Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Wie lebt ein Christ, der ledig ist? Und darf er homoerotische Gefühle haben, die er dann auch noch nicht auslebt? Ed Shaw ist Pastor und tut genau das. Was ihn auf den ersten Blick als frommen Sonderling erscheinen lässt, schlägt in Wahrheit die Schneise zu einer Revolution in der christlichen Gemeinde: Mehr Intimität und Vertrautheit wagen. Ed Shaw zeigt, wie Intimität und Vertrautheit zum Ferment einer Kirche werden kann, in der Menschen ein Zuhause finden können bei Gott, bei sich selbst und beieinander. Dabei sind Intimität und Keuschheit Schlüsselworte, die nicht gegeneinander, sondern beieinander stehen und die einen Raum öffnen, in dem heilende Beziehungen gelebt werden können. Dieses Buch hat das Zeug, gängige Vorstellungen christlicher Gemeinden über ein geheiligtes Leben umzupflügen. Dabei formuliert der Autor Fragen und Gedanken, die den liberalen und den evangelikalen Gemeinden gleichzeitig den Atem stocken lassen: Was, wenn wir unsere erste Aufmerksamkeit nicht unseren Gefühlen, unserem Glück oder unserer Tradition zukommen lassen, sondern dem lebendigen Gott? Theologisch klug und biografisch authentisch führt das Buch seine Leser in eine heilige Unruhe und zur Sehnsucht, mehr Intimität und Vertrautheit zu wagen und die "distanzierte Freundlichkeit in den Gemeinden" aufzubrechen. Eine ganz neue Sichtweise, die verblüfft.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 192
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Ed Shaw Vertrautheit wagen!
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
Die Bibelstellen wurden folgenden Übersetzungen entnommen:
Übersetzer: Rainer Behrens, Kreuzlingen
© der englischen Ausgabe «The Plausibility Problem» 2015 by Ed Shaw
Published by arrangement with Inter-Varsity Press, Nottingham, England. All rights reserved.
© 2018 Fontis-Verlag, Basel
Umschlag: Spoon Design, Olaf Johannson, Langgöns Umschlagbild: Curly Pat / shutterstock.com Foto des Autors: © by Ed Shaw E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg
ISBN (EPUB) 978-3-03848-500-1 ISBN (MOBI) 978-3-03848-501-8
www.fontis-verlag.com
Vorwort zur deutschen Ausgabe
Zum Einstieg
Kapitel 1: Das Plausibilitätsproblem
Kapitel 2: Das Plausibilitätsproblem und ich
Kapitel 3: Die erste Fehlannahme:
«Deine Identität ist deine Sexualität»
Kapitel 4: Die zweite Fehlannahme:
«Eine Familie ist Mutter, Vater und zwei Komma vier Kinder»
Kapitel 5: Die dritte Fehlannahme:
«Wenn du schwul geboren wurdest, kann es nicht falsch sein, schwul zu sein»
Kapitel 6: Die vierte Fehlannahme:
«Wenn es dich glücklich macht, muss es richtig sein»
Kapitel 7: Die fünfte Fehlannahme:
«Echte Intimität findet man nur im Sex»
Kapitel 8: Die sechste Fehlannahme:
«Männer und Frauen sind gleich und austauschbar»
Kapitel 9: Die siebte Fehlannahme:
«Gottgefälligkeit ist Heterosexualität»
Kapitel 10: Die achte Fehlannahme:
«Der Zölibat tut dir nicht gut – und muss vermieden werden!»
Kapitel 11: Die neunte Fehlannahme:
«Leiden sind weiträumig zu umgehen – es geht nur um Glück!»
Kapitel 12: Fazit:
Eine Plausibilitätsstruktur wird erkennbar
Empfohlene Literatur
Anmerkungen
Wie lebt ein Christ, der ledig ist? Und darf er homoerotische Gefühle haben, die er dann auch noch nicht auslebt?
Ed Shaw ist Pastor und tut genau das. Was ihn auf den ersten Blick als frommen Sonderling erscheinen lässt, schlägt in Wahrheit die Schneise zu einer Revolution in der christlichen Gemeinde: Mehr Intimität wagen.
Ed Shaw zeigt, wie Intimität zum Ferment einer Kirche werden kann, in der Menschen ein Zuhause finden können bei Gott, bei sich selbst und beieinander. Dabei sind Intimität und Keuschheit Schlüsselworte, die nicht gegeneinander, sondern beieinander stehen, und die einen Raum öffnen, in dem heilende Beziehungen gelebt werden können.
