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F. Anstey

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Beschreibung

Vice Versa – oder: Vater, Sohn und Andersherum Ein köstlich britischer Tausch der Körper – und der Erkenntnisse. Was wäre, wenn Vater und Sohn für einen Tag die Rollen tauschten? Der gestrenge Geschäftsmann Mr. Bultitude ist überzeugt, sein Sohn Paul habe es viel zu gut – bis ein geheimnisvoller Talisman seinen Wunsch erfüllt. Am nächsten Morgen findet sich der Vater im Körper seines Sohnes wieder – mitten im Chaos eines englischen Internats! Während er sich mit Latein, Prügeleien und Pauken herumschlägt, genießt Paul im Körper seines Vaters die Freiheit des Erwachsenseins – bis er merkt, dass das Leben in der Welt der Großen seine eigenen Schrecken birgt. Mit Witz, Charme und scharfem Blick für menschliche Schwächen erzählt F. Anstey eine urkomische und zugleich anrührende Geschichte über Erziehung, Empathie – und die ewigen Missverständnisse zwischen den Generationen. Ein unvergänglicher Klassiker der englischen Literatur – frech, warmherzig und zeitlos aktuell.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Impressum:

ISBN: 9783819496783

© bei KI Classics 2026

Herausgegeben von Frieda Sieg

Kontakt: KI Classics, Taxusstr. 1, 33699 Bielefeld, [email protected]

Originaltitel: Vice Versa, 1882, leicht gekürzt.

Titelbild: bearbeitet KI Classics, mit Sora erstellt

Übersetzung: KI Classics

Für die Übersetzung wurde auch OpenAI verwendet.

1. Schwarzer Montag

An einem Montagabend Ende Januar 1881 saß Paul Bultitude, Esquire, respektabler und respektierter Kolonialwarenhändler in Mincing Lane, nach dem Abendessen allein im Speisezimmer seines Hauses in der Westbourne Terrace.

Mr. Bultitude war ein hochgewachsener, beleibter Mann mit etwas pompösem, herrischem Auftreten. Er war kaum über fünfzig, sah aber deutlich älter aus. Sein hoher, glänzender Schädel war fast kahl, das wenige verbliebene Haar von graubrauner Röte. Er hatte blassblaue, hervorstehende Augen mit schweren Lidern und dichte, buschige, weißlichbraune Brauen. Sein Ausdruck verriet die Überzeugung von seiner eigenen Bedeutung. Doch trotz dieser Pose wirkte seine hängende Unterlippe schwach, und sein leicht zurückweichendes Doppelkinn ließ vermuten, dass seine Sturheit weniger einer starken Willenskraft entsprang, sondern vielmehr dem glücklichen Umstand, dass ihm bisher noch nie ernsthaft widersprochen worden war.

Trotz aller ästhetischen Mängel war das Zimmer behaglich genug, und Mr. Bultitude lag in seinem gut gepolsterten Ledersessel zurückgelehnt, mit einem Glas Rotwein griffbereit und den Füßen zum flackernden Kaminfeuer ausgestreckt. Es war das Bild jener nach dem Essen so glückseligen Zufriedenheit mit sich und der Welt, die aus gutem Koch, gutem Gewissen und guter Verdauung erwächst.

Allerdings nur auf den ersten Blick. Denn sein Gesicht bestätigte diesen Eindruck nicht: darin lag eine unterschwellige Unruhe, ein Hauch unterdrückten Ärgers, als fürchte er, jederzeit gestört zu werden, und zugleich unfähig wäre, sich dagegen zu wehren, wie er es gern getan hätte.

Bei jedem Geräusch im Flur fuhr er halb hoch, warf der Tür einen Blick zu, in dem sich Schrecken und Resignation mischten. Doch jedes Mal, wenn die Schritte verklangen und die Tür geschlossen blieb, sank er erleichtert zurück und setzte sich wieder zurecht.

Mr. Bultitudes Sohn Rick sollte an diesem Abend ins Internat zurückkehren und der Vater erwartete jeden Augenblick, zu einer Abschiedsszene gerufen zu werden; das allein war es, was ihn beunruhigte.

Das spricht sehr für seine zarten väterlichen Gefühle – gibt es doch Eltern, die ein solches „Leiden“ am Ende der Ferien mit erstaunlicher Gelassenheit tragen, wenn sie nicht gar eine unnatürliche Zufriedenheit über das Ereignis verraten.

Doch Mr. Bultitudes Unruhe rührte nicht gerade von Rührseligkeit her, noch fürchtete er einen großen Gefühlsaufwand. Er war nicht sonderlich sentimental und Verfasser mehr als eines jener pathetisch-empörten Briefe an die Zeitungen, in denen britische Eltern die hohen Kosten der Bildung und die unverschämt langen Ferienzeiten anprangern.

Er gehörte zu den nervösen, fahrigen Menschen, die ihre eigenen Kinder nicht begreifen können und sie eher als lästige Ungeheuer betrachten, deren nächste Bewegung unberechenbar ist – ähnlich, wie Frankenstein seinem Monster gegenübergestanden haben muss.

Er hasste es, einen Jungen im Haus zu haben, und litt förmlich unter den überflüssigen Fragen, den unnötigen Geräuschen und dem unbändigen Übermut, den nichts zu zügeln vermochte. Die Gegenwart seines Sohnes war ihm ein einziger Fluch und er sehnte sich nach Befreiung davon vom ersten Tag der Ferien an.

Seit fast drei Jahren war er Witwer und ohne Zweifel hatte der Verlust jener mütterlichen Liebe und Takt, die unbekümmerten Übermut rechtzeitig zügeln und selbst die mürrischste Zurechtweisung mildern kann, viel dazu beigetragen, das Verhältnis zwischen Vater und Sohn angespannter zu machen, als es sonst gewesen wäre.

So war Ricks Furcht vor dem Vater gerade groß genug, um jede Herzlichkeit zu verhindern, aber nicht groß genug, ihn zu vorsichtigem Benehmen anzuhalten. Kein Wunder also, dass Mr. Bultitude beim Gedanken an die Rückkehr des Jungen ins „Haus der Knechtschaft“ von Dr. Grimstone, Crichton Haus in Market Rodwell, alles andere als untröstlich war.

Und doch hatte er, obwohl die Stunde seiner Befreiung so nahe war, noch ein unangenehmes Viertelstündchen vor sich, in dem der letzte Abschied zu vollziehen war. Unter diesen Umständen war es ihm unmöglich, sich zu einem ruhigen Nickerchen zurückzulehnen oder ins Billardzimmer zu gehen, um einen Kaffee und eine milde Zigarre zu genießen – er wusste, dass er gestört werden würde.

Hinzu kam eine andere Sorge: die quälende Angst, im letzten Augenblick könne ein unvorhergesehenes Ereignis die Abreise des Jungen doch noch verhindern. Anlass dazu hatte er, denn erst eine Woche zuvor hatte ein plötzlicher, beispielloser Schneesturm seine Hoffnungen zerschlagen und den Doktor gezwungen, den Wiederbeginn der Schule zu verschieben. Und so saß Mr. Bultitude auf glühenden Kohlen, bis das Haus endgültig von der Gegenwart seines Sohnes befreit sein würde.

Während der Vater in seinem Lehnstuhl also schnaubte und schimpfte, stand der Sohn – die unglückliche Ursache all dieser Verstimmung – draußen auf der Fußmatte und rang um genug Mut, das Zimmer so zu betreten, als sei nichts los mit ihm.

Besonders ausgelassen sah er in diesem Moment nicht aus. Im Gegenteil: sein Gesicht war blass, die Lider gerötet, mehr als ihm lieb gewesen wäre, wenn einer der „Kameraden“ in Crichton Haus ihn so gesehen hätte. Alle Lebenslust war aus ihm gewichen, seine Kehle trocken, der ganze Körper schwer und frostig – ein Zustand, den er wohl selbst, nicht gerade akademisch, aber treffend, als „scheußlich“ bezeichnet hätte.

