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Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. »Guten Morgen, Frau Waack«, begrüßte Wendy, Dr. Nordens Sprechstundenhilfe, die Patientin, die die erste an diesem Nachmittag war. Ein bißchen blaß sieht sie ja immer noch aus, dachte sie bei sich. Margit grüßte freundlich zurück, und bevor sie im Wartezimmer Platz nehmen konnte, kam schon Dr. Norden und bat sie ins Sprechzimmer. Auch er stellte fest, daß Margit reichlich blaß wirkte. Aber war das ein Wunder bei all den Aufregungen der letzten Monate? »Wo fehlt es denn, Frau Waack?« »Mir ist oft so schwindelig«, antwortete sie, »und so matt, und dabei habe ich nun doch wirklich keinen Grund mehr, mich elend zu fühlen.« Dr. Norden maß den Blutdruck und nickte ihr dann beruhigend zu. »Viel zu niedrig. Da ist es kein Wunder, wenn Sie sich matt fühlen. Ich gebe Ihnen Tropfen mit, die werden helfen. Übrigens ist meine Frau heute in der Leitner-Klinik, um Cindy zu besuchen.« »Da wird sie sich aber freuen«, sagte Margit, nun schon etwas munterer. »Es ist ja alles gutgegangen, wie mir Dr.
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Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2021
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»Guten Morgen, Frau Waack«, begrüßte Wendy, Dr. Nordens Sprechstundenhilfe, die Patientin, die die erste an diesem Nachmittag war. Ein bißchen blaß sieht sie ja immer noch aus, dachte sie bei sich.
Margit grüßte freundlich zurück, und bevor sie im Wartezimmer Platz nehmen konnte, kam schon Dr. Norden und bat sie ins Sprechzimmer.
Auch er stellte fest, daß Margit reichlich blaß wirkte. Aber war das ein Wunder bei all den Aufregungen der letzten Monate?
»Wo fehlt es denn, Frau Waack?«
»Mir ist oft so schwindelig«, antwortete sie, »und so matt, und dabei habe ich nun doch wirklich keinen Grund mehr, mich elend zu fühlen.«
Dr. Norden maß den Blutdruck und nickte ihr dann beruhigend zu. »Viel zu niedrig. Da ist es kein Wunder, wenn Sie sich matt fühlen. Ich gebe Ihnen Tropfen mit, die werden helfen. Übrigens ist meine Frau heute in der Leitner-Klinik, um Cindy zu besuchen.«
»Da wird sie sich aber freuen«, sagte Margit, nun schon etwas munterer.
»Es ist ja alles gutgegangen, wie mir Dr. Leitner erzählte, das ist doch sehr schön.«
»Ich bin auch sehr dankbar, und ich freue mich jetzt richtig auf die Aufgabe mit den Kleinen. Sie sollen es guthaben, und Cindy soll in aller Ruhe ihr Studium beenden, damit sie für später eine Grundlage hat.«
»Sie ist noch jung, Frau Waack. Sicher wird sie irgendwann wieder einen Partner finden.«
»Wer nimmt denn schon eine Frau mit zwei Kindern?«
»Das hat es schon öfter gegeben. Wenn Liebe da ist, werden auch die Kinder geliebt.«
»Wir werden es auf uns zukommen lassen.«
»Das ist eine gesunde Einstellung.«
Zur gleichen Zeit saß Fee Norden tatsächlich an Cindys Bett. »Es sind entzückende Kinder, Cindy«, sagte Fee ermunternd. Für Zwillinge ganz schön kräftig. Wie sollen sie denn heißen?«
»Michael und Felix«, sagte Cindy leise. »Michael nach seinem Vater und Felix nach Ihnen. Weil Sie mir so sehr geholfen haben, Frau Dr. Norden.«
Fee drückte ihre Hand. »Das habe ich doch gern getan, Cindy«, sagte sie warm, »und Sie waren so tapfer. Sie werden es schon packen. Ihre Mutter steht voll hinter Ihnen.«
»Ja, darüber bin ich auch sehr froh. Ich fühle mich nicht alleingelassen.«
»Das sind Sie auch nicht.« Fee dachte daran, wie entsetzt Margit Waack gewesen war, als sie erfahren hatte, daß Cindy schwanger war. Seit Jahren war Margit Witwe, wenn auch sehr gut situiert, und hatte nur für ihre Tochter gelebt. Cindy war sehr begabt und studierte Kunstgeschichte, um einmal in den Verlag ihres Onkels einzusteigen. Diese Karriere hatte Margit in Frage gestellt gesehen. Denn Cindy hatte heiraten und nur für ihre Familie dasein wollen. Dann hatte das Schicksal grausam zugeschlagen, denn Michael Albrecht, der seine Cindy über alles geliebt hatte, war tödlich verunglückt. Margit war bei Dr. Norden gewesen und so verzweifelt, daß sie ihn um Hilfe gebeten hatte. Dr. Norden hatte geahnt, was sie gemeint hatte und ihr energisch ins Gewissen geredet. Davon hatte Cindy zum Glück nichts erfahren. Fee hatte sich eingeschaltet und sich sowohl um Margit als auch um Cindy gekümmert.
