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Das ist ja mysteriös! Eine goldene Kette, die als Grabbeilage diente, taucht plötzlich wieder unter den Lebenden auf. Die Besitzerin heuert Violet als Detektivin an, um das Rätsel zu lösen. Die Spur führt ins Griechische Theater, wo eine Wahrsagerin namens Lady Athena große Erfolge feiert – angeblich kann sie mit den Toten sprechen. Und plötzlich werden all ihre Prophezeiungen wahr... Steckt dahinter ein falsches Spiel? Oder hat die Seherin tatsächlich übersinnliche Fähigkeiten? Violet, ihr Gefährte Oliver und ihr Windhund Bones lassen sich nicht zweimal bitten: Sie nehmen die Spur auf und kommen hinter ein Geheimnis, das es in sich hat ... Mehr sei nicht verraten, außer: Band zwei der Krimi-Reihe verheißt wieder eine unvergleichliche Mischung aus leichtem Grusel, Spannung und Spaß.
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Seitenzahl: 338
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Für Dominic Baker-Smith, weil er seinen Namen in einem Buch lesen wollte
1
Mein Name ist Violet Veil und ich bin die Tochter eines Bestatters.
Weit wichtiger jedoch: Ich bin auch eine Ermittlerin.
»Bist du nicht«, sagte mein kleiner Bruder Thomas beim Frühstück mit dem Mund voll Buttertoast. Die Butter tropfte auf seine Schuluniform. »Du arbeitest nicht für die Polizei.«
»Ich bin selbstständig«, belehrte ich ihn. Während ich das sagte, tüftelte ich an einem Werbeschild. Mit der Zungenspitze im Mundwinkel malte ich sorgfältig die Buchstaben.
»Aber du bist ein Mädchen«, beharrte er. »Mädchen können keine Detektivinnen sein. Dafür muss man ein Mann mit einem komischen Namen sein, wie Sherlock Holmes oder … oder …«
»Jack Danger«, schlug mein Freund Oliver mit seinem üblichen frechen Grinsen vor.
»Ach, seid still, ihr«, gab ich zurück und tupfte die Tinte sorgfältig trocken. »Nur weil man etwas zuvor noch nie gemacht hat, heißt nicht, dass man nicht damit anfangen kann.«
Die Idee dazu war mir im Anschluss an die Ereignisse im vergangenen Oktober gekommen, als Oliver plötzlich in unser Leben geplatzt ist. Oder genauer gesagt in einem Sarg zu uns gekommen ist, nur um dann – sehr zu seiner eigenen Verwunderung und der aller anderen – lebend zu erwachen.
Er hatte mich gebeten, den »Mord« an ihm aufzuklären, der, wie wir rasch mutmaßten, mit einigen anderen, kurz zuvor begangenen Morden zusammenhing. Geholfen haben uns dabei mein Windhund Bones, der eines Tages auf mysteriöse Weise auf dem Friedhof hinter unserem Haus aufgetaucht war, und mein nicht weniger mysteriöser sechster Sinn, der es mir erlaubte, mit Geistern zu kommunizieren (ob ihnen jedoch danach war, auch mit mir zu kommunizieren, war eine andere Sache). Gemeinsam hatten wir es geschafft. Natürlich war der Weg dorthin etwas holprig gewesen – zum Beispiel die Tatsache, dass mein Vater unter dem Verdacht, diese sogenannten Seven-Gates-Morde begangen zu haben, verhaftet worden war. Doch dass ich den wahren Schuldigen ausfindig machen konnte, hatte zu seiner Entlassung aus dem Gefängnis geführt.
Das Geheimnis zu lüften hatte mir einen Vorgeschmack auf etwas gegeben, das ich mir nie hätte ausmalen können. Auf einmal war ich nicht länger dazu verurteilt, mein Leben mit Stickarbeiten zu verbringen und damit, heiratswürdige Junggesellen bei gesellschaftlichen Ereignissen zu treffen. Immer schon hatte ich davon geträumt, Bestatterin werden zu dürfen wie mein Vater, was meine Eltern mal mehr, mal weniger in Schrecken versetzt hatte. Aber das war Thomas’ und vielleicht auch Olivers Bestimmung, nicht meine. Aber nun sah ich eine Möglichkeit, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
Ich lehnte mich zurück und betrachtete mein Werk auf dem kleinen weißen Stück Karton.
VEIL-ERMITTLUNGEN
Detektivbüro
(Geheimnislüften inbegriffen)
Fragen Sie nach Miss Violet Veil
Oliver schielte herüber. Seit er bei uns war, half ich ihm dabei, lesen zu lernen. »Veil … Er-mitt … lungen«, las er vor und grinste mich dann an.
»Genau!« Ich grinste zurück.
Sein Lächeln erstarb langsam. »Also nur du?«
»Du bist doch Vaters Lehrling. Und außerdem macht dir diese ganze Detektivsache keinen Spaß.«
Er rümpfte die Nase, sagte aber nichts.
»Mutter wird böse mit dir sein«, sagte Thomas, während er vom Tisch aufsprang. Bones bellte und kam herüber, um etwaige Krümel aufzulesen.
»Sie hat mich doch beauftragt, zu ermitteln«, hielt ich dagegen. Und das stimmte – allerdings, um genau zu sein, hatte sich das nur darauf bezogen, Vater freizubekommen. Aber es gab gar keinen Grund, dies nicht als generelle Erlaubnis auszulegen.
»Was hast du damit vor, Violet?«, wollte Oliver wissen und deutete auf die Karte.
»Ich werde sie ins Schaufenster des Ladens stellen«, erwiderte ich. »Los, komm.«
In den letzten paar Monaten waren die Geschäfte wieder wesentlich besser gelaufen. Vater hatte von den Zeitungen, die ihn fälschlicherweise beschuldigt hatten, einiges an Entschädigung erhalten. Außerdem hatte er dem Weekly Bugle ein Exklusivinterview zu seiner unrechtmäßigen Verurteilung gegeben und nicht nur ein ordentliches Sümmchen daran verdient, sondern hatte gleichzeitig noch für seine Dienste geworben. Seitdem war er so beschäftigt, dass seine Schulden rasch abnahmen und er sogar noch mehr Bedienstete anstellen konnte. Der erste war Ernesto, der sich nun um den Laden (wie wir ihn nannten, obwohl es kein echter Laden war) kümmerte, wann immer Vater unterwegs bei Beerdigungen war.