Dieses Buch hat das Zeug, gängige Vorstellungen christlicher Gemeinden über ein geheiligtes Leben umzupflügen. Dabei formuliert der Autor Fragen und Gedanken, die den liberalen wie auch den evangelikalen Gemeinden gleichzeitig den Atem stocken lassen: Was, wenn wir unsere erste Aufmerksamkeit nicht unseren Gefühlen, unserem Glück oder unserer Tradition zukommen lassen, sondern dem lebendigen Gott?
Theologisch klug und biografisch authentisch führt das Buch seine Leser in eine heilige Unruhe. Und zur Sehnsucht, mehr Intimität zu wagen und die «distanzierte Freundlichkeit in den Gemeinden» aufzubrechen. Eine ganz neue Sichtweise, die verblüfft.
Dr. Dominik Klenk, CEO Fontis-Verlag
Dieses Buch dreht sich vordergründig um das Thema Homosexualität. Der Titel und die Lebensrealität des Autors weisen jedoch bereits darauf hin, dass das Thema aus einer speziellen Perspektive betrachtet wird: aus der Perspektive eines homosexuell empfindenden Pastors, der sexuell enthaltsam lebt. Ed Shaw ist der Meinung, dass sein zölibatärer Lebensstil heute weithin auf Unverständnis stößt, weil unsere Gesellschaft insgesamt – und zunehmend auch Christen jeglicher Couleur – den Verzicht auf ausgelebte homosexuelle Beziehungen nicht mehr für plausibel halten.
Das ist jedoch nicht das Einzige, was an diesem Buch speziell ist. Die zweite Spezialität besteht in dem, was Ed Shaw für sich als homosexuell empfindender Mensch als die größte Hilfe für einen zölibatären Lebensstil ansieht: nämlich eine christliche Gemeinde, die in so starken familiären Strukturen lebt, dass ihm sein zölibatäres Leben dadurch viel leichter fällt.
Er hat u. a. zwölf Patenkinder in seinem Freundeskreis und pflegt so viele Freundschaften und ganz persönliche Begegnungen zu den Menschen und Familien in seiner Gemeinde, dass er zu dem Schluss kommt: Das Fehlen dieser Art von echter familiärer christlicher Gemeinde ist eines der Haupthindernisse, dass sich nicht mehr Menschen mit homosexueller Orientierung für einen zölibatären Lebensstil entscheiden.
Als Pastoren haben wir beide bereits über das Thema Homosexualität gepredigt. Pauls Predigt ist zu finden unter: https://livestream.com/Chrischona-Frauenfeld/GD/videos/108957222. Rainers Predigt findet sich hier: https://chrischona-kreuzlingen.ch/wpcontent/uploads/2017/04/RBHomosexualitaet.pdf.
Als Ergänzung seiner Predigt hat Rainer ein Kapitel aus dem Buch von Richard B. Hays übersetzt. In The Moral Vision of the New Testament hat Hays in Kapitel 16 eine hervorragende biblisch-theologische Reflexion zum Thema Homosexualität vorgelegt. Die Übersetzung findet sich unter: https://chrischona-kreuzlingen.ch/wp-content/uploads/2016/10/MV16.pdf.1
Das Buch von Ed Shaw scheint uns eine gute Ergänzung zu vielen Predigten und anderen theologischen Abhandlungen zu sein, in denen die konkreten Fragen des Lebens als homosexuell empfindender Mensch oft und gerne ausgespart werden. Ed Shaw liefert mit seinem ganzen Leben nicht nur eine theoretische Argumentation, sondern eben eine real gelebte Alternative, die in unserer Gesellschaft immer seltener zu werden scheint. Diese Alternative ist sicher für gewisse Leute «anstößig» oder zumindest sehr herausfordernd, aber gerade deshalb ist sie es wert, sich mit ihr auseinanderzusetzen.
Der eigentliche Grund, warum wir dieses Buch veröffentlicht sehen wollten, hat aber – Überraschung! – gar nichts mit dem Thema Homosexualität zu tun. Der eigentliche Grund liegt darin, dass Shaw seinen Lebensstil als Ausdruck einer ganz hart errungenen Kreuzes-Nachfolge auffasst.