»Mami ist ganz narrisch mit den beiden«, sagte Cindy in Fees Gedanken hinein. »Sie hat die ganze Ausstattung besorgt und einen ganz neuartigen Zwillingswagen.«
Tränen liefen jetzt über die Wangen der jungen Mutter.
»Wenn Michael das noch erleben dürfte!«
Fee hielt immer noch Cindys Hand.
»Sie müssen weiter tapfer sein. Ihre Kinder brauchen Sie! Sie sind ein Vermächtnis. Michael würde es nicht wollen, daß Sie weinen.«
»Nein, bestimmt nicht, er war ein so fröhlicher Mensch.«
»Wir wissen nicht, warum uns ein schweres Schicksal auferlegt wird«, erwiderte Fee. »Wir wissen nur, daß wir es annehmen und tragen müssen.«
»Ja, ich weiß, Frau Norden, ich werde mich Michaels würdig erweisen.«
Davon war Fee überzeugt. Und sie mußte daran denken, wie viele dramatische Schicksale sie bei den Patienten ihres Mannes und auch hier in der Leitner-Klinik schon miterlebt hatte. Sie wollte Cindy nicht erzählen, wie oft sie getröstet und versucht hatte, verzweifelten Müttern oder elternlosen Babys zu helfen. Und Fee ahnte nicht, daß schon wieder ein dramatisches Ereignis bevorstand, das Dr. Leitner, Schwester Hilde und auch sie in Atem halten würde.
*
»Das hatten wir schon lange nicht mehr«, sagte Schwester Hilde wenig später, als eine hochschwangere junge Frau im Taxi gebracht wurde. Ihr Seufzer war begründet, denn es war eine völlig Fremde, die um Hilfe bat. Ihre Wehen waren schon so stark, daß sie nicht mehr ansprechbar war. Später jedoch kamen Schwester Hilde und Dr. Leitner zu der Überzeugung, daß sie wohl gar nichts sagen wollte, bevor das Kind nicht geboren war.
Eine halbe Stunde später wurde die Fremde von einem gesunden Jungen entbunden, der gut drei Kilo wog. Die junge Mutter, Anfang Zwanzig mochte sie sein, fiel danach sofort in tiefen Schlaf.
»Sie muß völlig erschöpft sein«, stellte Hilde fest. »Wahrscheinlich war sie lange unterwegs.«
Die unbekannte Patientin war gut gekleidet, aber etwas zu leicht für diesen schon recht kalten Tag. Sie hatte eine Schultertasche bei sich, und Hilde hatte rasch festgestellt, daß sich in dem Portemonnaie ein Bündel Geldscheine befand, aber keine Scheckkarte und Schecks, wie es üblich war. Und es war auch keine Brieftasche vorhanden, kein Ausweis. Das kam Hilde schon sehr merkwürdig vor. Schmuck trug die Fremde auch nicht – außer einer Armbanduhr. Keinen Trauring, keine Kette.
Sie hatte ein feines Gesicht mit einer Nase, die man klassisch nennen konnte, einen schöngeschwungenen Mund und braunes Haar. Als sie die Augen aufschlug, die nachtdunkel waren, sah Hilde in ihnen einen traurigen Ausdruck, der auch nicht wich, als sie sagte: »Sie können sich freuen, Sie haben einen gesunden Sohn.« Und nach einer kleinen Atempause fuhr sie fort: »Dürfen wir jetzt erfahren, wie Sie heißen, wo Sie wohnen und wen wir verständigen sollen?«
»Ich kann mich nicht ausweisen«, flüsterte die junge Frau. »Ich wollte auf dem Bahnhof telefonieren, und da habe ich meine Brieftasche in der Telefonzelle vergessen. Ich heiße Miriam Axmann, aber verständigen brauchen Sie niemanden, denn mein Mann ist nicht in Deutschland, und ich habe sonst keine Angehörigen.«
»Und wie heißt Ihr Mann?«
»Till«, erwiderte sie leise. »Er hat sich von mir getrennt.«
Na, so was, dachte Hilde, das auch noch. Vielleicht wollte die junge Frau sich gar aus dem Leben stehlen!
