es eine große Partie, die sich der Kletterei stellt. Die mutige Gesellschaft besteht aus Miss Bristow, Hastings, Slingsby, Collie, Brodie und Mummery: »Es wagen sich ja immer mehr und immer schwächere Kletterer an die schwierigen Touren von gestern. Als ob mit der Zeit die Schwierigkeiten verloren gingen.«

Mummery: »Miss Bristow zeigte uns alten Alpine-Club-Mitgliedern, wie man leicht und sicher über steilste Felsen klettert, und während der kurzen Pausen, in denen wir anderen unsere Atemwerkzeuge wieder zur Ruhe brachten, fand sie noch Muße, zu fotografieren … Wir gingen bis zur höchsten Spitze empor, winkten eventuellen Freunden, die uns von der Mer de Glace aus vielleicht beobachteten und beglückwünschten die erste Dame, die je auf diesem wilden Turm gestanden hatte.«

Was vor zehn Jahren noch als unmöglich gegolten hat, ist damit zur »Damentour« geworden!

Trotzdem, wegen der schlechten Eisverhältnisse ist diese Tour eine der schwersten in Mummerys Leben geblieben. Aber das Eis des »Unmöglich« am Grépon ist für alle Zeiten gebrochen, und die Furcht der Kletterer, diese Spitze anzugehen, wird mit jeder weiteren Besteigung schwinden. Bis die Besteigung des Grépon zur »leichten Klettertour« im Bewusstsein der besten Bergsteiger wird. Nicht der Fels, unsere Einstellung dazu ändert sich. Als ob mit der Zeit und mit dem Meistern immer größerer Schwierigkeiten das Unmögliche in unserer Vorstellung eine Veränderung erführe.

Diese beiden Prämissen gelten bis heute: Jede junge Bergsteigergeneration macht mögliche, was die Generationen vorher als unmöglich bezeichnet haben. Das Unmögliche möglich machen treibt die Kletterentwicklung an. Und je öfter ein Weg im Fels wiederholt wird, umso »leichter« wird er, auch wenn sich nichts daran geändert hat. Mit der Steigerung des Kletterkönnens sind im Laufe von 170 Jahren Wände möglich geworden, die einst für die allerbesten Kletterer nicht denkbar waren. Und es wird weitergehen mit dem Auslöschen von Tabus.

DIE ANFÄNGE bis 1881

Felspartie am Liskamm

Die Heimat des Felskletterns

Nicht nur auf den Britischen Inseln, auch im Elbsandsteingebirge und in den Alpen wurde seit Jahrtausenden geklettert. Wie in den Felsen hoch über Karimabad im Hunza-Tal: Weltweit, überall dort, wo Schäfer oder Holzfäller zwischen Felsen ihrer Arbeit nachgehen, wird man dann und wann gezwungen gewesen sein zu klettern. Um den Tieren nachzusteigen, eine Felsspitze zu erreichen oder einen Baum zu fällen, der an exponierter Stelle stand.

Mit dem modernen Alpinismus, einer Bewegung, die in den Alpen mit der Besteigung des Montblanc beginnt, wird auch das Felsklettern zu einer Art Pflichtübung. Viele Aufstiege auf die hohen Alpengipfel sind ja nur über Eisfelder, Schneehänge und kurze Felspassagen zu erreichen. Klettern beginnt also als Mittel zum Zweck. Man musste im Fels klettern können, um hinaufzukommen, also jenes begehrte Ziel zu erreichen, das Erfüllung und Anerkennung verhieß. Mich interessiert hier aber nicht dieses Darüber-hinweg-Klettern, mir geht es ums Felsklettern als Selbstzweck und damit ums Unmögliche. Erst mit dem Klettern um des Kletterns willen schaffen wir uns Herausforderungen anderer Art als die sichtbaren Gipfel, die es zu erreichen gilt. Klettertouren entstehen zuerst in unserem Geist, und die tragende Komponente für die Weiterentwicklung der Kletterkunst war und bleibt das Unmögliche. Zuerst galt es, »unmögliche« Zugänge zu meistern, dann, »unmögliche« Gipfel zu erreichen, später, Kletterstellen zu überwinden, die Vorgänger als unmöglich gemieden haben. Steigerbar ist das Felsklettern nur mit dem Versuch, dort weiterzuklettern, wo andere ihr »Unmöglich« eingestanden, ihre Grenze erkannt haben. Ja, das Felsklettern ist ein faszinierendes Spiel. Schon am Beginn des 19. Jahrhunderts kletterten Briten in Wales, in Schottland und im Lake Distrikt an schwierigen Cliffs. 1826 bereits gelangen John Atkinson of Emmerdale schwierige Felspassagen, und gegen Endes des 19. Jahrhunderts haben Bergsteiger wie Professor Norman Collie, Cecil Slingsby und allen voran Albert Frederick Mummery »daheim« für ihre großen Bergfahrten in den Alpen, in Norwegen oder im Himalaja geübt. Klettern an den heimatlichen Cliffs war also Übung und Selbstzweck, Vergleichsspiel und Training.

