Violet und Bones - Sophie Cleverly - E-Book

Violet und Bones E-Book

Sophie Cleverly

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Beschreibung

Violet möchte nichts lieber, als ernst genommen zu werden und als Lehrling im Beerdigungsinsitut ihres Vaters zu arbeiten. Aber im England des 19. Jahrhunderts sah man Mädchen lieber am Stickrahmen. Unbeirrt zieht Violet auf eigene Faust los, immer begleitet von ihrem Windhund Bones. Denn es gibt einen Fall zu lösen: Der Junge Oliver, der eigentlich mausetot auf dem Leichentisch ihres Vaters lag, wandert plötzlich patschnass und erinnerungslos zwischen den Gräbern herum. Was ist da passiert? Wird Violet seiner Erinnerung auf die Sprünge helfen können und mit Oliver zusammen seinen eigenen Mordfall aufklären können?

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Seitenzahl: 298

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für Lyanna –

ich liebe dich mehr als sämtliche Sterne

am Himmelszelt

1

Ich wurde in einer Leichenhalle geboren. Verrückt, ich weiß, aber das ist die Wahrheit. Meine Mutter meinte, der Totentisch sei hart und kalt gewesen, aber ihr Zustand habe keinerlei Protest erlaubt.

Sie nannten mich Violet, englisch für Veilchen und passend zum blumigen Vornamen meiner Mutter: Iris. Sie hofften bestimmt, aus mir würde ein Mauerblümchen werden, bescheiden und scheu, aber bald stellte sich heraus, dass diese Hoffnung vergebens war.

Mein zweiter Vorname ist Victoria, nach unserer Königin. Man sagt, sie trauere um ihren Ehemann Albert und laufe ganz in Schwarz gehüllt durch das Schloss. Ich fand daran nichts auszusetzen. Seitdem ich denken kann, hatte Vater uns nur in düstere, dunkle Farben gesteckt. »Wir trauern nämlich immer um jemanden«, hatte er gesagt.

Sich immer zwischen Leben und Tod zu bewegen, ist eine komische Sache. Manchmal, draußen, umgeben von Grabsteinen, kann ich die Toten regelrecht spüren – nur als eine Ahnung, ein Gefühlsecho, ein Wortgeriesel. Sie sind ein Teil von mir, die Toten, und ich habe mich an sie gewöhnt. Ich habe mich auch daran gewöhnt, all das für mich zu behalten, weil ich von Erwachsenen doch nur schiefe Blicke und unbehagliches Schweigen ernte, sobald ich es erwähne.

Meist sind die Toten nicht sehr gesprächig. Doch schon bald sollte ich einem Toten begegnen, der viel mehr zu sagen hatte als all die anderen.

An dem Tag, als dieses Wunder geschah, war ich gerade dreizehn Jahre alt. Ich sammelte auf dem Friedhof Äpfel auf. In einen biss ich hinein – er war so knackig wie die Herbstluft. Mein schwarzer Windhund Bones schwänzelte mir um die Beine und beschnüffelte mit seiner langen Schnauze den Boden.

Bones war noch nicht lange bei uns. Ich hatte ihn gefunden, als er über den Friedhof streunte. Kaum hatte er mich erblickt, wich er mir nicht mehr von der Seite. Er trug kein Halsband und wirkte mager – ein Windhund eben.

Ich nannte ihn Bones. Als Tochter eines Leichenbestatters schien mir das passend. Ich fütterte ihn mit Küchenabfällen und flehte Mutter an, ihn behalten zu dürfen. Sie sagte Nein. Also fragte ich Vater. Er sagte Vielleicht. Mutter gab schließlich nach, und er durfte bei mir bleiben. Nur nachts musste ich ihn rausschicken.

Zwei Wochen lang schlief er hinter unserem Haus, auf dem Friedhof, zusammengerollt am Fuße eines Steinkreuzes. In der dritten Woche bekam Mutter Mitleid und ließ ihn im Garten schlafen. Ein paar Tage später war er im Haus und lag oft auf meinem Bett.

Seitdem war er mein ständiger Begleiter – falls er sich nicht gerade irgendwelchen Hundeabenteuern hingab, wie Eichhörnchen jagen oder Schuhe anknabbern.

An jenem Tag also, Bones lag im Gras, rannte ich mit meiner Schürze voller reifer Äpfel über den Friedhof zurück in unsere gute Stube – das heißt, in die Leichenkammer. Der Wind peitschte mir mein dunkles langes Haar in die Augen.

Vater fegte gerade, als ich hereinstürmte. »Also ehrlich, Violet, kannst du nicht durch die Hintertür ins Haus kommen? Was, wenn jetzt gerade ein Kunde hier wäre?«

»Ein Kunde?« Ich gluckste. »Vater, deine Kunden sind in der Regel ein wenig zu tot, um mich zu bemerken, oder?«

Er schnaubte und schüttelte den Besen vor der Tür aus. Bones wollte danach schnappen, doch Vater zog ihn weg. »Und was ist mit den Angehörigen? Die könnten den Verstorbenen gerade einen Besuch abstatten.«

»Wir kriegen keinen Besuch. Jedenfalls nicht heute. Ich kenne unsere Termine. Weißt du, ich nehme nämlich Rücksicht. Manchmal.«

»Wirklich? Das ist mir neu.« Er zerzauste mir liebevoll das Haar und wischte sich dann mit der Hand über die Stirn. »Was hast du denn mit all den Äpfeln vor?«, fragte er, aber er wandte sich ab, und ich wusste, er hörte nicht mehr zu. Früher hätte er mit mir gespielt, mit den Äpfeln jongliert und mir eine kleine Geschichte erzählt, darüber, dass Obst eine Metapher fürs Leben sei – aber in letzter Zeit war er irgendwie immer in seinen Gedanken versunken.