»Ich werde die Rechnung bar bezahlen«, sagte Miriam. »Geld habe ich.«
»Davon wollen wir jetzt nicht reden«, wehrte Hilde gleich ab. »Meinen Sie nicht, daß Ihr Mann das Recht hat, zu erfahren, daß er Vater eines Sohnes geworden ist?«
»Ich weiß ja gar nicht, wo er sich jetzt aufhält.«
»Und er hat auch keine Angehörigen?«
»Jedenfalls nicht hier. Er hat keinen Kontakt zu ihnen.«
Hilde kamen Zweifel an der Wahrheit dieser Worte, aber an sich wirkte diese junge Frau nicht wie eine Lügnerin. Hilde befand sich mal wieder in einem Gewissenskonflikt.
»Sie sollen sich jetzt keine Gedanken machen«, sagte sie. »Ich bringe Ihnen den Kleinen, und Sie werden sehen, wieviel Freude solch ein kleines Wesen bringen kann.«
»Ja, das glaube ich auch«, nickte Miriam.
Hilde konnte tatsächlich sehen, wie zärtlich sie mit dem Kind war.
Doch am Abend dieses Tages sollte sie erfahren, daß diese junge Mutter gar nicht Miriam Axmann hieß. Es sollte mal wieder eine gewaltige Aufregung in der Klinik geben, denn die Fremde war verschwunden.
Das Kind hatte sie zurückgelassen.
Schwester Hilde kam herbeigeeilt, als sie verständigt wurde. Die Nachtschwester wirkte wie versteinert, die Kinderschwester weinte, und Dr. Kronberg, der sich bisher um eine Frischoperierte hatte kümmern müssen, schüttelte nur ungläubig den Kopf.
Dr. Leitner wurde herbeigeholt. »Wochenbettpsychose?« fragte er. »Aber wie konnte sie ungesehen verschwinden?«
»Das ist mir auch ein Rätsel«, sagte Hilde. »Es ist nur durch den Hinterausgang möglich, denn in der Anmeldung ist immer jemand.«
Im Bettchen des Kindes wurde ein Umschlag mit Hunderteuroscheinen gefunden, dazu ein Zettel.
Ich bitte um Verzeihung, aber ich kann mein Baby nicht behalten. Ich heiße auch nicht Miriam Axmann, aber ich bitte Sie, Herr Dr. Leitner, inständig, ihr das Kind zu geben. Ich weiß zufällig, daß sie sich nach einem Kind sehnt. Sie wird es lieben.
»So was ist uns wirklich noch nicht passiert«, murmelte Hilde. »Sollte das vielleicht so eine Art Leihmutter sein? Aber so sah sie eigentlich nicht aus. Hoffentlich bringt sie sich nicht um! Ich hatte gleich so ein dummes Gefühl.«
»Vielleicht kommt sie wieder«, sagte Dr. Leitner nachdenklich. »Manchmal haben solche Frauen eine Zwangsvorstellung, der sie entfliehen wollen.«
Hilde erzählte ihm genau, was die Fremde gesagt hatte. »Und vielleicht ist da ein Körnchen Wahrheit drin«, meinte sie. »Der Mann hat sie sitzenlassen. Und mit den paar Hundertern, die noch im Geldbeutel sind, wird sie nicht sehr weit kommen.«
»Wenn wir ihren Namen nicht wissen, hilft uns das auch nicht weiter«, sagte Dr. Leitner. »Also werden wir uns mal mit dieser Miriam Axmann in Verbindung setzen. Vielleicht weiß sie, wer die Mutter dieses Kindes ist.«
»Jedenfalls muß die verschwundene Patientin über diese Frau recht gut Bescheid wissen, daß sie ihr das Kind sozusagen schenken will.« Schwester Hilde seufzte, dann blitzte es in ihren Augen auf. »Oder deren Ehemann ist der Vater.«
»Hilde, so viel Phantasie mal wieder?«
»Ach was, nur Überlegungen. Als ob es so was nicht schon gegeben hätte!«
»Daß ein verheirateter Mann einen Seitensprung macht, schon, aber daß das Opfer dann auch noch der Ehefrau ihr Kind schenkt, ist wohl doch etwas ungewöhnlich.«
»Es sei denn, er hat sie darum gebeten«, sagte Hilde. »Und es gibt auch Frauen, die sich nicht bezahlen lassen.«
»Woher wollen wir denn wissen, ob sie nicht im voraus bezahlt wurde?«
»Na ja, man kann auf alles mögliche kommen«, räumte Hilde ein. »Morgen werden wir also versuchen, diese Miriam Axmann zu erreichen. Aber Bonn ist weit, und hoffentlich ist der Ehemann kein Politiker. Das wär’ ja was, wenn wir solchen Ärger auch noch bekommen würden!«
Das Baby schlief ahnungslos einem neuen Tag, einem veränderten Leben entgegen.