Mit anderen Worten: Es geht eigentlich um das Thema, inwiefern wir alle bereit sind, als Nachfolger Jesu an denjenigen Punkten Leiden, Mühen und Nöte auf uns zu nehmen, an denen wir in Lebensumständen stecken, die eben nicht ideal sind. Vielleicht bin ich in meiner Ehe alles andere als glücklich. Vielleicht bleibt eine Krankheit trotz allen Betens und trotz meiner Nachfolge wider alle Hoffnung in meinem Leben präsent. Vielleicht bleibe ich in meiner Verwandtschaft die einzige an Christus gläubige Person und werde als Outsider wahrgenommen.
In all diesen Situationen stellt sich mir dieselbe Grundfrage, die Ed Shaw sich stellt: Was heißt es, in der Kreuzes-Nachfolge von Jesus Christus zu leben? Das Lesen dieses Buches ist also anspruchsvoll auf mindestens zwei Ebenen:
Es verlangt, einmal einem homosexuell empfindenden Christen zuzuhören, der sich für einen zölibatären Lebensstil entschieden hat, welchen viele heute nicht mehr als plausibel empfinden. Shaw erregt Anstoß, weil er deutlich gegen den kulturellen Mainstream lebt.
Das Lesen dieses Buches verlangt aber auch, sich vom Thema Homosexualität völlig zu lösen und sich zu fragen: Welches sind Umstände oder Prägungen in meinem eigenen Leben, in denen für mich das Jesus-Wort höchst relevant sein sollte: «Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach» (Markus 8,34)? Das Buch macht also an einem einzigen Thema etwas ganz konkret im Leben deutlich, das Michael Gorman und andere Autoren cruciformity nennen, also ein Leben, in dem die Gestalt des Kreuzes sichtbar wird, ein Leben in echter Kreuzes-Nachfolge.2
Vielen wird das Buch von Ed Shaw bzw. sein ganzer Lebensstil ziemlich krass vorkommen. Denn trotz aller schönen Erfahrungen in seiner familiären Gemeinde bringt Shaws Leben eben auch Leiden in der Nachfolge des Gekreuzigten und Auferstandenen mit sich. Da wir beide ebenfalls noch meilenweit von einem vertieften Leben in der Kreuzes-Nachfolge entfernt und uns zutiefst bewusst sind, wie stark auch wir von der allgemeinen Wohlstandsgesellschaft mit ihren zahlreichen Glücksversprechen im Konsum etc. geprägt sind, ist das Buch auch für unser Leben eine ziemliche Herausforderung. Wir haben es in der Hoffnung zur Veröffentlichung empfohlen, es möge durchaus Anstoß erregen – den Anstoß, über die Sache der Kreuzes-Nachfolge vertieft nachzudenken und im Ringen um diese Sache die Stimme Gottes für unser Leben zu hören.
Paul Bruderer und Rainer Behrens
Ich möchte dir den 17-jährigen Peter vorstellen. Er ist mit Begeisterung Christ und mit Enthusiasmus bei der Jugendgruppe seiner Gemeinde dabei. Er ist der älteste Sohn eines Diakons und koordiniert die Kids-Church. Er spielt E-Gitarre in der Lobpreisband, leitet eine christliche Gruppe an seiner Schule, zeigt gute schulische Leistungen und ist in der Region als ehrgeiziger Schwimmer bekannt, der zunehmend gute Erfolgsaussichten hat. Er ist ein christlicher junger Mann mit hoher Einsatzbereitschaft, der die Leute überzeugt, dass die Kirche vielleicht doch noch eine Zukunft hat.
Doch seit dem Beginn seiner Pubertät fühlt sich Peter zu anderen Männern hingezogen. Er hoffte, es sei nur eine Phase, doch die Anziehung ist geblieben – trotz seiner Gebete und trotz größter Anstrengungen, auf Mädchen zu stehen. Er ist zu einem Experten darin geworden, Heterosexualität vorzutäuschen. In der Jugendgruppe ringt er allerdings darum, die Aufmerksamkeit einiger Mädchen von sich abzulenken und gleichzeitig nicht zu viel eigene Aufmerksamkeit auf andere junge Männer zu richten.
Die Jugendgruppe ist stolz darauf, gut in der Bibel unterrichtet zu werden. Ihre Leiter nehmen also ihre Verantwortung sehr ernst, insbesondere wenn es darum geht, die traditionelle kirchliche Lehre zu Sex und Beziehungen zu erläutern. Man hat Peter wiederholt gesagt, dass Sex in die Ehe eines Mannes mit einer Frau gehört.
