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«Vier Leben - Eine autobiografische Erzählung» von Urs Beat Wobmann entführt die Leser in die facettenreiche Lebensgeschichte des Autors. In diesem Werk thematisiert Wobmann verschiedene Lebensabschnitte, die von unterschiedlichen Erfahrungen, Herausforderungen und Entwicklungen geprägt sind. Durch die Strukturierung seines Lebens in vier «Leben» versucht Wobmann, den Einfluss von Schicksalsschlägen, persönlichen Entscheidungen und sozialen Veränderungen zu beleuchten. Dabei geht er auf zentrale Themen wie Identität, Verlust, Liebe und die Suche nach Sinn, ein.
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Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Für meine Enkelin Oliv Sienna Joy und meine Familie.
Es sind nicht die Höhen, die uns definieren, sondern die Tiefen, die wir überwinden.
Vier Leben
Erstes
Frau Hürzeler
Kinderheim
J. F. Kennedy
Sommerferien
Kloster Disentis
Hans
Globus-Krawall
Harald Oskar Naegeli
Unruhen Ende 1968
Andermatt
Der Zürcher «Stadt-Heilige» Pfarrer Ernst Sieber
Konfirmationsreise
Alle Wege führen nach Rom
Der Bunker
Die Band UCT Soho
Lehrlingsheim
Mit dem Motorrad nach Marokko
Hansrudolf Giger
Der Kameramann in Sizilien
Safari in Kenia
Tauchen in Kenia
Tauchen in Portofino
Die Hand Gottes
Gute Zeiten – der Aufbruch
Rückkehr nach Kenia
Aufbruch! Abbruch?
Gute Zeiten – der zweite Aufbruch
Das Abenteuer der Fliegerei
Hacienda Nr. 56
Ein Traum, nur ein Traum oder doch viel mehr?
Die Reise auf und am Fluss
Hans – ein Leben zwischen den Welten
Kapverden
Alternative Gärtnerei
Zweites
Day of Death
Tag der Entscheidung
Drittes
Reset
Besuch Carolina
Berlin
Der verlorene Duft
Ein Tritt daneben
Posttraumatische Belastungsstörung
Viertes
Koma nach Magenblutung
Vier Leben – eine Episode dazwischen
Rückblick – Ausblick
Budapest
Die autobiografische Erzählung
Die Reise mit dem Mini Cooper
Urs’ Geschichten inspiriert vielleicht viele Leser, da sie zeigen, dass der wahre Charakter in den dunkelsten Momenten geformt wird und die Fähigkeit zur Rückkehr uns stark macht. Urs lebte in dem Wissen, dass seine Wunden die stärksten Geschichten hervorgebracht hatten – nicht durch seine Erfolge, sondern durch seine Erfahrungen.
1956– 2012
Im Herzen Europas, in Zürich, wo das Herz der Zivilisation pulsiert, erblickte ein neuer Lebensfunke das Licht des Tages. Die Morgensonne, welche sich noch Zeit liess, sanft durch die Wolken und den Nebel zu drängen, erleuchtete später den Tag, an dem ein kleiner Junge geboren wurde. Es war der Donnerstag, der 22. November 1956 um sechs Uhr in der Früh, als der Junge zum ersten Mal tief Luft holte und seine Stimme in die Welt brüllte, ein Akt des Willkommens auf dieser gewaltigen Bühne des Lebens. Sein Name war noch nicht bekannt – er war einfach ein Neugeborener, ein Geschenk des Universums an die Welt.
Mit blondem Haar und grossen blau-grünen Augen, so würden ihn diejenigen beschreiben, die Zeugen seines ersten Atems wurden. Um ihn herum war eine Atmosphäre der Freude und des Staunens, als die Schwestern im Krankenhaus sich darum stritten, wer ihn zuerst in die Arme nehmen durfte. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen, als seine Unschuld und Reinheit das Herz derjenigen berührte, die ihn sahen.
Obwohl der kleine Junge sich nicht an diese ersten Momente seines Lebens erinnern konnte, blieb die Magie dieses Anfangs für immer in den Geschichten und Erzählungen seiner Familie und Freunde lebendig. Eine Vorstellung von einer Welt voller Fürsorge und Liebe, in der er als strahlender Wonneproppen empfangen wurde, der bereit war, das Abenteuer des Lebens auf Terra zu bestreiten.