Natürlich waren das Baby und seine verschwundene Mutter am nächsten Tag der Gesprächsstoff in der Klinik. Selbstverständlich war man bemüht, daß nicht auch die Patientinnen davon erfuhren.
Dr. Leitner hatte bis in die Nacht hinein mit seiner Frau Claudia überlegt, welches wohl der beste Weg sein mochte, die Mutter des Kindes zu finden, aber Claudia meinte, daß sie ihren Entschluß wohlüberlegt und nicht spontan getroffen haben müsse.
»Sie hätte ja auch so verschwinden können, ohne überhaupt einen Namen anzugeben«, meinte sie. »Aber Herr Schmidt scheint doch schon recht nachlässig zu werden. Er hätte sie bemerken müssen.«
»Vielleicht war er grad am Telefon, und sie ist unten durchgehuscht. Die anderen waren vollauf beschäftigt. Ich kann niemandem einen Vorwurf machen, obwohl so etwas nicht passieren dürfte. Aber das erste Mal ist es ja nicht. Wer solche Absichten hat, findet schon einen Weg.«
»War sie vielleicht krank?« fragte Claudia.
»Ach was, sie hatte keine Schwierigkeiten, und man kann sie auch durchaus in die sogenannten besseren Kreise einordnen. Aber ein Teenager war sie auch nicht mehr.«
Gerätselt wurde auch an diesem Morgen allerhand, aber dann, so gegen zehn Uhr, rief Dr. Leitner die Telefonnummer in Bonn an, die auf dem Zettel notiert war.
»Bei Dr. Axmann«, meldete sich eine schwerfällige Frauenstimme.
»Dr. Leitner, Leitner-Klinik in München. Kann ich bitte Frau Miriam Axmann sprechen?«
»Es ist doch hoffentlich nichts mit dem Herrn Doktor?« sagte die Stimme. »Die gnädige Frau macht sich nämlich schon Sorgen. Wo ist diese Klinik?«
»In der Nähe von München.«
»Da kann der Herr Doktor nicht sein, er ist doch in Amerika.«
Er hielt den Atem an. Also doch eine gewisse Übereinstimmung! Nun war er erst recht gespannt, denn Miriam Axmann meldete sich gleich darauf. Sie hatte eine angenehm weiche, ein wenig fremdländisch klingende Stimme.
»Sie wünschen?« fragte sie.
»Es ist hier, an meiner Klinik, etwas Ungewöhnliches passiert, Frau Axmann. Eine fremde junge Frau hat hier einen Sohn zur Welt gebracht, und sie will Ihnen dieses Kind schenken!«
»Bitte, machen Sie nicht solche Scherze mit mir, ich ertrage das nicht!« Sie schluchzte es fast.
»Aber es ist kein Scherz! Sie müßten nur persönlich kommen, um sich zu überzeugen. Und Sie müßten dann auch erklären, ob Sie das Kind möglicherweise zu sich nehmen wollen.«
»Das geht doch nicht so einfach! Ich weiß Bescheid. Ich möchte mich nicht über meine persönlichen Sorgen am Telefon auslassen, aber ich werde kommen. Ich nehme das nächste Flugzeug. Und wo finde ich die Leitner-Klinik?«
Irene Engelbrecht hatte ihren Chef beobachtet, und als er nun den Hörer auflegte, fragte sie: »Sie kommt wirklich?«
»Sie hat es gesagt. Sie nimmt das nächste Flugzeug. Erkundigen Sie sich mal in Riem, wann damit zu rechnen ist, damit ich mich vorbereiten kann. Sie scheint tatsächlich interessiert zu sein an einem Kind, aber ich bin gespannt, was
dabei herauskommt, Irene. Ich
glaube, daß irgend jemand aus dieser Geschichte nicht heil herauskommt.«
»Oder es gibt ein großes Happy-End«, sagte Irene gedankenvoll. »Hoffen wir es für das Baby. Der Kleine ist so niedlich.«
Und er hatte noch nicht mal einen Namen. Was sich die Unbekannte dabei wohl gedacht hatte?