»Morgen, Miss Violet«, begrüßte er mich und tippte sich an den Hut, als wir reinkamen. »Wir haben heute schon zwei neue Beerdigungen reinbe…«
Er wurde von Bones unterbrochen, der durch die Hintertür hereingerast kam, über den Holzfußboden schlitterte und zur Begrüßung an ihm hochsprang. Ernesto hatte ziemliche Angst vor Hunden, doch zu seinem Leidwesen liebte Bones ihn. Der Hund hatte die Pfoten auf die Schultern des jungen Mannes gelegt und wedelte wild mit dem Schwanz. Ernestos Gesichtsausdruck spiegelte blanken Horror wider.
»Ab mit dir, Junge!«, befahl ich. Bones gehorchte ein wenig schuldbewusst, aber selbstzufrieden – und wedelte immer noch wie wild mit dem Schwanz. »Du weißt doch, dass Ernesto es nicht mag, wenn du dich so aufführst!«
Während Bones zurückwich, tupfte Ernesto sich die Stirn mit dem Taschentuch ab und murmelte: »Dios mío.«
»Tut mir leid«, sagte ich. »Er hat dich einfach gern.«
»Das ist schon in Ordnung, Miss«, antwortete er, sah aber immer noch ein wenig erschrocken aus. Das passierte jedes Mal, wenn ich Bones in seine Nähe ließ, aber Ernesto hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt. Er drehte sich um und sah die Akten im Schrank hinter sich durch.
Ernesto hatte vor ziemlich vielem Angst, wie ich festgestellt hatte. Von Spinnen über scharfe Gegenstände bis hin zu – kurioserweise – sauer eingelegtem Gemüse. Das Einzige, was ihm – zum Glück, bei seinem Job – keine Angst zu machen schien, war der Tod.
Ich ging hinüber zum Schaufenster des Ladens, in dem zurzeit ein wunderschön bemalter Sarg ausgestellt war. Wir hatten ihn mit gelben Immortellen geschmückt – der Ewigkeitsblume. Ich lehnte mich darüber und steckte meine Karte an einer Fenstersprosse fest, sodass sie von außen gut sichtbar war.
»Was machen Sie da, Miss Violet?«, rief Ernesto hinter den Aktenschränken hervor.
»Nichts!«
Oliver warf mir einen Blick zu. Sogar Bones schien mich argwöhnisch anzustarren.
»Was denn?«, wisperte ich. »Entweder bemerkt Vater es oder er bemerkt es nicht. Früher oder später werde ich es ihm ohnehin erklären müssen.«
»Und wenn er es nicht gutheißt?«, fragte Oliver.
Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. Darüber würde ich mir Gedanken machen, wenn es so weit war. »Solltest du als sein Lehrling nicht mittlerweile auch draußen sein?«
Oliver fuhr herum, um einen Blick auf die Uhr an der gegenüberliegenden Wand zu werfen. »Ist es schon acht?«
Ich nickte, obwohl es genau genommen erst fünf Minuten vor war.
»Mist! Ich muss los!« Mit diesen Worten rannte er in den Flur hinaus.
Ernesto richtete sich wieder auf, fächelte sich Luft zu und setzte sich an den Schreibtisch.
Ich drückte mir selbst die Daumen, dass Oliver Vater nicht direkt alles über mein neues geschäftliches Unterfangen erzählen würde, war mir aber ziemlich sicher, dass er dichthalten würde. Wir waren immerhin enge Freunde und Freunde mussten zusammenhalten. Und außerdem würde ich ihn ohnehin auf jede erdenkliche Weise mit hineinziehen.
Obwohl die Dinge in finanzieller Hinsicht besser für uns liefen, waren wir noch nicht über den Berg. Wir hatten immer noch nur ein Dienstmädchen, obwohl wir früher einen ganzen Stab an Hausangestellten hatten. Mittlerweile war mir klar, dass wir froh sein konnten, ein Dach über dem Kopf zu haben, aber selbst das wäre in Gefahr, wenn Vater seine Schulden nicht vollständig bezahlen konnte. Wenn ich also nebenher ein bisschen Geld verdiente, würde es Vater und Mutter vielleicht helfen.
Ich öffnete die Ladentür und trat, mit Bones auf den Fersen, hinaus auf die geschäftige Straße. Ich konnte einfach nicht anders, als beim Anblick meiner Karte zu lächeln. Sie war ein Neuanfang. Ich hatte den Köder ausgelegt. Nun galt es, abzuwarten und zu sehen, wann die Falle zuschnappen würde.
2
Ich musste lange warten. Mysteriöse Vorfälle waren, wie es schien, nicht so weit verbreitet, wie ich gehofft hatte.
Ich lenkte mich damit ab, im Haus und im Geschäft zu helfen, wann immer Mutter mich nicht dazu anhielt, Klavier zu üben oder Handarbeiten zu machen. Meine Gedanken jedoch waren immer bei der kleinen Karte im Schaufenster.
Ich war bei den Ermittlungen auf den Geschmack gekommen – das berauschende Gefühl, Hinweisen hinterherzujagen, Bones’ Riecher zu folgen und einem Mörder einen Strich durch die Rechnung zu machen – und ich wollte mehr. Besser als irgendwer sonst wusste ich, dass das Leben gelebt werden musste. Die Toten waren nicht mehr als Geflüster, rasselnde, verstaubte Skelette. Aber ich hatte mein Leben noch vor mir. Ich war mutig und lebenslustig und das wollte ich ausleben, so gut ich konnte.
Nur wie, wenn das Abenteuer sich einfach weigerte, an meine Tür zu klopfen?
Ungefähr eine Woche später grübelte ich gerade darüber nach, während ich zum neunzigsten Mal die Blumen im Schaufenster in Ordnung brachte. Ernesto machte Mittagspause und Bones lag lang ausgestreckt in einem Fleckchen Sonnenlicht auf dem Fußboden, eine Staubwolke tanzte über ihm. Plötzlich spitzte er die Ohren und tatsächlich öffnete sich Augenblicke später die Ladentür.
Es war eine relativ junge Dame mit langem schwarzem Haar. Mir fiel sofort der ungewöhnliche, kunstvolle Stil ihres Kleides auf. Es war aus zarter chinesischer Seide und auf der Vorderseite in Falten gelegt wie ein Mantel. Das Zweite, was mir ins Auge stach, war, dass ihre Kleidung in Pfauenblau und Gold strahlte – was noch ungewöhnlicher war. Nur selten kam jemand in den Laden, der nicht schwarz gekleidet war.
»Guten Tag. Kann ich helfen?«, wiederholte ich, was ich Vater und Ernesto schon viele Male hatte sagen hören. Ich wollte schon nach den beiden rufen, aber die Dame hielt mich davon ab.
»Sind Sie Miss Violet Veil?«, fragte sie mit einem Hauch von ausländischem Akzent in der Stimme.