Allerdings … mit Liebe und Fürsorge sollte es anders kommen, aber dazu später …
Urs Beat so wurde er dann getauft, der Bär und der Glückselige. Eigentlich gute Vorzeichen für so ein junges Leben. Eigentlich … Seine geschiedene und überforderte Mutter wollte ihn baldmöglichst loswerden, ihn in fremde Hände geben. Ihr Interesse lag bei seinem Bruder Rolf, der immer bevorzugt behandelt wurde. Urs trug von Geburt an ein Schicksal auf seinen jungen Schultern, gezeichnet von Entbehrung und Ungerechtigkeit. Doch selbst in seinen zarten Jahren von vier sah er sich den harten Realitäten seines Lebens mutig gegenüber.
Frau Hürzeler, die gewaltige Obrigkeit im Kindergarten, verkörperte eine autoritäre Gestalt, weit entfernt von der Wärme und Zuneigung, die Kinder so dringend benötigen. Sie war das Abbild einer Matrone, stämmig, mit einem riesigen Hintern, dem schon mancher Kinderstuhl zum Opfer gefallen war. Eine grosse Brille im fettglänzenden Gesicht, da wäre ein Uhu ein Spatz gegen sie gewesen. Ja, das war Frau Hürzeler. Ihr fehlte es an Mitgefühl und Güte, und so blieb Urs Beat, der junge Rebellengeist, unbeugsam in seinem Streben nach Gerechtigkeit.
Urs mochte die kalte Zuwendung nicht, die Frau Hürzeler den Kindern entgegenbrachte. Schon in diesem zarten Alter entwickelte er einen ausgeprägten Sinn für Fairness. Mit Entschlossenheit und Instinkt verteidigte er sich selbst und andere gegen jede Ungerechtigkeit, die ihm begegnete. Dieser rebellische Geist, gepaart mit einem unerschütterlichen Glauben an das Richtige, prägte sein junges Wesen, bevor er überhaupt wusste, was ein Glaubensbekenntnis war. So begann die Geschichte von Urs, gezeichnet von den Herausforderungen seiner Kindheit, aber auch von einem unbeugsamen Geist, der schon früh lernte, dass es sich lohnt, für das einzustehen, woran man glaubt. In der harten Welt um ihn herum, war er das Versprechen auf eine Zukunft, in der Gerechtigkeit und Empathie obsiegen würden.
Frau Hürzeler, die Fettbacke, meinte, Urs sei nun schulreif, obwohl er erst sechs Jahre alt war und die Schulpflicht erst mit sieben Jahren anzugehen war. Zumal der Schulbeginn im Frühling war und jetzt war erst anfangs März. Seine Mutter wollte ihn nicht so lange betreuen, da musste für sie eine Lösung her. Also beschlossen die Schulpflege und seine Mutter, dass ein Kinderheim in Appenzell das Richtige wäre. Gais hiess die Destination.
Die Leiterin war eine Deutsche mit dem Namen Himmler. Sie hatte zwei Katzen, die liebte sie mehr als die Kinder. Nach dem Mittagessen musste man auf die Toilette, ob man musste oder nicht, man musste sich in der Kolonne der Wartenden anstellen. Danach musste man sich zu einer Baracke begeben, da wurde zwei Stunden Mittagsschlaf befohlen. Es wurden auch damals zeitgemässe Bestrafungen bei Ungehorsam verhängt. Bambusrute, Teppichklopfer oder für Stunden im dunklen, feuchten Keller ausharren, das waren damals die gängigen Erziehungsmethoden.
Diese Erzählung ist ein eindringliches Portrait einer vergangenen Zeit, in der autoritäre Erziehungsmethoden und harte Disziplin oft als normale Praktiken galten. Sie zeigt auch die Resilienz und Entschlossenheit eines jungen Kindes, das trotz allem seinen eigenen Weg findet und sich nicht unterkriegen lässt.