Aber man war sich klar darüber, daß sie nicht verantwortungslos war, denn für das Kind wollte sie wohl das Beste. Und man sollte nie einen Menschen vorverurteilen, wenn man die Beweggründe für ein manchmal auch unbegreifliches Handeln nicht kannte.
Jedenfalls gab es eine Miriam Axmann, und nun wartete man darauf, ob sie wirklich kommen würde.
Sie kam!
Irene hatte erfahren, daß das Flugzeug gegen fünfzehn Uhr landen würde, und es war noch nicht sechzehn Uhr, als ein Taxi vor der Leitner-Klinik hielt.
Diesmal entstieg ihm keine schwangere Frau, sondern eine, die sich nichts sehnlicher wünschte als ein Kind.
Hilde beobachtete die Ankunft. Sie hielt den Atem an, weil sie sofort feststellte, daß diese Miriam Axmann genau vom gleichen Typ war wie jene Fremde, die nun namenlos für sie gelten mußte. Also doch eine Schwester oder Verwandte, die ein uneheliches Kind verheimlichen wollte? Oder ein Ehemann, der den gleichen Typ bevorzugte?
Viele Gedanken gingen Hilde durch den Sinn, aber nicht nur ihr, sondern auch Dr. Leitner, als er Miriam Axmann kennenlernte. Auch er stellte gewisse Ähnlichkeiten fest, aber er hatte eine Frau vor sich sitzen, die mit allergrößter Sicherheit aus der besten Gesellschaft stammte.
Man spürte es am ganzen Benehmen, obgleich sie innerlich erregt war und das trotz aller Beherrschung nicht leugnen konnte. Und es war eine ungewöhnlich schöne Frau, die durch eine ganz besondere Ausstrahlung wirkte. Aber war sie auch glücklich?
»Erzählen Sie mir bitte alles ganz genau, Herr Dr. Leitner«, sagte sie mit bebender Stimme. »Sie können sich nicht vorstellen, wie aufgeregt ich bin.«
Er begann damit, wie die Fremde angekommen war. »Ich muß sagen, daß sie eine gewisse Ähnlichkeit mit Ihnen hat, zumindest ist sie genau von Ihrem Typ. Eine Verwandte vielleicht?«
»Unmöglich, ich habe keine Schwester, keine Kusinen. Ich hätte mich wahrhaftig gefreut, eine weibliche Verwandte in dieser Generation zu haben, mit den Männern stehe ich sowieso nicht auf gutem Fuß.«
»Aber Sie führen eine glückliche Ehe?« fragte er behutsam.
»Seit sieben Jahren, und es gab bei uns kein verflixtes siebentes Jahr. Uns fehlt nur ein Kind zum vollkommenen Glück. Das heißt – mir fehlt es. Till, mein Mann, nimmt es nicht so tragisch. Aber bitte, erzählten Sie weiter.«
Er legte den Zettel vor sie hin. »Kennen Sie diese Handschrift, Frau Axmann?«
Er beobachtete sie genau, aber er sah, wie ungläubig sie den Zettel las.
»Nein, ich habe nie eine ähnliche Handschrift gesehen«, erwiderte sie, »aber diese ist nicht verstellt. Ich verstehe einiges davon, weil ich mich sehr mit den Grenzwissenschaften befasse, zu denen ja auch die Graphologie gehört.«
»Und wie würden Sie diese Handschrift beurteilen?«
Sie schloß kurz die Augen und betrachtete den Zettel dann sehr konzentriert.
»Eine sehr sensible Frau, überdurchschnittlich begabt, künstlerisch begabt, möchte ich sagen, und keineswegs labil. Aber ich muß mich fragen, wie sie dazu kommt, ausgerechnet mir ihr Kind geben zu wollen.«
»Ich glaube, daß sie Sie sehr gut kennt.«
Miriam sah ihn ungläubig an. »Dann müßte ich sie doch auch kennen«, sagte sie.
»Es könnte ja sein, daß jemand von Ihnen gesprochen hat und jene Fremde hat Sie dann unter die Lupe genommen. So hat sie erfahren, wie gern Sie ein Kind haben wollen.«