Ich schaute mich um. Mir taten die Arme weh, die Äpfel in meiner Schürze waren schwer, allzu lange würde ich sie nicht mehr tragen können. Doch ich wollte auf keinen Fall, dass sie über den Boden kullerten.

Ah! Da stand ein Sarg auf dem Podest, frisch lackiert und ausgepolstert – und leer. Perfekt. Ich hob die Schürze und kippte die Äpfel hinein. Es machte einen Höllenlärm. Tja, jetzt genoss ich wieder Vaters volle Aufmerksamkeit.

»VIOLET!«, rief er und wirbelte herum. »Gütiger Himmel, was treibst du da?«

Ich grinste ihn an. »Ich musste die Äpfel nur mal kurz irgendwo zwischenlagern. Reg dich nicht auf! Das ist schlecht für die Gesundheit. Ich sammle sie gleich wieder ein. So schnell kannst du gar nicht spucken.«

»Ich. Habe. Nicht. Vor. Zu. Spucken«, rief er.

Höchste Zeit für einen raschen Abgang. Also nahm ich einen Arm Äpfel und hastete mit Bones auf den Fersen durch die Tür in den Wohntrakt.

Mutter war in der Küche, saß am Feuer und stopfte ein paar von Thomas’ Strümpfen.

»Äpfel!«, rief ich fröhlich.

Sie blickte mich an und lächelte, ihre hellen Augen ließen den Raum erstrahlen. »Noch mehr Äpfel? Dann muss ich wohl drei oder vier Kuchen backen. Leg sie zu den anderen in den Korb. In der Speisekammer.«

Das tat ich.

»Weißt du, was meine liebe alte Mutter immer zu sagen pflegte? Dass in einem Obstgarten auf einem Friedhof nur Knochen wachsen. Wie falsch sie damit lag!« Mutter zog den ausgebesserten Strumpf vom Stopfpilz und legte ihn beiseite. »So, Äpfel haben wir allmählich genug.« Ihr Blick fiel auf den Hund. »Und du willst sowieso lieber einen Rinderknochen.«

Bones spitzte die Ohren und wedelte erwartungsvoll mit dem Schwanz. Vielleicht hoffte er, Mutter hätte tatsächlich einen Knochen für ihn.

»Daraus könntest du eine kräftige Knochenbrühe kochen«, schlug ich vor.

In diesem Moment kam mein Bruder Thomas herein. Seine schwarze Hose war an den Knien dreckig und mit Grasflecken übersät. »Igitt«, rief er und warf seinen Lederfußball auf den Boden, »wer will schon alte eklige Knochenbrühe?«

Mutter ging zu ihm und gab ihm einen Klaps – Thomas war erst sechs Jahre alt und noch lange nicht so groß wie ich. Seine Schule war überschwemmt worden, weshalb er nun ein paar Wochen schulfrei hatte. Ich fand es immer noch ungerecht, dass er eine Schule besuchen durfte, und ich nicht. Aber so war das nun mal. Schließlich war er ein Junge und ich nur ein Mädchen.

»Du wirst essen, was auf den Tisch kommt, und dankbar dafür sein. Ob nun Brühe oder fünf Apfelkuchen. Heutzutage muss man das Beste aus allem machen. Herrje, schau dir nur deine Hose an!« Mutter musste ständig unsere Kleider ausbessern und ändern, sei es, um sie zu flicken, oder den Saum rauszulassen.

Thomas zog einen Stuhl vom Tisch, die Beine schrammten über den Boden. Dann setzte er sich schwerfällig hin und fuhr sich durch sein dunkles Haar. Ein paar Grashalme segelten zu Boden. Bones trottete hinüber und beschnüffelte sie. Mutter verdrehte bei diesem Anblick die Augen.

Ich wollte gerade hinausgehen, um die restlichen Äpfel zu holen (Vater wäre bestimmt nicht sehr erfreut, wenn ich sie im Sarg ließe), als Thomas sich wieder zu Wort meldete.

»Mutter«, sagte er, »wer wird eigentlich in Parzelle 239 begraben?« Bones blickte ihn an, seine Augen kleine Galaxien.

Mutter legte den Stopfpilz weg und starrte eine Weile gedankenverloren die Wand an. »Das ist eine der neuen, oder? Ist das Grab schon ausgehoben?«

»Jawohl«, antwortete Thomas feierlich.