Bis dahin muss er der Versuchung widerstehen, sexuell aktiv zu sein, sowohl in Gedanken als auch ganz praktisch. So hat man ihm beispielsweise gesagt, was er machen soll, wenn er sich von einer Frau sexuell angezogen fühlt. Dass es nicht falsch ist, Schönheit wahrzunehmen, dass der zweite Blick und als Nächstes das mentale Entkleiden aber gefährlich sein können.
Sein Problem ist jedoch, dass Männer eine Anziehungskraft auf ihn ausüben. Daher hat er das Gefühl, dass schon der erste Blick oder die erste Anziehung falsch ist. Er ist von der Schuld gelähmt, welche durch die Gefühle hervorgerufen wird, wenn er dem jungen Mann, auf den er steht, bei einer Jugendfreizeit im Schlafsaal beim Ausziehen zusieht. Denn das Einzige, was er über Homosexualität gehört hat, ist, dass sie falsch ist – eine verbotene Zone für einen begeisterten Christen wie ihn.
Sein Wunsch nach Sex ist allerdings riesig. Er wächst in einer Kultur auf, die so stark sexualisiert ist wie keine andere seit vorchristlichen Zeiten. Das ganze Teenagerleben dreht sich um Sex – jedenfalls wenn man den Zeitschriften glaubt, die er liest; den Fernsehshows, die er guckt; den Gesprächen, die in der Umkleidekabine geführt werden. Beim Thema Sex zeigt sich, ob man erwachsen geworden ist. Sex macht dich zum echten Kerl.
Sogar in seiner Jugendgruppe wird das Thema so hochgepusht, als sei es die wunderbarste, das Leben komplett verändernde Erfahrung.
Vor kurzem wurde ein junges Ehepaar auf der Bühne interviewt. Sie erzählten, wie dankbar sie seien, dass sie mit dem Sex bis zur Ehe gewartet hätten. Im Anschluss sprach der Ehemann in einer Runde nur mit den männlichen Zuhörern. Er sagte, dass Sex die beste Erfahrung sei, die er je hatte – Gott sei so gut, dass er so etwas Genussvolles geschaffen habe. Auch für sie würde es so toll sein – wenn sie den Sex für die Ehe aufsparten.
Peter wird von alldem allerdings nichts erleben, wenn er sich an das hält, was ihm gesagt wird, wenn er also im Licht der Lehre der Bibel lebt. Und das scheint für den 17-jährigen Peter (gelinde gesagt) unsinnig zu sein. Sex ist überall. Sein Verlangen danach ist überwältigend. Und seine Kirche sagt Nein dazu – für immer.
Gleichzeitig sagen ihm die Zeitschriften und Fernsehshows – wenn auch noch nicht die Gespräche im Umkleideraum –, dass er tun soll, was seine Gefühle ihm sagen. In seiner Lieblingsserie im Fernsehen spielt ein Schwuler mit, auf den er einerseits steht. Andererseits würde er gerne sein wie dieser Mann – sich seiner Sexualität überhaupt nicht schämen und eine Menge Sex haben.
Einige heimliche Suchanfragen bei Google haben ergeben, dass es Christen gibt, die denken, dass dauerhafte, stabile und treue schwule Beziehungen in Gottes Augen richtig sind. Vielleicht könnte er letztlich doch noch den Sex bekommen, den er will, und trotzdem ein Christ bleiben. Er ist scharf auf beides.
Jetzt möchte ich dir Jane vorstellen. Sie ist Ende dreißig. Sie hat eine Reihe von katastrophalen Beziehungen zu Männern hinter sich – unter anderem eine kurze Ehe, die nach seinem Ehebruch zu Ende ging. Kurz danach wurde sie Christin und hat sich voll in das Gemeindeleben gestürzt. Sie macht beim Kaffeedienst mit, im Begrüßungsteam und koordiniert die Suppenküche der Kirche für die Obdachlosen. Im Weihnachtsgottesdienst des vergangenen Jahres hat sie ihr Zeugnis als Frau gegeben, deren Leben von Jesus völlig umgekrempelt wurde. Sie gehört zu den wenigen Erfolgsgeschichten, welche ihre Kirche in letzter Zeit erlebt hat.