Eine Sekunde war ich sprachlos. »Ähm – ja, das bin ich tatsächlich.«
»Sie sind … nicht, wie ich erwartet hatte«, sagte sie.
»Oh, nun ja …« Ich blinzelte. »Ich bin klein für mein Alter.« Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, aber ich hoffte, sie hielt mich dadurch für älter. »Darüber hinaus bin ich qualifiziert. Haben Sie von den Seven-Gates-Morden gehört?«
»Ja«, antwortete sie. Ihr Gesichtsausdruck ließ erkennen, dass sie sich erinnerte. Das Urteil gegen meinen Vater und dann die Entlarvung des eigentlichen Täters – das war die Schlagzeile in allen Zeitungen gewesen.
»Das war ich.« Ich hielt inne. Das klang missverständlich. »Genauer gesagt, ähm, habe ich den Fall gelöst. Vielleicht haben Sie meinen Namen schon mal irgendwo gelesen?«
Sie nickte. »Er kam mir gleich so bekannt vor, als ich Ihr Schild im Schaufenster gesehen habe. Ich bin Miss Li und ich wohne am Turner Square. Schön, Sie kennenzulernen. Haben Sie kurz Zeit für mich?«
»Natürlich«, antwortete ich gelassen. Innerlich fühlte ich mich jedoch weit weniger selbstbewusst. Ich hatte so darauf hingefiebert, dass sich jemand auf meine Reklame melden würde, dass ich darüber ganz vergessen hatte, mir einen Plan zurechtzulegen, wenn dieser Fall einträte.
Bones umkreiste uns schwanzwedelnd. Ich wusste, das war ein Zeichen, dass er Miss Li für vertrauenswürdig hielt. Wenn er Gefahr verspürte, knurrte er für gewöhnlich mit aufgestelltem Nackenfell. Ich schielte hinüber zum Flur, der den Laden mit unserem Wohnhaus verband. Ernesto war vermutlich irgendwo draußen. Vater hatte in der Leichenkammer zu tun und Oliver ging ihm zur Hand. Niemand würde etwas bemerken.
Ich eilte hinüber zum Schreibtisch. »Setzen wir uns doch, ähm, an meinen Schreibtisch«, sagte ich und kippte rasch das Messingschild um, auf dem EDGAR D. VEIL stand.
Sie sah sich ein wenig verunsichert um, nahm dann aber mir gegenüber Platz. »Danke«, erwiderte sie ruhig. Bones kam herübergetapst und drückte sich unter dem Schreibtisch an meine Beine.
Ich nahm einen Notizzettel und einen Bleistift aus Vaters Ablage. »Sie haben also ein Geheimnis, das es zu untersuchen gilt?«, fragte ich eifrig. »Einen Mord? Eine Entführung?«
Die Dame hob die Augenbrauen.
Ich bemerkte, dass ich hoch pokerte, und räusperte mich verlegen. Dummkopf, schimpfte ich mich selbst. Mit so etwas würde sie doch zur Polizei gehen.
»Ein verschwundenes … Haustier?«, schlug ich vor.
»Nein«, erwiderte sie schließlich. »Es ist etwas … ungewöhnlicher. Ich war nicht sicher, an wen ich mich wenden sollte.« Sie holte tief Luft. »Dies habe ich gefunden.« Sie fasste sich in den Kragen ihres Kleids und zog eine goldene Halskette hervor.
Ich sah sie mir etwas genauer an – sie war wunderschön. Der Anhänger war fast wie ein Schloss geformt, auf dem ein verschlungenes Blumenmuster auf blauem Hintergrund eingraviert war. Glänzende Perlen in verschiedenen Formen hingen daran hinab. »Sie haben sie gefunden?«, fragte ich. Ich war mir nicht sicher, ob das ein Geheimnis war. Was genau wollte sie von mir? »Möchten Sie … dass ich den Besitzer ausfindig mache?«
»Nein, Miss Veil«, antwortete sie. »Es ist meine. Ich hatte sie verloren. Absichtlich.«
Jetzt war die Kette nicht das Einzige, das verloren war. Ich hatte völlig den Faden verloren.
»Entschuldigen Sie bitte«, sagte ich und legte den Stift weg, »aber was genau ist das Mysteriöse daran?«
Sie nahm die Kette ab und warf sie geräuschvoll auf den Schreibtisch. »Diese Anhänger sind für gewöhnlich Schutzamulette – für Jungen. Mein Vater hat dieses hier als Kind geschenkt bekommen, hatte aber keinen Sohn, dem er es weitergeben konnte. Er hat mich gezwungen, es zu tragen, aber ich glaube nicht, dass er mich damit schützen wollte. Er war …« Sie hielt inne, um die richtigen Worte zu finden. »Grausam und streng. Ich habe viele Ozeane überquert, um ihm zu entkommen, aber er ist mir gefolgt. Als er vor einigen Monaten gestorben ist, habe ich nicht gezögert, es wegzuwerfen.«
»Es muss sehr wertvoll sein«, sagte ich mehr zu mir selbst, nahm es auf und ließ es durch meine Finger gleiten.
Miss Li nickte. »Meine Schwester war sehr wütend auf mich, doch für mich war es … ein Symbol seiner Person und allen Schmerzes, den er verursacht hatte. Ich wollte es nur loswerden. Allerdings … gab es da diese Prophezeiung.«
Ich spürte, wie Bones sich unter dem Schreibtisch regte – und wenn ich selbst Windhundohren gehabt hätte, wären sie jetzt mit Sicherheit auch gespitzt. Ich verstand immer noch nicht, aber was sie sagte, klang interessant. »Eine Prophezeiung?«
Miss Li machte eine erklärende Geste. »Meine Schwester Zhen hat vor Kurzem geheiratet. Einen Mann namens Barnaby Campbell, der bei der Bank in Havisham arbeitet. Er führt sie immer in das Theater um die Ecke aus, das Grecian. Kennen Sie es?«
»Ich habe davon gehört«, erwiderte ich und dem war tatsächlich so. Aber ich war noch nie dort gewesen. Ich flehte Mutter oft an, mit mir ins Theater zu gehen, aber abgesehen von einem Besuch von Schwanensee an Weihnachten lehnte sie immer ab.