»Ein junger Mann, glaube ich. Er kam heute Morgen herein. Bis jetzt hat sich noch kein Angehöriger gemeldet, der arme Junge. Aber euer Vater wird schon für ein schönes Begräbnis sorgen. Das tut er ja immer. Auch wenn sich das nicht gerade positiv in den Kassenbüchern niederschlägt.«

Ich fing plötzlich an zu zittern und umklammerte die Stuhllehne. Denn ich erinnerte mich an diesen jungen Mann. Ziemlich groß und bleich, blonde Haare – ein bisschen zu lang für meinen Geschmack – und nicht viel älter als ich – sechzehn vielleicht? Ich hatte eine Weile bei ihm gesessen und leise mit ihm geredet, denn selbst Tote brauchen Gesellschaft. Allerdings bekam ich nicht allzu viel von den erst kürzlich Verstorbenen zurück. Vielleicht hatten sie sich einfach noch nicht so recht an ihre neue Umgebung gewöhnt.

»Wieso interessiert dich das, Thomas?«, fragte ich.

Er blickte mich an. »Ich habe mich nur gewundert. So viele Tote in letzter Zeit. Was, wenn es Mord war?« Er machte ein entsetztes Gesicht. »Kaltblütiger Mord?«

Mutter runzelte die Stirn, wie immer, wenn sie etwas missbilligte. »Mord? Unsinn. Was hast du nur für eine blühende Fantasie, mein Junge. Liest du etwa wieder so einen Schauerroman? Diese Heftchen sind nichtsfür Jungs in deinem Alter.«

Thomas streckte die Zunge heraus, und ich hielt mir den Mund zu, um nicht laut zu kichern.

Mutter tadelte ihn. »Deine Fantasie geht mit dir durch. Es gab ein paar schlimme Unfälle, das ist alles.« Mutter schüttelte den Kopf und widmete sich wieder ihrer Näharbeit.

Bones trottete um den Tisch und setzte sich neben mich. Ich blickte in seine seelenvollen Augen und überlegte nicht zum ersten Mal, was er wohl dachte. Er hatte genau wie ich ein feines Gespür für solche Dinge. Meine Haut begann zu kribbeln und ich überlegte, ob nicht vielleicht etwas an Thomas’ absonderlicher Theorie dran war. In den letzten Wochen hatte es eine merkwürdige Häufung von toten Männern im besten Alter gegeben – drei oder vier, wenn ich mich recht erinnerte. Und nun dieser bleiche Junge. Was ihm wohl zugestoßen war? Er war bestimmt kein Mordopfer – das hätte Vater bemerkt.

»Violet!«, rief Vater aus der Leichenhalle. Oje. Sicher war er jetzt wütend. Als Mutter nicht hinsah, schnitt ich Thomas eine Grimasse und rannte zu Vater.

»Violet!«, rief er noch einmal, als ich den Raum betrat, Bones im Schlepptau. »Hier fehlt etwas.«

»Wie bitte?«, fragte ich. Vater hatte die meisten Äpfel schon in eine Kiste gelegt. Vielleicht war das ja der Sarg für den blonden Jungen?

»Hier fehlt eine Akte.«

Er bedeutete mir, ihm in den Laden an der Vorderseite des Hauses zu folgen (kein Laden im eigentlichen Sinne, aber der Tod war unser Geschäft und hier wechselte das Geld den Besitzer). Eingerichtet war er mit dunklen Eichenmöbeln – Stühle, ein Schreibtisch, Bücherregale und reihenweise riesige Aktenschränke, in denen alle Informationen über die Toten auf dem Friedhof aufbewahrt wurden. Alles war so dunkel, dass ich mich fragte, wie man es hier überhaupt aushalten konnte, besonders, wenn man gerade einen geliebten Menschen verloren hatte. Vater meinte, das Interieur sei respektvoll.

Zum Glück schien heute die Herbstsonne durch das Schaufenster. Draußen ratterte eine Kutsche vorbei und hinterließ ein paar Dreckspritzer auf der Glasscheibe.

»Sie war hier«, sagte Vater. Ich blinzelte, meine Augen mussten sich erst an das Licht gewöhnen. Dann drehte ich mich zu ihm um. Er zeigte auf eine Schublade im Schrank.

Ich ging zu ihm hinüber und warf einen Blick in den Aktenschrank. Bones schnüffelte neugierig. »Mir fällt nichts auf.«

»Eben. Weil sie fehlt.« Mit den Fingerspitzen rüttelte er an zwei Akten. »Zwischen diesen beiden müsste eine weitere stecken, und zwar die des Jungen, der heute früh hereingekommen ist.«

Ich sah mir die Initialen an, die Vater mit seiner ordentlichen Handschrift auf die Deckel geschrieben hatte. Alle lauteten gleich: N. N., Nomen nescio, Name unbekannt. »Der blonde Junge?«

»Hast du sie vielleicht woanders hingelegt?« Er blickte mich streng an. Mir wurde mulmig, ich hatte zwar nichts mit der Sache zu tun, doch unter seinem Blick fühlte ich mich sofort schuldig, obwohl ich gar nichts gemacht hatte. Verdächtigte er mich, weil ich vorhin mit dem Jungen gesprochen hatte? Hatte er mich dabei beobachtet?