Denn selbst der tapferste Junge, der in die beste aller Schulen zurückkehrt, entkommt kaum ganz diesem dunklen Moment, wenn die Ferien ihre letzten goldenen Körnchen ausgeschüttet haben, die Koffer im Flur verschnürt und beschriftet stehen und man nur noch auf das verhängnisvolle Droschkenfuhrwerk wartet.

Rick war eben durchs Haus gegangen, hatte sich von allen Bediensteten verabschiedet – ein unangenehmes Ritual, auf das er liebend gern verzichtet hätte und das seine Stimmung keineswegs hob.

Oben im hellen Kinderzimmer hatte er seine alte Amme gefunden, die beim hohen Drahtgitter des Kamins saß und nähte. Sie war eine streng wirkende, hartgesichtige Frau, die ihn durchgängig von Kindheit an mit Ohrfeigen erzogen hatte, und auch in den letzten Wochen war es nicht ohne heftige Szenen zwischen beiden abgegangen. Doch nun, zum Abschied, wurde sie auf einmal ganz unerwartet weich, nannte ihn einen „freundlichen, herzensguten jungen Herrn – wenn auch manchmal wirklich unerträglich und widerspenstig“. Dann sagte sie, in der unbeschwerten Kühnheit der Verantwortungslosen, voraus, dass er „dieses Trimester der beste Junge überhaupt sein werde, fleißig lerne und mit Auszeichnungen nach Hause komme“.

Aber diese ungewohnte Milde machte den Abschied für Rick nur noch schwerer, ohne Tränen und Schluchzen davonkommen zu können.

Dann war die Köchin in ihrem braunen Abendkleid und mit sauberem Kragen aus der warmen, nach Gewürzen duftenden Küche heraufgekommen und hatte fröhlich bemerkt: „Ach, Gott segne ihn – mit all den Telegrafen und so vergeht die Zeit heutzutage so schnell, dass er wieder zurück ist, ehe man sich’s versieht!“ – ein Trost zwar, aber einer, der nur aus ihrer eigenen Sicht tröstlich war.

Danach hatte Rick sich von seiner älteren Schwester Barbara und seinem kleinen Bruder Roly verabschiedet und war schließlich dort angekommen, wo wir ihn zuerst fanden: auf der Matte vor der Zimmertür, wo er immer noch im kalten, nebligen Flur fröstelnd zögerte.

Er brachte es nicht gleich fertig, den nächsten Schritt zu tun; er wusste nur zu gut, was sein Vater empfinden würde – und ein Abschied ist eine sehr unangenehme Zeremonie für den, der spürt, dass alle Trauer allein auf seiner Seite liegt.

Doch Aufschub half nichts mehr; schließlich fasste er sich ein Herz, öffnete die Tür und trat ein. Wie warm und behaglich der Raum aussah – behaglicher, als er ihm je zuvor erschienen war, selbst am ersten Ferientag!

Und sein Vater würde in einer Viertelstunde noch immer dort sitzen wie jetzt, während er selbst sich durch den trostlosen, feuchten Nebel zur Bahn schleppen musste!

Wie unsagbar herrlich musste es sein, dachte Rick neidisch, erwachsen zu sein und nie mehr an Schule und Schulbücher denken zu müssen; Tag für Tag, Woche für Woche in demselben bequemen Haus zu wohnen, dasselbe angenehme Leben zu führen – ohne die Angst vor einem heranrückenden Schwarzen Montag.

Griesgrämige Moralisten hätten ihm vielleicht erklärt, dass man der Schule nicht entkommt, indem man einfach erwachsen wird, und dass selbst die, die ihr Leben zu einem langen Urlaub machen, eines Tages einem schwärzeren Montag gegenüberstehen, als ihn je ein Schüler gefürchtet hat.

Doch Rick hätte ihnen kein Wort geglaubt, und die Moralisten hätten ihre Lebensweisheiten vergebens verschwendet.

Paul Bultitudes Gesicht hellte sich auf, als er seinen Sohn hereinkommen sah.

„Na, da bist du ja“, sagte er mit unverhohlenem Wohlgefallen und drehte sich in seinem Stuhl, entschlossen, die Szene so kurz wie möglich zu halten. „Also, jetzt geht’s endlich los? Nun ja, Ferien können nicht ewig dauern – durch eine gnädige Verfügung der Vorsehung dauern sie eben nicht ewig! Also dann, leb wohl, leb wohl, sei ein braver Junge dieses Trimester, keine Dummheiten mehr, hörst du? Und jetzt lauf schnell, zieh deinen Mantel an – du hältst die Droschke die ganze Zeit auf.“

„Nein, tue ich nicht“, sagte Rick, „Boaler ist noch gar nicht los, um eine zu holen.“

„Noch keine Droschke geholt!“ rief Paul erschrocken. „Meine Güte, was denkt sich der Mensch dabei? Du verpasst den Zug! Ich weiß, du verpasst den Zug, und dann geht noch ein ganzer Tag verloren, nachdem schon eine Extrawoche durch den Schnee weg war! Ich muss mich selbst darum kümmern. Läute, sag Boaler, er soll sofort los – ich bestehe darauf, dass er sofort eine Droschke holt!“

„Na, das ist ja nicht meine Schuld“, murrte Rick, der so viel Sorge gar nicht als schmeichelhaft empfand. „Aber Boaler ist schon weg. Ich hab gerade das Gartentor gehört.“

„Ah!“, sagte sein Vater etwas beruhigter. „Dann solltest du mir jetzt die Hand geben und dich von deiner Schwester verabschieden – du hast keine Zeit mehr zu verlieren.“

„Ich habe mich schon verabschiedet“, sagte Rick. „Darf ich nicht hierbleiben, bis… bis Boaler kommt?“

Dieser Wunsch entsprang weniger kindlicher Zuneigung als vielmehr einer leisen Hoffnung auf ein paar Schlickereien, die nicht einmal seine Gefühle ganz unterdrücken konnten. Mr. Bultitude gewährte es nur sehr widerwillig.

„Meinetwegen, wenn du unbedingt willst“, sagte er ungeduldig. „Aber dann mach auch eins von beiden – bleib draußen, oder schließ die Tür, komm herein und setz dich still hin. Ich kann doch nicht in einem Durchzug sitzen!“

Rick gehorchte und machte sich mit leicht beleidigter Miene über den Teller her.

Sein Vater fühlte sich noch beklommener und unruhiger als zuvor; das Gespräch drohte, wie er gefürchtet hatte, länger zu dauern, und er meinte, er müsse die Gelegenheit nutzen, wenigstens irgendeine Bemerkung zu machen. Doch er hatte nicht die leiseste Ahnung, was er diesem rothaarigen, ernsten Jungen sagen sollte, der ihn finster anstarrte, während er sich den Mund vollstopfte. Die Situation wurde von Minute zu Minute peinlicher.

Schließlich, da ihm Tadel leichter von den Lippen ging, begann er damit: „Es gibt eine Sache, über die ich noch mit dir reden will, bevor du gehst“, hob er an. „Und zwar das: Ich habe ein höchst unbefriedigendes Zeugnis von dir bekommen; das will ich kein zweites Mal erleben. Dr. Grimstone schreibt mir – ja, ich habe seinen Brief hier – er sagt (und jetzt hör gut zu, statt dich an Ingwer krank zu essen): ‚Ihr Sohn hat große natürliche Begabung und ausgezeichnete Fähigkeiten; aber leider wendet er sie nicht an, wie er es könnte, sondern missbraucht seine Vorteile und gibt dadurch ein schlechtes Beispiel – wenn er nicht gar seine Mitschüler in die Irre führt.‘ Na, das ist doch ein netter Bericht für einen Vater! Ich schicke dich auf eine teure Schule, gebe dir große natürliche Begabung und ausgezeichnete Fähigkeiten mit auf den Weg und – und – alles andere, was man so braucht, und was machst du? Du missbrauchst es! Das ist schändlich! Und deine Mitschüler auch noch auf Abwege bringen! In deinem Alter sollten die dich in die Irre führen – nein, das meine ich nicht so – aber ich habe jedenfalls einen sehr strengen Brief an Dr. Grimstone geschrieben, in dem ich ihm mitteilte, wie sehr es mich schmerzte, zu hören, dass du dich schlecht benommen hast, und in dem ich ihm sagte, falls er dich je wieder dabei erwischt, dass du irgendein Beispiel gibst – wohlgemerkt, irgendeines! – dann solle er, äh, einige sehr weise Bemerkungen Salomos dazu beherzigen. Also rate ich dir dringend, in Zukunft aufzupassen, was du tust – um deinetwillen!“

Diese Ansprache war vielleicht nicht sehr ermutigend, doch Rick schien sie kaum zu bekümmern; er hatte dergleichen schon mehrfach gehört und war darauf vorbereitet.