Miss Li spielte einen Augenblick mit der Kordel an ihrem Umhang, bevor sie weitersprach. »Dort gibt es eine Darstellerin. Lady Athena nennt sie sich. Sie legt Karten. Und man sagt, sie kann …«, Miss Li begann zu flüstern, »mit den Toten sprechen.«
Ich runzelte die Stirn. Ich hatte die Toten gehört – sie waren nicht unbedingt gesprächig. Für gewöhnlich empfing ich von ihnen nicht mehr als ein Gefühl oder einzelne Wortfetzen. Das behalte ich meistens für mich, denn ich hatte nie jemand anderen getroffen – jedenfalls nicht, dass ich wüsste–, der sie auch spüren konnte. Natürlich hatte ich von Medien gehört und von Séancen, die in Salons abgehalten wurden, aber meine Eltern würden mich nie zu so etwas gehen lassen. Ich hatte einige Bücher und Abhandlungen gelesen, die Vater zu diesem Thema besaß, aber er hatte mir immer deutlich gemacht, dass er solche Leute für Schwindler hielt. Verfügte diese Lady Athena tatsächlich über dieselben Fähigkeiten wie ich oder war auch sie eine Betrügerin?
Ich konnte spüren, wie Bones zu meinen Füßen tief und grollend knurrte, und streckte die Hand hinunter, um ihn zu streicheln. Das war eine Warnung, ich war nur nicht sicher, wovor.
»Aber …«, setzte ich an, »was hat das mit der Kette zu tun?«
»Lady Athena«, antwortete Miss Li, »sagte meiner Schwester die Zukunft vorher, mithilfe ihres ›Kontrollgeistes‹. Sie sagte Zhen vorher, dass ich diese Kette finden würde. Und schon am nächsten Tag lag sie auf meinem Nachttischchen, als ob sie nie fort gewesen wäre.«
Meine Gedanken begannen, erneut abzuschweifen. Wie es schien, war dies nicht das aufregende Rätsel, das ich mir erhofft hatte. Und es würde nicht mehr lange dauern, bis Vater oder Ernesto zurückkommen und mich dabei erwischen würden, wie ich am Schreibtisch mein Unwesen trieb. »Vielleicht hatten Sie nur vergessen, wo Sie sie hingelegt hatten«, überlegte ich. »Oder ein Bediensteter hat sie gefunden und zurückgelegt.«
Doch Miss Li beugte sich vor und fixierte mich mit einem sehr ernsten Blick. »Das ist ziemlich unmöglich. Wissen Sie, ich …« Sie ballte die Hand zur Faust. »Ich hatte die Kette ins Grab meines Vaters geworfen.«
3
Nachdem ich meine Kinnlade, die mir auf den Boden gefallen war, wieder aufgehoben hatte, wusste ich, dass ich Miss Li weitere Fragen stellen musste. Auf einmal war mein Interesse geweckt.
»Dann hat jemand die Kette ausgegraben?«, hakte ich nach. »Ein Grabräuber?«
»Das ist ja das Merkwürdige«, antwortete sie, als ob das, was sie mir zuvor erzählt hatte, nicht im Mindesten seltsam sei. »Die Grabruhe meines Vaters wurde nicht gestört. Ich habe mich mit eigenen Augen davon überzeugt. Die Erde war unberührt.«
Mir schwirrte der Kopf. Diese ganze Detektivgeschichte erforderte doch mehr Geistesgegenwart, als ich gedacht hatte. Was waren die richtigen Fragen? Einen Augenblick musste ich an Inspektor Holbrook denken – den mürrischen und einschüchternden Kriminalkommissar, der letztes Jahr meinen Vater verhaftet hatte. Er hatte mir mit deutlichen Worten zu verstehen gegeben, dass ich keine Detektivin war. Ich biss mir auf die Lippe. Wenn ich ihn vom Gegenteil überzeugen wollte, musste ich an meinen Fähigkeiten arbeiten.
Diese Kette hatte also im Grab von Miss Lis Vater gelegen und jetzt war sie hier. Und die Erde, die das Grab bedeckte, war unversehrt. Handelte es sich vielleicht um eine Fälschung? Eine Kopie?
Ich starrte die Kette an. Sie sah schon ziemlich echt aus. Und sicher würde Miss Li ihre eigene Kette wiedererkennen. Sie war kunstvoll und ungewöhnlich – nichts, an das man in Großbritannien einfach herankäme. »Und es ist sicher die echte?«
Miss Li nickte. »Ich habe sie jahrelang um den Hals getragen. Sie hat eine unverwechselbare Schramme auf der Rückseite. Hier.« Sie deutete darauf.
»Wer wusste sonst davon, dass Sie sie ins Grab geworfen hatten? Nur Ihre Schwester?«, fragte ich.
Sie errötete ein wenig. »Und alle anderen, die bei der Beerdigung waren.«
Aha. So wie sie das sagte, klang es, als habe sie so etwas wie ein öffentliches Spektakel daraus gemacht.
»Ich möchte nur wissen, wie … wie diese Lady Athena davon erfahren hat«, sagte Miss Li.
»Also glauben Sie nicht, dass sie übernatürliche Kräfte hat?« Ich war erleichtert, dass sie meine Skepsis in dieser Angelegenheit zu teilen schien.
»Ich weiß …« Miss Li hielt inne und schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Vielleicht. Aber was ich weiß, ist, dass meine Schwester ihr ganzes Geld für diese Vorstellungen ausgibt. Und nun sucht das Theater nach Investoren. Dass die Kette zurückgekehrt ist, hat sie nur in ihrem Glauben bestärkt. Ich mache mir einfach solche Sorgen um sie.« Miss Lis Stirn legte sich in Falten, während sie auf den Tisch hinabstarrte.
»Keine Sorge«, erwiderte ich mit neuerlichem Eifer. »Ich werde tun, was ich kann, um Ihnen zu helfen, Miss Li. Wir kommen all dem schon auf den Grund.«
Ihr Gesicht hellte sich auf. »Sind Sie sicher? Ich kann Ihnen nicht viel zahlen. Mein Vater hat den Großteil seines Vermögens meiner Schwester vermacht. Er hat mich nie gebilligt. Hätte er einen Sohn gehabt, hätten wir keinen Penny bekommen.«
Ehrlich gesagt, hatte ich nicht den leisesten Schimmer, wie viel ich für meine Dienste berechnen sollte. Was war ein Fall wert?
»Bitte machen Sie sich für den Moment keine Gedanken um die Bezahlung, Madam. Ich werde, ähm, mit meinen Geschäftspartnern beraten und mich bei Ihnen melden, sobald wir mehr wissen.« Ich deutete auf die Kette. »Darf ich die fürs Erste behalten?«
»Natürlich«, antwortete sie nach erstaunlich wenig Bedenkzeit. »Nehmen Sie sie.«
Ich nickte und verstaute sie sicher in meinem Kleid.