Ich bekam einen Schreck. »Nein, Vater. Ich habe diese Akte nicht einmal gesehen.«

Er runzelte die Stirn. »Nun, hast du vielleicht eine Ahnung, wer sie genommen haben könnte?«

Ich dachte nach. »Thomas? Er hat sich gerade nach dem Jungen erkundigt. Und er hatte eine Art Mordtheorie. Aber Mutter sagte, er würde zu viel Unsinn lesen.«

Einen Moment herrschte Schweigen. Vater blickte zur Wand, dann schob er sich die Brille hoch. »Ach ja, Thomas«, sagte er, »natürlich.« Er verließ den Laden und ging Richtung Küche.

Ich lief zum Fenster und wedelte ein paar Spinnweben fort. Dort im Schaufenster standen immer Vasen mit schön arrangierten Blumen, damit jeder gleich wusste, um was für eine Art Laden es sich handelte. Auf dem Schild über der Tür stand:

EDGAR D. VEIL & SÖHNE,

LEICHENBESTATTER

Der Edgar, auf den sich das bezog, war mein Großvater. Er war schon fünf Jahre tot, und mein Vater, Edgar junior, war sein einziger verbliebener Sohn. Ich hatte Vater gebeten, den Schriftzug in Edgar Veil & Sohn & Tochter zu ändern, aber er hatte nur gelacht und mein Haar zerzaust.

Aber mir war es ernst, wirklich. Warum sollte ich nicht als Teil des Familienunternehmens erwähnt werden, nur weil ich ein Mädchen war? Ich half im Geschäft viel mehr aus als Thomas.

Als ich durch das Schaufenster sah, stand draußen eine Frau, die die Porzellanblumen betrachtete.

Eine Trauernde, dachte ich. Eine Witwe im schwarzen Kleid. Vielleicht will sie ein Begräbnis in Auftrag geben.

Irgendetwas an ihr war seltsam. Ich konnte zwar ihre Augen hinter dem Wasserfall aus schwarzer Spitze nicht sehen, aber ich war mir sicher, dass sie mich gerade anstarrte. Die hellen Haare fielen ihr über die Schultern.

Bones knurrte leise, ein tiefes Grollen in der Kehle.

»Pscht, Bones«, sagte ich. »Erschreck unsere Kunden nicht.«

Ich wollte schon hinausgehen und sie begrüßen, doch sie drehte sich um, raffte die Röcke und huschte eilig über die Straße.

Ich runzelte die Stirn. Wieso hatte sie so verstohlen geschaut? Bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, hörte ich vom Haus her laute Stimmen.

»Aber ich habe deine dumme Akte nicht angerührt!«

»Thomas! Wage es nicht, so mit deinem Vater zu sprechen!«

Meine Familie konnte manchmal ein ziemlicher Albtraum sein. War es da verwunderlich, dass ich manchmal die Gesellschaft der Toten vorzog? Die stritten sich wenigstens nicht. Jedenfalls nicht so laut.

Seufzend ging ich zurück in die Küche.

Abends, nach dem Abendessen, entzündete Vater im Wohnzimmer die Gaslampe. Wir saßen gemeinsam am Kamin. Ich versuchte, mein Buch zu lesen, Mary Shelleys Frankenstein, konnte mich aber nicht recht konzentrieren, denn immerzu schweifte mein Blick ab. Draußen war es dunkle Nacht. Trotz des knisternden Feuers hörte ich das Prasseln der Regentropfen. Bones schlief auf dem Teppich und jagte im Traum Ratten.

Thomas redete seit dem Streit nicht mehr mit Vater. Er saß in einer Zimmerecke und malte mit grimmiger Miene Zinnsoldaten an. Ab und an hörte ich ihn etwas vor sich hin murmeln, so etwas wie Ich bin kein Dieb.

Ich musste wieder an die fehlende Akte denken und starrte in die Flammen. Vielleicht hatte Vater sie nur verlegt, oder hatte jemand sie gestohlen? War das möglich? Aber wer sollte sich schon für die Unterlagen eines namenlosen Jungen interessieren? Die Angehörigen hätten doch einfach nachfragen können. Oder Thomas hatte doch recht, und irgendwer hatte den blonden Jungen ermordet. Mir lief ein Schauer über den Rücken.

Natürlich hatten wir es hier früher schon mit Mordopfern zu tun. Es waren nicht viele, aber immerhin. Doch der blonde Junge, der jetzt in seinem apfelfreien Sarg lag, war irgendwie anders.

Rums.

»Was war das?«, fragte Thomas.

Ich hatte es auch gehört. Ich blickte zum Fenster. Nur Dunkelheit.

Bones spitzte die Ohren, sprang auf und starrte in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war.

»Bestimmt nur der Baum draußen«, sagte Vater und klopfte seine Pfeife im Aschenbecher aus. »Ich wollte den Friedhofsgärtner schon lange bitten, ihn zurückzuschneiden. Die Äste kommen dem Haus gefährlich nahe.«

»Es kam aber nicht von oben«, meinte Thomas. »Es kam von dort.« Er deutete auf das vordere Fenster.

»Wahrscheinlich der Regen, mein Junge«, sagte Mutter. »Komm, Thomas, es ist spät. Schlafenszeit.« Sie schob meinen kleinen Bruder trotz aller Proteste aus dem Zimmer.

Vater zuckte nur die Schultern und widmete sich wieder seiner Zeitung.

Ich aber konnte den Blick nicht vom Fenster abwenden. Denn mir war etwas aufgefallen, etwas, das den anderen entgangen war.