Neben ihrer Gemeindefamilie war in den letzten Jahren allerdings auch eine enge Freundschaft zu einer nichtchristlichen Arbeitskollegin eine ihrer Hauptstützen. Zu Janes großer Überraschung hat sich diese Beziehung kürzlich in eine sexuelle entwickelt. Alle haben mitbekommen, dass sie viel glücklicher geworden ist – ihre Kleingruppe preist Gott, dass er ihre Gebete für sie erhört hat (die Gruppe weiß jedoch nichts von der Ursache ihres Glücks).
Janes Gemeinde ist gegenüber der in der Gesellschaft kürzlich erfolgten Einführung der «Ehe für Homosexuelle» klar in Opposition getreten. Die Petition «Koalition für die Ehe» wurde weit verbreitet. Jane war nicht klar, dass gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehungen schon früher falsch waren. Also ging sie recht bald zum Pastor und fragte um Rat – für eine «christliche Freundin», die vor Kurzem eine sexuelle Beziehung zu ihrer gleichgeschlechtlichen Kollegin angefangen habe.
Der Pastor sagte klar und deutlich, dass ein Ruf zur Umkehr nötig sei – und dass sie sich von ihrer christlichen Freundin trennen müsse, wenn diese ihr Verhalten nicht bald ändere.
Jane ist am Boden zerstört. Ihr größter Wunsch im Leben ist es, mit einem Menschen zusammenzuleben, den sie liebt und von dem sie geliebt wird.
Als sie das Haus des Pastors verlässt, sieht sie seine Frau mit ihren kleinen Kindern in der Küche Kuchen backen. Sie sehnt sich danach, so ein Familienleben zu haben. Sie hatte immer Kinder gewollt, und sie liebte es so sehr, eine Rolle im Leben der Kinder ihrer Freundin zu spielen, die diese aus einer früheren Beziehung hat. Was sie sich so oft erträumt hatte, war endlich in Erfüllung gegangen.
Doch wenn sie tut, was ihr gesagt wurde, wird sie die Verbindung zu ihrer Freundin am nächsten Tag beenden. Das wäre das Ende der besten Beziehung zu einem Menschen, die sie je hatte. Und genau das scheint völlig unsinnig zu sein. Es scheint so unsinnig, dass ihr Pastor ihr das verwehren sollte, was er selbst hat. Es scheint so unsinnig, dass ausgerechnet er sagt, etwas sei falsch, das sich so richtig anfühlt.
Sie weiß, was ihre Freundin sagen wird. Sie hat Janes «religiöse Seite» sehr respektiert, wird ihr nun aber sagen, sie solle ignorieren, was der Pastor sagt. Und hinter ihrem Einspruch wird kraftvoll alles stehen, was sie zu bieten hat: ein gemeinsames Zuhause, ein Familienleben, ein Ende der Einsamkeit, die physische Zuneigung, die Jane so sehr braucht.
Ohne ihre Freundin wird Jane wieder in ihrer Einzimmer-Wohnung sein. Zurück zu unregelmäßigen und schmerzhaften Besuchen bei Familien zum Mittagessen an manchen Sonntagen; zurück im Leben als Single; zurück zur Freude auf die Umarmung nach dem Friedensgruß im Gottesdienst, weil das die einzige physische Berührung ist, die sie dort je erlebt.
Die Peters und Janes in unseren Gemeinden sind die Ursache, dass viele Christen ihre Zuversicht in die Lehre der Bibel zu Sex und Ehe verlieren. Konkrete Menschen wie Peter und Jane führen eine zunehmende Zahl von Christen in die Versuchung, in Sachen Homosexualität «liberal» zu werden. Vielleicht gehörst du dazu. Wie kannst du Peter in die Augen sehen und ihm für immer Sex verwehren? Wie können wir von Jane verlangen, der einzigen menschlichen Beziehung, die ihr Freude bereitet hat, den Rücken zu kehren? Es wird für beide schlicht nicht plausibel sein. Und auch für uns selbst hört sich das nicht sehr sinnvoll an.
Bei dem, was sie durchmachen, ist weder ihnen noch uns die christliche Standardreaktion eine große Hilfe. Wir haben im Grunde den Slogan des Antidrogensongs aus den 1980er Jahren übernommen: «Sag einfach Nein!» Das ist oft alles, was wir zu sagen haben – verschärft durch die Auflistung einiger Bibeltexte als Beweise, falls jemand Einspruch erhebt:
Ein Mann darf nicht mit einem anderen Mann schlafen, denn das verabscheue ich.