Er hatte Trost in Mandeln und Rosinen gesucht, doch die wollten ihm nun eher den Hals verstopfen, statt ihn zu trösten. Also ließ er sie liegen und brütete stumm über seinem harten Schicksal, in dumpfer Niedergeschlagenheit, wie sie nur der kennt, der als Junge selbst solches durchgemacht hat. Für andere, deren Schulzeit ein einziger Weg voller Erfolge und Abenteuer war, ist das unbegreiflich – und umso besser für sie.

Er lauschte der grimmigen Sphinx-Uhr auf dem schwarzen Marmorkamin, die unerbittlich seine letzten Augenblicke daheim wegtickte, und krönte sein Leid, indem er Erinnerungen an glücklichere Tage heraufbeschwor.

In einer Ecke des Kaminsimses steckte noch ein vergessenes, verwelktes Lorbeerblatt, und sein Blick fiel nun mit düsterer Genugtuung darauf. Seine Gedanken schweiften zurück zu jenem herrlichen Nachmittag am Heiligabend, als sie alle lärmend durch die hell erleuchteten Straßen gekommen waren, beladen mit Einkäufen aus dem Baker Street Bazaar, und dann die Zimmer so fröhlich und unbekümmert geschmückt hatten.

Und das Weihnachtsessen! Er hatte genau da gesessen, wo er jetzt saß – aber wie anders war damals alles gewesen! Damals hatte sich noch nicht der Gedanke eingeschlichen: „nur noch so und so viele Wochen und Tage“, dieser gespenstische Mahner wie ein Totenschädel auf einem alten Festgelage.

Und doch erinnerte er sich nun, mit bitterer Reue, dass er sich damals gar nicht so gefreut hatte, wie er es hätte tun sollen; er erinnerte sich sogar, dass er die kühne Meinung geäußert hatte, das Ganze sei „langweilig“. Langweilig! Mit reichlich zu essen und noch drei (eigentlich vier, wenn er es nur gewusst hätte) Wochen Ferien vor sich; mit dem zweiten Feiertag und der erfrischenden Fahrt zum Crystal Palace gleich darauf, und all den übrigen Freuden dieser Zeit, an die er nun kaum zurückdenken konnte! Er musste wohl verrückt gewesen sein, so etwas zu glauben.

Oben spielte seine Schwester Barbara leise eine Melodie aus den Piraten – Frederics Flehen an die Töchter des Generalmajors – und die Musik, losgelöst von der halb komischen Szene, die sie eigentlich untermalte, hatte eine eigene Zärtlichkeit und Wehmut, die Rick mitten ins Herz traf und seine Traurigkeit noch verstärkte.

Er hatte sich in den Ferien (heimlich, denn Mr. Bultitude missbilligte solche Vergnügungen) die Oper angehört, und nun rief ihm das Klavier die ganze Szene wieder ins Gedächtnis – und er wusste, dass er sehr lange Zeit nicht mehr ins Theater gehen würde!

Inzwischen empfand Mr. Bultitude das Schweigen wieder als drückend und riss sich mit einem Gähnen zusammen. „Na, na!“, sagte er, „Boaler braucht ungewöhnlich lange für die Droschke!“

Rick fühlte sich nun noch verletzter und ließ dies durch einen tiefen, bedeutungsvollen Seufzer erkennen.

Leider wurde er falsch verstanden.

„Ich wünschte, junger Mann“, sagte sein Vater ärgerlich, „du würdest dir diese Angewohnheit abgewöhnen, so schwer zu atmen. Die Gesellschaft eines Grampus – denn nichts anderes ist es – erfreut keinen und stößt viele ab, mich eingeschlossen. Und meinen Güte, Rick, hör auf, so gegen das Tischbein zu treten; du weißt, dass mich das in den Wahnsinn treibt. Warum machst du das? Warum kannst du nicht lernen, dich wie ein Gentleman am Tisch zu benehmen?“

Rick murmelte eine Entschuldigung und brachte dann, endlich wieder bei Stimme und an seine Bedürfnisse denkend, mit einem nervösen Zittern heraus: „Oh, sag mal, Vater, kannst du mir bitte etwas Taschengeld mitgeben?“

Mr. Bultitude sah ihn an, als hätte der Junge um einen eigenen Haustürschlüssel gebeten.

„Taschengeld!“, wiederholte er. „Wozu brauchst du Geld? Hat dir deine Großmutter nicht ein Pfund als Weihnachtsgeschenk gegeben? Und ich habe dir selbst zehn Schillinge gegeben!“

„Ja, aber das ist alles weg“, sagte Rick. „Und du hast mir sonst auch immer was mitgegeben.“

„Wenn ich dir welches gebe, verjubelst du es doch nur wieder“, brummte Mr. Bultitude, als hielte er Geld für ein Kunstwerk.

„Ich geb’s ja nicht gleich alles auf einmal aus. Und sonntags muss man immer was in den Klingelbeutel tun, wenn gesammelt wird. Und die Droschke muss ja auch bezahlt werden.“

„Boaler hat den Auftrag, deine Droschke zu bezahlen – das weißt du genau“, entgegnete sein Vater. „Aber offenbar muss ich dir doch noch etwas geben, obwohl du mich ohnehin genug kostest – der Himmel weiß es –, ohne diesen zusätzlichen Aufwand.“

Damit zog er eine Handvoll Münzen aus seiner Hosentasche und legte sie sorgfältig in glänzenden Reihen auf den Tisch.

Ricks Augen leuchteten beim Anblick dieses Reichtums; für einen Moment vergaß er fast die Qual der bevorstehenden Rückkehr ins Internat. Schon der Gedanke, was eine einzige dieser funkelnden Pfundmünzen ihm an Ansehen und Möglichkeiten verschaffen könnte, berauschte ihn: heimliche Genüsse, neue Freundschaften – selbst Tipping, der Schulsprecher, der schon Frack trug, brachte nicht mehr mit zurück. Außerdem würde ihn das Geld aus gewissen Schulden retten, die ein unerwarteter väterlicher Eingriff ihm eingebrockt hatte. Mit so einer Summe hätte er alles begleichen können – und der Vater hätte es leicht entbehren können!

Doch Mr. Bultitude wählte mit größter Bedacht nur ein Zwei-Shilling-Stück, zwei Schillinge und zwei Sixpence aus und schob sie ihm hinüber. Rick sah das kümmerliche Ergebnis mit kaum verhohlener Enttäuschung an.

„Für einen jungen Burschen wie dich eine überaus großzügige Zuwendung“, bemerkte der Vater. „Gib das Geld nicht für Dummheiten aus. Und wenn du gegen Ende des Trimesters noch etwas brauchst und mir einen verständlichen Brief schreibst – und ich es für richtig halte –, dann bekommst du schon noch was.“

Rick wagte nicht, nach mehr zu fragen, so sehr er es sich auch wünschte. Er steckte das Geld in seine Börse und brachte nur sehr zurückhaltend Dankesworte hervor.

Dabei stieß er in der Börse auf etwas, das er beinahe vergessen hätte. Er zog ein kleines Päckchen hervor und wickelte es zögerlich auf.

„Das hätte ich fast vergessen“, sagte er lebhafter als bisher. „Ich wollte es nicht einfach nehmen, ohne dich zu fragen. Ist das hier für dich von irgendeinem Wert? Darf ich es haben?“

„Hm?“, fuhr Mr. Bultitude scharf auf. „Was ist das? Schon wieder etwas – was willst du jetzt?“

„Es ist nur der Stein, den Onkel Duke Mama aus Indien mitgebracht hat. Er sagte, dort hieße er ‚Pagodenstein‘ oder so ähnlich.“

„Pagodenstein? Der Junge meint Garudâ-Stein. Und ich möchte wissen, wie du an den gekommen bist! Du hast wieder in meinen Schubladen herumgekramt – das dulde ich nicht, das habe ich dir schon hundertmal gesagt.“

„Nein, habe ich nicht!“, widersprach Rick. „Ich hab ihn in einer Schale im Salon gefunden, und Barbara meinte, wenn ich dich frage, lässt du mich ihn vielleicht behalten, weil er dir doch nichts nützt.“

„Dann hatte Barbara kein Recht, so etwas zu sagen.“

„Aber darf ich ihn haben? Bitte, darf ich?“, drängte Rick.

„Haben? Gewiss nicht. Was willst du denn mit so einem Ding anfangen? Lächerlich. Gib her!“

Widerwillig reichte Rick den Stein hinüber. Viel war an ihm nicht zu sehen: ein unscheinbares, kleines, quadratisches Täfelchen aus graugrünem Stein, an einer Ecke durchbohrt, mit schwachen Spuren rätselhafter Schriftzeichen oder Symbole, von der Zeit fast unleserlich gemacht.

Völlig harmlos wirkte er, als Mr. Bultitude ihn in die Hand nahm. Keine warnende Hand hielt ihn zurück, keine Stimme mahnte, dass in diesem kleinen Block vielleicht noch immer die gebannte Energie längst vergessener östlicher Zauberkraft schlummerte – bereit, beim ersten beschwörenden Wort zu erwachen.

Doch niemand warnte ihn; und selbst wenn, Paul Bultitude war ein nüchterner, prosaischer Mensch, der jede Mahnung als lächerlichen Aberglauben abgetan hätte. So aber brachte sich kein Mensch je argloser in größere Gefahr.

2. Eine grandiose Verwandlungsszene

Paul Bultitude setzte seine Brille auf, um den Stein genauer zu betrachten; es war schon eine ganze Weile her, dass er ihn zuletzt gesehen oder überhaupt daran gedacht hatte. Dann blickte er auf und sagte erneut: „Was solltest du denn mit so etwas anfangen können?“

Für Rick wäre es ein äußerst wertvoller Schatz gewesen. Er hätte ihn bewundernden Freunden zeigen können – natürlich während des Unterrichts, wo er die angenehmste Ablenkung geboten hätte. Er hätte endlos damit gespielt, ihn in der Hand gedreht, unglaubliche Geschichten über seine Kräfte und Eigenschaften erfunden – und wenn er ihn schließlich leid war, hätte er ihn gegen einen anderen begehrten Gegenstand eingetauscht. All diese Möglichkeiten spukten ihm verschwommen im Kopf herum, doch er fand weder den Mut noch die Worte, sie seinem Vater zu erklären.

Darum murmelte er nur unbeholfen: „Ach, ich weiß nicht… ich hätt ihn einfach gern.“

„Nun, jedenfalls“, sagte Paul, „kriegst du ihn ganz bestimmt nicht. Er ist es wert, aufbewahrt zu werden – schon allein, weil es das Einzige ist, was dein Onkel Marmaduke je jemandem geschenkt hat.“

Marmaduke Paradine, sein Schwager, war keine Verbindung, auf die Paul besonders stolz sein konnte. Einer jener Leute mit „gewinnendem Wesen“, die nach einigen erfolglosen Versuchen, in die Armee einzutreten, nach Bombay geschickt worden waren, um dort eine Firma aus Manchester zu vertreten. In dieser Stellung hatte er es fertiggebracht, in höchst zweifelhafte Geschäfte mit Konkurrenten und einheimischen Händlern verwickelt zu werden – was schließlich zu seiner unsanften Entlassung führte.

Den Stein hatte er aus Indien mitgebracht – als kleine, billigere Erinnerungsgabe statt der lackierten Schränke, Messingarbeiten, Stoffe und Schnitzereien, die man sonst von so weit her erwartete. Man hatte ihm verziehen, er durfte noch einmal von vorn beginnen – bis andere, noch dubiosere Machenschaften Paul zwangen, ihm das Haus in der Westbourne Terrace zu verbieten.

Seitdem hatte man kaum mehr von ihm gehört; und die wenigen Gerüchte über seine Beteiligung an jenen windigen Gründungen, wie sie Witwen und Kuraten anlocken und die dann in Geldspalten und Gerichtsprozessen landen, ließen Mr. Bultitude kein Bedürfnis, die Bekanntschaft zu erneuern.

„Aber ist es nicht ein Talisman?“, fragte Rick – was seine Chancen, den Schatz zu bekommen, nicht gerade erhöhte.

„Ich kann dir das nicht sagen“, gähnte Paul. „Wie meinst du das?“

„Na ja, Onkel Duke hat mal irgendetwas darüber gesagt. Barbara hat gehört, wie er es Mama erzählt hat. Ich dachte, vielleicht ist es so wie bei Scott, weißt du, und heilt Leute von Sachen. Obwohl, ich glaube, so ein Talisman ist es nicht, denn ich hab’s mal bei meinen Frostbeulen versucht, und da hat’s gar nichts genützt. Wenn du ihn mir nur geben würdest, vielleicht finde ich’s ja heraus.“

„Mag sein“, meinte sein Vater trocken, sichtbar unbeeindruckt, „aber du wirst die Gelegenheit nicht bekommen. Wenn es ein Geheimnis hat, dann finde ich es heraus“ (wie wenig er ahnte, wie wörtlich das bald zu verstehen war). „Und apropos – da ist endlich deine Droschke.“

Von draußen klang das Rumpeln von Rädern, und als Rick es hörte, packte ihn die Verzweiflung. Ein Wunsch, den er schon lange im Stillen gehegt hatte, ohne je den Mut gefunden zu haben, ihn auszusprechen, drängte nun an die Oberfläche. Er stand auf und trat schüchtern zu seinem Vater.

„Vater“, sagte er, „ich muss dir noch unbedingt etwas sagen, bevor ich gehe. Darf ich dich jetzt fragen?“

„Nun, was ist es?“, sagte Paul. „Beeil dich, du hast keine Zeit mehr.“

„Also… ich möchte, dass du… dass du mich am Ende des Trimesters von Grimstone wegholst.“

Paul starrte ihn an, zornig und ungläubig.

„Von Dr. Grimstone’s Schule weg? Bitte, sprich von ihm mit vollem Titel!“, sagte er langsam. „Was soll das heißen? Es ist eine ausgezeichnete Schule – nie habe ich einen besser formulierten Prospekt gelesen! Und mein alter Freund Bangle, mein Herr, Benjamin Bangle, Mitglied im Schulrat, der muss ja etwas von Schulen verstehen – der hat sie mir dringend empfohlen. Er hätte seinen eigenen Sohn hingeschickt, wenn er ihn nicht nach Eton gegeben hätte. Und außerdem bezahle ich für dich die meisten Extras. Tanzen, beim Himmel, und sogar Fleisch zum Frühstück! Ich weiß wirklich nicht, was du noch verlangen kannst.“

„Ich möchte nach Marlborough oder Harrow oder irgendwohin“, wimmerte Rick. „Jolland geht zu Ostern nach Harrow. Jolland ist einer von den Jungs bei Grimstone – Dr. Grimstone, meine ich. Und was weiß dieser alte Bangle schon davon? Er muss ja nicht selbst dorthin! Und – und Grimstone ist zu denen, die er mag, ja ganz nett, aber mich mag er nicht – er hackt immer auf mir herum. Und ich hasse manche der Jungs dort, und überhaupt ist es einfach scheußlich. Lass mich bitte dort weg! Wenn du nicht willst, dass ich auf eine Eliteschule gehe, dann… dann könnte ich auch zu Hause bleiben und einen Privatlehrer haben – so wie Joe Twitterley!“

„Alles lächerlicher Unsinn, sage ich dir“, fuhr Paul wütend auf. „Lächerlicher Unsinn! Und dem setze ich hiermit ein für alle Mal ein Ende. Ich halte nichts von gehobenen Schulen für Jungen wie dich, und außerdem kann ich mir das nicht leisten. Und Privatlehrer – das ist ja noch absurder! Du wirst also deinen Kopf darauf einstellen, in Crichton Haus zu bleiben, solange ich es für richtig halte – und damit basta!“

Bei diesem letzten Schlag gegen all seine Hoffnungen begann Rick leise, hoffnungslos zu schluchzen – mehr, als sein Vater ertragen konnte. Um Paul Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: er hatte gar nicht vorgehabt, so hart zu sein, wo der Junge doch gerade auf den Weg zur Schule war. Beschämt über seinen Jähzorn suchte er, seine Entscheidung zu rechtfertigen.

Er tat dies, indem er eine kleine Predigt über die Vorzüge der Schule hielt, die Rick veranlassen sollte, die Sache mit Vernunft und gesundem Menschenverstand zu betrachten. Allerlei Allgemeinplätze, längst im Schlamm seiner Erinnerung versunken, tauchten nun wieder auf, und er begann, Rick daran teilhaben zu lassen – nicht ohne selbst überrascht zu sein über die Kraft und Originalität, mit der er sie vorbrachte.

„Weißt du, Weinen hilft da nicht“, begann er. „Es ist – äh – ganz normal bei Schuljungen, dass sie sich einbilden, sehr schlecht behandelt zu werden und unglücklich zu sein, als ob ihre Eltern sie aus Bosheit in die Schule schicken! Das gehört zu den kleinen Schwierigkeiten, die jeder Junge durchmachen muss. Aber merke dir meine Worte, mein Sohn: Wenn sie später ins Leben hinausgehen und wirkliche Prüfungen zu bestehen haben, wenn sie mittleren Alters werden wie ich – dann sehen sie, was für Narren sie gewesen sind, Rick, was für Narren! All die… hm, all die unschuldigen Spiele und Freuden der Kindheit, du weißt schon… die kehren ihnen wieder ins Gedächtnis. Und dann schauen sie zurück auf die Stunden in der Schule – als die glücklichste, ja die allerglücklichste Zeit ihres Lebens!“

„Na ja“, sagte Rick, „dann hoffe ich, dass das bei mir nicht die glücklichste Zeit wird, das ist alles! Und vielleicht warst du ja in deiner Schule glücklich, aber ich glaube nicht, dass du viel Lust hättest, wieder ein Junge wie ich zu sein und zurück zu Grimstone zu gehen. Das würdest du nie wollen!“

Das stachelte Paul an; er hatte sich gerade schön warmgeredet und konnte diese offene Herausforderung nicht unbeantwortet lassen – zu verlockend war die Gelegenheit für eine wohlfeile Erwiederung.

Er hielt den Stein immer noch in der Hand, als er sich in seinen Stuhl zurücksinken ließ und mit überlegenem Lächeln sagte: „Vielleicht glaubst du mir, wenn ich dir sage – so alt ich auch bin und so sehr du mich darum beneidest –, dass ich mir in diesem Augenblick nichts sehnlicher wünsche, als wieder ein Junge zu sein, wie du. Zurück in die Schule zu gehen würde mich ganz gewiss nicht unglücklich machen!“

Wie verhängnisvoll leicht ist es, mehr zu sagen, als man meint, wenn man Eindruck schinden will! Gut für die meisten von uns, dass wir – glücklicher als Mr. Bultitude – nicht fürchten müssen, beim Wort genommen zu werden.

Als er diese unheilvollen Worte sprach, spürte er ein leichtes Frösteln, gefolgt von einem merkwürdigen Zusammenziehen im ganzen Körper. Seltsam war auch, dass der Lehnstuhl, in dem er saß, ihm auf einmal viel größer vorkam. Er wunderte sich kurz, hielt es aber für Einbildung und machte es sich wieder bequem.

„Ich wünschte es mir wirklich, mein Junge – aber was nützt das Wünschen? Ich sage es nur, um dir zu zeigen, dass ich nicht ohne Grund rede. Ich bin ein alter Mann und du ein junger Junge, und damit ist doch klar, dass… Was zum Kuckuck kicherst du da?“

Denn Rick hatte ihn erst einige Sekunden lang mit halb erschrockenem, offenem Mund angestarrt, war dann aber plötzlich in einen heftigen, fast hysterischen Lachanfall ausgebrochen, den er vergeblich zu unterdrücken versuchte.

Das ärgerte Mr. Bultitude natürlich, und er fuhr mit großer Würde fort: „Ich – äh – wüsste nicht, dass ich irgendetwas besonders Lächerliches gesagt hätte. Du scheinst dich zu amüsieren?“

„Nein, nein!“, keuchte Rick. „Es… es ist nicht, was du sagst – es ist… oh, merkst du denn gar nichts?“

„Umso besser, dass du bald wieder in die Schule kommst!“, sagte Paul wütend. „Ich wasche meine Hände in Unschuld. Wenn ich mir schon einmal die Mühe mache, dir Rat zu geben, und er wird mit Spott aufgenommen – du warst schon immer ein ungezogener kleiner Bengel. Ich habe jetzt wirklich genug. Verlass sofort das Zimmer, mein Herr!“

Die Räder mussten zu einer anderen Droschke gehört haben, denn noch war keine vor dem Haus angehalten; aber Mr. Bultitude war zu Recht empört und hielt das Gespräch nicht länger aus. Rick jedoch machte keine Anstalten, zu gehen; er blieb, keuchend und bebend vor Lachen, während sein Vater steif im Stuhl saß und versuchte, das unmanierliche Benehmen seines Sohnes zu ignorieren – allerdings nur mit mäßigem Erfolg.

Niemand kann es gelassen ertragen, wenn andere sich wie Narren über ihn ausschütten vor Lachen, während er selbst nicht den blassesten Schimmer hat, was er gesagt oder getan hat, das so erheiternd sein soll. Und selbst wenn man es weiß, braucht es schon einen sehr besonderen Sinn für Humor, den Witz auf eigene Kosten wirklich zu genießen.

Schließlich verlor er die Geduld und sagte kalt: „Nun, wenn du dich jetzt wieder gefasst hast, bist du vielleicht so freundlich, mir endlich zu verraten, was an der Sache so komisch sein soll?“

Rick, ganz rot und halb beschämt, rang immer wieder nach Worten, doch jedes Mal brach er wieder in Lachen aus. Schließlich brachte er es doch heraus, wenn auch heiser und vom Kichern erschüttert: „Hast du’s denn immer noch nicht gemerkt? Geh und sieh dich im Spiegel an – du wirst dich totlachen!“

An der Rückwand des Buffets befand sich die übliche schmale Spiegelscheibe, und dorthin ging Mr. Bultitude – fast widerwillig und mit frostiger Würde. Er dachte, vielleicht habe er einen Fleck im Gesicht oder mit Kragen und Krawatte stimme etwas nicht – irgendetwas, das zumindest teilweise das alberne, beleidigende Benehmen seines Sohnes erklärte. An die schreckliche Wahrheit dachte er noch nicht.

Rick aber schaute gespannt zu, kichernd vor Erwartung, wie einer, der darauf wartet, dass der andere endlich den Witz begreift.

Doch kaum hatte Paul sein Spiegelbild erblickt, fuhr er ungläubig entsetzt zurück – dann trat er wieder näher und starrte erneut, immer und immer wieder.

Das konnte doch unmöglich er sein!

Er hatte seine vertraute, stattliche Erscheinung erwartet – aber der Spiegel zeigte, so sehr er auch hinsah, nur die Gestalt seines Sohnes Rick. Konnte es sein, dass er unsichtbar geworden war und kein Spiegelbild mehr warf? Oder warum spiegelte sich nur Rick – und niemand sonst?

Und doch, als er sich umsah, saß der Junge immer noch dort! Es konnte also nicht Rick sein, den er im Glas sah. Außerdem bewegte sich das Spiegelbild, wenn er sich bewegte, kehrte zurück, wenn er zurückwich, ahmte jede seiner Gesten nach!

Er wandte sich seinem Sohn zu, erfüllt von zornigem, aber auch hoffnungsvollem Verdacht.

„Du… du hast wieder irgendeinen deiner vermaledeiten Tricks mit diesem Spiegel gemacht, Junge!“, rief er wütend. „Was hast du angestellt?“

„Angestellt? Wie sollte ich denn? Als ob du das nicht wüsstest!“

„Dann“, stammelte Paul, entschlossen, das Schlimmste zu erfahren, „dann willst du mir also sagen, du siehst… irgendeine Veränderung an mir? Sag mir jetzt die Wahrheit!“

„Und ob ich das tue!“, sagte Rick nachdrücklich. „Es ist wirklich seltsam, aber sieh nur!“ Er trat neben seinen entsetzten Vater ans Buffet. „Sieh mal – he, he – wir ähneln uns ja wie ein Ei dem andern!“

Und tatsächlich: Der Spiegel zeigte nun zwei kleine Jungen, beide mit rundlichen Wangen und rötlichem Haar, beide gleich gekleidet in Eton-Jäckchen und breite weiße Kragen. Der einzige Unterschied bestand darin, dass das eine Gesicht vor Freude und Zufriedenheit strahlte, während das andere – das, von dem Mr. Bultitude zu ahnen begann, dass es wohl ihm gehören musste – lang gezogen und von Bestürzung und Verwirrung gezeichnet war.

„Rick“, flüsterte Paul schwach, „was bedeutet das alles? Wer hat sich diese Frechheit mit mir erlaubt?“

„Ich weiß es wirklich nicht“, beteuerte Rick. „Ich war’s nicht. Ich glaube, du hast das alles selbst gemacht.“

„Selbst gemacht!“ wiederholte Paul empört. „Ist das möglich? Es ist irgendeine Täuschung, sage ich dir, irgendeine ruchlose Intrige. Das Schlimmste ist“, fügte er klagend hinzu, „ich verstehe nicht, wer ich jetzt eigentlich sein soll. Rick, wer bin ich?“

„Du kannst nicht ich sein“, sagte Rick, „denn hier bin ja ich. Und du bist auch nicht du selbst, das ist ganz klar. Irgendjemand musst du aber wohl sein“, fügte er unsicher hinzu.

„Natürlich bin ich jemand. Was soll das heißen?“, fuhr Paul auf. „Egal, wer ich bin – ich fühle mich genau wie immer. Sag mir lieber, wann du die Veränderung zuerst bemerkt hast. Konntest du sehen, wie sie allmählich kam, hm?“

„Es kam ganz plötzlich, genau als du über die Schule geredet hast und so. Du hast gesagt, du wünschst dir… aber natürlich, sieh nur: Es muss der Stein gewesen sein!“

„Stein? Welcher Stein?“, fragte Paul. „Ich weiß gar nicht, wovon du redest.“

„Doch, weißt du – der Garudâ-Stein! Du hast ihn immer noch in der Hand. Siehst du nicht? Er ist wirklich ein Talisman! Wie großartig!“

„Ich habe nichts getan, um ihn auszulösen; außerdem – das ist doch völlig absurd! Wie soll es heutzutage noch Talismane geben, hm? Erklär mir das.“

„Na ja, mit dir ist doch etwas passiert, oder? Und irgendwie muss es ja geschehen sein“, hielt Rick dagegen.

„Ich habe das vermaledeite Ding tatsächlich gehalten“, gab Paul zu. „Hier ist er. Aber was könnte ich gesagt haben, das ihn ausgelöst hätte? Und warum sollte er mir das antun?“

„Ich weiß es!“, rief Rick. „Erinnerst du dich nicht? Du hast gesagt, du wünschtest, du wärst wieder ein Junge wie ich. Und genau das bist du jetzt – genau wie ich! Ist das nicht ein Spaß? Aber sag mal, so kannst du doch nicht ins Geschäft gehen, oder? Weißt du was: Komm lieber gleich mit mir zu Grimstone und sieh selbst, wie dir das gefällt. Ich hätte nichts dagegen, wenn du auch da wärst. Grimstones Gesicht, wenn er zwei von uns sieht – das wäre köstlich! Komm doch mit!“

„Das ist lächerliches Zeug, und das weißt du“, sagte Paul. „Was sollte ich in meinem Alter in einer Schule? Ich sage dir, innerlich bin ich noch genau derselbe, auch wenn ich jetzt aussehe wie so ein kleiner Bengel. Und es ist einfach eine fürchterliche Plage, Rick, das ist es! Warum konntest du den Stein nicht in Ruhe lassen? Sieh dir nur an, was für ein Unglück du durch dein Herumfummeln angerichtet hast – lauter Unannehmlichkeiten für mich!“

„Du hättest eben nicht wünschen sollen“, sagte Rick.

„Wünschen!“ wiederholte Mr. Bultitude. „Aber natürlich“, fuhr er hoffnungsvoll fort, „darauf bin ich gar nicht gekommen! Der Stein ist ein Wunschstein, das muss es sein! Man muss ihn wohl in der Hand halten und laut sagen, was man sich wünscht – und schon passiert es. Wenn das stimmt, kann ich alles gleich wieder gutmachen, indem ich mir einfach wünsche, wieder ich selbst zu sein. Ich… ich werde später herzlich über das Ganze lachen, ganz bestimmt!“

Er nahm den Stein und stellte sich in eine Ecke, wo er die Worte murmelte: „Ich wünschte, ich wäre wieder ich“, „Ich wünschte, ich wäre der Mann, der ich vor fünf Minuten war“, „Ich wünschte, das alles wäre nicht passiert“ – und so weiter, bis er ganz erschöpft und puterrot im Gesicht war. Er versuchte es mit dem Stein in der linken wie in der rechten Hand, sitzend und stehend, unter allen Bedingungen, die ihm einfielen – aber es kam absolut nichts dabei heraus; er war am Ende noch genauso ärgerlich jung und knabenhaft wie zuvor.

„Das gefällt mir nicht“, sagte er schließlich mit niedergeschlagener Miene und gab auf. „Mir scheint, dieses teuflische Ding ist irgendwie kaputt; ich kriege es nicht mehr zum Laufen!“

„Vielleicht“, schlug Rick vor, der die ganze Zeit über fröhlich und völlig mittleidlos blieb, „vielleicht ist es einer von den Talismanen, die nur einen einzigen Wunsch erfüllen – und den hast du schon gehabt.“

„Dann ist alles vorbei!“, stöhnte Paul. „Was um alles in der Welt soll ich tun? Was soll ich jetzt anfangen? Schlag mir doch etwas vor, um Himmels willen, steh nicht bloß da und kicher so herzlos! Siehst du denn nicht, in was für eine schreckliche Lage ich geraten bin? Stell dir nur mal vor – wenn deine Schwester oder einer der Diener hereinkäme und mich so sähe!“

Dieser Gedanke entzückte Rick geradezu. „Lass uns alle heraufholen!“, lachte er. „Das wäre ein Riesenspaß! Wie sie lachen würden, wenn wir es ihnen erzählen!“ Und er stürmte zur Klingel.

„Wag ja nicht die Klingel anzurühren!“, schrie Paul. „Ich lasse mich in diesem Zustand von niemandem sehen! Was nur diesen niederträchtigen Onkel von dir veranlasst haben kann, so ein schreckliches Ding herzubringen, ist mir ein Rätsel! So etwas ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht untergekommen. Ich kann doch unmöglich so bleiben – undenkbar! I–ich frage mich, ob es wohl etwas nützen würde, Dr. Bustard herzuschicken, ob er mir etwas geben könnte, um mich wiederherzustellen. Aber dann wüsste ja die ganze Nachbarschaft davon! Wenn ich hier bald keinen Ausweg sehe, werde ich noch völlig verrückt!“

Er lief unruhig im Zimmer auf und ab, das Hirn wie in Flammen.

Plötzlich, als er wieder etwas klarer denken konnte, kam ihm ein Gedanke – schwach und verzweifelt zwar, aber immerhin ein Gedanke – wie er diesem Schlamassel vielleicht doch noch entgehen könnte.

So unwahrscheinlich und phantastisch es in diesem aufgeklärten Zeitalter auch erscheinen mochte: Der Garudâ-Stein musste eine verborgene Kraft haben, die ihn in diese höchst unangenehme Lage gebracht hatte. Offenbar aber ließ sich der Talisman von ihm nicht mehr beeinflussen. Doch das hieß ja nicht, dass er in anderer Hand ebenso wirkungslos bleiben musste. Einen Versuch war es wert – und er verlor keine Zeit, Rick seinen Plan auseinanderzusetzen. An dem Glitzern in dessen Augen und der heimlich aufgeregten Art merkte man, dass er durchaus daran glaubte.

„Ich kann’s ja mal versuchen“, sagte Rick. „Gib ihn mir.“

„Nimm ihn, mein Junge“, sagte Paul mit väterlichem Ton zu Rick, der angesichts des verwandelten Äußeren das Lachen kaum unterdrücken konnte. „Nimm ihn – und wünsch deinen armen alten Vater wieder zurück in seine wahre Gestalt!“

Rick nahm den Stein und hielt ihn nachdenklich eine Weile in der Hand, während Paul nervös und ungeduldig wartete.

„Funktioniert es nicht?“, fragte er schließlich kläglich, als nichts geschah.

„Ich habe ja noch gar nicht gewünscht“, entgegnete Rick gelassen.

„Dann tu es sofort“, drängte Paul aufgeregt. „Sofort! Wir dürfen keine Zeit verlieren – deine Droschke kommt gleich. Auch wenn ich nun in dieser lächerlichen Gestalt bin, hoffe ich doch, dass ich noch immer meine väterliche Autorität habe. Und als Vater, beim Himmel, erwarte ich Gehorsam, mein Herr!“

„Na gut“, sagte Rick gleichgültig, „die Autorität kannst du gern behalten.“

„Dann mach endlich, was ich dir sage. Siehst du denn nicht, wie dringend es ist, dass niemand von diesem Skandal erfährt? Ich wäre das Gespött der ganzen Stadt. Keine Menschenseele darf jemals ahnen, dass so etwas geschehen ist. Das musst du doch selbst einsehen.“

„Ja“, meinte Rick, der die ganze Zeit auf der Tischkante saß und mit den Beinen baumelte, „das sehe ich. Wird schon alles gut. Ich werde gleich wünschen, und niemand wird etwas merken.“

„Braver Junge!“, rief Paul erleichtert. „Ich wusste doch, dass dein Herz am rechten Fleck sitzt – nur beeil dich endlich!“

„Sag mal“, fragte Rick, „wenn du wieder du bist – dann läuft doch alles wie vorher, oder?“

„I–ich hoffe doch.“

„Ich meine: du bleibst hier sitzen, und ich komme zu Grimstone?“

„Natürlich, natürlich“, sagte Paul. „Frag nicht so viel. Du weißt genau, was zu tun ist – also los. Man könnte uns jeden Augenblick so sehen.“

„Dann ist’s beschlossen“, sagte Rick. „Jeder Kerl würde es nach so einer Ansage tun.“

„Ja, ja, aber du bist so furchtbar langsam!“

„Nur keine Eile“, erwiderte Rick. „Vielleicht gefällt es dir nachher gar nicht, wenn ich’s getan habe.“

„Getan – was getan?“, fragte Mr. Bultitude scharf, erschrocken über den unheimlichen Unterton in Ricks Stimme.

„Na, ich will’s dir ruhig sagen, ist nur fair. Siehst du: Du hast dir gewünscht, wieder ein Junge wie ich zu sein, nicht wahr?“

„So habe ich es doch nicht gemeint“, protestierte Paul.

„Ah, aber das konnte der Stein ja nicht wissen. Jedenfalls hat er dich gleich in einen Jungen wie mich verwandelt. Und wenn ich mir jetzt wünsche, ein Mann zu sein, genau wie du vor zehn Minuten, bevor du den Stein genommen hast – dann ist doch alles wieder in Ordnung, oder?“

„Der Junge ist verrückt!“, schrie Paul entsetzt über diesen Vorschlag. „Das wäre ja noch schlimmer!“

„Das sehe ich nicht so“, widersprach Rick stur. „Dann wüsste ja niemand etwas davon.“

„Aber du kleiner Dummkopf, begreifst du denn nicht? Das ginge überhaupt nicht! Wir wären dann beide verkehrt – jeder mit dem Aussehen des anderen!“

„Na und“, sagte Rick unbekümmert, „mich würde das nicht stören.“

„Aber mich! Mich stört es sehr. Ich protestiere entschieden gegen so eine… so eine lächerliche Lösung. Und außerdem dulde ich es nicht! Hörst du? Ich verbiete dir, überhaupt daran zu denken. Gib mir den Stein zurück. Nach diesem Gerede kann ich dir nicht mehr trauen.“

„Das tut mir leid“, sagte Rick trotzig. „Du hast deinen Wunsch gehabt, und ich sehe nicht ein, warum ich nicht meinen haben sollte. Ich werde ihn mir auch erfüllen.“

„Du unnatürlicher kleiner Schuft!“, rief der zu Recht empörte Vater. „Willst du mir etwa trotzen? Ich sage dir, ich bekomme diesen Stein! Gib ihn sofort her!“ Und er machte eine Bewegung auf seinen Sohn zu, als wolle er sich das Kleinod mit Gewalt zurückholen.

Aber Rick war zu schnell für ihn. Geschmeidig sprang er vom Tisch, stellte sich fest auf den Teppich vor dem Kamin, hielt die Hand mit dem Stein hinter dem Rücken krampfhaft verkrampft und die andere drohend erhoben.

„Ich würde es gern vermeiden, dich schlagen zu müssen, weißt du“, sagte er, „denn trotz alledem bist du ja doch mein Vater, nehme ich an. Aber wenn du mich daran hinderst, ehe ich mit diesem Stein fertig bin, fürchte ich, dass ich dir eine wischen muss.“

Mr. Bultitude wich ein paar Schritte ängstlich zurück; er fühlte, dass er seinem Sohn nur gleiche Größe und Aussehen entgegenzusetzen hatte; und für einige höchst angespannte Augenblicke standen sie keuchend auf dem Teppich – jeder den andern genau beobachtend, auf der Hut vor List und Überraschung.

Es war eine jener schmerzlichen häuslichen Szenen, die zum Glück selten zwischen Vater und Sohn so vorkommen.

Oben drüber polterte gerade die neueste wilde französische Polka, mit jener scharfen Ironie, zu der Klaviere, selbst von den besten Herstellern, zuweilen fähig sind.

Plötzlich nahm Rick Haltung an. „Aus dem Weg!“, rief er aufgeregt, „ich mach’s jetzt. Ich wünsche mir, ein Mann zu sein, so wie du es eben warst!“

Und kaum hatte er die Worte ausgesprochen, stellte Paul mit bitterer Bestürzung fest, wie sein skrupelloser Sohn sich wie im Fabelmärchen aufblähte – bis er dort vor ihm stand, das genaue Abbild dessen, was Paul vor Kurzem noch gewesen war!

Der verwandelte Rick begann vor Freude um den Raum zu hopsen und zu tanzen, so behände, wie sein nun vergrößertes Gestaltmaß es zuließ. „Siehste, alles in Ordnung“, sagte er. „Der alte Stein taugt noch. Keiner würde je etwas merken, wenn er uns so sähe.“

Dann warf er sich keuchend in einen Stuhl und lachte aufgeregt über den Erfolg seiner schamlosen List.