Ein Aufblitzen von weißen Augen in der Dunkelheit und ein Schatten, der in der Nacht verschwand.

2

Ich fand in dieser Nacht keinen Schlaf, obwohl ich es weiß der Himmel versucht hatte. Meine Daunendecke war irgendwie zu warm und zu schwer, und wie ich mich auch drehte und wendete, nie lag ich bequem. Das war aber nicht der wahre Grund, weshalb ich nicht schlafen konnte. Es lag an dem Gesicht, das ich am Fenster gesehen hatte.

Unten schlug Großvaters Standuhr, ich lag also schon eine Stunde hellwach im Bett und immerzu musste ich an das denken, was ich gesehen hatte. Da draußen war jemand gewesen und hatte uns beobachtet. Was, wenn es ein Grabräuber war, oder ein Vandale? Ich könnte mir nie verzeihen, wenn etwas passieren würde.

Warum ich meinem Vater nichts davon erzählt hatte, weiß ich nicht. Keine Ahnung, vielleicht hatte ich gedacht, er würde wieder einmal nicht zuhören, so geschäftig, wie er immer tat. Ich hatte also kein Wort gesagt, und wenn jetzt etwas Schlimmes geschehen würde, wäre es meine Schuld.

Plötzlich hörte ich unten ein Geräusch.

Bones, der auf meinem Bett schlief (was er natürlich nicht durfte), wachte auf und knurrte leise. Er sprang zu Boden, trottete zur Tür und begann, an den Dielen zu kratzen.

Ich musste einfach aufstehen und nachsehen.

Eine lächerliche Idee. Und ich versuchte, sie mir auszureden. Was könnte ich schon gegen einen üblen Schurken ausrichten? Nichts! Außer um Hilfe rufen, aber dann könnte es schon zu spät sein. Würde er türmen, könnte ich ihn verfolgen – nahm ich wenigstens an –, aber es war Nacht und der Herbsthimmel war schwarz wie Tinte.

Der Friedhof jagte mir keine Angst ein – wieso auch, ich war hier schließlich aufgewachsen. Tagsüber, wenn die Sonne schien und die Mohnblumen und Gänseblümchen sanft im Wind wogten, war er wunderschön. Aber jetzt war es tiefe Nacht. Der Mond spendete nicht genügend Licht und eine Kerze würde der Regen löschen. Vor den Toten hatte ich nichts zu befürchten, das wusste ich, aber bei den Lebenden, da sah die Sache schon anders aus.

Weitere Geräusche drangen an meine Ohren: ein Schlurfen und Klopfen.

Bones richtete den Schwanz wie ein Ausrufezeichen auf. Unsere Augen trafen sich, ich nickte ihm zu. Mein Mut wuchs, denn ich wusste ihn an meiner Seite. Er würde jeden, den er nicht mochte, in die Wade beißen.

Ich warf also die Decke zurück und schlüpfte aus dem Bett. Ich öffnete die Tür so geräuschlos wie möglich und lief auf Zehenspitzen zum Treppenabsatz. Mutter schnarchte leise, der anhaltende Regen prasselte auf das Dach.

Ich schlich die Treppe hinunter, Bones hinterher – sein Tapsen war bemerkenswert leise für einen so großen Hund. Er lief direkt in die Leichenkammer und bellte. Ich folgte ihm ziemlich beklommen. Etwas stimmte nicht, das spürte ich sofort, aber es dauerte einen Moment, bis mir aufging, was es war.

Ich schaute mich in dem Raum um, erspähte in der Dunkelheit aber nur die Umrisse der Regale, Särge und Urnen. Als ich weiter hineinging, sah ich den Sarg auf dem Podest, die scharfen Kanten des billigen Holzes. Mein Blick schweifte über den kalten Fliesenboden.

Und dann schaute ich noch einmal genauer hin.

Der Sarg war leer.

Vor wenigen Stunden hatte der blonde Junge noch darin gelegen. Es war derselbe Sarg, so viel war sicher, denn er roch noch immer nach Äpfeln.

Tausende Gedanken schossen mir durch den Kopf.

Ein Grabräuber. Oder der Mörder ist zurückgekommen, um den Leichnam zu stehlen. Oder … Ich musste schlucken, denn ich dachte an mein Buch, an Frankensteins Kreatur, wie sie zum Leben erwachte.

Bones trottete durch den Raum und beschnüffelte alles. Ich versuchte, meine Panik zu unterdrücken, und sagte mir, dass ich einfach wieder ins Bett gehen sollte. Plötzlich rannte Bones durch die Tür zum hinteren Teil des Hauses.

Ich wusste nicht, warum, aber ich folgte ihm. Es kostete mich all meine Kraft, einen Fuß vor den anderen zu setzen, aber ich schaffte es. Ich spürte einen kalten Luftzug auf der Haut. Das Trommeln des Regens wurde lauter.

Bones kratzte winselnd an der Hintertür. Sie stand einen Spalt offen. Jemand war hereingekommen.

Oder hinausgegangen.

Nach einem tiefen Atemzug öffnete ich die Tür noch ein wenig mehr und spähte hinaus. Ich sah nichts, nur den Regen. Eine Laterne, schoss es mir durch den Kopf. Ja, ich brauchte eine Laterne. Vater hatte doch eine an der Hintertür deponiert?