3. Mose 18,22; Hfa
Wenn ein Mann mit einem anderen Mann schläft, ist dies eine abscheuliche Tat. Beide sollen mit dem Tod bestraft werden, ihre Schuld fällt auf sie zurück.
3. Mose 20,13; Hfa
Weil die Menschen Gottes Wahrheit mit Füßen traten, gab Gott sie ihren Leidenschaften preis, durch die sie sich selbst entehren: Die Frauen haben die natürliche Sexualität aufgegeben und gehen gleichgeschlechtliche Beziehungen ein. Ebenso haben die Männer die natürliche Beziehung zur Frau mit einer unnatürlichen vertauscht: Männer treiben es mit Männern, ohne sich dafür zu schämen, und lassen ihrer Lust freien Lauf. So erfahren sie die gerechte Strafe für ihren Götzendienst am eigenen Leib.
Römer 1,26–27; Hfa
Ist euch denn nicht klar, dass für Menschen, die Unrecht tun, in Gottes Reich kein Platz sein wird? Täuscht euch nicht: Wer sexuell unmoralisch lebt, Götzen anbetet, die Ehe bricht, wer sich von seinen Begierden treiben lässt und homosexuell verkehrt, wird nicht in Gottes Reich kommen; auch kein Dieb, kein Habgieriger, kein Trinker, kein Verleumder oder Räuber.
1. Korinther 6,9–10; Hfa
Aber für wen ist denn das Gesetz bestimmt? Doch nicht für Menschen, die nach Gottes Willen leben, sondern für solche, die gegen das Recht verstoßen und sich gegen Gott und seine Gebote auflehnen: Es gilt für Menschen, die von Gott nichts wissen wollen und Schuld auf sich laden, für Niederträchtige und Gewissenlose, für Leute, die ihren Vater und ihre Mutter oder einen anderen Menschen töten, sexuell unmoralisch leben, homosexuell verkehren, für Menschenhändler, für solche, die lügen und Meineide schwören oder in irgendeiner anderen Weise gegen die unverfälschte Lehre unseres Glaubens verstoßen. So lehrt es die rettende Botschaft, die der vollkommene Gott mir anvertraut hat und die seine Herrlichkeit zeigt.
1. Timotheus 1,9–11; Hfa
Das mag früher überzeugt haben. Es war für die meisten eine plausible Argumentation. Ein Christ zu sein hat immer bedeutet, an der Wahrheit der «göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift, wie sie ursprünglich gegeben worden ist, und an ihrer höchsten Autorität in allen Fragen des Glaubens und Lebens» festzuhalten.3 Wenn es um homosexuelle Praxis geht, sind jene Schriften ziemlich klar. Christen mögen Klarheit, und die oben genannten Verse waren für viele Menschen über Jahre hinweg mehr als klar.
Das ist allerdings nicht mehr der Fall. Die Lage hat sich geändert. Auch wenn ältere Generationen von Christen der traditionellen Lehre der Kirche verpflichtet bleiben mögen, so wenden sich doch jüngere Generationen in Scharen von dieser Lehre ab. Ich habe mit zahllosen 40- bis 60-jährigen Pastoren gesprochen, die an dem festhalten, was die Kirche immer gelehrt hat – doch fast alle haben gesagt, ihre Kinder würden in dieser Sache nicht an den Punkt gelangen, von dem sie herkommen.
Vielleicht gehörst du selbst zu dieser jüngeren Generation. Eine Generation, die ihre Einstellung zur Homosexualität heute nicht deshalb ändert, weil sie plötzlich ihre Meinung zum kulturellen Kontext des 3. Buches Mose korrigiert hätte – oder zur Bedeutung des Wortes «unnatürlich» in Römer 1 oder zur Art der homosexuellen Praxis in Korinth oder zur Übersetzung der griechischen Wörter im 1. Timotheusbrief. Sie ändert ihre Einstellung, weil ihnen das, was diese Texte fordern, einfach nicht mehr plausibel erscheint. Nicht die Theologie, sondern Menschen scheinen die Antriebskraft hinter der Ablehnung der traditionellen christlichen Ethik zu sein. Es sind Peter und Jane – und andere wie sie –, nicht hebräische und griechische Wörter.