Am 22. November 1963, an einem Tag, der für einen kleinen Jungen voller Licht und Freude hätte sein sollen, schwebte das Unheil wie ein dunkler Schatten über den herzlichen Momenten der Feier lichkeiten. Urs, der gerade den Sprung in sein siebtes Lebensjahr vollzog, hatte sich auf sein bescheidenes Festmahl gefreut, das von einer Haushälterin zubereitet wurde. Der Duft von frisch gebackenem Rüeblikuchen erfüllte den Raum und liess sein Herz höherschlagen. Doch das Schicksal hatte andere Pläne.
Die Stimmung des Abends war fröhlich, erfüllt von Lachen und den einfachen Freuden des Lebens. Seine kleinen Hände klatschten in die Hände, als der Fernseher auf den Schwarz-Weiss-Bildschirm blitzte und die ersten Szenen von «Polizist Wäckerli» erschienen. Urs konnte es kaum erwarten, das Abenteuer mit dem witzigen Polizisten zu erleben. Doch bald wurde diese Erwartung von einer unheilvollen Nachricht überschattet. Das Telefon klingelte mit einem schrillen, durchdringenden Ton, der die Freude aus dem Raum zu fegen schien.
«Machen sie den Fernseher an, es ist etwas Schreckliches passiert!» Die Stimme am anderen Ende zitterte. Die Haushälterin, verwirrt und beunruhigt, drückte die Knöpfe am Fernseher und verlor sich in den plötzlich ernsthaften Nachrichten.
Die fröhlichen Klänge des Films wurden von den düsteren Nachrichten überlagert. Die Worte «Präsident Kennedy wurde in Dallas erschossen» hallten durch den Raum und schienen die Zeit für einen Augenblick anzuhalten. Urs, der noch nicht ganz verstand, was dieses Ereignis für die Welt bedeutete, sah nur die Furcht in den Augen der Haushälterin. Die Farben des Abends verblassten, und die Kerzen, die sein Geburtstagstisch zierten, flackerten, als wäre das Licht selbst von der Schwere der Nachrichten betroffen.
Seine kleine Welt, die einst manchmal, wenn auch selten, voller Hoffnung war, wurde abrupt durch den Verlust eines grossen Führers dunkler. Die Unschuld des Jungen wurde an diesem Tag von der grauen Realität der Welt berührt. Er hörte, wie die Haushälterin leise weinte, und spürte eine Kälte, die so untypisch für einen Festtag war. In diesem Moment verstand er, dass selbst an den schönsten Tagen, die Schatten des Lebens unerwartet eindringen können.
So sass Urs nun da, mit dem Stück Rüeblikuchen vor sich, dass er nicht ass. Der Fernseher zeigte Bilder von trauernden Menschen, von einer Nation, die um einen Mann weinte, den sie geliebt hatten – und in diesem bittersüssen Augenblick, zwischen Freude und Trauer, begann er zu begreifen, dass das Leben aus einer Vielzahl von Farben bestand – auch aus jenen, die man nicht immer sehen wollte, aber die dennoch untrennbar zum menschlichen Dasein gehörten. Auch wenn er von Politik nichts verstand, berührten die Tränen der Menschen im Fernsehen seine Seele.
Es war der Anfang eines neuen Kapitels in seinen Erinnerungen, das stark an die Kluft zwischen Kindheit und Erwachsensein erinnerte – ein schleichender Prozess, in dem er lernen musste, mit der Komplexität der Welt umzugehen. An diesem Tag wurde Urs nicht nur ein Jahr älter, sondern auch mit einem Stück Wissen beschenkt, das ihn für immer begleiten würde.
Die Sommerferien hatten für Urs eine andere Bedeutung als für seine Freunde, die mit ihren Eltern und dem VW-Käfer ins sonnige Rimini reisten. Über den Gotthardpass, den Tunnel gab es noch nicht. Für sie war es Spass, Sonne und das Meer; für ihn war es das «Muss» als Verdingkind.
Auf dem Bauernhof, inmitten der Tiere, fand er sich wieder – isoliert von der Welt der Kinder, die sich am Strand vergnügten.
Die Morgensonne war noch nicht aufgegangen, als Urs das erste Mal die Augen in dem kargen Zimmer öffnete. Der Geruch von frischem Heu und die Geräusche der Tiere um ihn herum waren ihm noch nicht vertraut, er sehnte sich nach der Freiheit des Strandes bei seinen Freunden in Rimini.