Hastig schrieb Miss Li mir ihre Adresse auf den Notizblock, der auf dem Schreibtisch lag, riss den Zettel ab und reichte ihn mir. »Danke, Miss Veil«, sagte sie und wirkte erleichtert, als sie aufstand. »Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben.«
Sobald ich sie zur Tür hinausgeleitet hatte, blickte ich auf Bones hinab, der erwartungsvoll um mich herumtapste. »Na, was sagst du dazu, Junge? Haben wir einen neuen Fall?«
Er bellte zustimmend und ich rieb mir vorfreudig die Hände. »Nun gut«, sagte ich. »Ein Geschäftspartner wäre konsultiert, jetzt der zweite.« Ich rannte zur Hintertür des Ladens hinaus, leichtfüßig vor Vorfreude auf ein Abenteuer. »Oliver!«
Ich traf Oliver an, als er aus der Leichenkammer kam, wo ich Vater mit Ernesto im Hintergrund Bestattungsmodalitäten besprechen hörte.
Oliver wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn und stopfte es dann in seine Tasche. Was vermutlich eine gute Idee war, denn Bones war jetzt an ihm hochgesprungen und leckte ihm begeistert durchs Gesicht.
»Hast du kurz Zeit?«, fragte ich leise, während ich Bones beiseite schob. »Es ist wichtig!«
Oliver wischte sich die Hände an seinem Arbeitskittel ab. »Dein Pa meinte, ich könne jetzt Mittagspause machen. Ich hab mich schon auf eines von Maddys Roastbeef-Sandwiches gefreut …«
»Egal!« Ich packte ihn am Arm. »Das Essen kann warten. Wir haben einen Fall zu besprechen.«
Ich zerrte den widerstrebenden Oliver durch die Küche hinaus. Zum Glück bemerkte uns Maddy, unser Hausmädchen, das mit der Zubereitung der Sandwiches beschäftigt war, nicht. Wir konnten immer noch keine neue Köchin einstellen, daher oblagen diese Pflichten Mutter, Maddy und gelegentlich auch mir, wenn ich mich dazu breitschlagen ließ.
Kaum hatte ich die Hintertür geöffnet, rannte Bones vor mir hinaus, durch unseren Garten auf den Friedhof.
Der Seven-Gates-Friedhof erstreckte sich hinter unserem Haus. Er gehörte uns nicht, aber wir waren gewissermaßen verantwortlich dafür, und die meisten von Vaters Beerdigungen fanden dort in einer der beiden Trauerkapellen statt. Daher hatten wir einen eigenen Zugang zum Friedhof, während der Rest des Geländes von einer Mauer umgeben und nachts abgeschlossen war, um Grabräuber abzuhalten. In meinem Herzen jedoch gehörte der Friedhof uns.
An diesem Tag hielt der Frühling wirklich und wahrhaftig Einzug. Zwar liebte ich den Friedhof zu jeder Jahreszeit, doch im Frühling war er besonders stimmungsvoll. Obwohl er, im Vergleich zu einigen der historischen Kirchhöfe, erst vor relativ kurzer Zeit errichtet wurde, gehörte er doch zu den ältesten Friedhöfen der Stadt.
Eine wunderbare Folge dessen war, dass er üppig von Blumen bewachsen war. Der Frühling kündigte sich immer mit einem weißen Teppich aus Schneeglöckchen an, gefolgt von Narzissen, Tulpen und Primeln.
Bones tollte in dem gelben Meer aus Osterglocken herum, die sanft im leichten Wind wogten, während Vögel in den Bäumen ein vielstimmiges Konzert gaben. Ich zerrte Oliver zu meiner Lieblingsbank hinüber, die unter der Eiche.
»Was gibt’s denn, Violet?«, wollte er wissen. Auf einmal riss er die Augen weit auf. »Nicht noch einen Mordfall?«
»Nein, nein«, erwiderte ich rasch. »Aber nichtsdestotrotz etwas Mysteriöses. Wir haben endlich einen Fall!« Ich klatschte in die Hände. Mein Freund wirkte weniger begeistert. »Keine Sorge – ich bin sicher, es ist völlig ungefährlich.«
»Wie ich dich kenne«, gab er zurück, »bin ich sicher, dass es das absolut nicht ist. Also los, erzähl schon. Worum geht es?«
Ich ignorierte seinen Spott. »Eine Dame ist zu mir in den Laden gekommen, eine Miss Li. Es ist …« Ich stockte. Wie sollte ich nur erklären, was ich gerade erfahren hatte? » … ein wenig kompliziert. Um es kurz zu machen: Es gibt ein Medium im Grecian Theatre. Es sagt dort den Leuten die Zukunft vorher. Und Miss Li hatte eine Halskette von ihrem Vater, die sie seinetwegen immer tragen musste, aber nach seinem Tod abgelegt hatte.« Ich holte das Amulett heraus und ließ es vor Olivers Nase baumeln.
»Was hat die Wahrsagerin damit zu tun?«, fragte er und rümpfte die Nase. Ich sah ihm an, dass er in Gedanken nicht bei mir war. Er beobachtete Bones, der rundum gelb vor Blütenstaub war und nieste.
Ich pikste ihm in den Arm. »Das erfährst du, wenn du mir wirklich zuhörst! Diese Wahrsagerin – Lady Athena, wie sie wohl heißt – hat Miss Lis Schwester vorausgesagt, dass die Kette zu ihr zurückkommen würde. Und dann hat sie sie plötzlich gefunden.«
»Hmmm. Was ist so seltsam daran?«
Ich erhob mich, bereit für meinen dramatischen Trommelwirbel. »Dass sie sie in das Grab ihres Vaters geworfen hat.«
Schlagartig hatte ich seine Aufmerksamkeit. Er vergaß den übereifrigen Hund prompt und wandte sich wieder mir und der Kette zu.
»Sie – was?«
»Genau. Sie ist wieder aufgetaucht, obwohl das Grab unberührt war. Ein echtes Rätsel.« Ich rieb mir voller Vorfreude die Hände. »Und da ist noch was. Ihre Schwester ist dieser übersinnlichen Dame inzwischen vollkommen hörig und will in das Theater investieren. Miss Li macht sich ernsthaft Sorgen, dass an der Sache etwas faul ist. Sie möchte herausfinden, wie und warum die Wahrsagung in Erfüllung gehen konnte. Und hier kommen wir ins Spiel!«
»Kommst du ins Spiel, meinst du«, erwiderte er mit hochgezogener Augenbraue. »Veil-Ermittlungen steht auf deiner Karte. Das heißt, ich muss da nicht mitmischen.«
»Ach, komm schon!« Ich stampfte mit dem Fuß im Gras auf. »Wir sind ein Team.« Ich kam nicht umhin zu bemerken, dass er sich ein wenig aufrichtete, als ich das sagte, ganz so, als wäre er erfreut. »Ich brauche dich. Letztes Jahr hast du mich gebeten, für dich zu ermitteln. Jetzt brauche ich dich, um mir beim Ermitteln zu helfen. Ich will das hier nicht allein machen!«
Das zuzugeben verpasste meinem Stolz einen kleinen Dämpfer, doch es entsprach der Wahrheit. Ich war überzeugt, dass ich das Gehirn der Operation sein mochte, doch er war das Herz und die Seele. Durch ihn fühlte ich mich immer mutiger, als ich es in Wirklichkeit war.