Das Unmögliche ist oft das, was noch niemand versucht hat.

J.W. VON GOETHE

Cliffklettern in England

Anders im Elbsandsteingebirge. Als am 19. März 1848 der Kaminkehrergeselle Sebastian Abratzky 18-jährig über eine mehr als 80 Meter hohe Felswand in die Festung Königstein einsteigt, tut er es, um sich einen »billigen« Zugang zu einer Sehenswürdigkeit zu verschaffen. Vielleicht auch aus Übermut. Dabei zeigt er nicht nur eine bewundernswerte Fertigkeit im Kamin- und Rissklettern, sondern die Fähigkeit, sich mit der Problemstellung zu identifizieren. Eine Gabe, die allen guten Kletterern eigen ist.

Unser Schornsteinfeger kennt zwar »Furcht nur dem Namen nach«, klettert bald aber nur weiter, weil er nicht zurück kann. Die Risse sind einmal eng, Abratzky kann sich kaum hindurchwinden, dann weiter, er kann sich kaum noch verkeilen. Ihm ist, als ob er ewig im Spalt stecke. »Wenn ich ausgleite? – Rettungslos bin ich verloren! Ich schaue empor, ob ich bald am Ziele bin. Der Riss windet und krümmt sich, ich kann das Ende nicht erblicken.« Weiter, höher! Der Spalt wird so breit, dass er ihn nicht mehr ausspannen kann. Wie also weiterklettern? »Kalter Schweiß rinnt mir über die Stirn. Ich kann nicht weiter. Ich bin verloren, und aus der Tiefe schaut der Tod zu mir herauf. Jeder Nerv spannt sich.« Zuletzt schwingt er sich an die Außenseite des Risses, klettert, beugt sich vor und schaut, wie er sich retten kann. Der Felsvorsprung vor ihm könnte die Rettung sein. »Ich hatte mich wieder gefasst. Langsam griff ich hinüber; gleich eisernen Klammern gruben sich meine Finger in die Felsenkante. Jetzt fühlte ich, dass die Hände fest ruhten, und zog nun den Körper allmählich nach. So hing ich an der steilen, gegen 400 Fuß hohen Felsenwand da, mich nur auf die Kraft meiner Finger verlassend. Wider Willen zwang es mich, in die Tiefe zu schauen; ich konnte sie nicht mit den Augen ausmessen. In diesem Augenblicke der höchsten Gefahr war ich am besonnensten, ich wusste, dass ich das Letzte wage. Eine Hand der anderen nachgreifend und so mit gebogenen Armen weiterklimmend, gelang es mir, mein Ziel zu erreichen.«

Ob Sie schon einmal einen Schornsteinfeger haben steigen sehen? Wir gebrauchen dabei besonders das Knie, stemmen es gegen die Vorderwand, mit dem Rücken lehnen wir uns fest an die Hinterwand und schieben uns so die Esse hinauf. Die Hände gebrauchen wir dabei weniger, die haben mit dem Besen zu tun. Auf diese Weise stieg ich im Risse in die Höhe.

SEBASTIAN ABRATZKY

Abratzkys Bericht ist ein frühes Zeugnis gewagter Freikletterei und trotz aller Heldentümelei recht ehrlich. Leider bleiben selbstkritische Schilderungen dieser Art bis in unsere Tage die Ausnahme. Nur sie wären es, die unser Tun als selbstverschwenderische Kunst im Höherkommen zwischen Versuch und Scheitern auch für Außenstehende verständlich machen könnten.

Bevor im Elbsandstein die Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Entwicklung des Freikletterns diskutiert wurden, legten »Eroberer« ihre Spuren, denen es um Gipfelbesteigungen, aber nicht um das »Wie« ging. Die Falkenstein-Ersteigung mit Leitern, Holzsprossen und fixen Seilen am 6. März 1864, durchgeführt von Schandauer Turnern, ist sicher nicht die Geburtsstunde des Sächsischen Bergsteigens. Das »Sächsische Bergsteigen« setzt ein, als bewusst »ohne jedes Hilfswerkzeug« geklettert wird.

Parallel dazu wird in England und vor allem in den Alpen ein neuer Zugang zur Bergwelt gesucht. Die bewusste Suche nach immer schwierigeren Wegen im Fels: »führerlos« und »by fair means«, heißt die Parole. In stillschweigender Übereinkunft wird damit die Basis für ein Tun gelegt, das einzigartig bleiben wird.

Ein wichtiger »Schlüssel-Berg« ist die Dent du Géant, ein »Riesenzahn« an der Wasserscheide des Massivs. Zwar nur ein Turm von bescheidener Höhe, aber unnahbar. 1871 starten Edward E. Whitwell und die Bergführer Christian und Ulrich Lauener aus Lauterbrunnen einen ersten Versuch. »Unbegehbar!«, ist ihr Urteil. Dann folgt ein Versuch von Jean Charlet-Straton mit einer italienischen Gruppe. Mithilfe einer Rakete wollen sie ein Seil über den Gipfelgrat der Dent du Géant schießen. Es gelingt nicht. 1880 wagen Mummery und Burgener einen Versuch. Vom Col du Géant erreichen sie die Schneefläche am Fuß der Felsnadel und steigen über die Nordwestwand etwa 50 Meter bis zum Beginn einer Platte auf, die den Weg versperrt. »Absolutely inaccessible by fair means«, urteilt Mummery. Dieses »Mit fairen Methoden absolut unersteigbar« bleibt der Schlüsselsatz der gesamten Kletterentwicklung.