Zu den Tieren hatte Urs immer eine besondere Bindung. Während die Erwachsenen sich in den Zwängen des Lebens verloren, fand er Trost bei den Kühen, den Ziegen und dem Hofhund Bless, einem Appenzeller Hund mit treuem Blick und ständigem Schwanzwedeln. Bless war oft der Einzige, der ihm ein Gefühl von Wärme und Verständnis gab. Katzen gab es auch auf dem Hof, wenn sie zu viel wurden ereilte sie ein trauriges Schicksal und das bedrückte ihn tief in seiner Seele. Die Vorstellung, dass die kleinen, hilflosen Tiere in einen Wassertrog ersäuft wurden und danach auf den Misthaufen geworfen wurden, versetzte ihm einen Stich im noch jungen Herzen. Er wusste, dass dies das harte Leben auf einem Bauernhof war, das Leben von Überfluss und Mangel, das nicht aus den Augen der Kinder, die unbeschwert am Meer spielten, zu sehen war.
Der Bauer war ein strenger Mann, der die Arbeit auf dem Hof bestimmte und seine Frau unter Druck setzte. Urs beobachtete oft, wie sie sich mühte, den Anforderungen gerecht zu werden. In diesen Momenten wurde ihm klar, dass auch Tiere nicht nur eine Existenz waren, sondern Teil eines Kampfes, einer Routine, die das Leben auf dem Hof bestimmte. Die Blinde Kuh, die er mitleidig beobachtete, erinnerte ihn schmerzlich an seine Grossmutter, die genauso verloren im Dunkeln war. Die Kuh durfte deswegen nicht mehr gemolken werden, meinte das Veterinäramt. Also war sie für den Bauer nutzlos.
Sie fuhren die Kuh zu der Milchabgabestelle, dort hatte es einen separaten Raum mit einem Standgitter, der Bauer trieb sie da hinein, fixierte ihren Kopf mit der Metallstange griff zu einem Militärkarabiner, gab das Gewehr Urs und befahl ihm der Kuh genau in die Stirn zwischen die Augen zu schiessen.
Als der Bauer die Entscheidung traf, die Blinde Kuh zu töten, war Urs nicht nur erschüttert – es war ein unmenschlicher Moment. Das Gefühl, ein Lebewesen, das ihm so leid tat, selbst unter keinen Umständen leiden zu lassen, und plötzlich stand er mit dem Schicksal der Kuh in seinen Händen. Der militärische Befehl des Bauern liess sein Herz schneller schlagen. Er hatte das Gewehr, hielt den kalten Schaft in seiner Hand. In diesem Augenblick hat ihn das Kind in ihm verlassen und gleichzeitig gezwungen, in eine Rolle zu schlüpfen, die viel zu schwer für ihn war.
Mit einem Zittern drückte er den Abzug, das Geräusch des Schusses hallte in seinen Ohren wider. Es war kein Grund zur Freude, kein triumphierender Moment, sondern ein weiteres Trauma, das sich ihm in die Seele frass und ihn Zeitlebens begleiten würde. Die Kuh brach zitternd zusammen, kein schöner Anblick. Die Illusion vom Leben, das von Freude und Unbeschwertheit geprägt sein sollte, zerbrach in diesem einen Augenblick.
Die Sommerferien waren für Urs mehr als nur eine Abwesenheit von Freunden; sie waren ein Buch voller harter Lektionen über Leben und Tod, über Verantwortung und die oft brutale Realität der Natur. Kaum waren die sechs Wochen der Ferien vergangen, war er gealtert, das Kind war in ihm weiter zum Jugendlichen gewachsen, und das Mysterium des Lebens hatte ihn für immer geprägt. Auch wenn die Tiere seine einzigen Freunde waren und sie ihm Trost boten, wusste er, dass der Sommer für ihn nie wieder der gleiche sein würde.
Wären die Tiere nicht gewesen, wäre Urs durchgedreht.
Wieder einmal Urlaub, dieses Jahr im Kloster Disentis, wo Misshandlungen und Missbrauch an der Tagesordnung waren. Urs wurde wegen seiner inneren Stärke praktisch verschont.