Er starrte mich an. Eine kurze Pause, die sich wie eine Ewigkeit anfühlte. »Na gut, ich helfe dir. Aber nur, wenn ich es mit meiner Lehre vereinbaren kann.«
Genau in diesem Moment entschloss sich Bones, kläffend einem Eichhörnchen hinterherzujagen. Er war ebenfalls ein unverzichtbarer Bestandteil der Ermittlungen. Ich konnte die Toten spüren, Bones jedoch schien eine ganz besondere Art von Einfühlungsgabe zu besitzen. Im Fall der Seven-Gates-Morde waren wir oft seinem Riecher gefolgt. Doch gerade jetzt schien ihm diese besondere Gabe lediglich zu sagen, er solle Eichhörnchen jagen.
Ich schüttelte den Kopf und wandte mich wieder Oliver zu. »Danke«, sagte ich erleichtert. »Jetzt müssen wir uns nur noch überlegen, wie wir diese Sache angehen wollen. Ich denke, wir müssen eine dieser Vorstellungen besuchen und uns ansehen, was Lady Athena da treibt. Rausfinden, was sie im Schilde führt. Aber ich hab keinen Schimmer, wie! Ich weiß nicht, ob ich mir eine Eintrittskarte leisten kann, aber ich glaube ohnehin nicht, dass Mutter und Vater mich je dorthin gehen lassen würden.«
»Warte mal«, sagte Oliver plötzlich. »Hast du GrecianTheatre gesagt?«
»Ja, genau«, erwiderte ich.
Er sprang auf. »Ich kenne jemanden, der dort arbeitet«, rief er. »Mein Freund Archie. Hab ihn ewig nicht gesehen, nicht, seitdem er das Schuhe putzen aufgegeben und sich einen richtigen Job gesucht hat. Aber wir waren echt gute Kumpel.«
»Wirklich?« Oliver sprach nicht oft von seinem früheren Leben, seine Freunde eingeschlossen.
Er nickte. »Ich schätze, Archie könnte uns da reinbringen. Überlass das mir.«
Ich strahlte ihn an. »Oliver, du bist brillant.«
»Wenn wir dieses Rätsel lösen …«, begann er. »Kommt mein Name dann auch mit auf das Schild?«
»Muss ich mir noch überlegen«, sagte ich augenzwinkernd.
Ich hoffte, diese Lady Athena – wie auch immer ihr echter Name war – war für uns bereit. Denn wir waren auf jeden Fall bereit für sie.
4
Am nächsten Tag verschwand Oliver kurz vor seiner Mittagspause. Ungeduldig wartete ich am Klavier und übte widerwillig Tonleitern. Wenn man auf sarkastische Weise Klavier spielen könnte, hätte ich es getan.
Kurze Zeit später kam er breit grinsend zurück. »Archie hat versprochen, uns im Theater herumzuführen«, sagte er.
»Worauf warten wir dann noch?« Ich sprang vom Klavierhocker auf. »Lass uns gehen!«
Er warf mir einen irritierten Blick zu, woran ich mich langsam gewöhnte. »Einige von uns haben zu arbeiten, Violet.«
»Ich tue es nur nicht, weil sie mich nicht lassen«, grummelte ich verschnupft und klappte den Klavierdeckel ein wenig zu fest zu. Bones schreckte hoch. »Darum kümmere ich mich selbst um eine Aufgabe. Komm schon – frag Vater, ob er dir den Nachmittag freigibt.«
Oliver seufzte. »Na gut. Aber nur, weil ich weiß, dass wir gerade niemanden reinbekommen haben.« Er schnaubte. »Außerdem hast du Glück, dass dein Pa so ein guter Mensch ist. Viele Lehrherren würden mir eine Tracht Prügel verpassen, nur fürs Fragen.«
Es stimmte, dass Vater gut zu ihm war, aber ich wusste, dass da auch eine Menge Schuldgefühle eine Rolle spielten. Mein Vater hielt sich dafür verantwortlich, dass Oliver damals um ein Haar begraben worden wäre, obwohl er gar nicht wirklich tot, sondern nur bewusstlos gewesen war.
Oliver eilte in Richtung der Leichenkammer davon, um Vater zu fragen, und ich rannte zur Hintertür, um Bones’ Leine zu holen. Glücklicherweise waren Mutter und Maddy oben beschäftigt, sodass mich niemand mit Fragen, was ich vorhatte, aufhalten konnte.
Als Oliver zurückkam, wirkte er fröhlich, aber auch ein bisschen aufgeregt. »Dein Pa hat gesagt, in zwei Stunden kann ich gehen.« Er hielt inne und tätschelte Bones. »Warte mal. Du willst den Hund mitnehmen?«
»Natürlich«, gab ich zurück. »Bones ist ein unerlässlicher Bestandteil der Operation.«
Oliver legte die Stirn in Falten. »Aber ist das Theater nicht was für vornehme Leute? Glaube nicht, dass die dort Hunde reinlassen.«
»Mir fällt schon was ein«, sagte ich und steckte die Leine für später in meine Tasche. Ich war sicher, dass dem so war. Mein Geschick, Leute zu überreden, verbesserte sich zusehends.
Sobald Oliver mit der Arbeit fertig war und die Erlaubnis hatte zu gehen, liefen wir nach vorne in den Laden. Ernesto saß wie gewöhnlich am Schreibtisch. Er schaute auf und ich bemerkte seinen erleichterten Gesichtsausdruck, als er sah, dass Bones an der Leine war und ihn nicht schon wieder anspringen würde. »Tag, Miss Violet.«
»Hallo, Ernesto«, erwiderte ich. »Wir gehen nur schnell ein paar Besorgungen für Vater machen.«
»A-alles klar«, stotterte er, während er immer noch mit flatternden Lidern Bones anstarrte. »Dann auf Wiedersehen.«
Ich hatte nicht erwartet, dass es so einfach sein würde, aber vermutlich machte sich Ernesto mehr Sorgen wegen des Hundes als darum, was wir im Schilde führten.