Ich schlich zurück in die kleine Garderobe bei der Veranda und nahm einen schwarzen Mantel vom Haken. Er war mir viel zu groß, aber ich zog ihn über mein Nachthemd an. Dann schlüpfte ich in meine weichen, abgetragenen Lederstiefel – mit nackten Füßen, was sich seltsam anfühlte.

Die Glaslaterne hing an einem Haken neben der Hintertür, fast zu hoch für mich, aber ich stellte mich auf die Zehenspitzen und holte sie mir. Ich fand eine Streichholzschachtel und zündete den weißen Kerzenstummel an. Abermals holte ich tief Luft. Zeit für eine sehr unvernünftige Entscheidung.

Ich ging hinaus in den Garten.

Der Regen peitschte. Sofort klebten mir Haarsträhnen an der Stirn. In Sekundenschnelle bekam ich Gänsehaut an den Beinen, so sehr pfiff der Wind. Die Laterne leuchtete gerade einmal ein paar Meter weit. Bones zitterte vor Kälte. Mit einem Mal verschwand er in der Dunkelheit.

Frische Abdrücke im Matsch. Sie führten vom Haus weg. Menschliche Fußabdrücke. Fußabdrücke, die ein wenig größer waren als meine.

Eindeutig eine unvernünftige Entscheidung.

Als ich unsere Gartenpforte erreichte, waren die Fußspuren im Gras des Friedhofs nicht mehr zu erkennen.

Ich schlich zwischen den Gräbern umher. Ich kenne mich aus. Ich kam bei John Beckington vorbei und stützte mich auf seinen Grabstein. Dann weiter: Annie Arkwright, Mr. und Mrs. Jones und Jeremiah Heap. Bei der Familiengruft der O’Neills hielt ich inne und lehnte mich gegen die kalte Mauer. Die riesige Gruft bot immerhin etwas Schutz.

Ich strengte mich an und hörte ihr Flüstern.

Mach weiter.

Du bist ganz dicht dran.

Sie spürten etwas, das mir noch verborgen war. Bis jetzt hatte ich außer den schwachen grauen Schatten der Geister nichts weiter gesehen. Sie waberten wie Nebelschwaden und wandelten sich immerzu. Ich hörte kein Rascheln im Gras oder in den Bäumen, keine Schritte oder schweren Atem. Aber es war so dunkel hier draußen und laut, dass ich mich langsam fragte, ob ich nicht den Verstand verloren hatte. Vielleicht hatte ich mir die Fußabdrücke nur eingebildet. Vielleicht stammten sie noch von Thomas, früher am Tag, und sie waren mir nur nicht aufgefallen.

Doch um das herauszufinden, müsste mir der Einbrecher jetzt direkt vor die Füße springen. Dieser Gedanke behagte mir ganz und gar nicht. Bones lief immer noch voraus, vielleicht hatte er eine Fährte aufgenommen.

Ich zitterte. Bestimmt würde ich mich bei diesem Wetter erkälten. »Wer ist da?«, flüsterte ich und blinzelte durch den Regen zu den stählernen Wolken und den wenigen Sternen, die am dunklen Himmel funkelten. Ob ich wohl noch weitere geisterhafte Antworten erhalten würde? Doch was ich auch von den Toten empfing, es waren keine Antworten auf meine brennenden Fragen.

Los, geh weiter, Violet. Geh einfach weiter. Bones lief und lief, blieb zwischendrin stehen und untersuchte die Gräber. Ich beschloss, umzukehren, sobald ich die hintere Hecke erreicht hätte (wie sehnte ich mich nach meinem Bett). Ich war jetzt nicht mehr allzu weit von der Stelle entfernt, an der der blonde Junge begraben werden sollte.

Bones blieb genau dort stehen, wo das frisch ausgehobene Grab wie ein Höllenschlund klaffte. Und nun hörte ich tatsächlich etwas. Ein Stöhnen, und es kam aus dem Grab.

Ich war vor Angst wie gelähmt. Bones drückte sich gegen mein Bein. Sein Knurren ließ seinen ganzen Körper erzittern.

Langsam schwenkte ich die Laterne und lugte hinab.

Das Grab war leer. Nichts als ein Matschloch, das sich rasch mit Regenwasser füllte.

Noch einmal drang das Geräusch an meine Ohren. Irgendjemand stöhnte. Ich biss mir so fest auf die Lippe, dass ich Blut schmeckte.

»Ha-hallo?«, raunte ich durch die Nacht. »Ist da jemand?« Ich blinzelte in den Regen, in den flackernden Schein des Kerzenlichts. Hinter einem der Grabsteine bewegte sich etwas. Ein Schatten, schleppend, unbeholfen.

Pass auf, flüsterte eine Geisterstimme im Wind.

Ich keuchte und Bones bellte. Der Schatten kam näher, schlurfend durch das Gras. Ich war wie erstarrt und hielt die Laterne wie einen Schild vor mich. Ich wollte gar nicht sehen, was da auf mich zukam, aber ich hatte keine Wahl.

Eine Gestalt schlich sich ins Licht und mir stockte der Atem.

Dort, direkt vor mir, stand der blonde Junge. Der Junge, der eigentlich tot sein sollte.