Die ersten Sonnenstrahlen fielen sanft über die imposanten Mauern des Klosters Disentis, während Urs im kühlen Dämmerlicht seines kleinen Zimmers sass. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, mehr gab es nicht. Er war erst zehn Jahre alt, doch gestählt durch die Erfahrungen der Jahre, die ihn viel gelehrt hatten, fühlte er sich älter, als er in Wirklichkeit war. Um ihn herum lebten Jungen, die das gleiche Schicksal geteilt hatten, gefangen in einem System, das oft grausame Regeln befolgte und die unschuldigen Seelen mit erdrückender Kälte behandelte. Misshandlungen und Missbrauch waren stille Schatten, die über den Gängen des Klosters schwebten, und während viele der anderen darunter litten, hatte Urs eine bemerkenswerte Resilienz entwickelt.
Es war nicht so, dass er diese Dinge nicht mitbekommen hätte. Er hatte die Tränen der anderen gesehen, das gebrochene Flehen in ihren Augen und das nervöse Flüstern, das schnell verstummte, wenn ein Erwachsener in die Nähe kam. Aber während der Dunkelheit um ihn herum zu wachsen schien, hatte Urs einen inneren Lichtstrahl gefunden, der ihn leitete. Er wusste, dass er stark sein musste, um die kleinen Momente des Lebens zu schätzen, um zu überleben.
Die Brüder des Klosters waren oft streng, ihre Gesichter von einem Ausdruck geprägt, der sowohl Respekt als auch Furcht erforderte. Für Urs war die Welt ausserhalb der Klostermauern ein unbekanntes Terrain, und trotz der düsteren Geschichten, die er gehört hatte, war da immer noch eine Kindlichkeit in ihm, die ihm Hoffnung gab. Sein Verstand war erwachsen, aber das Kind in ihm sehnte sich nach Freiheit, nach Lachen und einer unbeschwerten Jugend.
Eines Morgens, während die anderen mit ihren Aufgaben beschäftigt waren – Holz hacken, das Gemüse im Garten ernten, oder den staubigen Boden der Kapelle aufwischen – schlich Urs zu dem alten Brunnen hinter dem Kloster. Es war ein Ort des Rückzugs, fernab der strengen Blicke, wo die Luft frisch und kühl war und die Vögel fröhlich zwitscherten. Hier konnte er träumen, Gedanken nachhängen, ohne die erdrückenden Erwartungen und die drückende Stille, die im Kloster herrschte.
Er erlaubte sich, an die Freiheit zu denken. An die weiten Wiesen, die ihn rufen, die Berge, die ihn umarmen würden, und das rauschende Wasser, das ihm Geschichten erzählen konnte, wenn es über die Steine plätschert.
Doch in den stillen Momenten, während er am Rand des Brunnens sass, wurde ihm klar, dass die anderen Jungen mit ihm zogen; jeder in diesem Verhältnis trug eine Wunde, die noch nicht verheilt war. Es war die tiefe Einsamkeit, die auch in der Gemeinschaft fühlbar war – eine Traurigkeit, die die Luft schwer machte. Urs fühlte sich oft wie ein Fremder, ein Zuschauer in ihrem Spiel, aber innerlich war er ein Kämpfer.
Seine Wochen im Kloster hatten ihn geprägt, und während er die Last der Realität trug, wollte er die Stärken nutzen, die er angekratzt hatte. Er wollte den Kipppunkt herausfinden, an dem noch Hoffnung, Mitgefühl und Freundschaft, inmitten des Kampfes, überleben konnten.
An einem Nachmittag, beschloss Urs, dass er nicht nur zuschauen wollte. Er wollte etwas verändern, auch wenn es klein war. Er suchte nach den verletzten Seelen um sich herum, die stille Hilfe benötigten und die ihn erkannten, die ihn ansprachen, nicht durch Worte, sondern durch einen Blick, durch das Leuchten in ihren Augen, als sie sahen, dass jemand sie tatsächlich bemerkte.
Mit der Kraft seiner Resilienz und der Unschuld seines kindlichen Herzens, beschloss Urs, diese Jungen zu vereinen. Gemeinsam wollten sie das Kloster zu einem Ort machen, an dem sie, zumindest für einen kurzen Augenblick, kindliche Freude und Freundschaft erleben konnten, fernab von Kälte und Missbrauch. Es sollte ein Geheimnis sein, etwas, was nur sie kannten – eine kleine Flamme des Widerstands gegen die Dunkelheit.