Der ästhetische Wert eines Aufstieges kommt meist dem Grade seiner Schwierigkeit gleich.

A. F. MUMMERY

Dent du Géant

Der Bergführer Johann Grill aus der Ramsau, genannt Kederbacher, bezwingt im September 1874 den damals ebenso als unbesteigbar geltenden Tribulaun. Dann werden im Montblanc-Gebiet neue Herausforderungen gesucht und gefunden: an Felstürmen, die Whympers Generation nicht schaffte. Die Aiguille du Dru zum Beispiel, der Felsobelisk neben der Aiguille Verte, erscheint den Bergsteigern in der Mitte des 19. Jahrhunderts unmöglich. Am 1. September 1878 aber gelingt Kaspar Maurer und dem unverwüstlichen Alexander Burgener mit den Briten Clinton T. Dent und J. W. Hartley die Besteigung des Grand Dru. Jean Charlet-Straton aus Chamonix gelingt zusammen mit Frédéric Folliguet und Prosper Payot ein Jahr später die Besteigung des niedrigeren und sehr schwierigen Petit Dru. Im Abstieg wird dabei an senkrechten Stellen erstmals systematisch eine Abseiltechnik mit Doppelseil verwendet.

Albert Frederick Mummery ist 35 Jahre alt, als er Richtung und Ziel des Kletterns festlegt. Im Gegensatz zum »Eroberer des Matterhorns« Whymper kann er seine Seilschaft auch führen, Erstbegehungen selbstständig planen und zu Ende bringen. Er will vor allem Eigenverantwortung. Seit der Erstbesteigung des Matterhorns und der Aiguille Verte sind nur 15 Jahre vergangen. Doch Mummerys Einstellung zum Bergsteigen ist eine radikal veränderte. Weniger das »Wo« und »Wohin« sind ihm wichtig, ihm geht es ums »Wie«. Sein Ziel ist eine Idee, die sich zur Vision wandelt und Tat wird. Er will keinen wissenschaftlichen oder topografischen Beitrag leisten, auch nicht lehren, sein Alpinismus soll eine Art Spiel sein: Das Spiel mit Möglichkeiten. Das Matterhorn besteigt er über den schwierigen Zmuttgrat, am Montblanc kehrt er um, weil er die lange Schneehatscherei nicht mag: »eine Beschäftigung, die mich an die ›Diszipliniermühle‹ erinnert, in der die englischen Zuchthäusler gezwungen sind, ohne Pause zu arbeiten«. Sein Bergführer, der beste aus dem Wallis, Alexander Burgener, lässt seinen »Kunden« oft »vorgehen«.

Ich gebe natürlich zu, dass die Wissenschaft einen höheren sozialen Wert hat als der Sport, womit aber die Tatsache nicht aus der Welt geschafft werden kann, dass Bergsteigen Sport ist und durch keine wie immer geartete Methode in Geologie oder Botanik oder Topografie umgewandelt werden kann.

A. F. MUMMERY

Pioniere im Montblanc-Granit

Am 5. August 1881 gelingt Mummery, Burgener und Venetz die Erstbesteigung des Grépon. Die Schlüsselstelle ist ein glatter Riss, der etwa 15 Meter hoch ist. Er ist zwar heute unter dem Namen »Mummeryriss« bekannt, aber es ist Venetz, der den Riss als Erster überwindet. Indem er abwechselnd die Hände und den linken Fuß im Riss verklemmt und die Reibung der glatten Platte auf der rechten Seite nützt, zeigt er großes Kletterkönnen.

1892 führt Mummery seine Freunde John N. Collie, Norman Hastings und William C. Slingsby auf den Gipfel des Grépon, wobei er die berüchtigte Schlüsselstelle als Erster klettert. Damit hat sich Mummery endgültig von seinen Führern emanzipiert. Er ist zum Sprecher einer Szene von »führerlosen« Bergsteigern geworden.

Am 18. Juli 1882 erreichen die Führer Maquignaz mit italienischen Bergsteigern Mummerys Umkehrstelle an der Dent du Géant. Sie verzichten auf Mummerys »by fair means«, schlagen Stufen in den Fels, bringen Haken und Seile an. Am 28. Juli erreichen sie den Gipfel, am folgenden Morgen stehen vier Herren Sella auf der Spitze, und wenige Jahre später wird ihre Route auf die Dent du Géant mit Hanfseilen abgesichert, sodass bei gutem Wetter jeder Sonntagsbergsteiger hinaufkann. Den »Führerlosen« aber gefällt dies gar nicht. Die Auseinandersetzung zu »Alpinismus oder Tourismus«, um die Werte im Reich »über den Wolken« hat begonnen.