Ich schrie.

3

»Du LEBST!«, keuchte ich. Er lebt, säuselten die Geisterstimmen um mich herum. Also doch keiner von uns, das neue Gesprächsthema auf dem Friedhof.

Der blonde Junge trug Trauerkleidung, wohl das Beste, was man für einen Armen aus abgelegten Sachen zusammengeklaubt hatte, aber trotzdem – sein Gesicht war so bleich wie der Mond am Himmel, von dem ein Stück Sichel aus den dunklen Wolken ragte. Der Junge war vom Regen durchnässt, zerzaust und verdreckt, das Haar stand ihm wirr vom Kopf. Die Augen lagen tief in den Höhlen. Vom Licht geblendet blinzelte er.

Endlich kam ich wieder zu Atem. »Geht es dir gut?«

Der Junge stolperte auf mich zu, ich zuckte zurück. Bones bellte wieder, eine Warnung.

Er öffnete den Mund und betastete seinen Hinterkopf. »Wo … bin ich?«, fragte er, die Worte zäh wie Sirup.

Ich hielt Bones am Halsband fest und brachte ihn zum Schweigen. »Du bist auf dem Friedhof«, sagte ich. »Ähm, also, auf dem Seven Gates Cemetery, um genau zu sein.« Ich versuchte, ein wenig näher zu treten, aber meine Beine verweigerten ihren Dienst. Ich ignorierte sie und machte doch einen Schritt auf den Jungen zu.

»Bist du ein Geist? Bin ich … tot?«, fragte er mit vor Schreck geweiteten dunklen Augen.

Ich antwortete nicht. Ich war einfach nur verblüfft, dass er lebte, dass er ein Mensch war. Keine furchterregende Nachtgestalt.

»Ich bin jedenfalls kein Geist!«, sagte ich. »Geister sind eher …«, ich schaute an mir herunter, »… durchsichtig. Und du siehst auch nicht gerade tot aus«, gab ich zu. »Du erscheinst mir sogar ziemlich lebendig.«

Plötzlich stolperte der Junge und fiel neben dem ausgehobenen Grab in den Matsch. Bones riss sich los und leckte sein Gesicht ab.

»Violet! Violet! Wo bist du?«

Vater! Mir fiel ein Stein vom Herzen. »Vater! Komm schnell her, bitte!«

Er stürmte durch den Regen auf mich zu, die Hand schützend vor seinen Augengläsern. »Meine Güte, Violet …«, rief er, während der Regen auf die Grabsteine prasselte. Bones drückte seine nasse Schnauze gegen sein Bein. Mein Vater trug wie ich einen Mantel über seinem Nachtgewand.

Ich beobachtete, wie Vater die Szene, die sich ihm darbot, langsam in sich aufnahm – den strömenden Regen, seine Tochter, die aussah wie eine ertrunkene Ratte, und den blonden Jungen, der sich an einen Grabstein lehnte und dessen Brust schwer bebte. Er war am Leben!

»Um Himmels …«, murmelte Vater, als könnte er seinen Augen nicht trauen. Er schaute mich verzweifelt an. »Was geht hier vor?«

»Ich weiß es nicht!«, sagte ich atemlos. »Ich habe ein Geräusch gehört und bin nach unten gegangen. Und da war der Sarg leer! Die Tür stand offen, und da waren Fußabdrücke …«

Vater nahm mich in die Arme. Es war ein kurzer Moment der Wärme und Geborgenheit, bevor er mich wieder losließ. »Du hättest mich sofort holen sollen. Was, wenn es Grabräuber gewesen wären? Und …« Er geriet ins Stocken, als er den Jungen wieder ansah. Mir war es ein Rätsel, wie Vater überhaupt etwas sehen konnte – seine Augengläser waren beschlagen und voller Regentropfen. »Wie konnte das nur passieren?« Er war jetzt genauso blass wie der Junge.

Der Junge schüttelte den Kopf, als versuchte er, endlich zur Besinnung zu kommen. Er zitterte vor Kälte. Als er schließlich sprach, blickte er uns an. »W-was ist … mit mir geschehen?«

Der blonde Junge war tot. Er war doch tot gewesen. Oder etwa nicht? Man hatte ihn zu uns gebracht. Wir sollten ihn begraben – ich hatte alles mit eigenen Augen gesehen. Und nun? Was immer er gewesen war, im Moment war er quicklebendig und wieder im Reich der Lebenden.

Vater hielt dem Jungen seine zitternde Hand hin. Der Junge ergriff sie, aber es brauchte mehrere Versuche, ihn hochzuhieven – immerzu knickten ihm die geschwächten Beine weg. Als er endlich stand, schien er auch in der Lage, sich aufrecht zu halten. Ich wollte so gerne seine Hand nehmen, um ihn auf diese Weise zu trösten, doch Mutters Stimme in meinem Hinterkopf flüsterte, dass sich das nicht schickte.

Er stöhnte wieder und versuchte, das Licht der Laterne zu verscheuchen.

»Er ist im Delirium«, sagte Vater.

Ich schluckte und er röchelte. »Du bist hier in Sicherheit«, sagte ich sanft. »Bitte, beruhige dich. Wir gehen jetzt ins Haus. Kannst du laufen?«

»Ich glaube schon«, sagte er, doch seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, und ich wusste nicht genau, ob ich es wirklich gehört oder nur gesehen hatte, dass er die Lippen bewegte.

Vater legte dem Jungen behutsam die Hand auf die Schulter. »Ich hole jetzt Doktor Lane. Violet bringt dich ins Haus. Schaffst du das?«

Der Junge nickte noch einmal, schweigend, und ich erschauderte, ich konnte nicht anders. Ja, er lebte, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, dass da ein lebender Toter neben mir stand. Wie Frankensteins Monster.

Im Laternenschein konnte ich sehen, dass er über und über mit Matsch und feuchtem Gras bedeckt war. Bones leckte ihm die Hand ab.

Dann lief Vater los und Bones hinter ihm her, in einem plötzlichen Anflug von Windhundspurt. Sie sausten zwischen den Grabsteinen hindurch wie Forellen durch einen Bach – die beiden kannten sich hier genauso gut aus wie ich.

Der blonde Junge taumelte wieder. Ich duckte mich unter seinen Arm, um ihn zu stützen. Zum Teufel mit der Schicklichkeit, dachte ich. Er braucht mich. Und ich wollte ihn nicht weiterhin »den blonden Jungen« nennen. »Wie heißt du?«

»Oliver«, antwortete er und hustete heftig.

Als das Husten allmählich nachließ, sprach ich weiter. »Kannst du laufen? Komm, wir gehen ins Haus. Du holst dir sonst noch den To…«, ich hielt inne. »Entschuldige.«

Er bemerkte meinen Fauxpas nicht. Er taumelte vorwärts. Gemeinsam gingen wir über den regennassen Friedhof. Der Matsch und das aufgeweichte Gras zogen mir fast die Schuhe aus. Ich versuchte, ihn um die Grabsteine zu lotsen, aber dann stolperte er über das zerfallene Grabmal von Nathaniel Partridge und hätte uns beide fast zu Fall gebracht.

Unsere Nachtwanderung unter dem finsteren Himmel dauerte eine Ewigkeit. Die Geisterstimmen waren mittlerweile nur noch als verzerrtes Flüstern zu hören – sie tauschten sich wohl über die Ereignisse dieser Nacht aus und schlossen mich diesmal leider aus. Die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten ließ sich nur schwer überwinden. Es war wie ein Schrei unter Wasser.

Als die Wolken langsam wegschmolzen, funkelten die Sterne über uns. »Es ist nicht mehr weit«, sagte ich, »wir sind fast da.« Und das war die Wahrheit, denn schon standen wir vor der Hintertür.

Sie stand sperrangelweit auf – Vater war wohl einfach losgestürmt.

Der Junge – Oliver – blieb stehen und lehnte sich an die Hauswand, sein Atem ging immer noch schnell. Er hielt sich Bauch und Kopf. Ich ging schnell hinein, stellte mich auf die Zehenspitzen und hängte die Laterne an den Haken, damit ich beide Hände frei hatte.

»Bitte … Mister Oliver, tritt ein.«

Er blickte mich an. Ich war von seinen dunkelbraunen Augen – trotz aller Betrübtheit – überwältigt. Augen wie eine Tasse heiße Schokolade, ganz anders als meine, die sturmgrau waren.

»Ich …«, stammelte er, »… ich möchte nicht den ganzen Dreck ins Haus tragen, Miss.«

Dann fiel er in Ohnmacht.

4

Als Oliver endlich wieder die Augen aufschlug, schien er ziemlich überrascht. Ich, mein Vater, meine Mutter (aufgewacht vom vielen Lärm), Doktor Lane und Bones starrten ihn an. Er wollte etwas sagen, aber er bekam gleich einen Hustenanfall.

»Du solltest eine Weile nicht sprechen, mein Junge«, sagte der Doktor mit seiner tiefen, dröhnenden Stimme. »Du hast eine Rachenentzündung.«

Oliver nickte oder versuchte es wenigstens, aber es fiel ihm sichtlich schwer, weil er auf dem Boden lag.

Doktor Lane beugte sich umständlich über ihn und hielt eine Lampe über seine Augen. »Erinnerst du dich daran, was geschehen ist?«

Ein kurzes, angedeutetes Kopfschütteln.

»Weißt du, wer du bist?«

»Mein Name ist Oliver«, flüsterte der Junge. Das war alles, was er sagen konnte.

Sie trugen ihn in das nächstbeste Bett. Das war zufällig meins, weil Thomas tief und fest schlief. Überflüssig zu erwähnen, dass meine cremefarbene Bettdecke jetzt nicht mehr cremig aussah, sondern verdreckt von Matsch und Gras. Bones hatte beschlossen, sich am Fußende des Bettes zusammenzurollen, sein Beitrag zum allgemeinen Durcheinander.

Ich setzte mich auf den Stuhl neben dem Bett. Oliver starrte mich an. Seine Lippen waren trocken und rissig. Er murmelte etwas.

»Wasser!«, rief ich. »Ich glaube, er braucht Wasser!«

Ich sah Mutter an, die krampfhaft ein Fläschchen Riechsalz festhielt. »Oh, ja«, sagte sie und eilte aus dem Zimmer.