Urs wusste, dass sie den Weg mit Mut gehen mussten. Auch wenn das Kloster Disentis ihre Kindheit prägen würde, würde er dafür sorgen, dass sie nicht gänzlich in Vergessenheit gerieten. Denn in der Tiefe ihrer verletzten Seelen gab es die Kraft, die das Unrecht überbrücken konnte: eine unbändige Hoffnung auf eine bessere Zukunft, in Frieden und Freiheit.
Hans war der Inbegriff eines ewigen Hippies. Er wollte seine Geschichten als Buch aufschreiben, dazu war er aber nicht in der Lage. So bat er Urs, das für ihn zu machen. «Ghostwriter» sozusagen. Das war anfangs der Zweitausenderjahre. Urs führte die weit über zweihundert Seiten zusammen. Während dieser Arbeit verstarb Hans. Aber hier ein Kapitel, vom Ende der Sechzigerjahre, welches Urs in bester Erinnerung blieb:
Hans war älter als Urs, er konnte schon Autofahren, als Urs noch mit dem Vélosolex unterwegs war. Hans, der das Leben in vollen Zügen genoss und finanziell von seinem Vater unterstützt wurde, verkörperte den Geist der Sechziger- und Siebzigerjahre mit seiner rebellischen und unkonventionellen Art. Er hatte noch nie gearbeitet, sein Vater, ein Schrotthändler unterstützte ihn sein Leben lang finanziell. Eines Tages fuhr er mit einem VW-Bus an den Quartierplatz, stieg aus und schritt mit seinem John-Wayne-Gang auf Urs zu. Sie unterhielten sich und Hans sagte: «Morgen breche ich zu einer grossen Reise auf. Zürich–Kabul in Afghanistan, brauchst du etwas ausser Stoff?» Ich möchte gerne so einen bestickten afghanischen Mantel aus Schafsfell, wie sie die Beatles tragen, war die Antwort. Die stinken zwar fürchterlich, sind aber in Mode. Kein Problem für Hans, er war beim «Besorgen» Weltklasse.
Mit seinem jüngeren Bruder an seiner Seite erlebte Hans eine unbeschwerte und sorglose Reise, die durch die liberalen und westlich orientierten Zeiten in Afghanistan geprägt war. Die grenzüberschreitende Reise verlief reibungslos, und Hans’ Schweizerpass und dessen Bruder und einige Dollars erwies sich als nützlich, um Hindernisse zu überwinden.
Die Geschichte von Hans zeigt den Geist der Abenteuerlust und Freiheit der damaligen Zeit, als junge Menschen die Welt erkundeten und neue Erfahrungen sammelten, getrieben von einem unbändigen Durst nach Entdeckung und Individualität. Natürlich wollten die beiden nicht nur einen Mantel nach Zürich bringen, es stand ihnen der Sinn nach mehr.
Das Bild des VW-Bullis, ein treuer Begleiter und vielseitiger Gefährte auf ihren Reisen, der ihnen ein Zuhause und Freiheit bietet, wird deutlich gezeichnet. Er bot genügend Platz für zwei Personen, um darin zu übernachten, kochen und zu essen. Aus dem Acht-Spur-Tonbandgerät klang ständig aktuelle Musik vom Ende der Sechzigerjahre. Die Beschreibung der Strassenverhältnisse, die holprige Fahrt über Stock und Stein, vermittelt die Herausforderungen und den Nervenkitzel der Reise. Etwas durchgerüttelt erreichten sie Kabul.
In Kabul angekommen, tauchen sie ein in die bunte Vielfalt und das lebendige Treiben der Stadt. Die Sprachbarriere wird überwunden, als sie mit den Einheimischen ins Gespräch kommen und in ein mysteriöses Abenteuer verwickelt werden. Es wurde ein Kuddelmuddel der Sprachen, Arabisch, Französisch, etwas Englisch und fast kein Deutsch. Aber, eines verstanden alle: Haschisch!
Sie wurden von den ältesten und privilegiertesten Männern in einen abgelegenen und heruntergekommenen Schuppen geführt. Einer von ihnen ging an eine Wand, welche in Wirklichkeit keine Wand war, drehte ein paar Steine im Uhrzeiger- und Gegenuhrzeitsinn und schon war eine kleine Luke offen, soweit, dass ein erwachsener Mensch durchkriechen konnte.
Hans erinnerte das an das Märchen von Alibaba und die vierzig Räuber, zu schön, um wahr zu sein. Die übrigen Männer unterhielten sich mit Hans, fragten, wie viele Platten er vom Cannabis haben möchte. Hans sagte, für zweitausend Dollar. Das war eine Menge Kohle. Sie machten den Stoff parat, Hans prüfte jede Platte akribisch mit dem Feuerzeug und zog jeweils den Geruch in die Nase. Es war ein reiner und vorzüglicher Stoff. Die Frage war nun, wie schmuggle ich das nach Zürich?
Die Beteiligten scheinen in einem riskanten Unterfangen verwickelt zu sein, das mit Schmuggel und Täuschung einhergeht. Trotz der potenziellen Gefahren und Herausforderungen, denen sie gegenüberstanden, erschienen die zwei Brüder entschlossen zu sein und organisiert in ihrem Vorgehen.
Einer der jüngeren Händler meinte, sein Cousin sei Tischler und Möbelschreiner, der kann ihnen sicher weiterhelfen. Gesagt, getan, er führte die zwei zur Schreinerei, das Cannabis abgedeckt auf einer Schubkarre vor sich herschiebend. Der Schreiner zeigte eine gewisse List und Kreativität, um das Cannabis geschickt zu verbergen. Mit Händen und Füssen und ein wenig Englisch erklärte der Tischler seinen Plan. Er nehme zwei grosse Holzplatten, fräse das Innere von beiden möglichst aus, dort fanden die Haschischplatten genügend Platz. Dann werden die zwei Holzplatten zusammengefügt, verklebt und die Kanten abgeschliffen. Am Schluss sah das wie ein einziges breites Brett aus. Sie entlöhnten ihn mit zehn Dollar. Ein Trinkgeld, wenn man bedenkt, wieviel die gesamte Ladung in Europa wert sein wird.
Sie fuhren danach mit ihrem Bulli vor und befestigten die Platte auf dem Dachständer. Sie fuhren damit an den Rand der Stadt, richteten ein bescheidenes Mahl und machten sich für die Übernachtung im VW-Bus parat.
Am nächsten Morgen fuhren die zwei noch an den Markt um zehn Schafsmäntel zu kaufen und machten sich auf den Rückweg. Die Route führte über den Iran, Istanbul nach Griechenland. Die Erwähnung des Schweizerpasses und eine Handvoll Dollar deutete darauf hin, dass sich die Brüder auf flinke und geschickte Weise durch die Grenzkontrollen manövrieren konnten, um ihr Ziel zu erreichen. Die grosse Kontrolle würde aber erst erfolgen, wenn sie mit der Fähre von Griechenland nach Bari in Süditalien übersetzen würden.
Die Geschichte nimmt eine unerwartete Wendung voller Spannung und Herausforderungen, die die Charaktere Hans und seinen Bruder vor grosse Probleme stellen. Die Renn-gegen-die-Zeit-Situation, um die Fähre nach Bari zu erreichen, führte zu einer intensiven Fahrt mit unvorhersehbaren Hindernissen. Hans wusste nur, dass die Fähre nach Bari am Dienstag und Donnerstag am Morgen früh um neun Uhr ablegen wird. Und es war Dienstag! Sieben Uhr … sie mussten sich beeilen, wollten sie die Fähre noch erwischen.
Der starke Meltemi-Wind und die unvorteilhaften aerodynamischen Eigenschaften des VW-Busses, verstärkt durch die grosse Holzplatte auf dem Dachständer, sorgten für eine gefährliche Fahrt. Bei so hundertzehn Kilometer pro Stunde hob der Bulli kurz ab, es gab einen grossen Knall. Was war das? Die Brüder schauten sich gegenseitig an, beide kreidebleich. Sie hielten am Strassenrand an, stiegen aus und sahen die Bescherung. Das Brett hatte sich vom Dachständer gelöst, fiel zu Boden und zerbrach. Dabei verteilten sich die Haschischplatten auf der Strasse, was zu einer hektischen Situation führte, in der die Brüder das wertvolle Gut schnell aufsammeln mussten.
Aber sie waren ja nicht allein auf dieser Strasse unterwegs, es war ein Spiessrutenlauf. Zum Glück fuhr dabei keine Polizei oder die Militärjunta vorbei, die zwar langsam die Macht abgab und damit Griechenland in einer Art der Demokratie gewähren liess. Trotzdem hatte es immer noch unbelehrbar Anhänger eines veralteten Systems und die konnten immer noch sehr gefährlich werden! Die Angst vor potenziellen Konsequenzen durch Polizei oder Anhänger des alten Systems in Griechenland verstärkt die Dringlichkeit und den Druck auf die beiden Brüder. Trotzdem schaffen sie es, die Situation zu meistern und sich aus der gefährlichen Lage zu befreien. Nach diesem Vorfall wussten sie, damit würden sie die Fähre nicht mehr erreichen. Also … wäre der Donnerstag die nächste Option für die Überfahrt der Adria.
Am Mittwoch, nachdem sie endlos viele Gedanken darüber angestellt hatten, wie es weitergehen sollte, standen sie vor der Herausforderung, zwei Zollstellen zu passieren, wobei die zweite die in die Schweiz war. Dies bereitete ihnen jedoch keine grossen Sorgen, denn sobald sie erst einmal in Italien waren, wusste Hans einen Weg über einen unbewachten Kontrollpunkt. Der geplante Weg führte sie dann durch Südtirol ins schweizerische Engadin. Doch zunächst mussten sie die Hürde von Griechenland nach Bari überwinden.
Sie übten sich im Brainstorming, da die berauschende Substanz in grossen Mengen nicht unauffällig in einem Buch, Stofftier, Erste-Hilfe-Koffer oder Ähnlichem versteckt werden konnte. Der Bulli hatte unter der Karosserie eine grosse Ölwanne. Zuerst fuhren sie in die Stadt, um Lebensmittel einzukaufen – nicht unbedingt, weil sie sehr hungrig waren, sondern wegen der Plastiktüten. Auf dem Rückweg zum Hafen fuhren sie in ein Pinienwäldchen, verpackten die Substanz in die Plastiktüten und platzierten sie in der grossen Ölwanne.
Am Donnerstagmorgen machten sie sich auf den Weg zum Hafen, um sich vor acht Uhr einzuchecken. Die Formalitäten beim Zoll verliefen wie geplant. Die Zollbeamten durchsuchten das Fahrzeug, führten Leibesvisitationen durch, überprüften das Fahrzeug von unten, konnten jedoch nichts Verdächtiges finden. Pünktlich um neun Uhr legte die Fähre in Richtung Bari, Italien, ab.
Die Überfahrt nach Bari dauerte über zehn Stunden, daher war es zu erwarten, dass sie gegen sieben Uhr am Abend ankommen würden. Die beiden legten sich auf ihre Matten im Bulli und schliefen den Grossteil der Überfahrt durch. Bei ihrer Ankunft in Bari verlief alles reibungslos, die Zöllner wollten ihren Feierabend machen und liessen die beiden Passagiere passieren. Nun mussten sie nur noch die letzten über tausend Kilometer zurücklegen.
Hans hatte immer ein weisses Pulver als Reserve, das ihn wach und konzentriert hielt. Plötzlich überquerte etwas die Strasse, Hans machte eine Vollbremsung, berührte jedoch etwas. Er schaltete in den Rückwärtsgang, stieg aus und sah, was passiert war: Ein kleiner Hund lag auf der Strasse und keuchte vor sich hin. Mit Vorsicht hob Hans den Hund auf und brachte ihn zurück zum Bus. Unabhängig von der Meinung, die man von Hans haben mochte, war klar, dass er Tiere über alles liebte. Hans und sein Bruder kümmerten sich um den kleinen Streuner, gaben ihm frisches Wasser und verbanden seine verletzte Pfote.
Hans’ Bruder entschied: «Okay, er gehört jetzt zu uns», auch wenn sie nicht genau wussten, ob es sich um ein Männchen oder Weibchen handelte. Egal, nun waren sie zu dritt auf diesem schönen Ausflug unterwegs.