Es mag wohl sein, dass viele von uns diese veränderte Lage nicht mögen – aber sie ist die Wirklichkeit, der wir begegnen. Hör dich um, und du wirst oft auf diese Wirklichkeit stoßen. Ich höre jedenfalls ständig von Christen, die sich von Menschen gleichen Geschlechts angezogen fühlen und die denken: Was die Bibel fordert, ist in der heutigen Welt einfach nicht machbar. Erst nachdem sie zu diesem Schluss gekommen sind, finden sie die Bücher, Predigten und Theologen, die ihnen erlauben, das abzulehnen, was die Bibel lehrt.
Ihre Freunde, Familien und Gemeinden neigen dazu, kurz danach denselben Pfad zu betreten – einfach aus Liebe für die Betroffenen und aus Sorge um sie. Die eigentlichen Dinge haben sich in den letzten Jahren im Bereich der praktischen Plausibilität geändert, nicht im Bereich der Bibelexegese. Das ist der Grund, warum sich die Lage so schnell verändert – ob uns das gefällt oder nicht.
Was wird mit Peter und Jane passieren (wenn wir ihnen nicht größere Hilfe anbieten)? Nach meinem besten Wissen und Gewissen Folgendes:
Peter wird an eine Universität gehen und in eine Welt eintauchen, in der es ganz einfach ist, sich positiv darauf einzulassen, dass er sich von Männern angezogen fühlt. Eine Freundschaft zu einem Mann wird sich in etwas anderes entwickeln – eine feste Beziehung.
Seine christlichen Freunde werden nicht wissen, was sie sagen sollen.
Der Verantwortliche für die Studentenarbeit in der «bibeltreuen» Gemeinde, zu der ihn sein Jugendleiter geschickt hat, wird vielleicht etwas sagen.
Aber Peter kann ganz einfach die Gemeinde wechseln und eine christliche Gemeinde finden, die ein Auge zudrückt oder seine Beziehung bejaht.
Die Gleichaltrigen aus seiner Jugendgruppe werden Schwierigkeiten haben, das Problem überhaupt zu erkennen. Sie werden Peters Freund kennen lernen und sehen, wie glücklich Peter ist. Dann werden sie ihre Meinung ändern – eine Reaktion, die bald seine ganze Heimatgemeinde durchziehen wird.
Jane wird bald aufhören, zu ihrer Gemeinde zu gehen. Man hat von ihr verlangt, zu viel aufzugeben. Sie wird zu ihrer Freundin ziehen, und ihr Name wird schnell von den Dienstplänen der Gemeinde verschwinden.
Wenn in ihrer Kleingruppe ihr Name fällt, wird eine peinliche Stille entstehen, aber außerhalb der Gruppentreffen wird eine Anzahl von Leuten zu dem Schluss kommen, dass es toll ist, sie jetzt so glücklich zu erleben; diese Leute werden bestürzt sein, wenn sie hören, wie die Gemeinde Jane behandelt hat. Wenn sie Jane und ihre Freundin mit den Kindern zufällig im Park treffen, werden viele überzeugt sein, dass das, was Jane jetzt hat, von der Gemeinde nie hätte verurteilt werden sollen. Vielmehr hätte Jane ermutigt oder gar gesegnet werden sollen. Schau nur, wie sehr sie sich lieben!
Das ist das plausibelste Ergebnis, oder? Das ist es, was ihnen mit großer Sicherheit passieren wird. Und es fällt uns schwer, ihnen Vorwürfe zu machen. Es hört sich heute völlig unplausibel an, wenn man von ihnen verlangt, diesen gleichgeschlechtlichen Beziehungen den Rücken zu kehren und sich auf ein ganzes Leben als Single einzulassen.
Die Grundbotschaft der christlichen Gemeinden an sie lautet: «Sag unbedingt Nein!» Doch diese Botschaft hat einfach keine echte Glaubwürdigkeit mehr. Vielen von uns ist es schon peinlich, überhaupt so etwas von ihnen zu verlangen. Es hört sich geradezu ungesund an.
Diese Forderung hat in der heutigen Welt keinerlei Zugkraft. Sie ruft in der Mehrheit der Gesellschaft einfach nur ungläubiges Staunen hervor. Melinda Selmys (eine Katholikin, die sich zu Frauen hingezogen fühlt) drückt dies sehr gut aus:
