Verlag: Amrun Verlag Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Vier Jahre ohne dich - Katharina Wolf

Endlich ist Nora glücklich. Nach einer schwierigen Kindheit hat sie in Jan ihre erste große Liebe gefunden - und in seiner Familie Geborgenheit und Zusammenhalt. Alles ist perfekt. Bis zu jenem Abend, der alles ändert. Nichts ist mehr so wie es war … selbst vier Jahre später nicht. Das romantische Debüt von Katharina Wolf!

Meinungen über das E-Book Vier Jahre ohne dich - Katharina Wolf

E-Book-Leseprobe Vier Jahre ohne dich - Katharina Wolf

Inhaltsverzeichnis
Vier Jahre ohne dich
impressum
widmung
Prolog
Schule ist durch
Misstrauen
Versetzt
Entäuschung
Die andere
Bemühungen
Abiparty
Überraschungen
Vorbei
Zurück
Erkenntnis
Party
Verkaterte Tortensicht
Wiedersehen
Marmelade
Pablo
Aussprache
Mitternachtsgespräche
Kleider machen Leute
Junggesellenabschied
Erwachen
Abschalten
Enthüllungen
Unerwarteter Besuch
Entlassung
Zuhause
Ein Versuch
Zweifel
Die Nacht
Die Spannung steigt
Sag ja
Der Tag danach
Epilog

Vier Jahre

ohne dich

Katharina Wolf

© 2015 Amrûn Verlag Jürgen Eglseer, Traunstein

Covergestaltung: Claudia TomanTraumstoff Coverdesign

Lektorat: Katja LehmannKorrektorat: Jessica Idczak

Alle Rechte vorbehalten

ISBN – 9783958692152

Besuchen Sie unsere Webseite:http://amrun-verlag.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter 

http://dnb.d-nb.de abrufbar

Für Ricarda,

meine beste Freundin

Prolog

Ich wachte plötzlich auf. Schlagartig. Kein langsames Erwachen, bei dem man sich noch minutenlang wehrt und versucht, sich krampfhaft an die wohltuende Bewusstlosigkeit oder den angenehmen Traum zu klammern. Nein. Völlig wach. Ohne Umwege. Ich schlug die Augen auf und bereute es sofort. Mein Kopf schmerzte erbarmungslos und in meinem Mund herrschte ein auffällig starker Geschmack nach Alkohol und Erbrochenem. Durst. Ich hatte so unglaublichen Durst. Mir klebte die Zunge am Gaumen. Außerdem tat mein Rücken weh. Ein Stöhnen entwich meinen Lippen und ich griff unter mich. Zwischen mir und der Matratze zog ich eine Tube Gleitgel und eine leere Bierflasche hervor. Kein Wunder, dass mein Rücken mich gerade umbrachte!

Ich blickte mit müden Augen nach links und sah blaue Wände, an denen sich das morgendliche Licht in einem seltsamen Streifenmuster brach. Der Rollladen war nicht ganz unten. Daher konnte ich auch den Typen rechts von mir erkennen. Wobei erkennen doch übertrieben war. Der Kerl war mir völlig fremd. Nur dunkel erinnerte ich mich an den gestrigen Abend, der wohl etwas eskaliert war. Da war eine Bar, zu viele Tequila-Shots und eine pompöse Line weißes Pulver.

Der Typ riss mich aus meinen Überlegungen. Er schmatzte, hustete, kratzte sich am stoppeligen Kinn und schnarchte dann leise weiter. Okay, das hier waren dann wohl seine Wohnung und sein Schlafzimmer. Ich rieb mir resignierend über die Augen. Alter, wo war ich jetzt schon wieder gelandet? Das war mir alles mehr als suspekt! Aber leider war das nicht das erste Mal, dass mir so etwas passierte.

Mühsam quälte ich mich aus den Laken und suchte meine Unterwäsche. Auf dem Boden hinter dem Bett fand ich sie, neben zwei gebrauchten Kondomen. Wenigstens hatten wir noch an Verhütung gedacht.

Ich verließ das Schlafzimmer auf Zehenspitzen und entdeckte im Flur meine Jeans und meinen Pullover. Ich zog mir alles über und suchte das Badezimmer. Dort spritzte ich mir etwas Wasser ins Gesicht und spülte mir den Mund aus, um diesen widerlichen Geschmack loszuwerden. Dann betrachtete ich mich im Spiegel. Kein erfreulicher Anblick.

Nachdem ich mir die Haare zurückgebunden hatte, schnappte ich mir meine Handtasche, die ich neben der Eingangstür fand, und verließ die Wohnung. Keine Ahnung, wer der Typ war und in welchem Stadtteil ich mich gerade befand. Es interessierte mich aber auch nicht die Bohne. Ich war so verkatert, dass mir alles egal war. Außer einem schnellen Kaffee und einer Sonnenbrille, die mich vor der gnadenlosen Morgensonne schützte, begehrte ich momentan nichts. Mein Kopf war wie leergefegt.

Brainfucked.

Gut so! Ich hasste es, nachzudenken. Brachte meist eh nichts und machte nur schlechte Laune. Aber ganz ausschalten konnte ich mein Gehirn leider doch nicht. Ein Zeichen dafür, dass der Alkoholpegel und die Wirkung der Drogen langsam, aber sicher nachließen.

Ich war nicht immer so gewesen. Es hatte eine Zeit gegeben, in der mir nicht alles so dermaßen scheißegal gewesen war. In der ich nicht von einem One-Night-Stand zum nächsten gesprungen war. Von einem Rausch in den nächsten. Von einem Vergessen zum nächsten … Aber das war lange her.

Zu lange.

Eigentlich wusste ich schon nicht mehr, wie das gewesen war. Das Leben davor.

Weniger anstrengend?

Nein.

Es war schmerzhafter.

Oder?

Was soll‘s ... Man konnte die Zeit ja eh nicht zurückdrehen ...

- 4 Jahre zuvor -

Schule ist durch

»Sag mal, was machen wir eigentlich noch hier?«

Müde schaute ich meine Sitznachbarin Lina an und zuckte nur resignierend mit den Schultern. Es erforderte schon eine Menge Selbstbeherrschung, die Lider nicht einfach zu schließen. Jedes Zwinkern dauerte jetzt schon länger als normal. Wenn es nicht bald klingelte, würde ich dem Drang nachgeben müssen.

In den nächsten Wochen standen unsere Abiturarbeiten an. Die meisten Lehrer sahen es daher wohl nicht ein, den Unterricht noch auf irgendeine Art und Weise interessant zu gestalten. Oder, wie im Falle unseres Mathelehrers Herrn Jonas, überhaupt zu unterrichten. Der saß nämlich entspannt auf seinem Stuhl, hatte die Füße auf dem Pult geparkt, und las seit geschlagenen 20 Minuten die Lokalausgabe der hiesigen Zeitung. Stillarbeit nannte er das. Leider hatte er vergessen, uns die dazugehörige Aufgabe zu geben. Daher begnügten sich die meisten damit, ihren Facebookstatus zu checken, den Highscore eines Handyspielchens zu knacken oder sich einfach mit dem Tischnachbarn zu unterhalten. Lina kramte nun sogar ein Buch aus ihrem Rucksack. Nicht etwa ein Mathebuch. Nein. Ich schaute auf das Cover. Verstummt von Karin Slaughter.

»Ist das dein Ernst?«, flüsterte ich ihr hinter vorgehaltener Hand zu. »Meinst du nicht, das wird er merken?« Ich zeigte auf Herrn Jonas, der gerade geräuschvoll umblätterte und einige Mitschüler durch das laute Rascheln aufschrecken ließ. Die waren dann wohl wieder wach.

»Nora, das ist dem scheißegal!«, zischte Lina genervt. Wahrscheinlich hatte sie recht. Ich legte den Kopf wieder auf meine verschränkten Arme und schloss die Augen. Was soll‘s. Nun beneidete ich Lina um ihren Thriller. Sie hatte dadurch wenigstens ein wenig Beschäftigung.

Die Sache hier war eindeutig durch.

Schule war durch.

Ich konnte es noch gar nicht so recht glauben. Nach knapp 13 Jahren sollte alles vorbei sein. Einfach so? Eigentlich ging mir das, wenn ich ehrlich sein sollte, etwas zu schnell. Ich wusste doch noch gar nicht, was ich danach machen wollte. Was die Zukunft bringen mochte? Einen richtigen Plan hatte ich nicht.

Plötzlich traf mich etwas am Hinterkopf. Ich schaute hinter mich und sah einen zerknüllten Papierklumpen auf dem Boden. Ich hob ihn auf, legte ihn vor mich auf den Tisch und faltete ihn auseinander. Dann fuhr ich den kleinen viereckigen Zettel mit den Fingern glatt und las die paar Zeilen.

»Abi-Party-Komitee - bist du dabei?« stand in krakeliger Schrift mit Bleistift darauf geschrieben. Ich drehte mich um und sah in die hoffnungsvollen Augen von Pablo, der zwei Reihen hinter mir saß und die Hände wie zum Gebet aneinandergelegt hatte. Er formte ein tonloses »Bitte« mit seinen Lippen.

»Meinetwegen«, schrieb ich auf die Rückseite des Zettels, faltete ihn zu einem Flieger und warf ihn zurück. Er las den Brief und gab mir dann einen Daumen nach oben. Jeden Tag eine gute Tat. Das war wohl meine für heute.

Als es endlich klingelte, erhob ich mich und ließ dabei jeden Wirbel meiner Wirbelsäule knacken. Nur noch wenige Tage, dann wäre das hier alles vorbei. Würde ich es vermissen? Das sagt man doch immer. Nach der Schule würde alles schwieriger werden. Nie mehr wäre das Leben so einfach wie in diesem Alter, deshalb solle man die Schulzeit ja auch genießen. Ich für meinen Teil konnte sagen, dass es mir tatsächlich momentan gut ging. Alles war geregelt und ich war zufrieden. Das war in der Vergangenheit auch schon anders gewesen. Vielleicht konnte ich sogar zum ersten Mal in meinem Leben wirklich behaupten, glücklich zu sein.

Pablo kam zu mir nach vorne gerannt und boxte mir freundschaftlich gegen die Schulter.

»Cool, dass du mitmachst!«

»Soll ja auch gut werden«, grinste ich ihn frech an. Er lächelte zurück.

»Wir treffen uns übermorgen nach der dritten Stunde. Die meisten haben die Vierte und Fünfte eh frei und die anderen meinten, dass es nicht auffällt, wenn sie im Unterricht fehlen.« Ich schielte zu Herrn Jonas, der die Zeitung zusammenfaltete und in seine Aktentasche stopfte.

»Dem würde es garantiert nicht auffallen. Vielleicht schwänze ich vorm Abi noch ein paar Mal. Habe ich immerhin noch nie gemacht.«

»Klar. Warum nicht? Was soll schon passieren? Sag Bescheid, dann gehen wir stattdessen einfach ‘nen Kaffee trinken.« Er grinste und boxte mir wieder gegen die Schulter. Exakt die gleiche Stelle. Das war echt eine scheiß Angewohnheit von ihm. Ich würde bestimmt einen blauen Fleck bekommen.

»Dann sehen wir uns ja spätestens beim Abi-Party-Treffen.«

»Genau.«

Ich winkte ihm noch mal zum Abschied zu und verließ den Klassensaal und das Schulgebäude. Um mich herum tummelten sich rauchende Oberstufenschüler, ein knutschendes Pärchen, eine laut und hysterisch lachende Gruppe von Mädchen und einige wartende Eltern. Aber auch auf mich wurde ausnahmsweise mal gewartet. Etwas weiter hinten stand ein kleiner, alter, knallroter VW Golf und an der Fahrertür lehnte Jan.

Mein Jan.

Er sah mich und hob grüßend die rechte Hand. Bei seinem Anblick konnte ich einen Seufzer nicht unterdrücken. Verdammt, sah der heute wieder gut aus. Kriminell gut. Sein volles, braunes Haar war wild gestylt und er trug eine blaue Jeans sowie passend dazu einen dunkelblauen Hoodie. Er war also nach der Arbeit noch mal zu Hause gewesen. Meist ging er in Hemd und Sakko ins Büro. Aber der lässige Jan gefiel mir um einiges besser. Ich rannte die wenigen Meter zu ihm und fiel ihm um den Hals.

»Du siehst gut aus«, nuschelte ich in sein Haar.

»Danke, du auch. Immer.« Ich grinste und dann küssten wir uns.

»Nehmt euch ein Zimmer!« Einige meiner Klassenkameraden verließen soeben das Gebäude und pfiffen und johlten uns zu. Ich lief sofort rot an.

»Sind doch alle nur neidisch«, flüsterte mir Jan mit dunkler, verführerischer Stimme ins Ohr. Ich erschauderte. »Sollen sie ruhig sehen, wie glücklich wir sind.«

»Charmeur!«, gab ich etwas beschämt zurück und kniff ihm in die Wange. Er lachte daraufhin schallend.

»Ist doch wahr!«

Wir fuhren zu Jan nach Hause. Er wohnte mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder Sebastian zusammen. Der Vater der beiden war irgendwann abgehauen. Jan hatte mir nie viel darüber erzählt. Das war wohl ein Abschnitt seines Lebens, an den er nicht allzu gerne zurückdachte. Angeblich gab es damals ein großes Drama und es entbrannte ein hässlicher Rosenkrieg. Meines Wissens war das Ergebnis ein Nervenzusammenbruch seiner Mutter und eine blonde, dralle Mittzwanzigerin, mit der sein Vater in eine andere Stadt gezogen war. Seitdem gab es keinen Kontakt mehr zu ihm. Jan ließ es sich selten anmerken, wie sehr ihn die Ablehnung seines Vaters verletzt hatte. Sebastian war da sensibler und konnte es, im Gegensatz zu Jan, nicht verbergen. Gerade in der Anfangszeit hatte er sehr unter der Trennung gelitten. Sie waren ja beide gerade so Teenageralter gewesen. Da hatte man eigentlich genug Probleme mit sich selbst und konnte auf so ein Drama gut und gerne verzichten. Momentan war das Thema Vater ein rotes Tuch. Es wurde totgeschwiegen. Ich hielt mich natürlich an diese stumm getroffene Abmachung.

Jan öffnete die Eingangstür. Alles war still und dunkel.

»Wohl keiner da.«

Er schaltete das Licht an und ich folgte ihm in die Küche. Dort setzte ich mich erst mal an den Esstisch und atmete tief durch.

»Müde?«, fragte er.

»Es geht. Ein wenig.«

»War es so anstrengend heute? Stressige Lehrer?« Jan schaute in den Kühlschrank und beförderte nacheinander Paprika, Tomaten und noch einige andere Zutaten auf die Küchentheke.

»Nö, das ist ja gerade das Problem. Langweilig ohne Ende. Und bei dir so? Hattest du früher Feierabend?«

»Ja, ausnahmsweise. Dafür stehen morgen wieder Überstunden an.«

Ich verdrehte die Augen. Jan machte so gut wie immer Überstunden. Und am Wochenende musste er auch oft ran. Ziemlich ungerecht. Aber was sollte man tun? Jan war nun mal einige Jahre älter als ich und arbeitete dementsprechend schon in einem richtigen Job.

Nach dem Abi hatte er Englisch und Marketing studiert. Und nun machte er eine Ausbildung in einer PR-Agentur. Er rackerte sich ab und hoffte so, im nächsten Jahr übernommen zu werden. Es gab noch zwei andere Azubis und nur einer von ihnen würde nach der Lehre weiter in der Agentur beschäftigt werden. Die Langeweile, über die ich mich beschwerte, würde er gerne haben.

Ich verstand voll und ganz, warum er sich so abmühte und in seine Arbeit reinhängte, sich Tag für Tag von seiner besten Seite zeigte. Aber manchmal war es zu viel. Manchmal vermisste ich ihn einfach.

Jan riss mich aus meinen Überlegungen, indem er ein Schneidebrett und diverse Gemüsesorten vor mir abstellte.

»Du schnippelst.« Er zwinkerte mir zu und ging dann an den Herd, um Wasser aufzusetzen. Ich würfelte Karotten, Zwiebeln, Zucchini, Paprika und Tomaten und brachte alles zu ihm hinüber. Er warf das Sammelsurium an buntem Gemüse in eine große Pfanne. Ich schaute ihm dabei zu, wie er alles würzte und, nachdem das Gemüse etwas angebraten war, noch reichlich Reis dazugab. Gekonnt schwenkte er die Pfanne und streute anschließend noch eine Menge Curry darüber. Es duftete unglaublich lecker. Ich stelle mich hinter ihn und umfasste seinen Bauch. Ich spürte, wie sich seine Muskeln anspannten, und musste lachen.

»Hast du gerade den Bauch eingezogen?« Schon ziemlich lustig. Immerhin waren wir jetzt schon eine Weile zusammen, ganze zwei Jahre, und ich kannte jeden Zentimeter seines Körpers in- und auswendig.

»Nein, nein«, winkte er verlegen ab. Er drehte sich zu mir um, umarmte mich lachend und küsste mich innig. Und wie er küssen konnte! Darin war er unschlagbar.

Ich liebte ihn so sehr.

»Sag mal, hast du eigentlich das Geschenk für Mum besorgen können?«, fragte er, nachdem er die Lippen von meinen gelöst hatte.

»Dass du in so einem Moment an deine Mutter denkst …«, gab ich zurück und zog einen beleidigten Schmollmund.

»Ist mir nur gerade so eingefallen. Hast du?«

»Ja, einen Krimi und ein Pflänzchen. Ich packe zu Hause noch alles schön ein und bringe es dann mit.«

»Abendessen gibt’s morgen um 18 Uhr. Okay? Soll ich dich abholen?«

»Nein, schon okay. Du musst doch wahrscheinlich eh länger arbeiten. Ich komme einfach mit dem Bus.«

»Okay«, flüsterte er und küsste mich noch mal keusch, fast schon schüchtern, auf die Lippen. »Und jetzt lass uns essen!«

Das wurde aber auch Zeit. Ich hatte einen Mordshunger.

Misstrauen

Natürlich hatte ich die Nacht bei Jan verbracht. Wir waren immerhin schon über zwei Jahre zusammen und er hatte ein geräumiges, eigenes Zimmer mit einem breiten, gemütlichen Bett. Auch seine Familie hatte sich mittlerweile an meine Anwesenheit gewöhnt. Es war also nicht ungewöhnlich, dass ich hier blieb. Ich war immer herzlich willkommen, pflegte Bianca, Jans Mama, stets zu sagen. Sie betrachteten mich alle als Teil der Familie.

Jan weckte mich, und noch bevor ich ihn sah, roch ich Duschgel und sein Aftershave.

»Nora, Süße, ich hau ab.« Ich öffnete müde die Lider und schaute mich verwirrt um. »Es ist sieben Uhr, du musst auch aufstehen. Ich habe Kaffee gekocht.«

Nun stellten sich so langsam meine Augen scharf und ich blickte in die leuchtend grün-braunen Augen meines Freundes. Ich streckte meine Arme nach ihm aus und zog ihn zu mir hinunter.

»Geh noch nicht!«, murmelte ich verschlafen. Jan streichelte mir über die Wange und lächelte mich an.

»Ich muss leider. Am Wochenende schlafen wir gemeinsam aus, okay?« Dann zwinkerte er mir anzüglich zu. »Heute Abend 18 Uhr, ja?«

»Klar«, gähnte ich und streckte mich genüsslich dabei.

Einen Augenblick später stand ich schließlich auf und trottete ins Bad. Dann hörte ich die Wohnungstür ins Schloss fallen. Ich bemühte mich, leise zu sein. Bianca schlief garantiert noch. An ihrem Geburtstag hatte sie sich freigenommen und würde wohl später den Rest des Tages damit verbringen, das Abendessen vorzubereiten. Ich grinste. Bianca war klasse. Ich mochte sie sehr. Überhaupt liebte ich Jans komplette Familie.

Um niemanden im Haus zu wecken, wusch ich mich schnell und leise, putzte mir die Zähne und zog mich an. Da ich öfter bei Jan übernachtete, hatte ich mittlerweile zwei Schubladen in seinem Kleiderschrank, die ich mit Kleidung und Kosmetikartikeln gefüllt hatte. Fast schon so wie bei einem Ehepaar. Dieser Gedanke ließ mein Lächeln noch breiter werden. Ich liebte diesen Kerl einfach. Ich konnte mein Glück meistens nicht fassen. Vielleicht auch, weil ich lange auf dieses Glück hatte warten müssen.

Der Schultag war langweilig wie eh und je. Und ich machte die Ankündigung von gestern tatsächlich wahr. Ich schwänzte zum ersten Mal. Zwar nur die letzten beiden Stunden Sport, aber trotzdem war es das Aufregendste des ganzen Tages. Ich kam mir vor wie ein Verbrecher. Auf meinem Weg nach Hause, zu illegal früher Stunde, war ich total hibbelig und mit Adrenalin vollgepumpt. Jan würde mich garantiert auslachen, wenn ich ihm das erzählte. Er hatte ab der 9. Klasse immer mal wieder blaugemacht und heimlich hinter dem Schulgebäude geraucht, wie er mir einmal vor kurzer Zeit stolz berichtet hatte. Böser Bube.

Ich schloss die Tür zu meiner kleinen Einzimmerwohnung auf und warf meine Tasche, ohne sie weiter zu beachten, in die Ecke. Hier sah es ziemlich wüst aus. Ich schaute auf die Uhr und stellte fest, dass ich bis zum gemeinsamen Abendessen bei Bianca noch ganze fünf Stunden Zeit hatte.

Zwar kam Torsten, mein Sozialarbeiter, nie unangemeldet vorbei und in den letzten Monaten eh nur noch sporadisch, aber ich musste mein Glück nicht unnötig herausfordern.

Ich krempelte die Ärmel hoch und begann, Kleider vom Boden aufzusammeln. Ich warf alles in die Waschmaschine im Badezimmer und spülte danach das dreckige Geschirr. Ich trocknete die Teller, Tassen und zwei Töpfe ab und räumte alles in den dafür vorgesehenen Schrank. Um das Ganze noch perfekt zu machen, schnappte ich mir den Staubsauger und saugte meine übersichtlichen 35 Quadratmeter sorgfältig durch.

So. Fertig.

Jetzt konnte ich mich um mich kümmern. Ich sprang unter die Dusche und gönnte mir eine duftende Haarkur, da ich heute hübsch aussehen wollte. Meine braunen, kinnlangen Haare sollten glänzen. Während die Kur auf meinem Kopf einwirkte, rasierte ich meine Beine und in weiser Voraussicht auch noch gleich den Rest meines Körpers. Vielleicht würde ich auch heute die Nacht wieder mit Jan verbringen. Frisch geduscht cremte ich mich mit einer blumigen Lotion ein und legte etwas Wimperntusche auf. Einige weitere Minuten später stand ich mit Jeans und einer Bluse bekleidet vor dem Spiegel. Fertig. Ich gefiel mir. Ich sah zwar ziemlich brav aus, aber das war ja auf dem Geburtstag der zukünftigen Schwiegermutter auch nicht verkehrt. Als sich das Wort Schwiegermutter in meinem Kopf formte, musste ich schon wieder grinsen. Es war einfach immer noch ein berauschend schönes Gefühl für mich. Dazuzugehören. Ich hatte ja nie eine eigene Familie gehabt.

Ich nahm das Buch, das ich für Bianca gekauft hatte, zur Hand. Einen Thriller vom dänischen Schriftsteller Jussi Adler-Olsen, dessen Bücher schon lange zu meinen liebsten gehörten. Ich verpackte es in hellblaues Geschenkpapier, auf dem viele bunte Geburtstagstorten abgebildet waren. Zwar etwas kindisch, aber den Kontrast zum blutrünstigen Thriller darin fand ich lustig. Dann schnappte ich mir noch die Orchidee, die ich zusätzlich besorgt hatte, und machte mich auf den Weg zu Biancas Geburtstagsfeier.

Knapp 25 Minuten später klingelte ich an der Eingangstür, die prompt von einem aufgeregten Sebastian geöffnet wurde. Sofort riss er mich in seine Arme.

»Nora, ey, wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen!«

»Höchstens zwei Wochen«, gab ich etwas verlegen zurück.

»Viel zu lange, sag ich doch!« Ich liebte Sebastian. Er war Jans Bruder und mein bester Freund. Und irgendwie vielleicht sogar so etwas wie mein Bruder. Bruder im Herzen oder so. Und er mochte mich mindestens so sehr wie ich ihn. Er vertraute mir, und wenn es ihm schlecht ging, meldete er sich immer zuerst bei mir.

So war ich auch die Erste, der er beichtete, homosexuell zu sein. Er hatte wirklich mit sich gerungen und schreckliche Angst vor meiner Reaktion gehabt. Das hatte mich schon fast wütend gemacht. Als hätte ich ihm jemals nicht beigestanden. Mit mir an seiner Seite hatte er es dann auch Jan erzählt. Dieser war anfangs etwas überrascht, hatte den sichtlich eingeschüchterten Sebastian dann aber aufmunternd in die Arme genommen. Nichts würde seine Meinung über ihn ändern, hatte er ihm zugesichert. Obwohl Sebastian mit unserer Reaktion zufrieden sein konnte, hatte er sich bis heute noch nicht überwinden können, sich vor seiner Mutter zu outen. Ich war mir sicher, dass Bianca es gut aufnehmen würde, und wahrscheinlich ahnte sie es sowieso schon. Eine Mutter hatte da doch so etwas wie einen sechsten Sinn. Aber vielleicht brauchte er auch einfach nur noch ein wenig mehr Zeit. Es war ja seine Sache.

Sebastian grinste wie ein Honigkuchenpferd, nahm mich an der Hand und zog mich ins Wohnzimmer hinein.

Dort saßen bereits zwei Freundinnen von Bianca, die ich schon zuvor irgendwann gesehen hatte. Bianca selbst saß zwischen ihnen und vor einem großen Kuchen, auf dem fünf Kerzen brannten. Als sie mich erblickte, stand sie auf, lächelte und lief mir entgegen.

»Alles Gute zum Geburtstag, Bianca.« Ich schlang meine Arme um sie und sie erwiderte meine Umarmung. Genießerisch zog ich den Duft ihres Parfüms ein.

»Danke, Schätzchen.« Ich löste mich von ihr und überreichte ihr die Orchidee und das kleine Päckchen.

»Von Jan und mir. Wo ist er eigentlich?« Ich schaute mich im Raum um, sah ihn aber nicht.

»Der müsste auch gleich kommen. Überstunden, du kennst das ja.« Ich rollte mit den Augen. Typisch.

In dem Moment hörte ich den Schlüssel in der Tür und ein abgehetzter Jan stürmte in die Wohnung.

»Sorry, da bin ich.« Er lief direkt zu Bianca und umarmte sie. »Alles, alles Liebe und Gute!«

»Ich habe ihr unser Geschenk gerade gegeben«, sagte ich und gab ihm einen Begrüßungskuss.

»Na, dann kann die Party ja beginnen!«

Während Jan mit Sebastian den Tisch deckte und das von Bianca gekochte Abendessen herrichtete, packte das Geburtstagskind Geschenke aus.

»Danke für das Buch. Ein Thriller, uuuh!« Sie hob entsetzt die Hände und zwinkerte mir dann zu. »Auf eure Buchtipps kann ich mich immer verlassen. Der Roman, den ihr mir zu Weihnachten geschenkt habt, war mehr als genial. Ich habe ihn allen meinen Freundinnen weiterempfohlen. Vielen Dank.« Sie umarmte mich noch einmal und warf Jan einen Kuss zu. Dieser hatte aber gerade einen großen Topf voll Nudeln in der Hand und rief ihr daher nur ein kurzes »Gern geschehen!« zu.

Ein wohliges Schmatzen und Klappern von Besteck erfüllte den Raum. Wir unterhielten uns und die Stimmung war sehr ausgelassen und familiär. Ich genoss es, hier zu sein. Das hier waren Erfahrungen, die ich zum ersten Mal in meinem Leben machte. Gemeinsame Geburtstagsfeiern waren mir, bevor ich Jan kennengelernt hatte, völlig fremd gewesen. Die verschiedenen Stationen in Pflegefamilien sah ich nicht als Familie an. Mehr als kurze Aufenthalte in wechselnden Herbergen. Na ja, das Glück war eben nie ganz auf meiner Seite gewesen. Bis jetzt.

Als meine Mutter starb, war ich gerade mal acht Jahre alt. Aber schon davor war es alles andere als einfach bei uns zu Hause. Durch ihre Drogensucht war ich immer schon herumgereicht worden. Mal war ich bei Freunden der Familie untergebracht, mal bei Nachbarn. Auch an einen kurzen Aufenthalt im Heim konnte ich mich dunkel erinnern.

Nach ihrem Tod war ich in vier verschiedenen Pflegefamilien, bevor mir endlich erlaubt wurde, alleine zu leben. Ich hatte das ständige Hin und Her einfach satt. Zum Glück war mein Amtsvormund damit einverstanden gewesen. Er hielt mich für zuverlässig und vernünftig. Womit er natürlich auch recht hatte. Einerseits war ich froh, endlich alleine zu leben. Mein Zimmer nicht mehr teilen zu müssen und mein eigenes Reich für mich zu haben. Andererseits genoss ich es auch, hier bei Jans Familie sein zu dürfen. Das machte mich glücklich.

Plötzlich hörte ich ein Vibrieren und fasste automatisch an meine Hosentasche. Das war wie bei diesem pawlowschen Hund. In Sachen Handynutzung waren wir doch alle schon konditioniert ohne Ende. Allerdings war es nicht mein Handy, das brummende Laute von sich gab. Jan erhob sich mit vollem Mund von seinem Stuhl und murmelte: »Bin gleich wieder da ...«

Ich hörte noch ein »Was ist, Fernanda? Wir sind gerade beim Essen«, dann schloss er die Tür hinter sich und es wurde ruhig.

Wir schauten ihm hinterher und widmeten uns dann wieder unseren Tellern.

»Das stört dich nicht?« Bianca schob sich eine Nudel in den Mund und schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Dass er immerzu arbeitet? Na ja, man gewöhnt sich daran«, gab ich etwas genervt zurück und zuckte mit den Achseln.

»Ich meinte eher, dass er in einen anderen Raum geht, um mit einer Frau zu telefonieren ...«

Ich hielt kurz in meiner Bewegung inne. Klar fand ich das nicht toll, aber allzu sehr hatte ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht. War das ein Fehler?

»Eigentlich nicht. Ist ja eh nur geschäftlich.« Das hoffte ich zumindest. Bei ihm war ja, seit er in der Agentur arbeitete, immer alles geschäftlich.

»So hat es bei seinem Vater auch angefangen.«

Was war denn das für ein doofer Kommentar? Da blieb mir doch fast das Essen im Halse stecken. Ich wusste, dass ihr Mann sie für eine Jüngere verlassen hatte. Aber sie konnte das doch nicht mit meinem Jan vergleichen. Jan hatte das ganze Drama doch hautnah miterlebt. Fremdgehen war seitdem für ihn das absolute Tabu. Ein rotes Tuch. Ein No-Go. Er konnte nicht mal Filme ertragen, in denen fremdgegangen wurde. Nicht selten war das der Moment, in dem er die Fernbedienung ergriff, um kopfschüttelnd und wutschnaubend umzuschalten. Beim Film Eiskalte Engel hatte er zwischendurch fast einen Tobsuchtsanfall bekommen. Sex and the City mochte er schon gar nicht mehr mit mir schauen. Er ärgerte sich einfach jedes Mal viel zu sehr, wenn Carrie und ihre Freundinnen wieder einmal betrogen wurden oder selbst fremdgingen. Nein. Jan war nicht so wie sein Vater. Nie und nimmer.

Ich schüttelte den Kopf und lächelte Bianca an. Sie meinte es nicht so. Vielmehr spürte ich, dass sie immer noch verletzt war und die Trennung bis heute nicht ganz verkraftet hatte. Aber wer konnte ihr das übel nehmen? Die große Liebe zu verlieren, ist immer tragisch.

Wie schlimm, konnte ich nur erahnen.

»Ich vertraue Jan«, gab ich selbstsicher zurück.

Sie nickte.

Versetzt

Nach dem Klingeln schnappte ich mir meine Tasche und lief zum Treffpunkt des Abi-Party-Komitees. Im Gemeinschaftsraum der Oberstufe saßen bereits knapp 20 Schülerinnen und Schüler, die alle durcheinander schnatterten.

Pablo stand in der Mitte, klatschte in die Hände und wartete, bis es ruhig wurde.

»Leute, super, dass ihr alle da seid. Dann kann‘s ja losgehen! Soviel vorab: Ich habe bereits eine Location reserviert.« Die Menge jubelte Pablo zu. Zum Glück hatte er die Planung federführend in die Hand genommen. Sonst würde diese Party wohl nie stattfinden.

»Außerdem«, der Jubel wurde leiser, alle hingen an seinen Lippen. »Na ja, ein Kumpel von mir ist DJ. Er meinte, für einen Fuffi würde er uns musikalisch durch den Abend führen. Also wenn ihr einverstanden seid, dann ...« Wieder applaudierten alle und zeigten damit, dass sie mehr als nur einverstanden waren.

»Jetzt bin ich mal gespannt auf eure Vorschläge. Wir müssen uns aufteilen. Wir benötigen noch Technik für die Musik- und Lichtanlage, Getränke, vielleicht auch Knabberzeug. Außerdem müssen ein paar Leute am Abend selbst arbeiten. Wir brauchen einige beim Getränkeausschank und vier bis fünf Jungs sollten nüchtern bleiben und für die Sicherheit sorgen. Oder wir nehmen noch etwas aus unserer Stufenkasse und engagieren einen Security-Dienst, was meint ihr?«

Und da ging die Diskussion los. Einige hatten Kontakte zu Getränkelieferanten oder auch zu Bands, die eventuell noch auftreten könnten. Zwei Jungs aus meinem Physikkurs meldeten sich freiwillig, um sich um die Technik zu kümmern.

Pablo hatte mich kurzerhand mit ihm für den Getränkeausschank eingeteilt. Zum Glück in die erste Schicht, dann hatte ich nach Feierabend auch noch etwas von der Party. Die könnte nämlich echt gut werden.

»Freust du dich?« Pablo erschien auf einmal neben mir und pikste mir in die Seite. Ich schreckte zusammen, was ihn zu amüsieren schien.

»Wird bestimmt lustig, du hast ja alles schon gut durchgeplant.«

Seine Wangen färbten sich rot und er versuchte, seine Verlegenheit mit einem gezielten Boxhieb gegen meine Schulter zu überspielen. Autsch.

Wir unterhielten uns noch weiter über Organisation, Musik und Arbeitsaufteilung, bis ich beim Läuten der Schulglocke zusammenfuhr.

»Wieviel Uhr ist es?«

»Ähm, 12:30 Uhr«

»Jan wollte die Mittagspause mit mir verbringen«, rief ich erschrocken aus und sprang auf. Dabei stolperte ich fast über einen kleinen Hocker, der sich mir mit voller Absicht in den Weg gestellt haben musste.

»Huch!« Ich richtete meinen Pullover und winkte Pablo und den anderen zum Abschied. »Bis morgen dann.«

Ich lief hinaus und sprintete die Straße entlang. Jan und ich hatten ein kleines Stammlokal, in dem es einfache Snacks gab. Außerdem lag es in Fußnähe zu meiner Schule. Der perfekte Treffpunkt. In den letzten Monaten hatten wir uns immer mal wieder hier verabredet. Kurz bevor ich bei dem Lokal ankam, vibrierte jedoch mein Handy und brachte meinen Laufschritt aus dem Takt. Ich blieb stehen und kramte mein Smartphone aus der Hosentasche.

Eine SMS von Jan.

Och nein, nicht schon wieder.

»Ich schaffe es nicht. Tut mir wirklich leid! Ich mach‘s wieder gut.«

Ich plusterte die Backen auf und zog eine beleidigte Schnute. Bullshit!

Ich antwortete nicht. Das wäre definitiv nicht der richtige Zeitpunkt. Ich war gerade wirklich sauer. Und in dem Zustand eine SMS zu schreiben, war alles andere als klug. Ohne mindestens ein Schimpfwort würde ich nicht auskommen.

Ich ging geknickt weiter in Richtung meiner Wohnung. Sollte ich mir irgendwo was zu essen besorgen? Ein Sandwich oder einen Burger zum Mitnehmen? Eigentlich hatte ich gar keinen Hunger mehr. Verdammt. Immer wenn Jan eine Verabredung absagte oder mal wieder durcharbeiten musste, war meine Laune im Keller. Ich fühlte mich gleich vernachlässigt und einsam.

Ich war doch schon immer alleine gewesen. Meinen Vater hatte ich nie kennenlernen dürfen und meine Mutter hatte weder Zeit noch Nerven für mich gehabt. Die Drogen hatten sie vollkommen vereinnahmt. Geld beschaffen, Heroin und Crack kaufen, rauchen, spritzen, im Rausch dahinvegetieren. Das war ihr Leben gewesen. Sämtliche Versuche, von den Drogen wegzukommen, waren gescheitert. Und im Endeffekt hatten sie sie getötet.

Einsamkeit war mir nicht fremd. Ich hatte zwar immer Menschen um mich herum, aber ich gehörte nie so recht dazu. Erst seit ich Jan und seine Familie kannte, hatte sich das geändert. Es war wohl wirklich so, dass man nichts vermissen konnte, was man vorher nicht gehabt hatte.

Jetzt, wo ich erahnen konnte, wie es war, eine Familie zu haben, eine richtige Familie, in der man füreinander da war, mochte ich nie wieder ohne sein.

Etwas berührte mich an der Schulter und kam schnaufend neben mir zum Stehen. Pablo bemühte sich, Luft zu holen, und stützte sich außer Atem auf seinen Knien ab.

»Pablo? Was machst du denn hier?«

»Ich … hab dich … von weitem gesehen und …«

»Du hättest doch rufen können.«

»Hab ich ja …« Er erhob sich und fuhr sich mit dem Handrücken über die verschwitzte Stirn. »Aber du hast mich nicht gehört.«

»Oh, sorry. Ich war wohl in Gedanken.«

Erstaunlich.

»Was ist denn mit deinem Date? Wolltest du dich nicht mit deinem Freund treffen?«, fragte Pablo ein wenig zu neugierig.

»Wurde versetzt«, gab ich eingeschnappt zurück und lief weiter. Pablo folgte mir mit einem mitleidigen Gesichtsausdruck.

»Und nun?«

»Was, und nun? Jetzt geh ich heim und bin beleidigt.«

Pablo lachte und pikste mir mit dem Zeigefinger gegen den Oberarm. Ziemlich nervig. Aber das war mir noch lieber als die ständige Boxerei. Eigentlich war es mir auch lieber, als alleine Trübsal zu blasen.

»Und was ist, wenn wir noch einen Kaffee trinken würden? Irgendwo hier in einem Café?« Er schaute mich gespannt von der Seite an und kickte dann einen Stein vor sich weg. Ich war skeptisch.

»Ähm, ich sollte wirklich nach Hause gehen«, gab ich leise zurück. Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass es nicht richtig wäre, mit ihm alleine in ein Café zu gehen. War das nicht schon fast so etwas wie eine Verabredung?

»Und einen coffee to go auf dem Nachhauseweg? Ich begleite dich.« Er schaute wieder ganz hoffnungsvoll und ich konnte das nicht so recht nachvollziehen. Ich zuckte mit den Schultern. Gegen einen coffee to go sprach ja nichts.

»Okay.«

Er griff nach meiner Hand und zog mich bis zur nächsten Straßenecke einfach hinter sich her.

»Da hinten ist ein Starbucks. Komm, ich lade dich ein.«

Widerworte hatten bei ihm scheinbar keinen Sinn, wurden anscheinend nicht geduldet. Da ich aber eh immer pleite war, traf sich das eigentlich gut.

Einige Minuten später hatten wir beide einen großen warmen Becher Latte Macchiato in der Hand und liefen nebeneinander die Fußgängerzone entlang.

»Und? Weißt du schon, was du danach machst?«

»Wonach? Nach dem Kaffee?«

»Nach dem Abitur.« Er holte mit der Faust aus und ich wich seinem Hieb geschickt aus. Dann lachten wir beide. Haha, ich hatte dazugelernt.

»Was hat mein Arm dir eigentlich getan? Warum boxt du mich andauernd?« Die Frage war sowas von überfällig.

»So oft ist es auch mal wieder nicht«, antwortete Pablo etwas eingeschüchtert.

»Nicht oft?« Ich zog eine Augenbraue skeptisch in die Höhe. »Ständig!«

»Keine Ahnung. Ist eine doofe Angewohnheit. Ein Tick oder so.« Er rieb sich über die Augen und ich musste wieder lachen. So verlegen kannte ich ihn gar nicht. Fast niedlich.

Wir liefen einige Sekunden schweigend nebeneinander her, bevor er seine Frage wiederholte.

»Was sind denn nun deine Pläne nach dem Abi?«

»Ach so. Ja, ich habe ein paar Ideen, mich aber noch nicht endgültig entschieden.«

»Zum Beispiel?«

»Na ja, Studium oder Ausbildung. Irgendwas im kreativen Bereich auf jeden Fall. Du?«

»Ich würde gerne Jura studieren, kommt jetzt ganz stark auf den Abischnitt an. Sonst nimmt mich ja keine Uni.« Ich nickte und versuchte, mir Pablo im eleganten Anzug als Anwalt vorzustellen. Seltsam. »Und dein Freund? Zieht ihr dann zusammen?«

»Ich weiß nicht. Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Vielleicht.« Pablo schwieg und ich nippte an meinem Kaffee.

»Aber es läuft alles gut so zwischen euch, oder?«

Ich schnaufte etwas genervt und verdrehte die Augen.

»Ja, alles gut. Stress gibt’s doch immer in einer Beziehung und, na ja, momentan ist es gelinde gesagt etwas schwierig.«

»Warum denn?«

»Er arbeitet viel und ich sollte dafür wohl mehr Verständnis haben.«

Hatte ich ja. Fast immer. Aber manchmal fuchste es mich dann eben doch. Vor allem, wenn wir uns verabredet hatten und er mich sitzen ließ. Wenn ich mich auf etwas freute. Auf ihn freute.

»Mmmh ... er vernachlässigt dich?«

»Nein, so ist es nun auch wieder nicht … ach egal. Lass uns über was anderes sprechen.«

»Aber du liebst ihn, oder?«

»Sehr.«

Enttäuschung

Endlich Wochenende. Wie hieß noch mal das Gegenteil von Burnout? Boreout. Davon hatte ich tatsächlich mal gelesen und konnte es jetzt voll und ganz nachvollziehen. Aber nun würde ich selbst etwas gegen die Langeweile in der Schule tun. Ich musste dringend für das Abitur lernen. Dringendst sogar!