»Also dann«, sagte ich, als wir draußen vor dem Laden standen. »Auf zum Theater!«
Bis zum Grecian Theatre war es ein ordentliches Stück zu Fuß. Wir mussten den Bezirk Seven Gates in Richtung Havisham verlassen, einem Viertel, in dem einige der größeren und vornehmeren Geschäfte lagen. Ich war schon oft am Theater vorbeigegangen, hatte es aber noch nie von innen gesehen. Es hatte immer so prächtig gewirkt, wie ein Palast.
Als ich nun so daran hochschaute, erkannte ich, dass es in Wahrheit recht schäbig aussah. Die hohen weißen Säulen und kunstvollen klassischen Verzierungen der Fassade waren von Rissen durchzogen. Der Buchstabe E am Ende des Schildes hing windschief herunter und die Fenster sahen so aus, als ob sie dringend mal wieder gründlich geputzt gehörten.
Die Fassade des Erdgeschosses war gepflastert mit Plakaten, auf denen das Bild einer extravagant gekleideten Dame gemalt war. Sie trug das Haar offen und ein langes, wallendes Kleid. Auf den Plakaten stand zu lesen:
Das Grecian Theatre präsentiert:
EIN ABEND VOLLER STAUNEN
Das großartige Medium
Lady Athena
wird Ihre Zukunft vorhersagen.
Erleben Sie dieses unglaubliche Spektakel
aus erster Hand!
Mystische Erscheinungen,
wie Sie sie nie zuvor gesehen haben.
DER Wegweiser zu Ihrem Schicksal!
»Darf man sich nicht entgehen lassen«
– The Times
Das las ich Oliver laut vor, der den Worten langsam mit dem Finger folgte. Bones starrte stumm zu den Plakaten hinauf. Wahrscheinlich fragte er sich, was all das Aufhebens sollte.
»Du meine Güte«, sagte Oliver und schob die Hände zurück in seine Taschen. »Klingt beeindruckend.«
»Schon«, erwiderte ich. »Andererseits – alle Plakate sind so. Auf allen wird behauptet, man habe das beste Produkt oder die spektakulärste Vorstellung der Welt. Wir werden uns selbst davon überzeugen müssen, was hinter dem ganzen Rummel steckt.«
»Archie hat gesagt, wir treffen uns mit ihm hinten am Bühneneingang«, meinte Oliver. »Also los.«
Wir eilten um das Gebäude. Auf der Rückseite ließ es die Maske eines kunstvollen antiken griechischen Tempels fallen und gab sich als das zu erkennen, was es wirklich war: ein Mischmasch von rußgeschwärztem Stein und eilig hochgezogenen Anbauten. Ich entdeckte eine kleine, unscheinbare rote Tür, von der aus uns ein ebenso kleiner, rothaariger Junge in Uniform zuwinkte.
»Tachchen, Archie«, sagte Oliver.
Der Junge grinste breit. »Willkommen! Alle Mann hereinspaziert!«
»Wir sind nur zu zweit«, erklärte ich. »Und ein Hund.«
Bones bellte und machte brav Sitz.
Archie blinzelte mich an. »Hmm«, machte er. »Von einem Hund hast du nichts gesagt, Olli.«
Oliver zuckte mit den Schultern. »’tschuldige. Sie hat drauf bestanden.«
»Na gut.« Der Junge fuhr sich mit der Hand durch sein zotteliges rotes Haar. »Mr Anastos liebt Hunde. Ihm wird’s wohl egal sein. Müssen uns aber beeilen, der Portier macht grade Pause.«
Bones ließ seine Zunge heraushängen und fing an, fröhlich zu hecheln. Ich nahm das als gutes Zeichen.
In diesem Moment fielen mir meine guten Manieren wieder ein. »Ähm, jedenfalls, ich bin Violet Veil. Von Veil-Ermittlungen.« Ich fasste in meine Tasche, fischte eine meiner selbst gemachten Visitenkarten heraus und drückte sie ihm in die Hand. »Du hast sicher schon von mir gehört.«
»Oliver hat gesagt, Sie sind eine Freundin von ihm, Miss«, erwiderte der leutselige Junge begeistert. »Sie müssen sehr wichtig sein. Kommt rein! Ich führe euch herum. Vielleicht zeige ich euch sogar die Züge – das sind die Seile, mit denen der Vorhang geöffnet wird«, sagte er wichtig. »Hier entlang!«
Er bedeutete uns hereinzukommen, also folgten wir ihm. Bones zog an seiner Leine – wahrscheinlich vor Aufregung darüber, einen ganz neuen Ort mit einer Vielfalt an neuen Gerüchen kennenzulernen.
Archie führte uns durch einige eher dunkle und feuchte Gänge. Am Ende des einen war eine verschlossene Tür. Nachdem Archie einen Schlüssel aus seiner Tasche geholt und sie geöffnet hatte, traten wir in einen etwas schickeren Korridor mit einem flauschigen Teppich. Schon bald erreichten wir eine Treppe, die zu einem Paar Doppeltüren mit Glaseinsätzen führte. Er hielt eine davon für uns auf. »Nach Ihnen!«
»Meine Güte«, sagte ich. Oliver pfiff leise.
»Willkommen, meine Freunde, im Grecian Theatre! Dem allerprächtigsten Theater der Welt!«, rief Archie und machte mit den Armen eine ausladende Bewegung. Was Archie an körperlicher Größe mangelte, machte er auf jeden Fall mit Überschwänglichkeit wett.
Wir betraten das leere Foyer des Theaters. Ich hatte noch nie etwas Derartiges gesehen.
Der gesamte Raum war mit einem roten Plüschteppich ausgelegt und glänzende weiße Säulen erstreckten sich bis hinauf zur Decke, auf die Szenen der griechischen Mythologie gemalt waren. Von der Decke hingen zwei große Kronleuchter, deren Kristall funkelte, obwohl die Kerzen gar nicht brannten. Eine gewaltige Theke, auf der ein riesiger Strauß aus roten und gelben Blumen stand, nahm die Mitte des Raumes ein. Dahinter stand ein gelangweilt aussehender Kellner und polierte Gläser. Er würdigte uns kaum eines Blickes.
Je näher ich jedoch hinschaute, umso mehr Makel konnte ich entdecken. Der Teppich war nach langen Jahren teilweise verblasst und verschlissen. Einer griechischen Statue fehlte die Nase. Und dann war da noch ein riesiger Fleck an der Decke, der von einem Wasserschaden herzurühren schien.
»Archie?«, rief jemand.
Das Gesicht des Jungen hellte sich sofort auf und lief gleichzeitig rot an.
Ein Mädchen in einem Rollstuhl wurde von einem älteren Jungen ins Foyer geschoben. Sie mochte in meinem Alter sein, er ein wenig älter – vielleicht ungefähr so alt wie Oliver. Beide waren sehr hübsch mit ihren großen dunklen Augen und schwarzen Locken.
»Tag, Sir – Ma’am«, begrüßte sie Archie mit mehreren Verbeugungen. Ich fragte mich, warum er sich so verhielt, wo die beiden doch kaum älter waren als er. »K-kann ich heute irgendetwas für Sie tun? Archie Pennyworth, zu Ihren Diensten!«
»Morgen, Archie«, sagte der Junge freundschaftlich.
Das Mädchen sah sich um, während sie uns näher kamen. »Hmm. Ich schätze, das Messing könnte etwas mehr glänzen?«
Ich hielt Bones’ Leine kurz, damit er nicht an ihnen hochsprang, was er eindeutig liebend gern getan hätte.
Archie stand auf einmal stramm wie ein Soldat. »Jawoll, Miss Anastos, Miss! Sofort, Miss! Sie können sich darin spiegeln, wenn ich damit fertig bin!«
Das Mädchen blieb ernst, als er wieder zu der Tür hinauslief, durch die wir hereingekommen waren. Doch sobald er draußen war, brach sie in Gelächter aus.
»Du solltest ihn nicht so aufziehen, Eleni«, meinte der ältere Junge. »Du weißt doch, wie sehr er jedem gefallen möchte. Besonders dir.« In diesem Augenblick bemerkte er uns. »Oh, hallo. Ihr seid ein bisschen früh dran …«, sagte er.
Seltsamerweise verschlug es mir die Sprache. »Ich … also … wir wollen nicht …«
»Wir sind hier, um zu ermitteln«, erwiderte Oliver rasch. »Ich bin Oliver. Das ist Violet. Und das ist ihr Hund Bones. Er ist, ähm, unerlässlich.«
»Freut mich, euch kennenzulernen«, antwortete der Junge. Er trat vor und schüttelte uns die Hände. »Ich bin Niko und das ist meine Schwester Eleni. Unseren Eltern gehört das Theater. Können wir euch helfen?« Dass Bones dabei war, schien ihn nicht weiter zu stören, er kraulte ihn sogar kurz hinterm Ohr. Bones wedelte so fröhlich mit dem Schwanz, dass sein ganzes Hinterteil wackelte.
Eleni winkte uns kurz zu. Dann beugte sie sich mit neugieriger Miene vor. »Und was genau ermittelt ihr? Ihr seid doch in unserem Alter, oder nicht?«
Mir wurde etwas zu spät klar, dass Oliver vielleicht lieber nicht die Wahrheit gesagt hätte. Andererseits, wenn wir weiterkommen wollten, konnte ein wenig Hilfe nur von Nutzen sein. Sie hatten im Theater offenbar ein bisschen was zu sagen und das käme uns ganz gelegen.
Zudem vertraute ich Niko und Eleni aus irgendeinem mir unerfindlichen Grund. Ich wollte mich mit ihnen anfreunden. Vielleicht lag es daran, dass ich so selten jemanden in meinem Alter traf, aber da war noch etwas anderes. Ich fühlte mich zu ihnen hingezogen und Bones schien ihnen zu vertrauen – was meiner Meinung nach sehr wichtig war. Und so sagte ich ihnen die Wahrheit.
»Ich bin die, die die Seven-Gates-Morde gelöst hat. Habt ihr vielleicht in den Zeitungen gesehen.«
Die Geschwister sahen sich mit großen Augen an. Das sagte ihnen eindeutig etwas.
Oliver zeigte auf sich und Bones.
»Und die beiden haben mir geholfen«, fügte ich rasch hinzu. »Na ja, und nach diesem Erfolg habe ich mein eigenes Detektivbüro eröffnet. Meine Klientin hat mich beauftragt, rätselhafte Vorkommnisse aufzuklären, in die Lady Athena verwickelt zu sein scheint. Wir hatten gehofft, wir könnten uns hier ein wenig umsehen«, erklärte ich. »Und vielleicht einer ihrer Vorstellungen beiwohnen?«, fügte ich hoffnungsvoll hinzu.
»Ein Kriminalfall etwa?« Elenis Gesicht erstrahlte, während sie das sagte. »Ich liebe richtig gute Krimis.«
Niko grinste so sehr, dass sich rund um seine dunkelbraunen Augen tiefe Falten bildeten. »Da werdet ihr nicht lange warten müssen«, meinte er. »Sie tritt heute Abend auf. Los, kommt, wir führen euch herum.«
5
Wir folgten den beiden hinüber zu etwas, das wie ein riesengroßer eiserner Käfig aussah. »Oh!«, rief ich laut. »Ein Aufzug! Ich bin noch nie in einem gefahren.« Ich hatte gelegentlich mal einen gesehen bei unseren seltenen Ausflügen in die größeren Geschäfte in Havishams Einkaufsviertel, aber Mutter hatte sie immer als »neumodisches Teufelswerk« bezeichnet und sich geweigert, auch nur einen Fuß hineinzusetzen. Zu ihrer großen Erleichterung hatte Harper’s Trauerbekleidungshaus, wo wir die meisten unserer Kleider kauften, keinen.
»Ich hab noch nicht mal einen gesehen«, sagte Oliver und fuhr mit den Fingern über das Metall, während Bones das Ding neugierig beschnüffelte. »Ist das was Neues?«
»Oh ja«, meinte Niko. Er sah stolz daran hoch, während er das Metallgitter beiseite schob, das den Eingang versperrte. »Wir konnten ihn kürzlich für Eleni einbauen lassen. Großartig, oder?«
»Und das nur für mich«, sagte Eleni mit einem übertriebenen Seufzen und tätschelte die Armlehnen ihres Rollstuhls. »Wisst ihr, ich war früher Geländeläuferin. Bis zu diesem schrecklichen Krokodilunfall.« Niko verdrehte die Augen und sie funkelte zurück. »Mir tut Niko leid, weil er mich überallhin schieben muss.«
»Na ja, ich fühle mich eben verantwortlich«, erwiderte er scherzhaft, schob den Rollstuhl in den Aufzug und drehte ihn so, dass Eleni uns wieder anschauen konnte. »Immerhin war es mein Krokodil.«
Ich spähte in den schwarz-weißen Kasten und war mir nicht sicher, ob vier Personen und ein Hund hineinpassen würden, doch Niko winkte uns herein. »Das geht schon, keine Sorge.«
Ich kam nicht umhin, den Spalt im Boden zu bemerken, durch den nur Schwärze zu erkennen war – der Schacht in die Tiefe.