Paul dagegen war außer sich vor Wut darüber, so überlistet und hinters Licht geführt worden zu sein. Es dauerte eine Weile, bis er seine Stimme soweit beherrschte, dass er rauh sagen konnte: „Na schön, du hast deinen Willen bekommen, und was für ein schönes Durcheinander du angerichtet hast. Jetzt stecken wir beide in einer falschen Lage. Ich hoffe, du bist zufrieden. Glaubst du, du wirst gern so nach Crichton Haus zurückgehen?“

„Nein“, antwortete Rick entschieden, „ganz gewiss nicht.“

„Nun, das kann ich nicht ändern. Du hast es selbst herbeigeführt; und sofern der Doktor keine Einwendungen hat, dich so aufzunehmen und weiterhin als Schüler zu behalten, werde ich dich ganz bestimmt dorthin zurückschicken.“

Paul meinte das nicht ernst; er wollte nur drohen, in der Hoffnung, durch Einweihung von Boaler in das Geheimnis könne der Zauber wieder in Gang gesetzt und die Schwierigkeit bequem beseitigt werden. Doch seine Drohung hatte eine höchst unglückliche Wirkung auf Rick; sie verhärtete dessen Entschluss, einen Weg zu gehen, vor dem er sonst vielleicht zurückgeschreckt wäre.

„Ach so“, sagte er, „du willst das also wirklich tun? Aber merkst du nicht, dass sich damit die Dinge für uns geändert haben?“

„Bis zu einem gewissen Grade sind sie das natürlich“, entgegnete Paul, „durch meine Torheit und deine boshafte List; aber ein paar erklärende Worte von mir…“

„Du wirst merken, dass es mehr Erklärung braucht, als du denkst“, sagte Rick; „aber natürlich kannst du’s versuchen, wenn du’s für lohnend hältst – wenn du erst in Grimstone’s bist.“

„Wenn ich… ich verstehe nicht. Wenn ich… was hast du eben gesagt?“, keuchte Paul.

„Siehst du“, rief Rick, „es wäre nie gut gewesen, wenn wir beide zurückgegangen wären; die Burschen hätten uns ausgenommen, und weil ich den Laden hasse und du so scharf darauf scheinst, wieder Junge zu sein und zur Schule zu gehen, dachte ich, es wäre am besten, du gehst und schaust, wie es dir gefällt!“

„Das werde ich nie tun!“, schrie Paul. „Ich rühre mich nicht von dieser Stelle! Ich wette, du traust dich nicht, mich anzurühren!“ In diesem Augenblick war draußen wieder das Geräusch eines Wagens zu hören. Er hielt vor dem Haus, die Klingel läutete scharf – die lange erwartete Droschke war endlich da.

„Du hast keine Zeit zu verlieren“, sagte Rick. „Zieh deinen Mantel an.“

Mr. Bultitude versuchte, die Sache als Scherz hinzustellen. Er stieß ein geisterhaftes kleines Lachen aus.

„Ha, ha! Diesmal hast du deinen armen Vater gründlich erwischt; du hast ihn im Unrecht erwiesen. Ich gebe zu, ich habe mehr gesagt, als ich eigentlich meinte. Aber nun ist’s genug. Treib den Spaß nicht zu weit; gib mir die Hand, und lass uns sehen, ob wir keinen Ausweg finden!“

Doch Rick wärmte sich nur die Rockschöße am Feuer und erwiderte – in sehr ungnädiger Nachahmung des väterlichen Tons: „Du kehrst nun zurück in eine ausgezeichnete Anstalt, wo du alle häuslichen Annehmlichkeiten genießen wirst – ich kann dir besonders den Pudding empfehlen; erwarte ihn dienstags und freitags. Du wirst wieder an den Spielen und Unterrichtsstunden der glücklichen Knabenzeit teilnehmen. Hast du eigentlich früher je ‚Chevy‘ gespielt? Du wirst es genießen. Und deine Kameraden sind leicht genug auszuhalten, solange du dir keine Allüren gibst; Allüren dulden sie nicht. Also leb wohl, mein Junge, und Gott segne dich!“

Paul starrte nur verdutzt auf diese ungeheuerliche Anmaßung; er konnte kaum glauben, dass das ernst gemeint war. Doch ehe er antworten konnte, öffnete sich die Tür und Boaler trat ein.

„Musste mich ganz schön abmühen, mein Herr, um eine Droschke aufzutreiben an so einem Abend“, sagte er zu dem falschen Rick. „Aber das Gepäck ist alles obenauf, und der Kutscher meint, es sei noch reichlich Zeit.“

„Also leb wohl, mein Junge“, sagte Rick mit gespielter Zärtlichkeit, aber einem gefährlichen Funkeln im Auge. „Meine Empfehlungen an den Doktor, denk daran.“

Empört wandte sich Paul von ihm ab zum Butler; der würde doch zu ihm halten! Boaler würde es nicht mit ansehen, dass ein Herr, der immer gerecht, wenn auch nicht gerade nachsichtig gewesen war, so kaltblütig aus seinem eigenen Haus vertrieben wurde!

Mehrmals versuchte er zu sprechen; sein Kopf war voller beißender, brennender Worte. Er wollte den Schwindel hier und jetzt aufdecken und dem frechen Emporkömmling trotzen; er wollte alle warnen vor diesem falschen, minderwertigen Abklatsch seiner selbst. Das ganze Haus sollte zusammengerufen und aufgefordert werden, zwischen den beiden zu richten!

Gewiss, hätte er die Selbstbeherrschung besessen, dies sofort zu tun, solange Rick noch keine Zeit gehabt hatte, sich ganz in seine neue Rolle zu finden, so hätte er die Situation von Anfang an wenden und sich manch schmerzliche Erfahrung ersparen können.

Aber nur allzu oft sind es gerade die Worte, die unbedingt gesagt werden müssten, die uns im Augenblick der Not versagen. Man spürt, dass man sofort sprechen muss – und gerade da verlässt einen der Schneid.

Mr. Bultitude befand sich in dieser unglücklichen Lage. Er mühte sich verzweifelt, sich zu erklären, doch die Erkenntnis seiner Gefahr lähmte seinen Geist, statt ihn anzutreiben. Dann blieb ihm weiterer Kampf erspart. Ein dunkler Nebel legte sich über seine Augen; die Wände des Zimmers wichen zurück ins Unendliche; ein lautes Sausen dröhnte in seinen Ohren, er stürzte, stürzte, tief hinab, bis zum äußersten Rand der Welt. Dann schloss sich die Schwärze über ihm – und er spürte nichts mehr.

3. In der Schlinge

Als Mr. Bultitude wieder zu sich kam – was einige Zeit in Anspruch nahm – stellte er fest, dass er in einer klapprigen Vierradkutsche über eine breite, hell erleuchtete Straße schaukelte. Sein Kopf war noch keineswegs klar, und einige Minuten lang konnte man kaum behaupten, er denke überhaupt; er lag nur träumerisch zurückgelehnt und lauschte dem harten, knarrenden Geräusch, das die Achsen der Droschke in ihren Führungen von sich gaben.

Sein erstes deutliches Empfinden war ein vages Staunen darüber, was Barbara ihm wohl zum Abendessen bestellt hätte; seltsamerweise fühlte er sich nämlich alles andere als hungrig und ahnte, dass sein Gaumen eine besonders gewandte Verführung nötig haben würde. Mit dem Gedanken an das Abendessen verband sich fast untrennbar sein Speisezimmer – und mit einem jähen Schwall der Erinnerung stürzte die ganze Szene dort mit dem Garudâ-Stein auf ihn zurück. Er fröstelte bei dem Gedanken; alles war so echt gewesen, so schrecklich lebhaft und folgerichtig. Aber alle unangenehmen Eindrücke wichen bald dem köstlichen Luxus seiner jetzigen Sicherheit.

Da seine letzte bewusste Wahrnehmung im eigenen Speisezimmer gewesen war, trug es eher dazu bei, sein Gemüt wieder zu beruhigen, dass er die Augen in einer Droschke und nicht etwa auf einem ganz anderen Territorium geöffnet hatte – denn oft fuhr er so von der City nach Hause und fühlte, anstatt – wie es wirklich der Fall war, in jenem seltsamen Reiche billiger Photographien, Schaukelpferde, milder Steinlöwen und Wagenleitern – sich in der Euston Road zu befinden, als würde er gerade durch Holborn rollen.

---ENDE DER LESEPROBE---